[Deutscher Bundestag Drucksache 17/2646
17. Wahlperiode 26. 07. 2010 Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Klaus Hagemann, Carsten Schneider
(Erfurt), Petra Ernstberger, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD
– Drucksache 17/2513 –
Finanzielle Belastungen und haushalterische Risiken aus der Stilllegung
und dem Rückbau von Atomreaktoren sowie der im Ausland lagernden
radioaktiven Altabfälle für den Bundeshaushalt
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Die Kosten für die Stilllegung und den Rückbau von Atomreaktoren sind
drastisch angestiegen, ohne dass erkennbare Fortschritte zu verzeichnen wären: So
sind innerhalb von nur vier Jahren allein die Projektkostenschätzungen des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von 3 Mrd. Euro im
Jahr 2006, über 4 Mrd. Euro mit der Schachtanlage ASSE II in 2008, auf zuletzt
4 Mrd. Euro ohne ASSE nach oben geschnellt. Kein einziges der aktuellen
Rückbauprojekte scheint offenbar im bisherigen Kosten- und Zeitplan
realisierbar zu sein.
Allein für den Rückbau der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) und
der weiteren, auf dem Areal befindlichen Reaktoren mussten die Steuerzahler
bisher bereits mehr als 980 Mio. Euro aufwenden. Die bislang prognostizierten
weiteren 1,18 Mrd. Euro für die Entsorgung der verbliebenen atomaren
Altlasten in Karlsruhe bis zum Jahr 2035 drohen angesichts der Verzögerungen beim
Rückbau der Reaktoren und des noch immer unklaren Entsorgungskonzepts für
einen Behälter mit hochradioaktivem Abfall zur Makulatur zu werden.
Die von Seiten des BMBF in Berichten an den Deutschen Bundestag
angeführten Ursachen für eingetretene Projektverzögerungen wie beispielsweise „nicht
planmäßiger Umbau des Reaktorgebäudes“, „verlängerte
Gesamtdemontagedauer“, „marktbedingte Verzögerungen bei Ausschreibungsverfahren“ oder
„Einsprüche des ehemaligen Generalunternehmers“ haben oftmals mit
Sicherheitserfordernissen wenig zu tun. Ohne stringentes Projektmanagement drohen
die früheren Forschungsreaktoren für die Steuerzahler zum atomaren Fass ohne
Boden zu werden.
An den immensen Lasten und an dem massiven Kostenanstieg des Rückbaus
der Forschungsreaktoren werden Energieversorgungsunternehmen, die
Atomkraftwerke betreiben, bislang kaum beteiligt. Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom
23. Juli 2010 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 17/2646 – 2 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode1. Auf welche Höhe (in Mrd. Euro) beziffert die Bundesregierung unter Bezug
auf die BMBF-Veröffentlichung „Stilllegung und Rückbau kerntechnischer
Anlagen – Erfahrungen und Perspektiven“ die Kosten zur Stilllegung und
Entsorgung der einzelnen kerntechnischen Anlagen sowie der radioaktiven
Altabfälle für die verschiedenen Anlagen?
Die Gesamthöhe der Kosten ergibt sich aus der Summe der in der Antwort zu den
Fragen 3 und 4 aufgeschlüsselten Ausgaben. Insgesamt ergeben sich so
Gesamtkosten in Höhe von rd. 10,6 Mrd. Euro für den Bund.
2. In welchem Umfang haben sich an diesen Kosten bislang Unternehmen der
Energiewirtschaft, die Atomkraftwerke betreiben, beteiligt und haben sich
dazu für die Zukunft verpflichtet?
Eine Industriebeteiligung an den Kosten für den Rückbau kerntechnischer
Anlagen besteht für das Projekt „Stilllegung und Rückbau der
Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe“. Der Umfang der finanziellen Beteiligung der
Energiewirtschaft liegt dort bei ca. 40 Prozent der Projektkosten in Höhe von rd. 2,6 Mrd.
Euro. In Bezug auf den Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR-300) wird auf
die Antwort zu Frage 10 verwiesen.
3. In welchem Umfang hat bislang der Bund, untergliedert nach den jeweiligen
Ressortzuständigkeiten, Kosten für Stilllegung und Entsorgung bei den
einzelnen Anlagen getragen?
