[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Marcus Faber, Frank Müller-
Rosentritt, Alexander Graf Lambsdorff, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der FDP
– Drucksache 19/25477 –
Notwendigkeit einer NATO-China-Strategie
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Der Aufstieg der Volksrepublik (VR) China zur Weltmacht ist keine Prognose
mehr, sondern ein Fakt. Als NATO-Mitglied ist für Deutschland eine
gemeinsame Positionierung gegenüber der VR China innerhalb der Atlantischen
Allianz nach Auffassung der Fragesteller von zentraler Bedeutung für die
eigene Außen- und Sicherheitspolitik. Beim jüngsten Treffen der Staats- und
Regierungschefs im Dezember 2019 war ein zentraler Punkt der Londoner
Erklärung die Einordnung Chinas: So birgt der Aufstieg Chinas „sowohl
Chancen als auch Herausforderungen“ für das Bündnis (
https://nato.diplo.de/n
ato-de/londonererklaerung/2284588).
Die rasante Entwicklung Chinas als strategischer Akteur wird auch in der
militärischen Stärke der chinesischen Volksbefreiungsarmee immer sichtbarer.
In den vergangenen Jahren wurde seitens der VR China intensiv in
militärische und Dual-use-Fähigkeiten investiert, die in vielfacher Form eine
Bedrohung für das Bündnisgebiet darstellen können (
https://www.atlanticcounci
l.org/wp-content/uploads/2020/10/NATO-20-2020-Final-Volume.pdf).
Gleichzeitig stellt NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg fest, dass nicht die
NATO näher an China, sondern China durch seine Aktivitäten in der Arktis
und in Afrika, durch Investitionen in kritische Infrastruktur in Europa als auch
im Cyber- und Informationsraum näher an die NATO herangerückt ist (https://
www.atlanticcouncil.org/blogs/new-atlanticist/natos-role-in-a-transatlantic-str
ategy-on-china/). Parallel zu diesen Entwicklungen hat die Bundesregierung in
den „Leitlinien zum Indo-Pazifik“ bekräftigt, das eigene sicherheitspolitisches
Engagement in der Region auszuweiten und innerhalb der NATO für engere
Partnerschaftsbeziehungen in die Region zu werben (Bundestagsdrucksache
19/22254).
Somit wird der Aufstieg Chinas nach Ansicht der Fragesteller unweigerlich
mit wachsender Bedeutung eine Angelegenheit für das transatlantische
Bündnis – und damit auch für Deutschlands Sicherheits- und Verteidigungspolitik.
Aufgrund seiner wachsenden militärischen Kapazitäten, seiner Cyber- und
Informationsaktivitäten, seines wachsenden wirtschaftlichen Einflusses im
Bündnisgebiet und in weiten Teilen der NATO- und EU-Nachbarschaft sowie
der von der chinesischen Führung offiziell bekräftigten Absicht, in den kom-
Deutscher Bundestag Drucksache 19/26322
19. Wahlperiode 01.02.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Auswärtigen Amts vom 1. Februar 2021 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
menden Jahren, spätestens aber zum 100. Gründungsjahr der VR China 2049,
sich als eine militärische Weltmacht zu etablieren, muss sich die NATO
konzeptionell auf diese Herausforderung einstellen. Die Forderung nach einer
umfassenden NATO-Strategie gegenüber der VR China haben mittlerweile
etliche NATO-Experten erhoben, wie beispielsweise Dr. Karl-Heinz Kamp
(wehrtechnik, Ausgabe 3/2019, S. 3) und Dr. Stefanie Babst (
https://internatio
nalepolitik.de/de/nato-nachbar-china).
So greift auch die sogenannte Reflexionsgruppe der NATO in dem Bericht
„NATO 2030: United for a New Era“ die VR China deutlich als eine zentrale
Herausforderung für die Allianz auf (
https://www.nato.int/nato_static_fl2014/
assets/pdf/2020/12/pdf/201201-Reflection-Group-Final-Report-Uni.pdf). Die
Vorschläge der Expertengruppe sollen jetzt innerhalb der NATO bis zum
nächsten NATO-Gipfel im Jahr 2021 beraten werden, um dann ein
gemeinsames Vorgehen der NATO-Mitgliedstaaten zu beschließen. Aufgrund der
zentralen Rolle Deutschlands innerhalb der NATO bedarf es nach Ansicht der
Fragesteller einer klaren strategischen Positionierung der Bundesregierung
hinsichtlich dieser Entwicklungen.
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die Volksrepublik China hat in den vergangenen Jahren an globaler Bedeutung
als politischer und wirtschaftlicher Akteur gewonnen. Gleichzeitig baut die
Volksrepublik China ihre militärischen Fähigkeiten stetig aus. Das
kontinuierliche Wirtschaftswachstum, große Erfolge bei der Umsetzung der 17 Ziele für
nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030, die Modernisierung der
chinesischen Industrie, die Rolle der Volksrepublik China als Handelsnation und
weltweiter Investor haben die chinesische Volkswirtschaft zu einem zentralen
Akteur der Weltwirtschaft gemacht. Von dieser Entwicklung hat auch
Deutschland profitiert. Die Bundesregierung sieht auch weiterhin für Europa großes
Potential für eine Weiterentwicklung der Zusammenarbeit mit der
Volksrepublik China. In der Gemeinsamen Mitteilung der EU-Kommission und des
Europäischen Auswärtigen Dienstes vom 12. März 2019 (
https://ec.europa.eu/comm
ission/sites/beta-political/files/communication-eu-china-a-strategic-outlook_d
e.pdf) wird die Volksrepublik China als Partner, Wettbewerber und
systemischer Rivale charakterisiert.
