[Deutscher Bundestag Drucksache 18/2531
18. Wahlperiode 12.09.2014Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Harald Ebner, Steffi Lemke, Friedrich
Ostendorff, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 18/2336 –
Neuere Forschungsergebnisse zur Gefährdung von Bestäuberinsekten, Vögeln
und weiterer Organismen durch systemische Pestizidwirkstoffe (insbesondere
Neonicotinoide) und der sich daraus ergebende Handlungsbedarf für Regulierung
und Forschung
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Neonicotinoide sind eine Gruppe hochtoxischer Insektizide, die seit ca. 20
Jahren in der Landwirtschaft und im Gartenbau im steigenden Umfang eingesetzt
werden. Eine stetig wachsende Zahl wissenschaftlicher Studien belegt, dass
Neonicotinoide und weitere systemische Pestizidwirkstoffe auch in sehr
niedrigen, nicht tödlich wirkenden (subletalen) Mengen sich negativ auf Bienen
auswirken (u. a. hinsichtlich Orientierungssinn, Sammelleistung, Bruterfolg
und Widerstandskraft gegenüber Krankheitserregern). Die Europäische
Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat im September 2013 diesen
Erkenntnissen und offenkundigen Defiziten der bisherigen Risikobewertung
Rechnung getragen und ein Anwendungsmoratorium für die Wirkstoffe
Clothianidin, Imidacloprid, Thiamethoxam und Fipronil in bienenattraktiven
Kulturen empfohlen, was im Oktober 2013 auf EU-Ebene auch beschlossen wurde
(und nach Ablauf von zwei Jahren überprüft werden soll).
Trotz des geltenden Moratoriums bestehen nach wie vor erhebliche Risiken für
die Umwelt, da Anwendungen u. a. bei Zierpflanzen, in Gewächshäusern und
bei nicht blühenden Feldfrüchten erlaubt bleiben und bekannt ist, dass sich
Neonicotinoide und ihre teilweise ebenfalls toxischen Metaboliten in Böden
und Gewässern anreichern können. Neuere Untersuchungen machen deutlich,
dass Gefährdungen nicht allein Bestäuber betreffen, sondern auch Organismen
in Böden und Gewässern sowie mittelbar über die Nahrungskette auch Vögel
und andere Wirbeltieren erheblich geschädigt werden. Inzwischen wird von
einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die
ökologische Vertretbarkeit des Einsatzes dieser Pestizide zumindest im bisherigen
Umfang infrage gestellt und Konsequenzen seitens der Regulierungsbehörden
eingefordert.
Die Zeit des EU-Moratoriums für die oben genannten Wirkstoffe muss genutzt
werden, um die aufgeworfenen Fragen und Defizite der Risikoforschung zu
klären und damit die Basis für eine umfassende und gründliche Neubewertung der
Risiken durch Neonicotinoide zu schaffen. Auch Deutschland ist in der
Verantwortung, entsprechend Konsequenzen für die Ausrichtung der eigenen For-Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft
vom 10. September 2014 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 18/2531 – 2 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodeschungsaktivitäten zur Bienengesundheit und zur Ökotoxikologie der
Neonicotinoide zu ziehen sowie Maßnahmen zu treffen, um die Entwicklung und
Anwendung ökologisch unbedenklicher Alternativen im Pflanzenschutz zu fördern.
Vo r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten Mitgliedstaaten der
Europäischen Union (EU) wurden in den letzten Jahren die Bemühungen deutlich
verstärkt, eine noch bessere Einschätzung möglicher Auswirkungen von
Pflanzenschutzmitteln auf Mensch, Tier und Naturhaushalt zu erreichen. Hierbei kommt
gerade auch den Neonikotinoiden eine große Bedeutung zu. Es ist spätestens seit
dem schweren Bienenschaden im Jahr 2008, der durch das Zusammentreffen
verschiedener Faktoren verursacht wurde, für Deutschland deutlich geworden,
dass der Einfluss auf die Bienengesundheit sowie das Potenzial für Schäden
auch für andere Bestäuberinsekten bei der Pflanzenschutzmittelzulassung einen
höheren Stellenwert haben muss. Die Ergebnisse aus den Bemühungen fließen
in eine verbesserte Bewertung der Risiken für Nichtzielorganismen ein. Die
verbesserte Risikobewertung wurde in ein verbessertes Risikomanagement
umgesetzt. Auch die Forschung zum integrierten Pflanzenschutz einschließlich
Alternativen zu chemischen Pflanzenschutzmitteln wird von der Bundesregierung
ausdrücklich unterstützt und gefördert. Die Anstrengungen wurden in den
letzten Jahren deutlich verstärkt. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist es
wichtig, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, zu analysieren und, wenn
notwendig, daraus Handlungsoptionen abzuleiten. Dies gilt auch für die in der
vorliegenden Anfrage angesprochenen Studien, deren Prüfung und Auswertung
noch weitere, über die Frist zur Beantwortung der Kleinen Anfrage
hinausgehende Zeit erfordern wird.
