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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Corona-Vorfälle im Deutschen Boxsport-Verband und deren Aufklärung durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

Fraktion

DIE LINKE

Ressort

Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

Datum

05.01.2021

Antwortdauer

14 Tage

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/2557022.12.2020

Corona-Vorfälle im Deutschen Boxsport-Verband und deren Aufklärung durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

der Abgeordneten Dr. André Hahn, Sören Pellmann, Gökay Akbulut, Ulla Jelpke, Thomas Lutze, Niema Movassat, Petra Pau, Martina Renner, Dr. Petra Sitte, Kersten Steinke, Friedrich Straetmanns, Dr. Kirsten Tackmann und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

Vom 29. August bis 11. September 2020 war das Nationalteam des Deutschen Boxsport-Verbandes e. V. (DBV) zum Trainingslager im österreichischen Längenfeld. Dabei infizierte sich fast die gesamte Mannschaft (hierzu gibt es unterschiedliche Presseberichte, die von 25 Personen = 18 Sportler und sieben Trainer und Betreuer oder auch 26 Personen schreiben) mit dem COVID-19-Virus.

Im Interview mit der Olympiakaderathletin Sarah Scheurich durch den „NDR“ am 14. September 2020 („Corona beim Boxteam: Scheurich erhebt Vorwürfe“) wurden schwere Vorwürfe gegen den Verband erhoben, der mit der Delegation in das Trainingslager fuhr, obwohl bereits bekannt war, dass es in dem (vom DBV schon mehrfach genutzten) Hotel AQUA DOME – Tirol Therme Längenfeld Probleme mit Corona gibt (durch ebenfalls dort untergebrachte Fußballer von Schalke 04), also wissentlich die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler gefährdet wurde. Auch gab es verschiedene Merkwürdigkeiten. So reiste der Mannschaftsarzt vorzeitig ab, obwohl sich die gesamte Delegation in Quarantäne befand.

Zu Sarah Scheurich möchten die Fragesteller anmerken, dass sie nicht nur als hervorragende Boxerin bekannt ist, sondern auch als engagierte Sportlerin gegen sexualisierte Gewalt, Sexismus und Mobbing von Frauen und Mädchen im Boxsport. Wegen diesbezüglich mangelnder Unterstützung des DBV trat Sarah Scheurich von ihrer Funktion als Athletensprecherin im Mai 2018 zurück – durch die Medienberichte im „DER SPIEGEL“ und anderen Medien dazu hat sie nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller innerhalb des Verbandes sicher nicht nur Freunde gewonnen.

Zu großem Unmut hat die Aussage von DBV-Sportdirektor und Generalsekretär Michael Müller im Interview mit Nico Stobbe vom Sportinformationsdienst geführt, dass er nicht überrascht sei, dass sich so viele Sportler infiziert hätten. „Es war klar, dass so etwas kommt. Wenn es diesmal gut gegangen wäre, hätte es uns vielleicht beim nächsten Mal erwischt.“

Widersprüchlich sind nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller auch die Aussagen zum Aufenthalt von (mit Corona infizierten) Fußballern des FC Schalke 04 in diesem Hotel. Bereits ab 24. August 2020 berichteten verschiedene Medien über einen Corona-Fall des Fußballclubs. Nach „Sport1“-Informationen handelte es sich bei dem positiv getesteten Spieler um den aus Längenfeld (!) stammenden Alessandro Schöpf, der in dem Ort auch Familie (mit einem eigenen Hotel) und Freunde hat. Laut den Medienberichten kam es während des Aufenthalts von Schalke 04 in Längenfeld auch zu zahlreichen Kontakten mit Einheimischen (siehe www.sport1.de/fussball/bundesliga/2020/08/fc-schalke-04-corona-fall-schoepf-so-steht-s-um-das-trainingslager sowie Süddeutsche Zeitung vom 25. August 2020). Während der DBV in seiner Pressemitteilung vom 18. September 2020 behauptet, dass das Team von Schalke 04 am 28. August 2020, also einen Tag vor Ankunft des Boxteams abreiste, heißt es in dem „DER SPIEGEL“-Artikel „Deutsche Box-Olympiamannschaft mit Corona infiziert“ vom 11. September 2020: „Die betroffenen Spieler haben sich offenbar noch in dem Hotel aufgehalten, als die Boxer dorthin reisten. Aktivensprecherin Nadine Apetz, die in Sölden ebenfalls positiv getestet wurde, berichtet, dass die betroffenen Schalke-Spieler auf ihrem Hotelflur untergebracht gewesen seien: ‚Das haben wir nun durch Zufall mitbekommen, weil dort immer Essen vor die Zimmertüren gestellt wurde.‘“ Es gab aber auch weitere Kontakte mit anderen Hotelgästen, zum Beispiel im Kraftraum und Wellnessbereich des Hotels (siehe u. a. Interview mit Nadine Apetz in der FAZ vom 1. Oktober 2020).

