[Deutscher Bundestag Drucksache 18/721
18. Wahlperiode 06.03.2014Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Jan Korte, Martina Renner, Petra Pau,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE.
– Drucksache 18/473 –
Schlussfolgerungen der Bundesregierung aus der Evaluation der Projekte zum
Thema Linksextremismus
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Seit dem Jahr 2010 fördert die Bundesregierung über das Programm „Initiative
Demokratie stärken“ Präventionsprojekte in den Bereichen Islamismus und
„Linksextremismus“. Insbesondere der Programmteil zum Thema
„Linksextremismus“ ist in der Öffentlichkeit bis heute umstritten, weil hier eine
unzulässige Parallelisierung mit den Projekten gegen Rechtsextremismus und zudem
eine Problembeschreibung vorgenommen werden, die in der Realität keine
Entsprechung finden.
Vonseiten der Bundesregierung wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass
das Themenfeld „Linksextremismus“ – anders als etwa der
Rechtsextremismus – wissenschaftlich nicht klar definiert sei, weshalb sie sich auf die
Definition der Verfassungsschutzämter stütze. Ein Ziel des Programms sei es,
Ansätze der Arbeit in diesem Themenfeld zu erschließen, denn bisher gäbe „es
kaum oder keine in der Praxis erprobten Ansätze. Es mangelt ebenfalls an
wissenschaftlicher Expertise. Beides – die Entwicklung von Konzepten sowie
Erforschung z. B. der ideologischen, kulturellen und sozialen Aspekte
linksextremer oder islamistischer Ideologien und ihre Anziehungskraft
insbesondere für junge Menschen – sind Anliegen des Programms.“ (vgl.
Bundestagsdrucksache 17/10204, Antwort zu Frage 18). Von Kritikerinnen
und Kritikern des Programms wurde von Anfang an der mit dem Begriff des
„Linksextremismus“ verbundene Ansatz hinterfragt, dessen Tauglichkeit für
die angestrebte pädagogische Arbeit bezweifelt wurde. Die Bundesregierung
selbst verwies auf den auch forschenden Charakter des Programms, womit u. a.
die geringe Kofinanzierungsforderung im Vergleich zu den Projekten gegen
Rechtsextremismus begründet wurde (vgl. ebd.). In der Antwort der
Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE. zu den Fragen 10, 11
und 14 auf Bundestagsdrucksache 17/10204 heißt es: „Das Programm IDS
verfolgt den Zweck, vorhandene Lücken bei pädagogischen Grundlagen,
Konzepten und Erfahrungen – auch im Hinblick auf die Zielgruppenerreichung – zu
schließen. Daher hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend das Programm bewusst als lernendes Programm konzipiert“.Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend vom 3. März 2014 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 18/721 – 2 – Deutscher Bundestag – 18. WahlperiodeInzwischen liegen eine Reihe von Evaluationen zum gesamten
Bundesprogramm und zu einzelnen Teilen bzw. von einzelnen Förderempfängern vor. Die
Mehrzahl stellt den von der Bundesregierung gewählten Ansatz der
„Linksextremismus“-Prävention infrage und kommt zu dem Ergebnis, dass die vom
Mittelgeber vorgenommene Problembeschreibung so nicht haltbar ist.
In einer Auswertung des von der Stiftung Europäische Jugendbildungs- und
Jugendbegegnungsstätte Weimar (EJBW) durchgeführten Projekts im Rahmen
des Programms „Initiative Demokratie stärken“ kommen die
Projektverantwortlichen zu der Einschätzung, dass der mit dem Extremismusansatz
zugrunde gelegte theoretische Rahmen aufgrund der „Eindimensionalität des
Theoriemodells“ (Zeitschrift für die Jugendarbeit, Nr. 6, 2013, S. 269) zu eng
ist. „Die Bedrohungslage, wie sie in den Verfassungsschutzberichten zu einer
politisch motivierten linksextremistischen Gewalt nachgezeichnet wird, lässt
sich aus unserer Sicht nicht bestätigen.“ (ebd.). Bezogen auf Perspektiven der
Arbeit mit Jugendlichen im Rahmen von Präventionsprogrammen, wie sie von
der Bundesregierung gefördert werden, heißt es, „dass sich das Vorhandensein
linksextremer Einstellungen und Haltungen im Sinne eines Rückgriffs auf
geschlossene linksextreme Welt- und Menschenbilder nicht konstatieren lässt.
Die EJBW sieht dieses Projektergebnis als eines der zentralsten an.“ (ebd.,
S. 271). Nach Ansicht der EJBW sollten sich Präventionsprogramme „nicht auf
einen Aspekt von Extremismus verengen, sondern sich mit den unter
Konzepten wie Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Hate Crime, den
Erkenntnissen der Bewegungsforschung und antidemokratischen
Radikalisierungsprozessen subsumierbaren Einstellungsmustern, Einstellungen und
Verhaltensweisen befassen (…).“ (ebd.).
