Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Drucksache 12/3766
17.11.92
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Andrea Lederer und der Gruppe
der PDS/Linke Liste
Entwicklung der Kriegsdienstverweigerer (KDV)-Zahlen
— Drucksache 12/3483 —
Entgegen den Erwartungen der Bundesregierung gingen die KDV
-
Zahlen nicht zurück, sondern scheinen auch in diesem Jahr weiter
anzusteigen.
1. Zur Entwicklung der KDV-Zahlen
1.1 Wie viele Anträge auf KDV wurden in diesem Jahr gestellt (bitte
aufgeschlüsselt nach Quartalen und bei Soldaten bitte nach
Wehrpflichtigen, Berufs- und Zeitsoldaten und Reservisten)?
Im laufenden Kalenderjahr sind bis zum 30. September 1992
insgesamt 98 652 Anträge auf Anerkennung als
Kriegsdienstverweigerer eingegangen, darunter 2 474 Anträge von Soldaten. Es
handelt sich um vorläufige Zahlen, die sich mit Abschluß der
Jahresstatistik noch geringfügig ändern können.
Die Antragszahlen schlüsseln sich nach Quartalen und
Personengruppen wie folgt auf:
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Parlamentarischen Staatssekretärs beim
Bundesminister der Verteidigung vom 13. November 1992 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
Personengruppe 1. Quartal 2. Quartal 3. Quartal
1. Ungediente: 36 411 29 489 25 152
2. Reservisten: 2 166 1 653 1 307
3. Soldaten: 858 720 896
davon:
Grundwehrdienstleistende: 775 682 844
Soldaten auf Zeit: 30 7 12
Berufssoldaten: 2 1 -
Wehrübende(Reservisten) : 51 30 40
Gesamt (1.-3.): 39 435 31 862 27 355
1.2 Wie viele einberufene Soldaten/Zivildienstleistende (ZDLer) traten
in diesem Jahr ihren Dienst nicht an (Soldaten möglichst je nach
Einberufungstermin 1. Januar; 1. Ap ril; 1. Juli und 1. Oktober und
bitte aufgeschlüsselt nach Ersteinrückern, Wehrpflichtigen, Berufs-
und Zeitsoldaten, Reservisten)?
Soldaten:
Bis zum 30. September 1992 haben 1 309 Wehrpflichtige, die zum
Grundwehrdienst einberufen waren, und 213 Reservisten, die
eine Wehrübung leisten sollten, den Dienst nicht angetreten.
Davon entfallen auf die Haupteinberufungstermine Januar, April
und Juli:
Monat Grundwehrdienst Wehrübungen
Januar 1992 705 18
April 1992 304 12
Juli 1992 298 16
In den ersten drei Quartalen dieses Jahres sind zusammen 5 585
Fälle von eigenmächtiger Abwesenheit (4 063) oder Nichtantritt
des Dienstes (1 522) gemeldet worden. Unter diesen gemeldeten
Fällen standen nur 96 im Zusammenhang mit einer
Kriegsdienstverweigerung. Wie viele dieser 96 Wehrpflichtigen den Dienst
nicht angetreten haben oder eigenmächtig abwesend waren, ist
nicht bekannt.
Für den Monat Oktober liegen die entsprechenden Zahlen noch
nicht vor.
Die Zahl der ungedienten Freiwilligenbewerber, die zum
Diensteintritt als Soldat auf Zeit aufgefordert worden sind und den
Dienst nicht angetreten haben (keine gesetzliche Verpflichtung),
ist statistisch nicht erfaßt. Auch für Berufssoldaten sind
entsprechende Daten nicht vorhanden, weil diese grundsätzlich ihre
Dienstzeit als Soldat auf Zeit beginnen.
Zivildienstleistende:
In der Zeit vom 1. Januar bis 30. September 1992 haben insgesamt
392 Kriegsdienstverweigerer ihren Dienst nicht angetreten
(Dienstfluchtfälle).
2. Zur disziplinarischen Ahndung
2.1 Gegen wie viele Soldaten/ZDLer läuft z. Z. eine Anzeige/
Ermittlungsverfahren/Prozeß wegen Dienstflucht/unerlaubten Entfernens
vom Dienst (Soldaten bitte aufgeschlüsselt nach Ersteinrückern,
Wehrpflichtigen, Berufs- und Zeitsoldaten, Reservisten)?
