[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Heidi Reichinnek, Susanne Ferschl,
Gökay Akbulut, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE.
– Drucksache 20/4594 –
Vereinsamung im Alter
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Einsamkeit hat nach Ansicht der Fragestellenden multifaktorielle Ursachen
und ist nicht immer an mangelnden interpersonellen Kontakt geknüpft. Die
Folgen sind oft schwer und reichen von Depressionen bis zu chronischen
Krankheiten. In manchen Fällen wird die Einsamkeit so stark, dass sich
Betroffene suizidieren. Zur Bekämpfung von Einsamkeit braucht es nach Ansicht
der Fragestellenden folglich eine Bandbreite an Instrumenten, insbesondere
auch eine Vereinfachung von Zugängen. Die Bedarfe sind hierbei vielzählig
und müssen parallel gedeckt werden:
Dabei kann es sich um erschwerte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben
durch zu niedrige Einkommen handeln, die Besuche in Cafés oder Theatern
unmöglich machen. Einsamkeit ist meist nicht von finanzieller Grundlage zu
trennen. Insbesondere Menschen, die von viel zu niedrigen Renten leben
müssen, bleibt nach Ansicht der Fragestellenden die gleichwertige Teilhabe am
gesellschaftlichen Leben verwehrt. Auch für essenzielle medizinische Güter
wie Brillen oder Antidepressiva sind finanzielle Eigenanteile eingeplant, die
nicht jeder leisten kann. Es kann sich genauso um fehlende Zugänge zu
Mobilität handeln; sowohl, weil regelmäßige Ticketkäufe nicht leistbar sind, als
auch, weil schlichtweg kein regelmäßiges Angebot verfügbar ist, denn
Autoverkehr ist Individualverkehr, von dem viele Menschen aus Altersgründen
oder finanziellen Gründen de facto ausgeschlossen sind. Genauso kann
mangelnde Barrierefreiheit dafür sorgen, dass Menschen gar nicht erst potentielle
Angebote wahrnehmen.
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Einsamkeit hat viele Ursachen, tritt in unterschiedlichen Facetten auf und stellt
sich in den verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich dar. Einsamkeit ist
eine komplexe gesamtgesellschaftliche Herausforderung mit zahlreichen
negativen Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen sowie das soziale
Miteinander. Sie hat viele Gesichter und Gründe und ist keine Frage des Alters.
Deutscher Bundestag Drucksache 20/4838
20. Wahlperiode 07.12.2022
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend vom 7. Dezember 2022 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Einsamkeit schwächt das Vertrauen in andere Menschen und damit den
gesellschaftlichen Zusammenhalt. Betroffenen Menschen fällt es oft schwer, alleine
aus der Einsamkeit herauszufinden. Einsame ältere Menschen sind häufig noch
stärker auf Hilfen angewiesen, insbesondere bei hinzukommenden
Risikofaktoren, wie Schicksalsschlägen, Erkrankungen, Einschränkungen der Mobilität
und Altersarmut.
Wenn Einsamkeit chronisch wird, senkt sie die Lebensqualität und wirkt sich
negativ sowohl auf den Körper als auch auf das Denken, Verhalten und Erleben
eines Menschen aus. Darüber hinaus gehen einsame Menschen seltener in den
sozialen Kontakt und deuten soziale Signale eher falsch. Daraus und aufgrund
von fehlendem Vertrauen in andere Menschen entwickelt sich ein
schambesetzter Teufelskreis aus Vermeidung sozialer Interaktion, bei einem gleichzeitig
empfundenen Mangel an sozialer Eingebundenheit. Einsamkeit hat zudem
einen negativen Einfluss auf die demokratische Teilhabe, wie die Beteiligung an
Wahlen sowie das Vertrauen in politische Institutionen.
Es wird auf die Antworten der Bundesregierung auf die ähnlich gelagerten
Kleinen Anfragen der Fraktion DIE LINKE., Einsamkeit im Alter –
Auswirkungen und Entwicklungen auf Bundestagsdrucksache 19/4760 und der
Fraktion der FDP, Einsamkeit und die Auswirkung auf die öffentliche
Gesundheit auf Bundestagsdrucksache 19/10456 und der Fraktion der FDP, Einsamkeit
während der COVID-19-Pandemie auf Bundestagsdrucksache 19/22029 sowie
der Fraktion DIE LINKE., Vorhabenplanung des Bundesministeriums für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Vorhaben im Bereich „Alle Generationen
im Blick – Gutes Leben im Alter“ auf Bundestagsdrucksache 20/2748
verwiesen.
1. Wie viele Menschen in der Bundesrepublik Deutschland sind nach
Kenntnis der Bundesregierung von Einsamkeit betroffen?
Wie haben sich diese Zahlen in den letzten fünf Jahren entwickelt (bitte
nach Jahren und Altersgruppen 55 bis 59 Jahre, 60 bis 69 Jahre, 70 bis
85 Jahre und über 85 Jahre sowie, wenn möglich, nach Bundesland,
ländlichem oder urbanem Raum sowie Geschlecht aufschlüsseln)?
Auf Grundlage des Deutschen Alterssurveys (DEAS) des Deutschen Zentrums
für Alterfragen (DZA) wurden die Einsamkeitsquoten für die Jahre 2014, 2017,
Sommer 2020 und Winter 2020/2021 ermittelt (
www.dza.de/forschung/deas).
Der DEAS wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert.
Die hier berichteten Einsamkeitsquoten sind als Anteil an Personen (in einer
bestimmten Bevölkerungsgruppe) zu interpretieren, die sich einsam fühlen,
d. h. deren Beziehungsbedürfnisse nicht hinreichend durch die Menge und
Qualität ihrer persönlichen Beziehungen erfüllt werden.
Die folgenden Tabellen stellen die Einsamkeitsquote von Menschen in der
zweiten Lebenshälfte zu zwei Zeitpunkten vor Beginn der Corona-Pandemie
(2014 und 2017) und zwei Zeitpunkten nach Einsetzen der Corona-Pandemie
dar (Sommer 2020 und Winter 2020/2021). Die folgenden Einsamkeitsquoten
sind nur für Menschen in der zweiten Lebenshälfte repräsentativ, die in
Privathaushalten leben. Die Einsamkeitsraten nach einzelnen Bundesländern
anzugeben, ist nicht möglich. Dafür sind die Fallzahlen pro Land zu klein.
Tabelle 1: Einsamkeitsquote nach Erhebungsjahr und Altersgruppen
Altersgruppe Kalenderjahr Einsamkeitsquote
in Prozent
55- bis 59-Jährige 2014 10,76
2017 8,10
Sommer 2020 11,61
Winter 2020/2021 11,03
60- bis 69-Jährige 2014 7,68
2017 9,05
Sommer 2020 13,14
Winter 2020/2021 7,05
70- bis 85-Jährige 2014 7,19
2017 7,58
Sommer 2020 12,53
Winter 2020/2021 6,39
Über 85-Jährige 2014 3,51
2017 5,12
Sommer 2020 7,81
Winter 2020/2021 12,45
Quelle: Deutscher Alterssurvey: 2014 (n = 7.875), 2017 (n = 5.510), 2020 (n = 4.609), 2020/2021
(n = 4.367).
Tabelle 2: Einsamkeitsquote nach Erhebungsjahr und Geschlecht
Geschlecht Erhebungsjahr Einsamkeitsquote
in Prozent
Männer 2014 9,20
2017 8,26
Sommer 2020 13,82
Winter 2020/2021 9,04
Frauen 2014 8,80
2017 9,92
Sommer 2020 13,55
Winter 2020/2021 8,51
Quelle Deutscher Alterssurvey: 2014 (n = 7.875), 2017 (n = 5.510), 2020 (n = 4.609), 2020/2021
(n = 4.367).
Tabelle 3: Einsamkeitsquote nach Erhebungsjahr und Raumtyp
Raumtyp Erhebungsjahr Einsamkeitsquote
in Prozent
Städtisch 2014 9,44
2017 9,56
Sommer 2020 13,69
Winter 2020/2021 9,15
Ländlich 2014 8,16
2017 8,34
Sommer 2020 13,65
Winter 2020/2021 8,07
Quelle Deutscher Alterssurvey: 2014 (n = 7.875), 2017 (n=5.510), 2020 (n = 4.609), 2020/2021
(n = 4.367).
2. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung zur Ausbreitung des
Phänomens der Einsamkeit in Deutschland im internationalen Vergleich?
