Auswirkungen erhöhter Mittelmeertemperaturen auf den Tourismus
der Abgeordneten Stefan Schmidt, Matthias Gastel, Victoria Broßart, Denise Loop, Johannes Wagner, Julian Joswig und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Die Mittelmeerregion zählt zu den beliebtesten Reisezielen deutscher Touristinnen und Touristen (vgl. www.drv.de/themen/reisen-in-zahlen/destinationen.html). Gleichzeitig gehört das Mittelmeer zu den am stärksten von der Klimakrise betroffenen Meeresregionen der Erde. Im Frühsommer 2025 wurden an zahlreichen Orten Oberflächentemperaturen von 26 bis 28 Grad gemessen – rund 3 Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Ähnliche Temperaturrekorde wurden bereits in den Vorjahren erreicht (vgl. Copernicus; https://apps.socib.es/subregmed-indicators/ocean_temperature.htm). Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bezeichnen die Region als „Klimawandel-Hotspot“, da sie besonders anfällig für beschleunigte Erwärmung, Biodiversitätsverluste und Extremwetter ist (vgl. www.br.de/nachrichten/wissen/wie-das-aufgeheizte-mittelmeerdas-wetter-bei-uns-beeinflusst,Upt6IRX). So fördert die Erwärmung des Mittelmeers die Ausbreitung gesundheitlich bedenklicher Organismen wie Blaualgen oder bestimmter Quallenarten, was das Mittelmeer als Reisedestination deutlich unattraktiver macht (vgl. www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/pelagos/klimakrise-im-mittelmeer). Die Erwärmung des Mittelmeers wirkt sich jedoch nicht nur auf die dortigen Ökosysteme aus, sondern hat auch direkte Rückkopplungseffekte auf Mitteleuropa. Stärkere Verdunstung und vermehrte Starkregen- bzw. Extremwettereignisse wirken sich teilweise bis nach Deutschland aus (vgl. https://science.apa.at/power-search/5037002154017131279). Gleichzeitig beeinträchtigen Hitzewellen, Dürreperioden und vermehrte Waldbrände die Infrastruktur und Attraktivität klassischer Reiseziele im Süden Europas (vgl. www.fr.de/panorama/das-ist-krass-experten-und-auswaertiges-amt-warnen-vor-urlaubsregionen-am-mittelmeer-zr-93816791.html). Diese klimabedingten Veränderungen können das Reiseverhalten deutscher Touristinnen und Touristen massiv beeinflussen, was sich nicht nur auf die Geschäftsmodelle deutscher Reiseunternehmen auswirken könnte. Sie werfen auch Fragen auf zur Anpassungsfähigkeit von Destinationen, zur Informationspolitik der Bundesregierung sowie zu ihrer Rolle in der Förderung nachhaltiger Tourismuskonzepte.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen28
a) Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die durchschnittlichen und maximalen Oberflächentemperaturen des Mittelmeers seit 2020, insbesondere im Vergleich zum Referenzzeitraum 1991 bis 2020?
b) Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung zu den Ursachen der Entwicklung?
a) Welche wissenschaftlichen Prognosen liegen der Bundesregierung zur weiteren Entwicklung der Mittelmeertemperaturen in den kommenden Jahrzehnten vor?
b) Wie bewertet die Bundesregierung diese Prognosen zur weiteren Erwärmung des Mittelmeers in den kommenden Jahrzehnten in Bezug auf die touristische Attraktivität der Mittelmeerregion?
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über das Vorkommen von giftigen Algenarten oder anderen gesundheitsschädlichen Organismen im Mittelmeer in den letzten Jahren?
Wie bewertet die Bundesregierung die Auswirkungen der erhöhten Meerestemperaturen im Mittelmeer, z. B. Artensterben, Ausbreitung invasiver Arten, Quallen und Blaualgen, auf den Badetourismus?
a) Liegen der Bundesregierung Informationen darüber vor, ob und wie sich das Reiseverhalten deutscher Touristinnen und Touristen im Mittelmeerraum aufgrund von Klimafolgen verändert hat (z. B. Reiserückgänge, Verlagerung in kühlere Regionen, verstärkter Inlandstourismus)?
b) Wenn ja, welche Gründe sind hier nach Einschätzung der Bundesregierung besonders relevant, z. B. Hitze, Wasserknappheit, Veränderung von Meeresflora und Meeresfauna, und welche alternativen Reisedestinationen wählen die Touristinnen und Touristen stattdessen?
a) Welche Einschätzungen liegen der Bundesregierung zur mittelfristigen Entwicklung des Reiseverhaltens deutscher Touristinnen und Touristen in die Mittelmeerregionen vor?
b) Welche Auswirkungen wird die mittelfristige Entwicklung des Reiseverhaltens deutscher Touristinnen und Touristen nach Kenntnis der Bundesregierung auf die Geschäftsmodelle deutscher Reiseunternehmen haben, und welche Anpassungsstrategien oder Diversifizierungen ihrer Angebote nehmen deutsche Reiseunternehmen nach Kenntnis der Bundesregierung bereits vor (z. B. neue Zielregionen, Saisonverschiebung, Nachhaltigkeitsoffensiven)?
