[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Franziska Brantner,
Margarete Bause, Agnieszka Brugger, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 19/28019 –
Stand der EU-Vertragsverletzungsverfahren
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Die EU-Kommission verklagt Deutschland wegen jahrelanger Verstöße gegen
geltendes Naturschutzrecht vor dem Europäischen Gerichtshof. Es geht um
die Umsetzung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) zur
Erhaltung natürlicher Lebensräume sowie zum Schutz wild lebender Tiere und
Pflanzen. Kern ist die Ausweisung von Schutzgebieten in den EU-Staaten.
Dazu gehören sogenannte Erhaltungsziele, um den Bestand von Arten zu
schützen oder wiederherzustellen. Im Jahr 2015 hatte die EU-Kommission
bereits ein sogenanntes Vertragsverletzungsverfahren (VVV) gegen Deutschland
eingeleitet, doch räumte Berlin die Bedenken im Laufe der Jahre nicht aus.
Dabei sei die Frist für die Vollendung der notwendigen Maßnahmen für alle
Gebiete in Deutschland in einigen Fällen schon vor mehr als zehn Jahren
abgelaufen (
https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/EN/IP_21_412).
Außerdem hat die EU-Kommission, wie auch gegen Rumänien und Portugal,
ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland hinsichtlich der
Umsetzung der 4. Richtlinie zur Bekämpfung der Geldwäsche (
https://eur-lex.europ
a.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX%3A32015L0849) eingeleitet.
Bisher setzt Deutschland die Richtlinie nicht ordnungsgemäß um. Die
Umsetzungsfrist lief am 27. Juni 2017 ab. Andere Regeln der 3.
Geldwäscherichtlinie gelten schon seit 2007 und werden trotzdem in Deutschland nicht
eingehalten. Laut Ausschussdrucksache 19(21)110 des Ausschusses für
Europäische Angelegenheiten vom 9. Oktober 2020 gibt es 88
Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik Deutschland.
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die Fragestellenden haben einführend auf die Anzahl der gegen die
Bundesrepublik Deutschland anhängigen Vertragsverletzungsverfahren (VVV) aus der
Ausschussdrucksache 19(21)119 des Ausschusses für Europäische
Angelegenheiten am 9. Oktober 2020 Bezug genommen. Diese Zahlen sind mit Stand
zum 12. April 2021 nicht mehr aktuell, da die Europäische Kommission
seitdem mehrmals über die Einleitung, Weiterführung und Einstellung von VVV
Deutscher Bundestag Drucksache 19/28630
19. Wahlperiode 19.04.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie
vom 16. April 2021 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
entschieden hat. Mit Stand zum 12. April 2021 sind 80 VVV gegen die
Bundesrepublik Deutschland anhängig.
Welche VVV sind aktuell bei der Bundesregierung anhängig, und welche
Ressorts sind damit jeweils befasst (bitte zu diesen anhängigen
Vertragsverletzungsverfahren die näheren Umstände – Grund, Art und Umfang der
Vertragsverletzung, Datum der Einleitung, Stand des Verfahrens sowie Aktivität zur
Behebung – wie folgt erläutern:
1. Welche VVV sind wegen Nichtmitteilung von Richtlinien anhängig?
a) Inwieweit liegt dies jeweils im Verantwortungsbereich des Bundes
oder der Länder?
b) Welchen Inhalt haben diese VVV (bitte in einer dem zeitlichen
Aufwand der Beantwortung der Kleinen Anfrage angemessenen
Detailtiefe unter Berücksichtigung einer möglichen Verlängerung der Frist
vonseiten des zuständigen Bundesministeriums antworten)?
c) Wie ist jeweils der Verfahrensstand der VVV?
Die Fragen 1 bis 1c werden gemeinsam beantwortet.
