[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Andrew Ullmann, Michael Theurer,
Renata Alt, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/25165 –
Tuberkulosebehandlung und Prävention während der COVID-19-Pandemie
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Tuberkulose (TB) gehört mit ungefähr 1,4 Millionen Toten (2019) jährlich
weltweit zu den tödlichsten Infektionskrankheiten (
https://www.who.int/news-
room/fact-sheets/detail/tuberculosis). Schätzungen gehen davon aus, dass sich
jedes Jahr circa 10 Millionen Menschen, davon 1 Million Kinder, neu mit der
Krankheit anstecken, wobei jedoch nur knapp zwei Drittel der Neuinfizierten
ärztlich erfasst werden, da die Krankheit sich besonders in den stark von
Armut betroffenen Gebieten der Welt verbreitet.
Eine besondere Herausforderung bilden dabei die resistenten Tuberkulosen,
die klinisch in MDR bzw. XDR eingeteilt werden und den medizinischen
Sektor insbesondere in Nichtindustrienationen vor große Herausforderungen
stellt. Die resistenten Tuberkulosen gehen mit einem signifikant schlechteren
Outcome der Therapie einher und sind für fast ein Drittel aller durch resistente
Krankheitserreger verursachten Todesfälle verantwortlich. Während die
Resistenzlage sich weltweit bei Tuberkulose immer weiter zuspitzt, gibt es kaum
neue Therapieansätze. So ging die WHO 2019 von fast einer halben Million
Neuinfektionen mit einem resistenten Stamm der Tuberkulose aus, wovon
wiederum mehr als die Hälfte keinen Zugang zu einer Versorgung hatte. Alle
vier Medikamente, die derzeit laut den Richtlinien zur Bekämpfung der
Tuberkulose genutzt werden, wurden noch im vergangenen Jahrtausend entwickelt.
Seit 2000 haben es lediglich drei neue Medikamente (Stand 2020) bis zur
Marktreife geschafft (
https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/tuber
culosis). Dazu kommt, dass im Jahr 2020 sich die Mittel für die Prävention,
Diagnose und Behandlung von Tuberkulose auf 6,5 Mrd. US-Dollar belaufen.
Das ist etwa die Hälfte des von der globalen Gemeinschaft im Jahr 2018
vereinbarten Ziels von 13 Mrd. US-Dollar entspricht (
https://news.un.org/en/stor
y/2020/10/1075352).
Durch die aktuelle Corona-Pandemie ergeben sich zusätzliche Probleme in der
Bekämpfung von Tuberkulose. So wurden infolge der Krise für die
Tuberkulosebekämpfung notwendigen finanzielle und personelle Ressourcen in
Corona-Maßnahmen investiert. Insbesondere die Daten- und Berichtsysteme zur
Erkennung von Infektionen wurden auf die COVID-19-Reaktion priorisiert.
Die Zahl an Nichtregistrierungen von Tuberkulose könnte infolge von
fehlenden Behandlungen zu steigenden Todesfallzahlen führen. Das könnte weltweit
Deutscher Bundestag Drucksache 19/25954
19. Wahlperiode 18.01.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit vom
15. Januar 2021 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
zu einer Übersterblichkeit an Tuberkulose von 200 000 bis 400 000 Menschen
im Vergleich zum Vorjahr führen (
https://www.dw.com/de/corona-gef%C3%A
4hrdet-kampf-gegen-tuberkulose/a-55279331).
Die Beendigung der TB-Epidemie bis 2030 gehört zu den Gesundheitszielen
der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen.
Spätestens seit dem UN General Assembly High-Level Meeting im Jahr 2018
(
https://www.who.int/news-room/events/un-general-assembly-high-level-meet
ing-on-ending-tb) gibt es weltweit intensivierte Bemühungen der
Staatengemeinschaft, die Problematik anzugehen. Mit der UN-Erklärung „United to
End Tuberculosis: An Urgent Global Response to a Global Epidemic“
bekräftigten die Staats- und Regierungschefs ihr Engagement für die Beendigung der
Tuberkulose bis 2030. Darin haben sie sich verpflichtet, den Zugang zu
leitbaren Medikamenten, einschließlich Generika, zu fördern und 40 Millionen
Menschen bis 2022 einen Zugang zu Diagnose und Behandlung zu
ermöglichen.
Zusätzlich zu dem Engagement auf internationaler Ebene sind jedoch auch
dringend neue Wege und Lösungen notwendig, um die Tuberkulose auch in
Deutschland aktiv und effektiv zu bekämpfen. Hierbei ist es von besonderer
Bedeutung, gefährdete Gruppen wie Wohnungslose und Menschen aus
Risikogebieten beim Screening besonders zu berücksichtigen.
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Im Rahmen der UN-Vollversammlung wurden 2018 internationale Ziele zur
globalen Reduktion der Tuberkulose vereinbart. Durch die SARS-CoV-2-
Pandemie sind die bisher erreichten Erfolge im Kampf gegen die Tuberkulose
weltweit gefährdet.
Verschiedene Modellierungen kommen zu dem Schluss, dass es weltweit durch
die Unterbrechung der Tuberkuloseversorgung zu einem mittelfristigen Anstieg
der Tuberkulosefälle und der dadurch verursachten Todesfälle kommt. Auch
die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht für das Jahr 2020 von negativen
Auswirkungen der SARS-CoV-2-Pandemie auf die Tuberkulosebekämpfung
aus, da es insbesondere in Hochinzidenzländern mit vergleichsweise geringen
Ressourcen zu Unterbrechungen bei Prävention, Fallfindung, Diagnosestellung
und Versorgung von Tuberkulosepatientinnen und Tuberkulosepatienten
gekommen sei. Ein großer Faktor ist dabei die Umverteilung von medizinischem
Personal, Diagnostik und Versorgungstrukturen wie Krankenhausbetten zur
Eindämmung der SARS-CoV-2-Pandemie, sodass diese der
Tuberkuloseversorgung nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen. Hinzu kommen der
erschwerte Zugang zur Gesundheitsversorgung durch Restriktionen im Rahmen
von Lockdowns und fehlendes Einkommen für Transport und medizinische
Behandlung.
Um zur Beendigung der Tuberkulose-Epidemie beizutragen, beteiligt sich
Deutschland an internationalen Initiativen. Dazu gehören der Globale Fonds
zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (GFATM), die Impfallianz
Gavi und der Global Health Investment Fund (GHIF), der gezielt innovative
Finanzierungslösungen für Gesundheitsprobleme in armen Ländern fördert. Im
Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit mit Partnerländern konzentriert sich
Deutschland auf die Förderung nationaler Tuberkulose-Kontrollprogramme in
Zentralasien (Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan) sowie in
Pakistan. In allen fünf Ländern wird eine hohe Rate an multiresistenten Tuberkulose-
Erregern beobachtet, die gegenüber mehreren Arzneimitteln unempfindlich
geworden sind.
