Volltext (unformatiert)
[Drucksache 12/6776
04.02.94
Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Regina Kolbe, Holger Bartsch,
Dr. Eberhard Brecht, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD
— Drucksache 12/6252 —
Umfang und Struktur der Investitionen in Ostdeutschland
Ein sich selbst tragender Aufschwung in Ostdeutschland hängt
entscheidend vom Umfang und der Struktur entsprechender Investitionen
in den neuen Ländern ab. Vor allem der sektoralen Verteilung solcher
Investitionen kommt eine besondere Bedeutung zu, weil in der
ökonomischen Debatte übereinstimmend davon ausgegangen wird, daß nur
von der industriellen Basis eine ökonomische Entwicklungsfähigkeit
(Export-Basis-Theorie) ausgeht, auf die auch und gerade nachgeordnete
Bereiche wie Handwerk, Dienstleistung usw. angewiesen sind.
Demgegenüber hält der Entindustrialisierungsprozeß in den neuen
Ländern weiterhin an. Von den ehemals 2,3 Millionen
Industriebeschäftigten im IV. Quartal 1990 sind nach Berechnungen des Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Instituts des DGB im März 1993 noch 760 000
Personen im Bergbau und verarbeitenden Gewerbe tätig gewesen. Der
Anteil der Industriebeschäftigten pro 1 000 Einwohner (Industriebesatz)
erreicht inzwischen nicht einmal mehr die Hälfte des westdeutschen
Niveaus. Unter Beschäftigungsaspekten zeigt sich mehr und mehr, daß
Mittelstand, Handwerk und Dienstleistungen nicht in der Lage waren,
die Arbeitsplatzverluste in der Industrie zu kompensieren. Die
Aufnahmefähigkeit für arbeitsuchende Erwerbspersonen dieser Bereiche
stößt derzeit an Grenzen.
Nach Berechnungen des Ins tituts für Wirtschaftsforschung Halle und
des Ifo-Instituts München sind in 1992 etwa 98 Mrd. DM (zu Preisen von
1991) an Investitionen in den neuen Ländern getätigt worden. 1993
sollen zwischen 120 und 130 Mrd. DM investiert werden. Davon entfällt
jeweils mindestens ein Drittel auf Staat, Bahn und Post. Damit werden
nur etwa 60 bis 80 Mrd. DM p. a. in die p rivate Wirtschaft investiert. Die
Zuwachsraten schwächen sich nicht zuletzt aufgrund der
konjunkturellen Krise zunehmend ab, so daß von weiteren Steigerungen in
signifikantem Ausmaß nicht ausgegangen werden kann.
Eine Gegenentwicklung zur anhaltenden Entindustrialisierung zeichnet
sich also nicht ab, so daß der hohe Problemdruck auf dem Arbeitsmarkt
auf absehbare Zeit nicht abnehmen kann.
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Wirtschaft vom
1. Februar 1994 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
Drucksache 12/6776 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode.
Vorbemerkung
Eine Analyse der Investitionstätigkeit in den neuen Ländern nach
Umfang und Struktur steht vor erheblichen Schwierigkeiten
hinsichtlich der Verfügbarkeit und Qualität der dafür notwendigen
Daten. Die Ursachen hierfür liegen vor allem in grundsätzlich
nicht lösbaren statistisch-methodischen Schwierigkeiten
getrennter Sozialproduktsberechnungen für Teilgebiete eines
einheitlichen Wirtschafts- und Währungsgebietes. Die größte
Unsicherheit besteht in der Berechnung der Verwendungskomponenten
des Sozialprodukts und damit auch in der Erfassung der
Investitionstätigkeit. Die Ableitung vor allem der
Ausrüstungsinvestitionen basiert auf der Statistik des „Innerdeutschen Handels", die
auf groben Schätzungen beruht.
Über die Investitionstätigkeit nach Bereichen und Regionen
liegen aufgrund der vorhandenen Datenlücken keine Ergebnisse
der amtlichen Statistik vor. Es stehen nur Schätzungen des Ifo-
Instituts für Wirtschaftsforschung sowie des Instituts für
Wirtschaftsforschung in Halle zur Verfügung, die im Auftrag der
Bundesregierung vorgenommen wurden. Sie basieren auf
Befragungsdaten und sind mit den Globalzahlen der amtlichen Statistik
abgeglichen. Das Ifo-Institut selbst weist auf die unvermeidbaren,
großen Schätzungenauigkeiten hin, die die Aussagefähigkeit der
Daten begrenzen und häufige Revisionen zur Folge haben.
Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung weist in seinen Jahresgutachten immer
wieder auf die statistischen Schwierigkeiten hin. Im
Jahresgutachten 1992/93 (Nummer 232) heißt es:
„Die Probleme ... rühren auch von der fortschreitenden
wirtschaftlichen Verflechtung beider Teile Deutschlands her: viele
statistische Daten etwa über Warenlieferungen oder
Investitionen lassen sich nicht mehr eindeutig dem einen oder dem
anderen Teil zuordnen. So ist die paradoxe Situation
entstanden, daß die Summe der Einzelinformationen heute zwar viel
größer ist als in' der Vergangenheit, daß es aber schwerer fällt,
sich ein Bild von der wirtschaftlichen Entwicklung in den
jungen Ländern zu machen, das frei von Widersprüchen ist. "
Insgesamt deuten die verfügbaren Informationen darauf hin, daß
die für die wirtschaftliche Angleichung erforderliche Erneuerung
des Produktionsapparates durch die rege Investitionstätigkeit in
den neuen Ländern merklich vorankommt, der Zeitbedarf für die
Heranführung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der neuen
Länder an diejenige Westdeutschlands gleichwohl noch erheblich
ist. So lagen die Unternehmensinvestitionen (ohne Wohnungsbau)
je Einwohner 1993 mit 5 384 DM (je Erwerbstätigen 13 713 DM)
deutlich über dem — allerdings konjunkturell gedämpften —
westdeutschen Niveau in Höhe von 4 846 DM (je Erwerbstätigen
10 967 DM). Auch die öffentliche Investitionstätigkeit je
Einwohner lag 1993 in den neuen Ländern mit 1 344 DM (je
Erwerbstätigen 3 422 DM) deutlich über dem westdeutschen Vergleichswert
von 991 DM (je Erwerbstätigen 2 243 DM).
Durch Neugründung oder Modernisierung entstehen mehr und
mehr Unternehmen, die auch im überregionalen Wettbewerb
bestehen können und damit die Exportbasis der ostdeutschen
Wirtschaft verbreitern. Die vielfältigen Maßnahmen zur
Förderung privater und öffentlicher Investitionen haben hierzu
wesentlich beigetragen. Die Standortbedingungen in den neuen Ländern
sind durch den Abbau von Hemmnissen für Investitionen und
Neugründungen sowie den Ausbau der wirtschaftsnahen
Infrastruktur erheblich verbessert worden. Die Aussichten für einen
Aufschwung, der von öffentlichen Transferzahlungen unabhängig
ist, sind damit günstiger geworden.
Anpassungsprobleme gibt es vor allem noch in vielen Bereichen
des Verarbeitenden Gewerbes, die überwiegend einen
vergleichsweise großen Nachholbedarf an Investitionen haben, der
nicht von heute auf morgen gedeckt werden kann. Trotz der
Schwierigkeiten gibt es aber eine Reihe positiver Signale. Die
Auftragseingänge und die Produktion im Verarbeitenden
Gewerbe zeigen eine aufwärts gerichtete Tendenz, und der
Arbeitsmarkt zeigt Stabilisierungstendenzen. Der statistisch
ausgewiesene Rückgang der Beschäftigung im Bergbau und
Verarbeitenden Gewerbe von rd. 2,1 Mio. zum Jahresanfang 1991 auf
etwa 0,7 Mio. Personen zum Ende des Jahres 1993 überschätzt
den Beschäftigungsabbau, denn in diesen Zahlen sind kleine
Unternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten nicht enthalten.
Gerade in diesem Bereich sind in den letzten drei Jahren viele
neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Das Institut der Deutschen
Wirtschaft schätzt die Zahl der Beschäftigten bei industriellen
Kleinunternehmen auf insgesamt 0,5 Mio. Personen.
Die Nachhaltigkeit der Festigungstendenzen im Verarbeitenden
Gewerbe hängt entscheidend davon ab, daß sich das in vielen
Unternehmen noch erhebliche Mißverhältnis zwischen
Lohnkosten und Produktivität abbaut und ostdeutsche Unternehmen
stärker auf den deutschen und ausländischen Märkten Fuß fassen.