1. Welche Wirkstoffe aus der Gruppe der Neonicotinoide sowie weitere
systemische Insektizidwirkstoffe, deren Anwendung in der EU aktuell erheblich
beschränkt oder untersagt ist, sind in den USA und Kanada zugelassen?
Nach Information des Bundesamtes für Verbraucherschutz und
Lebensmittelsicherheit (BVL) sind Pflanzenschutzmittel mit den neonikotinoiden
Wirkstoffen Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam in den USA gemäß des
Sachstandes in der Datenbank NPIRS (National Pesticide Information Retrieval
System) zugelassen. Die Online-Datenbank der kanadischen Zulassungsbehörde
nennt ebenfalls zugelassene Pflanzenschutzmittel für diese Wirkstoffe.
2. Über welche Kenntnisse verfügt die Bundesregierung zu inländischen
Absatzmengen von Pflanzenschutzmitteln mit Neonicotinoiden und anderen
Wirkstoffen mit systemischer Funktionsweise seit dem Jahr 2012 (bitte so
weit möglich nach Jahren, Wirkstoffen und Einsatzbereichen
aufschlüsseln)?
Das BVL veröffentlicht gemäß den gesetzlichen Vorgaben im
Pflanzenschutzrecht in seinen jährlichen Berichten die Mengenklassen für die einzelnen
Wirkstoffe. Diese Berichte sind im Internet zugänglich:
www.bvl.bund.de/
psmstatistiken. Die Berichte enthalten auch die summierten Absatzmengen für
Wirkstoffgruppen, darunter seit 2011 die Gruppe der Neonikotinoide
(Acetamiprid, Clothianidin, Imidacloprid, Thiacloprid und Thiamethoxam).
Bei folgenden insektiziden Wirkstoffen kann man ebenfalls von einer
systemischen Wirkung ausgehen: Dimethoat, Flonicamid, Pymetrozin und
Spirotetramat. Als teilsystemische Wirkstoffe sind Azadirachtin und
Chloranthraniliprole einzustufen. Fipronil ist nicht bis schwach systemisch wirksam; der
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 3 – Drucksache 18/2531Wirkstoff ist aber grundsätzlich ebenfalls für Bienen toxisch und unterliegt in
der EU ähnlichen Beschränkungen zum Schutz von Bienen wie Clothianidin,
Imidacloprid und Thiamethoxam.
Der Inlandsabsatz für die neonikotinoiden Wirkstoffe, die sechs genannten
sonstigen (teil)systemisch wirkenden Insektizide und Fipronil betrug 2012 insgesamt
529 Tonnen, davon sieben Tonnen für nichtberufliche Verwender; 2013 waren
es 383 Tonnen, davon vier Tonnen für nichtberufliche Verwender.
3. Welchen Anteil hatten Formulierungen zur Saatgutbeizung an der bis zum
Jahr 2013 inländisch verkauften Gesamtmenge Pflanzenschutzmitteln aus
der Gruppe der Neonicotinoide?
Es gibt keine gesetzliche Verpflichtung für eine Meldung hinsichtlich des
Anteils der für die Saatgutbehandlung verwendeten Mengen formulierter
Pflanzenschutzmittel. Somit liegen dem BVL hierzu keine Meldungen vor.
4. Über welche Erkenntnisse verfügt die Bundesregierung hinsichtlich der
Frage, welche Formulierungen und Mengen an Insektiziden mit den
Wirkstoffen Clothianidin, Imidacloprid, Thiamethoxam und Fipronil aktuell
verkauft bzw. eingesetzt werden für Anwendungen, die nicht vom aktuellen
Moratorium für die Anwendungen in bienenattraktiven Kulturen erfasst
sind?
