[Deutscher Bundestag Drucksache 17/3939
17. Wahlperiode 25. 11. 2010
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom
24. November 2010 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ernst Dieter Rossmann, Dr. Hans-
Peter Bartels, Klaus Barthel, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD
– Drucksache 17/3719 –
Stand der Alphabetisierungsforschung und -förderung in Deutschland
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Nach Schätzungen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung
e. V. können in Deutschland etwa vier Millionen Menschen nicht ausreichend
lesen und schreiben. Das heißt, dass sie „die gesellschaftlichen
Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, deren Erfüllung Voraussetzung
zur Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und
Lebensbereichen ist“, unterschreiten. Das bedeutet für die Betroffenen Ausgrenzung,
vor allem auf dem Arbeitsmarkt, und einen erheblichen Verlust von
Lebensqualität. Erst eine ausreichende Grundbildung eröffnet die Perspektive zu einer
nachhaltigen aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen und Wohlstand.
Die Bundesregierung hat sich zusammen mit den Akteuren der
Alphabetisierungsarbeit auf die nationale Umsetzung der Weltalphabetisierungsdekade
verpflichtet, die die Vereinten Nationen am 13. Februar 2003 für den Zeitraum
bis 2012 ausgerufen haben. Ziel der Dekade ist es, die Anzahl der Menschen, die
nicht ausreichend lesen und schreiben können, „(…) weltweit zu halbieren“ und
jedem Menschen eine Grundbildung zu ermöglichen. Für Industrieländer wie
Deutschland bedeutet dies unter anderem, vorhandene
Bildungsbenachteiligungen zu erkennen und abzubauen und die Prävention und Bekämpfung von
Analphabetismus zu verbessern.
Bei einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten
Fachtagung im Jahr 2003 in Bernburg haben die wichtigsten Akteure der
Alphabetisierungsarbeit die „Bernburger Thesen“ verabschiedet, in denen die
entscheidenden Aufgaben der Alphabetisierungsarbeit für die darauffolgenden
Jahre definiert wurden. Zwei Jahre vor Ablauf der Weltalphabetisierungsdekade
ist deshalb eine erste Bestandsaufnahme und eine Überprüfung der nationalen
Umsetzung der Ziele notwendig.
Vo r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Grundbildung ist die unerlässliche Voraussetzung für berufliche wie auch
gesellschaftliche Teilhabe. Die Verantwortung für die Vermittlung schriftsprachlicher
Kompetenz in den Schulen bzw. für Erwachsene im Rahmen der allgemeinen
Weiterbildung liegt entsprechend der föderalen Struktur der Bundesrepublik
Deutschland bei den Ländern. Das Bundesministerium für Bildung und
Forschung (BMBF) unterstützt im Rahmen seiner Zuständigkeit die
Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit durch die Förderung von Forschungs- und
wissenschaftlich begleiteten Entwicklungsprojekten bereits seit 1984. Als Beitrag
zur UN-Dekade zur Alphabetisierung hat das BMBF einen Förderschwerpunkt
eingerichtet, in dem in 25 Verbünden über 100 Einzelprojekte gefördert werden.
Insgesamt stellt das BMBF in der Alphabetisierungsdekade für
Projektförderung zur Alphabetisierung und Grundbildung 48,5 Mio. Euro zur Verfügung.
1. Von welcher Definition von Analphabetismus geht die Bundesregierung aus?
Wie grenzt sie primären und sekundären Analphabetismus gegeneinander ab?
Analphabeten in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes sind Personen, die
überhaupt keine Buchstaben kennen. Sie werden als totale Analphabeten
bezeichnet. Dies betrifft z. B. Personen, die aufgrund psycho-organischer
Behinderungen nicht in der Lage sind, sich Schriftsprache anzueignen, oder Personen,
die niemals eine Schule besucht haben und auch sonst in keiner Weise mit
Schrift in Berührung gekommen sind. Hier spricht man auch von primärem
Analphabetismus.
Von sekundärem Analphabetismus wird gesprochen, wenn eine Person erlernte
Schriftsprachkenntnisse im Laufe der Zeit durch Nichtgebrauch wieder verlernt.
Er wird als eine Sonderform des funktionalen Analphabetismus gesehen.
2. Was versteht die Bundesregierung unter funktionalen Analphabetismus?
Im Rahmen des BMBF-Förderschwerpunktes „Forschung und Entwicklung in der
Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ ist eine gemeinsame
Definition entstanden, die aus den Ergebnissen der verschiedenen Projekte hervorgeht:
„Funktionaler Analphabetismus ist gegeben, wenn die schriftsprachlichen
Kompetenzen von Erwachsenen niedriger sind als diejenigen, die minimal
erforderlich sind und als selbstverständlich vorausgesetzt werden, um den jeweiligen
gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Diese schriftsprachlichen
Kompetenzen werden als notwendig erachtet, um gesellschaftliche Teilhabe und
die Realisierung individueller Verwirklichungschancen zu eröffnen.“
Eine sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft kritische
Ausprägung literaler Kompetenz ist gegeben, wenn die literalen Fertigkeiten nicht
ausreichen, um schriftsprachliche Anforderungen des täglichen Lebens und
einfachster Erwerbstätigkeiten zu bewältigen. Dies ist gegenwärtig zu erwarten,
wenn eine Person nicht in der Lage ist, aus einem einfachen Text eine oder
mehrere direkt enthaltene Informationen sinnerfassend zu lesen und/oder sich beim
Schreiben auf einem vergleichbaren Kompetenzniveau befindet.
Nicht zum Personenkreis der funktionalen Analphabeten gehören:
– Menschen, die noch der Schulpflicht der allgemeinbildenden Schulen
unterliegen;
– Erwachsene mit Migrationsstatus, die in ihrem Herkunftsland eine literale
Sozialisation erfahren haben, die zwar die Sprache bzw. die Schriftsprache
des Aufenthaltslandes nur eingeschränkt beherrschen, aber dennoch
gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten haben;
– Erwachsene, die infolge organischer oder psychischer Beeinträchtigungen
grundsätzlich nicht oder nicht mehr in der Lage sind, sich literale
Kompetenzen anzueignen.