Die politischen und ökonomischen Mächteverschiebungen haben
Auswirkungen auf die transatlantische Sicherheit. Die NATO setzt sich deshalb intensiv
mit den Auswirkungen dieser Dynamiken auf die transatlantische Sicherheit
auseinander. Im Rahmen der NATO-Außenministertagung am 3./4. April 2019
fand erstmals ein hochrangiger Austausch zur Volksrepublik China statt. Im
Anschluss führte die NATO einen umfangreichen Analyseprozess zu den
sicherheitspolitischen Auswirkungen des Aufstiegs der Volksrepublik China
und möglichen Folgen für die Allianz durch. In der Londoner Erklärung vom
4. Dezember 2019 stellten die NATO Staats- und Regierungschefs auf Basis der
erfolgten Analyse gemeinsam fest: „Wir erkennen an, dass Chinas wachsender
Einfluss und seine internationale Politik sowohl Chancen als auch
Herausforderungen bergen, die wir gemeinsam als Bündnis angehen müssen“. Die
Bundesregierung setzt sich innerhalb der Allianz dafür ein, die Balance zwischen
Maßnahmen zur Steigerung der Resilienz einerseits und Fortsetzung des Dialogs
mit der Volksrepublik China andererseits auf Grundlage der Londoner
Erklärung umzusetzen.
Auf der Tagung der NATO-Außenminister am 1./2. Dezember 2020 fand
erstmals eine rein auf die Volksrepublik China fokussierte Arbeitssitzung statt. An
dieser nahmen auch Vertreter der NATO-Partner Australien, Finnland, Japan,
Neuseeland, Schweden und Südkorea sowie der EU-Außenbeauftragte Josep
Borrell teil. Die NATO Außenminister verständigten sich darauf, dass die
NATO ihre Analyse der sicherheitspolitischen Implikationen aus dem Aufstieg
der Volksrepublik China fortführen, zur Stärkung der regelbasierten
internationalen Ordnung beitragen und die Resilienz von Alliierten und Partnern weiter
stärken wird. Daneben soll der Dialog mit China ebenso wie die
Zusammenarbeit und der Austausch mit Partnerstaaten und der EU fortgesetzt werden.
Dies entspricht auch dem in den Leitlinien der Bundesregierung zum Indo-
Pazifik (
www.auswaertiges-amt.de/blob/2380500/33f978a9d4f511942c241eb4
602086c1/200901-indo-pazifik-leitlinien--1--data.pdf) festgelegten Ziel, die
politischen und sicherheitspolitischen Beziehungen zu Partnern im
indopazifischen Raum auszubauen.
Zur Stärkung der politischen Dimension der Allianz und zur Anpassung an das
sich verändernde Sicherheitsumfeld haben die NATO Staats- und
Regierungschefs auf Initiative von Bundesminister des Auswärtigen, Heiko Maas, einen
Reflexionsprozess in Gang gebracht, der von NATO-Generalsekretär Jens
Stoltenberg geleitet wird. Im Rahmen dieses Reflexionsprozesses haben
externe Expertinnen und Experten am 1. Dezember 2020 einen
Abschlussbericht unter anderem mit Vorschlägen für die zukünftige Befassung der
Allianz mit der Volksrepublik China vorgelegt. Der Bericht wird weiter im
Bündnis diskutiert.
1. Ist aus Sicht der Bundesregierung der Aufstieg der VR China für die
NATO eher Chance oder eher Herausforderung (bitte begründen)?
2. Ist die Bundesregierung der Auffassung, dass nach der Einschätzung der
EU-Kommission vom März 2019, die China sowohl als „Partner“ als
auch als „Konkurrenten“ und „systemischen Rivalen“ einstuft, nun auch
die NATO das Verhältnis zu China einordnen sollte (
https://ec.europa.eu/
commission/sites/beta-political/files/communication-eu-china-a-strategi
c-outlook.pdf)?
3. Teilt die Bundesregierung die Auffassung der Reflexionsgruppe, dass die
VR China für die NATO ein „systemischer Rivale“ ist?
4. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass die VR China für die
NATO „als Sicherheitsherausforderung für die Zukunft verstanden
werden“ sollte (
https://www.welt.de/politik/deutschland/article221514100/N
ato-Wie-die-Nato-dem-Hirntod-entrinnen-will.html)?
5. Teilt die Bundesregierung die Auffassung der Reflexionsgruppe, dass die
NATO der VR China deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken sollte?
Die Fragen 1 bis 5 werden gemeinsam beantwortet.
In der Londoner Erklärung haben die NATO-Mitgliedstaaten gemeinsam
festgestellt, dass Chinas wachsender Einfluss und seine internationale Politik
sowohl Chancen als auch Herausforderungen bergen. Eine vertiefte strategische
Befassung der NATO mit dem Aufstieg der Volksrepublik China zu den
Auswirkungen auf die transatlantische Sicherheit ist aus Sicht der Bundesregierung
daher geboten. Nach Einschätzung der Bundesregierung sollte die Allianz
neben Maßnahmen zur Steigerung der Resilienz sowie einer konsequenten
Vertretung und Verteidigung eigener Interessen und Werte auch eine Intensivierung
des Dialogs mit der Volksrepublik China sowie Partnern in der Region und der
EU anstreben. Darüber hinaus wird auf die Vorbemerkung der Bundesregierung
verwiesen.
