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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Einsamkeit im Alter - Auswirkungen und Entwicklungen

Entwicklung von Einsamkeit im Alter, Förderung von Vereinen, Initiativen und Projekten gegen Vereinsamung, Ursachen und Risikofaktoren, Gegenmaßnahmen, Forschungsbedarf, Zusammenhang zwischen wahrgenommener Einsamkeit und den Faktoren Erkrankung, soziale Ausgrenzung, Armut, Bildungsniveau, Suchterkrankung, Trickbetrug bzw. Trickdiebstahl, fehlende Barrierefreiheit und eingeschränkte Mobilität, Berücksichtigung der Befunde des Deutschen Alterssurveys 2014, Förderung von Projekten (Mehrgenerationenhäuser, Telefonseelsorge u.a.)<br /> (insgesamt 22 Einzelfragen)

Fraktion

DIE LINKE

Ressort

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Datum

05.10.2018

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/431413.09.2018

Einsamkeit im Alter – Auswirkungen und Entwicklungen

der Abgeordneten Katrin Werner, Dr. Petra Sitte, Doris Achelwilm, Simone Barrientos, Birke Bull-Bischoff, Brigitte Freihold, Sylvia Gabelmann, Katja Kipping, Sören Pellmann, Jessica Tatti, Harald Weinberg, Pia Zimmermann, Sabine Zimmermann (Zwickau) und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

Der demografische Wandel in der Bundesrepublik Deutschland geht mit einer zunehmenden Alterung der Gesellschaft einher. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich der Anteil der über 65- Jährigen in der Gesamtbevölkerung im Zeitraum von 1950 bis 2018 von 10 Prozent auf ungefähr 20 Prozent verdoppelt. Bis zum Jahr 2060 könnte diese Bevölkerungsgruppe Berechnungen zufolge auf ein Drittel ansteigen (vgl. Statistisches Bundesamt https://service.destatis.de/ bevoelkerungspyramide/#!y=2060&o=1950). Ein weitverbreitetes Problem für viele ältere Menschen ist die soziale Ausgrenzung und die häufig daraus resultierende wahrgenommene Einsamkeit aufgrund fehlender sozialer Kontakte.

Von sozialer Ausgrenzung wird gesprochen, wenn sich Menschen auf der gesellschaftlichen Ebene ausgeschlossen und in ihren Teilhabemöglichkeiten an Kultur, Sport und anderen Lebensbereichen eingeschränkt fühlen. Einsamkeit bezeichnet ein subjektives Empfinden und bezieht sich auf nicht erfüllte Bedürfnisse bzw. Erwartungen in persönlichen Beziehungen. Dies kann die Häufigkeit und Qualität der Beziehungen betreffen. (vgl. K. Mahne 2017 et. al., Altern im Wandel S. 274). Dieses unangenehme Gefühl des Verlassenseins und des Kontaktmangels führt bei vielen Betroffenen zu psychischen Belastungen und depressiven Symptomen. Häufig leidet darunter die gesamte Lebensqualität. Es besteht zudem ein Zusammenhang zwischen Einsamkeit und physischen Begleiterscheinungen, beispielsweise leidet die Schlafqualität und das Risiko für Bluthochdruck steigt. Analysen haben ergeben, dass positive soziale Beziehungen die Langlebigkeit um bis zu 50 Prozent erhöhen können. Der starke Einfluss auf die Mortalität ist vergleichbar mit der Wirkung bekannter Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel und Übergewicht (vgl. Informationsdienst Altersfragen Februar 2014 vom DZA, S. 12 ff.: www.dza.de/fileadmin/dza/pdf/Heft_01_2014_ Januar_Feruar_2014_gekuerzt_PW.pdf).