Innerhalb des Personenkreises der funktionalen Analphabeten kann
unterschieden werden zwischen:
– Erwachsenen mit Lernrückständen infolge unzulänglicher
pädagogischdidaktischer Angebote während der Schulzeit;
– Erwachsenen, die als Kinder infolge schwieriger Lebensumstände bei der
Aneignung literaler Kompetenzen behindert wurden;
– Erwachsenen, denen zwar grundsätzlich die Aneignung von literalen
Kompetenzen möglich ist, die aber aufgrund psycho-organischer
Beeinträchtigungen Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb hatten oder haben;
– Erwachsenen, denen bereits vorhandene literale Fertigkeiten infolge
fehlender Praxis verloren gingen;
– Erwachsenen mit Migrationshintergrund, die während ihrer Schulzeit
aufgrund unzureichender Deutschkenntnisse Schwierigkeiten beim
Schriftspracherwerb hatten oder haben.
3. Worin sieht die Bundesregierung die wesentlichen Ursachen für die
Entstehung und Verfestigung der verschiedenen Formen von Analphabetismus?
Ursachen für funktionalen Analphabetismus können sein:
– unzulängliche pädagogisch-didaktische Angebote während der Schulzeit;
– schwierige Lebensumstände, die die Aneignung literaler Kompetenzen
entscheidend behindert haben;
– psycho-organische Beeinträchtigungen;
– Verlust vorhandener literaler Fertigkeiten infolge fehlender Praxis;
– Migrationshintergrund.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 2 verwiesen.
4. Wie viele Analphabeten gibt es aktuell in Deutschland (bitte
aufgeschlüsselt nach Bundesländern)?
Worauf gründen diese Zahlen?
Es gibt in Deutschland bislang keine belastbaren Zahlen zur Größenordnung des
funktionalen Analphabetismus. Die bisher verbreitete Zahl von vier Millionen
Betroffenen basiert auf Schätzungen. Das Bundesministerium für Bildung und
Forschung fördert deshalb ein entsprechendes Forschungsprojekt an der
Universität Hamburg. Im Forschungsvorhaben Level one-Studie (Leo) werden
repräsentativ Lese- und Schreibkenntnisse von Erwachsenen in Deutschland
ermittelt. Ergebnisse werden im Frühjahr 2011 erwartet.
5. Haben sich diese Zahlen nach den vorliegenden Erkenntnissen der
Bundesregierung in den letzten 30 Jahren verändert, und wenn ja, in welcher Form?
6. In welche Kategorien lassen sich die aktuellen Zahlen einteilen, was die
Ausprägung des Analphabetismus und seine Erscheinungsform angeht?
7. Wie ist die aktuelle Altersstruktur der verschiedenen Gruppen von
Analphabeten in Deutschland?
8. Wie ist die aktuelle Geschlechterstruktur der verschiedenen Gruppen von
Analphabeten in Deutschland?
9. Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund?
10. Auf welche wissenschaftlichen Quellen und Expertisen gründet die
Bundesregierung ihre Schätzungen, und wie belastbar sind die ermittelten oder
geschätzten Werte?
Die Fragen 5 bis 10 werden im Zusammenhang beantwortet.
Da derzeit keine belastbaren Daten zum Analphabetismus vorliegen, sind weder
Aussagen über die Entwicklung in der Vergangenheit noch zu einzelnen
Untergruppen möglich.
11. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung vor über Zahlen in
anderen vergleichbaren europäischen Ländern?
Die International Adult Literacy Survey (IALS) gilt als die bisher
umfangsreichste (internationale) Erhebung von Grundbildungskompetenzen
Erwachsener. Zahlen liegen unter anderem für Belgien, Großbritannien, Irland, Italien, die
Niederlande, die Schweiz und die skandinavischen Länder vor. Die Studie
wurde 1994 bis 1998 in mehr als 20 Nationen durchgeführt. Die Studie zeigt
beispielsweise, dass im Jahr 1996 ca. sieben Millionen Erwachsene im Vereinigten
Königreich unzureichende Kenntnisse im Bereich von Literacy und Numeracy
haben. Dies wird von der Skills for Life Studie bestätigt, die von 2002 bis 2003
durchgeführt wurde.
Die internationale Erhebung Adult Literacy and Lifeskills Survey (ALL) misst
das Niveau der Grundkompetenzen von Erwachsenen in den Bereichen
Lesekompetenz, Alltagsmathematik (Numeracy) und Problemlösungskompetenz.
Die ALL-Studie, die wesentlich auf die IALS aufbaut, wurde im Jahr 2003
durchgeführt. Teilnehmende Nationen aus Europa waren Italien, Norwegen und
die Schweiz. In der Schweiz beträgt der Anteil der Bevölkerung, der nur das
unterste Niveau 1 erreicht, beim Lesen von Texten 16 Prozent. Im Vergleich mit
der Schweiz liegt Norwegen in fast allen Bereichen vorne, während Italien
jeweils das Schlusslicht der Teilnehmerländer bildet.
Für Frankreich liegen Ergebnisse aus dem IVQ-Survey (Information et Vie
Quotidienne – Information und Alltagsleben) von 2004/2005 vor. Danach hat ein
Fünftel der Bevölkerung Schwierigkeiten mit dem Verständnis geschriebener
Inhalte, 9 Prozent werden als Analphabeten eingestuft.
12. Wie viele Menschen in Deutschland nehmen jährlich an
Alphabetisierungskursen teil (2003 bis 2009)?
Wie viele davon an Alphabetisierungen im Rahmen von
Integrationskursen?
Es gibt kein systematisches bundesweites Monitoring von Teilnehmerinnen und
Teilnehmern in Alphabetisierungskursen. Die Zuständigkeit für Maßnahmen der
Alphabetisierung liegt in den einzelnen Ländern.
