[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Andrew Ullmann, Jens Beeck,
Michael Theurer, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/31127 –
Vernachlässigte Tropenkrankheiten und Herausforderungen durch die
COVID-19-Pandemie
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Weltweit sind laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr
als 1,7 Milliarden Menschen von vernachlässigten Tropenkrankheiten (engl.
Neglected Tropical Diseases, NTDs) betroffen. Das ist jeder fünfte Mensch
weltweit. Die Krankheiten behindern, entstellen oder töten. Rund 500 000
Menschen sterben jährlich an ihren Folgen. Die zwanzig Erkrankungen, die
laut WHO zu den vernachlässigten und armutsassoziierten Tropenkrankheiten
zählen, treten vor allem in den ärmsten Regionen der Entwicklungs- und
Schwellenländer auf. Es gibt zwar wirksame Präventions- und
Behandlungsmöglichkeiten, aber oft erreichen sie die Patienten nicht. Das Problem wurde
durch COVID-19-Pandemie noch verschärft. Denn in Übereinstimmung mit
den Maßnahmen zur Begrenzung der Übertragung von SARS-CoV-2 wurden
nach ersten Empfehlungen der WHO NTD-Initiativen ausgesetzt (
https://ww
w.who.int/neglected_diseases/news/COVID19-WHO-interim-guidance-imple
mentation-NTD-programmes/en/). Das betraf NTD-Erhebungen auf lokaler
Ebene, aktive Fallfindungsaktivitäten in den Gemeinden und die Kampagnen
zur präventiven medikamentösen Behandlung von NTDs (
https://www.who.in
t/neglected_diseases/news/COVID19-WHO-interim-guidance-implementatio
n-NTD-programmes/en/). Eine Erhebung von ESPEN Afro (Expanded Special
Project for Elimination of Neglected Tropical Diseases), ein Sonderprogramm
der WHO, zeigt eine massive Unterbrechung von NTD-Programmen im Jahr
2020 auf. So mussten zwischen 20 und 80 Prozent der
Massenarzneimittelverabreichungen verschoben werden – etwa 30 Prozent der gespendeten
Medikamente liefen dadurch ab –, Gesundheitserziehung, chirurgische Eingriffe und
Kapazitätsaufbau wurden zurückgefahren oder mussten in vielen
afrikanischen Ländern gestoppt werden.
Im Laufe des Jahres 2020 veröffentlichte die WHO technische Leitlinien zur
sicheren Wiederaufnahme von NTD-Interventionen im Zusammenhang mit
der COVID-19-Pandemie und zur synergetischen Integration des Kampfes
gegen COVID-19 und NTDs (
https://www.who.int/publications/i/item/WHO-20
19-nCoV-Comm_health_care-2020.1). NTD-Initiativen wurden infolgedessen
in vielen Ländern wieder vorsichtig aufgenommen. NTD-Strukturen, die
abgelegene und unterversorgten Gebiete erreichen, erweisen sich auch für die
Deutscher Bundestag Drucksache 19/31442
19. Wahlperiode 09.07.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit vom 8. Juli 2021
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Pandemiebekämpfung als äußerst hilfreich (
https://www.globalcitizen.org/de/
content/vernachlaessigte-tropenkrankheiten-coronakrise-cbm/). Laut ESPEN
haben 80 Prozent der afrikanischen Länder berichtet, dass die
Gesundheitshelfer der NTD-Community (CHWs) derzeit an der COVID-19-Reaktion
beteiligt sind. Obwohl die WHO eine Reihe von Maßnahmen ergriffen hat, um
die Auswirkungen von COVID-19 auf NTD-Initiativen zu verringern, sind sie
in vielen Ländern noch eingeschränkt beziehungsweise unterbrochen. Eine
aktuelle Erhebung der WHO, die in rund 135 Ländern durchgeführt wurde,
zeigt, dass viele NTD-Gesundheitsdienstleistungen, die die Unterstützung von
Selbstpflege-, Rehabilitations- und psychosozialen Dienstleistungen sowie
Diagnose, Behandlung und Pflege umfassen, in 44 Prozent der Länder
eingeschränkt sind. Zudem wird von Verzögerungen bei Herstellung, Versand,
Transport und Lieferung von gespendeten Arzneimitteln berichtet. Auch
andere Ansätze der öffentlichen Gesundheit, die für die Bekämpfung von
vernachlässigten Tropenkrankheiten entscheidend sind, wie Vektorkontrolle,
veterinärmedizinische Gesundheit sowie Aktivitäten in den Bereichen Wasser,
Hygiene und Gesundheitserziehung sind von Einschränkungen betroffen.
(
https://www.who.int/publications/i/item/WHO-2019-nCoV-EHS-continuity-s
urvey-2021.1). Die Folgen der Verzögerungen werden nach Ansicht der
Fragesteller noch Jahre nach der Pandemie zu spüren sein. Neben neuen
Infektionen ist aufgrund von erzwungener Isolation von Patienten während der
Pandemie mit einem Anstieg psychischer Leiden zu rechnen.