Nach der Expertise „Epidemiologie von Einsamkeit in Deutschland“ von
Dr. Theresa Entringer, die durch das vom BMFSFJ geförderte Kompetenznetz
Einsamkeit (KNE) in Auftrag gegeben wurde, fühlten sich im Jahr 2017
14,2 Prozent der Menschen in Deutschland zumindest manchmal einsam. Dies
geht aus Erhebungen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) hervor. Die
Auswirkungen der Corona-Pandemie führten zu einem Anstieg der Anzahl von
Betroffenen. So gaben zum Zeitpunkt des ersten Lockdowns im März 2020
40,1 Prozent der in Deutschland lebenden Personen an, sich zumindest
manchmal einsam zu fühlen (Entringer 2022: kompetenznetz-einsamkeit.de/downloa
d/2876/).
Eine Untersuchung der Verbreitung von Einsamkeit in Europa hat das Joint
Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission vorgenommen.
Demnach waren im Jahr 2016 etwa 12 Prozent der Bürgerinnen und Bürger der EU
von Einsamkeit betroffen. Im Zuge der Auswirkungen der Corona-Pandemie
stieg diese Zahl auf etwa 25 Prozent an. Auch hier zeigte sich bei jüngeren
Menschen ein besonders hoher Anstieg von Einsamkeit durch die
Auswirkungen der Pandemie (JRC: op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/67ee8
c53-edcc-11eb-a71c-01aa75ed71a1/language-en).
Einen Überblick über nationale und internationale Studien zur Verbreitung von
Einsamkeit wurde im März 2021 vom Wissenschaftlichen Dienst des
Bundestages veröffentlicht (siehe: Wissenschaftlicher Dienst 2021:
www.bundestag.de/r
esource/blob/844760/deddcb8f1dc3a3ad04d919ac6603843d/WD-9-010-21-pd
f-data.pdf). Aufgrund unterschiedlicher Messmethoden sind die beschriebenen
Studien nur eingeschränkt vergleichbar.
3. Wie viele Fälle in den letzten zehn Jahren sind der Bundesregierung
bekannt, in denen Menschen einsam verstorben sind und erst durch fremde
Dritte nach längeren Zeiträumen gefunden wurden (bitte nach
Bundesländern und Geschlecht aufschlüsseln)?
Sieht die Bundesregierung hier Zusammenhänge zwischen Häufung der
Fälle und ländlichem bzw. urbanem Raum?
4. Wie hoch ist der Prozentsatz Verstorbener über 55 Jahre, die in den
letzten fünf Jahren ordnungsbehördlich bestattet wurden (bitte nach Jahren
und Altersgruppen 55 bis 59 Jahre, 60 bis 69 Jahre, 70 bis 85 Jahre und
über 85 Jahre sowie, wenn möglich, nach Bundesland, ländlichem oder
urbanem Raum sowie Geschlecht aufschlüsseln)?
Aufgrund des Sachzusammenhanges werden die Fragen 3 und 4 gemeinsam
beantwortet.
Amtliche Erhebungen hierzu liegen der Bundesregierung nicht vor. Es gibt
keine bundesweiten Erhebungen zum Versterben in Einsamkeit oder zum
Anteil der ordnungsbehördlichen Bestattungen.
5. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung zum Zusammenhang
zwischen wirtschaftlicher Lebensgrundlage und Vereinsamung im Alter?
Die wirtschaftliche Lebensgrundlage, verstanden als der sozioökonomische
Status einer Person, wird in der wissenschaftlichen Literatur häufig als eine
zentrale Ursache von Einsamkeitserfahrungen gesehen (bspw. Dahlberg, Agahi,
und Lennartsson 2018; Savikko, Routasalo, Tilvis, Strandberg, und Pitkälä
2005). Ganz allgemein werden sozioökonomische Nachteile, wie niedrige
Bildung oder geringes Einkommen, als wichtige Risikofaktoren für
wahrgenommene soziale Exklusion wie auch für erlebte Einsamkeit gesehen (Tesch-
Roemer und Huxhold 2019). Diese Zusammenhänge finden sich in den USA
(bspw. Hawkley et al. 2008), wie auch in Europa: Daten der fünften Welle des
Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE), 2013 in 14
europäischen Ländern erhoben (n = 29.795), zeigen, dass das Einsamkeits-
Risiko für Personen mit niedrigen Einkommen höher ausfällt als für Personen
mit hohen Einkommen (Niedzwiedz et al. 2016).
Auf Basis des Deutschen Alterssurveys finden sich für das Jahr 2014 deutliche
Unterschiede zwischen Personen mit unterschiedlicher Armutsgefährdung: Von
Einsamkeit berichten 19,7 Prozent der Personen, die mit einem Einkommen
unterhalb der Armutsrisikogrenze leben, während es bei den Personen mit
einem Einkommen darüber nur 7,9 Prozent sind (Böger, Wetzel, und Huxhold
2017). Eine weitere Untersuchung basierend auf Daten des Deutschen
Alterssurveys aus den Jahren 2014 und 2017, kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass
sozioökonomische Faktoren wie geringes Einkommen bzw. Armut, aber auch
niedrige Bildung und geringes berufliches Prestige signifikant mit Einsamkeit
verbunden sind (Huxhold, Suanet, und Wetzel 2022).
Die Einsamkeitsquote unterscheidet sich im Winter 2020/2021 nicht signifikant
nach Einkommensposition oder Einkommensarmutsrisiko. Datenbasis ist der
Deutsche Alterssurvey.
Tabelle 4: Einsamkeitsquote nach Einkommensposition im Winter 2020/2021
Einkommensposition in Prozent des
durchschnittlichen Äquivalenzeinkommens in Deutschland
Einsamkeitsquote
in Prozent
Unter 75 Prozent 11,32
75 bis 100 Prozent 8,33
Über 150 Prozent 8,06
Quelle Deutscher Alterssurvey: Winter 2020/2021 (n = 4.206). Die Unterschiede sind nicht
statistisch signifikant.
Tabelle 5: Einsamkeitsquote nach Einkommensposition im Winter 2020/2021
Einkommensarmutsrisiko Einsamkeitsquote
in Prozent
Einkommen unterhalb der Armutsrisikogrenze 14,23
Einkommen oberhalb der Armutsrisikogrenze 8,47
Quelle Deutscher Alterssurvey: Winter 2020/2021 (n = 4.206). Die Unterschiede sind nicht
statistisch signifikant.
Des Weiteren hat die Expertise „Einsamkeit und Armut“ von Prof. Dr. Jörg
Dittmann und Dr. Jan Goebel, die durch das Kompetenznetz Einsamkeit in
Auftrag gegeben wurde, nationale und internationale Studien zum Thema
analysiert und eigene Auswertungen von Daten des Sozio-oekonomischen Panels
(SOEP) vorgenommen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen, die von
Armut betroffen sind, sich stärker einsam fühlen. Zudem sind sie häufiger
sozial isoliert. Die Längsschnittanalysen zeigen, dass die Einsamkeit mit der
Armut ansteigt. Menschen, die arm wurden, kehren auch im Zeitverlauf oftmals
nicht mehr auf das geringere Einsamkeitsniveau zurück, bevor sie arm wurden
(siehe:
www.kompetenznetz-einsamkeit.de/download/2943/).
Aus dem Siebten Altenbericht geht hervor, dass besonders bei alleinlebenden
Personen, die aufgrund von Mobilitätsbeeinträchtigungen nur mit
Unterstützung ihre Wohnung verlassen können, das Einsamkeitsrisiko in Verbindung mit
Armut steigt (siehe
www.bmfsfj.de/resource/blob/120144/2a5de459ec4984cb2f
83739785c908d6/7-altenbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf).
Luhmann und Bücker führen dazu aus, dass sich das Einkommensniveau zum
einen auf die Nutzung von Dienstleistungen zur Bewältigung von Barrieren als
auch die mögliche Auswahl von sozialen Aktivitäten auswirkt, wodurch
fehlende finanzielle Ressourcen die gesellschaftlichen Teilhabechancen
beeinflussen. Zum anderen verweisen sie auf die indirekten Einflüsse von Armut. Ein
geringes Einkommen kann mit Scham und einer Beeinträchtigung des
Selbstwertgefühls einhergehen. Dadurch wird zusätzlich die soziale
Kontaktaufnahme erschwert und weiterer sozialer Rückzug begünstigt (Luhmann und Bücker
et al. 2019: doi.org/10.13154/294-6373).
6. Inwiefern besteht nach Auffassung der Bundesregierung ein
Zusammenhang zwischen fehlender Barrierefreiheit im Wohnumfeld und
Einsamkeit im Alter, und welche Maßnahmen plant sie, diesbezüglich zu
ergreifen?