Soldaten:
Es ist nicht bekannt, gegen wie viele Soldaten zur Zeit Anzeigen/
Ermittlungsverfahren wegen eigenmächtiger Abwesenheit oder
Fahnenflucht erstattet oder eingeleitet worden sind. Anzeigen
und laufende Ermittlungsverfahren werden statistisch nicht nach
-
gewiesen.
Prozesse werden erst nach rechtskräftiger Verurteilung der Solda
ten oder nach Freispruch/Verfahrenseinstellung erfaßt.
Zivildienstleistende:
1992 sind bisher in 521 Fällen Strafanzeigen gegen
Zivildienstleistende, allerdings ohne Differenzierung, ob ein Dienstantritt
erfolgt ist oder nicht, erstattet worden.
Die Zahl der Strafanzeigen bei Dienstflucht ohne Dienstantritt
wird für 1992 auf rund 250 geschätzt.
2.2 Wie viele Verfahren wegen Totalverweigerung liefen bisher in der
Bundesrepublik Deutschland gegen Soldaten und ZDLer (Soldaten
bitte aufgeschlüsselt nach Ersteinrückern, Wehrpflichtigen, Berufs-
und Zeitsoldaten, Reservisten)?
In wie vielen Verfahren kam es zu Bestrafungen in welcher Höhe?
Zu wie vielen Freisprüchen kam es?
Falls die Bundesregierung diese Fragen nicht beantworten kann, ist
sie bereit, einen Bericht anzufertigen?
Soldaten:
Es ist nicht bekannt, wie viele Verfahren bisher gegen
Wehrpflichtige, die es ablehnen, sich dem Verfahren auf Anerkennung
als Kriegsdienstverweigerer zu unterziehen und die nach der
Einberufung zum Wehrdienst unter Hinweis auf Glaubens- und
Gewissensgründe jegliche Dienstausübung verweigern (sogenannte
„Totalverweigerer"), geführt worden sind. Sie werden wie alle
Soldaten behandelt, die Gehorsamsverweigerung begehen. In
den Statistiken werden sie deshalb auch nicht gesondert nachge
wiesen. Dies hält die Bundesregierung auch nicht für erforderlich.
Zivildienstleistende:
Strafverfahren wegen Totalverweigerung gibt es im Bereich des
Zivildienstes nicht, da sogenannte „Totalverweigerer" nicht den
Weg der Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer gehen.
Es gibt im Zivildienst allerdings die sogenannten
„Doppelverweigerer", also Kriegsdienstverweigerer, die nach ihrer
Anerkennung auch den Zivildienst verweigern.
Die Zahl dieser „Doppelverweigerer" hat sich wie folgt entwickelt
(ohne Zeugen Jehovas):.
Jahr Doppelverweigerer
1980 13
1981 25
1982 20
1983 18
1984 19
1985 20
1986 39
1987 26
1988 25
1989 23
1990 15
1991 30
1992 7 (bis September 1992)
Ergebnisse von Strafverfahren gegen „Dopppelverweigerer"
liegen in 216 Fällen vor:
Freiheitsstrafen Anzahl
1 bis 5 Monate mit Bewährung 35
ohne Bewährung 5
6 bis 7 Monate mit Bewährung 58
ohne Bewährung 6
8 bis 10 Monate mit Bewährung 21
ohne Bewährung 9
12 Monate mit Bewährung 2
ohne Bewährung 1
Geldstrafen
500 bis 2 000 DM 23
2 001 bis 5 000 DM 14
5 001 bis 9 000 DM 3
Arreste 6
Einstellungen 33.
2.3 Wie viele Soldaten saßen dieses Jahr aufgrund ihrer Weigerung,
Wehrdienst zu leisten, in Bundeswehr-Arrest?
Nach richterlicher Zustimmung haben im Zeitraum 1. Januar bis
30. September 1992 35 Soldaten, die sich weige rten, Dienst zu
leisten, Disziplinararrest verbüßt.]