Der Bund hat bis einschließlich 2009 Kosten in Höhe von rd. 5,2 Mrd. Euro für
die Stilllegung und Entsorgung kerntechnischer Anlagen getragen. Davon
entfielen rd. 1,8 Mrd. Euro in die Zuständigkeit des BMBF, rd. 0,7 Mrd. Euro in die
Zuständigkeit des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und
Reaktorsicherheit (BMU) und rd. 2,7 Mrd. Euro in die Zuständigkeit des
Bundesministeriums der Finanzen (BMF). Mit dem Betreiberwechsel der Asse am 1. Januar
2009 ging die Schachtanlage in die Zuständigkeit des BMU über.
Kerntechnische Anlage/Maßnahme Ressort
Summe der Ausgaben
bis 2009 BMBF
(in Mio. Euro)
Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) BMBF 638
Kompakte Natriumgekühlte Kernenergieanlage
(KNK II)
BMBF 189
Mehrzweck-Forschungsreaktor (MZFR) BMBF 164
Hauptabteilung Dekontaminationsbetriebe (HDB) BMBF 102
Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH (AVR) BMBF 264
Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR-300) BMBF 36
Bergwerk Asse (vor dem 1. Januar 2009) BMBF 317
Forschungszentrum Geesthacht
(MAREN/FRG 1 + 2 (GKSS))
BMBF 24
Projekte Forschungszentrum Jülich (FZJ) BMBF 106
Zwischensumme BMBF 1 840
Morsleben (ERAM) BMU 624
Asse (ab dem 1. Januar 2009) BMU 69
Zwischensumme BMU 693
Kernkraftwerk Greifswald (KGR) BMF 2 236
Kernkraftwerk Rheinsberg (KRR) BMF 459
Zwischensumme BMF 2 695
Gesamtsumme 5 228
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 3 – Drucksache 17/26464. In welchem Umfang hat künftig der Bund, untergliedert nach den jeweiligen
Ressortzuständigkeiten, Kosten für Stilllegung und Entsorgung bei den
einzelnen Anlagen zu tragen?
Auf den Bund kommen ab 2010 bis voraussichtlich 2035 Kosten in Höhe von rd.
5,4 Mrd. Euro zu. Davon entfallen rd. 1,4 Mrd. Euro auf das BMBF, rd. 3,5 Mrd.
Euro auf das BMU und rd. 0,5 Mrd. Euro auf das BMF.
Mit dem Betreiberwechsel am 1. Januar 2009 ging die Schachtanlage Asse in die
Zuständigkeit des BMU über. Die Gesamtkosten für die Stilllegung der
Schachtanlage Asse II lassen sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht belastbar
abschätzen. Hierzu werden konkretere Informationen über die Randbedingungen, die
Planungsarbeiten sowie die Faktenerhebung zur Beseitigung noch bestehender
Unsicherheiten bei der Rückholung sowie der Rückfalloption Vollverfüllung
benötigt. Berücksichtigt man die Erfahrungen bei der Stilllegung des ERAM
werden die Gesamtprojektkosten aber mehr als 2 Mrd. Euro betragen. Eine
Machbarkeitsstudie für die Stilllegungsoption Rückholung weist hingegen Kosten für die
vollständige Rückholung i. H. v. 3,7 Mrd. Euro aus.
Für die Stilllegung des Endlagers Morsleben werden derzeit Kosten in Höhe von
1,2 Mrd. Euro berücksichtigt. Diese Kosten werden jedoch derzeit auf Basis der
Entwurfsplanung Stilllegung ERAM und des Planfeststellungsbeschlusses neu
ermittelt.
Für den THTR-300 sind aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Gespräche mit
der Energiewirtschaft keine weiteren Kosten aufgeführt (siehe auch Antwort zu
Frage 10).
Anmerkung: In dieser Übersicht sind nur die bereits angelaufenen Stilllegungsprojekte des BMBF
berücksichtigt. Weitere Rückbauprojekte stehen noch an, sind jedoch nicht zuletzt aufgrund ihrer
Abhängigkeit von politischen Entscheidungen und noch ausstehenden Zeit- und Kostenplänen derzeit
nicht etatreif. In den Angaben des BMU sind die Kosten für den Rückbau der übertägigen Anlagen
nicht enthalten, da diese derzeit schwer abschätzbar sind.
