BundestagKleine Anfragen
Zurück zur Übersicht
Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Umweltauswirkungen von Geisternetzen

(insgesamt 24 Einzelfragen)

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Datum

10.03.2020

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/1738125.02.2020

Umweltauswirkungen von Geisternetzen

der Abgeordneten Olaf in der Beek, Grigorios Aggelidis, Renata Alt, Nicole Bauer, Jens Beeck, Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Sandra Bubendorfer-Licht, Dr. Marco Buschmann, Hartmut Ebbing, Dr. Marcus Faber, Daniel Föst, Otto Fricke, Thomas Hacker, Peter Heidt, Katrin Helling-Plahr, Markus Herbrand, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Dr. Marcel Klinge, Daniela Kluckert, Pascal Kober, Carina Konrad, Konstantin Kuhle, Ulrich Lechte, Till Mansmann, Alexander Müller, Dr. Martin Neumann, Christian Sauter, Dr. Wieland Schinnenburg, Matthias Seestern-Pauly, Frank Sitta, Judith Skudelny, Dr. Hermann Otto Solms, Bettina Stark-Watzinger, Katja Suding, Michael Theurer, Stephan Thomae, Dr. Florian Toncar, Gerald Ullrich, Sandra Weeser, Nicole Westig und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations – FAO) befinden sich etwa 640 000 Tonnen sogenannter Geisternetze in den Weltmeeren – dies entspricht 10 Prozent des weltweiten Plastikmülls in den Weltmeeren (http://www.fao.org/in-action/globefish/fishery-information/resource-detail/en/c/388082/). Als Geisternetze bezeichnet man verloren gegangene Fischerei- Fanggeräte, die zum großen Teil aus Kunststoffen (reißfeste, synthetische Polymere) bestehen. Einen weiteren Aspekt des Plastikeintrages von Fischerei- Fanggeräten stellen in der Schleppnetzfischerei die „Dolly Ropes“, d. h. Kunststoffseile, die als Scheuerschutz dienen und aufgrund des Abnutzungseffektes ins Meer freigesetzt werden, dar (www.bundestag.de/resource/blob/651440/8691240faf14560c609f871dc461c33d/WD-8-038-19-pdf-data.pdf).

Die Geisternetze und „Dolly Ropes“ führen infolge der damit einhergehenden Mikro- und Makroplastikeinträge zu umweltschädigenden Auswirkungen und zur Beeinträchtigung der Meeresökosysteme. Aufgrund des langsamen Zersetzungsprozesses von Kunststoffen verbleiben die Kunststoffteile mehrere Jahrhunderte in den Ozeanen. Sobald sich die Kunststoffe während der langwierigen Abbauprozesse weitgehend verkleinert haben, werden die fragmentierten Teilchen mitunter von Meeresbewohnern aufgenommen.

Aus der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion der FDP geht hervor, dass in 94 Prozent der Mägen von Eissturmvögeln aus der Nordsee Kunststoffteile nachgewiesen wurden (Bundestagsdrucksache 19/12900). Eissturmvögel haben die Neigung, gezielt Netzreste aus verloren gegangenen Fanggeräten aufzusuchen, da sie diese als Nistmaterial für ihre Nester verwenden. Darüber hinaus stellen Geisternetze tödliche Fallen für Fische, Meeressäugetiere oder Seevögel dar. Nach Angaben des Sekretariats der Biodiversitätskonvention verfangen sich 45 Prozent aller bekannten Arten von Meeressäugern in Plastikmüll, darunter in zahlreichen Geisternetzen (www.cbd.int/doc/publications/cbd-ts-67-en.pdf, S. 16).

Auch für die Fischerei sind die Geisternetze im Hinblick auf den durch sie generierten Beifang problematisch. Untersuchungen zufolge liegt die Fangrate von Geisternetzen auch nach 27 Monaten noch bei konstant 5 Prozent und kann abhängig von größeren Tiefen bei einigen Fischarten sogar bis zu 30 Prozent der Fangrate kommerzieller Fischerei betragen (www.bundestag.de/resource/blob/651440/8691240faf14560c609f871dc461c33d/WD-8-038-19-pdf-data.pdf).