Fragen bleiben auch zur vorzeitigen Abreise eines Mannschaftsarztes. In der DBV-Pressemitteilung vom 18. September 2020 heißt es dazu: „Der geschäftsführende DBV-Vorstand hat keinerlei Verständnis für die nicht abgestimmte Abreise des Mannschaftsarztes am 10. September 2020, die ohne Information weder an den DBV-Vorstand noch an das vor Ort befindliche DBV-Team erfolgte. Auf Grund dieses nicht nachvollziehbaren Verhaltens wurde die DBV-Ärztekommission mit der Prüfung des Vorgangs beauftragt.“

In einer weiteren Pressemitteilung des DBV vom 23. September 2020 heißt es dann unter der Überschrift „Dank an Ali Eran“: „Unser Mannschaftsarzt Ali Eran, hat vom 29. August bis 6. September 2020 unsere Nationalmannschaft bei dem Lehrgang in Längenfeld/Sölden sehr gut betreut. Darüber hinaus hat er ab dem 10. September 2020 mit einem täglichen Telefonservice unsere in Quarantäne befindlichen Athletinnen und Athleten, Trainer und Betreuer ebenfalls hervorragend versorgt. Hierfür gebührt ihm der Dank des Deutschen Boxsport-Verbandes.“

Auf Anfrage des Abgeordneten und sportpolitischen Sprechers der Fraktion DIE LINKE., Dr. André Hahn, in der Sitzung des Sportausschusses am 7. Oktober 2020 teilte der Parlamentarische Staatssekretär aus dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI), Stephan Mayer (CSU), mit, dass ihm der Vorfall bekannt sei, vom Verband bereits eine Stellungnahme gefordert wurde, und er sagte dem Sportausschuss eine umfassende rückhaltlose Aufklärung und Information zu.

Umfangreich positionierte sich der geschäftsführende Vorstand des DBV in einer Pressemitteilung am 18. September 2020 (siehe www.box-sport-verband.de) zu den Corona-Infektionen im Trainingslager. Diese Pressemitteilung endete mit dem Satz: „Eine weitere Pressemitteilung wird, wie bereits erwähnt, nach Abschluss der Untersuchungen folgen.“ Da diese Pressemitteilung inklusive einer ausführlichen Dokumentation bis heute (Stand: 15. Dezember 2020) nicht vorliegt, müssen die Fragesteller davon ausgehen, dass die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind. Umso mehr verwundert nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller der „Persilschein“ den das BMI im Ergebnis Ihrer Prüfungen dem DBV mit Schreiben vom 3. November 2020 ausstellte.

