[Deutscher Bundestag Drucksache 17/7776
17. Wahlperiode 23. 11. 2011 Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ernst Dieter Rossmann,
Oliver Kaczmarek, Dr. Hans-Peter Bartels, weiterer Abgeordneter und
der Fraktion der SPD
– Drucksache 17/7404 –
Stand der Bildungsforschung in Deutschland
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Eine gute Bildungspolitik kann nur dort gelingen, wo möglichst umfassende
Ergebnisse einer gut aufgestellten Bildungsforschung vorliegen. Erst mit dem
Wandel der Bildungspolitik in den 60er-Jahren ist es auch zu einer
Ausdifferenzierung und Ausweitung der Bildungsforschung in Deutschland gekommen.
Aus einer umfassenden Bildungsforschung ergeben sich die Grundlagen für
eine wissenschaftlich fundierte Ausgestaltung der Bildungspolitik. Darüber
hinaus wirken sich die neuen Erkenntnisse der Bildungsforschung über die
Lehrerausbildung an den Hochschulen mittelbar positiv auf die
Weiterentwicklung des Bildungssystems aus. Bildungsforschung kann damit die
Bildungschancen verbessern und die Handlungsfähigkeit der Bildungspolitik stärken.
Dabei stellt sich das Problem, dass die Bildungsforschung an unterschiedlichen
Punkten ansetzt (auf Lehr- und Lernprobleme abzielende Forschung auf der
Mikroebene, institutionengerichtete Forschungen auf Meso- und Makroebene,
anwendungsorientiert/grundlagenorientiert, quantitativ/qualitativ usw.) und sich
nicht immer trennscharf von anderen Forschungsfeldern abgrenzen lässt, da es
sich um ein sehr weites Forschungsfeld handelt.
Das deutsche Bildungswesen muss im internationalen Vergleich als komplex
beschrieben werden. So unterscheiden sich etwa Schultypen und
Schulabschlüsse nicht unerheblich zwischen den Bundesländern. Für Menschen im
Bildungssystem wird daher ein erhebliches Grundlagenwissen vorausgesetzt,
damit sie sich für einen optimalen Bildungspfad entscheiden können. Auch hier
können Erkenntnisse der Bildungsforschung helfen, Bürgerinnen und Bürgern
die Nutzung von Bildungsangeboten zu erleichtern und Wege im Bildungs- und
Weiterbildungssystem klarer aufzuzeigen. Langfristig muss die
Bildungsforschung einen Beitrag dazu leisten, dass jede Bürgerin und jeder Bürger ein
individuell passendes Bildungsangebot annehmen kann.
Insbesondere der „PISA-Schock“ 2001 und die weiteren, öffentlich intensiv
diskutierten PISA-Studien haben verdeutlicht, welches Potential für
gesellschaftliche und politische Veränderungen durch die Bildungsforschung
entstehen kann. Durch den Beschluss der Kultusministerkonferenz im Jahr 1997, Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom
22. November 2011 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 17/7776 – 2 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodesich an den PISA-Studien zu beteiligen, haben sich die Wahrnehmung und die
Rahmenbedingungen der empirischen Bildungsforschung in Deutschland
nachhaltig verändert. Bildungsforschung kann dazu dienen, Defizite und
Veränderungsbedarf im Bildungssystem aufzuzeigen und dazu beitragen, vorhandene
Potentiale besser auszuschöpfen. Hierzu bedarf es ebenso einer gut
ausgebauten Forschungsinfrastruktur wie einer gezielten Förderung des in der
Bildungsforschung tätigen Personals.
In einer Phase weitreichender Debatten über die Zukunft der Bildungslandschaft
sind Gesellschaft und Politik auf fundiertes Wissen aus der Bildungsforschung
angewiesen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Bildungsforschung in
Deutschland höchst dynamisch entwickelt, es wurden neue Einrichtungen an
Hochschulen wie im außeruniversitären Bereich geschaffen, Kooperationen
vereinbart und neues Personal für die Bildungsforschung rekrutiert.
Die Bildungsforschung hat unter anderem maßgeblich dazu beigetragen, das
Augenmerk von Politik und Gesellschaft auf die Abhängigkeit der Chancen im
Bildungssystem vom sozialen Status nachzuweisen. Die Forscherinnen und
Forscher konnten in den letzten Jahren zweifelsfrei nachweisen, dass im
Widerspruch zum Ideal gleicher Bildungschancen durch gleiche Bildungsangebote
sehr wohl der Erfolg im Bildungssystem von den sozialen Voraussetzungen
abhängig ist und auch in einem formal gerechten Bildungssystem ungleiche
Bildungschancen bestehen können und bestehen. Auch die gesetzlichen
Rahmenbedingungen in der Bildung, die Übergänge im Bildungssystem und die
Auswahlmechanismen in Schule und Hochschule zählen zu den
Untersuchungsfeldern, zu denen die Bildungsforschung in der Vergangenheit
erhebliche neue Erkenntnisse präsentieren konnte.
Im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD wurde 2005 vereinbart:
„Wir streben an, die Bildungsberichterstattung weiter zu entwickeln und als
Konstante der Bildungspolitik im Zusammenwirken von Bund und Ländern zu
etablieren. Flankierend werden wir die empirische Bildungsforschung im
Rahmen der Allgemeinen Forschungsförderung stärken, um Erkenntnisse zu
gewinnen, die Bund und Ländern bei der Weiterentwicklung ihrer jeweiligen
Aufgaben im Bildungsbereich dienen können.“ Auch im Koalitionsvertrag
zwischen CDU, CSU und FDP verpflichteten sich die Regierungsparteien 2009
auf einen Ausbau der Bildungsforschung: „Zur Verbesserung einer gesunden
motorischen, kognitiven und emotionalen Entwicklung von Kindern werden
wir die Bindungs- und die Bildungsforschung ausbauen.“ Parteiübergreifend
werden die Bemühungen der Bundesregierung, sich verstärkt für die
Bildungsforschung einzusetzen, begrüßt.
I. Stand der Bildungsforschung und Rahmenbedingungen in Deutschland
1. Im Rahmen welcher Maßnahmen der Bundesregierung wird die
Bildungsforschung in Deutschland gefördert (bitte nach Ressort aufschlüsseln)?
2. Wie viele Professuren in Deutschland lassen sich der Bildungsforschung
zuordnen, und wie groß ist die Zahl der universitären und außeruniversitären
Forschungsinstitute in der Bildungsforschung?
3. Welche Einrichtungen der Ressortforschung sind mit Fragen der
Bildungsforschung befasst (bitte um tabellarische Übersicht)?
Die Fragen 1 bis 3 werden wegen ihres Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Ein leistungsfähiges Bildungssystem ist die wesentliche Grundlage dafür, dass
individuelle Zukunfts- und Arbeitschancen verbessert werden und dass die
gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung, auch im internationalen
Wettbewerb, erfolgreich bleibt. Um die Qualität im Bildungssystem zu sichern und
weiter zu entwickeln, müssen wissenschaftlich fundierte Grundlagen geschaffen
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 3 – Drucksache 17/7776werden, die eine verlässliche Beurteilung der Situation und der Perspektiven im
Bildungswesen ermöglichen. Darüber hinaus nimmt im Kontext einer
wissensbasierten, ergebnisorientierten Steuerung auf allen Ebenen des Bildungssystems
die Bedeutung empirisch fundierten Wissens für Funktionsinhaber (in
Ministerien, Landesinstituten, Schulämtern, als Schulleiterin/Schulleiter, Lehrer/
Lehrerinnen etc.).
Die Bundesregierung fördert die Bildungsforschung im Kontext der
allgemeinen institutionellen Forschungsförderung (z. B. Deutsche
Forschungsgemeinschaft – DFG, Max-Planck-Gesellschaft – MPG, Wissenschaftsgemeinschaft
Gottfried Wilhelm Leibniz – WGL), der Ressortforschung (z. B. Bundesinstitut
für Berufsbildung – BIBB) und über die Projektförderung. Sie trägt darüber
hinaus durch die Verbesserung von allgemeinen Rahmenbedingungen zur
Förderung der Bildungsforschung bei (u. a. wissenschaftliche
Nachwuchsförderung, Verbesserung der informationellen Infrastruktur, Förderung des
internationalen Austausches und der Vernetzung).
Hinzuweisen ist insbesondere auf das Rahmenprogramm zur Förderung der
empirischen Bildungsforschung, das von der Bundesregierung im Jahr 2007 in
enger Abstimmung mit den Ländern initiiert wurde und darauf abzielt, die
empirische Bildungsforschung in Deutschland langfristig strukturell zu stärken und
valides Wissen für die Weiterentwicklung des Bildungssystems bereitzustellen.
Im Rahmenprogramm werden aktuell insgesamt 185 Forschungsprojekte mit
einem Volumen von rund 123 Mio. Euro gefördert. Die Forschungsergebnisse
werden unter anderem in der Reihe Bildungsforschung des Bundesministeriums
für Bildung und Forschung (BMBF) publiziert. Darüber hinaus werden die
Projektergebnisse auf dem für das Rahmenprogramm eingerichteten Internetportal
(
www.empirische-bildungsforschung-bmbf.de/) veröffentlicht.
Ein wichtiger Bestandteil des Rahmenprogramms zur Förderung der
empirischen Bildungsforschung ist das Nationale Bildungspanel (National Educational
Panel Study – NEPS), das durch die Bundesregierung bis Ende 2013 mit
insgesamt rund 85 Mio. Euro gefördert wird. Die zentrale Zielsetzung des
Nationalen Bildungspanels besteht darin, mehr darüber zu erfahren, wie sich
Kompetenzen im Lebenslauf entfalten und wie die Aneignung von Kenntnissen,
Fähigkeiten und Fertigkeiten innerhalb und außerhalb der Bildungsinstitutionen
am besten unterstützt werden kann. Dazu werden Datenerhebungen zu
Bildungs- und Qualifizierungsprozessen über die gesamte Lebensspanne
durchgeführt. So wird sukzessive eine umfangreiche Datenbasis (Scientific Use Files)
zur Analyse von Bildungsverläufen für die Bildungsforschung bereitgestellt.
Im Zusammenhang mit dem Ganztagsschulprogramm der Bundesregierung
fördert das BMBF seit 2005 eine umfangreiche empirische Begleitforschung
mit über 20 Verbundprojekten (
www.ganztagsschulen.org/10249.php). Im
Mittelpunkt steht die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen – StEG“
(2005 bis 2010), die von 2012 bis 2015 unter Beteiligung aller 16 Länder
fortgeführt wird.
Einen Überblick über die Situation der Bildungsforschung in Deutschland
inklusive einer Aufstellung der außeruniversitären und universitären Einrichtungen
der erziehungswissenschaftlichen Forschung, der Bildungsforschung und -
entwicklung gibt Band 28 in der vom BMBF herausgegebenen Schriftenreihe
„Bildungsforschung“, der in Kürze in einer aktualisierten Fassung veröffentlicht
wird (Horst Weishaupt/Marc Rittberger (Hrsg.): Bildungsforschung in
Deutschland – eine aktuelle Situationsanalyse, 2011).
Drucksache 17/7776 – 4 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode4. Wie bewertet das Bundesministerium für Bildung und Forschung den
aktuellen Stand des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Bildungsforschung,
und welche Maßnahmen hält die Bundesregierung für wünschenswert, um
mehr Nachwuchs für die Bildungsforschung zu gewinnen?
Nicht zuletzt mit dem Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen
Bildungsforschung ist es gelungen, die Attraktivität einer wissenschaftlichen
Karriere in der Bildungsforschung zu erhöhen und junge Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler für dieses Forschungsgebiet zu gewinnen. Gleichwohl hält es
die Bundesregierung angesichts eines zunehmenden Bedarfs an Expertise in der
empirischen Bildungsforschung sowohl in der Wissenschaft als auch auf
verschiedenen bildungspolitischen Steuerungsebenen sowie in der
Bildungsverwaltung nach wie vor für erforderlich, die Nachwuchsförderung im Bereich der
Bildungsforschung in Deutschland weiter zu stärken.
Neben der Nachwuchsförderung im Rahmen von Forschungsprojekten und bei
der Ganztagsschulforschung unterstützt eine spezielle Förderlinie im
Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen Bildungsforschung Doktorandinnen
und Doktoranden bei der Durchführung ihrer Promotion. Ein Begleitprogramm
bietet den Promovierenden fachliche, fachübergreifende und methodische
Fortbildung und Beratung, wobei insbesondere auch der internationale Austausch
gezielt gefördert wird.
Die Bundesregierung wird daher im Rahmenprogramm, das auch die
Hochschulforschung stimuliert hat, diese Förderung des wissenschaftlichen
Nachwuchses fortführen und beabsichtigt, die Nachwuchsförderung in diesem
Programm künftig unter anderem auch auf die Gruppe der Postdoktoranden
auszuweiten.
5. Welche Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung aus der 2007
ausgelaufenen Förderinitiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft e. V.
„Forschergruppen in der Empirischen Bildungsforschung“ gezogen, und welche
Maßnahmen wurden in Reaktion auf die Ergebnisse der Förderinitiative
vonseiten des Bundes in die Wege geleitet?
Die DFG hat ihrer ursprünglichen Absicht entsprechend mit der Initiative eine
strukturelle Wirkung im Sinne einer Stärkung der empirischen
Bildungsforschung an den geförderten Standorten erzielt. Beispielsweise sind aus den
geförderten Forschergruppen das von der Bundesregierung geförderte Nationale
Bildungspanel in Bamberg sowie in Tübingen der dortige WissenschaftsCampus
entstanden. Im Anschluss an die Förderinitiative hat die DFG zwei
Nachwuchsakademien in der empirischen Bildungsforschung eingerichtet. Darüber hinaus
haben die Erkenntnisse aus der Förderinitiative der DFG die Gestaltung des
Rahmenprogramms zur Förderung der empirischen Bildungsforschung
maßgeblich beeinflusst.
6. Gibt es Überlegungen, eine kontinuierliche Bestandsaufnahme und stärkere
Strukturierung der Bildungsforschung in Deutschland vorzunehmen, und
falls nein, aus welchen Gründen nicht?