Des Weiteren sind für 2010 bei den Angaben des BMBF und des BMU bereits die tatsächlichen
Kosten und nicht die bewilligten Kosten berücksichtigt.
Kerntechnische Anlage/
Maßnahme
Ressort
Veranschlagt
für 2010
Mio. Euro
Vorbehalten für
2011 ff.
in Mio. Euro
Summe der kommenden
Ausgaben
(in Mio. Euro)
WAK BMBF 75 600 675
KNK II BMBF 8 18 26
MZFR BMBF 14 13 27
HDB BMBF 17 434 452
AVR BMBF 17 47 64
THTR-300 BMBF
MAREN/FRG 1+2 BMBF 7 76 83
Projekte FZJ BMBF 21 49 70
Zwischensumme BMBF 159 1 238 1 397
Morsleben (ERAM) BMU 59 1 364 1 423
Asse BMU 85 2 000 2 085
Zwischensumme BMU 144 3 364 3 508
KGR Greifswald BMF 77 362 439
KRR Rheinsberg BMF 21 62 83
Zwischensumme BMF 98 424 522
Gesamtsumme 401 5 026 5 427
Drucksache 17/2646 – 4 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode5. Welche aktuellen Projekte zum Rückbau atomarer Anlagen befinden sich
noch im Kosten- und Zeitplan?
Die Antwort ergibt sich aus folgender Tabelle:
6. Welche Fortschritte konnten bei den laufenden Stilllegungsprojekten im
Einzelnen seit der 16. Legislaturperiode bis heute erreicht werden?
Der Forschungsreaktor FRJ-1 (MERLIN) des FZJ wurde seit 1996 rückgebaut
und nach dem Freimessen der Reaktorhalle im September 2007 aus dem
Anwendungsbereich des Atomgesetzes entlassen. Nach erfolgter Freimessung der
Nebengebäude des FRJ-1 wurden auch diese 2009 erfolgreich zurückgebaut und
entsorgt. Damit wurde erstmals ein Forschungsreaktor der Megawatt-Klasse
vollständig zur „grünen Wiese“ zurückgebaut. Die Zeit- und Kostenpläne
wurden eingehalten.
Ebenfalls am Standort Jülich wurde das Projekt „Rückbau des AVR-
Versuchsreaktors“ nach dessen Neustrukturierung 2003 erfolgreich vorangetrieben. Der
Reaktordruckbehälter wurde mit Porenleichtbeton verfüllt, alle erforderlichen
Rückbaugenehmigungen liegen inzwischen vor. Das Projektziel „grüne Wiese“
wird 2015 erreicht, die Kostenpläne wurden eingehalten.
Am Standort Karlsruhe wurde die Verglasungsanlage zur Bindung der
hochradioaktiven Rückstände aus dem Betrieb der Wiederaufarbeitungsanlage errichtet.
Die Verglasung der genannten Rückstände ist inzwischen erfolgreich
abgeschlossen, die noch erforderlichen Restarbeiten werden bis zum Jahresende
abgeschlossen sein. Trotz zeitlicher Verzögerung bis zum Beginn des heißen
Verglasungsbetriebes konnte der Kostenplan im Großen und Ganzen eingehalten
werden.
Im ehemaligen Kernkraftwerk Greifswald wurden die unzerlegten
Reaktordruckgefäße der Blöcke 3 und 4 im September 2009 als abgeschirmte
Großkomponenten in das Zwischenlager Nord eingelagert. Damit befinden sich
nunmehr die Reaktordruckgefäße der Blöcke 1 bis 5 im Zwischenlager Nord. Derzeit
Organisation Projekt/Vorhaben
Laufzeit/
Restlaufzeit
(für Schätzkosten)
Anmerkungen
Im Kosten-
und
Zeitplan
WAK/EWN
Stilllegung WAK
(ohne Endlageraufwendungen)
2010 – 2035
Neues Rückbaukonzept
wurde bis Ende 2007
erarbeitet; letzte Kostenschätzung
Dezember 2007.