Im Rahmen des Forschungsprojektes „Monitor Alphabetisierung und
Grundbildung“ des Deutschen Institutes für Erwachsenenbildung in Kooperation mit
dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung und dem Deutschen
Volkshochschul-Verband e. V. (DVV) konnten die folgenden Zahlen für 2008
erhoben werden: 13 655 Teilnehmende in Alphabetisierungskursen, das heißt
27 340 Belegungen (Semester). Von den 27 340 sind 9 483 Belegungen in
Integrationskursen.
Alphabetisierungskurse werden auch an anderen Einrichtungen angeboten.
Diese sind hier nicht erfasst.
Die DVV-VHS-Statistik weist für die Jahre 2003 bis 2009 folgende Daten für
die Belegung von Alphabetisierung/Elementarbildungskursen aus:
2003: 28 313 Belegungen,
2004: 26 986 Belegungen,
2005: 26 966 Belegungen,
2006: 29 744 Belegungen,
2007: 29 185 Belegungen,
2008: 29 632 Belegungen,
2009: 28 966 Belegungen.
Belegungen sind allerdings nicht gleichbedeutend mit Teilnehmenden, da
aufgrund der zweisemestrigen Struktur von Volkshochschulen hinter zwei
Belegungen nur ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin stehen kann.
Im Rahmen der Durchführung von Integrationskursen nach § 43 des
Aufenthaltsgesetzes (AufenthG) haben im Zeitraum von 2005 bis 2009 insgesamt
56 004 Personen an einem Alphabetisierungskurs teilgenommen.
2005: 2 884 Personen,
2006: 7 331 Personen,
2007: 12 546 Personen,
2008: 16 905 Personen,
2009: 16 338 Personen.
13. Erwartet die Bundesregierung einen Anstieg oder einen Rückgang der
Zahlen von Analphabeten in Deutschland?
Angaben über die künftige Entwicklung des Analphabetismus in Deutschland
sind auf der Basis des derzeitigen Kenntnisstandes seriös nicht möglich.
14. Was können nach Erkenntnissen oder Einschätzungen der Bundesregierung
Ursachen für veränderte Zahlen in der Zukunft sein?
Es wird auf die Antwort zu Frage 13 verwiesen.
15. Für wie viele Menschen in Deutschland gibt es seit 2003, dem Beginn der
Weltalphabetisierungsdekade, jährlich Angebote der Grundbildung und
der Unterstützung zur Überwindung ihres Analphabetismus?
Die DVV-VHS-Statistik (Daten von anderen Anbietern liegen nicht vor) weist
für die Jahre 2003 bis 2009 folgende Daten aus:
2003: 3 250 Kurse, 171 791 Unterrichtsstunden, 28 313 Belegungen,
2004: 3 203 Kurse, 163 765 Unterrichtsstunden, 26 986 Belegungen,
2005: 3 361 Kurse, 171 348 Unterrichtsstunden, 26 966 Belegungen,
2006: 3 470 Kurse, 201 015 Unterrichtsstunden, 29 744 Belegungen,
2007: 3 455 Kurse, 204 514 Unterrichtsstunden, 29 185 Belegungen,
2008: 3 455 Kurse, 209 725 Unterrichtsstunden, 29 632 Belegungen,
2009: 3 361 Kurse, 171 348 Unterrichtsstunden, 28 966 Belegungen.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 12 verwiesen.
16. Gibt es dabei eine signifikante Zahl von nicht wahrgenommen
Teilnehmerplätzen?
Über die Größenordnung nicht wahrgenommener Kursplätze in der
Alphabetisierung liegen keine Daten vor.
17. Um welches Spektrum an Maßnahmen handelt es sich?
Laut Alpha-Monitor – insgesamt wurden über 250 Einrichtungen bis August
2009 befragt, davon gaben 201 Einrichtungen genauere Auskünfte über ihr
Lehrangebot – gibt es folgendes Gesamtangebot im Bereich Alphabetisierung
und Grundbildung:
Alphabetisierung:
– Die am häufigsten belegte Kursart war der „Integrationskurs mit
Alphabetisierung“, gefolgt von Grundlagenkursen und Lese-/Schreibkursen ohne
besondere Differenzierung für Migrantinnen und Migranten.
Grundbildung:
– Die am häufigsten belegten Kursangebote waren im Bereich „Private
Orientierung“, z. B. Alltagstechniken, Umgang mit Geld, Gesundheit und
Ernährung sowie Medienkompetenz, gefolgt von Lernangeboten zum Nachholen
des Hauptschulabschlusses.
18. Wer ist der organisatorische Träger für diese verschiedenen Maßnahmen?
Die Daten des Alpha-Monitors zeigen, dass die Mehrzahl der Maßnahmen über
die Volkshochschulen durchgeführt wird. Daneben bieten insbesondere Vereine,
private und kirchliche Einrichtungen sowie andere Bildungsträger Maßnahmen
zur Grundbildung an. Von den 201 untersuchten Einrichtungen im Alpha-
Monitor entfielen 148 auf Volkshochschulen und 53 auf sonstige Bildungsträger
(private Sprachschulen, Bürgerinitiativen, kirchliche Einrichtungen).
19. Wer ist der finanzielle Träger für diese verschiedenen Maßnahmen?
Die über den Alpha-Monitor befragten Einrichtungen greifen zur Finanzierung
ihrer Alphabetisierungs- und Grundbildungsangebote meist auf einen Mix von
unterschiedlichen Finanzierungsquellen zurück. 70 Prozent der befragten
Einrichtungen, die diese Frage beantwortet haben, greifen auf Mittel des
Bundesamts für Migration und Flüchtlinge häufig bzw. sehr häufig zurück, 61,6 Prozent
auf Teilnahmegebühren und 51,1 Prozent bzw. 49,6 Prozent auf die
Mittelzuweisung durch das Bundesland bzw. die Kommune. Eine Mitfinanzierung über
andere Kurse (47,5 Prozent) und Maßnahmenfinanzierung seitens der
Arbeitsagenturen (33,3 Prozent) und des Europäischen Sozialfonds (22,4 Prozent)
werden ebenfalls in Anspruch genommen.