6. Welche Schlussfolgerung zieht die Bundesregierung daraus, dass es
innerhalb der NATO bis dato keine gemeinsame China-Politik gibt, und
hat das Bündnis dadurch politische und militärische Nachteile erlitten,
und wenn ja, welche?
Die NATO befasst sich eingehend mit den Auswirkungen des Aufstiegs der
Volksrepublik China auf die transatlantische Sicherheit. Diese
Auseinandersetzung ist nach Ansicht der Bundesregierung ausgewogen und angemessen
und hat zu keinen Nachteilen im Sinne der Fragestellung geführt.
7. Welche Schlussfolgerung zieht die Bundesregierung aus den wachsenden
militärischen Fähigkeiten der VR China, aktuell und projiziert, für die
Sicherheit der NATO und deren Mitgliedstaaten?
Die Bundesregierung ist der Ansicht, dass die wachsenden militärischen
Fähigkeiten der Volksrepublik China und die hieraus entstehenden Auswirkungen auf
die transatlantische Sicherheit weiter genau analysiert werden müssen. Neben
Maßnahmen zur Steigerung der Resilienz sollte die Allianz eine Intensivierung
des Dialogs mit der Volksrepublik China auch zu Abrüstungsfragen sowie der
Einbindung in internationale Rüstungskontrollregime anstreben.
8. Benötigt nach Ansicht der Bundesregierung die NATO eine einheitliche
Strategie gegenüber der VR China?
a) Wenn ja, welche Schwerpunkte müsste nach Ansicht der
Bundesregierung eine solche Strategie der NATO gegenüber der VR China
beinhalten?
b) Wenn ja, teilt die Bundesregierung die Auffassung von Dr. Stefanie
Babst, dass eine solche Strategie einen dualen Ansatz aus
„Verteidigungsbereitschaft und Abschreckung einerseits sowie Dialog- und
Kooperationsbereitschaft andererseits“ enthalten muss (
https://www.
welt.de/debatte/kommentare/plus209662259/Verteidung-Die-Nato-m
uss-China-selbstbewusst-entgegentreten.html)?
c) Wenn nein, mit welcher Begründung ist die Bundesregierung der
Auffassung, dass eine einheitliche Strategie gegenüber der VR China
nicht notwendig ist?
Die Fragen 8 bis 8c werden gemeinsam beantwortet.
Auf die Vorbemerkung der Bundesregierung sowie ihre Antworten zu den
Fragen 1 bis 5 und 7 wird verwiesen. Die NATO befasst sich mit den
sicherheitspolitischen Implikationen der zunehmenden wirtschaftlichen und
politischen Bedeutung der Volksrepublik China und wird die Analyse nach
Einschätzung der Bundesregierung auch in Zukunft fortführen.
9. Welche Schwerpunkte beinhaltete die vor drei Jahren eingeleitete
Initiative Deutschlands bei der NATO zum Umgang mit der VR China
(
https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus209662259/Verteidung-D
ie-Nato-muss-China-selbstbewusst-entgegentreten.html)?
10. Welche Maßnahmen und Debatten sind innerhalb der NATO aufgrund
der Initiative Deutschlands zum Umgang mit der VR China angestoßen
worden (
https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus209662259/Vertei
dung-Die-Nato-muss-China-selbstbewusst-entgegentreten.html)?
Die Fragen 9 und 10 werden gemeinsam beantwortet.
Auf deutsche Initiative fand im Februar 2018 ein Austausch der NATO-
Botschafter zur Volksrepublik China statt, bei dem die für das Bündnis
entstehenden Sicherheitsherausforderungen durch die auf globaler Ebene wachsende
Rolle der Volksrepublik China thematisiert wurden. Zudem hat die
Bundesregierung die Diskussionen im Bündnis zu China entlang der in der
Vorbemerkung dargelegten Positionierung unterstützt. Im Übrigen ist eine weitere
Initiative im Sinne der Fragestellung nicht bekannt.
11. Welche direkten Kontaktmöglichkeiten existieren nach Kenntnis der
Bundesregierung seitens der NATO zur VR China?
a) Welche hochrangigen Besuche sind zwischen der NATO und der
VR China nach Kenntnis der Bundesregierung durchgeführt worden
(bitte nach Datum, Themenschwerpunkt und hochrangigsten
Vertretern beiden Seiten aufschlüsseln)?
b) An welchen NATO-Konferenzen nahmen nach Kenntnis der
Bundesregierung militärische und diplomatische Vertreter der VR China
teil?
Die Fragen 11 bis 11b werden gemeinsam beantwortet.
Nach Kenntnis der Bundesregierung bestehen regelmäßige Kontakte zwischen
Vertretern des Internationalen Stabs der NATO und Vertretern der
Volksrepublik China. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg traf zuletzt am Rande der
Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2020 mit dem chinesischen
Außenminister Wang Yi zusammen. Der stellvertretende NATO-Generalsekretär
Mircea Geoanǎ traf sich 2020 in regelmäßigen Abständen mit dem
chinesischen Botschafter Zhang Ming in Brüssel. Vertreter der Volksrepublik China
nehmen regelmäßig an NATO-Konferenzen zu Massenvernichtungswaffen,
Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung teil, zuletzt virtuell im
November 2020. Von chinesischer Seite nahm der für Abrüstung zuständige
Botschafter Song Li teil.
12. Welche vertrauensbildenden Maßnahmen der NATO werden nach
Kenntnis Deutschlands mit der VR China genutzt?
Zwischen der NATO und Vertretern der Volksrepublik China finden im Sinne
der Vertrauensbildung sowohl hochrangige Gespräche als auch ein
regelmäßiger Austausch auf Arbeitsebene inklusive Teilnahme an Lehrgängen statt.