Ja
WAK/EWN
HDB (Hauptabteilung
Dekontaminations-Betriebe)
(ohne Endlageraufwendungen)
2010 – 2035
Wurde zum 01.07.2009 an
die WAK übertragen.
Ja
AVR/EWN Rückbau AVR 2010 – 2015
Genehmigung zum
vollständigen Rückbau am
31.03.2009 erteilt.
Ja
GKSS
MAREN
FRG 1 + FRG 2
2010 – 2012
FRG 1 abgeschaltet im Juni
2010. Nachbetriebsphase bis
2012, Rückbauplanung läuft.
Ja
FZJ
Verschiedene
(u. a. MERLIN)
2010 – 2014
Projekt MERLIN ist
erfolgreich abgeschlossen. Für die
anderen Projekte werden
Kosten- und Zeitpläne
derzeit erstellt.
Ja
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 5 – Drucksache 17/2646sind in den Kontrollbereichen der Blöcke 1 bis 5 einschließlich Spezialgebäude
ca. 70 Prozent der Anlagenteile abgebaut, in den Überwachungsbereichen
ca. 95 Prozent. Das Maschinenhaus ist ausgeräumt und wird von einem
Kranhersteller und einem Schiffbauunternehmen genutzt.
Das Reaktordruckgefäß des Kernkraftwerks Rheinsberg wurde im Oktober 2007
ebenfalls unzerlegt ins Zwischenlager Nord in Lubmin transportiert. Die
Rückbauarbeiten im Reaktorgebäude und im Gebäude für die Spezielle
Wasseraufbereitung sind bis auf die für den Restbetrieb noch benötigten Systeme
abgeschlossen.
Das Nasslager ZAB (Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente) ist
ebenfalls freigeräumt; die Abrissarbeiten sind nahezu abgeschlossen.
7. Bei welchen Projekten kommt es zu Mehrkosten, und auf welche
Größenordnung beziffert die Bundesregierung diese jeweils im Einzelnen und
insgesamt (sofern noch keine Kostenberechnung vorliegt, genügen
Schätzangaben der Bundesregierung)?
Zunächst ist allgemein anzumerken, dass aufgrund der Langfristigkeit die
Abschätzung von Kosten für Rückbauprojekte immer mit Unsicherheiten behaftet
ist. Diese gehen zum einen auf die Umsetzung und Erprobung neuer technischer
Verfahren zurück, beruhen zu einem Großteil aber auch auf Annahmen
hinsichtlich der Randbedingungen für sehr lange Zeiträume (derzeit bis 2035, teilweise
auch bis 2055 bzw. 2080). Dazu gehören z. B. der Verlauf und der Umfang von
Genehmigungsverfahren sowie die Änderung gesetzlicher Vorgaben und
Annahmen zur Endlagerung.
Für den Rückbau und die Entsorgung der stillgelegten Kernkraftwerke im
Geschäftsbereich des BMF wird gegenüber der ursprünglichen Kostenschätzung
aus dem Jahre 1997 mit höheren Kosten gerechnet. Für das Kernkraftwerk
Greifswald (KGR) ist von rd. 0,9 Mrd. Euro auszugehen und für das
Kernkraftwerk Rheinsberg (KKR) von rd. 0,1 Mrd. Euro. Dabei liegen die eigentlichen
Rückbaukosten weiterhin im geschätzten Kostenrahmen.
Der Kostenanstieg begründet sich im Wesentlichen aus den höheren Kosten für
die Zwischenlagerung und den voraussichtlich deutlich steigenden
Endlagergebühren. Ursachen sind zum einen die wesentlich später zur Verfügung stehenden
Endlager und zum anderen die gegenüber den alten Planungen erhöhten
Investitionskosten für die Endlager.
In der Kosteneinschätzung aus dem Jahre 1997 ging man davon aus, dass die
Bundesendlager rechtzeitig zur Verfügung stehen und das gesamte Projekt
einschließlich der Ablieferung der radioaktiven Abfälle und des Kernbrennstoffes
innerhalb von 22 Jahren (bis Mitte 2019) abgeschlossen wird.