Die anhängigen VVV wegen Nichtmitteilung der Umsetzung von Richtlinien
(RL) sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst. Diese Einordnung gilt für
die Europäische Kommission immer dann, wenn der Mitgliedstaat nicht
fristgemäß die vollständige RL-Umsetzung notifiziert hat. Die Notifizierung der
vollständigen RL-Umsetzung ist eine nötige Voraussetzung zur Einstellung
eines bereits eingeleiteten VVV. Die Notifizierung der vollständigen
Umsetzung ist in einigen dieser Verfahren mittlerweile erfolgt. Das Verfahren wird
jedoch erst dann eingestellt, wenn die dann folgende Prüfung der Europäischen
Kommission ebenfalls zum Ergebnis kommt, dass die RL-Umsetzung
vollständig erfolgt ist.
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d) Welche konkreten Sanktionen drohen aktuell und im äußersten Fall,
wenn jeweils keine Abhilfe durch den Bund oder die Länder
geschaffen wird?
Aktuell drohen der Bundesrepublik Deutschland keinerlei Sanktionen, da die
Europäische Kommission bisher in keinem dieser Verfahren die Anrufung des
Europäischen Gerichtshofs (EuGH) beschlossen hat, in dessen Folge der EuGH
finanzielle Sanktionen gegen Deutschland festsetzen könnte. Sollte es künftig
zu Klageverfahren nach Artikel 258 in Verbindung mit Artikel 260 des Vertrags
über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) kommen, könnte der
EuGH finanzielle Sanktionen verhängen, sollten die in einem
Gesetzgebungsverfahren beschlossenen Richtlinien bis zum Ablauf der Frist einer begründeten
Stellungnahme immer noch nicht vollständig umgesetzt sein (Artikel 260
Absatz 3 AEUV) oder sollte ein vorhergehendes EuGH-Urteil (z. B. bei der
Falschumsetzung einer Richtlinie) nicht ausreichend zeitnah und vollständig
umgesetzt worden sein (Artikel 260 Absatz 2 AEUV). Die Europäische
Kommission wird die Beantragung im konkreten Fall voraussichtlich auf Basis
der in ihren Mitteilungen vom 12. Dezember 2005 (SEK (2005) 1658), vom
20. Juli 2010 (SEK (2010) 923), vom 20. Februar 2019 (C (2019) 1396 final)
und vom 11. September 2020 (2020/ C 301/01) dargelegten Grundsätze
vornehmen.
2. Welche VVV sind wegen Nichtumsetzung von Richtlinien anhängig?
a) Inwieweit liegt dies jeweils im Verantwortungsbereich des Bundes
oder der Länder?
b) Welchen Inhalt haben diese VVV (bitte in einer dem zeitlichen
Aufwand der Beantwortung der Kleinen Anfrage angemessenen
Detailtiefe unter Berücksichtigung einer möglichen Verlängerung der Frist
vonseiten des zuständigen Bundesministeriums antworten)?
c) Wie ist jeweils der Verfahrensstand der VVV?
Die Fragen 2 bis 2c werden gemeinsam beantwortet.
Nicht vollständig umgesetzte Richtlinien können der Europäischen
Kommission nicht als vollständig umgesetzt mitgeteilt werden, insofern wird auf die
Antwort zu den Fragen 1 bis 1c verwiesen.
d) Welche konkreten Sanktionen drohen aktuell und im schlimmsten Fall,
wenn jeweils keine Abhilfe durch den Bund oder die Länder
geschaffen wird?
Auf die Antwort zu Frage 1d wird verwiesen.
3. Welche VVV sind wegen Falschumsetzung von Richtlinien anhängig?
a) Inwieweit liegt dies jeweils im Verantwortungsbereich des Bundes
oder der Länder?
b) Welchen Inhalt haben diese VVV (bitte in einer dem zeitlichen
Aufwand der Beantwortung der Kleinen Anfrage angemessenen
Detailtiefe unter Berücksichtigung einer möglichen Verlängerung der Frist
vonseiten des zuständigen Bundesministeriums antworten)?
c) Wie ist jeweils der Verfahrensstand der VVV?
Die Fragen 3 bis 3c werden gemeinsam beantwortet.