Einsamkeit wird durch verschiedene Risikofaktoren beeinflusst. Sie kann
entstehen, wenn die individuellen Bedürfnisse nach gesellschaftlicher Teilhabe
und sozialen Kontakten nicht erfüllt werden. Mobilität ist zur Erfüllung dieser
Bedürfnisse eine Voraussetzung. Fällt es schwer, aufgrund von
gesundheitlichen Einschränkungen und Barrieren die Wohnung zu verlassen oder Besuch
zu empfangen, kann dies die Pflege von sozialen Kontakten, die Wahrnehmung
von Freizeitangeboten und allgemein den Alltag außerhalb der Wohnung
beeinträchtigen und damit zu einem Rückgang der Aktivitäten führen.
Möglicherweise, aber nicht zwingend, kann dies das Entstehen von Einsamkeit
begünstigen.
Außerdem ist Barrierefreiheit nicht nur ein Qualitätsstandard für ein
fortschrittliches Land, sondern auch Garant für ein selbstbestimmtes Leben von
Millionen von Menschen in Deutschland. Von einem Wohn- und Lebensumfeld ohne
Barrieren profitieren nicht nur ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen,
sondern alle Bevölkerungsgruppen.
Angesichts einer älter werdenden Gesellschaft und des damit wachsenden
Bedarfs nach einem barrierefreien Wohn- und Lebensumfeld ist das Thema
Barrierefreiheit zentral und muss bei allen Baumaßnahmen verstärkt berücksichtigt
werden. Hierauf haben sich ebenfalls alle Mitglieder des Bündnisses
bezahlbarer Wohnraum verständigt und werden entsprechende Maßnahmen weiter
bearbeiten.
Für ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen erleichtert ein barrierearmes
Wohnumfeld das tagtägliche Leben und ermöglicht zudem einen Verbleib im
angestammten Wohnraum und vertrauten Wohnumfeld. Seit 2009 fördert der
Bund hier sehr erfolgreich für Privatpersonen die Barrierereduzierung in
Wohnungen über das KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau)-Programm
„Altersgerecht Umbauen“. Für das Jahr 2023 werden 75 Mio. Euro Fördermittel
bereitgestellt.
Städtebauliche Maßnahmen der Barrierefreiheit bzw. -armut sind in der
Städtebauförderung als förderfähige Maßnahmen programmübergreifend explizit
verankert. Eine herausgehobene Bedeutung haben diese Maßnahmen im
Städtebauförderungsprogramm „Sozialer Zusammenhalt“, das insbesondere die
soziale Infrastruktur in Gebieten mit sozialen Herausforderungen stärken soll. Die
Integration und Inklusion benachteiligter Bevölkerungsgruppen, die Stärkung
der sozialen Teilhabe sowie die Beteiligung und Aktivierung der
Bewohnerinnen und Bewohnern stehen dabei besonders im Fokus, um insbesondere auch
sozialer Isolation und Einsamkeit entgegenzuwirken. Dies umfasst investive
Maßnahmen zur Schaffung eines barrierefreien Wohnumfeldes sowie
barrierefreie kinder-, familien- und altengerechte Infrastrukturen. Vorrangiges Ziel der
Bundesregierung ist es, möglichst weiten Teilen der Bevölkerung in den
Quartieren mit sozialen Herausforderungen eine Verbesserung der Wohn- und
Lebensverhältnisse u. a. durch Aufwertung des Wohnumfeldes und des
öffentlichen Raumes zu ermöglichen. Auch im Jahr 2022 stellt der Bund wieder
200 Mio. Euro an Bundesfinanzhilfen für das Programm bereit.
7. Inwiefern besteht nach Auffassung der Bundesregierung ein
Zusammenhang zwischen fehlendem materiellen Zugang zu Kunst und Kultur und
Einsamkeit im Alter, und welche Maßnahmen plant sie, diesbezüglich zu
ergreifen?
Die Mehrzahl der Kultureinrichtungen bieten erhebliche Preisreduktionen für
Seniorinnen und Senioren an. Die Gestaltung der Eintrittspreise liegt in der
Verantwortung der jeweiligen Kultureinrichtungen. Diese liegen aufgrund des
Kulturföderalismus zum überwiegenden Teil in der Zuständigkeit der Länder.
Empirisch fundierte Aussagen darüber, inwiefern ein Zusammenhang zwischen
fehlendem materiellem Zugang zu Kunst und Kultur und Einsamkeit im Alter
besteht, liegen der Bundesregierung nicht vor.
Wissenschaftliche Studien ergaben jedoch, dass freier oder ermäßigter Eintritt
kein Königsweg ist, um die kulturelle Teilhabe bislang unterrepräsentierter
Zielgruppen zu verbessern. D. h. finanzielle Barrieren sind nur zum geringeren
Teil die Hürde für Nicht-Besuche. Nicht-monetäre Barrieren (Bildung, Habitus,
Berührungsängste, andere Interessen) spielen tendenziell eine größere Rolle.
Dies zeigen Untersuchungen wie z. B. die „Evaluation des freien Eintritts in
Dauerausstellungen für die baden-württembergischen Landesmuseen und das
Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe“ im Auftrag des Ministeriums für
Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (2019) oder die
Synopse „Freier Eintritt, Ermäßigungen und Eintrittspreise der Museen in
Deutschland“ des Instituts für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu
Berlin (2019).
Hier setzen gezielte Vermittlungsangebote der vom Bund geförderten
Kultureinrichtungen an. So wurden von der Beauftragten der Bundesregierung für
Kultur und Medien (BKM) direkt bzw. über von der BKM geförderte
Einrichtungen zum Beispiel Projekte zum Thema Demenz gefördert, die sich seitdem
als Modellprojekte etabliert haben:
• Führungen für Menschen mit Demenz des Jüdischen Museums Berlin (seit
Herbst 2018): Gemeinsam mit Demenzbetroffenen und ihrer Begleitung
werden ausgewählte Fotografien der Sammlung betrachtet. Objekte zum
Befühlen und musikalische Akzente ermöglichen einen sinnlichen Zugang
und lassen die Fotografien lebendig werden. In ruhiger Atmosphäre entsteht
Raum für eigenes Erinnern und Erzählen. Das Projekt entstand in
Zusammenarbeit mit der Alzheimer Gesellschaft Berlin e. V. Selbsthilfe Demenz.
• Stiftung Preußischer Kulturbesitz SPK/Staatliche Museen zu Berlin SMB
Kulturforum Gemäldegalerie (laufend seit 2012): Die Ausstellungsbesuche
richten sich an Betroffene mit ihren Angehörigen bzw. mit ihren
Betreuerinnen und Betreuern. Bei Kaffee und Gebäck stimmen sich die
Teilnehmenden auf die neue Umgebung ein und lernen sich kennen. In den
Ausstellungsgesprächen wird eine kleine Auswahl an Werken betrachtet. Die
Teilnehmenden werden angeregt, eigene Gedanken, Empfindungen und
Erinnerungen einzubringen.
• Konzertprogramme für Menschen mit Demenz des Instituts für Bildung und
Kultur e. V. in Remscheid (2012): Das Pilotprojekt „Auf Flügeln der
Musik“ hat neue Wege beschritten, um Menschen mit Demenz, aber auch
ihren Angehörigen kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Gemeinsam mit
Konzerthäusern, Orchestern, Konzertvermittlerinnen und -vermittlern sowie
Demenzexpertinnen und -experten wurden besondere Konzert- und
Begleitprogramme für die Zielgruppe entwickelt, praktisch erprobt und evaluiert.
Durch das Projekt, das mit dem BKM-Preis 2014 für Kulturelle Bildung
ausgezeichnet wurde, konnten Kulturinstitutionen für das Thema Demenz
sensibilisiert und bei der Umsetzung zielgruppenadäquater Angebote
unterstützt werden. In Fortbildungen werden die Erfahrungen und Erkenntnisse
des Projekts weiterhin an interessierte Musik- und Konzertpädagoginnen
und -pädagogen, Musikerinnen und Musiker und Orchestermanagende
weitergegeben.
Zudem fördert das BMFSFJ, um Einsamkeit im Alter wirksam zu begegnen,
derzeit zwei explizite Maßnahmen, die verschiedene Angebote umsetzen und
erproben können:
• Zum einen werden mehr als 70 Projekte im Programm „Stärkung der
Teilhabe älterer Menschen – gegen Einsamkeit und soziale Isolation“ (STäM)
mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) Plus unterstützt. Das ESF
Plus-Programm richtet sich an die jüngeren Älteren. Die niedrigschwelligen
Angebote der ESF Plus-Projekte haben teils auch einen kulturellen Bezug.