Da nach § 64 des Pflanzenschutzgesetzes (PflSchG) die Absatzmengen jährlich
bis zum 31. März des Folgejahres an das BVL zu melden sind, liegen der
Bundesregierung bislang noch keine Informationen darüber vor, wie sich die
Verkaufsmengen seit dem Inkrafttreten der Durchführungsverordnung (EU)
Nr. 485/2013 am 1. Oktober 2013 entwickelt haben.
5. Wie bewertet die Bundesregierung die Selektivität der Pflanzenschutzmittel
mit Neonicotinoid-Wirkstoffen, die auf dem deutschen Markt verfügbar
sind?
Neonikotinoide haben eine relativ breite Wirkung gegen saugende und beißende
Insekten, ermöglichen aber durch systemische Wirkung auch die Bekämpfung
mehrerer Schadinsekten gleichzeitig, die sonst zum Teil durch mehre
Anwendungen (z. B. Spritzanwendungen) kontrolliert werden müssten. Neonikotinoide
haben jedoch bei einigen bedeutenden Tiergruppen (z. B. Spinnmilben) eine
deutlich eingeschränkte Wirkung. Pflanzenschutzmittel mit größerer
Wirkungsbreite werden je nach Befallslage von Landwirten bevorzugt angewandt, um die
Zahl der Anwendungen zu reduzieren.
6. Welche als Nützlinge bzw. Nichtschädlinge identifizierten Gruppen von
Wirbellosen weisen gegenüber den in Deutschland zugelassenen
neonicotinoid-haltigen Pflanzenschutzmitteln eine Empfindlichkeit auf, werden also
durch diese Mittel geschädigt (bitte nach Organismengruppe, Art der
Schädigung durch Neonicotinoide, wissenschaftliche Grundlage der
Einschätzung wie eigene Untersuchungen, Publikationen etc. aufschlüsseln)?
Neonikotinoide blockieren Nervenzell-Verbindungen und verhindern somit die
Reizweiterleitung. Es muss aufgrund der Wirkungsweise, den allgemeinen
Erkenntnissen und der Ergebnisse von Untersuchungen im Rahmen der
Zulassungsverfahren davon ausgegangen werden, dass alle terrestrischen und
aquatischen Nützlinge bzw. Nichtzielarten aus dem Stamm der Gliederfüßer
grundsätzlich eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Neonikotinoid-Wirkstoffen
Drucksache 18/2531 – 4 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodeaufweisen. Eine Ausnahme bilden, wie in der Antwort zu Frage 5 ausgeführt,
Spinnentiere, auf die Neonikotinoide nur geringe Wirkungen haben.
Neonikotinoide wirken insbesondere gegen am Phloem saugende Insekten wie Blattläuse
und gegen phytophage Arten. Wirkungen gegen nicht phytophage Insekten
durch von Pflanzen aufgenommenen Wirkstoff sind bei gleicher intrinsischer
Toxizität geringer als bei phytophagen Arten, da sie kein für sie toxisch
wirkendes Pflanzenmaterial aufnehmen. Nicht schädliche Insekten können teilweise
auch geschädigt werden, wenn sie in Kontakt mit den Pflanzenschutzmitteln
kommen, wobei die Möglichkeit für einen Kontakt bei Saatgutanwendungen
eingeschränkter ist als bei Spritzanwendungen.
Regenwürmer sind den im Rahmen der Zulassungsverfahren vorliegenden
Versuchsergebnissen zufolge deutlich weniger empfindlich als Gliederfüßer. Zur
Empfindlichkeit anderer Wirbelloser (z. B. Schnecken) liegen den zuständigen
Bundesoberbehörden keine Erkenntnisse vor.
7. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung für die zukünftige
Ausrichtung der Forschungsaktivitäten des Bundes (einschließlich des
Deutschen Bienenmonitorings) in Bezug auf die Ursachen hoher
Winterverluste bei Bienenvölkern aus den Ergebnissen einer US-Studie (Lu/
Warchol/Callahan, Bulletin of Insectology 2014), welche zu dem Schluss
kommt, dass subletale Expositionen mit Imidacloprid und Clothianidin die
wahrscheinliche Hauptursache für das Auftreten von Winterverlusten im
Zusammenhang mit dem CCD-Syndrom (colony collapse disorder) ist?
