Sexualkunde, sexuelle Belästigung und sexistischer Alltag an Schulen
der Abgeordneten Dr. Edith Niehuis, Dr. Marliese Dobberthien, Hanna Wolf, Brigitte Adler, Dr. Ulrich Böhme (Unna), Anni Brandt-Elsweier, Peter Büchner (Speyer), Dr. Konrad Elmer, Arne Fuhrmann, Michael Habermann, Christel Hanewinckel, Lothar Ibrügger, Walter Kolbow, Dr. Klaus Kübler, Brigitte Lange, Margot von Renesse, Günter Rixe, Wilhelm Schmidt (Salzgitter), Regina Schmidt-Zadel, Lisa Seuster, Erika Simm, Dr. Peter Struck, Joachim Tappe, Ralf Walter (Cochem), Hildegard Wester, Hans-Ulrich Klose und der Fraktion der SPD
Vorbemerkung
Seit den Kultusministerkonferenz-Empfehlungen vom 3. Oktober 1968 zur Sexualerziehung an den Schulen ist die Diskussion um ihre generelle Durchführbarkeit und Form der Einbringung in den Schulunterricht nicht abgerissen. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Beschluß vom 21. Dezember 1977 deutlich gemacht, daß bei den Versuchen der Schule, zur Persönlichkeitsentwicklung beizutragen, die individuellen Grundrechte aus Artikel 2 und 6 des Grundgesetzes beachtet werden müssen. Das heißt in diesem Zusammenhang in erster Linie, daß in Fragen der Sexualerziehung das elterliche Erziehungsrecht dem schulischen vorgeht. Die Länder haben seit 1968 unterschiedlich auf die Kultusministerkonferenz-Empfehlungen und den Bundesverfassungsgerichtsbeschluß reagiert. Zum Teil wurden Gesetze erlassen, zum Teil beließ man es bei Richtlinien, die mehr oder weniger in den Schulen umgesetzt wurden. In allen alten Ländern wird Sexualerziehung als nicht selbständiges Unterrichtsfach fächerübergreifend In den Lehrplan integriert, wobei die Eltern vorher über die Inhalte zu informieren sind. Einige Länder haben die Freiwilligkeit der Teilnahme am Unterricht der Sexualerziehung ausdrücklich in ihre Richtlinien aufgenommen.
In der Praxis gibt es immer wieder Klagen hinsichtlich einer praktischen Vernachlässigung der Sexualerziehung in den Schulen. Auch werden die Richtlinien als z. T. veraltet bezeichnet. Da Sexualerziehung und Aufklärung für die Entwicklung eines natürlichen Sexualverhaltens und auch zur Vermeidung ungewollter Schwangerschaften einen wichtigen pädagogischen Stellenwert in der Schule haben sollten, fragen wir die Bundesregierung nach dem aktuellen Stand in den einzelnen Ländern. In letzter Zeit mehren sich in den Schulen Fälle von sexueller Belästigung, wovon insbesondere Mädchen betroffen sind. Damit wird die Schule selbst zum Tatort, wodurch neue auf die Schule zugeschnittene Fragen zur Sexualerziehung im Sinne von Aufklärung und Prävention entstehen.
Im Februar 1992 hat im Rahmen des Aktionsforschungsprogramms der Europäischen Gemeinschaft zur Aufnahme der Chancengleichheit in die Lehrer- und Lehrerinnenaus- und -fortbildung an der Technischen Universität Berlin in Kooperation mit dem Pädagogischen Zentrum Berlin eine pädagogische Fachtagung unter dem Titel „Tatort Schule: Sexistischer Alltag" stattgefunden. Die dort vorgetragenen Erfahrungen über das Ausmaß von offenem und verstecktem Sexismus in der Schule verdeutlichen den politischen Handlungsbedarf zur Lösung dieses Problems.
Vor diesem Hintergrund fragen wir die Bundesregierung:
A. Praxis der Sexualerziehung in den einzelnen Ländern
1. Welche Länder regeln die Sexualerziehung in Gesetzen, welche in Richtlinien?
2. Was beinhalten die Regelungen der einzelnen Länder zur Sexual- oder Geschlechtserziehung, welche Lernziele werden beschrieben, und welche Schulfächer werden jeweils einbezogen?