Darüber hinaus bestehen keine Mechanismen im Sinne der Fragestellung.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu den Fragen 11 bis 11b verwiesen.
13. Wird seitens der Bundesregierung die Einrichtung eines NATO-China-
Rates für sinnvoll erachtet (
https://www.europeanleadershipnetwork.org/
commentary/the-time-is-ripe-for-nato-to-consider-a-dual-track-strategy-t
owards-china/), und wenn ja, mit welcher Begründung?
14. Wurde nach Kenntnis der Bundesregierung innerhalb der NATO die
Einrichtung eines NATO-China-Rates vor der Veröffentlichung des
Reflexionsberichtes debattiert, und wenn ja, wann, und wie?
15. Welche Schritte müssen innerhalb der NATO nun erfolgen, damit ein
NATO-China-Rat eingerichtet werden kann?
16. Werden nach Kenntnis der Bundesregierung Gespräche zwischen der
NATO und der VR China zur Einrichtung eines NATO-China-Rates
geführt?
17. Ist die Bundesregierung der Auffassung, dass die VR China ein Interesse
an der Einrichtung eines NATO-China-Rates hat?
Die Fragen 13 bis 17 werden gemeinsam beantwortet.
Zur Haltung der Bundesregierung wird auf die Vorbemerkung und auf die
Antworten zu den Fragen 1 bis 8 verwiesen. Zum Stand des Dialogs mit der
Volksrepublik China wird auf die Antworten zu den Fragen 11 und 12 verwiesen.
Derzeit finden keine Gespräche zur Einrichtung eines Rates im Sinne der
Fragestellung statt.
18. Teilt die Bundesregierung die Auffassung von Dr. Stefanie Babst, dass
zwischen der NATO und der VR China ein „Mindestmaß an Transparenz
hinsichtlich seiner militärischen Ziele und Aktivitäten sowie seines
Verteidigungsbudgets“ herzustellen ist (
https://www.welt.de/debatte/komme
ntare/plus209662259/Verteidung-Die-Nato-muss-China-selbstbewusst-e
ntgegentreten.html)?
Nach Ansicht der Bundesregierung sollte der Dialog zwischen der NATO und
der Volksrepublik China auf gegenseitiger Transparenz basieren.
19. Welche weiteren Maßnahmen sollten innerhalb der NATO nach Ansicht
der Bundesregierung ergriffen werden, um mehr „Wissen über Peking,
seine Rüstung und Strategien zu sammeln“ (
https://www.welt.de/politik/
deutschland/article221514100/Nato-Wie-die-Nato-dem-Hirntod-entrinne
n-will.html)?
Es wird auf die Vorbemerkung der Bundesregierung und auf die Antwort zu
Frage 7 verwiesen.
20. Bedarf es nach Ansicht der Bundesregierung einer Aktualisierung des
Strategischen Konzeptes der NATO von 2010?
a) Wenn ja, sollte nach Ansicht der Bundesregierung die VR China als
politische, militärische und technologische Herausforderung
aufgenommen werden?
b) Wenn nein, bitte begründen?
Die Fragen 20 bis 20b werden gemeinsam beantwortet.
Die Beratungen innerhalb der NATO zu einer etwaigen Aktualisierung des
Strategischen Konzepts dauern an. Die Bunderegierung unterstützt eine solche
Aktualisierung.
21. Existiert aus Sicht der Bundesregierung eine unterschiedliche
Bedrohungswahrnehmung hinsichtlich der VR China zwischen den USA als
auch Kanada mit den 28 europäischen Bündnismitgliedern der NATO?
a) Wenn ja, in welchen Bereichen?
b) Welche konkreten Schritte beabsichtig die Bundesregierung zu
unternehmen, um die existierenden Divergenzen und Konvergenzen der
30 Bündnispartner gegenüber der VR China in eine effektive,
gemeinsame Strategie zu überführen?
Die Fragen 21 bis 21b werden gemeinsam beantwortet.
Aus Sicht der Bundesregierung besteht zwischen den Alliierten eine große
Übereinstimmung bei der Perzeption der Volksrepublik China.
22. Ist die Bundesregierung ebenfalls der Auffassung der Reflexionsgruppe,
dass „China die Uneinigkeit der Allianz“ ausnutzen könnte (
https://www.
spiegel.de/politik/deutschland/nato-reformvorschlaege-wie-weiter-
nachmacrons-hirntod-diagnose-a-a653971d-4f50-4736-bb7e-067f9e219978)?
Aus Sicht der Bundesregierung ist eine einheitliche und ausgewogene Haltung
der NATO gegenüber der Volksrepublik China wichtig, um die Interessen der
Allianz wahrnehmen und durchsetzen zu können. Darüber hinaus wird auf die
Vorbemerkung der Bundesregierung verwiesen.
23. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass die Aktivitäten der
VR China die Entscheidungsfindung innerhalb Europas, also unter den
europäischen NATO-Bündnismitgliedern, „paralysiert“ (
https://www.poli
tico.eu/article/for-nato-china-is-the-new-russia/; bitte Antwort
begründen)?
Die Bundesregierung teilt diese Auffassung nicht. Darüber hinaus wird auf die
Antworten zu den Fragen 21 und 22 verwiesen.
24. Existiert nach Kenntnis der Bundesregierung innerhalb der NATO eine
gemeinsame Bewertung möglicher hybrider Bedrohungen durch die
VR China?