Die Bundesregierung zieht an dieser Stelle die Beurteilung der genannten Studie
an Honigbienen durch das Julius-Kühn-Institut (JKI) heran: Die
Schlussfolgerungen der genannten US-Studie können nach Bewertung durch das JKI nicht
geteilt werden. Die Versuchsanstellung ist mit Mängeln behaftet, so dass eine
verlässliche Aussage durch die Studie nicht abzuleiten ist. In der Studie wurden
Bienenvölker über zweieinhalb Monate mit einer Konzentration von 136°µg/L
exponiert. Die gewählten Konzentrationen liegen deutlich über denen, die z. B.
über Nektar und Pollen bei den vormals zugelassenen Anwendungen von
Bienen aufgenommen werden. Die gewählten Konzentrationen liegen nicht im
so genannten subletalen Bereich, sondern in einem Bereich, der als toxisch
(schädigend) einzustufen ist. Die Konzentrationen liegen etwa 20-mal so hoch,
wie z. B. maximal im Rapsnektar nachgewiesene Konzentrationen. Wenn die
durchschnittlich auftretenden Konzentrationen im Rapsnektar und Rapspollen
zugrunde gelegt werden, ist der Faktor noch deutlich höher. Auch die
Expositionsdauer entspricht nicht denen im Rahmen der Anwendung notwendigen
Zeiträumen. Dass Schäden bei den hier gewählten Konzentrationen auftreten, ist
seit vielen Jahren bekannt.
Der hier postulierte Zusammenhang mit CCD ist vor dem Hintergrund der aus
den USA bekannten Symptomatik wissenschaftlich nicht nachvollziehbar. In
anderen Ländern, in denen Neonikotinoide über viele Jahre angewandt wurden,
sind die als CCD beschriebenen Symptome nicht festgestellt worden. Das in der
Studie beobachtete Verschwinden von Bienen aus dem Stock ist als
„Kahlfliegen“ infolge von Varroa und einhergehenden Sekundärinfektionen mit Viren
bekannt. Darüber hinaus ist die Beobachtung der Bienen und der Brut
unzureichend erfolgt. Z. B. wurde die akute Mortalität der Bienen, die einen
verlässlichen Parameter darstellt, nicht erhoben.
Die Ergebnisse des deutschen Bienenmonitorings (DEBIMO) zeigen, dass die
Anzahl der Varroa-Milben vor der Einwinterung im Herbst die primäre Ursache
für mögliche Winterverluste darstellt. Inwieweit das Vorhandensein von
Pflanzenschutzmittelrückständen eine insoweit verstärkende Wirkung zeigt, lässt sich
aus den Ergebnissen des DEBIMO, zumindest derzeit, nicht ableiten.
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 5 – Drucksache 18/25318. Ist aus Sicht der Bundesregierung die Fokussierung des Deutschen
Bienenmonitorings auf die Varroa-Milbe sowie durch sie übertragene Pathogene
als mögliche Ursache der Bienenverluste noch gerechtfertigt vor dem
Hintergrund, dass in der oben genannten US-Studie keine signifikanten
Unterschiede bei den Versuchs- und Kontrollgruppen in Bezug auf den Befall mit
Varroa-Milben festgestellt wurden und bei den Bienenvölkern mit
Neonicotinoidexposition ein Großteil der Bienen während der Zeit der Winterruhe
spurlos aus dem Stock verschwand, was den üblichen Symptomen pathogen
verursachter Völkerverluste widerspricht?
Aus Sicht der Bundesregierung ist eine Fokussierung nach wie vor angezeigt vor
dem Hintergrund, da die Überwinterungsverluste der am DEBIMO
teilnehmenden Imker über die Jahre regelmäßig geringer sind, als die der nicht
teilnehmenden Imker. Zudem dient das DEBIMO in seiner bewährten Form auch dazu,
Veränderungen des Vorkommens von pathogenen Mikroorganismen und
Parasiten mit Bedeutung für Bienen zu erfassen. Im Hinblick auf einen möglichen
Einfluss von Pflanzenschutzmittelrückständen wird auf die Antwort zu Frage 7
verwiesen.
