Bewertung und Gefahrenpotential der sogenannten Incel-Szene
der Abgeordneten Heidi Reichinnek, Susanne Ferschl, Gökay Akbulut, Martina Renner, Dr. Petra Sitte und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Der Begriff „Incel“ (involuntary celibates – „unfreiwillig Zölibatäre“) ist eine vorrangig im Internet vorgenommene Bezeichnung für Männer, die sich darüber definieren, keine oder keine längerfristigen Beziehungen sexueller oder romantischer Natur pflegen zu können. Was die Szene eint, ist ein patriarchales Anspruchsdenken, das sich im Glauben an ein Recht auf Sex und daraus folgender Degradierung von Frauen zu Objekten der eigenen Begierde manifestiert. Als Erklärung für das Phänomen werden innerhalb dieser Kreise nicht selten in Foren und Kommentarspalten antigenderistische und antifeministische Narrative herangezogen. Das unfreiwillige Zölibat, so eine Erzählung, begründe sich beispielsweise dadurch, dass Frauen zwar einerseits zu Hypergamie neigten, sich aber nur auf 20 Prozent der Männer (konventionell attraktiv, finanziell bessergestellt, Szenecode „Chad“) fokussierten. Die „übrigen“ 80 Prozent aller Männer würden bei dieser „Nach-Oben“-Orientierung aber das Nachsehen haben und hätten daher kaum bis keine Sexualkontakte.
Tragweite, Organisationsgrad und Homogenität des Phänomens „Incels“ sind umstritten. Es gibt aber deutliche Anzeichen dafür, dass die „Incels“ zumindest in Teilen argumentative Schnittmengen mit der Neuen Rechten aufweisen oder an diese anschlussfähig sind. Die Soziologin Dr. Franziska Schutzbach schreibt, dass bestimmte Formen von Männerrechtsaktivismus und deren Narrative als „Brutstätten rechtnationaler Weltanschauungen“ fungieren können (https://geschichtedergegenwart.ch/ich-kann-euch-alle-haben/).
Hauptbetätigungsbereich der Community ist das Internet. Incels werden hier der sogenannten Manosphere zugeordnet (https://www.researchgate.net/publica tion/338737324_The_Evolution_of_the_Manosphere_Across_the_Web), zu der u. a. auch sogenannte Pick Up Artists und Männerrechtler zählen. Männer und Jungen schließen sich dort zusammen, um sich gegenseitig zu bestätigen, aber auch gegenseitig weiter zu demütigen. Die Szene der Incels stellt hierin den am Weitesten radikalisierten Teil dar. Es wird Terroristen wie Elliot Rodger gehuldigt, der 2014 bei einem Anschlag in den USA 14 Menschen ermordete. Gewalt-, Mord- und Vergewaltigungsfantasien sind an der Tagesordnung. Geteilt werden auch grafische Darstellungen von solchen Szenen oder von Opfern von Gewalttaten. Des Öfteren enden Aktivitäten von Nutzern in einschlägigen Foren in Abschiedsbriefen. Hierbei ist also von Selbsttötungen auszugehen.
Tatsächlich sind geschlossen antifeministische Weltbilder in der deutschen Mehrheitsgesellschaft weit verbreitet (https://www.boell.de/sites/default/files/2021-04/Decker-Braehler-2020-Autoritaere-Dynamiken-Leipziger-Autoritarism us-Studie_korr.pdf?dimension1=ds_leipziger_studie), in der Incel-Szene sind sie jedoch einerseits Einstiegsvoraussetzung und andererseits in den meisten Fällen mit entsprechenden Begleitformen digitaler oder physischer Gewalt gepaart. Ziel sind nicht nur Frauen, sondern auch Paare und Personen anderen Geschlechts, die nicht der „Blackpill“-Ideologie anhängen oder sich positiv auf feministische Positionen beziehen. Die Grenze zwischen psychischen Symptomatiken (unverarbeitete Kränkungserfahrungen, narzisstische Störungen etc.) und Ideologie verläuft in der Szene fließend.
Aus Medienberichten aus dem Mai dieses Jahres geht hervor, dass das Bundeskriminalamt (BKA) die Zuständigkeit für den Phänomenbereich beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sieht, welches sich intensiv mit der Thematik beschäf tige. Das BfV selbst jedoch gibt auf Nachfrage an, dass die Incel- Bewegung keinen aktiven Beobachtungsgegenstand darstelle (https://story.ndr.de/incels/index.html).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen13
Erkennt die Bundesregierung ein von der Incel-Szene in Deutschland ausgehendes Gefährdungspotential, und wenn ja, wie bewertet sie dieses, und welche Kenntnisse liegen ihr zur Szene vor (bitte ausführen)?
Wie viele Personen werden der Incel-Szene in Deutschland nach Kenntnis der Bundesregierung zugerechnet?
Findet nach Kenntnis der Bundesregierung ein Monitoring von Incel- Foren oder dem Imageboard „Kohlchan“ statt, und wenn ja, durch wen?
Welche Überlegungen gibt es bei Behörden des Bundes, angelehnt an den international gängigen Terminus des „Incel Terrorism“, entsprechende Beobachtungen oder Vorgänge in einem eigenen Phänomenbereich bzw. einem Bereich der Politisch motivierten Kriminalität zusammenzuführen?
Inwiefern waren die Incel-Bewegung oder einzelne ihrer Erscheinungsformen Beratungsgegenstand des Gemeinsamen Extremismus- und Terrorismuszentrums (GETZ)?
Welche Überlegungen und Maßnahmen existieren nach Kenntnis der Bundesregierung, innerhalb des polizeilichen Informationssystems eine Verbunddatei zur Zusammenführung von Erkenntnissen zu Straftaten, Straftätern, relevanten Akteuren und Strukturen der Incel-Szene zu schaffen?
Welche Klassifizierungen finden sich im Erfassungssystem zur Erstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) im Bereich Gewalt gegen Frauen, die nicht unter Partnerschaftsgewalt fallen und insbesondere digitale Gewalt gegen Frauen statistisch auswertbar machen können?
Plant die Bundesregierung, Femizide künftig als eigenen Phänomenbereich zu erfassen?
Wurden bisher Straftaten mit Beziehungen zur Incel-Szene registriert (bitte nach Kalenderjahr, Deliktart, Zahl der Opfer aufschlüsseln)?
Welche Bestrebungen verfolgt die Bundesregierung im Bereich des Deplatformings von Incel-Foren?
Wurden in der Vergangenheit Löschungen von Incel-Foren vorgenommen oder bei Diensteanbietern initiiert?
Wenn ja, welche (bitte nach Domain, Datum, Grund, durchführende Stelle bzw. Behörde aufschlüsseln)?
Welche Beratungsstellen für Betroffene von digitaler Gewalt gibt es, die aus Bundesmitteln finanziert werden (bitte nach Ländern aufschlüsseln)?
Werden aus Sicht der Bundesregierung Beratungs- oder Ausstiegsstellen für Menschen benötigt, die in der Incel-Szene aktiv sind?
Wenn ja, welche Beratungs- oder Ausstiegsstellen für Menschen, die in der Incel-Szene aktiv sind, gibt es, die aus Bundesmitteln finanziert werden?
Wenn nein, plant die Bundesregierung, entsprechende Fördermöglichkeiten zu schaffen?
Welche Stellen auf Landesebene sind der Bundesregierung bekannt?
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung zu Selbsttötungen, die aus der Incel-Szene heraus begangen wurden?