In der Schriftenreihe „Bildungsforschung“ hat das BMBF im Jahr 2008 eine
Bestandsaufnahme „Zur Situation der Bildungsforschung in Deutschland“
herausgegeben. Diese Bestandsaufnahme wird in regelmäßigen Abständen
aktualisiert; in Kürze wird eine aktuelle Analyse veröffentlicht (Horst Weishaupt/
Marc Rittberger (Hrsg.): Bildungsforschung in Deutschland – eine aktuelle
Situationsanalyse, 2011). Eine stärkere Strukturierung der Bildungsforschung in
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 5 – Drucksache 17/7776Deutschland ist von Seiten der Bundesregierung insbesondere aufgrund der
entsprechenden Verantwortlichkeiten der Länder nicht beabsichtigt.
7. Plant die Bundesregierung eine (institutionalisierte) Schnittstelle zwischen
Bildungsforschung und Bildungspraxis zu schaffen, um die Umsetzung von
Forschungsergebnissen zu optimieren, und falls nein, warum nicht?
Die Bundesregierung wird unter anderem mit der Etablierung einer
Veranstaltungsreihe zur Verstärkung des Dialogs von Bildungsforschung und
Bildungspraxis beitragen. Eine erste Tagung wird am 29./30. März 2012 unter dem Titel
„Bildungsforschung 2020 – Herausforderungen und Perspektiven“ in Berlin
stattfinden. Mit der Veranstaltungsreihe wird ein Forum geschaffen, das der
Information und Diskussion über die Ergebnisse der Bildungsforschung dient und
die Umsetzung der Forschungsergebnisse in die Praxis unterstützen soll.
Bei der Weiterentwicklung des Rahmenprogramms zur Förderung der
empirischen Bildungsforschung und insbesondere bei der Vorbereitung der
Forschungsschwerpunkte werden neben wissenschaftlichen Expertinnen und
Experten grundsätzlich auch Vertreterinnen und Vertreter der Bildungspraxis
einbezogen. Eine institutionalisierte Schnittstelle im Sinne einer
Transferagentur (o. Ä.) ist aufgrund der Zuständigkeitsverteilung zwischen Bund und
Ländern im Bildungsbereich nicht geplant.
8. Mittels welcher Maßnahmen hat der Bund nach 2009 die Bildungsforschung
über das bereits zuvor beschlossene Maß hinaus gefördert?
Über das bereits zuvor beschlossene Maß hinaus hat die Bundesregierung seit
dem Jahr 2009 unter anderem im Rahmenprogramm zur Förderung der
empirischen Bildungsforschung Vorhaben in den folgenden Forschungsschwerpunkten
mit einem Fördervolumen von insgesamt rund 15 Mio. Euro gefördert:
● Bildungsforschung im Bereich Steuerung im Bildungssystem
● Bildungsforschung im Bereich Diagnostik von Entwicklungsstörungen
schulischer Fertigkeiten
● Bildungsforschung im Bereich „Chancengerechtigkeit und Teilhabe“.
Darüber hinaus wurden für die Arbeiten des Nationalen Bildungspanels
zusätzliche Fördergelder von insgesamt rund 20 Mio. Euro bereit gestellt unter
anderem für den Ausbau der Forschung zu Schülerinnen und Schülern mit
besonderem Förderbedarf, für Zusatzstudien zu beruflichen Kompetenzen sowie für den
Ausbau der Forschung zu Lehramtsstudierenden.
Weiter hat das BMBF im Oktober 2010 gemeinsam mit den Ländern das
Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) gegründet. Seitens des
Bundes werden jährlich 860 000 Euro bis zum Jahr 2016 für das ZIB
bereitgestellt. Weiter wurde in diesem Kontext vereinbart, dass der Bund jährlich
zusätzliche 1 Mio. Euro für die Förderung von Forschungsvorhaben in Ankopplung an
Bildungsvergleichsstudien (Large Scale Assessment – LSA) bereitstellt.
Im Bereich der frühkindlichen Bildung wurden seit 2009 rund 15 Mio. Euro für
die Förderung neuer Forschungsvorhaben, wie für die Weiterbildungsinitiative
Frühpädagogische Fachkräfte – WiFF –, zur Ausweitung der Initiative und für
Projekte zum Übergang vom Elementar- zum Primarbereich, zur Verfügung
gestellt. Seit 2009 wurden für Vorhaben der empirischen Ganztagsschulforschung
Fördermittel in Höhe von rund. 8 Mio. Euro bewilligt. Darüber hinaus wurde im
Jahr 2011 im Bereich der Hochschulforschung die Förderlinie
„Kompetenzmodellierung und -erfassung im Hochschulsektor“ gestartet mit einem Förder-
Drucksache 17/7776 – 6 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodevolumen von insgesamt rund 15 Mio. Euro und einer Laufzeit bis zum Jahr
2015.
9. Wie hat sich der Mittelabfluss im „Rahmenprogramm zur Förderung der
empirischen Bildungsforschung“ seit 2007 entwickelt, und wie viele der
bis 2012 geplanten 120 Mio. Euro für das Rahmenprogramm wurden
bereits verausgabt?
Seit 2007 sind im Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen
Bildungsforschung rund 120 Mio. Euro für die Jahre 2007 bis 2012 bewilligt worden,
davon sind bereits ca. 73 Prozent verausgabt worden (ca. 86 Mio. Euro).
Der Mittelabfluss stellt sich bislang wie folgt dar:
2007: 0,8 Mio. Euro
2008: 1,5 Mio. Euro
2009: 17,9 Mio. Euro
2010: 30,3 Mio. Euro.
10. Wie bewertet die Bundesregierung den bisherigen Verlauf der Arbeit des
Nationalen Bildungspanels?
Das Projekt verläuft bisher planmäßig. Die Bundesregierung geht von der
weiterhin positiven Entwicklung des Vorhabens aus. Mit dem Nationalen
Bildungspanel werden der Bildungsforschung in bislang einzigartiger Weise Daten
zur Kompetenzentwicklung und Qualifizierung im Lebenslauf zur Verfügung
gestellt. Die aus der wissenschaftlichen Analyse dieser Daten zu erwartenden
Erkenntnisse werden neben innovativen Impulsen für die empirische
Grundlagenforschung auch wichtige Informationen für (bildungs-)politische
Entscheidungen bereitstellen.
11. Geht die Bundesregierung weiterhin davon aus, dass im Herbst 2011 die
ersten Daten als Scientific-Use-File verfügbar gemacht werden können,
und in welcher Form wird die Verfügbarmachung erfolgen?
Die ersten Daten des Nationalen Bildungspanels wurden bereits im August 2011
in einer so genannten Beta-Version (Probeversion) für die wissenschaftliche
Nutzung bereitgestellt (Startkohorte 6 „Bildung im Erwachsenenalter und
lebenslanges Lernen“, repräsentative Längsschnittdaten von über 11 000
erwachsenen Personen für die Jahre 2009 und 2010). Bis Ende des Jahres 2011 wird,
nach Rückmeldungen zur Datenqualität, der finale Datensatz zur genannten
Kohorte vorliegen.
Durch die Kombination etablierter Datenzugangswege mit einem innovativen
Konzept des Fernzugriffs bietet das Nationale Bildungspanel drei Zugangswege
zu den Forschungsdaten, die unter Einhaltung strenger datenschutzrechtlicher
Vorgaben einen flexiblen Zugang auch zu sensiblen Forschungsdaten
gewährleisten:
● Die Herausgabe von Scientific Use Files, die über die NEPS-Website zum
Download bereitgestellt werden.
● Die Datennutzung über eine moderne Fernzugriffstechnologie (Remote-
NEPS).
● Den Datenzugriff im Rahmen von Gastaufenthalten vor Ort (On-site).
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 7 – Drucksache 17/7776Für die drei Datenzugangswege ist es erforderlich, Nutzungsverträge zu
unterzeichnen. Diese Vereinbarungen verpflichten die Antragsteller zu einem
sicheren und vertraulichen Umgang mit den Daten. Alle relevanten Informationen zur
Antragstellung sind auf dem NEPS Web-Portal verfügbar.
12. Welche anderen, kleineren Längsschnittstudien wurden und werden in die
Arbeit des Nationalen Bildungspanels integriert?
Durch Vernetzung insbesondere der am Nationalen Bildungspanel beteiligten
Forschungsinstitute ist gewährleistet, dass die in der (inter-)nationalen
Bildungsforschung vorhandenen Kompetenzen und Erfahrungen mit größeren und
kleineren Längsschnittstudien im NEPS gebündelt werden (so z. B. Verbundvorhaben:
„Persönlichkeits- und Lernentwicklung von Grundschulkindern“ – PERLE –,
„Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im
Vor- und Grundschulalter“ – BiKS –, „Kompetenzaufbau und Laufbahnen im
Schulsystem – eine Längsschnittuntersuchung an Grundschulen“ – Koala-S –,
„Bildungsaspirationen, Bezugsgruppen und Bildungsentscheidungen – sog.
Mannheimer Bildungspanel“ (MEPS), „Aspekte der Lernausgangslage und der
Lernentwicklung“ – LAU). Es besteht Anschlussfähigkeit und Kooperationen
mit weiteren Längsschnittstudien, wie beispielsweise zum Sozio-
oekonomischen Panel (SOEP).
13. Mit welchen Maßnahmen unterstützt die Bundesregierung die Nutzung der
Daten des Nationalen Bildungspanels in der Bildungsforschung?
Für das NEPS wird ein ausgebautes Supportangebot für unterschiedliche
Nutzergruppen gefördert. Zu diesem Angebot gehören neben den vielfältigen
Zugangswegen zu den Daten auch eine detaillierte Dokumentation (u. a. im
Onlineportal), einfach zu bedienende Such- und Aufbereitungshilfen sowie umfassende
Nutzerschulungen. Der Nutzerservice des NEPS bietet weiterhin Nutzersupport
durch E-Mail und Telefonhotline. Darüber hinaus fördert die Deutsche
Forschungsgemeinschaft mit einem Schwerpunktprogramm (DFG Priority
Programme 1646 „Education as a Lifelong Process“) im Zeitraum 2012 bis 2017 die
Auswertung der Daten (Scientific Use Files) in Höhe von 5,5 Mio. Euro.
14. Wie soll nach Ansicht der Bundesregierung der kontinuierliche Dialog
zwischen den am Nationalen Bildungspanel beteiligten Forscherinnen und
Forschern und den bildungspolitischen Entscheidungsträgerinnen und
Entscheidungsträgern strukturiert werden (vgl. Rede der Bundesministerin
für Bildung und Forschung Dr. Annette Schavan anlässlich des Starts des
Nationalen Bildungspanels am 3. und 4. Februar 2009 in Bamberg)?
Der kontinuierliche Dialog zwischen den am NEPS beteiligten Forscherinnen
und Forschern sowie den bildungspolitischen Entscheidungsträgerinnen und
-trägern wird insbesondere durch den administrativen Beirat des NEPS
gewährleistet, dem Vertreterinnen und Vertretern von Bund, Ländern, der Kommunen
sowie der Sozialpartner angehören.
15. Welche privaten Anbieter wurden im Rahmen des Bildungspanels in
welcher Auftragshöhe mit der Befragung von Teilnehmerinnen und
Teilnehmern beauftragt?
Private Auftragnehmer im Rahmen der Datenerhebungen im NEPS sind das IEA
Data Processing Centre, Hamburg, und das Infas Institut für angewandte Sozial-
Drucksache 17/7776 – 8 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodewissenschaft GmbH, Bonn. Die Höhe der Aufträge für die gesamte Laufzeit von
2009 bis 2013 beträgt insgesamt rund 40 Mio. Euro.
16. Welche Überlegungen zur langfristigen Sicherung des Nationalen
Bildungspanels hat die Bundesregierung bisher angestellt, und wann plant die
Bundesregierung, hierzu einen konkreten Vorschlag zu unterbreiten?
Zur langfristigen Sicherung des Nationalen Bildungspanels beabsichtigt der
Freistaat Bayern, dieses in Abstimmung mit dem Bund in ein Institut der
Leibniz-Gemeinschaft zu überführen. Das Verfahren zur Aufnahme wurde bereits
bei der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz eingeleitet.
17. Welche Rolle soll nach Auffassung der Bundesregierung die
Bildungsforschung im 8. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union
spielen, auch und gerade vor dem Hintergrund, dass diese Forschung keine
„Marktrelevanz“ besitzt?
Das 8. Forschungsrahmenprogramm (FP 8) soll im Zeitraum von 2014 bis 2020
in das EU-Programm für Forschung und Innovation überführt werden. Mit
seiner Hilfe sollen die Ziele der EU-Innovationsunion implementiert werden. In
den Stellungnahmen der Bundesregierung zum künftigen FP8, insbesondere im
zweiten Leitlinienpapier vom 17. Juni 2011, werden Themen vorgeschlagen, die
darauf abzielen, Europa zum Vorreiter bei der Bewältigung der globalen
Herausforderungen zu machen und gleichzeitig zukünftige Wertschöpfungspotenziale
und neue Märkte zu erschließen. Ein eigenständiger Bereich zur
Bildungsforschung wird hierbei nicht gefordert. Die Forderungen der Bundesregierung
umfassen aber Aktivitäten, in deren Rahmen auch Bildungsforschung gefördert
werden kann. Hierzu zählen das Marie-Curie-Programm (u. a. Förderung von
Individualstipendien für Postdoktorandinnen/Postdoktoranden), der
Europäischen Forschungsrat (Förderung exzellenter Wissenschaftlerinnen/
Wissenschaftlern) und der Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Forschung.
18. Wie bewertet die Bundesregierung die internationale Stellung der
bundesdeutschen Bildungsforschung?
Die bundesdeutsche Bildungsforschung hat ihre internationale Sichtbarkeit und
ihren internationalen Einfluss in jüngster Zeit deutlich ausbauen können.
Ergebnisse von Forschungsvorhaben deutscher Bildungsforscherinnen und -forscher
haben zunehmend Eingang in angesehene internationale Fachzeitschriften
gefunden. Zu dieser Entwicklung trägt insbesondere das Rahmenprogramm zur
Förderung der empirischen Bildungsforschung bei. So ist die angemessene
Berücksichtigung des internationalen Forschungsstands unabdingbare
Voraussetzung der Förderung entsprechender Forschungsvorhaben; überdies wird im
Zuge der Projektförderung der internationale Austausch und die Präsenz
deutscher Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher bei internationalen
Tagungen unterstützt.