20. Welches Finanzvolumen von der öffentlichen Seite her – aufgeteilt nach
den Ebenen Europa, Bund, Länder und Kommunen – ist insgesamt in den
Jahren seit einschließlich 2003 bis 2009 für die Förderung der
Alphabetisierung in Deutschland bereitgestellt worden?
Hierzu liegen keine Daten aus der amtlichen Statistik vor.
21. Wie teilen sich die Mittel auf Landes- und kommunaler Ebene in den
letzten drei Jahren nach Bundesländern auf?
Es wird auf die Antwort zu Frage 20 verwiesen.
22. Nach welchen persönlichen Merkmalen lassen sich die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer an diesen Kursen beschreiben (Alter, Geschlecht,
Sozialstatus, Herkunft, Grad und Form des Analphabetismus)?
In dem vom BMBF geförderten Forschungsprojekt „Verbleibsstudie zur
biographischen Entwicklung ehemaliger Teilnehmerinnen und Teilnehmer von
Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten“ wurde erstmalig eine
repräsentative Befragung von Teilnehmenden in Alphabetisierungskursen von
Volkshochschulen durchgeführt. Im Vorgriff auf die Veröffentlichung der Daten der
Befragung durch die beteiligten Projektpartner lassen sich über die persönlichen
Merkmale von Teilnehmenden an Alphabetisierungskursen deutschsprachiger
Herkunft folgende Aussagen treffen:
Alter:
Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden betrug 43 Jahre, wobei das
Altersspektrum aber sehr breit war. Unter den befragten Kursteilnehmenden war der
jüngste 17 Jahre, der älteste 76 Jahre alt.
Geschlecht:
56 Prozent der befragten Lernenden waren Männer, 44 Prozent Frauen.
Sozialstatus:
Untersucht wurden in der genannten Befragung Erwerbstätigkeit,
Beschäftigungserfahrungen und Arbeitslosigkeit. Die Hälfte der befragten
Kursteilnehmenden war erwerbstätig, vorwiegend in Bereichen mit niedrigen
Qualifikationsanforderungen. Der Anteil der Arbeitslosen unter den Kursteilnehmerinnen
und Kursteilnehmern betrug 29 Prozent. Die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe
war vorwiegend Langzeitarbeitslosigkeit.
Herkunft:
Die befragten Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer verteilten sich regional
über das gesamte Bundesgebiet. 80 Prozent lebten in den alten Bundesländern,
wobei die norddeutschen Länder deutlich stärker vertreten waren als die
süddeutschen. 20 Prozent lebten in den neuen Ländern.
Grad und Form des Analphabetismus:
Hierzu liegen keine Daten vor.
23. Wie sind diese Kurse zeitlich, finanziell, organisatorisch und methodisch
in der Regel für die Betroffenen angelegt?
Die Kurse sind in der Regel für die Betroffenen wie folgt angelegt:
Zeitlich:
Bei Angeboten für Muttersprachler liegt nach Angeboten des Alpha-Monitors
die durchschnittliche Dauer bei 66,7 Stunden pro Angebot. Die Zahl der
Belegungen pro Teilnehmenden liegt im Mittel bei 1,7 Stunden, das heißt ein
Teilnehmer bzw. eine Teilnehmerin besuchte im Schnitt mehr als ein Angebot. Auf
die Teilnehmenden entfallen 15,5 Unterrichtsstunden.
Finanziell:
In 58 Prozent der Fälle werden Teilnahmegebühren von den Lernenden erhoben.
Organisatorisch:
Der Unterricht findet in einer meist relativ kleinen Gruppe von fünf bis acht
Lernenden und einem hohen Grad an individueller Betreuung durch den Kursleiter
oder die Kursleiterin statt.
Methodisch:
Einrichtungen, die Alphabetisierungsarbeit anbieten, greifen auf nebeneinander
liegende Ansätze zurück. Der Alpha-Monitor hat festgestellt, dass das
„Hamburger ABC“ die Methode ist, die von den meisten Institutionen als „bewährt“
angesehen wird, gefolgt vom „Spracherfahrungsansatz“ und dem
„Biographischen Ansatz“. Zudem werden Erst- und begleitende Beratung der
Teilnehmenden von ca. 90 Prozent der befragten 201 Bildungseinrichtungen angeboten. Zu
jeweils etwa zwei Dritteln finden auch Abschluss- und sozialpädagogische
Beratungen aktiv statt.
24. In welcher Form gibt es Erfolgskriterien und Bescheinigungen einer
erfolgreichen Teilnahme, und wie hoch ist der Umfang der erfolgreichen
Kursteilnahme, bzw. wie hoch wird er von einschlägigen Experten
eingeschätzt?
Hauptanbieter von Alphabetisierungskursen sind Volkshochschulen, somit
findet die Alphabetisierung im nicht formellen Rahmen statt. Es finden
Lernstandsmessungen und Lernfortschrittsmessungen statt, um die Teilnehmenden in die
passenden Kurse zu vermitteln, Zertifizierungen gibt es in der Regel nicht.
Anders stellt es sich bei den Alphabetisierungskursen innerhalb von
Integrationskursen dar. Diese sind mit der Abschlussprüfung „Deutsch-Test für
Zuwanderer (DTZ)“ verbunden. Wenn die Sprachprüfung auf der Stufe B1 und der Test
zum Orientierungskurs bestanden sind, erhält man das „Zertifikat
Integrationskurs“.
25. Wie groß ist die Zahl der Teilnehmenden, die einen Kurs nicht beenden,
und gibt es Informationen darüber, aus welchen Gründen solche Kurse
abgebrochen werden?
Hierzu liegen keine Daten vor.
26. Gibt es Wartelisten und Wartezeiten für diese Kurse?
In welchem Umfang ist ein bisher nicht befriedigter Bedarf von aktiv
Interessierten erkennbar?