Die COVID-19-Krise beeinflusst die Bekämpfung von vernachlässigten
Tropenkrankheiten auf dramatische Weise. Es besteht nach Auffassung der
Fragesteller die Gefahr, dass langjährige Anstrengungen verloren gehen und
internationale Ziele wie das UN-Nachhaltigkeitsziel (SDGs) 3.3 der Agenda 2030,
das bis 2030 ein Ende der Epidemie der vernachlässigten Tropenkrankheiten
(und anderer Krankheiten) vorsieht, nicht erreicht werden. Dazu kommen
erhebliche Kürzungen Großbritanniens in den Programmen der vernachlässigten
Tropenkrankheiten. Insgesamt sollen die Mittel für die Bekämpfung
vernachlässigter Tropenkrankheiten um 90 Prozent gekürzt werden. Ähnliche
Kürzungen betreffen unter anderem Wasser-, Sanitär- und Hygieneprogramme
(WASH). Die Maßnahmen sind Teil der Bemühungen des Foreign,
Commonwealth and Development Office (FCDO), Einsparungen zu erzielen, nachdem
sein Budget von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) auf
0,5 Prozent gekürzt wurde. Insgesamt sind das rund 4 Mrd. Pfund (4,5 Mrd.
Euro) (
https://www.telegraph.co.uk/global-health/science-and-disease/uk-gov
ernment-cuts-almost-wipe-funding-tackle-neglected-diseases/). Durch den
Rückzug eines der wichtigsten Geberländer drohen WHO-Strukturen
erheblich geschwächt zu werden. Angesichts dieser Herausforderungen bedarf es
nach Auffassung der Fragesteller ein verstärktes Engagement der
Bundesregierung und ihrer Partner, um die Lücken im Kampf gegen vernachlässigte
Tropenkrankheiten zu füllen und Rückschritte in der Eliminierung der NTDs
zu verhindern. Trotz aller notwendigen Interventionen in der COVID-19-
Pandemie dürfen NTDs nicht vergessen werden.
Den Fahrplan zur Bekämpfung der vernachlässigten Tropenkrankheiten hat
die WHO mit einer neuen Roadmap für den Zeitraum von 2021 bis 2030
(
https://www.who.int/publications/i/item/WHO-UCN-NTD-2020.01)
vorgelegt. Sie wurde mit einer großen Mehrheit von den Delegierten der WHO in
einer virtuellen Sitzung der 73. Weltgesundheitsversammlung am 12.
November 2020 bewilligt. Eingebunden in die UN-Nachhaltigkeitsziele legt sie
globale Ziele und Maßnahmen fest. Die NTD-Partnerschaften sollen dabei im
nächsten Jahrzehnt besser koordiniert und zusammengerbacht werden. Die
Roadmap, die im Rahmen einer umfassenden globalen Konsultation
entwickelt wurde, beinhaltet drei grundlegende Neuausrichtungen.
Programmatisch richtet sich der Fokus weg von vertikalen Krankheitsprogrammen hin zu
sektorenübergreifenden Ansätzen, die auf den Bedürfnissen von Patienten und
Gemeinschaften basieren. Betroffene Staaten sollen dabei befähigt werden,
Prozesse und Programme selbst voranzutreiben. Außerdem soll die
Fokussierung weg von Prozessindikatoren hin zum Monitoring der Auswirkungen auf
die öffentliche Gesundheit (
https://www.who.int/news/item/12-11-2020-negle
cted-tropical-diseases-world-health-assembly-endorses-bold-new-road-map-ta
rgets-for-2030).
Die neue WHO-NTD-Roadmap 2030 baut auf den Erfolgen einer breiten
Multiakteurs-Koalition auf. Bereits 2012 haben UN-Organisationen,
Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und forschende Pharmaunternehmen mit
der „London Declaration“ gemeinsame Ziele zur weltweiten Bekämpfung der
vernachlässigten Tropenkrankheiten gesetzt. Der Fokus wurde dabei auf die
Eindämmung beziehungsweise Ausrottung von zehn NTDs bis 2020 gelegt.
Dazu zählen Elephantiasis, Lepra, afrikanische Schlafkrankheit, Trachom,
Bilharziose, bodenübertragene Wurmkrankheiten, Chagas, viszerale
Leishmaniose, Flussblindheit und Medinawurm-Befall. Das Bündnis veröffentlicht
jährliche Fortschrittsberichte und legt darin detailliert Rechenschaft über
seinen Bemühungen ab. Die London Declaration hätte auf einer Konferenz in
Ruandas Hauptstadt Kigali Ende Juni 2020 verlängert und mit neuen
finanziellen Mitteln ausgestattet werden sollen. Doch das lang geplante Treffen sowie
der Ersatztermin im Juni 2021 wurden pandemiebedingt verschoben (
https://m
alariantdsummit.org).
Eine Bekräftigung erfuhr die London Declaration bereits durch die deutsche
G7-Präsidentschaft im Jahr 2015. Dabei wurde ein Schwerpunkt auf NTDs
gelegt. Bei ihrem Gipfeltreffen im bayerischen Elmau haben sich die
Regierungschefs dazu bekannt, vernachlässigte Tropenkrankheiten nachhaltig zu
bekämpfen und zu beseitigen. Seither hat die Bundesregierung ihr Engagement
erweitert. In ihrer neuen globalen Gesundheitsstrategie heißt es, dass sie „sich
gezielt für eine Berücksichtigung der vernachlässigten und armutsassoziierten
Tropenkrankheiten in multilateralen Strategien und internationalen Foren
einsetzen sowie Forschung vorantreiben und Versorgung verbessern“ will
(
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikati
onen/Gesundheit/Broschueren/GlobaleGesundheitsstrategie_Web.pdf). Auch
In der „One Health“- Strategie des Bundesministeriums für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist der Kampf gegen
vernachlässigte Tropenkrankheiten zentral verankert (
https://www.bmz.de/resource/blob/57
858/876d851df750e91f490abf711db44719/OneHealth%20Strategiepapier_NE
U_v2_barrierefrei.pdf).
