Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Clara Bünger, Nicole Gohlke,
Gökay Akbulut, weiterer Abgeordneter und der Gruppe Die Linke
– Drucksache 20/10878 –
Situation von Geflüchteten aus dem Jemen
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Seit März 2015 herrscht im Jemen ein blutiger Krieg, in dessen Folge
innerhalb des Landes 4,5 Millionen Menschen vertrieben wurden. Nach Angaben
des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) lebt ein
Großteil von ihnen in improvisierten Notunterkünften ohne Zugang zu
grundlegenden Versorgungsgütern (
https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-welt
weit/jemen#:~:text=Im%20Jemen%20gibt%20es%20ungef%C3%A4hr,6%20
Millionen%20Menschen%20humanit%C3%A4re%20Hilfe). Aufgrund
verstellter Fluchtwege kommt allerdings nur ein kleiner Teil derer, die vor dem
Krieg fliehen, nach Europa (
https://www.amnesty.ch/de/ueber-amnesty/publik
ationen/magazin-amnesty/2019-1/jemen-fluechtlinge-vertriebene-interview-sh
abia-mantoo-unhcr). In der Folge spielen Geflüchtete aus dem Jemen in der
medialen Berichterstattung in Deutschland nur selten eine Rolle; ihre Situation
steht nach Wahrnehmung der Fragestellenden auch nicht im Fokus der
Organisationen und Initiativen, die sich hierzulande für Geflüchtete und ihre Rechte
einsetzen. Ziel der Kleinen Anfrage ist es, den Belangen von Geflüchteten aus
dem Jemen zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen – auch vor dem Hintergrund,
dass Deutschland für Tod und Zerstörung im Jemen nach Auffassung der
Fragestellenden eine erhebliche Mitverantwortung trägt. Die Bundesrepublik
Deutschland und andere westliche Staaten belieferten Saudi-Arabien und seine
Verbündeten mit Waffen, während die von Saudi-Arabien geführte
Militärkoalition in großem Umfang zivile Ziele im Jemen bombardierte und
mutmaßlich Kriegsverbrechen verübte (
https://www.ecchr.eu/fall/europas-verantwortu
ng-fuer-kriegsverbrechen-im-jemen/). Zwischen 2015 und 2022 gab es mehr
als 25 000 Luftschläge dieser Militärkoalition, dadurch wurden knapp 9 000
Zivilistinnen und Zivilisten getötet und mehr als 10 000 verletzt (
https://www.
yemendataproject.org/).
Deutscher Bundestag Drucksache 20/11108
20. Wahlperiode 19.04.2024
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums des Innern und für Heimat
vom 18. April 2024 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
1. Wie hat sich die Zahl der Asylanträge von Geflüchteten aus dem Jemen
seit 2015 entwickelt (bitte die Zahl der Asylanträge nach Jahren
aufschlüsseln), wie viele dieser Asylsuchenden waren weiblich, und wie
viele waren minderjährig?
Die Angaben können der nachfolgenden Tabelle entnommen werden.
Asylanträge von
Staatsangehörigen
aus Jemen
insgesamt
davon
weiblich
davon
minderjährig
2015 349 98 94
2016 578 160 167
2017 559 186 170
2018 916 321 293
2019 884 292 253
2020 480 152 140
2021 752 124 111
2022 1.055 143 125
2023 1.809 166 144
2024 (Jan bis Feb) 125 29 18
2. Wie hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seit 2015
über die Asylanträge von Asylsuchenden aus dem Jemen entschieden
(bitte nach Asylberechtigung, Flüchtlingsschutz, Abschiebungsverbot,
Ablehnung, Ablehnung als unzulässig sowie nach Jahren differenzieren),
und wie lauteten jeweils die Schutzquote sowie die um formelle
Entscheidungen bereinigte Schutzquote?
Die Angaben können der nachfolgenden Tabelle entnommen werden.
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3. Wie haben die Verwaltungsgerichte seit 2015 über die Klagen von
Asylsuchenden aus dem Jemen gegen Bescheide des BAMF entschieden
(bitte nach Asylberechtigung, Flüchtlingsschutz, Abschiebungsverbot,
Ablehnung, Ablehnung als unzulässig sowie nach Jahren differenzieren)?
