Generell ist festzustellen, daß die Möglichkeiten, durch forstwirtschaftliche Maßnahmen den neuartigen Waldschäden zu begegnen, derzeit als begrenzt angesehen werden müssen. Insbesondere kann in der Regel nicht die Angriffswirkung aufgehoben werden, die von Stoffen ausgeht, die gasförmig, flüssig oder staubförmig direkt auf Nadeln und Blätter einwirken.
Trotz der engen Grenzen müssen alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um Schäden soweit wie möglich vorsorglich zu begegnen, den Schadensverlauf zu verzögern und die Folgen der Schäden zu mildern. Damit soll die Zeitspanne bis zum Eintreten einer ausreichenden Verbesserung der Immissionssituation überbrückt werden.
Wichtig ist in der gegenwärtigen Situation vor allem die konsequente Überwachung der Wälder hinsichtlich aufkommender Schädlingsvermehrungen und das rechtzeitige Einleiten von Bekämpfungsmaßnahmen, da die fortschreitende Erkrankung und die abnehmende Vitalität der Wälder, die Vermehrung von Sekundärschädlingen außerordentlich begünstigen. Die Länderforstverwaltungen haben entsprechende Schritte eingeleitet.
Maßnahmen zur Verbesserung der Vitalität der Bestände lassen erwarten, daß dadurch auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber Luftschadstoffen verbessert wird. Mögliche Maßnahmen sind:
- Verbesserung des Nährelementeangebots durch Düngung, insbesondere von Magnesium, Calzium und Kalium, soweit ein entsprechender Mangel vorliegt
- Neutralisation des Säureeintrags an der Bodenoberfläche durch Kompensationskalkung
- umfassende Bodenmeliorationen (z. B. Vollumbruch der Wurzelzone unter Einbringung von Kalken) im Zuge von Wiederaufforstungen auf versauerten und degradierten Standorten
Die Länder haben umfangreiche Düngungsversuche eingeleitet, wobei z. T. an frühere Düngungsversuche angeknüpft werden kann. Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen konnten in bestimmten Fällen positive Wirkungen bei erkrankten Bäumen und Beständen erzielt werden. Einige Untersuchungen zeigten, daß eine rechtzeitige Versorgung mit fehlenden Nährstoffen die Erkrankung zumindest zeitweilig aufhalten kann und die Ausfälle mildert. Aufgrund dieser Erkenntnisse werden in diesem Jahr teilweise großflächige Versuche durchgeführt und die Düngungsmaßnahmen im Staatswald verstärkt.
Nach derzeitiger Einschätzung werden positive Wirkungen der Bestandesdüngung vor allem auf nährstoffarmen Standorten mit jüngeren noch relativ gesunden Beständen gesehen. Vor großflächigen undifferenzierten Kalkungen ohne eingehende Bodenanalyse wird gewarnt, da die Gefahr besteht, daß durch beschleunigte Umsetzung der Bodenstreu ein stoßweises Überangebot an mineralisiertem Stickstoff eintritt. Dadurch geht Stickstoff dem Nährstoffkreislauf des Waldes verloren und belastet das Grundwasser. Darüber hinaus ergibt sich die Gefahr der Freisetzung von weiteren belastenden Stoffen wie z. B. von Schwermetallen.
Wertvolle Erkenntnisse über die Möglichkeiten der Düngung zur Bekämpfung der neuartigen Waldschäden werden nicht nur aus der Auswertung der laufenden und geplanten Versuche, sondern auch aus Untersuchungen von Waldbeständen, die vor längerer Zeit gedüngt wurden, erwartet.
Für die waldbauliche Behandlung geschädigter Waldteile im Staatswald haben einige Länder besondere Erlasse herausgegeben oder bereiten diese vor. Diese sind dann auch Grundlage für die Beratung der kommunalen und p rivaten Waldbesitzer. Vor allem wird darauf hingewirkt, daß die Bestände durch eine relativ geringe Stammzahlhaltung in der Jugendphase ein hohes Maß an Stabilität und Vitalität erreichen. Vorsichtige und gezielte Pflegeeingriffe werden in der Entwicklungsphase nach Eintritt des Kronenschlusses empfohlen. Vor allem durch die Vermeidung sehr starker Durchforstungseingriffe in älteren Beständen soll erreicht werden, daß der Wind als Zuträger von Schadstoffen möglichst wenig Eintritt in das Bestandesinnere findet. Aus diesem Grunde sollen auch geschädigte, jedoch noch lebensfähige Bäume, möglichst lange gehalten werden. Besondere Aufmerksamkeit wird auch der rechtzeitigen Verjüngung geschädigter Bestände gewidmet. So wird versucht, den Schutz des noch vorhandenen Altbestandes für den Voranbau bzw. die Vorausverjüngung von geeigneten Baumarten zu nutzen. Ganz entscheidend für die Baumartenwahl im einzelnen sind die standörtlichen Verhältnisse, so daß der Standortkartierung eine große Bedeutung zukommt.
Insbesondere dort, wo die Waldverjüngung Schwierigkeiten bereitet, muß die Entwicklung der Schalenwildbestände genau beobachtet werden; erforderlichenfalls sind zu hohe Bestände abzusenken.
Die von Bund und Ländern unternommenen Vorhaben zur Resistenzzüchtung lassen keine schnell wirkenden Ergebnisse erwarten, weil sie bei Waldbäumen erheblich mehr Zeit als bei landwirtschaftlichen Einjahrespflanzen erfordern. Hinzu kommt, daß die Resistenzzüchtung zu genetischer Verarmung führen kann mit der Folge, daß die natürliche Stabilität der Waldbäume beeinträchtigt werden kann. Da nicht auszuschließen ist, daß auch von den Luftbelastungen erhebliche Auswirkungen auf die genetische Vielfalt der Wälder ausgehen, treffen Bund und Länder gegenwärtig auch Vorkehrungen zur Sicherung von wertvollem Saat- und Pflanzengut.