1. Wie hoch war 2020 nach Kenntnis der Bundesregierung die durch
vernachlässigte Tropenkrankheiten verursachte globale Krankheitslast (bitte
im Vergleich zu den Jahren 2015 bis 2019 aufschlüsseln)?
Nach Angaben des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM)
benötigten im Jahr 2019 1,7 Milliarden Menschen eine Massen- oder
Einzelbehandlung und -versorgung für vernachlässigte Tropenkrankheiten – dem
gegenüber stehen 2,17 Milliarden Menschen im Jahr 2018 und 2,19 Milliarden im
Jahr 2010. Die Zahlen für 2020 liegen noch nicht vor.
2. Wie soll das künftige WHO-Hub, das ab Herbst 2021 in Berlin aufgebaut
werden soll, zur Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten
beitragen?
a) Welche Chancen sieht die Bundesregierung, durch dieses Hub die
globale Datenlage zu NTDs sowie bezüglich überschneidender
Krankheitslasten und Wechselwirkungen zu verbessern?
Die Fragen 2 und 2a werden gemeinsam beantwortet.
Der Global WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence in Berlin zielt
in erster Linie darauf ab, die Akquise und Bereitstellung von Daten zur
Pandemieprävention weltweit bereitzustellen. Inwiefern die hierdurch aufgebauten
Strukturen einer Verbesserung der Datenlage zu NTDs im Einzelnen beitragen
können, kann zu diesem Zeitpunkt nicht mit Bestimmtheit gesagt werden.
b) Welche Planungen liegen der Bundesregierung hinsichtlich Struktur,
Mandat und Ausstattung des künftigen WHO-Hubs in Berlin vor?
Die Planungen des Global WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence
in Berlin werden von der WHO geleitet. Zurzeit befindet man sich in
Konsultation mit (potenziellen) Partnerorganisationen zur Ausarbeitung von Struktur
und Mandat, um darauf aufbauend die benötigte Ausstattung zu bestimmen.
3. Wie bewertet die Bundesregierung die Auswirkungen der COVID-19-
Pandemie auf die Eindämmung und Eliminierung vernachlässigter
Tropenkrankheiten, und welchen Handlungsbedarf leitet sie daraus ab?
a) Sieht die Bundesregierung die Erreichung des Ziels 3.3 der Ziele für
nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen durch die Pandemie
gefährdet?
Die Fragen 3 und 3a werden gemeinsam beantwortet.
Das Ziel für nachhaltige Entwicklung 3.3 (eng.: Sustainable development goals
(SDG)) beinhaltet,
• die Anzahl der Personen, die eine Behandlung gegen eine NTD benötigen,
um 90 Prozent zu reduzieren,
• mind. eine NTD in 100 Länder zu eliminieren,
• NTD-abhängige verlorene, gesunde Lebensjahre, sogenannte DALYs (steht
für disability-adjusted life years ) um 75 Prozent zu reduzieren,
• zwei NTDs vollständig zu eradizieren.
Obwohl die WHO für 2020 keine offiziellen Zahlen vorgelegt hat, ist zu
befürchten, dass es durch die Pandemie zu einer Verzögerung bei der Erreichung
des Ziels 3.3 kommen wird. Auch nach Einschätzung des BNITM hat die
SARS-CoV-2-Pandemie die Gesundheitsversorgungs und -managementsysteme
weltweit beeinträchtigt. Es ist derzeit nicht abzusehen, inwieweit die
Erreichung des Ziels 3.3. gefährdet ist und ob durch geeignete Maßnahmen
Verzögerungen aufgeholt werden können.
b) Wie wirkt sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Pandemie im
Einzelnen auf die von der Bundesregierung geförderten Programme
zur NTD-Bekämpfung aus?
Nach Erkenntnis der Bundesregierung hat die SARS-CoV-2-Pandemie weltweit
Einfluss auf die Gesundheitssysteme und -versorgung der Bevölkerung – auch
im Zusammenhang mit der Behandlung von NTDs. Folgende Beispiele können
hierzu genannt werden:
• Aussetzung von Massenbehandlungen, aktiver Fallfindung und anderen
gemeindebasierten Aktivitäten,
• Verzögerungen bei Diagnose, Behandlung, Krankheitsmanagement,
Prävention von Behinderungen und anderen Dienstleistungen in
Gesundheitseinrichtungen,
• Unterbrechung der Auswertung von Aktivitäten (Routineüberwachung und
bevölkerungsbezogene Erhebungen),
• Verzögerungen bei der Herstellung, dem Versand, dem Transport und der
Lieferung von NTD-Medikamenten und Verbrauchsmaterialien in die
Zielländer sowie bei der Verteilung innerhalb der Länder.
c) Welche Staaten hat nach Kenntnis der Bundesregierung die
Unterbrechung von NTD-Initiativen besonders getroffen?
Generelle Folgen sind derzeit nicht absehbar. Entsprechende Empfehlungen
z. B. zu kontaktreduzierenden Maßnahmen, hat die WHO im April 2020
ausgesprochen und beispielsweise eine Empfehlung zur Verschiebung der
Massenmedikamentenabgabe (eng.: mass drug administration (MDA)) und andere
Bekämpfungsmaßnahmen zur Behandlung von NTDs herausgegeben (
https://ww
w.who.int/publications/i/item/WHO-2019-nCoV-Comm_health_care-2020.1).