Aus Sicht der Fragesteller ist die Forschung und Entwicklung von umweltverträglichen Bergungsmethoden von Geisternetzen und alternativen umweltfreundlichen Fangtechniken erforderlich, um sowohl Schäden von der Fischerei als auch umweltschädliche Auswirkungen auf die Meeresumwelt abzuwenden.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen24

1

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung gegenwärtig die Gesamtmenge der Geisternetze in deutschen Meeresgewässern (bitte in Tonnen angeben und in Nord- und Ostsee aufschlüsseln)?

2

Welche konkreten Untersuchungen hat die Bundesregierung seit 2017 durchgeführt, um die jährlich verloren gegangenen Mengen an Fischereigeräten (sog. Geisternetze) in deutschen Meeresgewässern festzustellen, wozu sie nach Ansicht der Fragesteller gemäß Bundestagsdrucksache 18/12944 aufgefordert ist, und welche konkreten Ergebnisse liegen ihr bereits vor (bitte Anzahl verloren gegangener Fischereigeräte sowie deren Gesamtmenge in Tonnen in den jeweiligen Jahren angeben und in Nord- und Ostsee aufschlüsseln)?

3

Welche konkreten Untersuchungen hat die Bundesregierung seit 2017 durchgeführt, um festzustellen, ob die in deutschen Meeresgewässern auftretenden Geisternetze vorrangig „Altlasten“ sind oder auch gegenwärtig noch bei Fischern in deutschen Meeresgewässern Netze verloren gehen , wozu sie nach Ansicht der Fragesteller gemäß Bundestagsdrucksache 18/12944 aufgefordert ist, und welche konkreten Ergebnisse liegen ihr bereits vor?

4

Wie definiert die Bundesregierung die auf Bundestagsdrucksache 18/12944 erwähnten „Altlasten“, und welchen Anteil haben diese an der Gesamtmenge der Geisternetze in deutschen Meeresgewässern (bitte in Tonnen angeben und in Nord- und Ostsee aufschlüsseln)?

5

Welche konkrete Menge an Geisternetzen befindet sich nach Kenntnis der Bundesregierung gegenwärtig in europäischen Gewässern (bitte in Tonnen angeben und in Ostsee, Schwarzes Meer, Nordostatlantik und Mittelmeer aufschlüsseln)?

6

Wie viele Geisternetze wurden nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2013 aus deutschen Meeresgewässern geborgen (bitte konkrete Anzahl aufgeschlüsselt in die jeweiligen Jahre und in Nord- und Ostsee angeben)?

7

Wie viele Geisternetze wurden nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2013 aus europäischen Meeresgewässern geborgen (bitte konkrete Anzahl aufgeschlüsselt in die jeweiligen Jahre und in Ostsee, Schwarzes Meer, Nordostatlantik und Mittelmeer angeben)?

8

Wie oft wurde nach Kenntnis der Bundesregierung den zuständigen Behörden gemäß der EU-Verordnung ((EG) Nr. 1224/2009) seit 2013 bereits verloren gegangenes Fischereigerät gemeldet (bitte konkrete Anzahl aufgeschlüsselt in die jeweiligen Jahre und in Nord- und Ostsee angeben)?

9

Welche konkreten Maßnahmen führt die Bundesregierung durch, um den Beifang der Geisternetze in deutschen Meeresgewässern zu untersuchen, und welche konkreten Ergebnisse liegen ihr bereits vor – www.bundestag.de/resource/blob/651440/8691240faf14560c609f871dc461c33d/WD-8-038-19-pdf-data.pdf (bitte Beifang in Tonnen und aufgeschlüsselt in Nord- und Ostsee angeben)?

