[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Gero Clemens Hocker, Frank Sitta,
Carina Konrad, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/19282 –
Methanemissionen der Tierhaltung
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
In der öffentlichen Wahrnehmung werden Kühe gerne als „Klima-Killer“
dargestellt (
https://www.welt.de/wissenschaft/video199492382/Klimakiller-Eine-
Kuh-ist-in-etwa-so-klimaschaedlich-wie-ein-Kleinwagen.html), denn der
Methanausstoß von Wiederkäuern und insbesondere Kühen ist Mitverursacher
für den Treibhauseffekt. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und
nukleare Sicherheit (BMU) fordert daher, den Ausstoß von Methan (CH4)
drastisch zu mindern (
https://www.bmu.de/faq/zum-umsteuern-ist-es-eh-scho
n-zu-spaet/). Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
(BMEL) erklärt, dass einer Anpassung der Tierbestände dabei eine
entscheidende Bedeutung im Kampf gegen den Klimawandel zukomme (
https://www.
bmel.de/DE/Landwirtschaft/Nachhaltige-Landnutzung/Klimawandel/_Texte/
Klimamaßnahmen.html). Studien zufolge ist die Nutztierhaltung aber nicht
nur Verursacher von Emissionen, sondern kann etwa durch ein entsprechend
angepasstes Weidemanagement sogar zur Kohlenstoffspeicherung im Boden
beitragen (
https://www.nature.com/articles/srep04444.pdf).
Um die im Pariser Klimaabkommen von 2015 vereinbarten Ziele zu erreichen,
müssen Treibhausgase und ihr Erwärmungspotenzial möglichst genau erfasst
und Wechselwirkungen berücksichtigt werden. Eine Möglichkeit, die
Klimawirksamkeit von Methan zu beschreiben, liegt im Global Warming Potential
(GWP). Das GWP dient dazu, die komplexen Auswirkungen verschiedener
Gase auf die globale Erwärmung vergleichbar zu machen und beschreibt, wie
viel Energie die Emissionen von einer Tonne Gas über einen bestimmten
Zeitraum im Verhältnis zu den Emissionen von einer Tonne Kohlendioxid (CO2)
absorbieren (
https://www.epa.gov/ghgemissions/understanding-global-warmin
g-potentials#Learn%20why). Besonders gängige Maßzahlen sind das GWP20
und GWP100. GWP20 beschreibt das Erwärmungspotenzial in einem Zeitraum
von 20 Jahren, GWP100 im Zeitraum von 100 Jahren (
https://www.oxfordmart
in.ox.ac.uk/downloads/reports/Climate-metrics-for-ruminant-livestock.pdf).
Der Weltklimarat (IPCC) bezieht sich in seinen Analysen und Berichten auf
den Standard des GWP100. Die Klimawirksamkeit des Methans fällt je nach
Betrachtungszeitraum (20 oder 100 Jahre) unterschiedlich aus (
https://www.ep
a.gov/ghgemissions/understanding-global-warming-potentials#Learn).
Deutscher Bundestag Drucksache 19/19700
19. Wahlperiode 02.06.2020
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft
vom 29. Mai 2020 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Generell bleibt bei der Betrachtung jedoch meist unberücksichtigt, dass sich
die Gesamtmenge der Methanemissionen im Gegensatz zu CO2-Emissionen
nicht unendlich aufsummiert, sondern Methan nach rund zehn Jahren in der
Atmosphäre zu Formaldehyd, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid zerfällt.
Diese Gase haben andere Treibhauseffekte als das ursprünglich emittierte Methan
(
https://link.springer.com/article/10.1007/BF03039368).
1. Wie steht die Bundesregierung zum Vorhaben des BMU, den Ausstoß
von Methan „drastisch“ abzubauen (
https://www.bmu.de/faq/zum-umste
uern-ist-es-eh-schon-zu-spaet/)?