9. Welche Schlussfolgerungen für die Weiterentwicklung von
Risikoforschung und -bewertung von Neonicotinoiden zieht die Bundesregierung aus
den Ergebnissen einer italienischen Studie (Di Prisco et al., PNAS 2013),
wonach die Aufnahme von (der landwirtschaftlichen Praxis
entsprechenden) Mengen an Clothianidin und Imidacloprid die Immunabwehr von
Bienen gegenüber Viren erheblich beeinträchtigt und im Experiment zur
starken Vermehrung eines Virus führte, der Flügeldeformationen verursacht?
Die Ergebnisse der genannten Studie wurden im Labor mit einzelnen Bienen in
Versuchskäfigen durchgeführt. Es wurden keine weitergehenden Versuche mit
Bienenvölkern durchgeführt. Es ist nicht gesichert, ob und inwieweit die
Versuchsergebnisse von den Laborversuchen auf Freilandbedingungen übertragen
werden können. Es ist bekannt, dass einzelne Bienen unter Laborbedingungen
völlig anders auf Stressoren reagieren können als unter Feldbedingungen im
Bienenvolk.
Wenn die Hypothese der Autoren zutreffend wäre, dann sollte auf breiter Fläche
eine Zunahme der Virenbelastung von Bienenvölkern und auch deutliche
Unterschiede zwischen landwirtschaftsfernen Standorten und Standorten mit
intensivem Kontakt z. B. zu gebeiztem Raps feststellbar sein. Aus dem DEBIMO ist
ein vermehrtes Auftreten der Viren ohne Varroabelastung nicht bekannt. Der
Bundesregierung liegen aber Erkenntnisse vor, dass gerade Bienenvölker, die
Raps als Tracht nutzen, eine deutlich bessere Entwicklung aufweisen als
Bienenvölker, denen kein Raps zur Verfügung steht.
Aus einer aktuell noch nicht abgeschlossenen schwedischen Feldstudie zu
Auswirkungen der Saatgutbehandlungen von Raps mit Clothianidin liegen
Erkenntnisse zu den Auswirkungen auf Honigbienen vor. Bei Vorliegen von
Rückständen von 2 µg/kg in Bienen, 14 µg/kg in Pollen und 10 µg/kg in Nektar
wurden keine Effekte auf Mortalität, Brut- und Volksentwicklung und Verhalten der
Bienen sowie keine Auswirkungen auf den Befall mit Nosema und mit Viren
festgestellt. Diese Rückstände sind deutlich höher als die, die unter deutschen
Bedingungen in Winterraps bekannt sind. In Schweden wird in der Regel
Sommerraps, der eine kürzere Entwicklungszeit aufweist, angebaut. Die Ergebnisse
sind noch nicht veröffentlicht, weitere Ergebnisse werden im Verlauf des Jahres
2014 auch zu Wildbienen erwartet.
Eine Reihe ähnlicher Versuche zu potenziellen Wechselwirkungen zwischen
anderen Krankheitserregern und Neonikotinoiden konnten Effekte auf Laborebene
nachweisen, unter Freilandbedingungen konnten die Effekte nicht verifiziert
Drucksache 18/2531 – 6 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodewerden (z. B. Pettis et al., Alaux et al. 2010; Vidau et al. 2011; Aufavre et al.,
2012).
Forschungsbedarf wird besonders unter realen Feldbedingungen gesehen, um
Wechselwirkungen verschiedener Faktoren zu untersuchen. Hierzu gehören
zum Beispiel die Auswirkungen subletaler Neonikotinoidbelastungen von
Bienen mit erhöhter Anfälligkeit für Parasiten bzw. Krankheitserreger.
10. Welche Schlussfolgerungen für die Weiterentwicklung von
Risikoforschung und -bewertung von Neonicotinoiden zieht die Bundesregierung
aus dem Ergebnis einer aktuellen britischen Studie (Feltham/Park/
Goulson, Ecotoxicology 2014), wonach der landwirtschaftlichen Praxis
entsprechende Mengen Imidacloprid zu einer deutlichen Verschlechterung
der Pollensammelleistung von Hummeln führen, was erhebliche
Auswirkungen auf die Überlebenschance von Hummelvölkern (u. a. hinsichtlich
der Königinnenproduktion) haben kann?
Die genannte Studie zeigt, dass die Fütterung von Imidacloprid unter
Laborbedingungen die Pollensammelleistung von Hummeln unter so genannten
worst-case-Bedingungen reduzieren kann. Dieser Befund ist für die
Risikobewertung insoweit relevant, als eine Beeinträchtigung der
Pollensammelleistung die Überlebenschance wildlebender Hummelvölker reduzieren kann.