Auf nationaler Ebene bleibt die Versorgung von Tuberkulosepatientinnen und
Tuberkulosepatienten weiter im Fokus. Hierzu zählt etwa auch die Stärkung des
Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) im „Pakt für den ÖGD“, da der ÖGD
eine wichtige Rolle in der Beratung und Begleitung von Tuberkulose-
Erkrankten in Deutschland einnimmt. Um mittelfristig zum Ziel der
Eliminierung der Tuberkulose beitragen zu können, sind Ressourcen im ÖGD
unverzichtbar, um die Fallfindung in Risikogruppen zu intensivieren oder
aufsuchende Beratung anbieten zu können. Zur Planung und Koordinierung der
Tuberkulosebekämpfung werden weiterhin Surveillance und Epidemiologie (Robert
Koch-Institut), Forschung (Forschungszentrum Borstel, (FZB)),
Patientenversorgung und Aufklärungsarbeit (Deutsches Zentralkomitee zur Bekämpfung
der Tuberkulose) durch die Bundesregierung gefördert.
1. Wie hat sich die Corona-Pandemie nach Einschätzung der
Bundesregierung auf den globalen Kampf gegen Tuberkulose ausgewirkt, und welche
Konsequenzen zieht sie daraus?
Menschen mit einer aktiven Tuberkulose und damit reduzierter Lungenfunktion
können besonders anfällig für einen schweren Verlauf einer COVID-19-
Infektion sein. Zudem geht die Tuberkulose-Fallfindung aufgrund von Umwidmung
von Mitteln für die COVID-19-Bekämpfung stark zurück, sodass viele
Menschen mit Tuberkulose nicht diagnostiziert werden und dementsprechend auch
keine Behandlung erhalten. Modellierungen der WHO deuten darauf hin, dass
ein Rückgang der Tuberkulose-Fallfindung um 50 Prozent über drei Monate
allein im Jahr 2020 zu 400 000 zusätzlichen Tuberkulose-Todesfällen führen
könnte. Dies könnte Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte im globalen
Kampf gegen Tuberkulose zunichtemachen. Um dies zu verhindern, und um
Leben zu retten, müssen Tuberkulose-Programme an Maßnahmen im
Zusammenhang mit COVID-19 angepasst werden. Zu diesem Zweck hat die
Bundesregierung über den Kernbeitrag (1 Mrd. Euro für 2020 bis 2022) an den
Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria (GFATM)
hinaus weitere 150 Mio. Euro für den COVID-19-Reaktionsmechanismus
(C19 RM) des Fonds bereitgestellt. Diese werden unter anderem dafür genutzt,
um die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die vom Fonds
finanzierten Programme inklusive der Tuberkulose-Programme zu minimieren.
2. Wie hat sich die Corona-Pandemie nach Auffassung der Bundesregierung
auf die Prävention, Fallfindung und Versorgung von Tuberkulosepatienten
und die Prävention von Tuberkulose in Hochprävalenzländern ausgewirkt?
In den ersten Monaten des Jahres 2020 zeigte sich ein starker Rückgang der
gemeldeten Tuberkulosefallzahlen in fast allen Ländern; besonders stark war
dieser Rückgang in einigen Hochinzidenzländern wie Indien, Indonesien,
Philippinen und Südafrika.* Dies ist multifaktoriell bedingt und die Gründe variieren
von Land zu Land. Die COVID-19-Pandemie ist besonders für die ärmsten
Länder der Welt mit schwachen Gesundheitssystemen und einer hohen
Tuberkulose-Prävalenz herausfordernd: Überlastetes Gesundheitspersonal und
erschwerter Zugang zu Tuberkulose-Gesundheitsdienstleistungen (inklusive
Prävention, Fallfindung und Versorgung) sind die Folge.
Zudem wirken sich politische Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie
– wie beispielsweise Ausgangssperren – und die Umleitung finanzieller,
personeller und labortechnischer Ressourcen für die Reaktion auf COVID-19,
schwerwiegend auf die Durchführung von Tuberkulose-Programmen in
Hochprävalenzländern aus. Aufgrund des hierdurch begrenzten Zugangs zu
Tuberkulose-Präventions- und Diagnosedienstleistungen, wird von einer hohen
Dunkelziffer an Tuberkulose-Neuinfektionen ausgegangen. Menschen mit Tuberkulo-
* WHO. Global Tuberculosis Report 2020. In. Geneva World Health Organization 2020.
se, die keine Behandlung erhalten, können die Krankheit unwissend
weiterverbreiten.
3. Sieht die Bundesregierung das Ziel der Vereinten Nationen, die Zahl der
TB-Infektionen von 2015 bis 2030 um 80 Prozent, die Zahl der Todesfälle
um 90 Prozent zu reduzieren, gefährdet?
Welche zentralen Herausforderungen bestehen nach Auffassung der
Bundesregierung neben der COVID-19-Pandemie für die angestrebten
Ziele?
Jedes Jahr werden etwa drei Millionen Menschen mit Tuberkulose nicht vom
Gesundheitssystem erfasst und erhalten deshalb keine adäquate Behandlung. In
Kombination mit der durch COVID-19 verursachten hohen Dunkelziffer an
Tuberkulose-Neuinfektionen, ist davon auszugehen, dass eine erhöhte Anzahl
von Menschen sich mit Tuberkulose infizieren wird und sich die Krankheit
unvermindert verbreiten kann.
Zudem stellt das vermehrte Aufkommen von multiresistenter Tuberkulose eine
große Herausforderung dar, das unter Sustainable Development Goal 3 („Ein
gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr
Wohlergehen fördern“ SDG 3) angesiedelte Ziel, die Tuberkulose-Epidemie bis 2030
zu beenden (SDG 3 Target 3) zu erreichen. Denn nur weniger als die Hälfte der
mit multiresistenten Erregern infizierten (Multi-Drug-Resistant-TB: MDR-TB)
Patientinnen und Patienten schließen eine Behandlung erfolgreich ab.
Die COVID-19-Pandemie wirkt sich weltweit auch nachteilig auf den Kampf
gegen HIV/AIDS aus, was zu weiteren Herausforderungen führt, da Menschen
mit HIV ein 18-fach erhöhtes Risiko haben, an Tuberkulose zu erkranken.
Unter HIV-positiven Menschen ist Tuberkulose nach wie vor die häufigste
Todesursache.
4. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl der TB-
Todesfälle weltweit in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?
Wie viele Menschen sind weltweit an einer resistenten TB gestorben (bitte
in Jahr, Regionen und Bevölkerungsgruppen – Geschlecht, Alter –
aufschlüsseln)?