10

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Fangrate bzw. der Beifang der Geisternetze in deutschen Meeresgewässern (bitte in Prozent und aufgeschlüsselt in 90 Tage nach Verlust und 27 Monate nach Verlust angeben; www.bundestag.de/resource/blob/651440/8691240faf14560c609f871dc461c33d/WD-8-038-19-pdf-data.pdf)?

11

Wie hoch ist nach Einschätzung der Bundesregierung die durchschnittliche Fangrate bzw. der Beifang der Geisternetze in deutschen Meeresgewässern?

12

Welche konkreten Erkenntnisse konnte die Bundesregierung aus dem seit 2016 laufendem EU-Projekt „MARELITT Baltic“ insbesondere im Hinblick auf umweltfreundliche Bergungsmethoden von Geisternetzen bereits gewinnen?

13

Welche Erkenntnisse hat die im Rahmen des „MARELITT Baltic“-Projekts durchgeführte Umweltverträglichkeitsprüfung über den Einfluss der zur Aufsuchung und Bergung eingesetzten Geräte bzw. Egge auf den Meeresboden erbracht?

14

Inwiefern, und mit welchen finanziellen Mitteln ist die Bundesregierung am „MARELITT Baltic“-Projekt beteiligt?

15

Welchen konkreten Dialog hat die Bundesregierung mit Akteuren der Fischereiwirtschaft aufgenommen, um in Kooperation mit den Fischern Initiativen zu unterstützen, die einen vorzeitigen freiwilligen Verzicht auf Dolly Ropes (Kunststoffseile als Scheuerschutz an Schleppnetzen) bewirken, zu dem sie gemäß Bundestagsdrucksache 18/12944 aufgefordert ist?

16

Welche konkreten Lösungsansätze konnten nach Kenntnis der Bundesregierung für alternative Fangtechniken zur Minimierung der Konflikte zwischen Stellnetzfischerei und Naturschutzzielen und Schutzgütern in der deutschen AWZ (ausschließliche Wirtschaftszone) der Ostsee im Rahmen des STELLA-Projektes des bundeseigenen Thünen-Instituts erarbeitet werden (www.thuenen.de/de/of/projekte/fischerei-umwelt-ostsee/stellnetzfischerei-loesungsansaetze-stella/)?

17

Falls, bezugnehmend auf Frage 15, noch keine Lösungsansätze bekannt gegeben werden können, wann ist dann mit einer Veröffentlichung zu rechnen?

18

Welche konkreten Kenntnisse liegen der Bundesregierung über Meerestierarten und ihre Mengen vor, die durch Geisternetze jährlich in deutschen Meeresgewässern verenden (bitte konkrete Anzahl angeben und in Nord- und Ostsee aufschlüsseln)?

19

Besteht nach Einschätzung der Bundesregierung ein Gesundheitsrisiko für Menschen, das durch den Verzehr von mit Mikroplastik kontaminierten Meerestieren aus deutschen Meeresgewässern entstehen könnte? Wenn ja, in welcher Form?

20

Welche konkreten wissenschaftlichen Untersuchungen beauftragt die Bundesregierung, um potentielle gesundheitsschädigende Auswirkungen von mit Mikroplastik kontaminierten Meerestieren aus deutschen Meeresgewässern auf die menschliche Gesundheit hin zu untersuchen, um ein Expositionsrisiko ausschließen zu können?

21

Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Fortschritte bei der Umsetzung der EU-Richtlinie 2019/883 vor?

22

Welche Maßnahmen zur Sammlung, Entsorgung und Verwertung von Fischereigeräten haben nach Einschätzung der Bundesregierung die größte Kosteneffizienz?

23

Wie hoch schätzt die Bundesregierung die zusätzlich entstehenden Kosten für die Verwaltungen und für die Betriebe als Folge der EU-Richtlinie 2019/883 ein?

24

Welche Entsorgungspflichten entstehen für die Freizeitfischerei bzw. das Meeresangeln in Bezug auf die Abgabe an Hafenauffangeinrichtungen gemäß EU-Richtlinie 2019/883?

Berlin, den 30. Januar 2020

Christian Lindner und Fraktion

Ähnliche Kleine Anfragen