Die auch im internationalen Vergleich hohe Stellung der deutschen
Bildungsforschung zeigt sich unter anderem in der Beteiligung deutscher
Bildungsforscherinnen und -forscher an internationalen Konsortien zur Durchführung von
Assessments, wie beispielsweise PISA (Programme for International Student
Assessment) und PIAAC (Programme for the International Assessment of Adult
Competencies). So wird ein wesentlicher Teil von PISA 2015 unter
Federführung deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beim Deutschen
Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) erarbeitet.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 9 – Drucksache 17/7776Das Nationale Bildungspanel nimmt mittlerweile international eine
Vorreiterrolle bezüglich der Untersuchung von Bildungsprozessen und der
Kompetenzentwicklung im Lebenslauf ein. Die am NEPS beteiligten Forscherinnen und
Forscher sind in eine Reihe internationaler Netzwerke eingebunden und gefragte
Experten auf internationalen Fachtagungen und Workshops. Die große Zahl
englischsprachiger Publikationen trägt zum hohen internationalen
Bekanntheitsgrad des NEPS bei. Der Projektleiter des NEPS, Herr Professor Hans-Peter
Blossfeld, wurde für seine herausragenden sozialwissenschaftlichen
Forschungsleistungen und seine zahlreichen Aktivitäten als Leiter bedeutsamer
europäisch vergleichender Forschungsprojekte unter anderem mit dem höchsten
Wissenschaftspreis der Europäischen Union, dem „European Research Council
(ERC) Advanced Grant“, ausgezeichnet.
Zur weiteren internationalen Profilierung der deutschen Bildungsforschung
wurde das ZIB gegründet. Am ZIB werden Vorhaben qualitativ hochwertiger
empirischer Bildungsforschung zusammengeführt und
Forschungsanstrengungen gebündelt. Mittelfristig ist somit eine noch bessere internationale
Positionierung der deutschen Bildungsforschung zu erwarten.
Auch die Ganztagsschulforschung, v. a. die „Studie zur Entwicklung von
Ganztagsschulen – StEG“, wird international stark beachtet. 2010 wurde das
internationale Netzwerk „NEO ER – Network on Extracurricular and Out-of-School
Time Educational Research“ mit Bildungsforscherinnen und -forschern aus den
USA, Großbritannien, Schweden, Schweiz, Japan und Südkorea gegründet
(
www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb03/institute/ifezw/prof/empi/Projekte/Projekte/
neo_er/view?set_language=en).
19. Welche Forschungsprojekte, die man der internationalen
Bildungsforschung zuordnen kann, hat die Bundesregierung in den letzten vier Jahren
unterstützt?
Die Bildungsforschung ist wie die gesamte Forschung und Wissenschaft in
Deutschland in zunehmendem Maße international ausgerichtet und verflochten.
Die Zielsetzungen und strategischen Grundsätze dieser systematischen und
offensiven Internationalisierung sind in der „Strategie der Bundesregierung zur
Internationalisierung von Wissenschaft und Forschung“ (2008) festgeschrieben,
die derzeit in einem „Rahmenprogramm Internationalisierung“ fortgeschrieben
und für das BMBF operationalisiert wird. Für einen Überblick über die
zahlreichen Forschungsvorhaben mit internationaler Beteiligung bzw. international
relevanter Fragestellung wird unter anderem auf die Projekte im
Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen Bildungsforschung (
www.empirische-
bildungsforschung-bmbf.de) sowie auf die Ganztagsschulforschung (www.
projekt-steg.de) verwiesen.
II. Forschungsthemen und -projekte
20. Plant die Bundesregierung die Vorlage eines
Forschungsförderungskonzeptes zur frühkindlichen Bildung, und falls ja, mit welcher
Aufgabenstellung, und falls nein, aus welchen Gründen nicht?
Mit dem Ziel, die Qualitätsentwicklung in der Praxis frühkindlicher Bildung zu
unterstützen und dafür empirisches Grundlagen- und Anwendungswissen
bereitzustellen, fördert die Bundesregierung empirische Forschungsmaßnahmen,
Projekte und Programme. So z. B. die Nationale Untersuchung zur Bildung,
Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (NUBBEK), die
Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF), die Offensive Frühe Chancen:
Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration und deren Evaluierung, die Beglei-
Drucksache 17/7776 – 10 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodetung von Kooperationen zwischen Kindertageseinrichtungen und Grundschulen
oder die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“.
Einen besonderen Schwerpunkt plant die Bundesregierung innerhalb des
Rahmenprogramms zur Förderung der empirischen Bildungsforschung im Bereich
der sprachlichen Bildung von Kindern im Alter bis 8 Jahren zu setzen. Darüber
hinaus wird die Bundesregierung eine Expertise für eine gemeinsame Initiative
von Bund und Ländern im Bereich der Sprachförderung, Sprachdiagnostik und
Leseförderung in Auftrag geben, die den Forschungs- und Handlungsbedarf
sowie die Machbarkeit für die Entwicklung und Gestaltung einer über den
Elementar-, Primar- und Sekundarbereich hinweg reichenden kohärenten
Sprachförderung aufzeigen soll.
21. Welche Forschungsprojekte zu den Anforderungen an Erzieherinnen und
Erzieher hat die Bundesregierung in den letzten vier Jahren unterstützt,
und welche Forschungsprojekte zu deren Ausbildung?
Exemplarisch wird hier verwiesen auf die bisherigen Forschungsergebnisse der
WiFF (
www.weiterbildungsinitiative.de), die in den vergangenen zwei Jahren
bereits eine große Anzahl von Expertisen, Studien und Wegweisern vorgelegt
hat, die sich mit Fragen der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Erzieherinnen
und Erziehern beschäftigen.
Darüber hinaus wird in diesem Zusammenhang auf Forschungen hingewiesen,
die die Weiterbildungsinitiative begleiten, sowie auf von der Bundesregierung
finanziell unterstützte Forschungsvorhaben im Rahmenprogramm zur Förderung
der empirischen Bildungsforschung (u. a. im Forschungsschwerpunkt
„Entwicklung von Professionalität des pädagogischen Personals“).
22. In welcher Höhe und mittels welcher Maßnahmen hat die Bundesregierung
in den letzten vier Jahren die Entwicklung von Konzepten zur
individuellen Förderung in der schulischen Bildung unterstützt?
Zur individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern in der Schule
bedarf es allgemein- und fachdidaktischer professioneller Kompetenzen der
Lehrerinnen und Lehrer sowie des weiteren pädagogischen Personals. Die
Bundesregierung unterstützt mit dem Rahmenprogramm zur Förderung der
empirischen Bildungsforschung zahlreiche Forschungsprojekte, die
Grundlagenwissen bereitstellen, das für die Entwicklung von Konzepten individueller
Förderung nutzbar ist: So werden in den Forschungsschwerpunkten
„Sprachdiagnostik/Sprachförderung“, „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“
sowie „Entwicklung von Professionalität des pädagogischen Personals“ eine
Reihe von Vorhaben gefördert, die Erkenntnisse auch für die Weiterentwicklung
von Konzepten individueller Förderung liefern.
Die bessere individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern ist überdies
eines der zentralen Ziele des Ganztagsschulprogramms. Die Ganztagsschulen
erhalten Unterstützung durch die regionalen Serviceagenturen in den Ländern
im Rahmen des Begleitprogramms „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“, das die
Bundesregierung mit jährlich 4,5 Mio. Euro unterstützt. Darüber hinaus wurden
in diesem Zusammenhang Forschungsprojekte zur Lern- und Unterrichtskultur
sowie zur individuellen Förderung von Kindern in schwierigen
Lebenssituationen in Ganztagsschulen in Höhe von knapp 1 Mio. Euro gefördert.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 11 – Drucksache 17/777623. Wie sollte aus Sicht der Bundesregierung verhindert werden, dass durch
eine zunehmende Zahl von Tests und Untersuchungen (PISA, IGLU,
TIMSS usw.) an Schulen vermehrt auf in Tests abgefragte Kompetenzen
abgestellt wird und damit das Spektrum einer umfassenden Bildung
beschränkt wird?
Bei den international vergleichenden Large Scale Assessments PISA, IGLU und
TIMSS, die alle drei, vier bzw. fünf Jahre an insgesamt rund 900 Schulen
durchgeführt werden (repräsentative Stichprobe), ist keine Ausweitung der Tests auf
alle Schulen vorgesehen. Die nationalen Erweiterungen zu PISA und IGLU
wurden seit 2009 durch die Überprüfung der Bildungsstandards durch die Länder
abgelöst. Insofern ist auch hier keine Zunahme der Anzahl der durchgeführten
Tests zu verzeichnen. Die genannten Untersuchungen erfassen wesentliche
Teilbereiche der Kompetenzvermittlung an Schulen. Sie ersetzen nicht den
allgemeinen Bildungsauftrag der Schulen.
24. Liegen dem Bund Erkenntnisse der empirischen Bildungsforschung vor,
welche Auswirkungen Untersuchungen wie PISA u. a. auf den schulischen
Alltag und das Spektrum des vermittelten Wissens haben, und falls ja,
welche?
Forschungsergebnisse liegen zu den Auswirkungen der ersten PISA-Studie auf
die Bildungspolitik vor (Tillmann, K.-J./Dedering, K./Kneuper, D./Kuhlmann,
C./Nessel, I. (2008): PISA als bildungspolitisches Ereignis. Fallstudien in vier
Bundesländern. Wiesbaden: VS). Danach hat PISA die Einführung von
Bildungsstandards, von zentralen Lernstandserhebungen sowie den Ausbau von
Ganztagsschulen bewirkt, aber auch neue Diskussionen um Schulstrukturen und
die Steuerung des Schulsystems angestoßen, und Bedeutungs-, Ressourcen- und
Erkenntnisgewinne für die Bildungsforschung erbracht.
Die u. a. durch PISA eingeleitete empirische Wende hat damit insbesondere zu
einer „Output-Orientierung“ bei der Schulbildung geführt, die durch die
Einigung der Länder auf verbindliche Bildungsstandards und
Kompetenzorientierung für spezifische Fächer auch Einfluss auf die Unterrichtsentwicklung haben.
Die Begleitforschung zu Large Scale Assessments wie PISA betrachtet unter je
spezifischen Fragestellungen auch Auswirkungen auf die
Unterrichtsentwicklung. Fragen des „Teaching to the Test“ und die Definition des
Kompetenzbegriffes sind beispielsweise Aspekte, die in Bildungsforschung und
Bildungspolitik untersucht und diskutiert werden. Der wissenschaftliche Diskurs hierzu
wird in einschlägigen Fachpublikationen veröffentlicht.
25. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Mehrbelastung
von Lehrerinnen und Lehrern durch die Einführung von Bildungsstandards
vor?
Über die in einschlägigen Fachpublikationen veröffentlichten Ergebnisse
hinaus, liegen der Bundesregierung keine spezifischen Erkenntnisse vor.
26. Sieht die Bundesregierung angesichts der hiermit einhergehenden
Überprüfung von Schülerleistungen auf die Unterrichtsqualität
Forschungsbedarf?
Das Instrument zur Überprüfung des Erreichens von Bildungsstandards ist nicht
auf die Beurteilung von Unterrichtsqualität ausgerichtet. Nach Erkenntnissen
der Bundesregierung beschäftigen sich jedoch die Institute für
Schulqualitätsentwicklung in den Ländern mit diesem Aspekt.
Drucksache 17/7776 – 12 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeAus Sicht der Bundesregierung besteht insbesondere Forschungsbedarf im
Hinblick auf die professionellen didaktischen und diagnostischen Kompetenzen der
Lehrkräfte, die handlungspraktischen Schlussfolgerungen aus
Leistungsüberprüfungen und geeignete Rückmeldungen an die Schülerinnen und Schüler, um
die Ergebnisse für die individuelle Förderung nutzen zu können.
Im Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen Bildungsforschung ist die
Frage nach den Effekten von flächendeckend eingesetzten Leistungstests auf die
Unterrichtsqualität im Zusammenhang mit der Untersuchung zur
outputorientierten Steuerung im Schulsystem Gegenstand mehrerer Vorhaben.
27. In welchem Entwicklungsstadium befindet sich das 2011 gegründete
„Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien“, und warum wurde
die Arbeit des Zentrums auf die PISA-Studien begrenzt?
Die Arbeit des ZIB ist nicht auf das nationale Projektmanagement für die
Durchführung von PISA begrenzt. Zu seinen Aufgaben gehören laut Satzung auch die
Sicherstellung und Koordinierung der kontinuierlichen Mitarbeit in
internationalen wissenschaftlichen Gremien zu internationalen Bildungsvergleichsstudien
sowie Forschung und Nachwuchsförderung im Bereich Educational Measurement.
Vom ZIB werden hierfür an den drei beteiligten Einrichtungen (Technische
Universität München, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung –
DIPF –, Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und
Mathematik – IPN) je eine Stiftungsprofessur finanziert sowie ein Forschungsbudget
bereitgestellt. Das ZIB hat seine Arbeit im Oktober 2010 aufgenommen; die
Besetzung aller drei Stiftungsprofessuren wird Anfang 2012 abgeschlossen sein.
28. Welche Forschungsergebnisse zum Verhältnis der Größe von Schulklassen
und der Qualität des Unterrichts bzw. des Lernerfolgs sind der
Bundesregierung bekannt, und welche Schlussfolgerungen hat sie bisher aus
diesem Wissensstand gezogen?
Die der Bundesregierung bekannten Forschungsergebnisse belegen im
Allgemeinen nur einen schwachen Zusammenhang zwischen Klassengröße und
Schülerleistungen (vgl. OECD (Hrsg.): Bildung auf einen Blick 2011, S. 488).
Dagegen hat die Unterrichtsqualität einen signifikanten Einfluss auf die
Schülerleistungen. Daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, fällt in den
Zuständigkeitsbereich der Länder.
29. Welche Forschungsergebnisse sind der Bundesregierung zur Auswirkung
des Geschlechts der Lehrenden in der Schule, an Fachhochschulen und
Hochschulen auf die Lernenden und auf deren Lernerfolge bekannt?
30. Welche Forschungsergebnisse sind der Bundesregierung zur Auswirkung
des Geschlechts von Erzieherinnen und Erziehern in
Kindertageseinrichtungen auf Kinder und deren weitere Entwicklung bekannt?
31. Welche Forschungsergebnisse sind der Bundesregierung hinsichtlich der
Berücksichtigung von Gender Mainstreaming in Kindertageseinrichtungen
sowie in der Ausbildung zum Erzieher bzw. zur Erzieherin bekannt?
Die Fragen 29 bis 31 werden wegen ihres Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Der Bundesregierung sind zahlreiche in einschlägigen Fachpublikationen
veröffentlichte Ergebnisse bekannt. Die im Rahmen einer kleinen Anfrage zur Ver-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 13 – Drucksache 17/7776fügung stehende Bearbeitungszeit bietet nicht die Möglichkeit, diese in
komprimierter und reflektierter Form wiederzugeben.