Dies ist auch die zentrale Voraussetzung dafür, daß sich die Zahl
der Industriebeschäftigten wieder erhöht und der westdeutschen
Beschäftigtenstruktur annähert. Um die Chancen dafür zu
verbessern, wird die Bundesregierung an ihrer Politik für den
wirtschaftlichen Wiederaufbau in den neuen Ländern, in deren Mittelpunkt
die Schaffung günstiger Bedingungen für öffentliche und p rivate
Investitionen steht, festhalten und noch in diesem Jahr ihr
Konzept zur mittelfristigen Fortführung der Investitionsförderung
einschließlich steuerlicher Sonderregelungen für die neuen Länder
vorlegen.
1. Wie beurteilt die Bundesregierung die Investitionsentwicklung,
insbesondere des Verarbeitenden Gewerbes, in den neuen Ländern
vor dem Hintergrund, daß insgesamt ca. 1 000 Mrd. DM (McKinsey
-
Gutachten 1991) investiert werden müssen (jährlich etwa 150 Mrd.
DM, jeweils in konstanten Preisen), um mittelfristig eine
Angleichung der Lebensverhältnisse zu erreichen, wobei die erstmals
höheren Pro-Kopf-Investitionen allein noch keine
Gegenentwicklung repräsentieren können?
Eine dynamische Investitionsentwicklung — insbesondere im
Verarbeitenden Gewerbe — ist für die wirtschaftliche
Umstrukturierung in den neuen Ländern von besonderer Bedeutung. Sie ist die
zentrale Voraussetzung dafür, daß der Aufbau eines
wettbewerbsfähigen Kapitalstocks rasche Fortschritte macht und damit
eine Angleichung der Lebensverhältnisse in alten und neuen
Ländern in überschaubarer Zeit erfolgen kann. Ohne jeden
Zweifel besteht in den neuen Ländern ein enormer Bedarf an privaten
und öffentlichen Investitionen zum Aufbau eines ausreichenden
Sachkapitalstocks. Die Größe des Kapitalbedarfs kann jedoch
nicht verläßlich quantifiziert werden. So liegen z. B. keine
zuverlässigen statistischen Informationen über die Höhe des bereits
bestehenden Kapitalstocks vor. Angesichts der auch in den alten
Ländern erheblichen Unterschiede in der Wirtschaftsstruktur und
im Pro-Kopf-Einkommen stellt sich zudem die Frage, welches die
genaue Bezugsgröße für die Angleichung der Wirtschaftskraft
und den Sachkapitalbestand bilden soll. Auch das im McKinsey-
Gutachten vom Frühjahr 1991 quantifizierte Investitionsvolumen
in Höhe von 1 500 bis 2 000 Mrd. DM, dessen Modellhypothesen
und Berechnungsgrundlagen nicht offengelegt wurden, enthält
erhebliche spekulative Elemente.
Die Politik der Bundesregierung für den wirtschaftlichen
Wiederaufbau Ostdeutschlands hat sehr rasch dazu geführt, daß sich in
den neuen Ländern eine kräftige Dynamik der öffentlichen und
der privaten Investitionen entfalten konnte. In Preisen von 1991
gerechnet wurden in den neuen Ländern 1991 87,2 Mrd. DM,
1992 108,1 Mrd. DM und 1993 124,3 Mrd. DM investiert; für 1994
ist auf dieser Preisbasis mit Investitionen von rd. 140 Mrd. DM zu
rechnen. Dementsprechend sind in realer Rechnung die
Anlageinvestitionen 1992 um rd. 24 vom Hundert und — trotz des scharfen
Konjunktureinbruchs — 1993 um rd. 15 vom Hundert gewachsen;
1994 zeichnet sich ein weiterer dynamischer Anstieg um 12 bis
14 vom Hundert ab. Die Tatsache, daß je Einwohner gerechnet die
Investitionen in den neuen Ländern 1993 erstmals das
entsprechende Niveau der alten Länder übertroffen haben (bei den
Investitionen der Unternehmen ohne Wohnungsbau um rd. 10 vom
Hundert; vgl. auch die Vorbemerkung), ist ein deutlicher Hinweis
auf die erreichten Fortschritte im wirtschaftlichen
Anpassungsprozeß. Nach Ansicht der Bundesregierung muß die hohe
Investitionsdynamik in den nächsten Jahren weiter anhalten, um die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der neuen Länder an diejenige
Westdeutschlands heranzuführen und so die Lücke zwischen
Absorption und Produktion allmählich zu schließen.
2. Wie verteilen sich die privaten Investitionen der Jahre 1990, 1991,
1992 und im ersten Halbjahr 1993 auf einzelne Sektoren, und
welche Schlußfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dieser
Verteilung für die künftigen endogenen Entwicklungspotentiale in
den neuen Ländern?
Das Statistische Bundesamt veröffentlicht erstmals 1994 sektorale
Daten über Investitionen, allerdings nur untergliedert nach
Unternehmen, Wohnungsbau und Staat. Über eine weitergehende
sektorale Gliederung der p rivaten Investitionen in den neuen
Ländern gibt es keine Ergebnisse der amtlichen Statistik. Es liegen
aber Schätzungen des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung vor
(siehe Tabelle). Die Unternehmensinvestitionen insgesamt
einschließlich der Deutschen Bundesbahn und der Deutschen
Bundespost sowie Wohnungsbau machten danach in den Jahren 1991
bis 1993 gut 83 vom Hundert der gesamten Investitionen aus. Das
Investitionsvolumen im Produzierenden Gewerbe belief sich in
diesem Zeitraum auf rd. 37 vom Hundert des Gesamtvolumens, im
Verarbeitenden Gewerbe auf fast 22 vom Hundert, während die
Dienstleistungsunternehmen (einschließlich Wohnungsbau) rd.
35 vom Hundert der Unternehmensinvestitionen auf sich
vereinigen konnten.
Über 40 Jahre sozialistischer Mißwirtschaft haben dazu geführt,
daß in Ostdeutschland die Infrastruktur — insbesondere die
öffentlichen Versorgungs- und Entsorgungseinrichtungen,
Verkehrswege und Kommunikationssysteme — schwer vernachlässigt, die
Industriebetriebe technisch veraltet und in ihrer Substanz
ausgehöhlt sowie die Entwicklung eines leistungsfähigen
Dienstleistungssektors verhindert worden sind, so daß insgesamt ein
enormer investiver Nachholbedarf besteht. Vergleicht man die
sektorale Struktur der Investitionen in den neuen Ländern mit den
entsprechenden Werten für Westdeutschland, so zeigt sich, daß
besondere Schwerpunkte der Investitionstätigkeit in
Ostdeutschland in den Bereichen Baugewerbe, Energie- und
Wasserversorgung, Bergbau, Verkehr und Nachrichtenübermittlung sowie bei
den öffentlichen Investitionen liegen. Deutlich niedrigere
Investitionsanteile sind in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft,
Handel- und Dienstleistungsunternehmen zu verzeichnen. Der
Investitionsanteil der Industrieunternehmen unterschreitet den
entsprechenden Anteil in Westdeutschland nur unwesentlich,
wobei zu berücksichtigen ist, daß der industrielle Sektor in den
neuen Ländern gemessen an der Produktions- oder
Beschäftigungsstruktur derzeit ein sehr viel geringeres Gewicht hat als in
Westdeutschland.
Die sektorale Struktur der Investitionstätigkeit in Ostdeutschland
eignet sich nur bedingt als Grundlage für eine Einschätzung der
künftigen endogenen Entwicklungspotentiale der neuen Länder,
da die gesamtwirtschaftlich „richtige" Zusammensetzung der
Branchen und Wirtschaftsbereiche einer Volkswirtschaft nicht
vorgegebenen oder im Ausland zu beobachtenden
Entwicklungsmustern folgt, sondern sich im Wettbewerb auf offenen Märkten
im möglichst ungehinderten Strukturwandel herausschälen muß.