Auf der Internetseite
https://www.bmu.de/faq/zum-umsteuern-ist-es-eh-schon-z
u-spaet/ referiert das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare
Sicherheit (BMU) im Kontext einer Auseinandersetzung mit „Argumenten“
von Klimawandelskeptikern die Empfehlungen des Weltklimarats (IPCC –
Intergovernmental Panel on Climate Change) aus seinem Sonderbericht zum 1,5
Grad-Ziel. Konkret geht es um diese Textpassage: „Limiting warming to 1.5°C
implies reaching net zero CO2 emissions globally around 2050 and concurrent
deep reductions in emissions of non-CO2 forcers, particularly methane (high
confidence).“ Sie ist auf Seite 95 im zweiten Kapitel des Sonderberichts zu
finden, das im Internet unter
https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/sites/2/2019/
05/SR15_Chapter2_Low_Res.pdf in englischer Sprache veröffentlicht wurde.
Im Übrigen hat die Bundesregierung mit dem Klimaschutzgesetz und dem
Klimaschutzprogramm 2030 einen klaren Zielerreichungspfad beschlossen. Jeder
Sektor wird bis 2030 jährlich verbindliche Treibhausgas-Emissionsbudgets
einhalten müssen. In der Landwirtschaft müssen ausgehend vom Basisjahr 2020
die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 12 Mio. t CO2-Äquivalente gemindert
werden. Dazu gehört auch eine Verringerung des Methanausstoßes aus
landwirtschaftlichen Quellen.
2. Durch welche Maßnahmen beabsichtigt die Bundesregierung ggf., die
Reduktion der Methanemissionen umzusetzen?
Die Bundesregierung hat geeignete Maßnahmen zur Minderung der
Methanemissionen im Klimaschutzprogramm 2030 unter anderem im Kapitel
Landwirtschaft beschlossen. Diese reichen von züchterischen Möglichkeiten über
methanreduzierende und leistungsgerechte Fütterung bis hin zur Erhöhung der
energetischen Gülle- und Reststoffnutzung in Biogasanlagen. Von 1990 bis
2018 sind die Methanemissionen in den Quellgruppen Energie und Abfall um
etwa 75 Prozent gesunken, in der Quellgruppe Landwirtschaft um 25 Prozent.
Es ist zudem davon auszugehen, dass die Emissionen aus der Gewinnung und
Verteilung von Brennstoffen weiter abnehmen werden, u. a. durch die
rückläufige Kohleförderung in Deutschland.
3. Wie beabsichtigt die Bundesregierung ggf., die Forderungen des BMEL
nach einer Reduzierung der Tierbestände umzusetzen (
https://www.bme
l.de/DE/Landwirtschaft/Nachhaltige-Landnutzung/Klimawandel/_Texte/
Klimamaßnahmen.html)?
Die Reduzierung der Tierbestände wird vom Bundesministerium für Ernährung
und Landwirtschaft (BMEL) nicht gefordert. Das BMEL hat eine
Nutztierstrategie vorgelegt und hier den Zusammenhang von Tierhaltung und Flächen
verdeutlicht.
4. Wie bewertet die Bundesregierung das Potenzial der CH4-
Sequestrierung, also der Einlagerung von im Methan gebundenem Kohlenstoff in
den Boden durch ein gezieltes Weidemanagement (
https://www.natur
e.com/articles/srep04444.pdf,
https://www.nature.com/articles/srep4085
7.pdf)?
Ein signifikantes zusätzliches Potenzial der CH4-Sequestrierung durch ein
gezieltes Weidemanagement besteht für Deutschland nicht. Die Situation des
Weidelandes in Deutschland ist nicht vergleichbar mit dem Weideland in
China, auf das in der Literaturquelle Bezug genommen wird und das durch
Überbeweidung zu über 90 Prozent sehr stark geschädigt und degradiert wurde.
Biologisch aktive, gut belüftete Böden sind eine Senke für Methan;
wassergesättigte Böden, in denen anaerobe Bedingungen vorherrschen, emittieren Methan.
Die Methanaufnahme der Böden liegt in einer Spanne von unter1 bis rund 6 kg
Methan pro Hektar und Jahr und ist somit im Vergleich zur direkten
Methanemission aus dem Verdauungstrakt der Rinder (z. B. im Mittel rund 138 kg
Methan pro Kuh bei einer Milchleistung von 8100 Litern pro Jahr) vergleichsweise
gering.
5. Welche Forschungsprogramme sind der Bundesregierung bezüglich der
CH4-Sequestrierung durch die Nutztierhaltung bekannt, und welche
Rückschlüsse zieht sie daraus für ihre politischen Vorhaben (bitte nach
Forschungsinstitut und Forschungsprogramm aufschlüsseln)?