In der vorliegenden Neubewertung sind aktualisierte Annahmen hinsichtlich der
Bereitstellung der Endlager und der Ablieferungsdauer getroffen. Für den
Schacht Konrad beginnt die Einlagerung der radioaktiven Abfälle
voraussichtlich 2014 und läuft über 40 Jahre. Für die Endlagerung radioaktiver
wärmeentwickelnder Abfälle wird derzeit der Salzstock Gorleben auf seine Eignung geprüft.
Die EWN geht im Moment davon aus, dass die Ablieferung bis 2080 beendet
werden kann.
Durch die Anwendung neuer Lösungen beim Rückbau und der Entsorgung (z. B.
Komplettentsorgung der Reaktordruckbehälter, Vermeidung bzw. Reduzierung
der Endlagermengen durch Nutzung der Effekte der Abklinglagerung, in
Planung: konventioneller Abriss der kontaminierten Betonstrukturen nach einer
Verwahrzeit) und Einnahmen aus der Standortvermarktung und Drittaufträgen
Drucksache 17/2646 – 6 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodegelang es der EWN bisher, die Mehrkosten aus der Preiseskalation seit 1997 zum
Teil abzufangen.
Durch eine noch stärkere Vermarktung des Know-how sowie den in der EWN
vorhandenen technischen Möglichkeiten (ZLN, ZAW/ZDW, Freimessanlagen,
Infrastruktur) bestehen auch zukünftig Chancen, durch zusätzliche Einnahmen
aus Drittgeschäften den Bund finanziell zu entlasten.
Für den Rückbau und die Entsorgung der stillgelegten Forschungsreaktoren im
Geschäftsbereich des BMBF zeichnen sich derzeit für folgende Einzelprojekte
Mehrkosten ab:
Für den KNK II und den MZFR ist mit einem überschlägigen Restkostenbedarf
i. H. v. rd. 40 Mio. Euro beim KNK II, bzw. rd. 45 Mio. Euro beim MZFR, sowie
einer verlängerten Restlaufzeit zu rechnen. Beide Projekte wurden im Rahmen
der Abspaltung des Stilllegungsbereichs des FZK von der WAK GmbH am
1. Juli 2009 übernommen. Diese wird entsprechend des Beschlusses des
Haushaltsausschusses vom 18. Juni 2008 in der zweiten Jahreshälfte 2010 eine
aktualisierte Projektkostenschätzung vorlegen. Ursachen für die Verzögerungen und
die damit verbundene Kostensteigerung sind unter anderem lange
Begutachtungszeiten und Vertragsstreitigkeiten mit Lieferanten. Des Weiteren ist
aufgrund von neuen Erkenntnissen aus Probeläufen der Anlagen mit längeren
Zeiträumen für Demontage, Dekontamination und Freimessungen zu rechnen.
Detaillierte Informationen zu diesen beiden Projekten finden sich im
gesonderten Bericht des BMBF an den Haushaltsausschuss über die Integration des
Stilllegungsbereichs des FZK in die WAK vom Januar 2010 (BMF-V 15/10,
Ausschussdrucksache 17(8)149).
Darüber hinaus gilt auch für alle Rückbauprojekte im Geschäftsbereich des
BMBF, dass in Zukunft mit weiteren Kostensteigerungen für die Zwischen- und
Endlagerung zu rechnen ist, aus den bereits für den Geschäftsbereich des BMF
erläuterten Gründen. Dies gilt in besonderem Maße, wenn sich die bisherigen
Ausbauplanungen z. B. für die Inbetriebnahme des Schachts „Konrad“ nicht
zeitgerecht realisieren lassen.
8. Inwieweit führt die Bundesregierung aktuell Gespräche mit Betreibern von
Atomkraftwerken mit dem Ziel, sich – z. B. bei der WAK – an den Kosten
und/oder diesen Mehrkosten zu beteiligen?
Aktuell finden keine Gespräche mit den Betreibern statt.
9. Wann beabsichtigt die Bundesregierung jeweils im Einzelnen mit dem
Rückbau der Vorhaben konkret zu beginnen, die im Bericht an den
Haushaltsausschuss über den mittel- und langfristigen Mittelbedarf für die
Stilllegung und Entsorgung nuklearer Versuchsanlagen zum Teil seit Jahren als
„Neue Stilllegungsvorhaben“ angegeben und wegen knapper
Haushaltsmittel bislang zurückgestellt sind?