Die NATO beobachtet Veränderungen in ihrem Sicherheitsumfeld,
einschließlich hybrider Aktivitäten von einer Vielzahl von Akteuren, auch aus der
Volksrepublik China, genau und bewertet den Einfluss dieser Veränderungen auf die
Sicherheit der Allianz.
25. Wird sich innerhalb der NATO nach Kenntnis der Bundesregierung über
Investitionen der VR China in die kritische Infrastruktur Europas –
insbesondere hinsichtlich der militärischen Mobilität der NATO, ihrer
maritimen Interessen und der Sicherheit ihrer Kommunikationssysteme –
regelmäßig ausgetauscht, und wenn ja, mit welchen Ergebnissen?
26. Betrachtet nach Kenntnis der Bundesregierung die NATO die
Investitionen der VR China in die kritische Infrastruktur in Europa – insbesondere
hinsichtlich der militärischen Mobilität der NATO, ihrer maritimen
Interessen und der Sicherheit ihrer Kommunikationssysteme – als
Sicherheitsbedrohung des Bündnisses?
27. Welche Maßnahmen ergreift nach Kenntnis der Bundesregierung die
NATO, um kritische Infrastruktur – insbesondere hinsichtlich der
militärischen Mobilität der NATO, ihrer maritimen Interessen und der
Sicherheit ihrer Kommunikationssysteme – zu schützen?
Die Fragen 25 bis 27 werden gemeinsam beantwortet.
Die Mitgliedstaaten der NATO tauschen sich regelmäßig zu Fragen der zivilen
Widerstandsfähigkeit, der Zivilverteidigung und der zivilen Unterstützung der
Streitkräfte aus. Sie beobachten und diskutieren in diesem Rahmen auch die
sicherheitspolitischen Auswirkungen von Investitionen unter anderem der
Volksrepublik China in kritische Infrastrukturen. Die gewonnenen Erkenntnisse
fließen in die Planungen und Maßnahmen der NATO in diesen Bereichen ein,
wie zum Beispiel die Mindestanforderungen der NATO an die zivile
Verteidigungsfähigkeit der Alliierten.
28. Wird innerhalb der NATO nach Kenntnis der Bundesregierung über
einen möglichen technologischen Vorsprung der VR China in
sicherheitsrelevanten Bereichen wie der 5G-Telekommunikation, künstlichen
Intelligenz, Hyperschallwaffen und Quantencomputer debattiert?
Wenn ja, welche Konsequenzen werden daraus für die NATO gezogen?
Die NATO beobachtet verstärkt die sicherheits- und verteidigungspolitischen
Auswirkungen neuer und disruptiver Technologien. Im Rahmen dieses
Austauschs zwischen Alliierten werden auch die Auswirkungen der chinesischen
Technologieentwicklung in sicherheitsrelevanten Bereichen betrachtet.
29. Welche Kooperationen und Dialogformate der NATO existieren nach
Kenntnis der Bundesregierung mit der VR China hinsichtlich der
militärischen Missionen und Operationen des Atlantischen Bündnisses?
Auf die Antwort zu Frage 12 wird verwiesen.
30. Welche Formen der direkten militärischen Zusammenarbeit hat die
NATO nach Kenntnis der Bundesregierung mit der VR China in den
vergangenen zehn Jahren durchgeführt?
Die direkte militärische Zusammenarbeit der NATO mit der Volksrepublik
China erfolgte in den vergangenen zehn Jahren im Rahmen von
Stabsgesprächen zwischen Vertretern des Internationalen Militärstabes der NATO und
militärischen Vertretern der Volksrepublik China sowie Teilnahmen chinesischer
Offiziere an Lehrgängen des NATO Defense College in Rom.
31. Wie bewertet die Bundesregierung eine mögliche Einbindung der
VR China in militärische Missionen und Operationen von maritimer
Bedeutung wie am Horn von Afrika?
Die Bundesregierung erwartet von der Volksrepublik China, dass sie eine ihrem
wirtschaftlichen und politischen Gewicht entsprechende internationale
Verantwortung für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit im Rahmen der
Satzung der Vereinten Nationen übernimmt. Die Bewertung einer Beteiligung
von Partner- und Drittstaaten an militärischen Einsätzen der NATO oder der EU
erfolgt stets einzelfallbezogen auf Grundlage der dafür vorgesehenen
Regularien beider Organisationen für die Beteiligung von Drittstaaten.
32. Welche Kooperationen und Dialogformate der NATO existieren nach
Kenntnis der Bundesregierung mit der VR China mit Blick auf
internationale Rüstungskontroll- und Abrüstungsanstrengungen?
Auf die Antwort zu Frage 12 wird verwiesen.
33. Welche Schlussfolgerungen werden nach Kenntnis der Bundesregierung
innerhalb der NATO hinsichtlich der „zunehmenden Konvergenz
zwischen den wirtschaftlichen, militärischen und strategischen Interessen“
der VR China und Russland für die Sicherheit des Atlantischen
Bündnisses gezogen (
https://www.degruyter.com/view/journals/sirius/1/4/article-
p379.xml)?
34. Teilt die Bundesregierung die Auffassung der Reflexionsgruppe, dass zur
Bewertung der Kooperationen zwischen Russland und der VR China in
der Joint Intelligence and Security Division (JISD) der NATO für diesen
Zweck eine Spezialeinheit eingerichtet werden soll?
35. Welche Schlussfolgerungen werden nach Kenntnis der Bundesregierung
innerhalb der NATO hinsichtlich gemeinsamer Übungen der VR China
und Russlands im Mittelmeer und in der Ostsee getroffen?