Die Ergebnisse der Studie stehen im Einklang mit einer Publikation von
Whitehorn et al. (2012), die bei denselben eingesetzten Konzentrationen von
Imidacloprid Effekte auf die Gesamtentwicklung von Hummelvölkern und die
Produktion von Königinnen beschreibt. Die in beiden Versuchen verwendeten
Konzentrationen von Imidacloprid können nach derzeitigem Kenntnisstand im
Freiland als Extremwerte auftreten, auch wenn die Exposition der einzelnen
Hummeln unter Feldbedingungen wahrscheinlich kürzer ausfällt als in diesem
Laborversuch. Die Ergebnisse der genannten Studien müssen im Rahmen der
Risikobewertung von Pflanzenschutzmitteln für den Naturhaushalt zusammen
mit allen weiteren vorliegenden Erkenntnissen berücksichtigt werden.
Weitergehender Forschungsbedarf besteht insoweit, als in den Versuchen noch
nicht geklärt werden konnte, ab welcher Konzentrationsschwelle relevante
subletale Effekte bei Hummeln und anderen wildlebenden Bestäubern ausgelöst
werden.
11. Welche Schlussfolgerungen insbesondere hinsichtlich der Erfordernis
weitergehender Anwendungsbeschränkungen für Neonicotinoide im
Sinne des Vorsorgeprinzips zieht die Bundesregierung aus der aktuellen
Studie der Freien Universität Berlin (Johannes Fischer et al., PLOS One
2014), wonach subletale Dosen der drei Neonicotinoidwirkstoffe
Clothianidin, Imidacloprid und Thiacloprid negative Auswirkungen auf die
Gedächtnisleistung (im Zusammenhang mit dem Orientierungssinn) haben
und damit das Sammelverhalten von Bienen beeinträchtigen?
Die Studie von Fischer et al. bezieht sich ausschließlich auf Versuche mit
Honigbienen. Die Anzahl der Versuchsbienen in der Studie beziffert sich
insgesamt auf 208 Bienen, die sich auf Untersuchungen in zwei Jahren mit jeweils
vier Behandlungen plus Kontrolle verteilen. Die Anzahl Versuchsbienen je
Behandlung betrug 15 bis 20 Bienen.
Die verabreichten Dosierungen betrugen nach Angaben der Autoren 2,5 ng/
Biene (äquivalent 25 ppb) für Clothianidin, 7,5 ng/Biene (äquivalent 75 ppb),
und 11,25 ng/Biene (äquivalent 112.5 ppb) für Imidacloprid und 1,25 µg/Biene
(äquivalent 12,5 ppm) für Thiacloprid. Die verabreichten Dosen entsprechen
damit für Clothianidin und Imidacloprid Werten, die geringfügig unterhalb bzw.
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 7 – Drucksache 18/2531leicht oberhalb der jeweiligen LD501 liegen. Für Thiacloprid sind die Dosen um
den Faktor 10 unterhalb der LD50 einzuordnen. Sämtliche Dosierungen liegen
deutlich über den in Nektar und Pollen von behandeltem Saatgut
nachgewiesenen Konzentrationen; Daten über die Aufnahme von Thiacloprid aus frisch
behandelten blühenden Beständen liegen im JKI nicht vor. Somit stellen die
verwendeten Dosierungen nicht die tatsächlich vorliegenden Feldbedingungen für
Bienen nach. Bei den verwendeten Dosierungen im Bereich des LD50-Wertes ist
mit toxischen Wirkungen zu rechnen.
Die Autoren schlussfolgern, dass die Anwendung der drei Neonikotinoide
Imidacloprid, Clothianidin und Thiacloprid bei subletalen Dosen die Navigation
von Honigbienen störte, obwohl nach den Aussagen der Autoren kein Einfluss
auf die Flugleistung an sich oder die Motivation der Bienen, in den Bienenstock
zurückkehren zu wollen, nachweisbar war. Dagegen war hinsichtlich der
Heimfindung bei behandelten Bienen eine Verringerung der Wahrscheinlichkeit der
Ankunft am Bienenstock, der Befähigung der Orientierung an markanten
Landschaftsstrukturen und folglich der Durchführung eines Geradeausfluges in
Richtung auf den Bienenstock festzustellen.