Exemplarisch werden einige Hinweise auf einschlägige Forschungsprojekte
gegeben:
In der „Tandem-Studie“ zu männlichem und weiblichem Personal in
Kindertagesstätten geht die Evangelische Hochschule Dresden der Frage nach, ob und
wie sich Erzieherinnen und Erzieher in der konkreten pädagogischen Praxis von
Kindertageseinrichtungen unterscheiden. Das Besondere an dem Vorhaben
besteht darin, dass Tandems von Erziehern und Erzieherinnen in gemeinsamen
Gruppen in Kindertageseinrichtungen auf ihr konkretes pädagogisches
Interaktionsverhalten gegenüber einzelnen Kindern per Video beobachtet werden. Es
handelt sich um eine innovative, weltweit erstmalig durchgeführte Analyse, die
sich am praktischen Handeln orientiert. Die Ergebnisse werden 2013 vorliegen.
Darüber hinaus werden auch an den Universitäten Innsbruck (Österreich) und
St. Gallen (Schweiz) aktuell Forschungsprojekte durchgeführt, mit denen
untersucht wird, ob sich männliche Erzieher in der Praxis Kindern gegenüber anders
verhalten als Frauen. Die Projekte sind noch nicht abgeschlossen, Ergebnisse
liegen deshalb noch nicht vor. Erwähnt sei hier beispielsweise das Schweizer
Forschungsprojekt „Puppenstuben, Bauecken und Waldtage: Gender in
Kinderkrippen“, das hauptverantwortlich von Prof. Julia Nentwich, Lehrstuhl für
Organisationspsychologie, Universität St. Gallen geleitet wird und insbesondere
der Frage nachgeht, wie Kinder in Kinderkrippen lernen, ein Junge oder ein
Mädchen zu sein, und klären wird, ob Männer als Erziehende andere Impulse in
die Arbeit einbringen als Frauen.
Hingewiesen wird auch auf das Projekt Gender Loops, das im Zeitraum von
2006 bis 2008 in Deutschland, Litauen, Norwegen, Spanien und der Türkei
Gender Mainstreaming Strategien für die Aus- und Fortbildung für Erzieher/-innen
und für Kindertageseinrichtungen entwickelt hat. Eine in der ersten
Arbeitsphase durchgeführte Umfrage an Fachschulen zeigt, dass in vielen Fachschulen
geschlechterreflektierende Unterrichtsangebote in die Ausbildung integriert
sind. Dennoch werden in den meisten Fachschulen diese Themen nur auf
Initiative einzelner Lehrer/-innen gefördert und als so genannte Wahlpflichtfächer
angeboten. Das heißt, nur wenige Studierende verfügen am Ende ihrer Ausbildung
über das theoretische und praktische Wissen zur Umsetzung einer
geschlechterbewussten Pädagogik bzw. einer Gender Mainstreaming Strategie in Kitas. Die
während des Projekts in der Erzieherausbildung und in Kitas erprobten
Unterrichtsmodule, Projekte, Instrumente und Methoden zur Umsetzung von Gender
Mainstreaming Strategien sind in die Erarbeitung zweier Publikationen (Gender
Loops Curriculum und Gender Loops Praxisbuch) eingeflossen. Die Neuauflage
des Gender Loops Praxisbuches wurde 2011 vom Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert.
Des Weiteren gab es in den letzten Jahren verschiedene Praxis- und kleinere
(Aktions)Forschungsprojekte zu Gender-Themen in der Kita, wie
beispielsweise das Praxisprojekt „Gender Mainstreaming – ein Thema für die
Kindertagesstätte. Ein Projekt des Regiebetriebs Kindertagesstätten und der
Gleichstellungsstelle“ siehe:
www.vernetzungsstelle.de/index.cfm?uuid=2690CD96C
2975CC8A3163D8B29097E81&and_uuid=26C707ABC2975CC8AFF3E2D5
8830DB58 oder das Projekt „Gender Perspektiven – Geschlechterbewusste
Pädagogik in der Kita“, das von Tim Rohrmann geleitet wurde (siehe:
www.wechselspiel-online.de/literatur/Texte_TR/Rohrmann%20
Genderperspektiven%20Hannover%20Endfassung.pdf
Weitere Gender-Projekte werden von Tim Rohrmann in der Expertise „Gender
in Kindertageseinrichtungen – Ein Überblick über den Forschungsstand“ auf
Drucksache 17/7776 – 14 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodeden Seiten S. 92 ff beschrieben (siehe:
www.dji.de/bibs/Tim_Rohrmann_
Gender_in_Kindertageseinrichtungen.pdf).
32. Welche Forschungsprojekte mit Bezügen zu Schülerinnen und Schülern
mit sonderpädagogischem Förderbedarf hat die Bundesregierung in den
letzten vier Jahren gefördert?
33. Wie bewertet die Bundesregierung den Stand der Forschungsergebnisse zu
Möglichkeiten der Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit
sonderpädagogischem Förderbedarf in das deutsche Bildungssystem?
34. Welche Forschungsprojekte hat die Bundesregierung hierzu initiiert bzw.
beabsichtigt sie zu initiieren?
35. Welche Forschungsprojekte hat die Bundesregierung in den letzten vier
Jahren bezüglich sonderpädagogischer Diagnostik gefördert?
Die Fragen 32 bis 35 werden wegen ihres Zusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Die Forschungsschwerpunkte des Rahmenprogramms zur Förderung der
empirische Bildungsforschung sowie weitere Projekte etwa in den Bereichen
„Ganztagsschulforschung“, der WiFF und „Medien in der Bildung“ enthalten einen
spezifischen Fokus auf die Teilhabe von Schülerinnen und Schüler mit
sonderpädagogischem Förderbedarf. Speziell das Bildungspanel und die
Förderrichtlinie „Chancengerechtigkeit und Teilhabe“ weisen Erhebungsmodule bzw.
Projekte zu Fragen der Teilhabe von Schülerinnen und Schülern mit besonderem
Förderungsbedarf auf.
Das Stichprobendesign des Nationalen Bildungspanels umfasst bereits in der
ersten Förderphase (2009 bis 2013) für ausgewählte Klassenstufen ausreichend
große, repräsentative Stichproben von Schülerinnen und Schülern an
Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Geprüft wird die Möglichkeit der
Aufnahme von Förderschulen mit zusätzlichen Förderschwerpunkten. Um die
aktuelle Entwicklung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention
begleiten zu können, werden in den schulischen Kohorten die Eltern,
Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer sowie Schulleiterinnen und Schulleiter aller
Schularten zum gemeinsamen Unterricht befragt. Untersucht wird u. a., ob und
in welcher Weise integriert beschulte Schülerinnen und Schüler mit
sonderpädagogischem Förderbedarf als eigene Zielgruppe im Rahmen des NEPS
berücksichtigt werden könnten, um zu einem späteren Zeitpunkt auch einen Vergleich
zwischen Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Förderschulen
und an allgemeinen Schulen zu ermöglichen. Das Nationale Bildungspanel
bietet mit den genannten Aspekten erstmals die Möglichkeit, Bildungsverläufe von
Kindern mit diagnostiziertem sonderpädagogischen Förderbedarf im
Längsschnitt zu verfolgen und statistisch repräsentative sowie überregionale Aussagen
über die Lebens- und Bildungsverläufe dieser Gruppe machen zu können.
Zudem unterstützte die Bundesregierung in den letzen vier Jahren auf
regelmäßiger Basis die „Europäische Agentur für Entwicklungen in der
sonderpädagogischen Förderung“ (EA) der Europäischen Union durch aktive Mitarbeit und
finanzielle Förderung. Die Europäische Agentur unterstützte und initiierte eine
Vielzahl von Projekten, die in europäisch-vergleichender Perspektive Fragen der
sonderpädagogischen Förderung in separierenden und inklusiven
Bildungssituationen bearbeiten. Beispielhaft seien aus diesem Zusammenhang folgende
Veröffentlichungen genannt:
● „Entwicklung eines Satzes von Indikatoren – für die inklusive Bildung in
Europa“, Kyriazopoulou, Weber (Hrsg.), EA, 2009.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 15 – Drucksache 17/7776● „Grundprinzipien zur Förderung der Qualität in der inklusiven Bildung.
Empfehlungen für Bildungs- und Sozialpolitiker/innen“, EA, 2009.
● „Multikulturelle Vielfalt und sonderpädagogische Förderung“, EA, 2009.
Die nationale und internationale Forschung zu den Möglichkeiten der Inklusion
von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf
beziehungsweise mit besonderem Bedarf an Förderung liefert vielfältige Evidenzen,
die zeigen, dass ein inklusiver Unterricht sehr erfolgreich sein und allen
Schülerinnen und Schülern zugutekommen kann. Das Gelingen von Inklusion ist von
vielfältigen Einflussfaktoren abhängig. Diese Einflussfaktoren sind noch nicht
für jede Form der Beeinträchtigung, für jede Schulform und für die
verschiedenen Unterrichtsformen in erschöpfender Weise wissenschaftlich untersucht
worden.
Vom ZIB wird die Qualität der Kompetenzmessung und Befragung von
Schülerinnen und Schülern mit besonderem Förderbedarf in den Blick genommen, was
zur Vorbereitung einer ergänzenden Studie im Rahmen von PISA 2012 führte.
Hierdurch können 2012 erstmals auch die Kompetenzen der besonders
schwachen Schülerinnen und Schüler differenzierter beschrieben werden.
36. Plant die Bundesregierung nach 2011 eine Fortführung der
wissenschaftlichen Begleitforschung zum Ganztagsschulprogramm, und falls nein,
warum nicht?
Die Bundesregierung wird die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen –
StEG“ des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung, des
Deutschen Jugendinstituts, des Instituts für Schulentwicklungsforschung und
der Justus-Liebig-Universität Gießen von 2012 bis 2015 mit dem Schwerpunkt
der Qualität und Wirkungen von Ganztagsangeboten fortführen.
37. Welche Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Architektur, Gestaltung
und Ausstattung der Schul- und Klassenräume auf die Qualität des
Unterrichts und die Lernergebnisse sowie auf die Leistungsfähigkeit der
Schülerinnen und Schüler liegen der Bundesregierung vor?
38. Wie sollen diese Erfahrungen in der Bildungsforschung bzw. in der
Forschung zur Bauökologie vertieft werden?
39. Auf welche Weise sollen die positiven Erfahrungen und Erkenntnisse,
die zum Beispiel in den USA mit der Baupädagogik belegt sind, in
Deutschland aufgenommen werden?
Die Fragen 37 bis 39 werden wegen ihres Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
In der Forschung wird Bauen nicht nur als ein technischer, sondern auch als ein
sozialer Prozess betrachtet. Schulische Räume beeinflussen das Lernverhalten
und die sozialen Interaktionen. Daher gilt der schulische Raum neben den
Gleichaltrigen und den Erwachsenen als der „dritte Lehrer“. In dieser
Perspektive widmet sich auch zunehmend die Schul- und Bildungsforschung den
Wirkungen pädagogischer Räume. Sie unterscheidet dabei zwischen den Absichten,
die mit der Gestaltung von pädagogischen Räumen verbunden sind, und
nichtintendierten Wirkungen und Effekten. Darüber hinaus gibt es aus dem Bereich der
Architekturpsychologie Forschungsergebnisse auch im deutschsprachigen
Raum (vgl. Rotraud Walden wie auch Christian Rittelmeyer), die auf die
positiven und negativen Effekte der Wirkungen von Räumen und Raumgestaltungen
auf die Lernergebnisse von Kindern und Jugendlichen verweisen. Ferner sei an
Drucksache 17/7776 – 16 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodedieser Stelle exemplarisch auch auf die Aktivitäten des Fraunhofer Instituts für
Bauphysik hingewiesen, welches am 22./23. November 2011 den Kongress
„Zukunftsraum Schule“ veranstaltet.
Mit der Initiative „Architektur macht Schule“ unterbreiten die
Architektenkammern der Länder und die Bundesarchitektenkammer ein breites Spektrum von
Bildungs- und Fortbildungsangeboten für Lehrkräfte und Schüler zur
lerngerechten Ausgestaltung von Schulen. Im Rahmen von Kooperationsverträgen mit
den Landesregierungen bringen sich die Architektenkammern auch in die
pädagogisch-bauliche Gestaltung von Ganztagsschulen ein. Sowohl im Rahmen des
Investitionsprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) als auch im
Rahmen des Konjunkturprogramms II von Bund und Ländern, in dem 8,6 Mrd.
Euro für die energieeffiziente Sanierung von Bildungseinrichtungen
bereitgestellt wurden, wurden die Mittel auch für die Umsetzung innovativer
pädagogischer Konzepte und die Schaffung förderlicher Lehr- und Lernbedingungen
beim Um- und Ausbau von Schulen genutzt. Das Begleitprojekt zum
Forschungsvorhaben „Energieeffiziente Schule (EnEff:Schule)“, das vom
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie im Rahmen des Förderkonzeptes
„Energieoptimiertes Bauen (EnOB)“ gefördert wird, hat zum Ziel, sämtliche
Aktivitäten auf dem Gebiet der energieeffizienten Schulsanierung
zusammenzuführen und darzustellen.
Positive Erfahrungen aus den USA oder Schweden, die dabei aufgenommen
werden, sind insbesondere Formen des „partizipativen Bauens“, bei dem
bauliche Lösungen gemeinsam mit den Lernenden und Lehrenden entwickelt
werden. Mittlerweile gibt es auch im deutschsprachigen Raum vielfältige positive
Erfahrungen wie unter anderem Schulbauten von Peter Hübner oder Susanne
Hofmann (Baupiloten) belegen. Dahinter steht ein Raumverständnis, nach dem
sich Kinder und Jugendliche Räume selbstständig „aneignen“ und aufgrund
ihrer partizipativen Möglichkeiten zugleich erweiterte Verantwortung
übernehmen. Über gelungene Beispiele berichtet u. a. der Internetauftritt www.
ganztagsschulen.org. Die Bundesregierung befindet sich mit den einschlägigen
Institutionen in engem fachlichem Austausch.
40. Wie würde die Bundesregierung den aktuellen Stand des
wissenschaftlichen Wissens zur Abhängigkeit des Bildungserfolges vom sozialen Status
beschreiben, und welche Maßnahmen hat die Bundesregierung seit 2009
in die Wege geleitet, um dieses Problem abzumildern?
Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in
Deutschland wurde durch Untersuchungen wie PISA, IGLU und TIMSS auch im
internationalen Vergleich vielfach belegt. Bund und Länder haben darauf mit der
gemeinsamen Qualifizierungsinitiative für Deutschland „Aufstieg durch Bildung“
reagiert.
Das BMBF hat seit 2009 zudem zur Unterstützung von Kindern aus
bildungsfernen Elternhäusern beispielsweise die Allianz für Bildung ins Leben gerufen,
das Programm „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“ gestartet und den
Schwerpunkt „Forschungsinitiative Sprachdiagnostik und Sprachförderung“
(FiSS) im Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen Bildungsforschung
eingerichtet. Innerhalb des Rahmenprogramms zur Förderung der empirischen
Bildungsforschung wurde in 2011 der Forschungsschwerpunkt
„Chancengerechtigkeit und Teilhabe. Sozialer Wandel und Strategien der Förderung“
gestartet. Ziel des interdisziplinären Forschungsschwerpunkts ist die vertiefende
Untersuchung der Erscheinungsformen und Ursachen ungleicher
Bildungsteilhabe vor dem Hintergrund des sozialen und demographischen Wandels unter
Einschluss formaler und non-formaler Bildungsprozesse. Dabei steht unter
Berücksichtigung internationaler Erfahrungen und Forschungsergebnisse insbe-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 17 – Drucksache 17/7776sondere die Wirkungsweise von Maßnahmen, Programmen und
Förderstrategien zur Verringerung riskanter Bildungsverläufe im Blickpunkt. Schwerpunkte
der Forschung sind die Bildungsmobilität von Kindern und Jugendlichen mit
Migrationshintergrund sowie die Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit
sonderpädagogischem Förderbedarf einschließlich des Übergangs von der
Schule in die Ausbildung. Dafür stellt das BMBF insgesamt 10 Mio. Euro zur
Verfügung.
Die Verbesserung der Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen ist
darüber hinaus seit 2005 Bestandteil der Forschungen zu Ganztagsschulen, darunter
der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen – StEG“.
Mit der Initiative JUGEND STÄRKEN und seinen vier Programmen
„Schulverweigerung – Die 2. Chance“, „Kompetenzagenturen“,
„Jugendmigrationsdiensten“ und „Aktiv in der Region“ unterstützt die Bundesregierung bundesweit an
rund 800 Standorten junge Menschen mit schlechteren Startchancen im
Bildungsbereich durch individuelle Begleitung in der Schule und am Übergang von
der Schule in den Beruf. Pro Jahr stehen hierfür im Durchschnitt aus Bundes-
und ESF-Mitteln (ESF: Europäischer Sozialfonds) rund 84 Mio. Euro zur
Verfügung.
41. Welche Projekte der vom Bund geförderten Bildungsforschung befassen
sich mit Möglichkeiten zur Verbesserung der Bildungschancen von
Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund?
Leistungsmerkmale von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
werden im Rahmen der empirischen Bildungsforschung seit 2006 durchgängig
in den Berichten „Bildung in Deutschland“ im Berufsbildungsbericht, in den
Bewerberbefragungen des BIBB und den Lageberichten der Beauftragten der
Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration dokumentiert.
Erwerb, Feststellung und Förderung von Kompetenzen in der deutschen Sprache
bei Kindern ohne und mit Migrationshintergrund stehen im Fokus der
„Forschungsinitiative Sprachdiagnostik und Sprachförderung (FiSS)“ im Kontext
des Rahmenprogramms zur Förderung der Empirischen Bildungsforschung.
Im Rahmen der Forschung zu Ganztagsschulen haben neben der „Studie zur
Entwicklung von Ganztagsschulen – StEG“ mehrere Forschungsprojekte die
Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund als
Schwerpunkt: „Ganztagsorganisation im Grundschulbereich: Welche
Unterstützungsleistung bieten Ganztagsangebote für Kinder nichtdeutscher
Herkunftssprache und für Kinder aus bildungsfernen Schichten?“ (FU Berlin/Universität
Potsdam, Leitung: Prof. Hans Merkens), „Ganztagsschulbesuch und
Integrationsprozesse bei Migranten“ (Julius-Maximilians-Universität Würzburg/
Universität Hamburg, Leitung: Prof. Dr. Heinz Reinders, Prof. Dr. Ingrid Gogolin) und
„Potenziale der Ganztagsförderschule (Schwerpunkt Lernen) zur Optimierung
der Relation zwischen Familie und Schule unter besonderer Berücksichtigung
positiver Beeinflussungsmöglichkeiten elterlicher Erziehungskompetenzen zur
Unterstützung schulischen Lernens“ (Leibniz Universität Hannover, Leitung:
Prof. Dr. Rolf Werning, PD Dr. Michael Urban, Kapriel Meser).
Hingewiesen wird in diesem Zusammenhang unter anderem auch auf das
Verbundvorhaben „Integration hochqualifizierter Migrantinnen auf dem deutschen
Arbeitsmarkt“ der Humboldt-Universität zu Berlin, der TU Hamburg-Harburg
und der RWTH Aachen sowie das Vorhaben der FH Bielefeld „Migrantinnen in
Führungspositionen: Erfolgsfaktoren auf dem Weg an die Spitze“.
Das Nationale Bildungspanel, das die Bildungsprozesse und die
Kompetenzentwicklung der Menschen im Lebensverlauf untersucht, richtet einen besonderen
Drucksache 17/7776 – 18 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeBlick auf die Bildungsprozesse von Personen mit Migrationshintergrund. Das
Thema „Bildungserwerb von Personen mit Migrationshintergrund im
Lebenslauf“ ist eine von fünf „Säulen“ des NEPS. Erwartet werden detaillierte
Kenntnisse und Informationen über die Zusammenhänge und Interdependenzen von
Bildungserwerb und Migration, so zum Beispiel hinsichtlich der Bedingungen
und den Möglichkeiten der Förderung des schulischen Erfolgs von Kindern und
Jugendlichen mit Migrationshintergrund, zu ethnischen, sozialen und
geschlechterbezogenen Disparitäten im schulischen Erfolg sowie zur Förderung des
Zweitspracherwerbs und der Lesekompetenz.
Im Rahmen des Forschungsschwerpunkts „Chancengerechtigkeit und Teilhabe“
werden in einer Reihe von Forschungsvorhaben die Bildungschancen von
Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus unterschiedlichen
Perspektiven untersucht. Beispielhaft seien die folgenden Vorhaben genannt:
„Wirksamkeit von Bildungs- und Interventionsprogrammen zur Prävention und
Kompensation von Armuts- und Migrationsfolgen“ (Universität Jena, Leitung
Prof. Dr. Andreas Beelmann), „Warum sind unterschiedliche Herkunftsgruppen
unterschiedlich bildungserfolgreich? Zum Zusammenspiel zwischen sozialem
und kulturellem Kapital im Bildungsverhalten von Migrantenfamilien“
(Universität Chemnitz/Universität Hamburg, Leitung Prof. Dr. Bernhard Nauck) sowie
„Die Rolle schulbezogener sozialer Netzwerke für Abiturleistung und
Berufswahl einer sozial und ethnisch heterogenen Schülerschaft“ (Universität Bremen,
Leitung Prof. Dr. Dirk Fornahl).
42. Mittels welcher Maßnahmen unterstützt die Bundesregierung
Forschungsprojekte zum Übergang zwischen Bildungseinrichtungen (Kindergarten,
Schule, Universität, Weiterbildung)?
Fragen des Übergangs zwischen Bildungsetappen und -systemen sind
Bestandteil des Nationalen Bildungspanels, das Längsschnittdaten u. a. zu
Bildungsentscheidungen über die gesamte Lebensspanne erhebt. Dabei nimmt das NEPS die
Gesamtheit des deutschen Bildungswesens in den Blick.
Gezielt fördert das BMBF darüber hinaus Bildungsforschungsprojekte zur
„Kooperation von Elementar- und Primarbereich“ und damit zur besseren
Gestaltung des Übergangs von der Kindertageseinrichtung zur Grundschule. In
insgesamt 18 Projekten in ganz Deutschland wird im Projekt „Bildungshaus
3-10“ der Übergang zwischen zwei institutionalisierten Bildungsbereichen in
den Blick genommen.
Überdies wird die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen – StEG“ des
Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung, des Deutschen
Jugendinstituts, des Instituts für Schulentwicklungsforschung und der Justus-
Liebig-Universität Gießen von 2012 bis 2015 verstärkt Wirkungen der
Teilnahme an Ganztagsangeboten auf die Übergänge von der Grundschule in die
weiterführenden Schulen sowie den Übergang von der Schule in die Ausbildung
untersuchen.
Weiterhin werden Fragen des Übergangs – etwa zwischen Schule und
Hochschule sowie zwischen Schule und beruflicher Ausbildung – in einigen
Promotionsprojekten (Nachwuchsförderprogramm) im Rahmenprogramm zur
Förderung der empirischen Bildungsforschung untersucht. Im
Forschungsschwerpunkt „Sprachdiagnostik/Sprachförderung“ werden in längsschnittlich
angelegten Forschungsvorhaben Fragen sprachlicher Bildung am Übergang von der
Kita in die Schule und am Übergang vom Primar- in den Sekundarbereich des
Schulwesens untersucht.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 19 – Drucksache 17/777643. Welche Forschungsprojekte aus dem Themenfeld der politischen Bildung
werden durch den Bund im Rahmen der Bildungsforschung unterstützt?
Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) hat in Zusammenarbeit mit
dem Institut „Sinus Markt- und Sozialforschung“ mehrere qualitative
Forschungsprojekte zu politischen Bildungsangeboten für bildungsferne
Jugendliche durchgeführt. Derzeit beteiligt sich die BpB an einem weiteren Projekt zur
Untersuchung jugendlicher Lebenswelten u. a. zu Politikverständnis- und -
wahrnehmung, politische Interessen und Engagementbereitschaft in unterschiedlichen
Jugendmilieus. Die Ergebnisse dieser Studie werden Anfang 2012 vorliegen.
44. Welche deutschen Forschungsprojekte aus den letzten vier Jahren sind der
Bundesregierung bekannt, die sich mit Maßnahmen zur Bekämpfung des
politischen Extremismus im Rahmen der Bildungsförderung befasst haben,
und sieht die Bundesregierung hier einen verstärkten Förderbedarf?
Die Bundesregierung hat im Rahmen ihrer Programme zur
Extremismusprävention die „Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und
Fremdenfeindlichkeit“ beim Deutschen Jugendinstitut eingerichtet und gefördert. Diese hat in
den letzten Jahren Formen außerschulischer Bildungsarbeit in folgenden
Themenschwerpunkten erforscht: Pädagogisch-bildnerische Prozesse
a) zu Rechtsextremismus in der Auseinandersetzung der Jugendarbeit mit
rechtsextrem orientierten Jugendlichen,
b) zu interkulturellem Lernen als Prävention von Fremdenfeindlichkeit als dem
zentralen Syndrom von Rechtsextremismus,
c) zu Fremdenfeindlichkeit als Facette von Rechtsextremismus in der
frühkindlichen Prävention,
d) in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit
u. a. in der sozialpädagogischen Arbeit mit Fußballfans,
e) in der Auseinandersetzung mit rechtsextremer Musik.
In Rahmen des Präventionsprogramms „Initiative Demokratie stärken“, das im
präventiv-pädagogischen und bildungsorientierten Bereich ansetzt, ist geplant,
qualitative Forschungsvorhaben zu fördern, die die Ursachen von
Linksextremismus und islamistischen Extremismus bei Jugendlichen und jungen
Menschen in Deutschland untersuchen. Die Bundesregierung sieht hier einen
verstärkten Förderbedarf.
45. Mit welchen Maßnahmen und im Rahmen welcher Projekte wird die
Nutzung neuer Medien in der Bildung durch Forschungsprojekte begleitet
bzw. befördert?
46. Welche in den letzten vier Jahren vom Bund geförderten Projekte der
Bildungsforschung lassen sich dem Themenkomplex eLearning/distant
learning zuordnen?
Die Fragen 45 und 46 werden wegen ihres Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Das BMBF fördert innerhalb der bildungspolitischen Zuständigkeiten im
Bereich der Nutzung digitaler Medien in der Bildung (eLearning/distance learning)
unter anderem Entwicklungs- und Erprobungsprojekte mit Forschungsanteilen.
Im Rahmen der Fördermaßnahmen
● Entwicklung und Einsatz digitaler Medien in der beruflichen Qualifizierung,
Drucksache 17/7776 – 20 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode● Weiterentwicklung und Einsatz von Web 2.0 Technologien in der beruflichen
Qualifizierung,
● Entwicklung und Einsatz von mobil nutzbaren Technologien, digitalen
Medien und Diensten in der beruflichen Qualifizierung
werden derzeit ca. 50 Verbundvorhaben in einem Umfang von jährlich 16 Mio.
Euro aus nationalen Mitteln und dem ESF gefördert. Ziel ist es, mit diesen
praxisorientierten Vorhaben neue, kreative Formen von Arbeits-,
Qualifizierungs- und Kommunikationsprozessen mit digitalen Medien in der beruflichen
Bildung anzuregen.
47. Welche Forschungsprojekte zum Einsatz von digitalen Medien im
Unterricht hat die Bundesregierung in den letzten vier Jahren gefördert bzw.
plant sie zukünftig zu fördern?
Nach der Kompetenzverteilung des Grundgesetzes liegt die Zuständigkeit für
das Schulwesen seit jeher bei den Ländern. Die Föderalismusreform I von 2006,
deren Ziel es war, die föderale Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern
zu entflechten und transparenter zu machen, hat daran nichts geändert.
Schulrelevante Fragestellungen wie auch der Einsatz von digitalen Medien im
Unterricht liegen somit in der Zuständigkeit der Länder, Schulträger und Kommunen.
48. Welche Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung aus den jüngsten
Ergebnissen der Bildungsforschung gezogen, die einen massiven
Handlungsbedarf in den Bereichen Alphabetisierung und Grundbildung konstatiert
haben?