Die Fragen 33 bis 35 werden gemeinsam beantwortet.
Die NATO beobachtet die Entwicklung der Beziehungen zwischen Russland
und der Volksrepublik China einschließlich ihrer militärischen Zusammenarbeit
fortlaufend und bewertet diese mit Blick auf die Auswirkungen für die
Sicherheit der Allianz. Darüber hinaus wird auf die Vorbemerkung der
Bundesregierung verwiesen.
36. Bedarf es nach Ansicht der Bundesregierung der Aktualisierung der
Maritimen Strategie der NATO, um die erhebliche Modernisierung der
maritimen Fähigkeiten der VR China ausreichend zu berücksichtigen?
Die Maritime Strategie der NATO richtet sich nicht gegen einzelne Akteure
oder bestimmte Arten potentieller Bedrohungen. Entsprechend bietet sie das
notwendige Maß an Flexibilität, um angemessen auf Änderungen des
strategischen Umfelds im maritimen Bereich zu reagieren.
37. Inwiefern werden im Rahmen der NATO nach Kenntnis der
Bundesregierung militärische und sicherheitspolitische Entwicklungen im
asiatisch-pazifischen Raum strategisch bewertet und diskutiert?
38. Welche Maßnahmen werden seitens der NATO nach Kenntnis der
Bundesregierung getroffen, um den politischen Austausch und die
militärische Kooperation mit pazifischen Partnern wie Australien, Neuseeland,
Südkorea, Japan und die Mongolei weiter auszubauen?
Die Fragen 37 und 38 werden gemeinsam beantwortet.
Die Alliierten tauschen sich regelmäßig sowohl untereinander als auch mit
Partnern zu militärischen und sicherheitspolitischen Entwicklungen im
indopazifischen Raum aus. Deutschland unterstützt darüber hinaus die praktische
Zusammenarbeit der NATO mit den indo-pazifischen Partnern, insbesondere
in den Bereichen Cyber-Verteidigung, maritime Sicherheit, humanitäre Hilfe
und Katastrophenhilfe, Terrorismusbekämpfung, Rüstungskontrolle sowie im
Themenbereich Frauen, Frieden und Sicherheit. Der enge Austausch mit den
Partnern in der indo-pazifischen Region in Form gemeinsamer
Ausbildungsmaßnahmen und Übungen sowie die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der
Normung und Logistik verbessern die Interoperabilität zwischen den Partnern und
der Allianz. Darüber hinaus wird auf die Vorbemerkung der Bundesregierung
verwiesen.
39. Wird nach Kenntnis der Bundesregierung innerhalb der NATO eine
permanente militärische Präsenz in Asien diskutiert, und wenn ja, welche
Optionen werden debattiert?
40. Sollte sich die NATO nach Auffassung der Bundesregierung auf
Szenarien einer möglichen militärischen Konfrontation zwischen der VR
China und Taiwan vorbereiten, und wenn ja, mit welchen politischen und
militärischen Schlussfolgerungen?
Die Fragen 39 und 40 werden gemeinsam beantwortet.
Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, dessen geographische Dimensionen
klar definiert sind.
41. Teilt die Bundesregierung die Auffassung von Ian Brzezinski, dass
Verbindungsbüros, sogenannte NATO Liaison Offices, in Japan, Australien
und Südkorea, die bereits Partnerstaaten der NATO sind, hilfreich für die
Verfolgung der strategischen Interessen des Bündnisses im
asiatischpazifischen Raum sind (
https://www.atlanticcouncil.org/blogs/new-atlant
icist/natos-role-in-a-transatlantic-strategy-on-china; bitte begründen)?
42. Welche Wirkung und Reaktion würde nach Ansicht der Bundesregierung
eine mögliche dauerhafte Kooperation der NATO in der Region
auslösen?
Die Fragen 41 und 42 werden gemeinsam beantwortet.
Wie in der Vorbemerkung der Bundesregierung dargelegt besteht bereits eine
Kooperation zwischen der NATO und indo-pazifischen Partnern. Die
Bundesregierung setzt sich entsprechend den nationalen Leitlinien zum Indo-Pazifik
innerhalb der NATO für eine weitere Vertiefung der Beziehungen zu den
sogenannten „NATO Partners Across the Globe“ ein, zu denen im Indo-Pazifik
unter anderem Japan, Australien und Südkorea zählen. Die Bundesregierung ist
der Ansicht, dass NATO-Verbindungsbüros („NATO Liaison Offices“) in
Partnerländern grundsätzlich für die Verfolgung der strategischen Interessen
des Bündnisses hilfreich sein können.
43. Existieren nach Kenntnis der Bundesregierung seitens der NATO
Bemühungen, die Beziehungen zu Indien auszubauen?
Wenn ja, inwiefern?
Wenn nein, warum nicht?
Nach Kenntnis der Bundesregierung besteht ein Austausch zwischen Vertretern
des Internationalen Stabs der NATO und Indien.
44. Welche Formen der bilateralen militärischen Zusammenarbeit existieren
zwischen der VR China und der Bundesrepublik Deutschland?
Deutschland führt seit 1997 bilaterale militärische Ausbildungshilfe durch, in
deren Rahmen auch Offiziere der Volksrepublik China regelmäßig am
Lehrgang Generalstabs-/Admiralstabsdienst International an der Führungsakademie
der Bundeswehr teilnehmen. Ein bilaterales Jahresprogramm besteht seit 2004
(z. B. Informationsbesuche, Stabsgespräche, Fach- und Expertengespräche).