• Zum anderen wird an rund 110 Standorten das Modellprojekt
„Miteinander – Füreinander; Kontakt und Gemeinschaft im Alter“ des Malteser
Hilfsdienstes gefördert. Das Malteser-Projekt kümmert sich vorwiegend um
Hochaltrige. Eines der Angebote im Malteser-Projekt ist die
Kulturbegleitung. Sie ermöglicht Seniorinnen und Senioren, die mobil oder
gesundheitlich eingeschränkt sind, die Teilhabe am kulturellen Leben. Ehrenamtliche
Malteser planen und organisieren den Besuch im Theater oder Kino, von
Konzerten, Museen, zoologischen Gärten oder Freilicht-Veranstaltungen.
Das Bundesprogramm „Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz“ fördert
den Auf- und Ausbau von Vor-Ort-Netzwerken, um soziale Teilhabe von
Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu verbessern. Einen Schwerpunkt
stellt hier sowie auch in der Nationalen Demenzstrategie der Bundesregierung
die Öffnung von Sport-, Kultur- und Bildungseinrichtungen dar.
8. Inwiefern besteht nach Auffassung der Bundesregierung ein
Zusammenhang zwischen fehlender Mobilität und Einsamkeit im Alter, und welche
Maßnahmen plant sie, diesbezüglich zu ergreifen?
Mobilitätsprobleme und ein Mangel an Mobilität können Prädikatoren für
Einsamkeit im Alter sein. Dabei sehen Expertinnen und Experten nicht im Alter an
sich den Grund für die Einsamkeit, sondern in den mit dem Alter häufig
einhergehenden Einschränkungen und externen Faktoren wie körperlichen Gebrechen
und damit verbundenen Mobilitätsproblemen. Im Projektbericht „Einsamkeit
und soziale Isolation im hohen Alter“ (Luhmann und Bücker et al. 2019: doi.or
g/10.13154/294-6373), erkennen die Expertinnen und Experten Gründe für
fehlende Mobilität im Alter sowohl auf der individuellen als auch auf der
infrastrukturellen Ebene. Auf individueller Ebene können im Alter benannte
körperliche und gesundheitlich bedingte Einschränkungen zu Mobilitätsproblemen
führen, welche Menschen in ihrer Wahl der (erreichbaren) sozialen Angebote
stark einschränken und Gelegenheitsstrukturen für soziale Interaktion
verhindern. Eine zentrale Erkenntnis aus der Forschung ist, dass Einschränkungen im
Mobilitätsangebot des Wohnumfeldes mit einem erhöhten Einsamkeitsrisiko,
insbesondere bei älteren Menschen, einhergeht (siehe Neu 2022: kompetenznet
z-einsamkeit.de/download/3458/). Denn um Kontakt mit Menschen aufbauen
oder aufrechterhalten zu können, müssen oftmals Barrieren und Distanzen
überwunden werden. Den Expertinnen und Experten zufolge kann auf
infrastruktureller Ebene öffentlicher Nahverkehr präventiv dabei unterstützen,
Barrieren räumlicher Art zu überwinden, um soziale Netzwerke zu pflegen
(Luhmann und Bücker et al. 2019, Klein et al. 2021:
www.bmfsfj.de/resource/b
lob/179300/415fcd20f00470b676402e943ed871b5/abschlussbericht-zugaenge-
aelterer-menschen-soziale-arbeit-data.pdf).
Dementsprechend plant die Bundesregierung die Einführung eines
bundesweit gültigen „Deutschlandtickets“ für den öffentlichen Personennahverkehr
(ÖPNV), als monatlich kündbares Abonnement für 49 Euro im Monat.
Dieses Ticket wird den ÖPNV auch für ältere Menschen attraktiver machen.
Die Bundesregierung befindet sich hierzu im Gespräch mit den Ländern.
Außerdem umfassen die Angebote im Malteser-Modellprojekt des BMFSFJ
(s. a. Antwort zu Frage 7) zum Beispiel auch das Angebot des Mobilen
Einkaufswagens. Dabei werden regelmäßig Touren für Seniorinnen und Senioren
organisiert und begleitet. Diese Einkaufshilfe verbindet das Besorgen von
Lebensmitteln mit sozialen Kontakten.
Die ESF Plus-Projekte in STäM (s. a. Antwort zu Frage 7) beinhalten auch die
Mobilität aktivierende Angebote und bieten u. a. Hol- und Bringdienste an.
Einsamkeit entgegenzuwirken ist zudem auch eines der Ziele im
Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus. Miteinander – Füreinander. Das BMFSFJ
fördert aktuell rund 530 Mehrgenerationenhäuser als soziale Orte der Begegnung,
welche Raum für Austausch und Engagement von Menschen aller
Altersgruppen in den Kommunen bieten. Im Übrigen wird hierzu auf die Antwort der
Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE.
„Mehrgenerationenhäuser in Deutschland“ auf Bundestagsdrucksache 20/1422
verwiesen.
9. Inwiefern besteht nach Auffassung der Bundesregierung ein
Zusammenhang zwischen fehlenden Digitalkompetenzen in der Bevölkerung
gekoppelt mit der voranschreitenden Digitalisierung und Einsamkeit im
Alter, und welche Maßnahmen plant sie, diesbezüglich zu ergreifen?
Einsamkeit im Alter kann viele Ursachen haben. Die Vermittlung von
Digitalkompetenzen für ältere Menschen kann eine Möglichkeit sein, um Einsamkeit
entgegenzuwirken, indem gesellschaftliche Teilhabe auch über digitale Wege
ermöglicht wird.
Der Achte Altersbericht der Bundesregierung hat die Bedeutung von digitaler
Teilhabe von älteren Menschen unterstrichen. Hierbei wurden auch die
Möglichkeiten zur Vorbeugung und Bewältigung von Einsamkeit durch digitale
Kommunikationstechnologien beleuchtet, die einen niedrigschwelligen
Einstieg in soziale Beziehungen bieten sowie den Aufbau und den Erhalt von
sozialen Beziehungen erleichtern. Auch wenn die Studienlage im Hinblick auf
eine Verbesserung der sozialen Integration von älteren Menschen durch digitale
Kommunikationstechnologien auf einen positiven Effekt hindeuten, ist dies
nicht ganz eindeutig (siehe: Achter Altersbericht der Bundesregierung 2020:
www.bmfsfj.de/resource/blob/159938/3970eecafb3c3c630e359379438c6108/a
chter-altersbericht-langfassung-data.pdf).
Eröffnen digitale Medien auch neue Möglichkeiten, Kontakte zu schaffen und
Netzwerke aufzubauen, so impliziert ein Mangel an digitaler Kompetenz,
digitaler Souveränität und technischer Ausstattung auch ein Exklusionsrisiko für
„Off-Liner“: Zugänge, die in vielen Bereichen digitalisiert werden (Termine im
Bürgeramt, Online-Banking etc.), in denen überdies immer seltener auf
persönliche Beratung in Präsenz gebaut wird, sind ihnen weitgehend verschlossen.
Auch mit dieser Problematik befasst sich der Achte Altersbericht „Ältere
Menschen und Digitalisierung“.
Die Digitalstrategie der Bundesregierung sieht ein regelmäßiges Monitoring
der Digitalkompetenzen in Deutschland vor, um auf dessen Basis die
Entwicklung gezielter Kompetenzvermittlungsangebote für digitalisierungsferne
Gruppen voranzutreiben.
Die Bundesregierung fördert außerdem verschiedene Projekte, um die
Digitalkompetenzen älterer Menschen zu fördern.
Der DigitalPakt Alter ist eine Initiative zur Stärkung von gesellschaftlicher
Teilhabe und Engagement Älterer in einer digitalisierten Welt. Bundesweit
werden hierzu in den nächsten Jahren u. a. weitere 150 Erfahrungsorte eingerichtet,
in denen ältere Menschen beraten werden und digitale Technologien vor Ort
selbst ausprobieren können. So erfahren sie, wie digitale Technik eine
selbständige Lebensführung im Alter fördern kann und welchen Nutzen die
Technik in bestimmten Alltagssituationen mit sich bringen kann (
www.digitalpakt-a
lter.de).