Gemessen an der Anzahl von Flugbienen im relevanten Zeitraum von etwa
10 000 bis 20 000 Bienen, erscheint die Anzahl von 15 bis 20 Versuchsbienen
als nicht ausreichend repräsentativ, um nach den jetzt vorliegenden Versuchen
die Ergebnisse auf alle Honigbienen bzw. Bienenvölker zu übertragen.
Auswirkungen der verabreichten Dosen für Clothianidin und Imidacloprid, die nahe
bzw. über der LD50 liegen, sind zu erwarten. Die hier verwendeten Mengen sind
jedoch unter Freilandbedingungen in Nektar behandelter Pflanzen bislang nicht
nachgewiesen worden. Nicht nachvollziehbar ist, dass die Versuchsbienen nach
der vergleichsweise niedrigeren Thiacloprid-Dosierung (ca. 17 µg/Biene) in der
Regel stärkere Auswirkungen zeigten als in den Imidacloprid- und Clothianidin-
Behandlungen im Bereich der letalen Dosis. Eine Verifizierung der
verabreichten Dosen erscheint dringend angeraten, zumal Pflanzenschutzmittel mit dem
Wirkstoff Thiacloprid in zahlreichen Felduntersuchungen als
bienenungefährlich beschrieben wurden.
Somit lässt sich schlussfolgern, dass die hier erarbeiteten Erkenntnisse zu
Störungen des Heimfindungsvermögens nicht auf die Praxis übertragbar sind. Die
Studie wird als interessanter, weiterer Beleg dosisabhängiger Wirkungen – auch
im subletalen Bereich – bewertet, der ggf. im Rahmen der Forschung näher
aufgeklärt werden sollte. Aus Sicht der Zulassung ergibt sich daraus kein
Handlungsbedarf.
12. Welche Schlussfolgerungen für die Weiterentwicklung von
Risikoforschung und -bewertung bezüglich der Neonicotinoide zieht die
Bundesregierung aus dem Ergebnis einer aktuellen britisch-kanadischen Studie
(Gibbons/Morrisey/Mineau 2014), wonach eine Exposition mit sehr
niedrigen Dosen auch bei Wirbeltieren zu subletalen Effekten führt (z. B.
Flugunfähigkeit bei Spatzen durch die Imidacloprid-Menge entsprechend dem
Viertel eines damit gebeizten Rübensamens)?
Gibbins et al. (2014) bringen in der Literatur beschriebene Effekte von
Neonikotinoiden u. a. auf Vögel und Säugetiere in Zusammenhang mit der Exposition
durch gebeiztes Saatgut. Die Autoren schlussfolgern, dass auch bei bestim-
1 LD50 – Der LD50-Wert gibt die Menge eines Stoffs oder einer Strahlung an, bei der 50 Prozent einer
Population bestimmter Lebewesen sterben. Die Werte werden durch Tierversuche ermittelt. Den Tieren
wird eine bestimmte Menge des Stoffes einmalig verabreicht. Der LD50-Wert (Letale Dosis) – auch
DL50-Wert (Dosis letalis) – wird in einer bestimmten Messgröße wie z. B. Milligramm, hier Nano- oder
Mikrogramm, angegeben.
Drucksache 18/2531 – 8 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodemungsgemäßer und sachgerechter Anwendung weder direkte Effekte durch
Vergiftung, noch indirekte Effekte durch Beeinträchtigung des Nahrungsnetzes
ausgeschlossen werden können.
Die von den Autoren beschriebenen Studien zu Wirkungen der Neonikotinoide
auf Wirbeltiere sind bekannt und wurden in den Zulassungsverfahren für
Pflanzenschutzmittel berücksichtigt. Die Ergebnisse der Risikobewertung nach
geltender EU-Leitlinie bestätigen die Schlussfolgerungen der Autoren in Bezug auf
die Gefahr direkter Vergiftung nicht. Vielmehr sind nach der behördlichen
Bewertung Vergiftungen von Vögeln in Folge einer bestimmungsgemäßen und
sachgerechten Anwendung weitestgehend ausgeschlossen. Die Erkenntnisse der
Autoren in Bezug auf die Risiken einer indirekten schädlichen Wirkung auf
Vogelpopulationen und weitere Organismengruppen durch Störung des
Nahrungsnetzes nimmt die Bundesregierung gleichwohl sehr ernst. Siehe hierzu die
Antwort zu Frage 15.