Gleichlautend wie in einem Schreiben an den DBV-Sportdirektor Michael Müller teilte das BMI am 3. November 2020 den Mitgliedern des Sportausschusses per E-Mail mit: „Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) hat die Vorgänge im Zusammenhang mit dem Ausbruch von COVID-19 in einem Trainingslager des Deutschen Boxverbandes (DBV) in Tirol/Österreich im September 2020 geprüft und sieht nach den hier vorliegenden Informationen weder bei der Auswahl des Lehrgangsorts, im Hinblick auf die getroffenen Hygienemaßnahmen vor Ort noch beim Umgang mit der Situation nach Bekanntwerden der Infektionen ein gravierendes Fehlverhalten des Verbands. Nach Einschätzung des BMI wurde die Gesundheit der Athletinnen und Athleten hier nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Im Zuge der partiellen Wiederaufnahme des Trainings- und Wettkampfbetriebs unter den pandemiebedingten Einschränkungen kann ein Restrisiko für eine Infektion – wie in anderen Lebensbereichen auch – leider nicht völlig ausgeschlossen werden. Ziel aller Anstrengungen der Spitzenverbände des deutschen Sports ist es, eine trotz der besonderen Umstände möglichst geordnete Vorbereitung auf die kommenden Olympischen Spiele unter Beachtung umfassender Hygienekonzepte zu gewährleisten. Dies trifft aus Sicht des BMI auch auf den DBV zu. Der DBV hat mitgeteilt, dass er zu einer Aufarbeitung von Missverständnissen in der Kommunikation mit der Athletin Scheurich jederzeit bereit ist; eine Einbeziehung eines Vertreters von Athleten Deutschland e. V. wäre aus Sicht des BMI ratsam.“

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen17

1

Was sprach nach Kenntnis des BMI für bzw. gegen die Durchführung des Trainingslagers in Längenfeld statt der Durchführung in einem Bundesstützpunkt oder Olympiastützpunkt, zumal Behauptungen, es wäre nötig gewesen, um sich mit internationalen Teams zu messen oder es wäre ein Höhentrainingslager, nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller nicht greifen?

2

Seit wann war ein Vorkommando (Teammanager Martin Volke – siehe DBV-Pressemitteilung vom 18. September 2020) in Längenfeld vor Ort? Wann ist nach Kenntnis des BMI der letzte Vertreter des FC Schalke 04 aus Längenfeld abgereist, und warum wurde nach Bekanntwerden der Corona-Fälle, über die mehrere Medien ab dem 24. August berichteten, das geplante Trainingslager in Längenfeld nach Kenntnis der Bundesregierung nicht abgesagt oder in einen anderen Ort verlagert?

3

Wie viele Sportlerinnen und Sportler sowie wie viele weitere Personen nahmen am Trainingslager des DBV nach Kenntnis der Bundesregierung in Längenfeld teil, wie viele davon wurden nach Kenntnis der Bundesregierung positiv auf COVID-19 getestet? Wie viele dieser Personen sind nach Kenntnis der Bundesregierung wieder gesund? Wie lange musste bei den betroffenen Sportlerinnen und Sportlern Training und Wettkampf unterbrochen werden (minimale und maximale Zeitdauer), und inwieweit werden die betroffenen Sportlerinnen und Sportler hinsichtlich von Langzeiterkrankungen in Folge der Infektion mit dem Corona-Virus nach Kenntnis der Bundesregierung weiterhin beobachtet und betreut?

4

Gehörte der am 11. August 2020 zum Corona-Beauftragten des DBV berufene Dr. G. (siehe DBV-Pressemitteilung vom 12. August 2020) nach Kenntnis der Bundesregierung zu den Teilnehmern des Trainingslagers, und inwieweit war er in die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Trainingslagers eingebunden?

5

Wurden neben den Sportlern nach Kenntnis der Bundesregierung auch alle mitreisenden Mitglieder des Betreuungsstabes vor und nach Rückkehr aus dem Trainingslager auf COVID19 getestet (wenn nicht, dann bitte die Zahl der nichtgetesteten Personen nennen), und welche Ergebnisse gab es hierbei?

6

Hat das BMI Informationen, ob neben den Sportlerinnen und Sportlern sowie den Mitgliedern des Betreuungsstabes weitere Teilnehmerinnen oder Teilnehmer (Ehepartner oder weitere nicht zum Team gehörenden Personen) mit ins Trainingslager fuhren, und wenn ja, wer waren diese Personen, und wurden sie ebenso vor und während des Trainingslagers auf COVID-19 getestet?