Die Antwort ergibt sich aus folgender Tabelle:
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 7 – Drucksache 17/264610. Wie ist die Rechtslage hinsichtlich der finanziellen Lastenverteilung beim
Rückbau des Thorium-Hochtemperaturreaktors in Hamm-Uentrop in
Bezug auf den Bund, das Land Nordrhein-Westfalen und die Wirtschaft?
Wann soll mit dem Rückbau der seit Jahren stillgelegten Anlage begonnen
werden?
Inwieweit muss sich der Bund über die bisher verausgabten 35,7 Mio. Euro
hinaus an dessen Rückbau beteiligen?
Der Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) ist Eigentum der
Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH (HKG), Hamm Uentrop und befindet sich seit Februar
1997 im sicheren Einschluss. Gesellschafter der HKG sind fünf
Energieversorgungsunternehmen aus NRW, wobei mit 31 Prozent die RWE AG der
Hauptgesellschafter ist.
Der derzeitige Betrieb des sicheren Einschlusses wird zur Hälfte vom Land NRW
und zur Hälfte vom Bund finanziert. Dies entspricht einer jährlichen finanziellen
Belastung des Bundes von rd. 2,5 Mio. Euro. Die Endlagervorausleistungen
werden zu je einem Drittel vom Land NRW, dem Bund und den HKG-
Gesellschaftern getragen. Grundlage für diese Zahlungen war die zweite
Ergänzungsvereinbarung vom 18. Dezember 1996 zum Rahmenvertrag vom 13. November 1989
und zum Risikobeteiligungsvertrag vom 30. Dezember 1983, welche jedoch
Ende 2009 ausgelaufen ist. Mit einem Rückbau kann frühestens 2027 nach
Unterschreiten der relevanten Grenzwerte begonnen werden. Aus den vorhandenen
Vereinbarungen lassen sich keine rechtlich eindeutigen Aussagen für die
weiteren Verpflichtungen aller Beteiligten bezüglich des Rückbaus treffen. Der
weitere Betrieb des sicheren Einschlusses wird zunächst aus den angesparten
Mitteln der HKG finanziert, diese belaufen sich auf rd. 48 Mio. Euro (Stand:
20. Dezember 2009), so dass der Betrieb des sicheren Einschlusses für die
nächsten Jahre auch ohne weitere Bundeszuwendungen gesichert ist.
Organisation
Projekt/
Vorhaben
Laufzeit/
Restlaufzeit
(für
Schätzkosten)
Stand des Stilllegungsvorhabens
FZJ FRJ-2 (DIDO) 2010 – 2017
Der Forschungsreaktor wurde im Mai 2006 abgeschaltet.
Die Stilllegungsgenehmigung ist noch nicht erteilt.
Geplanter Beginn des Rückbaus 2012.
FZJ
Chemiezellen
(CZ)
2011 – 2015
Einstellung der wissenschaftlichen Nutzung Ende 2009.
Geplanter Beginn des Rückbaus 2012, je nach Stand des
Genehmigungsverfahrens.
FZJ
Große Heiße
Zellen (GHZ)
2011 – 2018
Rückbau nicht mehr benötigter Infrastruktur. Geplanter
Beginn des Rückbaus 2012, je nach Stand des
Genehmigungsverfahrens.
WAK /EWN FR-2 2012 – 2019
Rückbau des zurzeit im sicheren Einschluss befindlichen
Forschungsreaktors. Wegen knapper Haushaltsmittel
bislang zurückgestellt. Soll im Anschluss an den Abschluss
des Rückbaus von MZFR und KNK II in Angriff
genommen werden.
WAK/EWN Heiße Zellen 2011 – 2012
Rückbau nicht mehr benötigter Infrastruktur. Wegen
knapper Haushaltsmittel bislang zurückgestellt.
GKSS FRG 1 + 2 2011 – 2018
FRG-2 (abgeschaltet 1993): Vorbereitende Arbeiten zum
Rückbau laufen.
FRG 1 (abgeschaltet im Juni 2010): Rückbau gemeinsam
mit FRG-2.