3. Auf welche Jahrgangsstufen beziehen sich die Regelungen zur Sexualerziehung in den einzelnen Ländern?
4. Auf welches didaktisch-methodische Material können Lehrerinnen und Lehrer in den einzelnen Ländern bei der Sexualerziehung zurückgreifen?
5. Welche Regelungen gibt es hinsichtlich der Unterrichtsevaluation in den einzelnen Ländern, und wie werden diese nach Kenntnis der Bundesregierung umgesetzt?
6. Welche Regelungen hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern gibt es in den einzelnen Ländern?
7. Auf welche Weise werden in den einzelnen Ländern Lehrerinnen und Lehrer — für Grund- und Hauptschule, — für Realschule, für Gymnasium, — für Berufsschule, in ihrem Studium auf die Sexualerziehung vorbereitet?
8. Gibt es zielgruppenorientierte Aufklärungskonzepte seitens der Landesregierungen bzw. der Bundesregierung? Wenn ja, welche, und wie werden sie genutzt?
9. Existiert zielgruppenorientiertes Informationsmaterial von seiten der Landesregierungen bzw. der Bundesregierung? Wenn ja, welches, und wie wird es genutzt?
10. Wie steht die Bundesregierung zu der Forderung, ein akademisches Lehr- und Forschungsinstitut für Sexualerziehung zu errichten?
B. Sexuelle Belästigung und sexistischer Alltag in den Schulen
1. Welche Untersuchungen und Berichte über sexuelle Belästigung an Schulen sind der Bundesregierung bekannt?
2. Welche Untersuchungen und Berichte über versteckten Sexismus, auch im Sinne eines heimlichen Lehrplans seitens der Lehrerinnen und Lehrer, sind der Bundesregierung bekannt?
3. Sind der Bundesregierung Maßnahmen in den Ländern bekannt, die darauf abzielen, den immer noch vorhandenen Sexismus in Schulbüchern (z. B. die Darstellung der Frau als Mutter oder nur in traditionellen Frauenberufen in Deutsch- und Rechenbüchern) abzuschaffen?
4. Erwägt die Bundesregierung in naher Zukunft, Forschungsaufträge über sexuelle Belästigung an Schulen zu vergeben?
5. Hält es die Bundesregierung für ausreichend, die Sexualerziehung weitgehend den Eltern zu überlassen, wenn die Schule selbst zum Tatort wird?
6. Gibt es zielgruppenorientiertes Informationsmaterial über sexuelle Belästigung an Schulen seitens der Landesregierungen und der Bundesregierung?
7. Welche Länder haben die sexuelle Belästigung in den Schulen als Themenschwerpunkt in die Richtlinien aufgenommen?
8. Wie umfassend werden in den einzelnen Ländern Eltern seitens der Schulen über Fälle sexueller Belästigung informiert?
9. Gibt es Konzeptionen für die Beteiligung von Eltern und Familien an der Eindämmung des Problems in den einzelnen Ländern? Wenn ja, welche? Wenn nein, welche Vorstellungen hat die Bundesregierung zur Verzahnung von Schule und Familie in den Bereichen Information und Mitarbeit in diesem Problembereich?
10. Werden in den einzelnen Ländern Studentinnen und Studenten des Lehramts aller Schulformen einschließlich der Berufsschulen auf das Phänomen der sexuellen Belästigung und des sexistischn Alltags an Schulen vorbereitet, und wenn ja, wie?
11. Gibt es in den einzelnen Ländern Fortbildungsprogramme für Lehrerinnen und Lehrer, die ihnen helfen, auf sexuelle Belästigung an Schulen angemessen zu reagieren und dem sexistischn Alltag entgegenzuwirken?
12. Welche Maßnahmen hält die Bundesregierung für erforderlich, um das bundesweite Problem des alltäglichen Sexismus und der damit verbundenen Gewalt gegen Mädchen in der Schule abzubauen, und welche Maßnahmen wird sie unter Beachtung der Länderkompetenzen für das Schulwesen zu diesem Zweck ergreifen?