Gibt es Ablehnungen und Wartezeiten für interessierte
Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer?
Hierzu liegen keine Daten vor.
27. Welche Unterschiede gibt es bezüglich Kurserfolg, Abbruchzahlen und
Abbruchgründen, Wartezeiten und Ablehnungen zwischen
Alphabetisierungen im Rahmen von Integrationskursen und solchen, die nicht im
Rahmen von Integrationskursen stattfinden?
Hierzu liegen keine Daten vor.
28. Wie viele Personen sind in den letzten sieben Jahren über Maßnahmen der
beruflichen Eingliederung des Zweiten und Dritten Buches
Sozialgesetzbuch (SGB II und SGB III) in Alphabetisierungskurse vermittelt worden?
29. Wie teilen sich diese Personen nach den Bundesländern auf?
30. Um welche Gruppen von Personen handelt es sich hierbei?
31. Zu welchen Bedingungen ist diese Vermittlung erfolgt, und welche
Auflagen waren hiermit für die vermittelten Personen verbunden?
32. Ist der im SGB III vorhandene Rechtsanspruch auf das Nachholen eines
Schulabschlusses auch bei funktionalen Analphabetinnen und
Analphabeten zum Tragen gekommen, und in welchem Umfang?
Welche Modellprojekte sind hierfür bekannt?
Die Fragen 28 bis 32 werden im Zusammenhang beantwortet.
Zur Förderung der Teilnahme an Alphabetisierungskursen nach dem Zweiten
und Dritten Buch Sozialgesetzbuch liegen keine statistischen Daten vor.
33. Welche Formen und Initiativen der Onlineportale zur Alphabetisierung hat
die Bundesregierung unterstützt, in welchem Umfang, mit welcher
Laufzeit, und bei welchen Trägern?
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat in drei Projekten die
Entwicklung und den Ausbau des heutigen Lernportals
www.ich-will-lernen.de
mit einer Fördersumme von insgesamt 5 906 818,70 Euro gefördert.
Zuwendungsempfänger ist der Deutsche Volkshochschul-Verband e. V. Das erste
Projekt wurde in Kooperation mit dem Bundesverband für Alphabetisierung und
Grundbildung e. V. durchgeführt.
APOLL: Alfa-Portal Literacy Learning – Zeitraum: 1. Oktober 2002 bis 30.
September 2005.
Portal Zweite Chance Online – Aufbau eines Lern- und Informationsportals zum
Nachholen von Grundqualifikationen und zur Förderung der Abschluss- und
Beschäftigungsfähigkeit – Zeitraum: 1. Oktober 2005 bis 31. März 2009.
Aufbau eines Lernportals zur Ökonomischen Grundbildung für Benachteiligte –
Zeitraum: 1. Juni 2009 bis 31. Mai 2011.
Des Weiteren ist mit der Entwicklung eines Lernportals „
www.ich-will-deutsch-
lernen.de“ zur Förderung der sprachlichen, beruflichen und gesellschaftlichen
Integration Zugewanderter durch den Deutschen Volkshochschul-Verband e. V.
begonnen worden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert
diesen Aufbau mit 1 972 224,00 Euro – Zeitraum: 1. Oktober 2010 bis 30.
September 2013.
34. Welche Bedeutung misst die Bundesregierung diesen Onlineportalen bei,
und wie bewertet die Bundesregierung die bisher hiermit gemachten
Erfahrungen?
Das Online-Portal
www.ich-will-lernen.de ist ein wichtiger Bestandteil des
Alphabetisierungs- und Grundbildungsangebotes in Deutschland.
Die Bundesregierung misst der Nutzung moderner
Kommunikationstechnologien in der Alphabetisierungsarbeit hohe Bedeutung bei. Mit dem Lernportal
konnten neue Nutzergruppen erschlossen werden, die zunächst die Möglichkeit
des anonymen Lernens nutzen, bevor sie an einem Präsenzkurs teilnehmen. Das
Portal verzeichnet derzeit mehr als 250 000 vergebene Passwörter; mehrere
Tausend Menschen lernen wöchentlich im Portal.
35. In welcher Form hat die Bundesregierung seit Beginn der
Alphabetisierungsdekade in regelmäßigen Bildungsreporten die getroffenen
Alphabetisierungs- und Grundbildungsmaßnahmen erfasst und die erzielten
Wirkungen und Erfolge evaluiert?
Da die Zuständigkeit für Maßnahmen zur Alphabetisierung und Grundbildung
nicht bei der Bundesregierung sondern bei den Ländern liegt, wurde seitens der
Bundesregierung keine Evaluierung von Alphabetisierungs- und
Grundbildungsmaßnahmen veranlasst.
36. Wie haben sich die Ausgaben des Bundes für die Förderung der
Alphabetisierung in Deutschland seit Beginn der Weltalphabetisierungsdekade
im Jahr 2003 bis heute entwickelt (Höhe der Bundesmittel jährlich von
2003 bis 2010 nach den Kategorien Forschungsmittel, allgemeine
Maßnahmemittel und spezielle Maßnahmemittel nach dem SGB II und ggf.
nach dem SGB III)?
In der Zuständigkeit des Bundesministeriums für Bildung und Forschung war
folgende Förderentwicklung zu verzeichnen:
2003: 500 234,18 Euro,
2004: 943 137,01 Euro,
2005: 2 482 969,67 Euro,
2006: 1 142 797,03 Euro,
2007: 2 127 477,43 Euro,
2008: 10 082 369,13 Euro,
2009: 12 157 612,55 Euro,
2010: 13 536 980,75 Euro.
Über die Ausgaben für die Förderung der Alphabetisierung im Rahmen des
Zweiten und Dritten Buches Sozialgesetzbuch liegen keine Zahlen vor. Siehe
Antwort zu den Fragen 28 bis 32.
37. Welche einzelnen Forschungsprojekte hat die Bundesregierung seit 2003
im Bereich der Alphabetisierungsarbeit gefördert, und wann ist zu welchen
Fragestellungen mit wissenschaftsgeleiteten Ergebnissen zu rechnen?