Im Projekt Digitaler Engel PLUS vermitteln deutschlandweit mobile
Ratgeberteams vor Ort älteren Menschen niedrigschwellig und alltagsnah digitale
Kompetenzen. Durch den Einsatz von zwei Infomobilen, die deutschlandweit
unterwegs sind, sollen insbesondere Menschen im ländlichen Raum erreicht werden
(
www.digitaler-engel.org).
Des Weiteren haben zahlreiche Mehrgenerationenhäuser (s. a. Antwort zu
Frage 8) ihre Angebote teils auf digitale Formate umgestellt und fördern die
digitalen Kompetenzen insbesondere von älteren Menschen, um auch deren digitale
Teilhabe zu stärken. Hiervon profitieren u. a. mobilitätseingeschränkte
Menschen. 444 Mehrgenerationenhäuser (fast 84 Prozent) waren 2021 im
Handlungsfeld Digitale Bildung aktiv.
Die ESF Plus-Projekte in STäM (s. a. Antworten zu den Fragen 7 und 8) setzen
ebenfalls oftmals Angebote zum digitalen Kompetenzerwerb um.
10. Inwiefern besteht nach Auffassung der Bundesregierung ein
Zusammenhang zwischen Migrationsgeschichte und damit einhergehenden
Integrationsprozessen und Einsamkeit im Alter, und welche Maßnahmen plant
sie, diesbezüglich zu ergreifen?
Menschen in vulnerablen Lebenssituationen sind einem erhöhten Risiko für das
Erleben von Einsamkeit ausgesetzt (Entringer 2022). Dazu zählen unter
anderem flucht- und migrationserfahrene Menschen.
Keine Ergebnisse weisen bislang auf einen direkten Zusammenhang zwischen
Migration und Einsamkeit im Alter hin. Zum Beispiel zeigt sich in einer
Analyse der ersten Welle des Deutschen Generationen- und Geschlechter-Surveys
von Erwachsenen im Alter von 50 bis 79 Jahren und einer Zusatzerhebung bei
türkischen Staatsangehörigen in Deutschland (n = 3.248 in Deutschland und
n = 494 in der Türkei geborene Personen) der Zusammenhang zwischen
Einsamkeit und einem niedrigeren sozioökonomischen Status (Fokkema und
Naderi, 2013: doi.org/10.10072/s10433-013-0267-7).
Die Ergebnisse zeigen, dass Einsamkeitsgefühle bei älteren Erwachsenen
türkischer Herkunft zwar häufiger vorkommen als bei ihren deutschen
Altersgenossen, dies aber durch deren niedrigeren sozioökonomischen Status und
schlechteren Gesundheitszustand erklärt wird.
Die ESF Plus-Projekte in STäM (s. a. Antworten zu den Fragen 7 bis 9)
sprechen daher teilweise gezielt die Gruppe migrationserfahrene Menschen an.
11. Hat die Bundesregierung darüberhinausgehende Erkenntnisse, qualitative
oder quantitative Studien zur Verfügung, die die Auswirkungen von
Vereinsamung im Alter auf die öffentliche Gesundheit in der
Bundesrepublik Deutschland eruieren (wie z. B. Altenbericht)?
Einsamkeit berührt viele Lebensbereiche und beeinflusst die Art und Weise,
wie Menschen am sozialen Leben teilnehmen. Auswirkungen zeigen sich z. B.
in der Arbeitswelt, im Freizeitverhalten, in der Gestaltung sozialer
Beziehungen, in der Partizipation am Leben in der Gemeinschaft und auch in der
öffentlichen Gesundheit.
Studien, die das konkrete Ausmaß der Auswirkung von Einsamkeit auf die
öffentliche Gesundheit (sowie die damit verbundenen gesundheitlichen und
gesamtwirtschaftlichen Kosten) in der Bundesrepublik Deutschland benennen,
liegen der Bundesregierung nicht vor, auch in den Altersberichten der
Bundesregierung wurde dieses Thema bislang nicht aufgegriffen. Bücker (2022: www.
kompetenznetz-einsamkeit.de/download/2879/) verweist darauf, dass
internationale Studien darauf hinweisen, dass das erhöhte Risiko für negative
Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit von einsamen
Menschen mit einer stärkeren Belastung des Gesundheitssystems einhergeht.
Aus Studien des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) geht hervor, dass
das Erleben von Einsamkeit nicht nur mit einem negativen subjektiven
Wohlbefinden einhergeht, sondern sich zudem auf vielfältige Weise negativ auf die
Gesundheit auswirkt (Tesch-Römer, Wiest, Wurm, und Huxhold, 2013).
Dies mit aktuellen Daten für Personen ab 65 Jahren abzubilden, ist Ziel der am
Robert Koch-Institut (RKI) durchgeführten und vom Bundesministerium für
Gesundheit geförderten Studie „MonA-ge/Gesundheit 65+“ (Projektlaufzeit:
1/2019 bis 12/2023). Einsamkeit wird hier mit einer Kurzfassung der Skala für
die Einsamkeit der Revised-University of California at Los Angeles Loneliness
scale (R-UCLA) gemessen (Hughes, Waite, Hawkley, und Cacioppo, 2004).
Der Datensatz steht voraussichtlich Anfang 2023 zur Verfügung. Für den
Herbst 2023 ist eine Mehrthemenpublikation in Form eines Fokusbeitrags im
Journal of Health Monitoring geplant, die u. a. Ergebnisse zum Thema
Einsamkeit beinhaltet.
Vom RKI wird das Thema Einsamkeit im Kontext von Gesundheitsberichten
berücksichtigt, z. B. in dem Unterkapitel 5.2.2 „Einsamkeitserleben“ des
Kapitels 5 Gesundheit älterer Frauen des Berichts zur Gesundheitliche Lage der
Frauen in Deutschland (RKI, 2020, S. 223 ff.).
Ergebnisse aus epidemiologischen Studien zeigen, dass Einsamkeit ein
Risikofaktor für die Gesundheit ist (u. a. Krasko und Kirchdörfer 2019: doi.org/10.13
154/294-6398). Dieser Zusammenhang zeigt sich konsistent für verschiedene
Bereiche der Gesundheit. Die Übersichtsarbeit von Krasko und Kirchdörfer
(2019) zeigt anhand zahlreicher internationaler repräsentativer Studien, dass
Einsamkeit und soziale Isolation z. B. mit verminderter körperlicher Mobilität,
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einem erhöhtem Mortalitätsrisiko,
Depressionen, einem geringen allgemeinen Wohlbefinden und kognitiven Defiziten
einhergehen. Umgekehrt zeigt sich, dass u. a. der Gesundheitsstatus und der
Beziehungsstatus einer Person eine entscheidende Rolle für das
Einsamkeitserleben spielen (Bücker et al., 2019: doi.org/10.13154/294-6397).
Bei den vorliegenden Untersuchungen bleibt jedoch häufig die Frage nach
möglichen Erklärungsmechanismen offen. Überhaupt sind die komplexen
Ursachen sowie Auswirkungen von Einsamkeit in Deutschland bisher noch nicht
ausreichend untersucht. So wird zum Beispiel diskutiert, ob der
Zusammenhang zwischen Einsamkeit und einem erhöhtem Mortalitätsrisiko unabhängig
oder nur in Verbindung mit anderen Merkmalen, wie etwa dem
Gesundheitszustand, erklärt werden kann. Auch die Frage, ob Einsamkeit die Gesundheit
verschlechtert oder ob ein schlechter Gesundheitszustand zu Einsamkeit führt, ist
häufig unklar.
Unstrittig ist, dass Einsamkeit und ein schlechter Gesundheitszustand oft
zusammenhängen und sich dabei reziprok verhalten, sich also wechselseitig
bedingen können. Wie genau Einsamkeit und Gesundheit zusammenhängen und
welche Mechanismen in welche Richtung wirken, kann nur mit
Längsschnittstudien untersucht werden.
Böger und Huxhold (2018: doi.org/10.1037/dev0000453) können mit
Längsschnittdaten aus dem Deutschen Alterssurvey (DEAS) zeigen, dass Einsamkeit
und körperliche Gesundheit durch negative Affekte vermittelt wird: So erleben
einsame Personen mehr negative Emotionen wie etwa Sorgen, Angst, Schuld
oder Nervosität. Diese negativen Emotionen führen dann wiederum zu einem
schlechteren Gesundheitszustand, wie bspw. in Bezug auf Herz-Kreislauf- oder
Atemwegserkrankungen.
Entgegen einer verbreiteten Erwartung scheinen die Folgen von Einsamkeit im
hohen Lebensalter weniger schwerwiegend auszufallen als in früheren
Lebensphasen (u. a. Böger und Huxhold 2018). Dieses Ergebnis weist möglicherweise
auf eine besonders hohe Resilienz der bis ins hohe Lebensalter überlebenden
Personen hin.
12. Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung die gesundheitlichen
und gesamtwirtschaftlichen Kosten, die infolge der Vereinsamung in der
Bevölkerung auftreten?
Welche näheren Erkenntnisse hat die Bundesregierung zu den
Kostenpunkten einzelner Krankheitsbilder, die durch Vereinsamung ausgelöst
werden?
Es liegen keine Erkenntnisse zur Höhe der gesamtwirtschaftlichen Kosten, die
infolge der Vereinsamung in der Bevölkerung bzw. zu einzelnen
Krankheitsbildern, die durch Vereinsamung auftreten, vor.
13. Sieht die Bundesregierung Handlungsbedarf, Einsamkeit als
eigenständiges Krankheitsbild anzuerkennen?
Einsamkeit entsteht dann, wenn die eigenen sozialen Beziehungen nicht den
persönlichen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen. Der empfundene
Mangel kann sich sowohl auf die Zahl der Kontakte (Quantität) als auch auf die
Tiefe und Enge der Bindungen (Qualität) beziehen. Einsamkeit ist keine
Krankheit, sondern ein subjektives Empfinden. Dieses kann einerseits als
Risikofaktor an der Entwicklung von Erkrankungen wie Depressionen,
Demenzerkrankungen, Herz-Kreislauferkrankungen und Substanzmissbrauch beteiligt
und andererseits Folge von Erkrankungen wie Depressionen und
Demenzerkrankungen sein.
Vor diesem Hintergrund sieht auch weder das im deutschen Gesundheitssystem
verwendete Klassifikationssystem ICD-11 (World Health Organization 2018)
noch das Klassifikationssystem DSM-5 (American Psychiatric Association
2013) Einsamkeit als Diagnose an. Sofern Bedingungen vorliegen, die mit
Einsamkeit assoziiert werden und den Gesundheitszustand beeinflussen sowie zur
Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen, können diese von einer
Ärztin bzw. einem Arzt als Zusatzkodierung bei einer Diagnose mit angegeben
werden.
14. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung zur Auswirkung der
Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus auf die psychische
Gesundheit der Bevölkerung unter spezifischer Berücksichtigung älterer
Menschen im Allgemeinen und in Bezug auf Altenpflegeheime,
Seniorenresidenzen und alleine lebende Senioren im Besonderen?
Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass nur Aussagen über die Pandemie in ihrer
Gesamtheit getroffen werden können. Dabei lässt sich die Wirkung der
Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus nicht von der Wirkung der
Pandemie selbst trennen. Es ist davon auszugehen, dass sowohl Ängste und Sorgen
in Bezug auf das Virus als auch die Maßnahmen zur Eindämmung der
Pandemie Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen hatten.
Insgesamt zeigte sich vor allem in der Anfangsphase der Pandemie, dass mehr
Menschen von psychischen Belastungen und depressiver Symptomatik
betroffen waren, die Zahlen im weiteren Verlauf der Pandemie jedoch wieder
abnahmen.
Nach einer Studie des Deutschen Alterssurveys wiesen während der Corona-
Pandemie vorübergehend mehr Menschen im Alter von 46 bis 90 Jahren
depressive Symptome auf als vor der Pandemie (Ehrlich und Kelle, 2022). Die
Auswertung unterscheidet zwischen Personen mit und ohne Unterstützungs-
und Pflegeaufgaben. In beiden Gruppen stieg der Anteil der Personen, die
depressive Symptome zeigten, in der ersten Pandemiewelle (Sommer 2020) im
Vergleich zu 2017 an, ging danach aber wieder zurück und lag während der
zweiten Pandemiewelle (Winter 2020/2021) wieder auf dem Niveau von 2017.
Insbesondere bei älteren Menschen war nach der anfänglichen Zunahme
depressiver Symptome im Jahr 2020 ein Rückgang zum Winter 2021 zu
verzeichnen (Entringer und Kröger, 2021:
www.econstor.eu/handle/10419/235757,
Riepenhausen et al., 2022: doi.org/10.1017/S0033291722000563).
Der Bundesregierung sind die Ergebnisse der Studie „Covid-Heim: Lehren aus
der Corona-Pandemie für Strukturentwicklungen im Versorgungssetting
Pflegeheim“ bekannt, die vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung
gefördert und von der Charité Universitätsmedizin Berlin durchgeführt wurde
(Abschlussbericht Juli 2022). Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in den
ersten beiden Pandemiewellen Einsamkeit für die Bewohnerinnen und
Bewohner von Pflegeheimen eine gravierende Folge der Schutzmaßnahmen darstellte,
auch wenn die Heimbewohnenden vielfach Verständnis für die umgesetzten
Einschränkungen zum Ausdruck brachten (siehe:
www.gkv-spitzenverband.de/
pflegeversicherung/forschung/modellprojekte/pflege_abgeschlossene_projekte_
8/Covid-Heim.jsp).
Aufgrund früher Erfahrungen mit Auswirkungen von Besuchseinschränkungen
wurde Ende 2020 vom Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung die
Broschüre „Besuche sicher ermöglichen Besuchskonzepte in stationären
Einrichtungen der Langzeitpflege während der Corona-Pandemie“ herausgegeben
(
www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/C/C
oronavirus/Handreichung-Besuchskonzepte_4.12.20.pdf). Zudem
berücksichtigt die Empfehlung des Robert Koch-Instituts „Prävention und Management
von COVID-19 in Alten- und Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen für
Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen“ (
www.rki.de/DE/Content/In
fAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Alten_Pflegeeinrichtung_Empfehlung.html)
bei Präventionsmaßnahmen Aspekte zur Erhöhung der Teilhabe für
pflegebedürftige Menschen ausdrücklich.
In der Studie D80 Plus „Hohes Alter in Deutschland“ zeigt sich, dass Personen
in Heimen einen signifikant höheren Anteil an Veränderungen durch die
Corona-Pandemie in verschiedenen Lebensbereichen berichteten als Personen
in Privathaushalten (Hansen, Schäfer und Kaspar, 2021). Personen in
Privathaushalten bewerteten darüber hinaus diese Veränderungen etwas weniger
negativ als Personen in Heimen, was die Autorinnen und Autoren der Studie als
einen Hinweis darauf werten, dass die Veränderungen während der Corona-
Pandemie von hochaltrigen Menschen, insbesondere Personen, die in Heimen
leben, in vielen Lebensbereichen als Belastung erlebt wurden.
Hinsichtlich der häuslichen Versorgung sind der Bundesregierung die
Erkenntnisse der Studie „VdK-Pflegestudie: Zu Hause pflegen – zwischen Wunsch und
Wirklichkeit“ bekannt, die von der Hochschule Osnabrück durchgeführt wurde
(
www.vdk.de/deutschland/downloadglobalmime/312/VdK-Pflegestudie+Zwisc
henbericht.pdf). Bisherige Ergebnisse lassen den Rückschluss zu, dass viele der
Teilnehmenden befürchteten, an Corona zu erkranken und an Spätfolgen zu
leiden und daher den Kontakt zu Dritten außerhalb des eigenen Haushaltes
mieden. Die Ergebnisse zeigen jedoch auch, dass es den pflegebedürftigen
Menschen trotz der Ängste und Belastungen überwiegend gut ging.
15. Welche konkreten Maßnahmen zur Bekämpfung von Einsamkeit und zur
Aufrechterhaltung der mentalen Gesundheit für Menschen im gehobenen
Alter hat die Bundesregierung für den Fall eines erneuten Lockdowns
durch beispielsweise eine Mutation des Coronavirus oder eine neuartige
Pandemie vorbereitet?
Maßnahmen zur Bekämpfung von Einsamkeit und zur Aufrechterhaltung der
mentalen Gesundheit von älteren Menschen sind insbesondere vor Ort in den
Lebenswelten vorzusehen. Die hierfür zuständigen Länder, Kommunen und
Sozialverbände sehen hier eine Vielzahl von Angeboten vor. Seitens der
Bundesregierung können diese Maßnahmen durch übergeordnete
Informationsangebote ergänzt werden. So können die von der Bundesregierung während der
COVID-19-Pandemie initiierten oder pandemiespezifisch angepassten
Maßnahmen, auch im Falle erneuter Schutzmaßnahmen oder einer neuartigen
Pandemie die psychische Gesundheit von älteren Menschen fördern und
Einsamkeit vorbeugen. Zum Schutz vulnerabler Personen sieht das seit 17. November
2022 geltende Infektionsschutzgesetz u. a. für Pflegeeinrichtungen eine
Masken- und Testnachweispflicht vor, um Kontakte sicherer aber ohne
Besuchsverbote zu ermöglichen.