Die Angaben können der nachfolgenden Tabelle entnommen werden.
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4. Inwieweit hat sich die Einschätzung der Bundesregierung zur Lage im
Jemen in den letzten Jahren verändert, etwa mit Blick auf wesentliche
Fluchtgründe, mögliche „innerstaatliche Fluchtalternativen“, die Lage
von Frauen, LGBTIQ und anderen vulnerablen Gruppen,
existenzbedrohende Armut, Unterversorgung und Hunger usw.?
Nach Kenntnis der Bundesregierung befindet sich Jemen infolge des
anhaltenden Konflikts in einer schweren humanitären Krise. Schon vor Beginn des
Bürgerkrieges im Jahr 2014 galt Jemen als das ärmste Land der Region. Auch die
menschenrechtliche Lage war, aufgrund der traditionellen und durch
islamisches Recht geprägten gesellschaftlichen Strukturen, sowohl für Frauen als
auch LGBTIQ und andere vulnerable Gruppen bereits vor Ausbruch des
Bürgerkriegs landesweit kritisch und hat sich seither nicht verbessert. Über die
konkreten Fluchtgründe der Antragstellenden kann keine Aussage getroffen
werden, weil diese nicht statistisch erfasst werden.
5. Wie wirken sich nach Kenntnis und Einschätzung der Bundesregierung
die Militäreinsätze „Operation Prosperity Guardian“ (
https://www.thegua
rdian.com/us-news/2023/dec/19/us-announces-naval-coalition-to-
defendred-sea-shipping-from-houthi-attacks) und „Aspides“ (
https://www.tages
schau.de/ausland/europa/eu-aussenminister-rotes-meer-100.html) auf die
Sicherheitslage im Jemen aus?
Die Einsätze von „Operation Prosperity Guardian“ und der European Union
Naval Force – Aspides (EUNAVFOR ASPIDES) haben den Schutz der Freiheit
der Schifffahrt und die Sicherheit des Seeverkehrs im Roten Meer und Golf von
Aden zum Ziel. Beide Operationen greifen nicht in innere Angelegenheiten
Jemens ein und haben somit keine direkte Auswirkung auf die Sicherheitslage
im Land.
6. Wann wurde der Lagebericht des Auswärtigen Amts bezüglich Jemen
zuletzt aktualisiert, wann hat sich zuletzt die interne Weisungslage im
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geändert und inwiefern?
Der letzte Lagebericht des Auswärtigen Amtes stammt vom 4. April 2001. Es
wird aktuell kein Bericht zur asyl- und abschiebungsrelevanten Lage in der
Republik Jemen durch das Auswärtige Amt erstellt. Das Auswärtige Amt
erstellt für die Innenbehörden und Verwaltungsgerichte Berichte zur asyl- und
abschiebungsrelevanten Lage für die Hauptherkunftsländer von Asylsuchenden.
Zur Beurteilung der Lage wertet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
(BAMF) stetig internationale und nationale Quellen aus. Die letzte inhaltliche
Überarbeitung der Leitsätze zum Herkunftsland Jemen erfolgte im Jahr 2022.
In diesem Rahmen erfolgte eine Neubeurteilung der Bedrohungslage im Zuge
des bewaffneten Konflikts sowie eine Neubewertung der humanitären Lage.
7. Wie viele Menschen aus dem Jemen sind nach Kenntnis der
Bundesregierung innerhalb des Landes bzw. international auf der Flucht (bitte
auch die wichtigsten Zufluchtsländer nennen)?
Eigene belastbare Erkenntnisse im Sinne der Fragestellung liegen der
Bundesregierung nicht vor. Nach Angaben der Internationalen Organisation für
Migration (IOM) waren 2023 rund 4,5 Millionen der geschätzten 32,6 Millionen
Einwohner Jemens auf der Flucht innerhalb ihrer eigenen Landesgrenzen.