Drucksache 17/2646 – 8 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeDie Gesamtkosten für den Rückbau des THTR werden auf rd. 350 Mio. Euro
geschätzt (Stand 2008). Derzeit sind Gespräche mit allen Beteiligten über die
weitere Finanzierung des sicheren Einschlusses, sowie des Rückbaus der Anlage
in Gange. Die Verhandlungsführung liegt beim Land NRW. Die Frage nach der
Beteiligung des Bundes kann daher erst nach Abschluss der Verhandlungen
beantwortet werden.
11. Welche Konsequenzen hat die Bundesregierung aus dem Prüfbericht des
Bundesrechnungshofes von 2008 gezogen, wonach der
Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe Rückbau- und Entsorgungs-GmbH (WAK GmbH)
jeglicher materieller Anreiz fehle, das Rückbau-Projekt schnell und
kostengünstig abzuschließen, und der neben dem ministeriellen Controlling
im WAK-Aufsichtsrat eine unabhängige Projektbegleitung fordert?
Die Bundesregierung hat Zeit- und Kostenpläne vorgegeben und unter
Zuhilfenahme eines unabhängigen externen Projektbegleiters umgesetzt.
12. Welche Vorschläge zur Kosteneinsparung und zur Projektbeschleunigung
bei den Rückbauprojekten kamen bisher von externen Beratern wie der
Fichtner GmbH, und in welchem Umfang konnten dadurch tatsächlich
Mittel eingespart werden?
Ziel des Hinzuziehens von externen Beratern wie der Fichtner GmbH ist in erster
Linie eine fachkundige und kontinuierliche Projektbegleitung, welche es durch
rechtzeitige Rückmeldung erlaubt laufende Prozesse zu optimieren, bereits im
Vorfeld mögliche Probleme zu erkennen und mittels geeigneter Maßnahmen
gegenzusteuern. Aufgrund der fortlaufenden Art der Beratungstätigkeit ist die
Quantifizierung einer Zeit- und Kostenersparnis, die sich mit oder ohne die
Beratung möglicherweise ergeben hätte, unmöglich.
13. Inwieweit hält die Bundesregierung die Zahl von drei Stellen im BMBF
und 1,5 Personen im Bundesministerium der Finanzen, die mit dem
Management und der Kontrolle des Rückbaus der atomaren
Versuchsanlagen im Geschäftsbereich des BMBF befasst sind, für bedarfsgerecht?
Derzeit sind im BMBF drei Personen mit dem Management und der Kontrolle
des Rückbaus der atomaren Versuchsanlagen befasst, sowie im BMF 1,5
Personen mit dem Management und der Kontrolle des Rückbaus der Anlagen der
Energiewerke Nord GmbH, ergänzt durch technisches Controlling von externen
Beratern.
Die Bundesregierung hält diese Zahl für bedarfsgerecht.
14. Weshalb war für die Übertragung des Stilllegungsbereichs des
Forschungszentrums Karlsruhe auf die WAK GmbH in 2009 hinsichtlich der
steuerlichen Ausgestaltung die Einschaltung eines externen Beraters
erforderlich, und welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung aus dessen
Expertise gewonnen?
Die Übertragung des Stilllegungsbereiches des Forschungszentrums Karlsruhe
auf die WAK GmbH erfolgte zeitgleich und in sachlichem Zusammenhang mit
der Zusammenlegung des Forschungszentrums mit der Universität Karlsruhe
und der gleichzeitigen Umwandlung zum KIT, einer Einrichtung des Landes
Baden-Württemberg. Dadurch ergaben sich komplexe steuerrechtliche Fragen,
die zu finanziellen Belastungen im Millionenbereich hätten führen können. Zur
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 9 – Drucksache 17/2646Verdeutlichung der Komplexität des Vorgangs sei daran erinnert, dass es zur
Gründung des KIT eines speziellen Landesgesetzes bedurfte.
15. Wie viel radioaktiver Müll aus Forschungsreaktoren, der auf Kosten des
Bundes entsorgt werden muss, lagert im Einzelnen aktuell im Ausland
(jeweils in kg)?
Wie hoch sind die Kosten für dessen Zwischenlagerung?