Die Bundesregierung hat, gemeinsam mit den Ländern, zu einem nationalen
Grundbildungspakt aufgerufen und alle relevanten Akteure aus Politik,
Wirtschaft und Gesellschaft dazu eingeladen, um die Zahl der funktionalen
Analphabetinnen und Analphabeten und von unzureichender Grundbildung Betroffenen
nachhaltig zu reduzieren. Die von Bund und Ländern angestrebte nationale
Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung bezieht Unternehmensverbände,
Gewerkschaften, Kammern, Volkshochschulverbände, die Kirchen und andere
Akteure ein. Als Beitrag der Bundesregierung ist ein neuer Förderschwerpunkt
mit einem Fördervolumen von mehr als 20 Mio. Euro bis 2014 in Vorbereitung,
um die Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierungs- und
Grundbildungsarbeit für Erwachsene – insbesondere bezogen auf arbeitsplatzbezogene
Kompetenzen und Beschäftigungsfähigkeit – weiter voranzutreiben.
49. In welcher Höhe hat die Bundesregierung in den letzten vier Jahren die
Alphabetisierungsforschung und in welcher Höhe die Forschung im
Bereich der Grundbildung gefördert?
Für den Förderschwerpunkt „Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung
und Grundbildung Erwachsener“ hat die Bundesregierung in den letzten vier
Jahren rund 35 Mio Euro zur Verfügung gestellt. In 24 Verbünden wurden über
100 Einzelprojekte gefördert.
Darüber hinaus hat das BMBF in drei Projekten die Entwicklung und den
Ausbau des heutigen Lernportals
www.ich-will-lernen.de bis Mai 2011 mit einer
Fördersumme von insgesamt 6 Mio. Euro gefördert. Zuwendungsempfänger
war der Deutsche Volkshochschul-Verband e. V.
Des Weiteren ist mit der Entwicklung eines Lernportals „
www.ich-will-deutsch-
lernen.de“ zur Förderung der sprachlichen, beruflichen und gesellschaftlichen
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 21 – Drucksache 17/7776Integration Zugewanderter durch den Deutschen Volkshochschulverband
begonnen worden. Das BMBF fördert diesen Aufbau mit 2 Mio. Euro – Zeitraum:
1. Oktober 2010 bis 30. September 2013.
Für die vom BMBF geförderte leo. – Level-One Studie, die erstmals valide
Zahlen zur Größenordnung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland
geliefert hat, werden rd. 1,3 Mio. Euro aufgewandt.
Als weiteren Beitrag zur Weltalphabetisierungsdekade hat das BMBF zwischen
2003 und 2010 jährliche Fachtagungen „Alphabetisierung und Grundbildung in
Deutschland“ des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung mit
insgesamt 660 000 Euro finanziell gefördert.
Eine Differenzierung zwischen Alphabetisierung und Grundbildung hinsichtlich
der aufgewandten Mittel lässt sich nicht vornehmen, da die Förderung i. d. R.
nicht zwischen den Bereichen differenziert, sondern vielfältige
Überschneidungen bestehen.
50. Welche Fördermaßnahmen plant das Bundesministerium für Bildung und
Forschung im Anschluss an den von 2008 bis 2012 laufenden
Förderschwerpunkt „Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im Bereich
Alphabetisierung/Grundbildung für Erwachsene“?
Das BMBF wird die Forschungs- und Entwicklungsarbeit zur Alphabetisierung
und Grundbildung Erwachsener mit einem neuen Förderschwerpunkt zu
arbeitsplatzorientierter Alphabetisierung und Grundbildung weiter voran treiben.
Dieser baut auf den Erfahrungen des Förderschwerpunktes „alphabund“ auf und hat
die Weiterentwicklung der bereits erfolgten, grundlegenden Forschung sowie
bestehender Konzepten und Erfahrungen zum Ziel. Der neue
Förderschwerpunkt wird Bestandteil der nationale Strategie für Alphabetisierung und
Grundbildung (siehe auch Antwort zu Frage 48).
51. Welche Maßnahmen und Forschungsprojekte zur Verbesserung der
Bildungsberatung hat die Bundesregierung im Nachgang zum Bericht
„Bestandsaufnahme in der Bildungs-, Berufs- und Beschäftigungsberatung
und Entwicklung grundlegender Qualitätsstandards“ vom Mai 2007 in die
Wege geleitet?
Die Ergebnisse des Berichts bildeten eine wichtige Grundlage für die Arbeit des
vom BMBF einberufenen Innovationskreises Weiterbildung (IKWB), der
Empfehlungen für die Zukunft der Weiterbildung und das Lernen im Lebenslauf
erarbeitete, darunter auch zum Ausbau und zur Verbesserung der
Bildungsberatung. Nicht zuletzt auf dieser Grundlage fördert die Bundesregierung zahlreiche
Maßnahmen und Angebote, um den Zugang zu Bildungsberatungsangeboten zu
erleichtern und die Qualität der Beratungsangebote zu verbessern, so z. B.:
● „Lernorientierte Qualitätstestierung in der Weiterbildung (LQW)“, ein „den
anerkannten Regeln der Technik entsprechendes systematisches Instrument
der Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung“ nach dem Dritten Buch
Sozialgesetzbuch – SGB III (§ 8 Absatz 4 AZWV).
● Studie „Qualität und Professionalität in der Bildungs- und Berufsberatung“
(2008): Die Studie erfasst bestehende Aktivitäten zur Qualitätsentwicklung
und -sicherung in der Bildungs- und Berufsberatung in Deutschland und
integriert systematisch verschiedene Strategien in einen
Qualitätsentwicklungsrahmen (QER).
● „Offener Koordinierungsprozess zur Qualitätsentwicklung in der Beratung in
Bildung, Beruf und Beschäftigung“ (seit 2009; Nationales Forum für Bera-
Drucksache 17/7776 – 22 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodetung in Beruf, Bildung und Beschäftigung“ (nfb) in Kooperation mit der
Universität Heidelberg): Ziel des Projekts ist es, unter Einbezug der relevanten
Akteure von Berufs- und Bildungsberatung gemeinsame Qualitätsstandards
für die Berufs- und Bildungsberatung zu definieren. In einem Teilvorhaben
der Universität Heidelberg wird der in der oben genannten Studie entwickelte
Qualitätsentwicklungsrahmen derzeit in ausgewählten
Beratungseinrichtungen erprobt.
● Im BMBF-Programm „Lernen vor Ort“ entwickeln und erproben 40 Kreise
und kreisfreie Städte seit 2009 Steuerungsmodelle für ein
Bildungsmanagement auf kommunaler Ebene. Dabei soll auch die Angebotsstruktur für
Bildungsberatungsdienstleistungen auf kommunaler Ebene so ausgestaltet
werden, dass allen Bürgerinnen und Bürgern ein transparenterer und auf
individuelle Bedürfnisse ausgerichteter Zugang zu Bildungsberatung
gewährleistet wird.
● 2009 wurde vom BMBF ein Konsortium mit der Erstellung eines
Fachkonzeptes für ein Servicetelefon und ein Internetportal für den Bereich
Weiterbildungsberatung beauftragt. Zentrale Gelingensbedingungen des 2011
vorgelegten Konzepts ist es, die vorhandene Weiterbildungslandschaft, die sich
in den Ländern unterschiedlich darstellt, einzubeziehen. Hier wird zurzeit
geprüft, mit welchen Materialien, Infrastrukturen etc. das Konzept umgesetzt
werden kann.
● Das BMBF förderte zudem Projekte zur Unterstützung der Arbeit externer
Berater (BOHa-Beratungsoffensive Handwerk – Entwicklung eines
Bildungsberatungssystems (1. November 2005 bis 30. November 2009), IMODE –
Beratungsinstrumente zur betrieblichen Weiterbildung in Low-Tech-Branchen
und Klein- und Mittelbetrieben (1. Oktober 2005 bis 30. Juni 2008).
● Derzeit fördert das BMBF mit dem Projekt MARQA ein Vorhaben, das die
strukturellen Rahmenbedingungen für Qualifizierungsberatung in bzw. für
Unternehmen beschreibt und zudem eruiert, mit welchen Strategien
Qualifizierungsberatung als eine Dienstleistung im (Weiterbildungs-)Markt etabliert
werden kann (MARQA – Strukturen und Strategien für eine marktfähige
Qualifizierungsberatung (1. Mai 2009 bis 31. März 2012).
● Die Bundesagentur für Arbeit hat in den letzten Jahren ihre eigene
Beratungskonzeption für jugendliche Berufswähler, Erwachsene und
Rehabilitandinnen/Rehabilitanden weiterentwickelt. Dies schließt die Etablierung von
Qualitätsstandards für die Beratung mit ein. Darüber hinaus gewinnt die BA
Erkenntnisse zur Qualität ihrer Beratungsdienstleistung unter anderem aus
regelmäßig durchgeführten Kundenbefragungen zur Qualität der Beratung
im Bereich Berufsberatung/U25 und Rehabilitation.
● Durch seine Fördermitgliedschaft im Nationalen Forum Beratung unterstützt
das Bundesministerium für Arbeit und Soziales die kontinuierliche
Verbesserung der Bildungsberatung.
Ergänzend wird auf die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage
der Fraktion der SPD zur Situation der Berufs- und Bildungsberatung in
Deutschland auf Bundestagsdrucksache 17/5717 verwiesen.
52. Wie bewertet die Bundesregierung den bisherigen Verlauf der
Berufsbildungsforschungsinitiative (BBFI), und welche politischen Initiativen hat
die Bundesregierung in Reaktion auf die bisherigen Ergebnisse gestartet?
Seit 2006 werden im Rahmen der Berufsbildungsforschungsinitiative (BBFI)
des BMBF Forschungsvorhaben ausgeschrieben, um evidenzbasiertes Wissen
für bildungspolitisches Handeln der Bundesregierung zu generieren und der ge-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 23 – Drucksache 17/7776samten deutschen Berufsbildungsforschungslandschaft eine Beteiligung hieran
zu eröffnen. Die Initiative ist inhaltlich an aktuell bedeutsamen
bildungspolitischen Anforderungen ausgerichtet. Gegenwärtig orientiert sich das
Forschungsprogramm an folgenden politisch relevanten thematischen Schwerpunkten:
demographischer Wandel und Ausbildungsmarkt, Optimierung von Übergängen,
Grundsatzfragen der Aus- und Weiterbildung, europäische Öffnung. Die bislang
geförderten Projekte haben wertvolle Impulse geliefert und direkt oder indirekt
zur Entwicklung zukunftsweisender Initiativen und Programme des BMBF in
der beruflichen Bildung, wie etwa zu den Modellversuchsschwerpunkten „Neue
Wege in die Ausbildung – Heterogenität als Chance für die
Fachkräftesicherung“ und „Qualitätsentwicklung und -sicherung in der betrieblichen
Berufsausbildung“ sowie zu der BMBF-Initiative „Bildungsketten bis zum
Ausbildungsabschluss“ beigetragen.
Ein weiterer wichtiger Meilenstein der BBFI war die Etablierung einer eigenen
Veröffentlichungsreihe. In der zu Beginn des Jahres 2009 gestarteten Reihe
„Berufsbildungsforschung“ werden schwerpunktmäßig Studien der BBFI für
Politik, Wissenschaft, berufliche Praxis und interessierte Öffentlichkeit publiziert.
Damit ist eine Plattform geschaffen worden, auf der die gewonnenen
Forschungsergebnisse einer breiten Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht und zur
Diskussion gestellt werden. Mittlerweile sind 13 Bände der Reihe erschienen.
53. Welche Forschungsprojekte fördert die Bundesregierung aktuell zu den
Hintergründen für den Abbruch einer Ausbildung (bitte um tabellarische
Übersicht)?
Im Rahmen der BBFI ist im Jahr 2008 die Studie „Ausbildungsabbrüche
vermeiden – neue Ansätze und Lösungsstrategien“ erarbeitet und als Band 6 der Reihe
„Berufsbildungsforschung“ veröffentlicht worden. Die Expertise hat nicht
zuletzt bedeutende Impulse für die Ende 2008 gestartete Initiative zur
„Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen“ (VerA) im JOBSTARTER-Programm des
BMBF gegeben, die eine individuelle Begleitung von Jugendlichen in
schwierigen Situationen am Ausbildungsplatz durch ehrenamtliche Praktikerinnen und
Praktiker mit Berufserfahrung ermöglicht.
Das Thema „Abbruch einer Ausbildung“ wird auch im Nationalen
Bildungspanel (NEPS) aufgegriffen. Befragte, die ihre Ausbildung abgebrochen haben,
erhalten spezielle Fragen zu den Gründen des Ausbildungsabbruchs. Zusätzlich
gibt es für Jugendliche im ersten Ausbildungsjahr bereits ein prospektives
Modul, um mögliche zukünftige Ausbildungsabbrüche aus Sicht des Rational-
Choice-Ansatzes und konkurrierenden Erklärungsansätzen aus dem Bereich
Bounded Rationality zu erklären. Dieses Modul enthält z. B. Fragen zu
Abbruchabsichten, der Zufriedenheit mit der aktuellen Ausbildungssituation und
dem erwarteten zukünftigen Nutzen der Ausbildung für die berufliche Zukunft.
54. Welche der in den letzten vier Jahren vom Bund geförderten
Forschungsprojekte haben sich mit den Hintergründen für den Abbruch eines
Studiums befasst?
Explizit setzte sich das Projekt „Ursachen des Studienabbruchs in den neu
eingeführten Bachelor- und Master-Studiengängen im Vergleich zu den bisherigen
Diplom-, Magister- und Staatsexamens-Studiengängen“ mit dieser Thematik
auseinander (Laufzeit: 11/2007 bis 03/2009). Zuwendungsempfänger war die
HIS GmbH. Im Rahmen der 2008 veröffentlichten Förderbekanntmachung
„Hochschulforschung als Beitrag zur Professionalisierung der Hochschullehre“
werden darüber hinaus eine ganze Reihe von Projekten gefördert, die sich mit
unterschiedlichen Aspekten die Studienbedingungen betreffend auseinanderset-
Drucksache 17/7776 – 24 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodezen und insofern weitere Erkenntnisse zu den Voraussetzungen für erfolgreiche
Studienverläufe liefern.
55. Wie bewertet die Bundesregierung den Erkenntnisstand bezüglich der
Verfügbarkeit und der Nutzung von Angeboten der Weiterbildung –
insbesondere vor dem Hintergrund des konstatierten Fachkräftemangels, und
welche Maßnahmen plant die Bundesregierung in der Bildungsforschung,
um hier Verbesserungen zu erzielen?
Die Stärkung von Qualifizierung, Aus- und Weiterbildung ist Schwerpunkt des
Fachkräftekonzeptes der Bundesregierung. Das Weiterbildungsangebot ist
vielseitig, heterogen und dezentral organisiert. Dabei handelt es sich um berufliche,
betriebliche oder sonstige Weiterbildungsangebote privater, öffentlicher,
kirchlicher oder anderer Träger.