Die WHO veröffentlicht jährlich auf ihrer Internetseite den Globalen
Tuberkulose Bericht, in dem unter anderem die Anzahl der Tuberkulose-Todesfälle
insgesamt und bei resistenter Tuberkulose ausgewiesen ist (
https://www.who.int/te
ams/global-tuberculosis-programme/tb-reports). Der Bericht wird jährlich
aktualisiert. Da in vielen Regionen keine systematisch erhobenen, verlässlichen
Surveillancedaten zur Tuberkulose vorliegen, müssen Schätzungen
vorgenommen werden. Als Surrogat für die Erfassung resistenter Tuberkulose-Fälle gilt
die Anzahl an Patientinnen und Patienten, die an Rifampicin- bzw.
multiresistenter Tuberkulose (Resistenz gegenüber mindestens Isoniazid und Rifampicin)
erkrankt sind (MDR/RR-TB). Für das Jahr 2020 liegen noch keine Angaben
vor. Die Angaben für die Jahre 2015 bis 2019 sind der Tabelle 1 zu entnehmen.
Genaue Daten zur Verteilung der Todesfälle nach Geschlecht und Alter liegen
nicht vor. Für das Jahr 2019 können dem Globalen Report Schätzungen zur
Verteilung nach Altersgruppen und Geschlecht z. B. bei HIV-negativen TB-
Fällen entnommen werden (
https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/33606
9/9789240013131-eng.pdf, S. 44).
Tabelle 1: Anzahl der Todesfälle insgesamt und für multi- bzw.
Rifampicinresistente Tuberkulose (MDR/RR-TB) weltweit und nach WHO Region 2015
bis 2019 (Schätzungen nach WHO; Definition der WHO-Regionen siehe
https://www.who.int/healthinfo/global_burden_disease/definition_regions/en/)
2015 2016 2017 2018 2019
Anzahl Tuberkulose-Todesfälle (in Tausenden)
weltweit 1.790 1.670 1.570 1.490 1.418
WHO-Region Euro 37 31 29 27 24
WHO-Region Östliches Mittelmeer 83 85 92 79 79
WHO-Region Afrika 750 666 608 546
WHO-Region Südostasien 784 687 667 659 652
WHO-Region West-Pazifik 95 108 97 97 90
WHO-Region Amerika 25 23 24 23 23
Anzahl Tuberkulose-Todesfälle MDR/RR-TB1
2015 2016 2017 2018 2019
weltweit 250.000 Nur
Abbildung mit
Prozent
Nur
Abbildung mit
Prozent
Nur
Abbildung mit
Prozent
182.000
1 Quelle:
https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/250441/9789241565394-eng.pdf?sequen
ce=1&isAllowed=y,
https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/274453/9789241565646-en
g.pdf, S. 110;
https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/329368/9789241565714-eng.pdf,
S. 105;
https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/336069/9789240013131-eng.pdf, S. 107.
5. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die TB-
Infektionszahlen weltweit in den vergangenen fünf Jahren entwickelt (bitte in Jahr,
Regionen und Bevölkerungsgruppen – Geschlecht, Alter – aufschlüsseln)?
Die Berichterstattung der WHO gibt Auskunft zur Anzahl der Tuberkulose-
Erkrankungsfälle (siehe Tabelle 2). Zu Alter und Geschlecht für die jeweilige
Region verweisen wir auf die Zusammenstellung der entsprechenden WHO-
Tabellen im Anhang.
Tabelle 2: Anzahl der Tuberkulose-Erkrankungsfälle weltweit und nach
WHO-Region 2015 bis 2019 (Schätzungen nach WHO)
2015 2016 2017 2018 2019
Anzahl Tuberkulose-Erkrankungsfälle (in Tausenden)
weltweit 10.400 10.400 10.000 10.000 9.960
WHO-Region Euro 323 290 273 259 246
WHO-Region Östliches Mittelmeer 749 766 771 810 819
WHO-Region Afrika 2.720 2.590 2.480 2.450 2.460
WHO-Region Südostasien 4.740 4.670 4.440 4.370 4.340
WHO-Region West-Pazifik 1.590 1.800 1.800 1.840 1.800
WHO-Region Amerika 268 274 282 289 290
6. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Resistenzzahlen
weltweit bei den TB-Erkrankten in den letzten fünf Jahren entwickelt
(bitte in Jahr, Regionen und Bevölkerungsgruppen – Geschlecht, Alter –
aufschlüsseln)?
Die folgenden Angaben (siehe Tabelle 3) beziehen sich auf das Vorkommen der
multi (MDR-) bzw. Rifampicin-resistenten Tuberkulosen (MDR/RR-TB) als
Surrogat für die Entwicklung der multiresistenten Tuberkulose und als
Schlüsselindikator für die grundsätzliche Entwicklung von Resistenzen. Auch hier
liegen keine detaillierten Angaben für Geschlecht und Alter vor (
https://www.wh
o.int/teams/global-tuberculosis-programme/tb-reports).
Tabelle 3: Geschätzter Anteil an Tuberkulose-Erkrankungsfällen mit multi
(MDR-) bzw. Rifampicinresistenten Tuberkulosen (MDR/RR-TB) (
https://ww
w.who.int/teams/global-tuberculosis-programme/tb-reports)
2015 2016 2017 2018 2019
Geschätzer Anteil an Tuberkulose-Erkrankungsfällen mit MDR/RR-TB (Unsicherheitsintervall)
Weltweit neu 3,9 %
(2,7–5,1)
4,1 %
(2,8–5,3)
3,5 %
(2,5–4,7)
3,4 %
(2,5–4,4)
3,3 %
(2,4–4,4)
Weltweit vorbehandelt 21 %
(15–28)
19 %
(9,8–27)
18 %
(6,3–34)
18 %
(7,6–31)
18 %
(9,7–27)
WHO-Region Euro neu 16 %
(11–20)
19 %
(12–26)
17 %
(16–18)
18 %
(16–19)
17 %
(16–18)
WHO-Region Euro vorbehandelt 48 %
(42–53)
55 %
(43–67)
53 %
(46–61)
54 %
(47–61)
52 %
(45–59)
WHO-Region Östliches Mittelmeer
neu
4,1 %
(3–5,1)
4,2 %
(1,7–6,7)
4,3 %
(3,0–5,8)
4 %
(2,8–5,4)
4 %
(2,8–5,4)
WHO-Region Östliches Mittelmeer
vorbehandelt
17 %
(12–23)
17 %
(14–19)
18 %
(2,9–42)
16 %
(2,2–41)
12 %
(1,5–32)
WHO-Region Afrika neu 3,0 %
(1,2–4,9)
2,7 %
(2–3,5)
2,7 %
(1,7–4,0)
2,5 %
(1,6–3,6)
2,6 %
(1,6–3,7)
WHO-Region Afrika vorbehandelt 15 %
(7,5–22)
14 %
(8,4–20)
14 %
(0,49–43)
12 %
(0,55–39)
11 %
(2,2–27)
2015 2016 2017 2018 2019
WHO Region Südostasien neu 2,6 %
(2,3–3,0)
2,8 %
(2,4–3,1)
2,7 %
(1,8–3,6)
2,6 %
(2,0–3,4)
2,5 %
(1,9–3,3)
WHO-Region Südostasien
vorbehandelt
17 %
(15–19)
13 %
(10–15)
13 %
(4,3–25)
14 %
(7,7–23)
14 %
(7,7–21)
WHO-Region West-Pazifik neu 5,1 %
(3,0–7,2)
5,3 %
(2,9–7,8)
5,0 %
(2,5–4,7)
4,6 %
(3,5–5,9)
4,6 %
(3,5–5,9)
WHO-Region West-Pazifik
vorbehandelt
26 %
(23–30)
25 %
(20–29)
24 %
(12–38)
16 %
(7,4–28)
24 %
(16–32)
WHO-Region Amerika neu 2,9 %
(1,6–4,2)
2,9 %
(1,4–4,3)
2,7 %
(1,6–4,0)
2,5 %
(1,5–3,8)
2,5 %
(1,5–3,8)
WHO-Region Amerika vorbehandelt 12 %
(7,3–17)
13 %
(6,9–20)
12 %
(3,8–24)
12 %
(4,0–24)
12 %
(3,9–23)
7. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl der TB- bzw.