Beispielhaft sind folgende Maßnahmen der Bundesregierung zu nennen:
Speziell zur Förderung der psychischen Gesundheit wurde mit Beginn der
Corona-Pandemie das Informationsportal „Psychisch stabil bleiben“
eingerichtet (
www.zusammengegencorona.de/corona-im-alltag/psychisch-stabil-blei
ben/). Hier finden u. a. auch Ältere nützliche Informationen und praktische
Tipps zum Umgang mit Einsamkeit, Unsicherheit und Angst während der
Pandemie. Darüber hinaus hat das Portal eine wichtige Wegweiser-Funktion: Es
informiert über die vielfältigen niedrigschwelligen Informations- und
Beratungsangebote, die telefonisch, im Internet und vor Ort zur Verfügung stehen. Die
Webseite ist damit auch ein Leitfaden für das psychosoziale bzw.
psychotherapeutische Hilfesystem.
Zudem werden weitere für ältere Menschen relevante Bezugs- und
Kontaktpersonen wie pflegende Angehörige sowie medizinisches und pflegerisches
Personal direkt angesprochen und mit Informations- und Hilfsangeboten
unterstützt.
Darüber hinaus bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
(BZgA) für die Zielgruppen der älteren Menschen ab ca. 65 Jahren, ihren
Angehörigen sowie Fachkräften das Programm „Gesund und aktiv älter werden“
(
www.gesund-aktiv-aelter-werden.de/) an. Im Rahmen der Corona-Pandemie
wurden verschiedene Maßnahmen entwickelt, um diese Zielgruppen auch in
Zeiten von Einschränkungen und Kontaktbeschränkungen psychisch und
physisch zu unterstützen.
16. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die durchschnittliche
Wartezeit von Menschen auf einen Psychotherapieplatz (bitte nach
Alterskohorte, Geschlecht, Bundesland, ländlichem oder urbanem Raum
aufschlüsseln)?
Der Bundesregierung liegen keine validen Daten zu Wartezeiten auf einen
Psychotherapieplatz vor.
17. In welche bundesministerielle Zuständigkeit fällt der Themenkomplex
Vereinsamung im Alter?
Wenn die Bundesregierung den Themenkomplex als Querschnittsaufgabe
begreift, wie viele Referenten haben einen entsprechenden
Arbeitsbereich in welchen Bundesministerien?
Hält die Bundesregierung dies für ausreichend?
Die Bundesregierung berücksichtigt im Rahmen der Ressortzuständigkeiten die
Themen Einsamkeit und soziale Isolation im Alter und auch anderer
Altersgruppen.
Im Koalitionsvertrag 2021 bis 2025 kommt Einsamkeit als soziale Komponente
(Überwindung von Einsamkeit – Seniorinnen und Senioren Z. 3429 ff.) sowie
als gesundheitliche Komponente (Maßnahmenpakete zum Thema Einsamkeit –
Gesundheitsförderung Z. 2789 ff.) vor. Der Themenkomplex Vereinsamung im
Alter fällt in die federführende Zuständigkeit des BMFSFJ.
Im BMFSFJ sind zwei Referentinnen-Stellen mit dem Themenkomplex der
Einsamkeit beschäftigt. In anderen Ressorts gibt es derzeit, unabhängig von
punktuellen fachlichen Fragen im Rahmen der Ressortzuständigkeit, keine
Referate, die für einen thematischen Querschnitt dieser Art zuständig wären.
Aufgrund der Komplexität der Ursachen und – daraus abgeleitet –
Handlungsbedarfe von Einsamkeit, sind mehrere Ressorts in Zuständigkeitsbereichen
tangiert. Inwiefern auf strategischer Ebene staatliches Handeln erforderlich ist,
wird der weitere Prozess der Erarbeitung der Strategie gegen Einsamkeit
zeigen.
Seit Juni 2022 erarbeitet das BMFSFJ federführend eine Strategie gegen
Einsamkeit, um dieser gesamtgesellschaftlichen Herausforderung wirksam zu
begegnen. Es wird hierzu auf die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine
Anfrage der Fraktion DIE LINKE., Vorhabenplanung des Bundesministeriums
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Vorhaben im Bereich „Alle
Generationen im Blick – Gutes Leben im Alter“ auf Bundestagsdrucksache 20/2748
verwiesen (weitere Informationen:
www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/
engagementund-gesellschaft/strategie-gegen-einsamkeit).
18. Ist nach Auffassung der Bundesregierung die Gründung eines eigenen
Ressorts, wie es in Großbritannien oder Japan mit dem jeweiligen
„Loneliness Minister“ der Fall ist, sinnvoll, um gegen das Phänomen der
Einsamkeit vorzugehen?
Es wird auf die Antwort zu Frage 17 verwiesen.
Die Gründung eines eigenen Ressorts ist nicht vorgesehen. Die Erarbeitung der
Strategie gegen Einsamkeit der Bundesregierung soll auch dazu beitragen, das
Thema stärker Bereichsübergreifend anzugehen.
Im Übrigen wird hierzu auf die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine
Anfrage der Fraktion DIE LINKE., Vorhabenplanung des Bundesministeriums
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Vorhaben im Bereich „Alle
Generationen im Blick – Gutes Leben im Alter“ auf Bundestagsdrucksache 20/2748
verwiesen.
a) Welche Initiativen gegen Vereinsamung erachtet die Bundesregierung
auf globaler Ebene als sinnvoll?
Die Bundesregierung unterstützt globale Initiativen und Formate im Bereich
ältere Menschen aktiv. Die UN-Dekade Gesundes Altern (2021 bis 2030)
bietet, ebenso wie andere Formate im europäischen, regionalen oder
internationalen Kontext, gute Anknüpfungspunkte, um sich über Initiativen und
Maßnahmen zur Bekämpfung von Einsamkeit und sozialer Isolation auszutauschen.
Politisch strukturiertes Vorgehen gegen Einsamkeit in anderen Ländern, zum
Beispiel in Form von Aktionsplänen oder Nationalen Strategien, wie in den
Niederlanden oder Großbritannien, wird in den Blick genommen. u. a. vom
Kompetenznetz Einsamkeit (KNE). Ein internationaler gezielter Austausch ist
wünschenswert, um von Konzepten, Strategien und Maßnahmen anderer Länder zu
lernen. Innerhalb der Konferenz zum Start der Erarbeitung der Strategie gegen
Einsamkeit „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ am 14. Juni 2022 fand bereits ein
internationales Podiumsgespräch statt, welches den Fokus auf die
internationalen politischen Bestrebungen in der Bekämpfung und Vorbeugung von
Einsamkeit legte. Die Bundesregierung schaut sich diese Initiativen und Konzepte
an und prüft, ob über die bisher geschaffenen Instrumente hinaus
Handlungsbedarf auf der Bundesebene besteht.
b) Gibt es hierzu multilaterale Gesprächsformate?
Es besteht Kontakt zum Format der Europäischen Kommission „Knowledge for
policy – Loneliness in the European Union“. Zudem prüft das BMFSFJ derzeit,
ob in Fortsetzung der bilateralen Kontakte zu Japan, dort ein Interesse an einem
Austausch zu diesem Thema besteht.
19. Wie beurteilt die Bundesregierung Maßnahmen wie den niederländischen
„Pakt gegen Einsamkeit“ zur Bekämpfung von Einsamkeit älterer
Menschen, und sind Maßnahmen wie dieser oder ähnliche Instrumente auch
in Deutschland geplant?
Es wird auf die Antwort zu Frage 18a verwiesen.
20. Mit wie vielen Mitarbeitern wurde das Kompetenznetz Einsamkeit
(KNE) ausgestattet (bitte nach Tarifgruppen und Tätigkeit sowie nach
Geschlecht aufschlüsseln)?
Im Kompetenznetz Einsamkeit sind aktuell mit unterschiedlichen
Stellenanteilen zwei Mitarbeitende in den Entgeltgruppen E 14 und E 15 Ü, neun in der
Entgeltgruppe E 13 und neun in den Entgeltgruppen E 6 bis E 11 beschäftigt.