Diese Angebote werden aufgrund einer beruflichen, betrieblichen oder privaten
Zielsetzung von Erwachsenen in Anspruch genommen und durch
unterschiedliche Akteure initiiert bzw. gefördert, wie z. B. durch die Arbeitgeber- und
Arbeitnehmerseite, durch gesetzliche Auflagen oder durch die Förderung von
Bund und Ländern. Ein vollständiger Überblick über diesen
Weiterbildungsmarkt und die damit verbundene Nachfrage oder Inanspruchnahme liegt der
Bundesregierung nicht vor.
Auf der Basis des europäischen Berichtskonzepts „Adult Education Survey
(AES)“ wird europaweit einheitlich die Weiterbildungsbeteiligung Erwachsener
erhoben. Als Ergebnis der Erhebung in 2010 ist festzuhalten, dass die
Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland weitgehend stabil geblieben ist. Bei einer
Differenzierung nach Stellung im Beruf ist festzustellen, dass je höher die Stellung
ist, umso höher ist auch die Weiterbildungsbeteiligung (Beamte: 73 Prozent ,
Arbeiter: 29 Prozent). Vor dem Hintergrund des erwarteten wachsenden
Fachkräftebedarfs ist die Weiterbildungsbeteiligung von Frauen sowie Älterer von
besonderem Interesse. Die Teilnahme von Frauen insgesamt liegt mit 42 Prozent etwa
gleich hoch wie die der Männer (43 Prozent), hierbei sind aber die
unterschiedlichen Erwerbsstrukturen zu berücksichtigen. Die aktuelle Erhebung zeigt auch,
dass insbesondere hier ein Aufwuchs zu verzeichnen ist. Die Beteiligungsquote
der 55 bis 59- sowie der 60 bis 64-Jährigen ist im Vergleich von 2007 und 2010
gestiegen (von 37 Prozent auf 40 Prozent bzw. von 18 Prozent auf 27 Prozent).
Die Beteiligung an beruflicher Weiterbildung ist in der langfristigen Perspektive
auch insgesamt gestiegen, stagniert aber in den letzten Jahren. Während der
Wirtschafts- und Finanzkrise ist das betriebliche Angebot an Weiterbildung
zurückgegangen und hat sich auch im wirtschaftlichen Aufschwung (noch) nicht
erholt.
Trotz der im Zeitverlauf gestiegenen Weiterbildungsaktivitäten gibt es jedoch
Bereiche, die sich nach wie vor nur unterdurchschnittlich an Weiterbildung
beteiligen. Hierzu gehören auf der Betriebsebene insbesondere kleine und mittlere
Unternehmen, und auf der Personenebene Geringqualifizierte, Ältere sowie
teilzeitbeschäftigte Frauen mit betreuungsbedürftigen Angehörigen.
Wie empirische Untersuchungen z. B. des IAB zeigen, wird Weiterbildung aus
betrieblicher Perspektive als wichtige Strategie zur Deckung eines bereits
bestehenden bzw. für die Zukunft erwarteten wachsenden Fachkräftebedarfs gesehen.
So ist das Weiterbildungsengagement der Unternehmen dann höher, wenn sie
bereits derzeit mit Rekrutierungsengpässen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert
sind oder solche für die Zukunft befürchten.
Gerade vor dem Hintergrund des erwarteten wachsenden Fachkräftebedarfs
erscheint allerdings die nach wie vor geringe Weiterbildungsbeteiligung Älterer
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 25 – Drucksache 17/7776problematisch. Das Gleiche gilt für die unterdurchschnittliche
Weiterbildungsbeteiligung von teilzeitbeschäftigten Frauen.
Auf der Grundlage der Ergebnisse der Bildungsforschung ist die
Bundesregierung mit den Ländern, den Sozialparteien u. a. Partnern im Bereich der
Weiterbildung im Gespräch, mit dem Ziel, mehr Jüngere und Ältere für Weiterbildung
zu gewinnen, entsprechende Förderangebote der Bundesregierung zielgerichtet
einzusetzen, die Transparenz und Qualität des Weiterbildungsangebots zu
verbessern und die Aus- und Weiterbildung effektiver zu verzahnen.
In diesem Kontext hat die Bundesregierung im November 2011 eine
Informationskampagne zur Attraktivitätssteigerung beruflicher Bildung gestartet sowie
eine zweite Förderphase der Bildungsprämie im Zeitraum 2012/2013
beschlossen.
Basierend auf der Studie „Leo–Level-One“ zum Ausmaß des Analphabetismus
Erwachsener wird derzeit eine nationale Strategie zur Alphabetisierung und
Grundbildung vorbereitet (siehe auch Antwort zu Frage 49).
Forschungsperspektiven für die berufliche Weiterbildung und das lebensbegleitende Lernen
2012 ff. entwickelt das BMBF gemeinsam mit dem Bundesinstitut für
Berufsbildung in einem Forschungsprojekt gekoppelt mit einer Workshopreihe.
56. Welche wissenschaftlichen Kenntnisse liegen der Bundesregierung
bezüglich der Auswirkungen des demographischen Wandels auf die
Bildungsstrukturen und -einrichtungen in Deutschland vor?
57. Welche Auswirkungen des demographischen Wandels erwartet die
Bundesregierung für das Bildungssystem (neue Schwerpunktsetzungen, wachsende
Bedeutung des lebenslangen Lernens usw.), und liegen zu dieser Frage
bereits Forschungsergebnisse vor?
58. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass der demographische Wandel
zu erheblichem Veränderungsbedarf bei Bildungsangeboten führen wird,
und mit welchen Projekten unterstützt die Bundesregierung den Aufbau
von Wissensgrundlagen zur Gestaltung dieser Veränderungen?
Die Fragen 56 bis 58 werden wegen ihres Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Der demographische Wandel wird sich auf das Bildungswesen in Deutschland
vielfältig auswirken. So wird es nicht nur notwendig sein, die einzelnen
Bildungsbereiche an Geburtenentwicklung und Alterungsprozess anzupassen.
Aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen werden Anpassungserfordernisse
gesehen bei der Qualität bestehender Bildungsangebote und hinsichtlich der
Entwicklung neuer Angebote. Beispielhaft gilt dies für den Ausbau der
Kindertagesbetreuung, der frühkindlichen Bildung und der Ganztagsschulen sowie für
die Verbesserung des Übergangs in eine berufliche Ausbildung und den Ausbau
der betrieblichen Weiterbildung. Eine zentrale Erkenntnis des von Bund und
Ländern geförderten Nationalen Bildungsberichts 2010, der sich in einem
Schwerpunktkapitel mit dem demographischen Wandel und den damit
verbundenen Auswirkungen beschäftigt, lautet: Bildungspolitik im demographischen
Wandel erfordert mehr und nicht weniger Investitionen in Bildung.
Dem Nationalen Bildungsbericht 2010, dem im Oktober 2011 veröffentlichten
Demographiebericht der Bundesregierung sowie einer Vielzahl von anderen
Studien sind Zahlen und Fakten zur demographischen Entwicklung sowie zu
deren Auswirkungen auf unterschiedliche Sektoren des Bildungssystems zu
entnehmen. Außerdem spiegeln diese Berichte die Erwartungen der
Bundesregierung an die Auswirkungen des demographischen Wandels wider. Die
Bundesregierung bereitet derzeit eine ressortübergreifende Strategie zum demo-
Drucksache 17/7776 – 26 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodegraphischen Wandel vor, die sich auch mit der Gestaltung von Veränderungen
befassen wird.
59. Welche Rolle soll die Bildungsforschung im Rahmen der geplanten
Forschungsagenda Demographischer Wandel der Bundesregierung einnehmen,
und sind hier neue Programme/Förderprojekte geplant?
Die „Forschungsagenda der Bundesregierung zum demographischen Wandel:
Das Alter hat Zukunft“ ist Teil der umfassenden Demographiestrategie der
Bundesregierung. Im Fokus der Forschungsagenda stehen ältere Menschen,
insbesondere diejenigen, die sich in den letzten Jahren ihres Berufslebens befinden
oder bereits aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Fragen der
Bildungsforschung werden hier insbesondere in dem Forschungsfeld „Kompetenzen und
Erfahrungen älterer Menschen für Wirtschaft und Gesellschaft nutzen“
aufgegriffen. Mit der Forschungsagenda plant die Bundesregierung, unter anderem
die Erforschung des lebenslangen Lernens sowie die Entwicklung
altersspezifischer Lernkonzepte voranzutreiben, die sich an den individuellen Bedürfnissen
und Fähigkeiten orientieren, um maßgeschneiderte und nachhaltige
Lernprozesse zu ermöglichen. Ziel ist es, dass Menschen auf ihrem gesamten aktiven
Lebensweg im Betrieb, Ehrenamt oder auf freischaffender Basis ihre
Kompetenzen nicht nur erhalten, sondern auch anpassen, erneuern und erweitern können.
60. Welche Bedeutung hat die Hochschullehre im Rahmen der Förderung der
Bildungsforschung durch den Bund in den letzten vier Jahren
eingenommen?
2008 wurde im Förderschwerpunkt „Hochschulforschung“ innerhalb des
Rahmenprogramms „Empirische Bildungsforschung“ die Förderbekanntmachung
„Hochschulforschung als Beitrag zur Professionalisierung der Hochschullehre“
veröffentlicht. Im Rahmen dieses Förderangebots, für das insgesamt rd. 17 Mio.
Euro Fördergelder zur Verfügung standen, werden über 60 Einzelprojekte
gefördert, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Qualität der Hochschullehre
beschäftigen.
61. Wie bewertet die Bundesregierung den Stand an vergleichenden Studien
zur Qualität der Lehre an deutschen Hochschulen?
Methodisch belastbare Gesamtkonzepte für vergleichende Studien zur Qualität
der Lehre existieren bislang nicht. Bestehende Ansätze – insbesondere im
Kontext von Hochschulrankings, die auch die Lehre berücksichtigen – rekurrieren
diesbezüglich vornehmlich auf Studierendenbefragungen. Der Indikator
„Studierendenzufriedenheit“ ist zwar ein unverzichtbarer Teilaspekt der Qualität der
Lehre, bildet diese aber nur unvollständig ab.
62. Wie ist geplant, die Auswirkungen des Qualitätspaktes Lehre zu
evaluieren, und welcher Vergleichsmaßstab soll angelegt werden, um die
Verbesserungen der Qualität der Lehre zu messen?
Die Bund-Länder-Vereinbarung zum Qualitätspakt Lehre sieht eine
programmbegleitende, unabhängige Evaluation des Programms hinsichtlich seiner
Auswirkungen auf Studienbedingungen und Lehrsituation vor, deren Ergebnisse
2019 vorliegen sollen. Einzelheiten der Ausgestaltung werden derzeit erarbeitet.
Die Evaluation soll im Jahr 2012 beginnen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 27 – Drucksache 17/777663. Hält die Bundesregierung den aktuellen Stand der Forschungsaktivitäten
zur Hochschuldidaktik für ausreichend, und welchen Stellenwert gibt die
Bundesregierung der Forschung zur Hochschuldidaktik in ihrer
Bildungsforschungsstrategie?
Hochschuldidaktische Forschung ist ein zentraler Baustein des
Förderschwerpunkts „Hochschulforschung“ im Rahmenprogramm zur Förderung der
empirischen Bildungsforschung und soll auch nach Auslaufen der derzeitigen Projekte
weiter gefördert werden.
64. Welche Position vertritt die Bundesregierung zu Forderungen nach
Durchführung einer so genannten Hochschul-PISA-Studie?
Konkrete Forderungen nach Durchführung eines „Hochschul-PISA“ sind der
Bundesregierung nicht bekannt. Soweit solche international vergleichenden
Studien die an sie zu richtenden hohen methodischen Ansprüche erfüllen, wäre mit
einem Erkenntnisgewinn in wichtigen hochschulpolitischen Bereichen zu
rechnen. Die Bundesregierung würde solche Erkenntnisgewinne begrüßen.
65. Welche Konzepte von welchen Organisationen zur Durchführung einer
„Hochschul-PISA“ sind der Bundesregierung bekannt, und wie bewertet
die Bundesregierung diese?
Der Bundesregierung ist lediglich die von der OECD derzeit durchgeführte
Machbarkeitsstudie AHELO (= Assessment of Higher Education Learning
Outcomes) bekannt. In – allerdings nur sehr vager Analogie zur PISA-Studie –
werden im Rahmen von AHELO fächerspezifische Ansätze zur Erfassung der
fachlichen sowie generischen Kompetenzen von BA-Studierenden erprobt.
Ländervergleiche – wie mit der PISA-Studie – sind nicht intendiert. Ziel der
AHELO-Studie insgesamt ist es, zusätzliche Erfahrungen mit Blick auf die
eingesetzten Messinstrumente und -verfahren zu erzielen. Die Bundesregierung
begrüßt solche Fortschritte.
66. Zu welchen dieser Konzepte liegen bereits Ergebnisse von
Machbarkeitsstudien vor, und zu welchen Ergebnissen sind diese gekommen?
Mit Ergebnissen zur OECD-Machbarkeitsstudie AHELO ist Ende 2012 zu
rechnen.
67. Welche Forschungsprojekte hat der Bund in den letzten vier Jahren
gefördert, die sich mit einer verbesserten Vermittlung einer
wissenschaftlichen Grundbildung (science literacy) befasst haben?
Die Bundesregierung hat in den letzten vier Jahren keine Forschungsprojekte
gefördert, die sich mit einer verbesserten Vermittlung einer wissenschaftlichen
Grundbildung (science literacy) befasst haben.
68. Plant die Bundesregierung die Vorlage eines Forschungsförderkonzeptes
zur kulturellen Bildung?
Die Bundesregierung misst der kulturellen Bildung einen hohen Stellenwert zu.
Sie fördert vielfältige Forschungsprojekte, die Antworten auf aktuelle
Forschungsfragen und -bedarfe im Kontext der kulturellen Bildung geben. Insofern
Drucksache 17/7776 – 28 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperioderichtet die Bundesregierung die Forschungsförderkonzepte zur kulturellen
Bildung kontinuierlich an den jeweils aktuellen Herausforderungen aus, die sich ihr
heute und in absehbarer Zukunft in der Gesellschaft stellen.
69. In welcher Höhe und mit welchen Maßnahmen hat die Bundesregierung in
den letzten vier Jahren die Entwicklung von Konzepten zur kulturellen
Bildung im Rahmen des Schulunterrichts bzw. der außerschulischen
kulturellen Bildung unterstützt?