HIV-Koinfektionen in den vergangenen fünf Jahren entwickelt (bitte in
Jahr, Regionen und Bevölkerungsgruppen – Geschlecht, Alter –
aufschlüsseln)?
Die Anzahl der Tuberkulose-/HIV-Koinfektionen weltweit und nach Regionen
sind der Tabelle 4 zu entnehmen. Nach Alter und Geschlecht stratifizierte
Angaben für die Tuberkulose-/HIV-Koinfektionen liegen nicht vor. Weiterhin ist
anzumerken, dass einige Länder, darunter Deutschland, keine Zahlen zu
Tuberkulose-/HIV-Koinfektionen erfassen und somit nicht an die WHO melden
können.
Tabelle 4: Anzahl der Tuberkulose-/HIV-Koinfektionen weltweit und nach
WHO-Region 2015 bis 2019 (Schätzungen nach WHO)
2015 2016 2017 2018 2019
Anzahl der Tuberkulose-/-HIV-Koinfektionen
weltweit 1170 1030 920 862 815
WHO-Region Euro 273 34 33 30 30
WHO-Region Östliches Mittelmeer 13 9,9 9,8 6,9 7,9
WHO-Region Afrika 834 764 663 615 595
WHO-Region Südostasien 227 163 152 140 117
WHO-Region West-Pazifik 34 29 31 41 36
WHO-Region Amerika 32 30 30 29 29
a) Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um solche
Konfektionen zu bekämpfen und vorhandene Strukturen in den Partnerländern
besser darauf auszurichten
Deutschland ist der viertgrößte staatliche Geber für den Globalen Fonds zur
Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (GFATM) und hat von 2002
bis Ende 2020 etwa 3,4 Mrd. Euro an den GFATM gezahlt. Dieser setzt HIV
und Tuberkulose-Programme in den Partnerländern um und hat seit 2002
insgesamt 21,9 Mrd. US-Dollar für Maßnahmen gegen HIV/AIDS sowie 7,4 Mrd.
US-Dollar für Maßnahmen gegen Tuberkulose zur Verfügung gestellt.*
Die Bundesregierung, vertreten durch das Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), setzt sich in den
Steuerungsgremien des GFATM für die Entwicklung und Implementierung von integrierten
Programmen ein, die über die jeweiligen Krankheiten hinaus einen Beitrag zur
Gesundheitssystemstärkung leisten. So befürwortet die Bundesregierung auch
die Umsetzung einer strategischen Initiative zur Tuberkulose-
Präventionsbehandlung für Menschen, die mit einer HIV-Infektion leben, durch den GFATM,
in der Allokationsperiode 2020–2022. Diese zielt auf eine hohe Abdeckung der
Tuberkulose-Präventionsbehandlung bei Menschen, die mit HIV-Infektion
leben, ab, um die Morbidität und Mortalität, die durch TB verursacht wurden, in
dieser Bevölkerungsgruppe zu senken.
Vermehrt werden die GFATM-Programme zu HIV/AIDS und Tuberkulose
gemeinsam umgesetzt. So hat der GFATM bereits 3,1 Mrd. US-Dollar für
gemeinsame HIV/Tuberkulose-Programme zur Verfügung gestellt.*
Im FZ (Finanzielle Zusammenarbeit-)Programm HIV Prävention I/II in
Südafrika wurde im Zusammenhang mit HIV-Tests auch standardmäßig auf TB,
Sexually Transmitted Infections (STIs) und andere nicht-übertragbare
Krankheiten getestet. Bei 1,064 Millionen getesteten Personen wurden 34 605
Tuberkulose-Infektionen neu festgestellt und zur weiteren Behandlung an eine
Gesundheitsstation überwiesen.
Die an das Projekt angeschlossenen Corona-Response-Maßnahmen
beinhalteten auch die Beschaffung von Laborgeräten zur Kapazitätserweiterung beim
nationalen Referenzlabor; die Laborgeräte können auch für TB-Diagnostik
verwendet werden.
*
https://data.theglobalfund.org/.
b) Wie beurteilt die Bundesregierung die niedrige Erfolgsrate bei der
Behandlung von Patienten mit Koinfektionen?
Die Bundesregierung unterstützt die Bestrebungen der WHO, die
Therapieerfolgsrate von 85 Prozent (Patientenkohorte 2018), die weltweit unter den Zielen
liegt, die in der End-Tuberkulose-Strategie angestrebt werden, weiter zu
verbessern (Ziel ist > 90 Prozent). Dazu kann eine weitere Steigerung der HIV-Ko-
Testung bei Diagnose einer Tuberkulose mit nachfolgend adäquater HIV-
Therapie ebenso beitragen, wie die Ausweitung präventiver Maßnahmen im
Rahmen eines konsequenteren Managements von latenten Tuberkuloseinfektionen
(LTBI) bei HIV-Infizierten. Darüber hinaus laufen aktuell mehrere groß
angelegte klinische Studien, um die Therapie der medikamentensensiblen
Tuberkulose, wie auch der resistenten Tuberkulose (auch im Fall einer HIV-Koinfektion)
kürzer und verträglicher zu machen. Bei der resistenten Tuberkulose haben hier
neue tuberkulosewirksame Medikamente (unter anderem Bedaquilin und
Delanamid) dazu beigetragen, in vielen Fällen auf eine intravenöse Gabe von
Medikamenten verzichten zu können sowie eine deutlich verkürzte orale
Behandlung zu ermöglichen.