Ein Strategischer Dialog wird etwa alle zwei Jahre auf Ebene des
Stellvertretenden Generalinspekteurs durchgeführt. Jährlich wird ein
sicherheitspolitisches Seminar für deutsche und chinesische Generale und Admirale durch die
Bundesakademie für Sicherheitspolitik im Auftrag des Bundesministeriums der
Verteidigung abwechselnd in beiden Ländern veranstaltet. Letzteres wurde
2020 aufgrund der COVID-19-Pandemie ausgesetzt.
Auf Grundlage langjähriger Beziehungen der jeweiligen sanitätsdienstlichen
Kommandos wurden 2016 in der Volksrepublik China und 2019 in Deutschland
gemeinsame Übungen namens COMBINED AID durchgeführt. Die
Durchführung einer weiteren Übung dieser Serie im Jahr 2022 in der Volksrepublik
China wird geprüft.
45. Teilt die Bundesregierung die Auffassung von Dr. Stefanie Babst, dass
die NATO und die EU ihre Sicht- und Vorgehensweise gegenüber der
VR China vertieft austauschen sollten (
https://www.friendsofeurope.org/i
nsights/its-time-for-nato-and-the-eu-to-have-a-serious-conversation-abou
t-china/)?
46. Existiert nach Kenntnis der Bundesregierung ein regelmäßiger Austausch
zwischen der NATO und der EU hinsichtlich einer abgestimmten
Reaktion auf die VR China?
a) Wenn ja, durch welche Maßnahmen?
b) Wenn nein, bitte begründen.
c) Welche strategischen Vorteile verknüpft die Bundesregierung durch
den Austausch der NATO mit der EU?
Die Fragen 45 bis 46c werden gemeinsam beantwortet.
Zwischen der NATO und der EU findet ein regelmäßiger Austausch statt, etwa
durch Gespräche auf Ebene des NATO-Generalsekretärs mit EU-
Führungspersonal, durch gegenseitige Briefings und im Rahmen von „staff-to-staff“-
Gesprächen auf Arbeitsebene. In diesem Rahmen wird auch der Umgang mit
der Volksrepublik China thematisiert. Die Bundesregierung setzt sich für eine
weitere Vertiefung des Informationsaustauschs zwischen der NATO und der EU
zum Umgang mit der Volksrepublik China ein, um Kohärenz sicherzustellen
und Sicherheitsherausforderungen gemeinsam begegnen zu können.
47. Welche Anstrengungen zur Entwicklung europäischer Konzepte zur
Herstellung von Rohstoff- und Lieferkettensicherheit wurden seitens der
Bundesregierung im Hinblick auf eine Reduzierung der Abhängigkeit
gegenüber der VR China in sicherheitsrelevanten Industriezweigen
unternommen?
Die Debatte zur Stärkung der Europäischen Souveränität ist 2020 intensiv
weitergeführt worden und hat durch die COVID-19-Pandemie noch einmal an
Relevanz und Dynamik gewonnen. Die Bundesregierung knüpft dabei eng an
die von der EU-Kommission am 10. März 2020 vorgelegte Europäische
Industriestrategie („A new Industrial Strategy for Europe“) an. Darin wird die
strategische und industrielle Autonomie Europas zentral thematisiert; insbesondere
durch die Entwicklung von Schlüsseltechnologien (wie z. B. Robotik,
Quantentechnologien, industrielle Biotechnologie, fortgeschrittene Werkstoffe,
Mikroelektronik) soll Europa hier unabhängiger von Lieferanten und Rohstoffen aus
Drittländern werden.
Aufbauend auf der bisherigen Arbeit will die EU-Kommission verschiedene
„industrielle Ökosysteme“ (Berücksichtigung aller Akteure einer
Wertschöpfungskette) durch z. B. die Einrichtung neuer Industrieallianzen fördern, die
wiederum die Koordinierung und Finanzierung wichtiger Projekte im
gemeinsamen europäischen Interesse („Important Project of Common European
Interest“, IPCEI) lenken. Industriepolitisch setzt die Bundesregierung im Hinblick
auf mehr Resilienz und technologische Souveränität insbesondere auf
Investitionen in zukunftsgerichtete Schlüsseltechnologien „Made in Europe“.
a) Begrüßt die Bundesregierung angesichts der COVID-19-Pandemie
eine Diversifizierung der Handelsbeziehungen im
asiatischpazifischen Raum zur Sicherung von Lieferketten in systemrelevanten
Branchen?
Grundsätzlich ist die Gestaltung von Lieferketten eine unternehmerische
Entscheidung. Die Bundesregierung flankiert dies über die Schaffung geeigneter
Rahmenbedingungen, die eine räumliche Diversifizierung und damit erhöhte
Resilienz von Lieferketten ermöglichen. Sie unterstützt dazu die EU-
Handelspolitik aktiv mit dem Ziel, durch neue Handels- und Investitionsabkommen
bestehende Handels- und Investitionsbarrieren abzubauen und neue Märkte zu
erschließen. Darüber hinaus setzt die Bundesregierung auf die bewährten
Instrumente und Institutionen der Außenwirtschaftsförderung, um insbesondere
kleineren und mittleren Unternehmen den Weg in neue Märkte und eine
Verbreiterung ihrer Lieferkette zu ermöglichen. Auch auf Grundlage der Leitlinien zum
Indo-Pazifik (
https://www.auswaertiges-amt.de/blob/2380500/33f978a9d4f 511
942c241eb4602086c1/200901-indo-pazifik-leitlinien--1--data.pdf) will die
Bundesregierung gemeinsam mit der Wirtschaft alle sich in der Region
bietenden Chancen und Möglichkeiten zur Diversifizierung und Intensivierung der
Handelsbeziehungen nutzen.
b) Inwiefern betrachtet die Bundesregierung Instrumente des Reshoring
bzw. des Decoupling beispielsweise für Medizingeräte und
Arzneimittel als wirksame Mittel zur Reduzierung der Sensibilität gegenüber
Handelskonflikten und Pandemien?