Das BMBF liegen bisher folgende Angaben für die WAK vor: Aus der
Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen aus Forschungsreaktoren des
früheren Forschungszentrums Karlsruhe lagern folgende Abfälle im Ausland:
16. Mit welchen Erlösen aus dem Verkauf von Uran rechnet die
Bundesregierung in den kommenden Jahren?
Beim Bund oder einer der genannten Einrichtungen stehen keine Uranverkäufe
mehr an.
17. Inwieweit berücksichtigt die Bundesregierung bei ihren Atom-Swaps, dem
Tausch radioaktiver Abfälle, auch die höheren Kosten der Endlagerung
von HAW-Abfällen (HAW: High Active Waste)?
Ein Tausch von radioaktiven Abfällen wird grundsätzlich für solche Abfälle
angestrebt, die in Deutschland nicht endgelagert werden können.
Eine Endlagerung in Deutschland würde eine aufwändige Verarbeitung/
Umkonditionierung dieser Abfälle voraussetzen. Die in Deutschland vorhandenen
Verarbeitungsanlagen sind nicht dafür ausgelegt und müssten kostenintensiv
nachgerüstet werden. Im Rahmen der Umkonditionierung wäre auch mit einem
Anstieg des Abfallvolumens zu rechnen.
Bei einem Tausch von MAW zu HAW verringert sich bei in Summe gleicher
Dosisleistung das Endlagervolumen wesentlich. Auch der Umfang der
durchzuführenden Transporte sinkt erheblich.
Im Ergebnis stellt ein Tausch daher die kostengünstigere Variante dar.
Land (Ort) Gelagerte Abfälle
Großbritannien
(Dounreay)
Die Zuordnung von Abfallfässern ist noch nicht
abgeschlossen, voraussichtlich werden der WAK GmbH
ca. 30 MAW-Fässer (je 500 l) zugeordnet.
Derzeit entstehen keine Zwischenlagerkosten.
Frankreich (La Hague) 1 Glaskokille und 1 CSD-B-Kokille werden im
Rückführungsprogramm der EVU berücksichtigt.
Derzeit entstehen keine Zwischenlagerkosten.
Frankreich (Marcoule) 65,27 Bitumenfässer (je 217 l), die nicht den deutschen
Endlagerungsbedingungen entsprechen und daher gegen
1- 2 CSD-B-Kokillen in La Hague getauscht werden sollen.
Die Verhandlungen hierzu laufen.
Derzeit entstehen keine Zwischenlagerkosten.
Frankreich (Cadarache) 35 Büchsen, welche Bündel von Kernbrennstoffen aus dem
KNK II, sowie eine Büchse, welche Kernbrennstäbe aus
dem ehemaligen Nuklearschiff Otto-Hahn enthalten
Drucksache 17/2646 – 10 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode18. Sollen die Einnahmen der von der Bundesregierung angekündigten neuen
Kernbrennstoffsteuer vorrangig den Einzelplänen mit Altlastentiteln
zugute kommen?
Nein. Für den Bundeshaushalt gilt der Grundsatz der Gesamtdeckung (§ 8 der
Bundeshaushaltsordnung). Die Einnahmen aus der Beteiligung der
Kernenergiewirtschaft werden dem Gesamthaushalt zufließen. Sie werden nicht
zweckgebunden sein.
19. Wie hoch war die Zahl der meldepflichtigen Ereignisse seit 2008 jeweils in
den einzelnen Anlagen?
Aus folgenden in Stilllegung befindlichen kerntechnischen Anlagen wurden seit
2008 meldepflichtige Ereignisse gemäß Atomrechtlicher
Sicherheitsbeauftragten- und Meldeverordnung (AtSMV) gemeldet:
* Stand: 15. Juli 2010
Anlage
Anzahl der Ereignisse pro Jahr
2008 2009 2010*
Kernkraftwerk Greifswald 4 1
Kernkraftwerk Rheinsberg 2
Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich 2
Kernkraftwerk Stade 1
Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor (AVR), Jülich 1 2
Kompakte natriumgekühlte Kernanlage (KNK-II),
Karlsruhe
1
Kernkraftwerk Würgassen 1
Forschungsreaktor FRJ-2, Jülich 2
Forschungsreaktor RFR, Rossendorf 1 1
Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) 11 16 9
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]