8. Wie viele Menschen mit jemenitischer Staatsbürgerschaft leben mit
welchem Aufenthaltsstatus in Deutschland (bitte auch nach Bundesländern
aufschlüsseln, bei Duldungen bitte nach Duldungsgründen
differenzieren)?
Zum Stichtag 29. Februar 2024 hielten sich 12.338 ausländische Personen mit
jemenitischer Staatsangehörigkeit in Deutschland auf. Die weiteren Angaben
können den folgenden Tabellen entnommen werden.
Aufhältige jemenitische Staatsangehörige 12.338
davon mit:
unbefristeten Aufenthaltsrechten 601
befristeten Aufenthaltsrechten 8.742
Aufenthaltsgestattung 2.036
sonstiges (z. B. ausreisepflichtig, kein Status gespeichert) 959
Nach Ländern
Baden-Württemberg 356
Bayern 3.562
Berlin 1.591
Brandenburg 311
Bremen 63
Hamburg 159
Hessen 755
Mecklenburg-Vorpommern 97
Niedersachsen 881
Nordrhein-Westfalen 922
Rheinland-Pfalz 214
Saarland 102
Sachsen 198
Sachsen-Anhalt 240
Schleswig-Holstein 2.820
Thüringen 67
Aufhältige jemenitische Staatsangehörige mit Duldung 164
davon
Duldung nach § 60a Abs. 2 S. 1 AufenthG aus sonstigen
Gründen 96
Duldung nach § 60a Abs. 2 Satz 1 AufenthG wegen
fehlender Reisedokumente 26
Sonstige Duldungen mit jeweils weniger als 10 Personen 42
9. Wie viele Visa für den Familiennachzug von jemenitischen
Staatsangehörigen wurden seit 2015 erteilt (bitte nach Jahren und nach Visastellen
differenziert auflisten und darüber hinaus nach Nachzug zu Ausländer,
Nachzug zu Deutschen, Elternnachzug, Kindernachzug, Nachzug
sonstiger Familienangehöriger aufschlüsseln)?
Für die Jahre 2015 bis 2017 wird auf die Antwort der Bundesregierung zu
Frage 1 der Kleinen Anfrage der Fraktion DIE LINKE. auf
Bundestagsdrucksache 19/7267 verwiesen. Die weiteren Angaben bis einschließlich 29. Februar
2024 können den nachfolgenden Tabellen entnommen werden.
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10. Wurden seit 2015 Menschen aus Deutschland in den Jemen
abgeschoben, und wenn ja, wie viele (bitte nach Jahren aufschlüsseln), und wie
verteilen sich die Abschiebungen auf die Bundesländer?
a) Wie viele Frauen wurden seit 2015 aus Deutschland in den Jemen
abgeschoben (bitte nach Jahren und Bundesländern aufschlüsseln)?
b) Wie viele Minderjährige wurden seit 2015 aus Deutschland in den
Jemen abgeschoben (bitte nach Jahren und Bundesländern
aufschlüsseln)?
Die Fragen 10 bis 10b werden zusammen beantwortet.
Nach Kenntnis der Bundesregierung gab es in dem erfragten Zeitraum keine
Abschiebungen in den Jemen.
11. Wie viele jemenitische Staatsangehörige wurden seit 2015 im Rahmen
des Dublin-Systems in andere EU-Staaten überstellt (bitte nach Jahren
und den zehn wichtigsten Zielstaaten der Überstellungen auflisten)?
Die Angaben können den nachfolgenden Tabellen entnommen werden.