Angesichts der bisherigen Konzentration der Produktion insbesondere
generischer Arzneimittel und medizinischer Schutzausrüstung in einigen wenigen
Herstellungsstätten in Drittstaaten in Asien und der damit verbundenen
Lieferabhängigkeit hat die Bundesregierung zur Sicherstellung der Versorgung der
Bevölkerung mit notwendigen Gütern zum Schutz vor einer Ausbreitung der
aktuellen Pandemie (z. B. pharmazeutische Produkte, medizinische
Schutzausrüstung) sowie für künftige Pandemien wichtige politische Maßnahmen
umgesetzt. Darunter sind die finanzielle Förderung des Auf- und Ausbaus nationaler
und europäischer Wertschöpfungsketten für Schutzausrüstungen und
Testausstattungen. Eine Abkoppelung von bisherigen Beschaffungsmärkten ist damit
nicht verbunden.
Die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung war auch ein
Schwerpunktthema der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im Bereich Gesundheit und wurde
mit den Mitgliedstaaten der EU intensiv beraten. Im Ergebnis wurden die
Ratsschlussfolgerungen „Lehren aus COVID-19 im Gesundheitswesen“ einstimmig
verabschiedet. Dabei wurden folgende wesentliche Themenkomplexe zur
Sicherstellung der Arzneimittelversorgung angesprochen: eine Verbesserung der
Transparenz von Wirkstoffherstellungsstätten und ein verbesserter
Informationsaustausch auf EU-Ebene; die Verbesserung der internationalen
Zusammenarbeit der Überwachungsbehörden bei der Durchführung von GMP-
Inspektionen („Good Manufacturing Practice“ – Sicherstellung der Wirkstoffqualität);
Diversifizierung der Lieferketten und Schaffung finanzieller Anreize für den
Erhalt und die Rückverlagerung der Wirkstoffherstellungsstätten in die EU.
48. Welche sicherheitspolitischen Erwägungen eines möglichen 5G-
Netzausbaus durch Huawei in Deutschland bestehen innerhalb der NATO und
seitens der Bundesregierung?
a) Inwieweit sieht die Bundesregierung dadurch den sicheren Austausch
vertraulicher und nachrichtendienstlicher Informationen zwischen
den Bündnispartnern gefährdet?
b) In welchem Maß erachtet es die Bundesregierung als notwendig, ein
einheitliches Vorgehen der NATO diesbezüglich zu gewährleisten,
und wenn eine Notwendigkeit nicht gesehen wird, bitte begründen?
Die Fragen 48 bis 48b werden gemeinsam beantwortet.
Die Mitgliedsstaaten der NATO tauschen sich im Rahmen der Befassung mit
Fragen der zivilen Widerstandsfähigkeit, Zivilverteidigung sowie Cyber- und
Netzwerksicherheit auch zu den sicherheitspolitischen Implikationen des 5G-
Netzausbaus aus, einschließlich der Verwendung von Netzkomponenten von
Unternehmen aus Drittstaaten wie der Volksrepublik China. Die gewonnenen
Erkenntnisse fließen in die Planungen und Maßnahmen der NATO ein, wie zum
Beispiel die politisch vereinbarten Mindestanforderungen der NATO an die
nationale Widerstandsfähigkeit der Alliierten. Gemäß der Londoner Erklärung
der NATO Staats- und Regierungschefs vom 4. Dezember 2019 verpflichten
sich die NATO und die Verbündeten im Rahmen ihrer jeweiligen Befugnisse,
für die Sicherheit ihrer Kommunikation, auch im Bereich 5G, zu sorgen. Sie
erkennen zugleich die Notwendigkeit an, sich dabei auf sichere und
widerstandsfähige Systeme zu stützen.
Darüber hinaus wird auf die Antwort der Bundesregierung zu Frage 2 der
Kleinen Anfrage der Fraktion der AfD auf Bundestagsdrucksache 19/22310
verwiesen.
49. Inwieweit teilt die Bundesregierung die Befürchtung der US-Regierung
und weiterer NATO-Partner, die VR China könne durch Investitionen in
europäische Schlüsselindustrien, sensible Technologien und kritische
Infrastruktur ihre einseitigen Handelspraktiken ausweiten und dadurch
langfristig in Europa Abhängigkeiten schaffen (Congressional Research
Service, 2020, S. 15)?
Die Bundesregierung verfolgt das Ziel, die technologische Souveränität
Europas zu stärken und misst europäischen Schlüsselindustrien sowie dem Schutz
kritischer Infrastrukturen eine hohe Bedeutung zu. Gemeinsam mit der EU
wurden Instrumente geschaffen, um das europäische Modell offener Märkte
und freien Handels bei Bedarf vor Wettbewerbsverzerrungen durch Drittstaaten
zu schützen. In Übereinstimmung mit der EU-Screening Verordnung (
https://eu
r-lex.europa.eu/legal-content/ DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:02019R0452-20200
919&from=DE) werden Investitionen aus Drittstaaten in sensiblen Bereichen
geprüft und gegebenenfalls untersagt.
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ISSN 0722-8333]