Nach einer Reihe einzelner Projekte vor 2006 hat das BMBF 2006 den
Förderschwerpunkt „Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im Bereich
Alphabetisierung/Grundbildung für Erwachsene“ aufgelegt. Außerhalb des BMBF-
Förderschwerpunktes handelt es sich um folgende Vorhaben:
– ALFA PORTAL LITERACY LEARNING (APOLL) – Grundbildung für
Erwachsene;
– Portal „Zweite Chance Online“ – Aufbau eines Lern- und
Informationsportals zum Nachholen von Grundqualifikationen und zur Förderung von
Abschluss- und Beschäftigungsfähigkeit;
– Aufbau eines Lernportals zur Ökonomischen Grundbildung für
Bildungsbenachteiligte;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Mit
Erfahrung neue Wege gehen – 25 Jahre Alphabetisierung in Deutschland“ in
Bernburg 2003;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland:
Alphabetisierung – Kultur – Wirtschaft“ in Berlin 2004;
– ALFA-MOBIL. Wir fahren für die Weltalphabetisierungsdekade
– Vorbereitung, Durchführung, Produktion und Präsentation einer filmischen
Langzeitdokumentation über Lebens- und Lernumstände von funktionalen
Analphabeten „Das ABC des Lebens“;
– F. A. N. – „Das Kreuz mit der Schrift“ versucht durch ein neuartiges
Medienverbundprojekt in Verbindung mit Sport (Fußball) den Analphabetismus in
Deutschland zu bekämpfen;
– F. A. N. – Fußball.Alphabetisierung.Netzwerk;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Lernen
mit bewähren und neuen Medien“ in Frankfurt am Main 2005;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Fragen
und Antworten in Wissenschaft und Praxis“ in Bonn 2006;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland:
Innovative Forschung – Innovative Praxis“ in Hamburg 2007;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland:
Analphabeten kommen zu Wort“ in Leipzig 2008;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Kunst –
Kultur – Aktion“ in Hannover 2009;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Familie –
Partnerschaft – Generationen“ in Weinheim 2010.
Seit 2007 fördert das BMBF im Förderschwerpunkt „Forschung und
Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ 108 Teilvorhaben in
25 Forschungsverbünden.
Die Themenschwerpunkte des BMBF-Förderschwerpunktes umfassen:
– Verbesserung des Forschungsstandes zur Alphabetisierung/Grundbildung
mit Erwachsenen,
– Erhöhung von Effizienz und Qualität von Unterstützungs- und
Beratungsangeboten,
– Verbesserung des Kenntnisstandes und der Entwicklung von
Alphabetisierung und Grundbildung im Kontext von Wirtschaft und Arbeit,
– Professionalisierung von Lehrenden und Multiplikatoren im Kontext von
Alphabetisierung und Grundbildung.
Übergeordnetes Ziel ist es, die gewonnenen Ergebnisse und Produkte bundesweit
für alle Anwendergruppen (Betriebe, Gewerkschaften, Kammern, Verbände,
Weiterbildungseinrichtungen, Universitäten und andere) nutzbar zu machen.
Des Weiteren wird für die Darstellung der einzelnen Projekte auf die spezifische
Homepage
www.alphabund.de verwiesen.
Im März 2011 werden Ergebnisse aus dem BMBF-Förderschwerpunkt
„Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“
auf einer Bilanzkonferenz vorgestellt.
38. Ist zur Umsetzung der nationalen Ziele der Weltalphabetisierungsdekade in
Deutschland eine zentrale bzw. eine dezentrale institutionelle Einheit mit
Service-, Beratungs- und Informationsaufgaben eingerichtet worden, und
hat sich die Bundesregierung mit öffentlichen Mitteln an ihrer
Finanzierung beteiligt?
Eine zentrale institutionelle Einheit für Beratung und andere Aufgaben für
Lernende wurde nicht eingerichtet. Aufgrund der föderalen Aufgabenteilung hätte die
Bundesregierung sich nicht an einer derartigen Einrichtung beteiligen können.
Beratungs- und Informationsaufgaben im Zusammenhang mit dem
Förderschwerpunkt „Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und
Grundbildung Erwachsener“ hat der Projektträger im Deutschen Zentrum für Luft- und
Raumfahrt (PT-DLR) übernommen. Er berät und betreut die Projekte des
Förderschwerpunktes in allen Phasen des Förderzeitraums. Dazu gehören unter
anderem die kontinuierliche fachliche Begleitung und Beratung der Projektverbünde.
Im Rahmen dieser Arbeit werden die gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse
der Projekte aus dem Förderschwerpunkt durch den PT-DLR gebündelt und
unter anderem in Form einer wissenschaftlichen Buchreihe mit voraussichtlich
vier bis sechs Bänden herausgegeben. Darüber hinaus werden Praxisbeiträge
durch den PT-DLR publiziert, die die in den Projekten des Förderschwerpunktes
gewonnenen Praxiserfahrungen reflektieren.
Ferner werden fundierte wissenschaftliche Forschungs- und
Entwicklungsergebnisse sowie Praxiserfahrungen aus dem Förderschwerpunkt im Rahmen von
Transferplattformen weiterentwickelt und in Fachforen den verschiedenen
Akteuren in Wissenschaft und Forschung, Bildungspraxis, Wirtschaft und Arbeit
sowie Politik und Verwaltung vorgestellt und nutzbar gemacht.
39. In welcher Form wurde das Ziel der Weltalphabetisierungsdekade in der
Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung „Aufstieg durch Bildung“
von Januar 2008 (Bundestagsdrucksache 16/7750) berücksichtigt?
40. Wurde das Ziel der Weltalphabetisierungsdekade bei den drei
Bildungsgipfeln der Bundeskanzlerin von 2008 bis 2010 mit berücksichtigt und wie
genau?