Die gegen die Bundesrepublik Deutschland anhängigen
Vertragsverletzungsverfahren betreffend Falschumsetzung von Richtlinien sind in der folgenden
Tabelle zusammengefasst. Im Folgenden werden als Inhalt der Verfahren die
jeweiligen Vorwürfe der Europäischen Kommission aus den
Verfahrensunterlagen dargestellt. Der Klarstellung halber wird darauf hingewiesen, dass dies
nicht bedeutet, dass die Bundesregierung der Auffassung ist, dass diese
Vorwürfe zutreffend sind.
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In den Vertragsverletzungsverfahren Nummer 2014/2192, 2020/2205 und
2020/2361 rügt die Europäische Kommission sowohl eine Falschumsetzung als
auch eine unvollständige Umsetzung der Richtlinie. Da der Vorwurf der
Falschumsetzung primär ist, werden diese Verfahren in der Antwort zu Frage 3
angeführt.
Gegenstand der übrigen und hier nicht aufgeführten Verfahren sind Verstöße
gegen Primärrecht, Richtlinien und Verordnungen.
d) Welche konkreten Sanktionen drohen aktuell und im schlimmsten Fall,
wenn jeweils keine Abhilfe durch den Bund oder die Länder
geschaffen wird?
Auf die Antwort zu Frage 1d wird verwiesen.
4. Welche VVV sind wegen unvollständiger Umsetzung von Richtlinien
anhängig?
a) Inwieweit liegt dies jeweils im Verantwortungsbereich des Bundes
oder der Länder?
b) Welchen Inhalt haben diese VVV (bitte in einer dem zeitlichen
Aufwand der Beantwortung der Kleinen Anfrage angemessenen
Detailtiefe unter Berücksichtigung einer möglichen Verlängerung der Frist
vonseiten des zuständigen Bundesministeriums antworten)?
c) Wie ist jeweils der Verfahrensstand der VVV?
Die Fragen 4 bis 4c werden gemeinsam beantwortet.
Die Vertragsverletzungsverfahren, in denen die Bundesregierung die
vollständige Richtlinienumsetzung notifiziert hat, sind in der folgenden Tabelle
aufgeführt. Die Europäische Kommission ist dennoch der Auffassung, dass diese
Richtlinienumsetzung nicht vollständig erfolgt ist und hat daher ein
Vertragsverletzungsverfahren wegen teilweiser Richtliniennichtumsetzung eingeleitet.
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d) Welche konkreten Sanktionen drohen aktuell und im schlimmsten Fall,
wenn jeweils keine Abhilfe durch den Bund oder die Länder
geschaffen wird?
Auf die Antwort zu Frage 1d wird verwiesen.
5. Was tut die Bundesregierung konkret, um die
Vertragsverletzungsverfahren zu minimieren und die Koordination zwischen den Ressorts zu
verbessern?
Der Bundesregierung ist es ein besonderes Anliegen, die Anzahl an
Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik Deutschland dauerhaft
möglichst niedrig zu halten. Dies ist für einen großen und zudem föderal
organisierten Mitgliedstaat vergleichsweise schwierig schon wegen der höheren Zahl von
Anwendungsfällen von EU-Recht. Die Bundesregierung betreibt daher ein
umfassendes und engmaschiges Monitoring der Richtlinienumsetzung und von
Vertragsverletzungsverfahren, in das die EU-Koordinierungsgremien der
Bundesregierung eng eingebunden werden. Die EU-Abteilungsleiterinnen und
EU-Abteilungsleiter aller Ressorts der Bundesregierung werden monatlich mit
diesen Themen, insbesondere mit besonders kritischen
Vertragsverletzungsverfahren, befasst. Dabei werden auch anstehende Richtlinienumsetzungen in den
Blick genommen. Ziel ist es, Vertragsverletzungsverfahren – unabhängig vom
betroffenen Ressort – nach Möglichkeit zu vermeiden und in laufenden
Verfahren auf eine einvernehmliche Lösung mit der Europäischen Kommission
hinzuarbeiten. Im Ergebnis kann eine Befassung des EuGHs in der weit
überwiegenden Zahl der Verfahren vermieden werden. Anders als gegen andere
Mitgliedstaaten, wurden gegen Deutschland bisher vom EuGH keine finanziellen
Sanktionen in einem Vertragsverletzungsverfahren festgesetzt.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]