Fragen22
Welche Länder regeln die Sexualerziehung in Gesetzen, welche in Richtlinien?
Was beinhalten die Regelungen der einzelnen Länder zur Sexual- oder Geschlechtserziehung, welche Lernziele werden beschrieben, und welche Schulfächer werden jeweils einbezogen?
Auf welche Jahrgangsstufen beziehen sich die Regelungen zur Sexualerziehung in den einzelnen Ländern?
Auf welches didaktisch-methodische Material können Lehrerinnen und Lehrer in den einzelnen Ländern bei der Sexualerziehung zurückgreifen?
Welche Regelungen gibt es hinsichtlich der Unterrichtsevaluation in den einzelnen Ländern, und wie werden diese nach Kenntnis der Bundesregierung umgesetzt?
Welche Regelungen hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern gibt es in den einzelnen Ländern?
Auf welche Weise werden in den einzelnen Ländern Lehrerinnen und Lehrer — für Grund- und Hauptschule, — für Realschule, für Gymnasium, — für Berufsschule, in ihrem Studium auf die Sexualerziehung vorbereitet?
Gibt es zielgruppenorientierte Aufklärungskonzepte seitens der Landesregierungen bzw. der Bundesregierung?
Wenn ja, welche, und wie werden sie genutzt?
Existiert zielgruppenorientiertes Informationsmaterial von seiten der Landesregierungen bzw. der Bundesregierung?
Wenn ja, welches, und wie wird es genutzt?
Wie steht die Bundesregierung zu der Forderung, ein akademisches Lehr- und Forschungsinstitut für Sexualerziehung zu errichten?
Welche Untersuchungen und Berichte über sexuelle Belästigung an Schulen sind der Bundesregierung bekannt?
Welche Untersuchungen und Berichte über versteckten Sexismus, auch im Sinne eines heimlichen Lehrplans seitens der Lehrerinnen und Lehrer, sind der Bundesregierung bekannt?
Sind der Bundesregierung Maßnahmen in den Ländern bekannt, die darauf abzielen, den immer noch vorhandenen Sexismus in Schulbüchern (z. B. die Darstellung der Frau als Mutter oder nur in traditionellen Frauenberufen in Deutsch- und Rechenbüchern) abzuschaffen?
Erwägt die Bundesregierung in naher Zukunft, Forschungsaufträge über sexuelle Belästigung an Schulen zu vergeben?
Hält es die Bundesregierung für ausreichend, die Sexualerziehung weitgehend den Eltern zu überlassen, wenn die Schule selbst zum Tatort wird?
Gibt es zielgruppenorientiertes Informationsmaterial über sexuelle Belästigung an Schulen seitens der Landesregierungen und der Bundesregierung?
Welche Länder haben die sexuelle Belästigung in den Schulen als Themenschwerpunkt in die Richtlinien aufgenommen?
Wie umfassend werden in den einzelnen Ländern Eltern seitens der Schulen über Fälle sexueller Belästigung informiert?
Gibt es Konzeptionen für die Beteiligung von Eltern und Familien an der Eindämmung des Problems in den einzelnen Ländern?
Wenn ja, welche?
Wenn nein, welche Vorstellungen hat die Bundesregierung zur Verzahnung von Schule und Familie in den Bereichen Information und Mitarbeit in diesem Problembereich?
Werden in den einzelnen Ländern Studentinnen und Studenten des Lehramts aller Schulformen einschließlich der Berufsschulen auf das Phänomen der sexuellen Belästigung und des sexistischn Alltags an Schulen vorbereitet, und wenn ja, wie?
Gibt es in den einzelnen Ländern Fortbildungsprogramme für Lehrerinnen und Lehrer, die ihnen helfen, auf sexuelle Belästigung an Schulen angemessen zu reagieren und dem sexistischn Alltag entgegenzuwirken?
Welche Maßnahmen hält die Bundesregierung für erforderlich, um das bundesweite Problem des alltäglichen Sexismus und der damit verbundenen Gewalt gegen Mädchen in der Schule abzubauen, und welche Maßnahmen wird sie unter Beachtung der Länderkompetenzen für das Schulwesen zu diesem Zweck ergreifen?