Der relativ hohe Anteil an öffentlichen Investitionen und an
Investitionen im Bau-, Versorgungs- sowie im Verkehrs- und
Kommunikationsbereich weist indessen auf einen Vorlauf der
Investitionen in den Aufbau einer modernen, leistungsfähigen Infrastruktur
hin. Die Bundesregierung mißt dem als komplementäre
Vorleistung für private Investitionen eine ganz zentrale Bedeutung für
die künftigen endogenen Entwicklungspotentiale der
ostdeutschen Wirtschaft zu. Auch der gemessen an seiner derzeitigen
ökonomischen Bedeutung relativ hohe Anteil der Investitionen
des Verarbeitenden Gewerbes deutet auf Fortschritte bei der
Verbreiterung der industriellen Basis der neuen Länder hin.
Investitionen in den neuen Ländern nach Wirtschaftsbereichen in jeweiligen Preisen
- Mrd. DM - - Anteile in v. H. -
1991 1992 1993 1991 1992 1993
Land- und Forstwirtschaft 1,5 1,4 1,5 1,7 1,2 1,1
Produzierendes Gewerbe
darunter:
29,7 37,2 42,3 33,6 31,3 29,8
Energie/Wasser, Bergbau 8,9 10,4 12,0 10,1 8,7 8,5
Verarbeitendes Gewerbe 17,2 22,3 24,3 19,4 18,7 17,1
Baugewerbe 3,6 4,5 6,0 4,1 3,8 4,2
Handel 4,4 5,2 5,2 5,0 4,4 3,7
Verkehr, Nachrichtenübermittlung 16,2 21,9 23,8 18,3 18,4 16,8
Dienstleistungsunternehmen
darunter:
22,4 32,8 46,2 25,3 27,6 32,5
Wohnungsbau 15,0 23,0 33,0 17,0 19,3 23,2
Unternehmen insgesamt 74,2 98,5 119,0 83,8 82,8 83,8
Staat, Organisationen o. Erwerbszweck 14,3 20,5 23,0 16,2 17,2 16,2
Alle Wirtschaftsbereiche 88,5 119,0 142,0 100,0 100,0 100,0
Quelle: Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung (Stand: Januar 1994).
3. Wie verteilen sich die o. g. Zahlen pro Kopf auf die einzelnen neuen
Bundesländer?
Über die Verteilung der p rivaten Investitionen in den neuen
Ländern je Einwohner und nach Regionen liegen keine
Informationen vor. Es gibt lediglich Schätzungen des Ifo-Instituts über die
regionale Verteilung der gesamten Bauinvestitionen in realer
Rechnung. Legt man die Einwohnerzahlen nach dem Stand vom
30. Juni 1992 zugrunde, dann ergibt sich für die Bauinvestitionen
je Einwohner in den einzelnen Ländern das folgende Bild:
Bauinvestitionen je Kopf der Bevölkerung in den einzelnen neuen Ländern
- in Preisen von 1991 -
- DM -
in v. H. der gesamten
- Bauinvestitionen/Kopf -
1991 1992 1993 1991 1992 1993
Berlin-Ost 2 897 4 357 5 064 107,0 119,9 120,0
Brandenburg 2 498 3 696 4 353 108,9 101,7 103,1
Mecklenburg-Vorpommern 2 788 3 961 4 460 102,9 109,0 105,6
Sachsen 2 511 3 135 3 662 92,7 86,2 86,8
Sachsen-Anhalt 2 925 4 214 4 875 108,0 115,9 115,5
Thüringen 2 438 3 250 3 794 90,0 89,4 89,9
Insgesamt 2 708 3 636 4 222 100,0 100,0 100,0
Quelle: Info-Institut (Investorenrechnung: Stand Januar 1994).
Statistisches Bundesamt (Bevölkerung: Stand 30. Juni 1992).
Eigene Berechnungen.
Die Berechnungsergebnisse zeigen, daß in Thüringen und in
Sachsen die Bauinvestitionen je Einwohner in den Jahren 1991 bis
1993 unter dem Durchschnitt aller neuen Länder, alle übrigen
dagegen z. T. deutlich darüber gelegen haben. Allerdings weist
das Ifo-Institut selbst auf die Problematik einer regionalen
Differenzierung hin. Sie liegt zum einen in den unzureichenden und
unvollständigen Datengrundlagen und zum anderen in der
Schwierigkeit der Erfassung der umfangreichen Transfers von
Bauleistungen zwischen den alten und neuen Ländern sowie
innerhalb der neuen Länder.
4. Als Indikator für eine positive Wirtschaftsentwicklung in
Ostdeutschland wird oft der Saldo der Gewerbeanmeldungen
herangezogen.
Welcher Anteil der Gewerbeanmeldungen entfiel 1991, 1992 und
im ersten Halbjahr 1993 auf Industriebetriebe (aufgeschlüsselt nach
Grundstoff-, Industrie- und Verbrauchsgüterproduktion), welche
Betriebsgrößen entstanden durch diese Neugründungen im
verarbeitenden Gewerbe, und welche Schlußfolgerungen können daraus
für die Exportfähigkeit über regionale Märkte hinaus gezogen
werden?
Der Anteil der Industrie an den Gewerbeanmeldungen betrug
1991 nach einer Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung
(IfM) 2,0 vom Hundert, 1992 4,6 vom Hundert und in den ersten
drei Quartalen des letzten Jahres 4,3 vom Hundert. Die
Gewerbeanmeldungen, mit denen z. B. auch Rechtsformänderungen,
Umgründungen oder Gesellschafterwechsel erfaßt werden,
überzeichnen allerdings die tatsächlichen Markteintritte. Das IfM geht
für den Zeitraum 1. Januar 1991 bis 30. Juni 1993 bei rd. 605 700
Gewerbeanmeldungen von rd. 278 000 echten Markteintritten
aus. Das IfM schätzt die Zahl der echten Markteintritte im
industriellen Bereich für die betrachtete Periode wie folgt: 1991 2180,
1992 3 700 und im ersten Halbjahr 1993 1650. Geht man bei einer
Gesamtzahl von 7 530 Markteintritten von rd. 500 Stillegungen
aus, so sind im Zeitraum 1. Januar 1991 bis 30. Juni 1993 rd. 7 000
neugegründete selbständige Industriebetriebe in den Markt
eingetreten. Den Gesamtbestand an Unternehmen im industriellen
Mittelstand der neuen Länder schätzt das IfM zum 30. Juni 1993
auf ca. 8 500.
Die Gewerbemeldestatistik enthält keine tiefergehende
Untergliederung für den industriellen Sektor nach Grundstoff-,
Investitions- und Verbrauchsgüterproduktion. Das
Gründungsgeschehen umfaßt kleine und mittlere Unternehmen aller
Betriebsgrößen, d. h. es werden sowohl Unternehmen mit unter zehn als auch
Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten gegründet. Die
durchschnittliche Beschäftigtenzahl bei Existenzgründungen liegt
im Verarbeitenden Gewerbe bei rd. 44 Beschäftigten. Im
Vergleich zu Westdeutschland ist deshalb von eher kleinen
Industriegründungen auszugehen.
Auch wenn keine unmittelbaren statistischen Informationen zur
Exportfähigkeit der in den neuen Ländern neugegründeten
Unternehmen vorliegen, so läßt sich doch feststellen, daß die vom
SED-Regime weitgehend planmäßig bet riebene Vernichtung
mittelständischer Unternehmensstrukturen in der Indust rie nicht
zuletzt im Hinblick auf die Exportfähigkeit über regionale Märkte
hinaus eine Lücke hinterlassen hat, die nur schwer und allmählich
wieder geschlossen werden kann. Die Förderung des raschen
Aufbaus mittelständischer Industrieunternehmen gehört deshalb
zu den Schwerpunkten der Politik der Bundesregierung zum
wirtschaftlichen Aufbau der neuen Länder. Sie hat deshalb im
Rahmen des Aktionsprogramms für mehr Wachstum und
Beschäftigung eine neue Existenzgründungs- und Innovationsoffensive im
Mittelstand gestartet, in deren Rahmen u. a. die
Fördermöglichkeiten des ERP-Programms zur verstärkten Berücksichtigung des
industriellen Mittelstandes verbessert werden sollen.
5. Geht nach Ansicht der Bundesregierung von diesen
Neugründungen ein deutlich spürbarer Beschäftigungseffekt aus?
Welchen Anteil haben diese Betriebe an den Beschäftigten a ller
Sektoren?
Bis zur Jahresmitte 1993 wurden nach Schätzungen des IfM durch
Neugründungen (einschl. Übernahmen, d. h. auch einschl. der
Privatisierungen im mittelständischen Bereich) knapp drei Mio.