47. Welche Bedeutung hat das Ziel der Weltalphabetisierungsdekade und
dessen Umsetzung in Deutschland bei den drei bisherigen „Bildungsgipfeln“
der Bundeskanzlerin von 2008 bis 2010 gehabt, und in welcher Form soll
es im weiteren Prozess der Bildungskooperation von Bund und Ländern
bei den Treffen in den verbleibenden Jahren bis 2012 bearbeitet werden?
Die Fragen 39, 40 und 47 werden im Zusammenhang beantwortet.
Mit der am 22. Oktober 2008 von der Bundeskanzlerin und den Regierungschefs
der Länder in Dresden beschlossenen „Qualifizierungsinitiative für
Deutschland“ haben Bund und Länder gemeinsam die Bedeutung der Förderung der
Grundbildung unterstrichen und dafür eine Reihe von Maßnahmen für die
frühkindliche und schulische Bildung sowie die Weiterbildung entwickelt. Im
Rahmen der föderalen Aufgabenverteilung liegt der Schwerpunkt bei den Ländern.
Der Bundeskanzlerin und den Regierungschefinnen und Regierungschefs der
Länder wird Ende 2010 ein Bericht der Kultusministerkonferenz und der
Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz über die Umsetzung der
Qualifizierungsinitiative vorgelegt. Darin werden die Maßnahmen der Länder zur Verstärkung
der Anstrengungen im Bereich der Alphabetisierung dargestellt. Die Ziele und
Maßnahmen der Qualifizierungsinitiative für Deutschland werden von Bund
und Ländern weiter verfolgt und umgesetzt.
41. In welcher Form hat die Bundesregierung mit konkreten Maßnahmen dazu
beigetragen, die zweite der „Bernburger Thesen zur Alphabetisierung“
(kein Schüler und keine Schülerin soll die Schule ohne ausreichende
Kenntnisse in Lesen und Schreiben verlassen) national zu erfüllen?
Die Vermittlung von Lesen und Schreiben in den Schulen liegt in der alleinigen
Zuständigkeit der Länder.
42. Mit welchen konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung dazu
beigetragen, die dritte der „Bernburger Thesen zur Alphabetisierung“
(Analphabetismus muss Pflichtthema in der Lehrerausbildung werden) in
Deutschland zusammen mit den Ländern zu verwirklichen?
Die Lehrerausbildung liegt in der alleinigen Zuständigkeit der Länder.
43. Inwieweit hat die Bundesregierung dazu beigetragen, die vierte der
„Bernburger Thesen zur Alphabetisierung“ (flächendeckendes und
nachfragegerechtes Angebot an Alphabetisierungskursen in
Weiterbildungseinrichtungen schaffen) zu verwirklichen?
Für das Angebot an Alphabetisierungskursen sind die Länder zuständig.
44. Wie hat die Bundesregierung daran mitgewirkt, die fünfte der „Bernburger
Thesen zur Alphabetisierung“ (Berufsbild des Alphabetisierungs- und
Grundbildungspädagogen muss institutionalisiert werden) umzusetzen?
Ein Ziel des Förderschwerpunktes ist, die Kenntnisse zur Professionalisierung
und Qualitätssteigerung der Ausbildung der Lehrenden in der
Grundbildungsarbeit mit Erwachsenen zu erweitern. In diesem Kontext wurde im Rahmen des
Förderschwerpunktes der Projektverbund „PROFESS – Weiterbildender
Masterstudiengang, Weiterbildungsstudium und Fortbildung: Alphabetisierungs-
und Grundbildungspädagogin/-pädagoge“ gefördert und bei der Konzeption und
Einrichtung des Masterstudiengangs „Alphabetisierungs- und
Grundbildungspädagogin/-pädagoge“ an der Universität Weingarten fachlich unterstützt und
begleitet. Der viersemestrige weiterbildende Masterstudiengang wurde
akkreditiert und startete im Herbst 2009.
Ferner wurden im Rahmen des Förderschwerpunktes in den Projektverbünden
ProGrundbildung und AlBi nicht-akademische Aus- und Fortbildungskonzepte
für Dozentinnen und Dozenten in der Alphabetisierung und Grundbildung
entwickelt.
45. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen, um in der
Öffentlichkeit eine Entstigmatisierung des Analphabetismus zu erreichen?
Mit Förderung des BMBF sind zahlreiche öffentlichkeitswirksame
Veranstaltungen und Projekte durchgeführt worden. Seit 2003 fördert das
Bundesministerium für Bildung und Forschung die jährliche Fachtagung für
Alphabetisierung und Grundbildung sowie die Durchführung des Weltalphabetisierungstages
am 8. September jeden Jahres.
Ebenfalls mit Förderung vom BMBF wurden die Projekte „F. A. N. –
Fußball.Alphabetisierung.Netzwerk“ und „ALFA-MOBIL“ durchgeführt.
46. Welche Maßnahmen der Medienwerbung, z. B. über die Fernseh- und
Rundfunkanstalten, der allgemeinen Öffentlichkeitsarbeit bzw. der
zielgruppenorientierten Beratung hat die Bundesregierung ergriffen bzw.
werden von ihr unterstützt, um Analphabeten über die vorhandenen Angebote
aufzuklären und zu informieren und zur Teilnahme an
Alphabetisierungskursen zu bewegen?
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert seit 1984
regelmäßig Projekte zur Verbesserung der Situation von Analphabeten und
Analphabetinnen.
Folgende Projekte wurden durch das BMBF seit Beginn der UN-
Weltalphabetisierungsdekade zur Erreichung der Öffentlichkeit und der Zielgruppe gefördert:
– Auftaktveranstaltung zur Weltalphabetisierungsdekade: „Mit Erfahrung neue
Wege gehen – 25 Jahre Alphabetisierung in Deutschland“;
– Fachtagung des Bundesverbandes Alphabetisierung e. V. in Bernburg, 5. bis
7. November 2003;
– Fachtagung „Alphabetisierung – Kultur – Wirtschaft“, 10. bis 12. November
2004 in Berlin;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Lernen mit
bewährten und neuen Medien“, 3. bis 5. November 2005 in Frankfurt/Main;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Fragen und
Antworten in Wissenschaft und Praxis“, 31. Oktober bis 2. November 2006
in Bonn;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland:
Innovative Forschung – Innovative Praxis“, 24. bis 26. Oktober 2007 in Hamburg;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Wie
kommen Analphabeten zu Wort?“, 29. bis 31. Oktober 2008 in Leipzig;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Kunst.