Im Auftrag des BMFSFJ wurde vom Institut für Soziale Praxis (ISP) der
Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg eine Studie
durchgeführt, in der es um die Lebenslage junger Menschen in
„linksautonomen Szenen“, die Rolle von Jugendlichen in „linksautonomen Szenen“ und
dem damit verbundenen Bedarf von Angeboten der Jugendhilfe ging (vgl.
Unsere Jugend, 3/2012, S. 133). Die skizzierten Ergebnisse der
Experteninterviews deuten darauf hin, dass der Ansatz des Bundesministeriums als nicht
zielführend bewertet wurde. Die Problembeschreibung unter dem Begriff
„Linksextremismus“ sei unklar und die Konstruktion einer „linksautonomen
Jugendszene“ entspreche nicht den Erfahrungen und Positionen der
Expertinnen und Experten. Vonseiten der befragten Expertinnen und Experten der
Jugendarbeit wurde kein Bedarf an so ausgerichteten Jugendhilfeangeboten
gesehen: „Die ExpertInnen sehen Jugendhilfe mehrheitlich nicht in der Pflicht,
sich mithilfe von neuen Angeboten an linksautonome Jugendszenen oder auch
an einzelne Jugendliche aus der linksautonomen Szene zu wenden.“ (ebd.).
1. Welche Projekte wurden im Jahr 2013 im Bereich des Themenfeldes
„Linksextremismus“ über das Bundesprogramm „Initiative Demokratie
stärken“ in welcher Höhe, mit welchem Inhalt, und mit welcher Laufzeit
gefördert?
Folgende Projekte wurden im Jahr 2013 im Bereich des Themenfeldes
„Linksextremismus“ über das Bundesprogramm „Initiative Demokratie stärken“ (IDS)
gefördert:
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Drucksache 18/721 – 8 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode 3. Plant die Bundesregierung eine Fortführung des Programms „Initiative
Demokratie stärken“, wie bewertet sie den Programmteil zum Themenfeld
„Linksextremismus“, und will sie auch diesen Programmteil fortführen?
4. Haben sich aus Sicht der Bundesregierung die Erwartungen, die mit dem
Programmteil zum Bereich „Linksextremismus“ verbunden waren, erfüllt,
und wenn ja, welche Erwartungen haben sich in welcher Weise erfüllt, und
welche Erwartungen haben sich aus welchen Gründen nicht erfüllt?
5. Welche Ansätze pädagogischer Arbeit mit Jugendlichen haben sich aus
Sicht der Bundesregierung unter dem Stichwort „Linksextremismus“
durch die bisherigen Projekte ergeben, und sieht die Bundesregierung die
im Bundesprogramm vorgenommene Problembeschreibung mit der
Bezeichnung „Linksextremismus“ nach wie vor als richtig an (bitte
begründen)?
Die Fragen 3 bis 5 werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Bei dem von den Fragestellern in Bezug genommenen Bericht handelt es sich
lediglich um einen Zwischenbericht. Die Ergebnisse des Schlussberichts bleiben
abzuwarten.
Die Bundesregierung wird die Erreichung dieser Ziele durch das Programm im
Zusammenhang mit einer möglichen Neukonzeption einer Folgeförderperiode
nach Vorliegen der Ergebnisse aus den Projekten sowie der wissenschaftlichen
Begleitung prüfen und eine Entscheidung zur weiteren Verfolgung der
Programmansätze darauf aufbauend treffen.
6. Wie bewertet die Bundesregierung die vom Deutschen Jugendinstitut e. V.
(DJI) durchgeführte Evaluation des Programms „Initiative Demokratie
stärken“ und hier insbesondere des Programmteils zum Thema
„Linksextremismus“, und welcher Veränderungsbedarf ergibt sich aus Sicht der
Bundesregierung für diesen Programmteil durch die Evaluation?
7. Stimmt die Bundesregierung der Einschätzung der Fragesteller zu, dass
die Evaluation des DJI und auch die Projektevaluationen einzelner
Zuwendungsempfänger ergeben haben, dass die im Bundesprogramm
vorgenommene Problembeschreibung unter dem Begriff „Linksextremismus“
untauglich ist, und welche Schlussfolgerung zieht sie aus der Kritik der
Evaluatoren an dieser Begrifflichkeit?
9. Wie bewertet die Bundesregierung die vonseiten des Mittelempfängers
EJBW vorgetragene Kritik am Programmansatz „Linksextremismus“, in
der die „Eindimensionalität des Theoriemodells“ beklagt wird und die
EJBW zu dem Ergebnis kommt, „dass sich das Vorhandensein
linksextremer Einstellungen und Haltungen im Sinne eines Rückgriffs auf
geschlossene linksextreme Welt- und Menschenbilder nicht konstatieren lässt. Die
EJBW sieht dieses Projektergebnis als eines der zentralsten an“, und
welche Schlussfolgerungen zieht sie hieraus?