Arbeitsplätze geschaffen. Es ist davon auszugehen, daß durch
Gründungen im industriellen Bereich mehr als 300 000
Arbeitsplätze entstanden bzw. gesichert worden sind. Angesichts einer
Gesamtbeschäftigung von 6,2 Mio. entstammt dieser Schätzung
zufolge nahezu die Hälfte aller Arbeitsplätze aus
Neugründungen.
6. Wie viele Arbeitsplätze wurden durch private Investitionen in den
einzelnen neuen Bundesländern geschaffen?
Von welcher Art sind die Arbeitsplätze nach Teil-/Vollzeit,
Zeitvertrag und Qualifikation beschaffen?
Informationen über die regionale Verteilung der durch private
Investitionen geschaffenen Arbeitsplätze sowie über die
Differenzierung der Arbeitsverhältnisse nach Teil-/Vollzeit, Zeitvertrag
und Qualifikation liegen nicht vor.
7. Wie verteilen sich diese Gewerbeanmeldungen auf die einzelnen
neuen Bundesländer?
Die Gewerbeanmeldungen (in v. H.) verteilen sich wie folgt auf
die neuen Länder (in Klammern ist der jeweilige Anteil der
einzelnen neuen Länder an der Gesamtbevölkerung Ostdeutschlands —
Stand 30. Juni 1992 — angegeben):
1991 1992 1. bis 3. Quartal
1993
Brandenburg (16,1) 16,8 16,6 16,3
Mecklenburg-Vorpommern (12,0) 11,0 10,9 10,7
Sachsen (29,7) 31,4 29,6 28,7
Sachsen-Anhalt (17,9) 15,4 17,0 17,1
Thüringen (16,2) 17,7 17,3 16,8
Berlin (Ost) (8,2) 7,7 8,7 10,5
Quelle: Statistisches Bundesamt.
8. Wie viele Konkurse sind 1990, 1991, 1992 und im ersten Halbjahr
1993 insgesamt und in den einzelnen neuen Bundesländern
registriert worden, und in welchem Umfang sind damit verbundene
Arbeitsplätze verlorengegangen?
In den alten Ländern werden die Insolvenzen nach der
Konkursordnung bzw. der Vergleichsordnung behandelt.
Demgegenüber richtet sich das Insolvenzverfahren in den neuen Ländern
nach der Gesamtvollstreckungsordnung. Diese sieht keine
Aufteilung in ein Konkurs- und ein Vergleichsverfahren vor, sondern
trifft eine einheitliche Regelung, die im wesentlichen der
Konkursordnung entspricht.
Für die neuen Länder liegen für den Zeitraum September bis
Dezember 1990 unveröffentlichte Daten des Statistischen
Bundesamtes vor. Danach gingen dort insgesamt 15 Unternehmen in die
Gesamtvollstreckung, und zwar in Brandenburg vier (September
bis Dezember), Sachsen acht (Oktober bis Dezember) und
Thüringen drei (nur Dezember) Unternehmen. Für den Zeitraum 1991 bis
zum ersten Halbjahr 1993 weist die amtliche Statistik folgende
Verteilung der Gesamtvollstreckung nach Länder aus:
1991 1992 1. Hj. 1993
Berlin (Ost) 35 128 146
Brandenburg 62 128 177
Mecklenburg-Vorpommern 57 161 140
Sachsen 89 356 332
Sachsen-Anhalt 84 156 193
Thüringen 74 256 192
Insgesamt 401 1 185 1 180
Als Indiz für den konkursbedingten Verlust von Arbeitsplätzen
kann die Bewilligung von Konkursausfallgeld herangezogen
werden. Für die neuen Länder liegen statistische Ergebnisse
allerdings nur für den Zeitraum Janaur bis September 1993 vor.
Konkursausfallgeld wurde danach in dieser Zeitspanne 28 397
Personen gewährt. Jedoch ist die Aussagekraft hinsichtlich der Zahl
konkursbedingter Arbeitsplatzverluste insofern eingeschränkt, als
die Angabe der im Unternehmen bei Einreichung des
Konkursantrags beschäftigten Arbeitnehmer z. B. außer acht läßt, daß es
bereits im Vorfeld zu betriebsbedingten Entlassungen gekommen
sein kann oder daß ein Teil der Arbeitnehmer später in
Auffanggesellschaften eine Weiterbeschäftigung findet.
9. Wie hoch ist der Anteil der Industriebetriebe (aufgeschlüsselt nach
Grundstoff-, Indust rie- und Verbrauchsgüterproduktion sowie nach
einzelnen neuen Ländern) an den Konkursen?
Die Anzahl der Konkurse innerhalb der Wirtschaftszweige der
neuen Länder ist erst ab 1991 bekannt (s. Tabelle). Der Anteil der
Industriebetriebe an der Gesamtzahl der Konkurse betrug danach
in den Jahren 1991, 1992 und im ersten Halbjahr 1993 46,6,
26,6 bzw. 19,7 vom Hundert. Da das Statistische Bundesamt die in
Konkurs gegangenen Industriebetriebe nicht nach Grundstoff-,
Investitions- und Verbrauchsgüterproduktion aufschlüsselt,
können weitergehende Angaben hierzu nicht gemacht werden.
— Anteile in v. H. —
1991 1992 1. Hj. 1993
Verarbeitendes Gewerbe 46,6 26,6 19,7
Baugewerbe 9,6 12,4 19,5
Handel 20,3 30,5 32,1
Verkehr- und
Nachrichtenübermittlung 4,6 7,5 8,2
Dienstleistungen 18,9 23,0 20,5
Insgesamt 100,0 100,0 100,0
Die Verteilung der Konkurse nach Wirtschaftsbereichen auf die
einzelnen neuen Länder ergibt sich aus folgenden Tabellen:
1991 Berlin-Ost Branden
-burg
Mecklenburg
-
Vorpommern
Sachsen Sachsen
Anhalt
Thüringen
Verarb. Gewerbe 5 11 11 42 29 33
Baugewerbe 3 3 5 5 3 8
Handel 12 14 6 9 9 7
Verkehr/Nachr. 1 3 — 6 3 —
Dienstleistungen 8 5 6 13 10 11
1992 Berlin-Ost Branden
-
burg
Mecklenburg
Vorpommern
Sachsen Sachsen
Anhalt
Thüringen
Verarb. Gewerbe 13 22 26 108 29 64
Baugewerbe 14 16 17 34 18 23
Handel 40 32 25 78 49 77
Verkehr/Nachr. 5 9 10 18 12 20
Dienstleistungen 48 26 20 60 21 52
Januar bis September 1993 Berlin-Ost Branden
burg
Mecklenburg
Vorpommern
Sachsen Sachsen
Anhalt
Thüringen
Verarb. Gewerbe 15 37 20 109 53 60
Baugewerbe 49 47 23 77 72 69
Handel 61 90 50 131 63 109
Verkehr/Nachr. 14 19 10 38 23 20
Dienstleistungen 68 51 24 97 43 65
10. 1992 sind von den ca. 120 Mrd. DM (gemessen in laufenden
Preisen) an Investitionen nach Angaben des Ifo-Instituts etwa 16,5 Mrd.
DM in das Verarbeitende Gewerbe geflossen. Daraus ergibt sich
ein Anteil von etwa 13,7 %. Auf den für die industrielle Entwicklung
besonders bedeutsamen Bereich des Investitionsgüter
Produzierenden Gewerbes entfielen sogar nur 5 Mrd. DM. Für 1993 sind
5,65 Mrd. DM geplant.
Kann nach Ansicht der Bundesregierung mit diesem geringen
Anteil an Investitionen in solchen Kernbereichen moderner
Volkswirtschaften auf absehbare Zeit ein sich selbst tragender
Aufschwung initiiert werden?
Die in der Frage genannten 16,5 Mrd. DM Investitionen des
Verarbeitenden Gewerbes, darunter 5 Mrd. DM des
Investitionsgütergewerbes, beziehen sich lediglich auf die vom Ifo-Institut
geschätzten Investitionen westdeutscher Unternehmen in den
neuen Ländern (Stand Juni 1993). Im übrigen wird auf die
Antwort zu Frage 2 verwiesen.
11. Das Ifo-Institut geht überdies davon aus, daß etwa drei Viertel der
Investitionen in den neuen Ländern aus Westdeutschland stammen.
Wie hoch ist der Anteil westdeutscher Investitionen nach Sektoren
in den einzelnen neuen Ländern in den Jahren 1990, 1991, 1992
und im ersten Halbjahr 1993 tatsächlich gewesen, und hält die
Bundesregierung dieses Engagement für ausreichend?