Gefühle des Alleinseins und der sozialen Isolation können also negative Auswirkungen auf unterschiedliche Lebensbereiche haben und stellen ein Gesundheitsrisiko dar (vgl. K. Mahne 2017 et. al., Altern im Wandel S. 282). Im Zusammenhang mit Problemen im Alter ist auch die Entwicklung von diversen Suchterkrankungen zu sehen, beispielsweise Alkoholsucht, Medikamentensucht und Spielsucht. Haben die Betroffenen im höheren Alter keine oder nur wenige soziale Unterstützungsnetzwerke, kann sich deren Situation dadurch noch dramatisch verschlechtern (vgl. Informationsdienst Altersfragen Oktober 2014 vom DZA: www.dza.de/fileadmin/dza/pdf/Heft_05_2014_September_Oktober_2014_gekuerzt.pdf). Ältere Menschen werden abgesehen davon vermehrt Opfer von Kriminalität in Form von Trickbetrug und Trickdiebstahl – leben sie allein, ist das Risiko deutlich höher (vgl. www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/diebstahl-und-einbruch/ trickdiebstahl-in-wohnungen/).

Die Bundesregierung hatte Mitte der 1990er Jahre mit dem Deutschen Alterssurvey eine Langzeitstudie zur Lebenssituation älterer Menschen ins Leben gerufen. In Bezug auf das Thema Einsamkeit und soziale Exklusion sind die Ergebnisse aus gesellschaftlicher Perspektive unterschiedlich zu bewerten. Zwar fühlten sich im Jahr 2014 in der Gruppe der 40- bis 85-Jährigen nur 9 Prozent der befragten Personen einsam. Allerdings zeigen die Ergebnisse der Studie auch einen Zusammenhang zwischen Armut, einem geringen Bildungsniveau und sozialer Exklusion bzw. Einsamkeit. Demzufolge haben Personen in Armut und solche mit einer geringen Bildung ein deutlich höheres Risiko, sich aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu fühlen. Bei Menschen, die in Armut leben, ist der Anteil von Personen mit wahrgenommener sozialer Exklusion fast drei Mal höher als bei Personen, die nicht von Armut betroffen sind (17,6 Prozent versus 4,9 Prozent). Nach Ansicht der Fragesteller sind diese Ergebnisse deshalb besorgniserregend, weil nach Erkenntnissen einer Studie der Bertelsmann Stiftung das Risiko für Altersarmut perspektivisch steigen wird (vgl. Bertelsmann Stiftung www. bertelsmannstiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/ Entwicklung_der_Altersarmut_bis_2036.pdf S. 103). Auch in der Gruppe derer mit niedrigem Bildungsabschluss gibt es deutlich mehr Personen, die sich gesellschaftlich ausgeschlossen fühlen (16,7 Prozent) als in der Gruppe jener mit hohem Bildungsabschluss (3,7 Prozent). Fast die Hälfte (41,7 Prozent) aller Personen, die sich sozial exkludiert wahrnehmen, erleben auch das Gefühl von Einsamkeit (vgl. K. Mahne 2017 et. al., Altern im Wandel S. 273). Die angeführte Studie kommt zu dem Schluss, dass in dieser Risikogruppe die Minimierung sozioökonomischer Notlagen ein Schlüssel zum Erfolg sein könnte. Generell könnten zur Bekämpfung von Einsamkeit Beratungs- und Hilfsangebote sowie die Förderung von sozialem Austausch in den Blickpunkt möglicher Präventionsmaßnahmen rücken (vgl. ebd. S.283).

Problematisch zu betrachten ist aus Sicht der Fragesteller außerdem, dass der Deutsche Alterssurvey Personen über 85 Jahren nicht in die Befragung zur Lebenssituation miteinbezieht – im Jahr 2016 waren das fast zwei Millionen Menschen. Eine Hochaltrigen-Studie des Generali-Zukunftsfonds aus dem Jahr 2013 ergab, dass ca. 40 Prozent der Befragten zwischen 85 und 99 Jahren zeitweise intensive Einsamkeitsgefühle haben (vgl. Hochaltrigen-Studie des Generali- Zukunftsfonds S. 15: www.uni-heidelberg.de/md/presse/news2014/generali_ hochaltrigenstudie.pdf). Die Zahl der von Einsamkeit betroffenen Menschen scheint also noch deutlich höher. Die Thematik Einsamkeit bzw. soziale Exklusion im Alter bedarf nach Ansicht der Fragesteller aufgrund der aufgezeigten Relevanz weiterer wissenschaftlicher Forschung und Untersuchungen, damit Risikofaktoren sowie mögliche Ursachen identifiziert und Präventivmaßnahmen entwickelt werden können.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen22

1

Wie definiert die Bundesregierung Einsamkeit im Alter?