Fundierte Erkenntnisse zu Folgen derartiger Empfehlungen liegen nicht vor.
d) Sind bereits Rückschritte im Kampf gegen vernachlässigte
Tropenkrankheiten nach Kenntnis der Bundesregierung in Partnerländern
wahrzunehmen?
Die Folgen der Coronavirus-Pandemie und damit einhergehenden Maßnahmen
kann je nach NTD sehr unterschiedlich sein. Wie in der Antwort zu Frage 3
beschrieben, liegen fundierte Erkenntnisse zu den Auswirkungen derzeit nicht
vor.
e) Breiten sich nach Kenntnis der Bundesregierung einzelnen
Krankheiten wieder aus, und wenn ja, welche, und in welchen Regionen?
Die Wahrscheinlichkeit und Geschwindigkeit für eine (Wieder-)Ausbreitung ist
von dem Erreger und Status der Bekämpfungsmaßnahmen in einer bestimmten
Region abhängig. Dieser Status kann auch innerhalb der betroffenen Staaten
sehr unterschiedlich sein. Je länger die Unterbrechung der Programme
andauert, desto größer sind die potenziellen negativen Auswirkungen. Nach
Erkenntnis des BNITM haben Modellierungen gezeigt, dass es sich hierbei um
nichtlineare Effekte handelt, insbesondere bei NTDs, die sich je nach Dauer und
Ausprägung potenzieren können. Vor diesem Hintergrund sollten die
entsprechenden Bekämpfungsmaßnahmen und -programme so früh wie möglich wieder
aufgenommen werden.
f) Wie stark ist basierend auf den Erkenntnissen der Bundesregierung
die Gesundheit von Kindern und Frauen von coronabedingten
Unterbrechungen von NTD-Programmen betroffen?
Generell ist zu beobachten, dass Programme zur Mütter-Kind-Gesundheit, auch
bezüglich der NTD-Programme in Ländern mit niedrigem und mittlerem
Einkommen im Jahr 2020 aufgrund der Pandemie bzw. vor Sorge vor einer SARS-
CoV-2-Infektion weniger genutzt wurden.
g) Welche Lehren zieht die Bundesregierung hinsichtlich der NTDs aus
der COVID-19-Krise?
Pandemiebedingte Eindämmungsmaßnahmen im Zusammenhang mit der
Bekämpfung von NTD sind notwendig und wichtig. Je nach Infektionsgeschehen
ist eine kontinuierliche Überprüfung dieser Maßnahmen nötig. Bei einem
notwendigen Aussetzen der NTD-Programme durch die WHO ist eine regelmäßig
Einschätzung vor Ort nötig, in welcher Weise eine regionale Weiterführung von
Programminhalten möglich ist.
h) Inwiefern hat die Bundesregierung diese Fragestellung in den globalen
Gesundheitsgipfel am 21. Mai 2021 eingebracht, zu dem die
italienische G20-Präsidentschaft und die EU-Kommission gemeinsam
eingeladen haben, um Lehren aus der Corona-Pandemie zu erörtern?
Mit der G20-Erklärung aus Rom hat die Bundesregierung weiterhin die
Grundsätze bekräftigt, das Engagement für globale Solidarität, Gerechtigkeit und
multilaterale Zusammenarbeit weiterzuführen, sich für eine wirksamere
Steuerung einzusetzen, dafür, Menschen in den Mittelpunkt der Vorsorge zu stellen
und sie so auszurüsten, dass sie wirksam handeln können, auf
wissenschaftlichen und faktengestützten Strategien aufzubauen und Vertrauen zu schaffen.
Zudem verpflichteten sich die G20-Fortschritte bei der Verwirklichung der
gesundheitsbezogenen Ziele für nachhaltige Entwicklung, auch im Hinblick auf
eine universelle Gesundheitsversorgung, zu erzielen und das Ziel einer
nachhaltigen, inklusiven und krisenbeständigen Erholung zu unterstützen, die der
schrittweisen Verwirklichung des Rechts aller Menschen auf das erreichbare
Höchstmaß an Gesundheit förderlich ist.
4. Welche Auswirkungen hat nach Ansicht der Bundesregierung die
britische Mittelkürzung für NTD-Programme auf die Eindämmung
beziehungsweise Eliminierung von vernachlässigten Tropenkrankheiten, und
welchen Handlungsbedarf leitet sie daraus ab?
a) Welche NTD-Programme und in welchem finanziellen Umfang
betrifft nach Kenntnis der Bundesregierung die Mittelkürzung?
b) Welche Länder sind nach Kenntnis der Bundesregierung von der
Mittelkürzung betroffen?
c) Plant die Bundesregierung, Überbrückungshilfen für betroffene
NTD-Initiativen bereitzustellen?
d) Wie mobilisiert die Bundesregierung andere Geberländer, zusätzliche
finanzielle Mittel bereitzustellen, um die Lücken, die durch die
Mittelkürzung Großbritanniens entstanden sind, zu füllen?
e) Gibt es konkrete Initiativen oder Vorschläge der Bundesregierung
dazu, mit anderen Geberstaaten ein koordiniertes Vorgehen zu
ermöglichen?
f) Inwiefern wird die Bundesregierung das Thema Mitte Juni 2021
beim G7-Gipfel im britischen Cornwall zur Sprache bringen?
Die Fragen 4 bis 4f werden gemeinsam beantwortet.