Wenn nein, welche Schlußfolgerungen zieht die Bundesregierung
daraus?
Über den tasächlichen Umfang und die Struktur westdeutscher
Investitionen in den neuen Ländern gibt es keine Informationen in
der amtlichen Statistik. Die in der Frage angesprochenen
Berechnungen des Ifo-Instituts basieren auf Befragungen westdeutscher
Investoren. Danach betrugen die westdeutschen Investitionen im
Verarbeitenden Gewerbe in den Jahren 1991, 1992 und 1993
8,0, 13,5 und 15,0 Mrd. DM. Dies entspricht nach Schätzungen des
Ifo-Instituts 46,5, 60,5 bzw. 61,7 vom Hundert der gesamten
Investitionen in diesem Wirtschaftsbereich in Ostdeutschland.
Drucksache 12/6776 Deutscher Bundestag — 12, Wahlperiode
Die Investitionstätigkeit westdeutscher Unternehmen in den
neuen Ländern ist von großer Bedeutung für die Entwicklung des
Verarbeitenden Gewerbes, da mit ihnen neben Kapital auch
unternehmerisches Know-how und moderne Fertigungs- und
Verfahrenstechnik in die neuen Länder gebracht wird. Das Engage-.
ment westdeutscher Investoren ist beachtlich, vor allem, wenn
man folgende Fakten in Betracht zieht: Das schwierige
konjunkturelle und weltwirtschaftliche Umfeld, die Belastungen durch die
Lohnpolitik, insbesondere aufgrund der schnellen Angleichung
der ostdeutschen Löhne an das westliche Niveau, sowie die nach
wie vor noch bestehenden Standortnachteile, auch wenn diese
durch den Abbau von administrativen Investitionshemmnissen
und durch Verbesserungen der Infrastruktur schon erheblich
reduziert werden konnten. Den Umfragen des Ifo-Instituts zufolge
werden trotz der genannten Schwierigkeiten weiterhin auch neue
Investitionsprojekte in Angriff genommen. Dies belegt, daß die
Investitionsförderungspolitik der Bundesregierung, die auf den
Ausgleich bestehender Standortnachteile von Unternehmen zielt
und dabei den besonders stark dem Wettbewerb ausgesetzten
Bereichen des Verarbeitenden Gewerbes, namentlich im Rahmen
der regionalen Wirtschaftsförderung, besonderes Gewicht
beimißt, notwendig und richtig ist.
12. Investitionen in den neuen Ländern werden nach wie vor mit
besonderen Förderinstrumenten in erheblichem Umfang
begünstigt.
Welchen Anteil (Förderquote) hatte diese Förderung an den
vorgenommenen Investitionen insgesamt?
Seit Mitte 1990 ist ein umfangreiches Paket wirtschaftlicher
Fördermaßnahmen von Bund, Ländern und EG geschnürt worden.
Durch die zentralen Maßnahmen der Bundesregierung zur
Förderung privater Investitionen (steuerliche Investitionszulage,
regionale Investitionszuschüsse, Sonderabschreibungen, Entlastung
von ertragsunabhängigen Steuern, zinsgünstige Darlehen und
Eigenkapitalhilfen für mittelständische Unternehmen,
Bürgschaften) sind von Mitte 1990 bis Mitte 1993 in den neuen
Ländern Unternehmensinvestitionen von schätzungsweise über
190 Mrd. DM auf den Weg gebracht worden.
Die Ermittlung einer Förderquote — definiert als Fördervolumen in
vom Hundert des Investitionsvolumens — ist aufgrund
methodischer Schwierigkeiten nicht möglich, da die Fröderinstrumente
sehr heterogener Natur sind (z. B. zinsverbilligte Darlehen
einerseits und steuerliche Investitionszulage andererseits) und der
zeitliche Zusammenhang von Instrumenteneinsatz und getätigten
Investitionen nicht klar hergestellt werden kann. Es liegen
allerdings für bestimmte Förderkonstellationen Modellrechnungen
des Ifo-Instituts und des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle
über den Subventionswert der Investitionsförderung vor. Danach
beläuft sich der Anteil der staatlichen Förderung bei kumulierter
Inanspruchnahme von 8 %iger Investitionszulage,
Sonderabschreibung und zinsgünstigen Darlehen auf rd. 18 vom Hundert
der privaten Ausrüstungsinvestitionen. Für Bauinvestitionen, die
nicht durch die Investitionszulage gefördert werden, liegt danach
der Anteil bei 14 vom Hundert. Hierbei ist zu beachten, daß
einerseits bestimmte Wirtschaftsbereiche von der Förderung
durch die Investitionszulage inzwischen ausgenommen wurden,
andererseits ostdeutsche Investoren des Verarbeitenden
Gewerbes und des Handwerks für Ausrüstungsinvestitionen von
maximal 1 Mio. DM p. a. eine auf 20 vom Hundert erhöhte Zulage in
Anspruch nehmen können. Auch ist die Förderung durch die zu
versteuernden regionalen Investitionszuschüsse, auf die kein
Rechtsanspruch besteht, durch diese Modellrechnung nicht
erfaßt. Ähnliche Größenordnungen ergeben sich aus einer
Modellrechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft, die die
höchstmöglichen Barwerte der öffentlichen Förderung bei
Ausrüstungsinvestitionen von auswärtigen Investoren auf knapp über
20 vom Hundert und von ostdeutschen Investoren auf knapp
30 vom Hundert beziffert. In dieser Modellrechnung sind
regionale Investitionszuschüsse, aber keine zinsverbilligten Darlehen
berücksichtigt.
13. Wie hoch liegt der effektive Eigenanteil westdeutscher
Unternehmen (nach Abzug öffentlicher Fördermittel) bei den Anlage-
Investitionen in den einzelnen neuen Ländern absolut und relativ?
Welche Schlußfolgerungen zieht die Bundesregierung daraus im
Hinblick auf die Bereitschaft der westdeutschen Wirtschaft, Banken
und Versicherungen vor dem Hintergrund der erheblichen
Vorleistungen der abhängig Beschäftigten, zur nationalen Aufgabe der
Anpassung der Lebensverhältnisse einen großen Beitrag zu leisten?
Aufgrund der bei der Antwort in Frage 12 geschilderten
statistisch-methodischen Schwierigkeiten ist der effektive Eigenanteil
westdeutscher Unternehmen an den Anlageinvestitionen in den
neuen Ländern nicht quantifizierbar.
Die Bundesregierung begrüßt das investive Engagement der
gesamten westdeutschen wie auch der ausländischen Wirtschaft
für den Aufbau der neuen Länder. Ohne dieses Engagement, das
sich im übrigen vielfach auch in einem sehr intensiven
persönlichen Einsatz von Unternehmern, Arbeitnehmern und
Verbandsvertretern zeigt, wäre der in Gang gekommene investive
Aufholprozeß in den neuen Ländern kaum möglich gewesen. Die
Bundesregierung verweist in diesem Zusammenhang auf die
Investitionszusagen, die mit der Privatisierung von
Treuhandunternehmen in Höhe von über 180 Mrd. DM gegeben worden sind. Eine
Bewertung dieser Leistungen kann nicht vor dem Hintergrund
von — ohnehin nicht vergleichbaren — „Vorleistungen" anderer
Gruppen erfolgen, sondern muß die Einbindung der
Unternehmen in den nationalen und internationalen Wettbewerb, der sich
durch das Aufkommen neuer Wettbewerber — insbesondere in
Mittel- und Osteuropa und im asiatisch-pazifischen Raum — noch
verstärkt, beachten. Würden die Unternehmen sich völlig
unabhängig von den marktlichen Gegebenheiten für den Aufbau in
Ostdeutschland engagieren, so setzten sie gerade in der
gegenwärtigen konjunkturellen Situation Arbeitsplätze und die
wirtschaftliche Basis für neue Investitionstätigkeiten in Deutschland
aufs Spiel.
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14. Muß vor diesem Hintergrund nicht davon ausgegangen werden,
daß es sich angesichts der historisch einmaligen Förderquote bei
den privat vorgenommenen Investitionen faktisch um staatliche
Investitionen handelt, deren Erträge der privaten Seite zufallen?