Das BMEL hat gezielt einen neuen Förderschwerpunkt zum Klimaschutz
eingerichtet. Dazu wurden vier Bekanntmachungen zu den Themen Tier- und
Pflanzenproduktion sowie Bodenbewirtschaftung und nachwachsende
Rohstoffe veröffentlicht. Hervorgegangen sind daraus 48 Forschungsvorhaben, die mit
über ca. 34 Millionen Euro gefördert werden. Ein Forschungsprogramm zur
CH4-Sequestrierung gibt es allerdings nicht. Allenfalls werden Projekte
gefördert, die der CO2-Sequestrierung vornehmlich im Boden dienen.
6. Welchen Anteil haben nach Kenntnis der Bundesregierung die deutschen
Methanemissionen an den gesamten deutschen Treibhausgasemissionen
auch im Vergleich zum Anteil der weltweiten Methanemissionen an den
weltweiten Treibhausgasemissionen, und welche Schlussfolgerungen
zieht die Bundesregierung daraus?
In Deutschland liegt seit etwa 2010 der Anteil von Methan stabil zwischen 6,1
und 6,3 Prozent an den gesamten Treibhausgas-Emissionen in CO2-
Äquivalenten. Weltweit lag der Anteil im Jahr 2015 bei 18 Prozent. Die Bundesregierung
zieht hieraus den Schluss, dass Methanemissionen durchaus eine Rolle beim
Klimawandel innehaben, aber insbesondere in Deutschland selbst eine
drastische Emissionsminderung bei Methan Anstrengungen zur CO2-
Emissionsminderung nicht ersetzen kann.
7. Welchen Anteil hat nach Kenntnis der Bundesregierung die deutsche
Rinderhaltung und Milchviehhaltung am Klimawandel, und welche
Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung daraus?
Die Rinder- und Milchviehhaltung in Deutschland verursacht einschließlich des
Wirtschaftsdüngemanagements jährliche Emissionen von ca. 30 Mio. t CO2-
Äquivalenten, für die gesamte Tierhaltung sind es gut 34 Mio. t. Dies entspricht
einem Anteil von 3,6 bzw. 4,12 Prozent an den gesamten
Treibhausgasemissionen Deutschlands. Seit 1990 haben die Emissionen in diesem Bereich um 27,6
bzw. 29,0 Prozent abgenommen. Um diesen Trend fortzuführen, hat die
Bundesregierung im Klimaschutzprogramm 2030 Maßnahmen beschlossen, die
Emissionsminderungen in der Tierhaltung und im
Wirtschaftsdüngermanagement zum Ziel haben. Die Kernaufgabe der Landwirtschaft ist jedoch die
Produktion von Nahrungsmitteln, die nicht emissionsfrei erfolgen kann.
8. Welche weiteren Quellen sind nach Kenntnis der Bundesregierung neben
der Nutztierhaltung für die Methanemissionen weltweit und
deutschlandweit verantwortlich (bitte nach Quelle und Anteil aufschlüsseln)?
50 bis 65 Prozent der globalen Methan-Emissionen stammen aus
anthropogenen Quellen. Im Jahr 2015 lagen diese anthropogen verursachten
Methanemissionen bei 9,2 Mrd. t CO2-Äquivalenten. Die wichtigsten anthropogenen
Quellen weltweit sind Emissionen bei Förderung, Transport, Lagerung und
Umwandlung von festen, flüssigen und gasförmigen Brennstoffen (31,9 Prozent
der gesamten Methanemissionen), Emissionen der Tierhaltung (Verdauung und
Wirtschaftsdüngermanagement mit ebenfalls 31,9 Prozent), das Abfall- und
Abwassermanagement (21,5 Prozent) und der Nassreisanbau, auf dessen
überschwemmten Feldern anaerobe Fäulnisprozesse ablaufen (10,0 Prozent). In
Deutschland entstehen Methanemissionen außerhalb der Tierhaltung (61
Prozent), wenn Brennstoffe (Steinkohlenbergbau, Gasverteilung) gewonnen,
gefördert und verteilt werden (12 Prozent) und aus Verbrennungsprozessen im
Straßenverkehr und in stationären Anlagen (8 Prozent%). Eine weitere Quelle ist
die Methanbildung auf Abfalldeponien sowie durch die Abwasser- und
Klärschlammbehandlung und wenn Klärschlämme in der Landwirtschaft verwertet
werden (17 Prozent). Die geringfügigen Methanemissionen in den
Industrieprozessen bei der Erdölverarbeitung, der Herstellung von Eisen-, Stahl- und
Temperguss sowie der Verkokung von Braun- und Steinkohle sind im Vergleich
zu anderen Quellen nahezu vernachlässigbar.