Der Inhalt des in der Anfrage zitierten Zeitungsberichts (The Telegraph) deckt
sich mit den der Bundesregierung vorliegenden Erkenntnissen. Die britischen
Ausgaben für die offizielle Entwicklungszusammenarbeit (Official
Development Assistance, ODA) für Neglected Tropical Diseases (NTD) sollen von
167 Mio. GBP auf 17 Mio. GBP gekürzt werden. Über die Auswirkungen der
Mittelkürzungen auf einzelne Programme liegen indessen keine gesicherten
Erkenntnisse vor.
Über die Auswirkungen der Mittelkürzungen auf einzelne Länder liegen
ebenfalls keine gesicherten Erkenntnisse vor.
Das Thema NTD war nicht Teil der von der G7-Präsidentschaft
Großbritanniens (GBR) gesetzten Schwerpunkte des G7-Gipfels.
5. Plant die Bundesregierung, die Mittel für das WHO-Programm ESPEN
aufzustocken?
a) Wenn nein, warum nicht?
b) Setzt sich die Bundesregierung für eine Ausweitung der vom ESPEN
Programm adressierten NTDs (von derzeit nur fünf) ein?
Wenn nein, warum nicht?
Die Fragen 5 bis 5b werden gemeinsam beantwortet.
Die Bundesregierung sieht ESPEN als überaus wichtiges Programm zur
Bekämpfung von vernachlässigten Tropenkrankheiten auf dem Afrikanischen
Kontinent. Die Erfolge der letzten Jahre belegen dies. Daher hat die
Bundesregierung dem ESPEN Programm Ende April dieses Jahrs weitere 5 Mio. Euro
zugesagt. Diese Mittel werden zur NTD Bekämpfung im Sinne des One
Health-Ansatzes eingesetzt.
ESPEN konzentriert sich momentan auf die fünf NTD, welche 90 Prozent der
NTD Krankheitslast in Afrika ausmachen. Alle fünf Krankheiten können durch
präventive Chemoprophylaxe erfolgreich bekämpft werden. Somit können
Mittel synergistisch genutzt werden. Eine Ausweitung des ESPEN Programms auf
andere NTD wird zurzeit in der Bundesregierung nicht diskutiert.
6. Ist der Bundesregierung das neue Datum für den Kigali-Gipfel zu
Malaria und vernachlässigten Tropenkrankheiten bekannt?
a) Inwiefern wird sich die Bundesregierung an dem Gipfeltreffen
beteiligen?
b) In welche Höhe wird die Bundesregierung finanzielle Mittel
zusagen?
c) Wer wird die Bundesregierung vor Ort vertreten?
Die Fragen 6 bis 6c werden gemeinsam beantwortet.
Nach Kenntnis der Bundesregierung steht kein neues Datum für den
abgesagten Kigali Gipfel zu Malaria und vernachlässigten Tropenkrankheiten fest. Für
den im Jahr 2020 geplanten Kigali Gipfel war eine Vertretung der
Bundesregierung durch die Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Maria Flachsbarth vor Ort
eingeplant. In diesem Jahr war eine Video-Grußbotschaft von der
Parlamentarischen Staatssekretärin Dr. Maria Flachsbarth vorgesehen. Die Bundesregierung
hat sich aktiv in die Ausarbeitung der Kigali Declaration eingebracht. Aufgrund
der Verschiebung des Gipfels wurde auch die Arbeit an der Deklaration vertagt.
Der Kigali Gipfel war bisher nicht als Geberkonferenz geplant, daher waren
bisher keine finanziellen Zusagen vorgesehen.
7. Worin sieht die Bundesregierung die zentralen Herausforderungen, um
die Ziele der neuen WHO-Roadmap 2021 bis 2030 zu erreichen?
Welche Beiträge plant die Bundesregierung dazu zu leisten (bitte nach
beteiligten Bundesressorts aufschlüsseln)?
Zentrale Herausforderungen bei der Erreichung der Ziele der WHO Roadmap
zu Neglected Tropical Diseases 2021-2030 stellen die Unterbrechung vieler
Programme zur Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten durch die
COVID-19-Pandemie sowie der eingeschränkte Zugang zu essenziellen
Gesundheitsdiensten dar. Zudem sind eine verstärkte Bündelung von
krankheitsübergreifenden Ansätzen, sowie die intersektorale Zusammenarbeit und die
Integration des One Health-Ansatzes bei der Umsetzung der WHO Roadmap
insgesamt noch unzureichend.
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(BMZ) hat keines seiner Gesundheitsprogramme unterbrochen und leistet
durch die Umsetzung des One Health-Ansatzes einen direkten Beitrag zur
Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten, unter denen sich zahlreiche
Krankheiten mit Tier- oder Umweltkomponente befinden. Darüber hinaus
unterstützt das BMZ die Stärkung der Gesundheitssysteme in vielen
Partnerländern, so dass nationale Programme zur Bekämpfung vernachlässigter
Tropenkrankheiten besser in die allgemeine Gesundheitsversorgung der
Bevölkerung eingebunden werden können.
BMZ und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) unterstützen mit
knapp 6,8 Mio. Euro das ESPEN Programm der WHO zur Bekämpfung von
Vernachlässigten Tropenkrankheiten.
Die Bundesregierung unterstützt weiterhin den Globalen SDG-Aktionsplan
Gesundheit und leistet damit auf globaler Ebene einen Beitrag zur Erreichung
der gesundheitsbezogenen SDGs, einschließlich SDG 3.3, das vernachlässigte
Tropenkrankheiten einschließt. Zudem ist Deutschland der viertgrößte
staatliche Geldgeber des Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose
und Malaria (GFATM). Dieser bietet auch Unterstützung bei Ko-Infektionen
und Ko-Morbiditäten im Zusammenhang mit den drei Infektionskrankheiten
(HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria) an.