Vor dem Hintergrund der Antwort zu Frage 12 geht die
Bundesregierung nicht davon aus, daß es sich bei den privat
vorgenommenen Investitionen faktisch um staatliche Investitionen handelt,
deren Erträge der privaten Seite zufallen. Bei der Bewertung des
Fördervolumens darf auch nicht aus dem Auge verloren werden,
daß die Risiken privater Investitionen in den neuen Ländern noch
vergleichsweise hoch sind und vielfach die Ertragschancen
kurzfristig sogar übersteigen dürften. Diese Einschätzung wird durch
die Ergebnisse einer Unternehmensbefragung des Ifo-Instituts
und des IWH gestützt. Danach hätten 37 vom Hundert der
befragten ostdeutschen Betriebe ihre Investitionen ohne Förderhilfen
nicht durchgeführt. Ein Drittel der Unternehmen gab zudem an,
daß die Förderhilfen Mehrinvestitionen bewirkt hätten. Gesehen
werden muß schließlich auch, daß in anderen wirtschaftlich
schwachen Regionen europäischer Partnerländer — z. B. in
Portugal, Griechenland, Italien und Irland — öffentliche Fördermittel in
großem Umfang eingesetzt werden. Die neuen Länder als
strukturschwache Gebiete stellen im internationalen Vergleich also
keinen Sonderfall dar.
Die Investitionsförderung ist nach wie vor erforderlich, weil der
rasche Aufbau eines wettbewerbsfähigen Kapitalstocks und die
Neuentwicklung industrieller Strukturen — als Grundlage für eine
auf Dauer von westlichen Transfers unabhängige eigene
wirtschaftliche Basis der neuen Länder — noch auf absehbare Zeit eine
weit überdurchschnittliche Investitionsdynamik erfordern
werden. Der Sachverständigenrat bestätigt in seinem jüngsten
Jahresgutachten die Richtigkeit der Politik der Bundesregierung, in
der schwierigen Übergangsphase zum Ausgleich bestehender
Standortnachteile für Unternehmen vorrangig das Instrument der
Investitionsförderung einzusetzen.
Im übrigen werden durch private Investitionen neue Arbeitsplätze
geschaffen oder bestehende gesichert, die auch auf Dauer
ausreichend attraktive Einkommensmöglichkeiten für die Arbeitnehmer
bieten. Insofern kommen die Erträge der geförderten privaten
Investitionen den Investoren wie den Arbeitnehmern in den
neuen Ländern zugute.
15. Welche Bedeutung kommt diesem Engagement der p rivaten
Wirtschaft, Banken und Versicherungen für die Entstehung einer
wettbewerbsfähigen Produktionsstruktur insgesamt zu?
In der Antwort zu Frage 11 wurde bereits die große Bedeutung
des Engagements der westdeutschen Wirtschaft für den
Neuaufbau moderner, wettbewerbsfähiger Wirtschaftsstrukturen in den
neuen Ländern hingewiesen. Dieses Engagement hat u. a. dazu
beigetragen, daß die Unternehmensinvestitionen (ohne
Wohnungsbau) je Erwerbstätigen in den neuen Ländern das
entsprechende Niveau Westdeutschlands um 25 vom Hundert
übersteigen (vgl. Vorbemerkung). Der Gesamtumfang der
Unternehmensinvestitionen von 1991 bis 1993 beläuft sich nach Schätzungen des
Ifo-Instituts auf knapp 300 Mrd. DM. Wesentlich dazu beigetragen
haben auch Banken und Versicherungsunternehmen, indem sie
mit dem schnellen Aufbau eines modernen Banken- und
Versicherungswesens eine unentbehrliche Grundlage für die
Entstehung einer wettbewerbsfähigen Produktionsstruktur geschaffen
haben. Die Kreditinstitute engagieren sich in den neuen Ländern
mit umfangreichen Krediten und einer höheren Risikobereitschaft
als in den alten Ländern. Die Versicherungswirtschaft fördert
darüber hinaus mit ihrem Wohnungsbauprogramm-Ost die
Verbesserung des Standortes Ostdeutschland.
16. Welche beschäftigungspolitischen Entlastungen auf dem
Arbeitsmarkt gehen von diesen „p rivaten" Investitionen aus?
Über die beschäftigungspolitischen Entlastungen des
Arbeitsmarktes infolge der privaten Investitionstätigkeit lassen sich keine
zuverlässigen Angaben machen. Schätzungen über die mit der
Förderung privater Investitionen verbundenen
Arbeitsplatzeffekte kommen zu dem Ergebnis, daß auf diese Weise drei Mio.
Arbeitsplätze in den neuen Ländern gesichert oder neu
geschaffen werden konnten. Damit hat die Investitionsförderung
entscheidend dazu beigetragen, die Lage auf dem Arbeitsmarkt in
Ostdeutschland zu stabilisieren. Obwohl die
arbeitsmarktpolitische Entlastung 1993 gegenüber 1992 um rd. 300 000 Personen
rückläufig .war, ist die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt
sogar leicht gesunken. Am Jahresende lag sie um 74 000 über dem
Vergleichswert des Vorjahres. 1994 könnten sich die
gegenläufigen Entwicklungen nach Wirtschaftsbereichen zwischen
Personalabbau und Personalaufstockungen im Jahresverlauf erstmals
ausbalancieren, so daß im Jahresdurchschnitt nur noch mit einem
vergleichsweise geringen Beschäftigungsabbau zu rechnen ist.
17. Wie beurteilt die Bundesregierung angesichts des immensen
Kapitalbedarfs in den neuen Ländern die im Rahmen der „Solidarpakt"-
Verhandlungen erfolgte Zusage des Bankensektors, 1 Mrd. DM an
eigenen Investitionen in den neuen Ländern vorzunehmen?
Wieviel von der zugesagten Summe wurde investiert?
In welchen Sektoren wurden die Investitionen getätigt?
Die Bundesregierung begrüßt die Zusage des Bankensektors, alle
Anstrengungen zu unternehmen, um zusätzlich 1 Mrd. DM in den
Privatisierungsprozeß von sanierungsfähigen Unternehmen der
Treuhandanstalt im eigenen Risiko einzubringen.
Die Banken stehen weiterhin zu ihrer Solidarzusage. Sie haben
inzwischen zwei Unternehmen übernommen und prüfen z. Z. die
Übernahme von weiteren Unternehmen. Die Treuhandanstalt und
die Banken sind intensiv um ein positives Ergebnis der Aktion
bemüht. Die Bundesregierung erwartet, daß diese Bemühungen
zu einem baldigen Abschluß gelangen. Außerhalb des
Firmenportfolios, das die Treuhandanstalt zusammengestellt und der
Kreditwirtschaft im Zusammenhang mit der Solidarpaktzusage
angeboten hat, haben sich die Banken an mehreren Unternehmen
beteiligt.
Die aus dem Treuhandportfolio übernommenen Unternehmen
sind den Branchen Textilmaschinenbau und Fischereihandel
zuzurechnen. Verhandelt wird derzeit die Übernahme von Firmen
im wesentlichen aus der Möbel- und der Bauindustrie, der
Umwelttechnik sowie der Elektronik und der
Lebensmittelindustrie.
18. Geht die Bundesregierung davon aus, daß — angesichts des
geringen Umfangs und der beschäftigungspolitischen
Entlastungswirkung des privaten Engagements in den neuen Ländern — die
bisher praktizierte Strategie erfolgreich war, positive Anreize für
Investitionen zu schaffen, oder sollte nicht vielmehr dazu
übergegangen werden, das bislang unzureichende Engagement durch
die Schaffung negativer Anreize (z. B. durch Erhebung einer
Investitionshilfeabgabe) zu steigern?
Die Wachstums- und beschäftigungspolitische Bilanz des
wirtschaftlichen Wiederaufbaus in den neuen Ländern seit der
Wiedervereinigung belegt die Richtigkeit der im wesentlichen auf die
Förderung von Investitionen zielenden Politik der
Bundesregierung.
Die Schaffung negativer Anreize — z. B. durch die Erhebung einer
Investitionshilfeabgabe — wäre wirtschaftspolitisch völlig verfehlt.
In der gegenwärtigen schwierigen wirtschaftlichen Lage kommt
es darauf an, die Investitions- und Standortbedingungen in ganz
Deutschland zu stärken. Eine Investitionshilfeabgabe bei
westdeutschen Unternehmen brächte negative Wachstums- und
Beschäftigungswirkungen mit sich, da damit die Spielräume für
Unternehmensinvestitionen beschnitten und die internationale
Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen weiter geschwächt
würden. Dem Aufbau-Ost wäre nicht damit gedient, würden — vor
dem Hintergrund des Anstiegs der Abgabenquote auf 44 vom
Hundert im Jahre 1993 bei zunächst noch steigender Tendenz —
infolge weiter wachsender Belastungen der Unternehmen
Standortverlagerungen ins Ausland vorgenommen werden.