Kultur. Aktion.“, 4. bis 6. November 2009 in Hannover;
– Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Familie –
Partnerschaft – Generation“, 28. bis 30. Oktober 2010 in Weinheim;
– „APOLL. Alfa-Portal Literacy Learning“ (2002 bis 2005);
– „Alfa-Mobil. Wir fahren für die Weltalphabetisierungsdekade“ (2004 bis
2007);
– „ABC des Lebens“. Vorbereitung, Durchführung und Präsentation einer
filmischen Langzeitdokumentation über Lebens- und Lernumstände von
funktionalen Analphabet/inn/en (2004 bis 2006);
– „F. A. N. – Fußball.Alphabetisierung.Netzwerk“; Verbundprojekt mit
BR αlpha (2005 bis 2008).
Im Rahmen des Förderschwerpunktes werden ebenfalls zahlreiche neue Wege
zur Ansprache potentieller Teilnehmender entwickelt, z. B. Werbung für die
Teilnahme an Alphabetisierungskursen mit Testimonials, Konzepte für
zielgruppenorientierte Beratung, Computerlernspiele u. a.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 45 verwiesen.
48. Welche zusätzlichen und neuen Maßnahmen plant die Bundesregierung in
den nächsten Jahren, um das Ziel der Weltalphabetisierungsdekade bis
2012 in Deutschland zu erreichen?
Derzeit werden Konzepte erarbeitet, wie die Ergebnisse des
Förderschwerpunktes „Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung
Erwachsener“ in den künftigen Jahren umgesetzt und verbreitet werden können.
Da viele der Projekte noch nicht abgeschlossen sind, können hierzu noch keine
genaueren Angaben gemacht werden.
49. Welchen finanziellen Beitrag sieht die Bundesregierung hierfür im
Haushaltsjahr 2011 und in der Finanzplanung bis 2013 vor?
Geplant sind Mittel in Höhe von 6 Mio. Euro pro Jahr.
50. Wann wird Deutschland nach Schätzungen der Bundesregierung das Ziel
der Weltalphabetisierungsdekade, die Zahl der Analphabeten zu halbieren,
auf nationaler Ebene erreichen?
Angaben über die künftige Entwicklung der Zahl der Analphabeten und
Analphabetinnen sind auf der Basis des derzeitigen Kenntnisstandes seriös nicht
möglich.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 4 verwiesen.
51. In welcher Form und in welchem finanziellen Umfang (aus welchen
Einzelhaushalten) hat die Bundesregierung seit 2003 dazu beigetragen, dieses
Ziel der Halbierung auch in übrigen Teilen der Welt mit zu erreichen?
Alphabetisierung ist der Bundesregierung auch im internationalen Kontext ein
wichtiges Thema. Die deutsche Entwicklungspolitik orientiert sich dabei seit
dem Jahr 2000 an folgenden internationalen Zielen/Vereinbarungen:
– Millenniumentwicklungsziele (MDGs)
Ziel 2: Grundschulbildung für alle Kinder weltweit
– UNESCO-Programm „Bildung für Alle“
Ziel 3: Zugang zu Lernangeboten und Training in Basisqualifikationen („life
skills“) für Jugendliche und Erwachsene.
Ziel 4: Erhöhung der Alphabetisierungsrate unter Erwachsenen, besonders
unter Frauen, um 50 Prozent bis 2015. Sicherstellung des Zugangs von
Erwachsenen zu Grund- und Weiterbildung.
– United Nations Literacy Decade (2003 bis 2012).
Erwachsenenalphabetisierung wird in der deutschen Entwicklungspolitik
vorwiegend über non-formale Grundbildungsprogramme gefördert. Diese
Programme zielen neben der Vermittlung von Grundqualifikationen (Lesen,
Schreiben, Rechnen) auch auf grundlegende Alltagsfähigkeiten von Jugendlichen und
Erwachsenen ab (z. B. in den Bereichen HIV/Aids, Hygiene, Landwirtschaft,
Umweltschutz, Demokratie).
Der finanzielle Umfang des Engagements der Bundesregierung im Bereich
Erwachsenenalphabetisierung lässt sich über den OECD-Förderbereichschlüssel
11230 (non-formale Grundbildung) abbilden. Die deutschen bilateralen ODA-
Auszahlungen nahmen seit dem Jahr 2003 zwar von 26,5 Mio. Euro auf
10,5 Mio. Euro im Jahr 2008 ab. Jedoch konnte letztes Jahr das Volumen wieder
auf 15,4 Mio. Euro erhöht werden. Erwachsenenalphabetisierung wird auch
über den Haushaltstitel 687 03 (Sozialstrukturträger) gefördert. Aus diesem
Titel betrugen die Zuwendungen des BMZ an das Institut für internationale
Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV-international),
welches Programme zu Erwachsenenbildung weltweit durchführt, 10,6 Mio.
Euro in 2009. Jährlich werden von diesen Fördermitteln rund 1,0 Mio. Euro für
direkte Alphabetisierungsmaßnahmen und rund weitere 1,0 Mio. Euro als
Capacity-Building Maßnahmen zur Qualifizierung von
Alphabetisierungspersonal und Aufbau von Partnerstrukturen aufgewendet. Der regionale
Schwerpunkt liegt in West- und Ostafrika.
Mit diesem inhaltlichen und finanziellen Beitrag konnte die deutsche
Entwicklungspolitik dazu beitragen, dass die Zahl der weltweiten Analphabeten von
872 Millionen im Jahr 1990 auf 796 Millionen im Jahr 2008 gesenkt werden
konnte.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
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ISSN 0722-8333]