8. In welchem finanziellen Umfang unterstützt die Bundesregierung
integrierte Programme zur Stärkung der psychischen Gesundheit,
Bekämpfung von NTDs und Stigmatisierung?
Zentrale Herausforderungen bei der Erreichung der Ziele der WHO Roadmap
zu Neglected Tropical Diseases 2021-2030 stellen die Unterbrechung vieler
Programme zur Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten durch die
COVID-19-Pandemie sowie der eingeschränkte Zugang zu essenziellen
Gesundheitsdiensten dar. Zudem sind eine verstärkte Bündelung von
krankheitsübergreifenden Ansätzen, sowie die intersektorale Zusammenarbeit und die
Integration des One Health-Ansatzes bei der Umsetzung der WHO Roadmap
insgesamt noch unzureichend.
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(BMZ) hat keines seiner Gesundheitsprogramme unterbrochen und leistet
durch die Umsetzung des One Health-Ansatzes einen direkten Beitrag zur
Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten, unter denen sich zahlreiche
Krankheiten mit Tier- oder Umweltkomponente befinden. Darüber hinaus
unterstützt das BMZ die Stärkung der Gesundheitssysteme in vielen
Partnerländern, so dass nationale Programme zur Bekämpfung vernachlässigter
Tropenkrankheiten besser in die allgemeine Gesundheitsversorgung der
Bevölkerung eingebunden werden können.
BMZ und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) unterstützen mit
knapp 6,8 Mio. Euro das ESPEN Programm der WHO zur Bekämpfung von
Vernachlässigten Tropenkrankheiten.
Die Bundesregierung unterstützt weiterhin den Globalen SDG-Aktionsplan
Gesundheit und leistet damit auf globaler Ebene einen Beitrag zur Erreichung
der gesundheitsbezogenen SDGs, einschließlich SDG 3.3, das vernachlässigte
Tropenkrankheiten einschließt. Zudem ist Deutschland der viertgrößte
staatliche Geldgeber des Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose
und Malaria (GFATM). Dieser bietet auch Unterstützung bei Ko-Infektionen
und Ko-Morbiditäten im Zusammenhang mit den drei Infektionskrankheiten
(HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria) an.
9. Wie bewertet die Bundesregierung den Beitrag von Maßnahmen in den
Bereichen Wasser, Hygiene und Gesundheitserziehung zur Bekämpfung
von vernachlässigten Tropenkrankheiten?
Aufklärung im Sinne von Gesundheitserziehung ist ein wichtiger Grundpfeiler
in den Aktivitäten der Bundesregierung und in nahezu allen Vorhaben
verankert. Ein sicherer Zugang zu Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung
(WASH) spielt eine maßgebliche Rolle bei der Unterbrechung von
Infektionsketten vieler NTD. Die Nutzung von fäkalkontaminiertem Wasser zur
Körperhygiene und medizinischer Versorgung am Wohnort und in
Gesundheitseinrichtungen erschwert dabei nicht nur die Behandlung von NTD, sondern begünstigt
– neben anderen Krankheiten – auch deren Ausbreitung. Eine nachhaltige
Bekämpfung von NTD ist daher nur durch sicher betriebene Trinkwasser- und
Sanitärversorgung, Handwaschmöglichkeiten mit sauberem Wasser und Seife
sowie entsprechende Hygiene- und Gesundheitssensibilisierung für
Bevölkerung und Gesundheitspersonal möglich.
10. In welchem Umfang beteiligt sich die Bundesregierung an Programmen
zur Verbesserung der Wasserver- und Abwasserentsorgung sowie der
Hygieneinfrastruktur im Zusammenhang mit der Bekämpfung von
vernachlässigten Tropenkrankheiten?
Als einer der größten Geber im Wassersektor hat die deutsche
Entwicklungszusammenarbeit in den vergangenen Jahren knapp zwei Drittel der Leistungen
im Wassersektor im Bereich WASH erbracht. Nachhaltige Verbesserungen der
WASH-Versorgung wirken sich u. a. positiv auf die Bekämpfung vieler NTD
aus. Zudem haben die Bereitstellung und der Betrieb von WASH-Infrastruktur
und Begleitmaßnahmen in Schulen und Gesundheitseinrichtungen durch die
hohe Vulnerabilität der Zielgruppen und die zu erreichenden
Multiplikatoreneffekte eine besondere Bedeutung. Der Zugang zu WASH nimmt auch im
Rahmen der aktuellen COVID-19-Pandemie bzw. in der Pandemieprävention
allgemein eine zentrale Rolle ein. Im Rahmen des BMZ-Corona-Sofortprogramms
werden bspw. durch die Multigeberinitiative Sanitation for Millions zusätzliche
Aktivitäten an der Schnittstelle WASH und Gesundheit hinsichtlich der
Pandemiebekämpfung unterstützt.
a) In welchen Regionen ist die Bundesregierung im Rahmen solcher
Programme tätig?
Die Bundesregierung unterstützt eine Vielzahl an Partnerländern im Bereich
WASH im Rahmen bilateraler, regionaler und globaler
Entwicklungszusammenarbeit. Eine Auflistung findet sich auf der BMZ-Homepage (
https://iati.bm
z.de/de/ministerium/zahlen_fakten/transparenz-fuer-mehr-Wirksamkeit/iati/).