Im übrigen wäre es sehr fraglich, ob eine solche Sonderabgabe
den verfassungsrechtlichen Anforderungen genügen würde.
Beispielsweise wurde die Investitionshilfeabgabe nach dem
Haushaltsbegleitgesetz 1983 vom Bundesverfassungsgericht bereits im
November 1984 für verfassungswidrig erklärt.
19. Welche Bedeutung mißt die Bundesregierung im Zusammenhang
mit der anhaltenden Entindustrialisierung und des unzureichenden
Engagements der westdeutschen privaten Wirtschaft den noch in
THA-Verwaltung befindlichen Industrieunternehmen
(einschließlich Unternehmen in Liquidation) für die Entwicklung eines
lebensfähigen industriellen Sektors bei?
Die Bundesregierung ist der Ansicht, daß die verbleibenden
Treuhandunternehmen für den Aufbau der Wirtschaft in den neuen
Ländern wichtig sind, und daß daher eine rasche und möglichst
weitgehende Privatisierung dieser Unternehmen erfolgen sollte.
Im Portfolio der Treuhandanstalt befinden sich zum Stichtag
1. Januar 1994 951 Unternehmen, die in der großen Mehrheit dem
industriellen Bereich zuzurechnen sind. Wichtige Ausnahmen
stellen lediglich die Bergbauunternehmen Laubag/ESPAG (35 605
Beschäftigte) und MIBRAG (18 709 Beschäftigte) dar. 73
Unternehmen werden in Management KG geführt, saniert und zu
einem späteren Zeitpunkt privatisiert. Bei 174 Unternehmen steht
die Veräußerung oder Rückübertragung kurz vor dem Abschluß,
für weitere 243 Unternehmen sucht die THA noch Investoren.
Diese Unternehmen dürften in privater Hand nach Abschluß der
Privatisierungen einen weiteren wichtigen Beitrag zum Aufbau
der Wirtschaft in den neuen Ländern darstellen. Die restlichen
Unternehmen haben als Mantel-, Rest- oder
Auslaufgesellschaften u. ä. nur geringe Bedeutung für die Entwicklung eines
lebensfähigen industriellen Sektors.
3 196 Treuhandunternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen sind
von Stillegung betroffen. Die Erfahrung zeigt, daß es bisher durch
Teilprivatisierung, Management-Buy-Out usw. gelungen ist, ca.
28 vom Hundert der betroffenen Arbeitsplätze zu sichern und
auch auf diesem Wege zur Entwicklung eines lebensfähigen
industriellen Sektors beizutragen.
Insbesondere im Zuge von stillen Liquidationen gelang es in
vielen Fällen, mit den Gläubigern der Unternehmen im Wege des
Vergleichs zu einer bedeutenden Reduzierung der
Verbindlichkeiten zu kommen. Damit wurde es möglich, aus bisher nicht
lebensfähigen Unternehmen wichtige Teilbereiche auszugliedern
und zu privatisieren. Freiwerdende Grundstücke und
Produktionseinrichtungen stellen oft die Keimzelle für die
Neuansiedlung von Gewerbe dar.
20. Wie viele Industriearbeitsplätze werden durch diese Bet riebe
(einschließlich i. L.-gestellter Unternehmen) repräsentiert, und welchen
Anteil machen diese an allen Industriearbeitsplätzen in
Ostdeutschland aus (aufgeschlüsselt nach einzelnen Ländern)?
In Ostdeutschland sind 1,27 Mio. Erwerbstätige (Stand: 4. Quartal
1993) in den Industriezweigen Chemie; Kunststoff, Gummi,
Asbest; Steine, Erden, Feinkeramik; Eisen und NE-Metalle; Stahl
und Leichtmetallbau; Maschinenbau; Fahrzeugbau;
Elektrotechnik, Elektronik; Feinmechanik und Optik; EBMK-Waren,
Musikinstrumente; Holzindustrie; Papier- und Druckgewerbe; Textil,
Bekleidung, Leder sowie Nahrung und Genußmittel beschäftigt.
Von diesen Erwerbstätigen sind 12 vom Hundert in THA-
Unternehmen angestellt.
Nach Ländern aufgeschlüsselt ergeben sich folgende Zahlen:
Erwerbstätige
in THA
-
Industrieunternehmen
Anteile in v. H.
aller Erwerbstätigen
in Industrieunternehmen
Berlin-Ost 3 469 0,27
Brandenburg 20 141 1,59
Mecklenburg-Vorpommern 5 436 0,43
Sachsen 59 137 4,66
Sachsen-Anhalt 49 052 3,86
Thüringen 18 422 1,45
Insgesamt 155 657 12,26
21. Welche konkreten Pläne werden zur Entwicklung bzw. Sanierung
industrieller Kerne in den einzelnen neuen Ländern vor dem
Hintergrund angestellt, daß das operative Geschäft der
Treuhandanstalt in absehbarer Zeit eingestellt werden soll, und wie werden
sich die Sanierungskosten auf die öffentlichen Haushalte verteilen?
Hat die Bundesregierung Vorstellung darüber, welche Institutionen
die Treuhandanstalt nach Beendigung des operativen Geschäfts
ablösen soll?
Wann soll die Ablösung erfolgen?
Mit Beendigung des operativen Geschäfts der Treuhandanstalt
zum Ende des Jahres 1994 ist vorgesehen, daß die
Beteiligungsbetreuung der Management KG und der ggf. noch verbleibenden
sanierungsfähigen Großunternehmen, die als industrieller Kern
anzusehen sind, in die Verantwortung des Bundes übergehen. Die
Begründung des Entwurfs für das Treuhandstrukturgesetz stellt
ausdrücklich klar, daß dabei die Verpflichtungen aus dem
Solidarpakt zur Sicherung und Erneuerung industrieller Kerne auf
den neuen Aufgabenträger übergehen. Die Sanierungskosten
fallen nach Übertragung der entsprechenden Unternehmen auf den
Bund unmittelbar bei diesem an und werden über den
Bundeshaushalt aufgebracht.
Am 8. Dezember 1993 hat das Bundeskabinett den Entwurf einer
Novelle des Treuhandgesetzes beschlossen, welche die
Grundlage für die oben erwähnte Übernahme noch verbliebener
Beteiligungen der Treuhandanstalt durch den Bund bildet. Im übrigen
sehen die Eckwerte für die Umgestaltung der Treuhandanstalt im
einzelnen folgendes vor:
— Die Ende 1994 noch nicht privatisierten, als sanierungsfähig
beurteilten Unternehmen werden in die Zuständigkeit des
Bundesministeriums der Finanzen für industrielle
Beteiligungen überführt. Aus heutiger Sicht werden dies deutlich weni
ger als 100 Unternehmen in Management-KG und evtl. einige
wenige Großunternehmen sein. Ziel bleibt weiterhin die zügige
Privatisierung.
— Die umfangreichen Aufgaben des Vertragsmanagements der
ca. 50 000 Privatisierungsverträge und die Restaufgaben der
Reprivatisierung sollen auf der Grundlage von
Geschäftsbesorgungsverträgen durch p rivate Unternehmen erledigt werden.
Hierbei ist noch zu prüfen, inwieweit diese Aufgaben in
dezentralen Strukturen, unter Einbindung von
Wirtschaftsprüfungsunternehmen und unter Berücksichtigung
regionalwirtschaftlicher Aspekte erledigt werden können.
— Die Verwertung und Verwaltung des land- und
forstwirtschaftlichen Vermögens geschieht auf der Grundlage eines
Geschäftsbesorgungsvertrages durch die bereits bestehende
Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG). Der
überwiegende Teil der landwirtschaftlichen Flächen wird
zunächst langfristig verpachtet. Die Veräußerung dieses
Vermögens wird zu einem großen Teil erst zu einem späteren
Zeitpunkt möglich sein.
— Die bedarfsgerechte Verwertung und Entwicklung der
sonstigen Immobilien im gewerblichen Bereich und im
Wohnungsbau ist für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland eine
besonders wichtige Aufgabe. Diese soll die Treuhand-
Liegenschaftsgesellschaft (TLG) wahrnehmen. Es wird z. Z. geprüft, ob es
zweckmäßig ist, ihr eine Stellung ähnlich der soeben
erfolgreich und vollständig privatisierten
Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG) zu geben.