Welche wirtschaftlichen Risiken für die deutsche Tourismuswirtschaft sieht die Bundesregierung durch die fortschreitende Erwärmung des Mittelmeers?
a) Inwieweit sind klimabedingte Risiken wie Extremwetter, Waldbrände oder Hitzeschäden nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit von Reiserücktritts-, Reiseabbruch- oder Auslandskrankenversicherungen abgedeckt?
b) Inwieweit sind nach Kenntnis der Bundesregierung klimabedingte Reisestornierungen, z. B. aufgrund von Waldbränden oder Hitzeschäden, derzeit im Rahmen einer Pauschalreise abgesichert?
c) Welche Informationen liegen der Bundesregierung über klimabedingte Reiserücktritte oder Reiseabbrüche in den letzten zehn Jahren vor?
d) Inwiefern plant die Bundesregierung, in Zusammenarbeit mit der Tourismus- und Versicherungswirtschaft, Empfehlungen oder Mindeststandards für die Absicherung klimabedingter Reiserisiken zu erarbeiten?
Welche Rückkopplungseffekte sieht die Bundesregierung zwischen der Mittelmeererwärmung und Extremwetterereignissen in Mitteleuropa, insbesondere Starkregen und Hochwasser in Deutschland?
a) Welche Rolle spielen die klimatische Entwicklung im Mittelmeerraum und deren Auswirkungen auf den Outgoing-Tourismus bei der Ausgestaltung der Nationalen Tourismusstrategie der Bundesregierung?
b) Welche Rolle spielen der Einklang des Tourismus mit Klima, Umwelt und Natur sowie der Umgang mit den Folgen der Klimakrise grundsätzlich in der Ausgestaltung der Nationalen Tourismusstrategie der Bundesregierung?
a) Inwiefern werden der Einklang des Tourismus mit Klima, Umwelt und Natur sowie der Umgang mit den Folgen der Klimakrise bei der „EU Tourism Transition Pathway“ berücksichtigt, die aktuell auf EU-Ebene erarbeitet wird?
b) Welche Schwerpunkte in der „EU Tourism Transition Pathway“ auf EU-Ebene setzt die Bundesregierung (bitte begründen)?
Gibt es Überlegungen oder bereits laufende Kooperationen auf europäischer Ebene zur langfristigen Stabilisierung touristischer Infrastrukturen und zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle in von der Klimakrise betroffenen Mittelmeerregionen, und wenn ja, welche, und wenn nein, warum nicht?
Welche Maßnahmen zum Schutz der marinen Biodiversität im Mittelmeer unterstützt die Bundesregierung derzeit im Rahmen internationaler oder europäischer Programme (z. B. UN Environment Programme/Mediterranean Action Plan [UNEP/MAP], Barcelona-Konvention, EU-Biodiversitätsstrategie)?
Unterstützt die Bundesregierung die Forderung von Umweltorganisationen wie dem WWF nach einer Ausweitung von Meeresschutzgebieten im Mittelmeerraum (vgl. www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/pelagos/klimakrise-im-mittelmeer), und wenn ja, inwiefern, und wenn nein, warum nicht?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über gesundheitliche Risiken für Touristinnen und Touristen im Mittelmeerraum infolge klimabedingter Veränderungen, etwa durch Hitzewellen, Wasserknappheit, Luftverschmutzung (z. B. durch Waldbrände), UV-Belastung oder neue Krankheitserreger?
a) Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung bereits, um Bürgerinnen und Bürger über klimabedingte Gesundheits- und Umweltgefahren bei Reisen ins Mittelmeergebiet aufzuklären (z. B. durch das Auswärtige Amt, das Robert Koch-Institut oder andere Stellen)?
b) Plant die Bundesregierung Informationskampagnen, um Bürgerinnen und Bürger über mögliche Risiken des Mittelmeerurlaubs in Zeiten der Klimakrise aufzuklären, und wenn ja, welche, und wenn nein, warum nicht?
Welche Mittelmeerländer verfügen nach Kenntnis der Bundesregierung über Frühwarnsysteme bei Hitzewellen, wie sie Frankreich 2004 großflächig eingeführt hat (vgl. www.deutschlandfunk.de/hitzeschutzplan-was-koennen-wir-von-frankreich-lernen-kollegengespraech-dlf-7f38fda1-100.html), und inwiefern bezieht die Bundesregierung eine Information über das Vorhandensein eines derartigen Frühwarnsystems in die amtlichen Reisewarnungen für diese Länder ein (bitte begründen)?
Welche sozioökonomischen Folgen erwarten die besonders vom Tourismus abhängigen Länder in Süd- und Südosteuropa nach Einschätzung der Bundesregierung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten durch klimabedingte Veränderungen, z. B. durch Hitzewellen oder Wasserknappheit?