Hinsichtlich seiner Bedeutung für die Bekämpfung von NTDs kann bespielhaft
„Fit for School“ (F4S) in Asien genannt werden. Der intersektorale und
interdisziplinäre Ansatz nutzt dabei nationale Bildungssysteme als Eingangstor für
weitreichende Verbesserungen von Hygiene und Kindergesundheit über die
nachhaltige Etablierung von täglichen WASH-Aktivitäten in Schulen. Zu den
Verbesserungen gehören Handwaschmöglichkeiten, saubere Toiletten,
Menstruationsaufklärung und in den Schulalltag integrierte Hygieneaktivitäten, die
dazu beitragen, einige der häufigsten Krankheiten unter Schulkindern zu
bekämpfen. Daneben unterstützt die Bundesregierung die Bildungsministerien der
Partnerländer bei der medikamentösen Entwurmung von Schulkindern, um die in
Asien stark verbreitete bodenübertragene Helminthiasis nachhaltig zu
bekämpfen sowie einer weiteren Ausbreitung vorzubeugen.
Auch die Multigeberinitiative Sanitation for Millions trägt mit ausgewählten
Maßnahmen indirekt zur Bekämpfung von NTD bei und schafft in Uganda,
Pakistan und Jordanien gemeinsam mit lokalen Partnern Zugang zu sicherer
Sanitärversorgung und Hygiene, der Gesundheitsrisiken mindert und somit
Krankheiten vermeidet. Auf globaler Ebene leistet die Plattform Sustainable
Sanitation Alliance (SuSanA) einen wichtigen Beitrag zum Wissensaustausch
im Bereich Sanitär- und Hygienemanagement und NTD.
b) Plant die Bundesregierung eine Ausweitung dieses Engagements?
Falls ja, in welchem Umfang?
Falls nein, weshalb nicht?
Die Bundesregierung legt auch weiterhin großen Wert auf die Unterstützung
von Partnerländern bei der nachhaltigen Verbesserung des WASH-Zugangs an
der Schnittstelle zu Gesundheit. Insbesondere wird der One Health-Aspekt, die
Verbindungen zwischen Mensch und Gesellschaft, Umwelt und Klima sowie
Tiergesundheit insbesondere mit Blick auf Zoonosen, NTDs und
antimikrobielle Resistenzen weiter ausgebaut.
11. In welchem Umfang beteiligt sich die Bundesregierung an Programmen
zur Verbesserung der Gesundheitserziehung?
Insbesondere im WASH-Bereich fördert die Bundesregierung Programme zur
Verbesserung der Gesundheitserziehung. Zu Details wird auf die Antwort zu
Frage 10 verwiesen.
Vor allem im Schul- und Klinikbereich werden Maßnahmen zu sicherer
Handhygiene und Gesundheitserziehung umgesetzt. Dies ist laut WHO und
Medizinerinnen und Medizinern sowie Epidemiologinnen und Epidemiologen eine der
wichtigsten und kostengünstigsten Maßnahmen zur Prävention von viralen
Infektionen. 80 Prozent aller Infektionskrankheiten werden über die Hände
verbreitet. Sichere Handhygiene ist nicht teuer und kann in jedem Haushalt und
jeder öffentlichen Einrichtung bereitgestellt werden.
12. Wird die Bundesregierung den Kampf gegen vernachlässigte
Tropenkrankheiten in die Agenda des G7 Prozesses 2022 aufnehmen?
Zum jetzigen Zeitpunkt sind Aussagen zur thematischen
Schwerpunktsetzungen der G7-Präsidentschaft im nächsten Jahr nicht möglich, da diese der neuen
Bundesregierung vorbehalten sind.
13. Unterstützt die Bundesregierung die Einrichtung eines eigenen
thematischen Schwerpunkts für NTDs beim Deutschen Zentrum für
Infektionsforschung (DZIF)?
Wenn nicht, warum nicht?
Bereits seit seiner Gründung widmet sich das Deutsche Zentrum für
Infektionsforschung (DZIF) unter anderem der Erforschung vernachlässigter tropischer
Krankheiten (NTD) und bindet hierbei auch verschiedene afrikanische
Partnerstandorte mit ein. Aus strategischen Gründen wurde bereits im Jahr 2020
entschieden, die verschiedenen Aktivit��ten in einem Forschungsschwerpunkt
(Thematische Translationale Einheit) mit der Forschung zu Malaria und der
Infrastruktur der afrikanischen Partnereinrichtungen zu verknüpfen. So bildet
der Forschungsschwerpunkt „Malaria und vernachlässigte tropische
Krankheiten“ seit Anfang 2021 einen der neun Forschungsbereiche innerhalb des
DZIF.
14. Welche von der Bundesregierung unterstützen Forschungsprogramme
zur Entwicklung von Diagnostik, Medikamenten und Vakzinen im
Bereich der NTDs laufen 2020 aus?
Welche davon plant die Bundesregierung fortzusetzen?
Im Jahr 2020 sind keine entsprechenden Forschungsprogramme ausgelaufen.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) plant, die
Förderung der Produktentwicklungspartnerschaften fortzusetzen.
15. Wird die Bundesregierung das Programm des Bundesministeriums für
Bildung und Forschung (BMBF) „Research Networks for Health
Innovations in Sub-Saharan Africa“ fortführen?
Wenn nicht, warum nicht?
Das BMBF hat mit der Veröffentlichung einer Förderrichtlinie vom 16. Februar
2021 für eine zweite Förderphase der Netzwerke die Fortsetzung bereits
initiiert.
16. Welche Bedeutung hat nach Auffassung der Bundesregierung die NTD-
Bekämpfung für die Pandemieprävention?