Die Tätigkeiten umfassen Projektleitung, wissenschaftliche Mitarbeit,
Öffentlichkeitsarbeit, Projektassistenz und Projektabrechnung. Es sind 15 weibliche
und fünf männliche Mitarbeitende.
a) Aus welchem Haushaltstitel wird das KNE finanziert, und wie viele
Mittel werden dem KNE in den nächsten Jahren zur Verfügung stehen
(bitte für 2023 bis 2028 sowie nach Mitteln für Öffentlichkeitsarbeit,
Forschung, Veranstaltung und Veröffentlichung von
Fachinformationen aufschlüsseln)?
Das KNE wird aus dem Titel 1703, Kapitel 684 25 finanziert. Für das Jahr
2023 stehen 1.091.428 Euro zur Verfügung. In der mittelfristigen
Finanzplanung sind derzeit für 2024 1.071.428 Euro und für 2025 220.000 Euro
eingeplant.
Die Mittel verteilen sich in 2023 auf 783.212,59 Euro Personal- und
308.215,41 Euro Sachkosten, in 2024 auf 790.889,55 Euro Personal- und
280.538,45 Euro Sachkosten und in 2025 auf 162.572,93 Euro Personal- und
57.427,07 Euro Sachkosten. Eine weitergehende Aufschlüsselung nach
Öffentlichkeitsarbeit, Forschung, Veranstaltung und Veröffentlichung von
Fachinformationen kann nicht vorgenommen werden.
b) Wie viele Treffen ab Referentenebene haben seit Gründung des KNE
mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
(BMFSFJ) stattgefunden?
Das BMFSFJ steht in einem sehr engen und regelmäßigen Austausch mit dem
KNE in Form von Regelterminen auf Arbeitsebene.
21. Plant die Bundesregierung zusätzlich zum KNE die Einsetzung einer
Expertenkommission hinsichtlich der Thematik Einsamkeit im Alter?
Falls ja, wie wird sie besetzt, und mit welchen personellen und
finanziellen Kapazitäten wird sie ausgestattet?
Es wird hierzu auf die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der
Fraktion DIE LINKE., Vorhabenplanung des Bundesministeriums für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend – Vorhaben im Bereich „Alle Generationen im
Blick – Gutes Leben im Alter“ auf Bundestagsdrucksache 20/2748 verwiesen.
Die Einsetzung einer Expertenkommission zum Thema Einsamkeit im Alter ist
derzeit nicht geplant. Im Kompetenznetz Einsamkeit wird Expertise zum
Thema gebündelt u. a. mit verschiedenen Vernetzungsformaten und einem
Beirat. Das KNE berät die Bundesregierung und dort ist auch die Geschäftsstelle
zur Begleitung der Strategie gegen Einsamkeit angesiedelt.
22. Inwiefern plant die Bundesregierung, die wissenschaftliche Forschung
hinsichtlich der Thematik Einsamkeit im Alter zukünftig zu verbessern,
und welche konkreten Mittel wird sie dafür zur Verfügung stellen?
Inwiefern plant die Bundesregierung, insbesondere die qualitative
Forschung hinsichtlich der Thematik Einsamkeit im Alter zu verbessern,
und welche konkreten Mittel wird sie dafür zur Verfügung stellen?
Die Verbesserung der Wissensbasis zu Einsamkeit ist eine zentrale
Voraussetzung für die Entwicklung und Umsetzung evidenzbasierter Maßnahmen zur
Vorbeugung und Bekämpfung von Einsamkeit.
Wie in allen Wellen des vom BMFSFJ geförderten Deutschen Alterssurvey
werden umfassend die Lebensumstände der Befragten erfasst. Einsamkeit wird
weiterhin einer der Themenschwerpunkte in allen Befragungen sein.
Im Rahmen des vom BMFSFJ geförderten Projektes Kompetenznetz
Einsamkeit erfolgt auch die Entwicklung und Umsetzung eines
Einsamkeitsbarometers. Dies erfolgt in einer Förderphase von 2023 bis 2025, in 2023 mit
160.000 Euro, in 2024 mit 140.000 Euro und in 2025 mit 140.000 Euro. Es
beinhaltet die regelmäßige Erhebung von Einsamkeit in der deutschen
Bevölkerung.
In der Praxisforschung des KNE kommen sowohl quantitative als auch
qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung zur Beantwortung der
Forschungsfragen zur Anwendung. Mit qualitativen Methoden, wie bspw. mit
einem narrativen Interview, können die verschiedenen Erlebensweisen von
einsamen Menschen vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen spezifischen
Lebenswelt und Lebenslage differenziert betrachtet, kontextualisiert und auch
vergleichend analysiert werden. Nur so ist es bspw. möglich, komplexe
Zusammenhänge wie zwischen Einsamkeit im Alter und prekären Lebenslagen zu
identifizieren und genauer verstehen zu können. Im Sinne der partizipativen
Praxisforschung werden Perspektiven von betroffenen Personen in die Entwicklung des
Forschungsdesigns sowie zur Qualifizierung des Forschungsprozesses
einbezogen.
23. Welche Projekte zur Bekämpfung von Einsamkeit, wie z. B. das
Silbernetztelefonangebot, fördert die Bundesregierung materiell (bitte nach
Förderhöhe, Projektlaufzeit, prognostiziertem erreichbaren
Personenkreis, Kurzbeschreibung, Bundesland aufschlüsseln)?
Es wird auf die Antworten zu den Fragen 6 bis 9 verwiesen.
Folgende Projektförderungen des BMFSFJ zielen explizit auf die Bekämpfung
von Einsamkeit:
• Modellprojekt „Miteinander – Füreinander: Kontakt und Gemeinschaft im
Alter“ des Malteser Hilfsdienstes (MHD): An rund 110 Standorten werden
Besuchs- und Begleitungsangebote umgesetzt.
• Europäischer Sozialfonds (ESF) Plus-Programm „Stärkung der Teilhabe
älterer Menschen – gegen Einsamkeit und soziale Isolation“ (STäM): Von
mehr als 70 Trägern wird der Auf- und Ausbau von regionalen
Vernetzungsstrukturen vorangetrieben und sozial neuartige Angebote umgesetzt.
• Modellprojekt „Verein(t) gegen Einsamkeit“ des Deutschen Olympischen
Sportbundes (DOSB): 90.000 Sportvereine, die im DOSB organisiert sind,
werden für die Situation einsamer Menschen sensibilisiert.
Geförderte Angebote zur Stärkung der sozialen Teilhabe von Menschen, wie
zum Beispiel die Mehrgenerationenhäuser und die Telefonseelsorge, leisten
einen indirekten Beitrag zur Bekämpfung von Einsamkeit.
Tabelle 6: Aufschlüsselung zu den drei expliziten Maßnahmen gegen
Einsamkeit
Förderhöhe in Euro
(gerundet)
Projektlaufzeit prognostizierter erreichbarer
Personenkreis
Land
MHD 7 Mio. 01.06.2020 bis 31.12.2024 hochaltrige Menschen bundesweit
STäM 50 Mio.
(aus dem ESF Plus)
01.10.2022 bis 30.09.2027 ältere Beschäftigte ab
60 Jahren
bundesweit
DOSB 300.000 01.10.2022 bis 31.12.2024 alle einsamen Menschen bundesweit
24. Plant die Bundesregierung die Förderung von Projekten, die im Bereich
Mobilität Vereinsamung entgegenwirken (vgl.
https://assets.publishing.se
rvice.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/1
076579/tackling-loneliness-with-transport-fund.csv/preview), und wenn
nein, warum nicht?
Die Bundesregierung fördert seit Anfang 2022 „Modellprojekte zur Stärkung
des ÖPNV“. Die Projekte werden den ÖPNV in ihrer Stadt und auf dem Land
nachhaltig verbessern und zukunftsfähig machen. Davon werden auch ältere
Menschen profitieren.
25. Von welchen Weiterbildungsmöglichkeiten für Pflegekräfte, Ärzte,
gerichtlich bestellte Betreuerinnen und Betreuer etc. zum Umgang mit
Einsamkeit im Alter hat die Bundesregierung Kenntnis, und in welchem
Umfang können Kostenerstattungen beantragt werden?
Schon zur Pflegeausbildung nach dem Pflegeberufegesetz gehört die
Vermittlung von Kompetenzen im Umgang mit Einsamkeit im Alter. Sie befähigt dazu,
die zu pflegenden Personen in allen Lebensphasen zu begleiten und im Rahmen
der Pflege die konkrete Lebenssituation sowie den sozialen Hintergrund der zu
pflegenden Personen in den Blick zu nehmen.
Weiter- und Fortbildungen fallen in den Zuständigkeitsbereich der Länder. Zu
Fortbildungen für Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte zum Thema
Einsamkeit im Alter liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
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ISSN 0722-8333]