— Der Gesamtbereich der der Treuhandanstalt gesetzlich
übertragenen hoheitlichen Aufgaben, wie die
Vermögenszuordnung, die Grundstücksverkehrsgenehmigung, die
Investitionsvorrangentscheidung und die Kommunalvermögenszuordnung
kann erst dann auf bestehende andere Institutionen,
insbesondere auf die Kommunen und Länder übergeleitet
werden, wenn sichergestellt ist, daß dadurch keine Verzögerungen
bei der Abarbeitung der verbleibenden Aufgaben auftreten.
Durch die Neuorganisation dürfen unter keinen Umständen
neue Investitionshemmnisse entstehen.
In den nächsten Wochen und Monaten werden diese Grundzüge
der neuen Strukturen parallel zu den laufenden Beratungen zum
Gesetzgebungsverfahren auf ihre Zweckmäßigkeit hin überprüft
und weiter konkretisiert.
22. Wann ist nach Ansicht der Bundesregierung aufgrund der bislang
praktizierten wirtschaftspolitischen Strategie auf absehbare Zeit
überhaupt mit einem sich selbst tragenden Aufschwung in
Ostdeutschland zu rechnen?
Der 1992 begonnene wirtschaftliche Aufholprozeß in den neuen
Ländern wird sich 1994 mit anhaltender Dynamik fortsetzen. Von
einem sich selbst tragenden Aufschwung, der von den eigenen
Wachstumskräften der Wirtschaft vorangetrieben wird, kann
angesichts der weiterhin starken Impulse, die von den hohen
Transferleistungen ausgehen, aber noch nicht die Rede sein.
Unübersehbar ist, daß seit der Wiedervereinigung der
Aufschwung an Breite gewonnen hat und mehr und mehr auch aus
der Ausweitung industrieller Produktion Kraft schöpft. Die
ostdeutsche Wirtschaft wird mit zunehmenden
Anpassungsfortschritten des Verarbeitenden Gewerbes immer mehr
wettbewerbsfähige Produkte im Westen absetzen können und damit
Wachstumsimpulse erhalten.
Die Bedingungen für einen selbsttragenden Wachstumsprozeß,
bei dem steigende Einkommen durch steigende Produktion bei
Produktivitätsfortschritten erwirtschaftet werden, haben sich
spürbar verbessert. Dafür sprechen die starke
Investitionsdynamik der vergangenen Jahre, die Erfolge beim Aufbau der
Infrastruktur und beim Abbau von Investitionshemmnissen, die
positive Privatisierungsbilanz und die große Zahl neu entstandener
Unternehmen. Die bereits erzielten angebotsseitigen
Verbesserungen bestätigen die Richtigkeit der wirtschaftspolitischen
Strategie der Bundesregierung für den wirtschaftlichen
Wiederaufbau Ostdeutschlands, zu der es auch nach Ansicht des
Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung keine realistische Alternative gibt.
Die Chance, daß die in Gang gekommene Aufwärtsentwicklung
dauerhaft in einen sich selbsttragenden Wachstumsprozeß
einmündet, wird allerdings immer noch beeinträchtigt durch das
starke Mißverhältnis von Lohn- und Produktivitätsniveau, durch
das die finanziellen Spielräume der Unternehmen für den Aufbau
eines qualitativ hochwertigen und dabei kostengünstigen
Angebots stark eingeengt werden. Der Tatbestand, daß dieses
Mißverhältnis inzwischen etwas verringert werden konnte, signalisiert
noch keine Entwarnung. Der Zeitpunkt des Beginns eines
selbsttragenden Aufschwungs hängt deshalb nicht zuletzt auch von
einem verantwortungsvollen Verhalten der autonomen
Tarifpartner ab, das dem sehr unterschiedlichen Leistungsvermögen der
Unternehmen in den neuen Ländern Rechnung trägt. Die
kurzfristige Überwindung der Rezession in Westdeutschland und der
anschließende Übergang der konjunkturellen Erholung in einen
neuen Wirtschaftsaufschwung stellen eine weitere unabdingbare
Voraussetzung für die Nachhaltigkeit des wirtschaftlichen
Aufholprozesses in Ostdeutschland dar. Dies gilt einmal für die
Dynamik der Investitionstätigkeit in den neuen Ländern; zum anderen
hellen sich die Absatzperspektiven ostdeutscher Firmen für das
durch die neuen Investitionen mögliche höhere und qualitativ
verbesserte Produktionsvolumen in dem Maße auf, in dem die
Gesamtnachfrage in Westdeutschland und weltweit wieder
zunimmt.
23. In welchem Zeitraum wird nach Ansicht der Bundesregierung eine
Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West
erreicht sein?
Die Geschwindigkeit der Angleichung der Lebensverhältnisse,
definiert als die Annäherung des ostdeutschen
Bruttoinlandsprodukts je Kopf der Bevölkerung (BIP/Kopf) an das entsprechende
westdeutsche Niveau, hängt im wesentlichen von der Größe des
Wachstumsdifferentials zwischen West- und Ostdeutschland ab.
Die Angleichung dürfte sich dabei um so rascher vollziehen, je
schneller es gelingt, in den neuen Ländern wettbewerbsfähige
Produktionsstrukturen zu errichten. Eine fundierte Prognose über
den Zeitraum bis zur Angleichung ist nicht möglich. Nicht
vergessen werden darf dabei in diesem Zusammenhang, daß auch in
den alten Ländern erhebliche regionale Unterschiede in der
wirtschaftlichen Leistungskraft bestehen. So erreichte 1992 das BIP/
Kopf in Rheinland-Pfalz 83 vom Hundert des Durchschnitts in den
alten Ländern, während Hamburg diesen Durchschnitt um 73 vom
Hundert übertraf.
24. In wie vielen Fällen und in welcher finanziellen Größenordnung
wurden in den einzelnen neuen Ländern durch das Prinzip
„Rückgabe vor Entschädigung" Investitionen nicht getätigt, und in wie.
vielen Fällen und Größenordnungen haben sich Investitionen durch
dieses Prinzip in welchem Zeitraum verzögert?
Die Bundesregierung verkennt nicht, daß die
eigentumsrechtlichen Rahmenbedingungen in den neuen Ländern in Einzelfällen
noch immer eine Erschwernis bei Investitionen bilden können.
Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, daß diese
Rahmenbedingungen nicht allein durch das Prinzip Rückgabe vor
Entschädigung, sondern durch eine Fülle von Schwierigkeiten geprägt sind,
die auch ohne dieses Prinzip zu überwinden wären. Dazu gehören
z. T. langwierige Entscheidungsprozesse in den Kommunen, auch
im Zusammenhang mit der Schaffung planungsrechtlicher
Grundlagen.
Schon von daher läßt sich nicht feststellen, ob überhaupt und in
welchem Umfang Investitionen gerade durch das
Rückgabeprinzip verhindert worden sind. Entscheidend ist aber, daß das
Vermögensgesetz mit seinem Rückgabeprinzip durch das
Investitionsvorranggesetz ergänzt wird, das den Vorrang von
Investitionen vor der Rückgabe sicherstellt. Diese Vorschriften sind nach
und nach und zuletzt durch das Zweite
Vermögensrechtsänderungsgesetz so ausgebaut worden, daß Investitionen am
Rückgabeprinzip nicht zu scheitern brauchen. Die Praxis zeigt, daß
diese Regelung schnelle Ergebnisse ermöglicht, wenn von ihr
entschlossen Gebrauch gemacht wird.
25. Wie viele Arbeitsplätze sind durch das Prinzip „Rückgabe vor
Entschädigung" in den einzelnen neuen Ländern
verlorengegangen?
Die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt in den neuen Ländern
hat ihre Ursache vor allem in dem katastrophalen Zustand, in dem
sich die Wirtschaft der DDR zum Zeitpunkt des Beitritts befand.
Das Wegbrechen von Ostmärkten und die immer noch
unzureichende Wettbewerbsfähigkeit vieler Bet riebe sowie die in letzter
Zeit schwierige konjunkturelle Lage sind weitere Gründe für die
Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern.
Es gibt keine Anhaltspunkte für die Annahme, daß bei einer
anderen Regelung der Eigentumsfrage mehr Arbeitsplätze hätten
erhalten oder geschaffen werden können.
Im übrigen wird auf die Antwort zu Frage 24 verwiesen.]