2

Wie viele Personen in der Bundesrepublik Deutschland sind nach Kenntnissen der Bundesregierung von Einsamkeit betroffen, und wie haben sich diese Zahlen in den letzten zwanzig Jahren entwickelt (bitte nach Jahren und Altersgruppen 60 bis 69 Jahre, 70 bis 85 Jahre und über 85 Jahren aufschlüsseln)?

3

Womit begründet die Bundesregierung, dass die von ihr in Auftrag gegebene Studie des Deutschen Alterssurveys keine Daten zu Personen über 85 Jahren enthält?

a) Welche Maßnahmen möchte die Bundesregierung zukünftig ergreifen, um das Ausmaß und die Entwicklung von Einsamkeit im Alter wissenschaftlich zu dokumentieren, insbesondere von Personen ab dem Alter von 85 Jahren, die nicht vom Deutschen Alterssurvey erfasst werden?

b) Falls die Bundesregierung diesbezüglich keine weiteren Maßnahmen plant, warum nicht?

4

In welchem Umfang und mit welchen Mitteln hat die Bundesregierung bisher welche Vereine, Initiativen oder Projekte im Zeitraum von 1998 bis 2018 gefördert, die Unterstützung für von Einsamkeit im Alter betroffene Menschen leisten (bitte nach Jahren, Bundesland und den aufgewendeten Mitteln aufschlüsseln)?

a) In welchem Umfang und mit welchen Mitteln plant die Bundesregierung zukünftig welche Vereine, Initiativen oder Projekte zu fördern, die Unterstützung für von Einsamkeit im Alter betroffene Menschen leisten?

b) Falls die Bundesregierung diesbezüglich keine weitere Förderung plant, warum nicht?

5

Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung zu Ursachen und Risikofaktoren von altersbedingter Einsamkeit, und welche Schlussfolgerungen zieht sie daraus?

6

Welche Maßnahmen zur Reduktion von Einsamkeit im Alter erachtet die Bundesregierung weshalb für sinnvoll, und welche dieser Maßnahmen hat sie im Zeitraum von 1998 bis 2018 bereits mit welchen Mitteln umgesetzt bzw. plant sie umzusetzen (bitte nach Jahren, Maßnahmen und aufgewendeten Mitteln aufschlüsseln)?

7

Inwiefern plant die Bundesregierung, die wissenschaftliche Forschung hinsichtlich der Thematik Einsamkeit im Alter zukünftig zu verbessern, und welche konkreten Mittel wird sie dafür zur Verfügung stellen?

a) Inwiefern plant die Bundesregierung insbesondere die qualitative Forschung hinsichtlich der Thematik Einsamkeit im Alter zu verbessern, und welche konkreten Mittel wird sie dafür zur Verfügung stellen?

b) Falls die Bundesregierung keine weitere Verbesserung im Hinblick zu den Fragen 7 und 7a plant, warum nicht?

8

Welchen Handlungsbedarf sieht die Bundesregierung angesichts des nachgewiesenen Einflusses von erlebter Einsamkeit und gesundheitlichen Folgeerkrankungen wie Depressionen oder Bluthochdruck?

9

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem im Deutschen Alterssurvey 2014 nachgewiesenen Zusammenhang zwischen sozialer Exklusion und wahrgenommener Einsamkeit, und welche konkreten Maßnahmen möchte sie diesbezüglich ergreifen oder hat sie im Zeitraum von 1998 bis 2018 schon ergriffen (bitte nach Jahren, Maßnahmen und aufgewendeten Mitteln aufschlüsseln)?