8. Mit welchen Maßnahmen und in welchem Umfang hat die
Bundesregierung bei der Tuberkulosebekämpfung während der Corona-Pandemie in
besonders von Armut betroffenen Länder beigetragen?
Über seine Beiträge zum GFATM (s. o.) hat die Bundesregierung auch während
der Corona-Pandemie zur Tuberkulosebekämpfung beigetragen (konkrete
Maßnahmen siehe Antwort auf Frage 9). Mit einem Beitrag von weiteren 150 Mio.
Euro an den in der Antwort zu Frage 1 genannten Notfallmechanismus
(C19 RM) des Fonds hat die Bundesregierung darüber hinaus dazu beigetragen,
dass Partnerländer die Auswirkungen der Pandemie auf ihre Tuberkulose-
Programme minimieren können.
So profitiert z. B. Indien, als Land mit den meisten Tuberkulosefällen weltweit,
von der zusätzlichen Unterstützung durch den C19 RM während der Pandemie
und kann darüber unter anderem Schutzausrüstung für Gesundheitspersonal
finanzieren und Laborkapazitäten ausbauen. Dies ist zentral, um die
Tuberkulose-Programme im Land aufrechterhalten zu können. Auch über vom GF-
finanzierte Community-Outreach-Programme wird versucht, sicherzustellen, dass
Patientinnen und Patienten, trotz Ausgangssperren, ihre Behandlungsdosen
weiterhin erhalten können.
In einigen Ländern (zum Beispiel Benin, Niger) werden darüber hinaus über
den C19 RM auch sog. GeneXpert Machines finanziert, die neben der
Tuberkulose-Diagnostik auch für COVID-19-Testung genutzt werden können.
Um die indirekten gesundheitlichen Folgen der Pandemie abzufedern, wurde
mit Mitteln des Corona-Sofortprogramms in einigen Ländern die Versorgung
bezüglich HIV und Tuberkulose im Rahmen von Maßnahmen der
medizinischen Grundversorgung sichergestellt. In Sambia können dank der deutschen
Unterstützung für die Impfstoffbeschaffung 188 000 Kleinkinder unter zwei
Jahren unter anderem gegen Tuberkulose geimpft werden.
9. Welche konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung seit 2015 zur
weltweiten Bekämpfung der Tuberkulose ergriffen (bitte in Maßnahme,
beteiligte Bundesressorts, finanziellen Umfang aufschlüsseln)?
Welche Erfolge konnte die Bundesregierung dabei ausmachen?
Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) unterstützt die WHO bei der
weltweiten Tuberkulosebekämpfung. In den Jahren 2016/2017 stellte die
Bundesregierung der WHO insgesamt 2,5 Mio. US-Dollar für die
Tuberkulosebekämpfung zur Verfügung, die dazu beitrugen, wichtige Themen, wie HIV
und Tuberkulose, in der Europäischen Region weiter zu verfolgen. Für die
Jahre 2018/2019 betrug der Anteil der gezahlten Beiträge an die WHO zur
Tuberkulose- und HIV-Bekämpfung insgesamt 5,2 Mio. US-Dollar.
Auch im Rahmen der G20-Präsidentschaft im Jahr 2017 hat sich die
Bundesregierung dafür eingesetzt, dass die Tuberkulosebekämpfung an Wichtigkeit
gewinnt und in der G20-Gesundheitsministererklärung berücksichtigt wurde.
Mit dem 4. Finanzzyklus (2014 bis 2016) des Globalen Fonds zur Bekämpfung
von Aids, Tuberkulose und Malaria (GFATM), hat die Bundesregierung seit
2014 über das BMZ 1,89 Mrd. Euro an den GFATM ausgezahlt. Zwischen
2015 und 2020 hat der GFATM 3,38 Mrd. US-Dollar für die Tuberkulose-
Bekämpfung zur Verfügung gestellt.* Aus diesen Mitteln wurden Maßnahmen
finanziert, wie beispielsweise die Identifizierung von „vermissten“ Personen, die
mit Tuberkulose infiziert sind ohne davon zu wissen; Verbesserung des
Zugangs zu Tuberkulose-Diagnostik; Maßnahmen zur Tuberkulose-Behandlung
und -Prävention (besonders für Kinder und andere gefährdete Gruppen wie
Menschen, die mit HIV leben) und die Gewährleistung Zugangs zu neuen und
bezahlbaren Medikamenten für medikamentenresistente Tuberkulose.**
In der zweiten Phase des Regionalvorhabens zur Bekämpfung übertragbarer
Erkrankungen in der Ostafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (EAC) mit Fokus
auf antimikrobielle Resistenzen (AMR) werden mobile Container-Labore
bereitgestellt, die auch der Erkennung von bakteriellen Infektionen (zu denen
Tuberkulose gehört) dienen.
Wichtige deutsche Beiträge in der Tuberkulose-Bekämpfung werden über die
mit Mitteln der Finanziellen Zusammenarbeit aufgebauten und ausgestatteten
nationalen Referenzlabore in Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan,
Kasachstan und Pakistan geleistet. Die geschaffene Infrastruktur und das
Qualitätsmanagement sind weiter aktiv, auch wenn die eigentlichen Vorhaben bereits
abgeschlossen sind.
Aktive bilaterale Tuberkulose-Projekte gibt es derzeit noch in Tadschikistan
und Usbekistan. In Tadschikistan entsteht ein Behandlungszentrum für Kinder
am nationalen Tuberkulose-Referenzkrankenhaus Matcheton mit einem
Einzugsgebiet von 9 Millionen Einwohnern; in Usbekistan wird das Tuberkulose-
Labor in Samarkand als MDR-Referenzlabor eingerichtet und das TB-
Krankenhaus mit modernen medizinischen Geräten ausgerüstet. Nach Inbetriebnahme
der Einrichtungen werden noch Trainingsmaßnahmen für das Personal
angeschlossen.
Die Vorhaben leisten einen Beitrag zur konsequenten Umsetzung der von der
WHO empfohlenen Tuberkulose-Behandlungs-Strategie (direkt überwachte
Therapie DOT = directly observed treatment) und zu einer besseren Diagnose
der Patientinnen und Patienten. Laut WHO-Daten hat sich so die Tuberkulose-
Situation in Tadschikistan und Usbekistan über die letzten Jahre allmählich
verbessert: In Tadschikistan sind die Neuinfektionen zwischen 2009 und 2018 von
*
https://data.theglobalfund.org/.