10. Wie bewertet die Bundesregierung die vom ISP der Evangelischen
Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg und im Rahmen des
Bundesprogramms „Initiative Demokratie stärken“ durchgeführte Studie zum
Bedarf von Angeboten der Jugendhilfe in „linksautonomen Szenen“, die
u. a. zu dem Ergebnis kommt, dass die Konstruktion einer
„linksautonomen Jugendszene“ nicht den Erfahrungen und Positionen der befragten
Expertinnen und Experten der Jugendarbeit entspreche und von diesen
kein Bedarf an so ausgerichteten Jugendhilfeangeboten gesehen wurde,
und welche Schlussfolgerungen zieht sie daraus?
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 9 – Drucksache 18/72111. Wie bewertet die Bundesregierung die in der Evaluation des DJI
angeführten unterschiedlichen Ansätze der Modelprojekte zur „Aneignung“ des
Themas „Linksextremismus“, welche Ansätze haben sich aus Sicht der
Bundesregierung bewährt, und wie begründet sie ihre Bewertung?
12. Teilt die Bundesregierung die in der Evaluation des DJI vorgenommene
Kritik an den „aufklärungspädagogischen Projekten“, deren Ansatz aus
Sicht des DJI eine Überforderungs-, Überfrachtungs- und
Überwältigungsgefahr der jugendlichen Teilnehmer enthält, und welche
Schlussfolgerung zieht die Bundesregierung aus dieser Kritik?
13. Wie bewertet die Bundesregierung den in der Evaluation des DJI
enthaltenen Vorwurf, dass einzelne Projekte die jugendlichen Teilnehmerinnen
und Teilnehmer politisch und moralisch überwältigen, und wie lässt sich
ein solcher Ansatz von Modellprojekten mit den Standards pädagogischer
Arbeit vereinbaren?
15. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem
abschließenden Resümee der Evaluation des DJI zum Programmbereich
„Linksextremismus“, in dem es heißt: „Diese Beobachtungen unterstreichen die
Einschätzung der Wissenschaftlichen Begleitung, dass sich derzeit (…)
kein Bedarf für einen das gesamte Bundesgebiet abdeckenden
Programmbereich zum Thema ‚pädagogische Prävention von ‚Linksextremismus‘
im Jugendalter‘ feststellen lässt“?
Die Fragen 6, 7, 9 bis 13 und 15 werden aufgrund des Sachzusammenhangs
gemeinsam beantwortet.
Die Aussagen des Deutschen Jugendinstituts (DJI) aus dem Zwischenbericht
beziehen sich auf ausgewählte Teile von Projektergebnissen, zu denen auch
Aussagen aus bereits abgeschlossenen Maßnahmen gehören. Ihren
Informationszweck im Hinblick auf das Programm selbst erfüllen sie in der Gesamtschau. Im
Übrigen wird auf die Antwort zu den Fragen 3 bis 5 verwiesen.
8. Ist der in der Evaluation des DJI erwähnte Ergebnisbericht für das Jahr
2012 (Leistner, Alexander/Schau, Katja, Johansson, Susanne (2013):
Ergebnisbericht der Wissenschaftlichen Begleitung des Bundesprogramms
„INITIATIVE DEMOKRATIE STÄRKEN“, Berichtszeitraum 1. Januar
2012 bis 31. Dezember 2012, Herausgegeben von: DJI. Halle/Saale)
durch das BMFSFJ veröffentlicht worden?
Wenn ja, wann und wo?
Wenn nein, warum nicht?
Der Bericht ist nicht durch das Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend veröffentlicht worden. Die Veröffentlichung erfolgte auf den
Internetseiten des DJI (
www.dji.de).
14. Welche über das Teilprogramm „Linksextremismus“ im Programm
„Initiative Demokratie stärken“ finanzierten Projekte arbeiten nach Kenntnis
der Bundesregierung mit dem vom DJI so genannten
aufklärungspädagogischen Ansatz (bitte einzeln auflisten), und will die Bundesregierung
diese Projekte in ihrer jetzigen Form weiterführen, bzw. welche
Veränderungen sind geplant?
Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Begleitung durch das DJI steht die
Betrachtung der Gesamtanlage des Programms. Die Auswertungen des DJI
erfolgen soweit wie möglich aggregiert bzw. typologisierend. Der sog.
aufklärungspädagogische Ansatz stellt einen vom DJI herausgearbeiteten grundsätzlichen
Drucksache 18/721 – 10 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodepädagogischen Typus dar. Dieser grundsätzliche Typus wird vom DJI anhand
von Elementen verschiedener Projekte beschrieben. Eine alleinige Zuordnung
bestimmter Projekte zu dem grundsätzlichen Typus in seiner gesamten Breite
wird jedoch dem einzelnen Projekt nicht gerecht. Auch im Hinblick darauf hat
das DJI den Projekten eine Anonymisierung im Rahmen der Programmanalyse
zugesichert.
Die Mehrheit der Projekte ist bereits im Jahr 2013 ausgelaufen. Nur vier
Projekte im Programmbereich „Linksextremismus“ befinden sich aktuell noch in
der Abschlussphase. Insofern wird auf die Antwort zu Frage 1 verwiesen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]