Überstellungen an Mitgliedstaaten nach Mitgliedstaat
Jahr 2015
gesamt: 1
darunter:
Schweden 1
Überstellungen an Mitgliedstaaten nach Mitgliedstaat
Jahr 2016
gesamt: 5
darunter:
Frankreich 5
Überstellungen an Mitgliedstaaten nach Mitgliedstaat
Jahr 2017
gesamt: 17
darunter:
Italien 9
Schweden 6
Spanien 2
Überstellungen an Mitgliedstaaten nach Mitgliedstaat
Jahr 2018
gesamt: 26
darunter:
Spanien 14
Dänemark 3
Schweden 3
Frankreich 2
Italien 2
Österreich 1
Polen 1
Überstellungen an Mitgliedstaaten nach Mitgliedstaat
Jahr 2019
gesamt: 16
darunter:
Italien 5
Finnland 4
Frankreich 2
Schweden 2
Spanien 2
Niederlande 1
Überstellungen an Mitgliedstaaten nach Mitgliedstaat
Jahr 2020
gesamt: 4
darunter:
Niederlande 1
Polen 1
Schweden 1
Spanien 1
Überstellungen an Mitgliedstaaten nach Mitgliedstaat
Jahr 2021
gesamt: 2
darunter:
Frankreich 1
Spanien 1
Überstellungen an Mitgliedstaaten nach Mitgliedstaat
Jahr 2022
gesamt: 13
darunter:
Spanien 4
Schweden 3
Frankreich 2
Polen 2
Niederlande 1
Österreich 1
Überstellungen an Mitgliedstaaten nach Mitgliedstaat
Jahr 2023
gesamt: 6
darunter:
Polen 2
Spanien 2
Rumänien 1
Zypern 1
Überstellungen an Mitgliedstaaten nach Mitgliedstaat
Jahr 2024 (Jan bis Feb)
gesamt: 3
darunter:
Polen 2
Schweden 1
12. Sind seit 2015 Menschen mit einer finanziellen Förderung des Bundes
und bzw. oder der Länder in den Jemen ausgereist, und wenn ja, wie
viele (bitte nach Jahren und Bundesländern aufschlüsseln)?
Belastbare Daten liegen der Bundesregierung nur im Rahmen des Bund-
Länder-Programmes REAG/GARP vor, nicht aber zu den Länderprogrammen zur
Förderung von freiwilligen Ausreisen in den Jemen.
Zwischen 2015 und 2018 wurden in drei Fällen freiwillige Ausreisen
ausschließlich aus dem Land Schleswig-Holstein im Rahmen des Bund-Länder
Programms REAG/GARP gefördert (Quelle: IOM).
Die Förderung der freiwilligen Ausreisen nach Jemen im Rahmen des REAG/
GARP-Programms wurde vor dem Hintergrund der Sicherheitslage vor Ort
durch die IOM, die bis zum Jahr 2023 das REAG/GARP-Programm
durchgeführt hat, zwischenzeitlich suspendiert.
Seit 2019 besteht die Möglichkeit einer anteiligen Refinanzierung freiwilliger
Ausreisen u. a. in den Jemen über das BAMF analog zu den Vorgaben des
REAG/GARP-Programms. Die geförderten Ausreisen werden durch die
zuständigen (staatlichen und/oder nichtstaatlichen) Stellen in den Ländern
organisiert. Das BAMF refinanziert anteilig im Nachgang der freiwilligen Ausreise
die durch die Länder verauslagten Kosten, sofern ein entsprechender Antrag
gestellt und bewilligt wurde. Die Angaben zur Refinanzierung von freiwilligen
Ausreisen durch den Bund können der nachfolgenden Tabelle entnommen
werden.
Land 2019 2020 2021 2022 2023 2024*
Baden-Württemberg 0 0 0 0 0 0
Bayern 0 3 0 1 7 3
Berlin 0 1 0 1 0 0
Brandenburg 0 0 0 0 0 0
Bremen 0 0 0 0 0 0
Hamburg 0 0 0 0 0 0
Hessen 0 0 1 0 0 0
Mecklenburg-Vorpommern 0 0 0 0 0 0
Niedersachsen 5 0 0 0 0 0
Nordrhein-Westfalen 0 0 0 0 0 0
Rheinland-Pfalz 0 0 0 0 0 0
Saarland 0 0 0 0 0 0
Sachsen 0 0 0 0 0 0
Sachsen-Anhalt 0 0 0 0 0 0
Schleswig-Holstein 0 0 0 0 0 0
Thüringen 0 1 0 0 0 0
* Vorläufige Zahlen, Stand: 28. März 2024, Quelle: BAMF
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333