** GFATM Results Report 2020.
231 auf 85 pro 100 000 Einwohner (einschließlich Tuberkulose/HIV-
Koinfektion) zurückgegangen; die Mortalität fiel von 46 auf 8,1 pro 100 000
Einwohner. In Usbekistan ist die Tuberkulose-Fallfindungsrate von 37 Prozent (2005)
auf 88 Prozent (2018) gestiegen.
Aktuelle BMZ finanzierte Tuberkulose-Maßnahmen der Finanziellen
Zusammenarbeit
Land Vorhaben Volumen BMZ PN
Tadschikistan Schwerpunktprogramm Gesundheit;
Komponente TBC-Bekämpfung,
Phase V
3,5 Mio. Euro (Investition &
Begleitmaßnahme)
201468008
Usbekistan Programm zur Bekämpfung der
Tuberkulose V + VI
5 Mio. Euro 200666321
200965889
Usbekistan DOTS Trainingsmaßnahmen durch
WHO
1 Mio. Euro (aus SFF Mitteln) 200370106/
199870437
In mehreren Maßnahmen unterstützt das Bundesministerium für Bildung und
Forschung (BMBF) Tuberkulose-Forschungs- und Entwicklungsprojekte. So
finanziert das BMBF im Rahmen der von der Europäischen Union unterstützten
„European & Developing Countries Clinical Trials Partnership“ (EDCTP),
einer Partnerschaft zwischen Ländern in Europa und Subsahara-Afrika, u. a.
den Aufbau eines großen klinischen Tuberkulose-Studiennetzes. Hier werden
gleich mehrere Tuberkulose-Arzneimittel in Kombinationstherapie geprüft.
Weitere Projekte fokussieren auf Diagnostik in pädiatrischer Tuberkulose oder
die Phase-III-Studie eines TB-Vakzins.
Bereits seit 2011 unterstützt das BMBF sogenannte
Produktentwicklungspartnerschaften (PDPs). PDPs sind Non-Profit-Organisationen mit dem Ziel,
Präventionsmethoden, Impfstoffe und Medikamente beziehungsweise Diagnostika
für die kostengünstige Behandlung von Krankheiten zu entwickeln, die Länder
mit geringem Einkommen in besonderer Weise betreffen. Hier fördert das
BMBF die Produktentwicklungspartnerschaften „Foundation for Innovative
New Diagnostics (FIND)“ und TB Alliance. FIND entwickelt diagnostische
Schnelltests für Tuberkulose, vor allem für MDR/XDR-TB. In Kooperation mit
der Firma Cepheid hat FIND einen Schnelltest entwickelt, der eine Diagnose in
weniger als 90 Minuten bei gleichzeitiger Resistenzbestimmung ermöglicht.
Das bisherige Testverfahren für die Resistenzbestimmung ist sehr komplex und
dauert zuweilen bis zu 16 Wochen. TB Alliance widmet sich der Entwicklung
von schneller wirkenden und bezahlbaren Tuberkulose-Medikamenten. Unter
anderem mit Hilfe der BMBF-Förderung konnte das neuartige Antibiotikum
Pretomanid, das als Kombinationstherapie zur Behandlung hochresistenter
Tuberkulose eingesetzt wird, zugelassen werden.
Seit 2016 fördert das BMBF das Forschungskonsortium „TB-Sequel“, eines
von fünf „Forschungsnetzen für Gesundheitsinnovationen in Subsahara-
Afrika“. Das Netzwerk untersucht die Begleiterkrankungen, Risikofaktoren und
Langzeitkomplikationen von Tuberkulose und deren gesundheitliche
Auswirkungen auf die Bevölkerung in Afrika südlich der Sahara. Das
Forschungskonsortium „TB-Sequel“ hat zusätzliche Mittel für 2020/21 erhalten, um
insbesondere Tuberkulose-Verläufe unter der COVID-19-Pandemie genauer zu
erforschen.
Das BMBF beabsichtigt die Förderung von Forschungsvorhaben, die aufgrund
der SARS-CoV-2-Pandemie verzögert werden, zu verlängern, und Fördermittel
nach Bedarf aufzustocken.
Die entsprechenden Fördersummen sind der nachfolgenden Tabelle zu
entnehmen.
Aktuelle BMBF finanzierte Tuberkulose-Forschungs- und Entwicklungs-
Maßnahmen
Zuwendungsempfänger
Vorhaben Volumen Förderzeitraum
TB Alliance Verbesserte Medikamenten-Therapie der
Tuberkulose
20 Mio. Euro 2016–2021
FIND Entwicklung eines Schnelltests für
Tuberkulose
18,8 Mio. Euro
(nur anteilig für TB)
2016–2021
EDCTP Verschiedene klinische Studien sowie
Aufbau eines klinischen Tuberkulose-
Studiennetz
8,2 Mio. Euro 2016–2023
TB-Sequel
Konsortium
Tuberkulose-Sequel 11,5 Mio. Euro 2016–2022
10. Wie beurteilt die Bundesregierung die Resistenzentwicklung in armen
Ländern, und welche Maßnahmen der deutschen Entwicklungspolitik
richten sich gegen die Ursachen?
Weltweit bleibt die Ausbreitung von MDR/RR-TB im Verhältnis zur Anzahl
der neuen und vorbehandelten Fälle stabil. In einigen Ländern wird es aber
immer schwieriger, MDR-TB zu behandeln. Die Therapiemöglichkeiten sind
begrenzt und teuer; empfohlene Medikamente sind nicht immer verfügbar, und
die Patienten und Patientinnen spüren viele unerwünschte Wirkungen der
Medikamente. Daten zur MDR-TB-Situation in einzelnen Ländern finden sich im
Global Tuberculosis Report 2020 auf S. 56 mit Erläuterungen zur globalen
Situation ab S. 54 (
https://www.who.int/publications/i/item/9789240013131).
Der Globale Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria
(GFATM), und somit auch indirekt die Bundesregierung, trägt zur Bekämpfung
der Tuberkulose-Resistenzentwicklung bei, indem sie zum Beispiel Programme
zur Aufspürung von nicht-identifizierten Tuberkulose-Fällen implementiert.
Dabei ermöglichen die zumeist von GFATM finanzierten GeneXpert Machines
auch die Identifikation von multiresistenten Tuberkulose-Fällen (MDR-TB),
sodass Patientinnen und Patienten ihre Behandlung mit effektiver Medikation
(WHO Standard) beginnen können. So hat der GFATM die Einführung von
Bedaquilin und Delamanid zur Behandlung von resistenter Tuberkulose
unterstützt. Da diese Medikamente geringere Nebenwirkungen haben, erhöht dies
auch die Chancen der Behandlungstreue der Patientinnen und Patienten und
minimiert das Risiko der Entstehung neuer Resistenzen. Um die
Behandlungstreue zu erhöhen, unterstützt der GFATM auch Community-Outreach
Programme, die Aufklärungsarbeit leisten und versuchen, Diskriminierung und
Stigmatisierung von Tuberkulose-Patientinnen und Tuberkulose-Patienten zu
reduzieren, um so auch den Zugang zur Behandlung zu erhöhen. Im Jahr 2019 konnten
durch die Programme des GFATM circa 125 000 Menschen mit MDR-TB
behandelt werden*. In den Steuerungsgremien des GFATM setzt sich Deutschland
auch weiterhin dafür ein, dass die Bekämpfung von Resistenzen eine Priorität
in der nächsten Strategie ab 2023 des GFATM innehaben wird und fordert,
dabei einen ganzheitlichen Ansatz im Sinne des One Health Konzepts zu
verfolgen.