Die Bundesregierung fördert in den Jahren 2008 bis 2011 die Entwicklung von
Konzepten zur kulturellen Bildung mit insgesamt rd. 15 Mio. Euro. Die
Bundesregierung stärkt mit diesen Mitteln die Leistungsfähigkeit des Bildungswesens.
Sie setzt dabei innovative Programme und Maßnahmen zur Fortentwicklung der
Begabtenförderung, interkulturellen Bildung und Integration, kulturelle Bildung
für alle Altersgruppen und zur Weiterbildung des Personals in Kunst und Kultur
um.
Die im Rahmen einer kleinen Anfrage zur Verfügung stehende Bearbeitungszeit
bietet nicht die Möglichkeit, alle Maßnahmen in komprimierter und reflektierter
Form wieder zu geben. Exemplarisch seien hier einige herausragende
Maßnahmen genannt:
Hierzu zählen z. B. das erste und zweite Jugend-KulturBarometer,
Bundeswettbewerbe in verschiedenen Kunstsparten, wie das internationale Schülerfilm-
Festival, das Theatertreffen der Jugend, das Treffen Junger Autoren, der
Kompositionswettbewerb für Schülerinnen und Schüler sowie der Wettbewerb
„Kunststudentinnen und Kunststudenten stellen aus“. Zudem ist im
Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen Bildungsforschung ein
Forschungsschwerpunkt zu zwei Landesprogrammen „Jedem Kind ein Instrument“
eingerichtet.
Die kulturelle Bildung in Ganztagsschulen wird seit 2004 unter anderem durch
das Begleitprogramm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ unterstützt, das der
Bund jährlich mit 4,5 Mio. Euro fördert. Das BMBF hat u. a. von 2007 bis 2010
gezielt Themenateliers „Kulturelle Bildung“ zur Vernetzung von Schulen
gemeinsam mit der PricewaterhouseCoopers-Stiftung (PwC-Stiftung) unterstützt.
Außerdem schreiben das BMFSFJ und die Bundesvereinigung Kulturelle
Kinder- und Jugendbildung seit 2005 jährlich den bundesweiten Wettbewerb
„Mixed Up“ für gelungene Modelle der Zusammenarbeit zwischen Trägern der
Kulturellen Bildung und Schulen aus. Die bundesweite Fachstelle „Kultur
macht Schule“ berät und qualifiziert Schulen sowie Akteure der kulturellen
Bildung, wie gute Kooperationen aufgebaut werden können.
70. In welcher Höhe und mit welchen Maßnahmen plant die Bundesregierung,
Forschung zur Verankerung des Themen- bzw. Berufsfelds „Soziokultur“
in Kulturstudiengängen zu unterstützen?
Aufgrund der föderalen Kompetenzverteilung ist es die Aufgabe der Länder,
Studiengänge an den Hochschulen einzurichten und zu gestalten. Eine
Förderung kulturwissenschaftlicher Studiengänge durch das BMBF ist daher nicht
möglich. Der Bundesregierung ist es jedoch ein wichtiges Anliegen, die
kulturelle Bildung zu stärken. Sie ist entscheidend für das gesellschaftliche
Zusammenleben, für die Emanzipation und für die Teilhabe aller
Bevölkerungsschichten an unseren kulturellen Gütern. Eine Forschungsförderung mit
Bundesinteresse im Kontext der kulturellen Bildung besteht. Deshalb fördert die
Bundesregierung das Forschungsprojekt „Das Studium Kultur und der
Arbeitsmarkt für kulturvermittelnde und interkulturell orientierte Tätigkeitsfelder in
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 29 – Drucksache 17/7776Deutschland“. In diesem Projekt wird ein Überblick erarbeitet über die Aus- und
Fortbildungsangebote für Akteure in kulturellen und interkulturellen
Tätigkeitsfeldern an Hochschulen.
III. Unterrichts- und Lehrerforschung
71. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass der Unterrichtsalltag an
deutschen Schulen aus Sicht der Bildungsforschung mangels umfassender
Datengrundlagen als „black box“ bezeichnet werden muss, und falls nein,
warum nicht?
Die Bundesregierung teilt nicht die Einschätzung, dass der Unterrichtsalltag an
deutschen Schulen mangels umfassender Datengrundlagen als „black box“
bezeichnet werden muss.
Gegenüber traditionellen Steuerungsmodellen, bei denen Maßnahmen auf der
Input-Ebene (Lehrkräftequalifikation, Lehrer-Schüler-Relation u. a.) im
Vordergrund standen, stehen im Rahmen der Umstellung auf die Output-Steuerung im
Bildungssystem stärker die Lehr- und Lernprozesse selbst und deren Wirkungen
im Mittelpunkt. Die Unterrichtsforschung verfolgt das Ziel, die Effekte
bestimmter Maßnahmen (z. B. didaktischer Konzepte, Lehr- und Lernmethoden,
aber auch organisatorischer Veränderungen) genauer zu bestimmen, um
zielgerichtet die Unterrichtsqualität beeinflussen zu können. So besteht beispielsweise
in der Ganztagsschulforschung die Frage, wie außerunterrichtliche
Bildungsangebote in der Praxis gestaltet und genutzt werden und wie sie letztlich so
gestaltet werden können, dass sie die größten Effekte für die individuelle
Kompetenzentwicklung und für mehr Bildungsgerechtigkeit erzielen. In diesem
Zusammenhang wird auch auf andere einschlägige Studien hingewiesen, die die
den Unterrichtsalltag zum Gegenstand haben (z. B. Videostudien: TIMMS-
Video; Pythagoras, IPN-Videostudie).
72. Welche durch den Bund geförderten Projekte der letzten vier Jahre lassen
sich der Unterrichts- und Lehrerforschung zuordnen, und plant die
Bundesregierung für diese Fragen ein eigenständiges
Forschungsförderprogramm?
Im Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen Bildungsforschung
befassen sich insbesondere die Vorhaben im Forschungsschwerpunkt „Entwicklung
von Professionalität des pädagogischen Personals“ mit Fragen der
Kompetenzerfassung bzw. des Kompetenzerwerbs von Lehrkräften. Einen Überblick über
die Forschungsprojekte bietet das Internetportal des BMBF zur empirischen
Bildungsforschung (
www.empirische-bildungsforschung-bmbf.de/). Ein darüber
hinausgehendes eigenständiges Forschungsförderprogramm ist derzeit nicht
vorgesehen.
73. Wie bewertet die Bundesregierung den Forschungsstand zu der Frage, was
eine „gute Lehrerin“ bzw. einen „guten Lehrer“ ausmacht, und in welcher
Weise bildet sich diese Bewertung in den Schwerpunkten der
Bildungsforschung ab?
Es existieren eine Reihe von Forschungsarbeiten, die unterschiedliche Konzepte
zur Wirkung der Lehrerpersönlichkeit in den Blick nehmen; der aktuelle
Forschungsstand ist dem gegenüber zunehmend „kompetenzorientiert“: es wird
danach gefragt, über welche Kompetenzen (gute, im Sinne von effektive) Lehrkräfte
verfügen und wie die Kompetenzen von Lehrkräften gemessen werden können.
Dies bildet sich in den BMBF-geförderten Forschungsprojekten zu Professiona-
Drucksache 17/7776 – 30 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodelisierung ab, ähnliches gilt für DFG-geförderte Vorhaben (z. B. COACTIV). Erste
Ergebnisse weisen auf eine erhebliche Bedeutung insbesondere der fachlichen
und fachdidaktischen Kompetenzen der Lehrkräfte für das erfolgreiche Lernen
der Schülerinnen und Schüler hin.
Da Ganztagsschulen zunehmend mit multiprofessionellen Teams aus
Lehrkräften und weiterem pädagogischen Personal (z. B. Erzieher/innen,
Sozialpädagogen) arbeiten, hat das BMBF im Rahmen der Ganztagsschulforschung vertiefte
Untersuchungen zur Kooperation und Professionsentwicklung in
Ganztagsschulen gefördert; eine Publikation der Ergebnisse ist noch Ende 2011 vorgesehen.
74. Welche Vergleichsstudien zur Situation von Lehrerinnen und Lehrern
unterstützt die Bundesregierung aktuell, und welche weiteren Studien
sollen zukünftig von der Bundesregierung gefördert werden?
Vergleichsstudien zur Situation von Lehrerinnen und Lehrern werden aktuell
nicht durch die Bundesregierung gefördert.
75. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung darüber vor, wie sich
Absolventen der neuartigen Lehrerausbildung in „schools of education“
(wie zum Beispiel in München, Erfurt oder Bochum) im Schulalltag
zurecht finden und ob sie ihre Ausbildung als positiv einschätzen?
Hierzu liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor.
76. Wird sich die Bundesregierung dafür einsetzen, das Deutschland bei
zukünftigen Studien im Rahmen des Projekts TALIS (Teaching and Learning
International Survey; auch als „Lehrer-PISA“ bezeichnet) der Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung teilnimmt, und falls
nein, warum nicht?
Bund und Länder beobachten Fortschritt und Aussagekraft der laufenden
OECD-Studie TALIS 2013 und werden nach Vorlage der Ergebnisse eine
Entscheidung über eine Teilnahme Deutschlands an einer nächsten Erhebungsrunde
treffen.
77. Wie bewertet die Bundesregierung den Stand der Forschung, die sich mit
der Situation deutscher Lehrerinnen und Lehrer befasst und hierbei
insbesondere mit den Auswirkungen der aktuellen Rahmenbedingungen der
Tätigkeit von Lehrerinnen und Lehrer (eigener Arbeitsplatz, Arbeitszeiten,
Arbeitsbelastung usw.)?
Der Bundesregierung liegen über die Ergebnisse in den geförderten
Forschungsvorhaben sowie den einschlägigen Veröffentlichungen hinaus keine
Erkenntnisse zur den Auswirkungen der Rahmenbedingungen des Lehrerberufs vor. Es
wird darauf verwiesen, dass die Gestaltung der Rahmenbedingungen des
Lehrerberufs (Arbeitsplatz, Arbeitszeiten, Arbeitsbelastung usw.) aufgrund der
föderalen Zuständigkeiten in der Verantwortung der Länder liegt.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 31 – Drucksache 17/777678. Wie bewertet die Bundesregierung den Stand der internationalen
vergleichenden pädagogischen Forschung zur Frage, in welchen Staaten die
Weiterbildung für Lehrerinnen und Lehrer verpflichtend vorgeschrieben
ist?
Eine vollständige Übersicht über Staaten, in denen die Weiterbildung für
Lehrerinnen und Lehrer verpflichtend vorgeschrieben ist, sowie belastbare
wissenschaftliche Erkenntnisse über die entsprechenden Wirkungen liegen der
Bundesregierung aktuell nicht vor.
79. In welchen Staaten finden nach Kenntnis der Bundesregierung regelmäßig
Unterrichtsbesuche durch externe Gutachter statt, und welche
Auswirkungen haben diese Vorgaben auf die Leistungsfähigkeit des Schulsystems?
Eine vollständige Übersicht über Staaten, in denen regelmäßig
Unterrichtsbesuche durch externe Gutachter stattfinden sowie belastbare Erkenntnisse
darüber, welche Auswirkungen diese Vorgaben auf die Leistungsfähigkeit des
Schulsystems haben, liegen der Bundesregierung aktuell nicht vor.
80. Beabsichtigt die Bundesregierung, Initiativen zur vergleichenden
pädagogischen Forschung zu ergreifen, und wenn ja, mit welchen Schwerpunkten?
Die Bundesregierung fördert gemeinsam mit den Ländern die vergleichende
pädagogische Forschung u.a. institutionell beim Deutschen Institut für
Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) sowie beim Georg-Eckert-Institut für
internationale Schulbuchforschung (GEI).
Darüber hinaus besteht auch im Kontext des Rahmenprogramms zur Förderung
der empirischen Bildungsforschung grundsätzlich die Möglichkeit der
Förderung von Projekten der vergleichenden pädagogischen Forschung. Entsprechend
der thematischen Ausrichtung der Forschungsschwerpunkte, die jeweils durch
Förderrichtlinien öffentlich bekannt gemacht werden, ist es auch international
vergleichenden Forschungsprojekten freigestellt, sich um eine Förderung zu
bewerben. Sämtliche Vorhaben werden vor der Bewilligung einer Förderung durch
externe Experten begutachtet.
81. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung des Stifterverbandes für die
Deutsche Wissenschaft e. V. (Pressemitteilung vom 8. August 2011 „Note:
Mangelhaft!“), dass derzeit „weder ein brauchbares Instrumentarium zur
Qualitätsmessung in der Lehrerbildung noch ein aussagekräftiges
Monitoring über die Resultate“ der Ausbildung existieren, und welche
Maßnahmen gedenkt die Bundesregierung in die Wege zu leiten, um hier Abhilfe
zu schaffen?
Belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse über die Qualität der Lehrerbildung
in Deutschland liegen der Bundesregierung derzeit nicht vor. Eine
Weiterentwicklung des Instrumentariums zur Qualitätsmessung in der Lehrerbildung bzw.
für ein Monitoring über die Resultate der Ausbildung von Lehrkräften ist von
Seiten der Bundesregierung aufgrund der föderalen Zuständigkeiten in
Deutschland nicht vorgesehen.
Drucksache 17/7776 – 32 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode82. Gibt es Pläne zur Einführung einer bundesweiten Berichterstattung über
die Qualität der Lehrerbildung – die vom Stifterverband der Deutschen
Wissenschaft in der Pressemitteilung vom 8. August 2011 ebenfalls
angemahnt wurde –, und falls nein, warum nicht?
Pläne zur Einführung einer bundesweiten Berichterstattung über die Qualität der
Lehrerbildung existieren auf Seiten der Bundesregierung nicht. Die Gestaltung
sowie Qualitätssicherung der Lehrerbildung liegt aufgrund der föderalen
Zuständigkeiten in Deutschland in der Verantwortung der Länder.
83. Stünden der Einführung einer bundesweiten Berichterstattung über die
Qualität der Lehrerbildung nach Wissen der Bundesregierung rechtliche
Hürden im Weg, und falls ja, welche?
Rechtliche Hürden zur Einführungen einer bundesweiten Berichterstattung über
die Qualität der Lehrerbildung bestehen nicht; ein solcher Bericht müsste
beispielsweise von der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK)
erstellt werden.Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
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ISSN 0722-8333]