7

Ist inzwischen bekannt, wie sich das Boxteam mit dem Coronavirus infiziert haben könnte?

8

Welche weiteren Personen aus dem Boxteam reisten nach Kenntnis der Bundesregierung neben Herrn Müller und dem Mannschaftsarzt vorzeitig aus Längenfeld ab (siehe auch SPIEGEL vom 11. September 2020)?

9

Welche Kenntnisse hat das BMI inzwischen zum Thema der vorzeitigen Abreise des Mannschaftsarztes und den dabei nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller offensichtlich bestehenden Widersprüchen bzw. Fragen?

10

Hat das BMI davon Kenntnis, dass während des Trainingslagers mehrere Journalisten in einem vom DBV organisierten Termin Kontakte mit Sportlerinnen und Sportlern hatten, diese Personen die AHA-Regeln nicht beachteten und vermutlich auch nicht vorher einen COVID-19-Test durchlaufen mussten? Wäre es denkbar, dass dies die Quelle für die Infektionen sein könnte, und ist diese Frage durch den DBV geprüft worden?

11

Inwieweit haben die Corona-Fälle für den DBV nach Kenntnis der Bundesregierung Auswirkungen auf die Durchführung und Ausrichtung von nationalen wie auch internationalen Wettkämpfen?

12

Hat das BMI persönlich mit der Athletin Sarah Scheurich, mit weiteren Athletinnen und Athleten, die am Trainingslager teilnahmen, mit den beiden Athletensprecherinnen und Athletensprechern (Nadine Apetz hat laut Pressemitteilung des DBV vom 11. November 2020 die Funktion niedergelegt), mit den in der Kritik stehenden Funktionären, Ärzten und Trainer des DBV gesprochen bzw. kommuniziert, bevor es zu der Einschätzung kam, dass es kein „gravierendes Fehlverhalten des Verbandes“ gab, und wenn ja, mit wem?

13

Inwieweit teilt das BMI die Auffassung von Sportdirektor Michael Müller, dass die Boxerin Sarah Scheurich mit ihren im Interview im NDR am 14. September 2020 erhobenen Vorwürfen gegen den DBV ihre Vorbildfunktion als Athletin gefährdet (siehe Interview „DBV-Sportdirektor zum Thema Corona: Die Sicherheit steht über allem“ in Sportbuzzer.de vom 29. September 2020), und inwieweit teilt das BMI die Auffassung der Fragesteller, dass solche öffentliche Äußerung auch als Drohung eines Sportfunktionärs gegen eine „renitente“ Sportlerin gewertet werden muss?

14

Hat der DBV nach Kenntnis des BMI die schriftlich eingereichten Fragen der Athletensprecher (sie wurden dem BMI am 4. November 2020 auch direkt zugesandt) wie gewünscht schriftlich beantwortet (siehe https://ne-np.facebook.com/BOXHAUS/posts/hier-der-offizielle-text-einer-anfrage-der-athletenvertretung-an-den-deutscher-b/10158498569016265/), und kennt das BMI diese Antworten?

15

Hat das BMI nach seiner Information an den Sportausschuss des Deutschen Bundestages vom 3. November 2020 über die Vorgänge im DBV weitere Informationen eingeholt bzw. erhalten (darum wurde Sportdirektor Michael Müller im Schreiben des BMI ausdrücklich gebeten), und wenn ja, welche?

16

Wie viele Kaderathletinnen und Kaderathleten hat der DBV, wie viele davon sind in Sportfördergruppen der Bundeswehr oder der Bundespolizei tätig? An welchen Bundesstützpunkten und Olympiastützpunkten trainieren Kaderathleten des DBV?

17

In welchem Umfang erhielt der Deutsche Boxsport-Verband finanzielle Unterstützung vom Bund in den Jahren 2018, 2019 und 2020 (bitte detailliert die einzelnen Maßnahmen und die jeweils zuständige Bundesbehörde nennen)?

Berlin, den 16. Dezember 2020

Amira Mohamed Ali, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion

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