* GFATM Results Report 2020.
11. Welche Maßnahmen der neuen globalen Gesundheitsstrategie der
Bundesregierung „Verantwortung – Innovation – Partnerschaft: Globale
Gesundheit gemeinsam gestalten“ richten sich konkret auf die
Bekämpfung von Tuberkulose, und welche adressieren TB- bzw. HIV-
Koinfektionen?
Die am 7. Oktober 2020 vom Bundeskabinett verabschiedete Strategie der
Bundesregierung zur globalen Gesundheit ist eine übergeordnete Strategie, die
eine Vielzahl von Themen und Zielen abdeckt und insgesamt fünf
Themenfelder der globalen Gesundheitspolitik priorisiert. Ein Kernthema bildet hierbei
die Förderung von Gesundheit und Verhinderung von Krankheit. Bei der
Eindämmung von Infektionskrankheiten setzt Deutschland dabei auf die bereits
sehr erfolgreichen globalen Organisationen, Initiativen, Allianzen und Fonds –
wie den GFATM, als wichtigsten Finanzier von Programmen zur Eindämmung
von Tuberkulose, sowie die Stop TB Initiative, die eng mit dem Globalen
Fonds zusammenarbeitet oder den „Global Antimicrobial Resistance Research
and Development Hub“.
Im Rahmen der Strategie verpflichtet sich Deutschland dazu, diese und andere
globalen Partnerschaften weiterhin zu unterstützen. Sie setzt sich hierbei für die
Entwicklung und Verwirklichung eines Ansatzes ein, der zugleich das
Gesundheitssystem allgemein stärkt und krankheitsübergreifend Infektionskrankheiten
bekämpft.
Die Bundesregierung unterstützt den One Health-Ansatz auf globaler Ebene,
der die Wechselwirkungen zwischen Mensch, Tier und Umwelt beachtet.
Dadurch soll das Risiko einer möglichen wechselseitigen Übertragung der
Tuberkulose zwischen Mensch und Tier (v. a. Rind) verringert werden.
12. Wie verhalten sich die Zahlen der Tuberkulose-Neudiagnosen und
durchgeführten Behandlungen in Deutschland dieses Jahres und der letzten
fünf Jahre im Vergleich?
a) Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Unterschiede
in der Therapiekontinuität seit dem 1. März 2020, im Vergleich zum
gleichen Zeitraum 2019?
b) Ist nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2020 die Anzahl von
Therapieabbrüchen in Deutschland gestiegen?
Die Fragen 12 bis 12b werden gemeinsam beantwortet.
Der Tabelle 5 sind die Tuberkulosefälle und das Behandlungsergebnis in
Deutschland für die Jahre 2015–2019 zu entnehmen.
Tabelle 5: Tuberkulosefälle und Behandlungsergebnis in Deutschland 2015 bis
2019 (basierend auf den aktuellen Bericht zur Epidemiologie der Tuberkulose
in Deutschland für 2019 des Robert Koch-Instituts:
https://www.rki.de/DE/Con
tent/InfAZ/T/Tuberkulose/Archiv_Berichte_TB_in_Dtl_tab.html;jsessionid=D
7F9207530C7B7630F9F351013E16745.internet052)
Meldejahr 2015 2016 2017 2018 2019
Gemeldete Tuberkulosefälle insgesamt 5.836 5.945 5.498 5.492 4.791
Tuberkulosefälle mit Angaben zum
Behandlungsergebnis
5.293 5.456 5.040 4.758 Noch nicht
verfügbar
Anzahl Fälle mit erfolgreich
abgeschlossener Behandlung
4.290 4.584 4.174 3.864 Noch nicht
verfügbar
%-Anteil erfolgreich Behandelter 81,0 % 84,0 % 82,8 % 81,2 % Noch nicht
verfügbar
Meldejahr 2015 2016 2017 2018 2019
Anzahl Fälle mit Behandlungsabbruch 167 156 142 133 Noch nicht
verfügbar
%-Anteil Fälle mit Behandlungsabbruch 3,1 % 2,9 % 2,8 % 2,8 % Noch nicht
verfügbar
Anmerkung: Datenstichtag für alle Jahre: 1. März 2020. Die berechneten Anteile für das
Behandlungsergebnis beziehen sich jeweils nur auf die Fälle, für die Angaben zum Behandlungsergebnis
übermittelt wurden (siehe Zeile 2).
Nachdem im Jahr 2015 und 2016 deutlich höhere Fallzahlen im Vergleich zu
früheren Jahren registriert wurden, kam es 2017 zu einem Rückgang. Im Jahr
2018 verblieben die Fallzahlen auf diesem Niveau, während es 2019 wiederum
zu einer deutlichen Abnahme kam. Für das noch laufende Jahr 2020 können
noch keine endgültigen Aussagen getroffen werden, da noch mit der
Übermittlung von aktuell diagnostizierten Fällen beziehungsweise auch noch mit der
Nachübermittlung von Fällen zu rechnen ist. Stand 18. Dezember 2020 wurden
dem Robert Koch-Institut für das Jahr 2020 aktuell 3 932 Fälle übermittelt.
Diese Zahl ist jedoch aus den oben genannten Gründen mit Vorbehalt zu
bewerten. Belastbare Aussagen zum Jahr 2020 werden erst zum Stichtag 1. März
2021 möglich sein.
Aufgrund der langen Behandlungsdauer wird das Ergebnis der Behandlung
einer sensiblen Tuberkulose bis 12 Monate nach Diagnosedatum erhoben; für
resistente Tuberkulosen bis 24 Monate nach Diagnose. Daher können zum
jetzigen Zeitpunkt für das Jahr 2020 ebenfalls noch keine Aussagen getroffen
werden. Gleiches gilt auch für das Behandlungsergebnis für das Jahr 2019, da
auch hierfür die vollständigen Daten erst zum Stichtag 1. März 2021 vorliegen
werden.
13. Mit welchen Maßnahmen hat die Bundesregierung die vulnerable
Gruppe von Tuberkuloseerkrankten während der Corona-Pandemie in
Deutschland geschützt?