Die Bundesregierung unterstützt die Prävention und Bekämpfung von NTDs
seit Jahrzehnten, vor allem durch Stärkung nationaler Gesundheitssysteme und
die Einbindung nationaler NTD-Programme in die Gesundheitsdienste. In
diesem Rahmen werden die Mitgliedsländer der Zentralafrikanischen Wirtschafts-
und Währungsgemeinschaft (CEMAC) bei der Umsetzung ihrer nationalen
NTD-Programme unterstützt. In der Region der Westafrikanischen
Wirtschaftsgemeinschaft werden Diagnostikkapazitäten aufgebaut. Projekte der Initiative
Klinikpartnerschaften unterstützen unter anderem die medizinische Versorgung
von betroffenen Patienten. Seit 1974 unterstützt die Bundesregierung das bei
der WHO angesiedelte Special Programme for Research and Training in
Tropical Diseases (TDR), welches Forschung und Entwicklung zur Prävention,
Diagnose, Behandlung und Kontrolle von ungenügend erforschten Krankheiten
fördert. Außerdem werden Vorhaben zur Verbesserung der Wasser- und
Sanitätsversorgung gefördert, welche präventiv zur Reduktion von über den
Boden-übertragbaren Wurmerkrankungen, der Schistosomiasis, der Frambösie,
der Drakunkulose, dem Trachom oder der Lepra, beitragen.
Ein ganzheitlicher One Health-Ansatz ist in der Strategie der Bundesregierung
zur globalen Gesundheit fest verankert. Der One Health-Ansatz steht für eine
interdisziplinäre Herangehensweise, die das Zusammenspiel von Mensch, Tier
und Umwelt im Bereich Gesundheit umfasst. Ansatzpunkte sind eine gestärkte
Epidemie- und Pandemieprävention durch verbesserte Aufklärung, Monitoring,
Diagnostik und präventive Maßnahmen, Bekämpfung von Zoonosen, von
vernachlässigten Tropenkrankheiten (NTDs), Reduktion von
Antibiotikaresistenzen und Förderung intakter, die Biodiversität schützender Ökosysteme.
17. Welche vernachlässigten Tropenkrankheiten breiten sich nach Kenntnis
der Bundesregierung in Europa aus, und welchen Handlungsbedarf leitet
sie daraus ab?
Nach Kenntnis der Bundesregierung kommen neun, von den 20 NTDs,
autochton in Europa vor: Dengue-Fieber, Echinokokkose, Trematoden, Leishmaniose,
Tollwut, Skabies, Geohelminthen, Schweinebandwurm und Schlangenbisse. Im
Jahr 2014 gab es einige Fälle von Schistosomiasis auf Korsika, eine
Ausbreitung konnte unter Kontrolle gebracht werden. Das über Mücken übertragene
Dengue-Fieber breitet sich seit 2012 in Südeuropa aus und wurde aus elf
Ländern berichtet. Engmaschige Infektionssurveillance und Aufklärung von
medizinischem Personal über das Vorkommen in Europa ist notwendig (z. B.
Leishmaniose). Die Weiterführung des Mücken-Atlas und weiterführende
Forschungen zur Vektorkompetenz, also der Übertragungsfähigkeit von Erregern durch
heimische Mücken, sind neben der Aufklärung des medizinischen Personals
und der Bevölkerung nötig.
18. Welche Schritte verfolgt die Bundesregierung, um neben der Stärkung
von Gesundheitssystemen auch die Bekämpfung vernachlässigter
Tropenkrankheiten sowie das Thema überschneidende Krankheitslasten im
Mandat des GFATM (der Globale Fonds zur Bekämpfung von AIDS,
Tuberkulose und Malaria) zu verankern?
Die Bundesregierung hat als einer der größten Geber des GFATM seit seiner
Gründung ca. 3,6 Mrd. Euro an den Fonds ausgezahlt und stellt im Rahmen der
Corona-Pandemie Mittel i. H. v. 290 Mio. Euro für den COVID-19-
Reaktionsmechanismus bereit. Ein wichtiges Anliegen der Bundesregierung ist dabei,
dass diese Beiträge einen langfristigen Effekt in den Partnerländern erzielen.
Deshalb setzt sich die Bundesregierung in den Steuerungsgremien des Fonds
neben der Stärkung von Gesundheitssystemen auch für einen Fokus auf
patientenorientierte Gesundheitsdienstleistungen („people-centered services“) ein.
Dies schließt auch die stärkere Berücksichtigung von Ko-Infektionen von HIV,
Tuberkulose und Malaria ein, zu denen u. a. auch vernachlässigte
Tropenkrankheiten zählen. Im Rahmen der Entwicklung der nächsten Strategie des GFATM
hat sich die Bundesregierung dafür ausgesprochen, Ko-Infektionen wirksamer
im Mandat des Fonds zu verankern. Außerdem hat die Bundesregierung
konkrete Maßnahmen vorgeschlagen, um den One Health-Ansatz in den
Programmen des Fonds zu verankern. Darunter fallen auch Aktivitäten mit NTD-Bezug
(z. B. integrierte Vektor-Kontrolle). Dies hat dazu beigetragen, dass auch der
One Health-Ansatz Berücksichtigung in den laufenden Verhandlungen zur
neuen Strategie des GFATM gefunden hat.
19. Plant die Bundesregierung einen Umsetzungsplan für die neue globale
Gesundheitsstrategie in Form eines Aktionsplans?
Wenn nicht, warum nicht?
Die Strategie ist zugleich ein Aktionsplan.
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ISSN 0722-8333]