9. Auf welcher Maßzahl (GWP20 oder GWP100 oder weiterer) basieren die
von der Bundesregierung veröffentlichten Daten bezüglich des
Treibhauspotenzials von Methanemissionen, und wie bewertet sie diese Maßzahl?
GWP („Global Warming Potential“) ist das Potenzial für die Erwärmung der
Atmosphäre durch verschiedene Treibhausgase, die jeweilige Zahl steht für die
Jahre, über die die Wirkung beobachtet bzw. verglichen wird. Entsprechend
fokussiert die in den Diskussionen innerhalb der Klimarahmenkonvention der
Vereinten Nationen (UNFCCC) vorgeschlagene Maßzahl GWP20 auf
kurzfristig(er) klimawirksamen Emissionen von Treibhausgasen als die Maßzahl
GWP100. Das Treibhauspotential des jeweiligen Klimagases wird dafür in
Relation zur Klimawirksamkeit von CO2 gesetzt. Dies ist für eine Verrechnung der
verschiedenen Gasemissionen notwendig, da sich die Wirkungen der
verschiedenen Gase auf die globale Erwärmung deutlich unterscheiden. Insofern
bewertet die Bunderegierung das GWP-Konzept so, dass bei bekannten
Emissionsmengen die unterschiedlichen Beiträge einzelner Treibhausgase verglichen
werden können. Wichtig ist zur Vergleichbarkeit, dass weltweit die gleiche
Maßzahl verwendet wird. Erschwert wird der Vergleich von Emissionen
unterschiedlicher Treibhausgase durch ihre unterschiedlich lange Verweilzeit in der
Atmosphäre, so dass GWPs auf eine Zeitdauer bezogen werden müssen.
Die von der Bundesregierung veröffentlichten Daten für die
Klimaberichterstattung erfolgen ausschließlich auf der Basis der Maßzahl GWP100. Die
Entscheidung, dass das GWP100 zur Grundlage der Beurteilung von
Minderungsmaßnahmen im Rahmen von Kyoto-Protokoll und Übereinkommen von Paris
wurde, ist wissenschaftsbasiert, aber primär politisch begründet. Methan wird
derzeit mit einem GWP100 von 25 berechnet (s. FCCC/CP/2013/10/Add. 3 zur
Emissionsberichterstattung) und basiert auf dem IPCC Assessment Report 4.
Im letzten IPCC Assessment Report 5 wird ein Wert von 28 angegeben und
zukünftig verwendet. Aufgrund des hohen Treibhausgaseffekts und der geringen
Verweilzeit in der Atmosphäre hat Methan hohe kurzfristige Klimawirkungen.
Der GWP20 von Methan liegt bei 84. Eine Reduzierung der anthropogenen
Methanemissionen hat demnach einen hohen und schnell wirksam werdenden
Effekt. Eine Orientierung an der Maßzahl GWP20 beinhaltet die Gefahr, durch die
Konzentration auf die Minderung kurzfristig klimawirksamer
Treibhausgasemissionen die Minderung langfristig wirksamer Treibhausgasemissionen aus
dem Blick zu verlieren und so gegebenenfalls Anbindeeffekte (Lock-In-
Effekte) herbeizuführen. Entsprechend ist in den UNFCCC-Verhandlungen die
Umstellung auf die Maßzahl GWP20 abgelehnt worden.
10. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zu Wirkungen von
Methan nach der Verfallszeit vor, und welche Schlüsse zieht sie daraus für
die Auswirkung von Methan als Treibhausgas?
In der Atmosphäre wird Methan zu CO2 und Wasser oxidiert. Dieses CO2 ist
allerdings bei biogenem Methan klimaneutral, weil am Ende nur maximal so
viel CO2 wieder in die Atmosphäre gelangt, wie zuvor aus der Luft entzogen
wurde.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
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