Inwieweit Tuberkulose ein eigenständiger Risikofaktor für eine Infektion mit
SARS-CoV-2 oder schwere Verläufe ist, kann bislang aufgrund der
vorhandenen Daten nicht sicher bewertet werden. Internationale Beobachtungsdaten
kleinerer Fallserien weisen möglicherweise auf ein erhöhtes Risiko hin. Es
bleibt jedoch unklar, ob dies auch für die Versorgung im deutschen
Gesundheitssystem zutrifft. Demgegenüber wird davon ausgegangen, dass
Folgeschäden an der Lunge, beispielsweise eine chronisch obstruktive
Lungenerkrankung, ein Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf darstellen.
Die vollständige Aufrechterhaltung der Versorgung von
Tuberkulosepatientinnen und -patienten in Deutschland wird unter den gegebenen Umständen als
prioritär angesehen. Diese erfolgt durch den stationären sowie ambulanten
(fachärztlichen) Gesundheitssektor. Längerfristige Einschränkungen der
Tuberkulose-Grundversorgung in Deutschland sind nicht bekannt.
Auch die Labordiagnostik der Tuberkulose war und ist nach vorliegenden
Kenntnissen nicht eingeschränkt. Eine detaillierte Bewertung der Situation wird
allerdings erst durch die Auswertung der Tuberkulosemeldedaten der
kommenden Jahre möglich sein.
14. Welche Informationen über neue Therapiekonzepte bei seltenen
Tuberkuloseformen wie Milliartuberkulose und tuberkulöse Meningitis, bei
denen es bisher vergleichsweise sehr wenige validierte Therapien gibt,
liegen der Bundesregierung vor?
Bei einer Miliartuberkulose wird von einer zerebralen Beteiligung ausgegangen
und daher abweichend von der Standardtherapie behandelt, wenn eine
Beteiligung des Zentralen Nervensystems nicht sicher ausgeschlossen werden kann.
Die tuberkulöse Meningitis stellt eine Sonderform der Tuberkulose dar, die
schwer behandelbar ist und mit einer hohen Mortalität und häufigen
Folgeschäden assoziiert ist. Internationale Forschungsgruppen wie das Tuberculous
Meningitis International Research Consortium beschäftigen sich mit der
Pathogenese und neuen Therapieansätzen. Beispielsweise wird eine höhere Dosierung
des Erstrang-arzneimittels Rifampicin diskutiert. Eingang in internationale
Empfehlungen hat dieses neue Therapiekonzept jedoch noch nicht gefunden.
Die deutschen Therapieempfehlungen werden derzeit überarbeitet und 2021 als
AWMF-S2k-Leitlinie veröffentlicht. In diesem Rahmen werden die aktuellen
Forschungsergebnisse zu neuen Therapiekonzepten bei seltenen
Tuberkuloseformen durch die Vertreter der Fachgesellschaften bewertet und Empfehlungen
für die Behandlung in Deutschland formuliert.
15. Welche in Deutschland durchgeführten Programme sind der
Bundesregierung bekannt, um insbesondere in städtischen Ballungsgebieten, in
denen die Inzidenz immer noch stark über dem Median liegt, fokussiert
Tuberkulose in Hochrisikogruppen, wie beispielsweise Obdachlose und
Drogenabhängige, effektiv zu bekämpfen?
16. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung getroffen, um in
Deutschland gefährdete Bevölkerungsgruppen wie Obdachlose mit der
Tuberkuloseprävention und Tuberkuloseversorgung zu erreichen?
Die Fragen 15 und 16 werden aufgrund des Sachzusammenhangs zusammen
beantwortet.
Tuberkulose ist in Deutschland eine seltene Erkrankung; 2019 wurden 4 791
Fälle an das RKI übermittelt (siehe Antwort zu Frage 12). Neben den
erwähnten Risikofaktoren wie Obdachlosigkeit und Drogenabhängigkeit sind auch die
Alkoholabhängigkeit, HIV-Begleitinfektion, soziale Benachteiligung/Armut
und die Herkunft aus Hochinzidenzländern zu nennen. Allerdings gibt es keine
systematische Auswertung der Häufigkeit einzelner Risikofaktoren bei
Tuberkulose in Deutschland.
Durch das Infektionsschutzgesetz (IfSG) sind Maßnahmen geregelt, die eine
Ausbreitung der Tuberkulose in Risikogruppen verhindern sollen. Vor
Aufnahme in eine Gemeinschaftsunterkunft muss nach § 36 Absatz 4 IfSG eine
ärztliche Bescheinigung dahingehend vorgelegt werden, dass kein Anhalt für das
Vorliegen einer ansteckungsfähigen Lungentuberkulose vorliegt. Des Weiteren
sind Röntgenkontrollen durch das Gesundheitsamt wie auch eine Absonderung
von ansteckungsfähig Erkrankten möglich, die eine Therapie verweigern. Die
Gesundheitsämter bieten zudem Beratung und Untersuchung bezüglich
Tuberkulose an oder stellen dies in Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen
sicher (§ 19 Absatz 1 IfSG). Im Einzelfall kann dies auch die ambulante
Behandlung durch einen Arzt oder durch eine Ärztin umfassen. Die Beratung kann
zudem auch aufsuchend angeboten werden. Mit dem Pakt für den Öffentlichen
Gesundheitsdienst (ÖGD) werden Gesundheitsämter in ganz Deutschland
personell aufgestockt. Der ÖGD mit seiner Aufgabenvielfalt im Bereich des
bevölkerungsbezogenen Gesundheitsschutzes, der Gesundheitsförderung und
Prävention sowie des Gesundheitsplanung soll insgesamt gestärkt werden.
Zur Eliminierung der TB fordert die WHO für Niedriginzidenzländer, speziell
TB und die latente Tuberkuloseinfektion (LTBI) in Risikogruppen zu
adressieren. Projekte und Programme mit diesem Ziel werden daher als sinnvoll
bewertet und finanziell gefördert. Zur Prävention in der besonders vulnerablen
Gruppe von Menschen mit Herkunft aus Hochinzidenzländern wird derzeit eine
gemeinsame Empfehlung Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der
Tuberkulose (DZK), dem Robert Koch-Institut (RKI), dem FZB und dem ÖGD
erarbeitet.
Derzeit werden zudem Studien und Projekte geplant bzw. durchgeführt, um
beispielsweise zu klären, ob es durch die Belastung des ÖGD in der Bewältigung
der SARS-CoV-2-Pandemie zu Unterbrechungen der Tuberkuloseversorgung
gekommen ist (Studie des Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der
Tuberkulose (DZK)). In weiteren Studien wird die Prävalenz sexuell und durch
Blut übertragbarer Infektionen und von Tuberkulose unter obdachlosen
Menschen erforscht (PoInT, RKI zusammen mit verschiedenen Partnern).
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]