10

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem nachgewiesenem Zusammenhang der gleichen Studie zwischen Armut und wahrgenommener Einsamkeit, und welche konkreten Maßnahmen in welchem Umfang möchte sie diesbezüglich ergreifen oder hat sie im Zeitraum von 1998 bis 2018 schon ergriffen (bitte nach Jahren, Maßnahmen und aufgewendeten Mitteln aufschlüsseln)?

11

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem nachgewiesenem Zusammenhang der gleichen Studie zwischen Bildungsniveau und wahrgenommener Einsamkeit, und welche konkreten Maßnahmen in welchem Umfang möchte sie diesbezüglich ergreifen oder hat sie im Zeitraum von 1998 bis 2018 schon ergriffen (bitte nach Jahren, Maßnahmen und aufgewendeten Mitteln aufschlüsseln)?

12

Inwiefern erachtet es die Bundesregierung mit Blick auf das steigende Armutsrisiko im Alter als sinnvoll, die sozioökonomische Notlage von betroffenen Risikogruppen bzgl. der Einsamkeit im Alter zu verbessern, und welche Maßnahmen hat sie diesbezüglich schon ergriffen oder plant sie zu ergreifen?

13

Welchen Zusammenhang zwischen Suchterkrankungen und Einsamkeit im Alter sieht die Bundesregierung, und welcher Handlungsbedarf ergibt sich daraus?

14

Welchen Zusammenhang sieht die Bundesregierung zwischen Kriminalität in Form von Trickbetrug bzw. Trickdiebstahl und Einsamkeit im Alter, und welcher Handlungsbedarf ergibt sich daraus?

15

Wie häufig sind nach Kenntnis der Bundesregierung alleinlebende ältere Menschen im Zeitraum von 1998 bis 2018 Opfer von Trickbetrug bzw. Trickdiebstahl geworden (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?

16

Inwiefern besteht nach Auffassung der Bundesregierung ein Zusammenhang zwischen fehlender Barrierefreiheit im Wohnumfeld und Einsamkeit im Alter, und welche Maßnahmen plant sie, diesbezüglich zu ergreifen?

17

Inwiefern besteht nach Auffassung der Bundesregierung ein Zusammenhang zwischen eingeschränkter Mobilität (beispielsweise durch einen fehlenden Zugang zur Verkehrsinfrastruktur) und Einsamkeit im Alter, und welche Maßnahmen plant sie, diesbezüglich zu ergreifen?

18

Welches Bundesministerium ist nach Auffassung der Bundesregierung zuständig für die Thematik Einsamkeit im Alter?

19

Plant die Bundesregierung die Einsetzung einer Expertenkommission hinsichtlich der Thematik Einsamkeit im Alter?

20

Inwiefern plant die Bundesregierung, weitere Projekte wie Begegnungszentren für ältere Menschen oder Mehrgenerationenhäuser mit welchen Mitteln zu fördern?

21

Plant die Bundesregierung, Projekte wie eine Hilfehotline oder eine Telefonseelsorge für von Einsamkeit im Alter betroffene Menschen zu fördern?

a) Wenn ja, welche Mittel wird sie dafür konkret in welchem Umfang bis wann zur Verfügung stellen?

b) Wenn nein, warum nicht?

c) Sofern die Bundesregierung die Förderung dieser Projekte plant, wie möchte sie sicherstellen, dass Betroffene von der Existenz dieser Projekte erfahren?

22

Inwieweit ist der Bundesregierung das durch die Stadt Bremen initiierte Projekt „Herbsthelfer“ bekannt, bei dem Postzustellerinnen und Postzusteller ältere Menschen aufsuchen und Dienstleistungen anbieten, und inwiefern hält sie dies für eine zukunftsfähiges und vielversprechendes Konzept gegen Einsamkeit?

Berlin, den 5. September 2018

Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion

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