13. Welche Schlussfolgerungen insbesondere hinsichtlich des Reformbedarfs
bei der Risikobewertung im Rahmen von Zulassungsverfahren für
Pflanzenschutzmittel und der Erfordernis weiterer
Anwendungsbeschränkungen für Neonicotinoide zieht die Bundesregierung aus den
Ergebnissen der Metastudie der „Task Force on Systemic Pesticides“ (Worldwide
Integrated Assessment, WIA, vgl. Medieninformation zum Download
unter www. belgamediasupport.be/load-file.do;jsessionid=128B7D238C
590B44127E07F00933BC8C?load=true&aId=29248), deren Autoren zum
Schluss kommen, dass der derzeitige Einsatz der Neonicotinoide „nicht
tragbar“ ist?
Die zitierte Studie der WIA fasst das Wissen zu Neonikotinoiden, das in den
letzten Jahren veröffentlicht wurde, zusammen. Eine kritische Würdigung von
Studien mit unrealistischer Exposition oder aus wissenschaftlicher Sicht
unzureichendem Design fehlt. Die zitierten Einzelstudien sind den
Bewertungsbehörden bekannt und werden in der Bewertung von Risiken von
Pflanzenschutzmitteln mit diesen Wirkstoffen für den Naturhaushalt berücksichtigt. So
wird beispielsweise zurzeit die Bewertung von Risiken von Neonikotinoiden für
Gewässerorganismen aufgrund neuer Erkenntnisse, auf die auch die Metastudie
Bezug nimmt, im Rahmen der gemeinsamen EU-Wirkstoffbewertung überprüft.
Bedarf für eine Weiterentwicklung besteht in der Risikobewertung und im
Risikomanagement von wildlebenden Bestäubern, die bislang in der
Zulassungsprüfung nicht berücksichtigt sind. Die Europäische Behörde für
Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat im Juli 2013 auf Grundlage der aktuellen Erkenntnisse
eine neue Leitlinie für die Bewertung von Honigbienen, Hummeln und anderen
Wildbienen veröffentlicht. Über ihre Verwendung in der Bewertung von
Pflanzenschutzmitteln und ihren Wirkstoffen wird zurzeit im Ständigen Ausschuss
für die Lebensmittelkette und Tiergesundheit (STALUT) beraten. Die
Bundesregierung setzt sich seit längerem auf internationaler Ebene für eine
Verbesserung des Bienenschutzes und eine Verbesserung der Prüfmethoden und
Ausweitung der Prüfanforderungen ein. Das Julius-Kühn-Institut und das
Umweltbundesamt sind aktiv in der Methodenentwicklung und Fortschreibung der
Prüfmethoden auf internationaler Ebene beteiligt.
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 9 – Drucksache 18/253114. Welche Schlussfolgerungen auch hinsichtlich des Erhalts der nachhaltigen
Bodenfruchtbarkeit zieht die Bundesregierung aus der von der „Task
Force on Systemic Pesticides“ genannten hohen Anfälligkeit wirbelloser
Landtiere wie Regenwürmer für Neonicotinoide in feldrealistischen
niedrigen Konzentrationen?
Im zusammenfassenden Artikel der „Task Force on Systemic Pesticides“ von
Van der Sluijs et al. (2014) wird eine Studie zitiert, die über Auswirkungen der
Ausbringung von Neonikotinoiden auf wirbellose Landtiere berichtet. Leider ist
diese Studie noch nicht verfügbar. Die Prüfung der Studienergebnisse und die
Ableitung von validen Schlussfolgerungen sind daher noch nicht möglich.
Generell gilt, dass eine aktive Bodenfauna und -flora Voraussetzung für eine
nachhaltige Bodenfruchtbarkeit ist. Ein Pflanzenschutzmittel darf nur
zugelassen werden, wenn ausgeschlossen werden kann, dass seine Anwendung
unvertretbare Auswirkungen auf das Schutzgut Boden hat.
Für die Abschätzung von Risiken der Pflanzenschutzmittelanwendung für diese
Organsimen erfolgt im Rahmen des behördlichen Zulassungsverfahrens von
Pflanzenschutzmitteln eine umfassende Prüfung auf der Grundlage
verschiedener Studien.
Auf Grundlage der aktuellen Bewertung der Neonikotinoidhaltigen
Pflanzenschutzmittel im Zulassungsverfahren kann eine hohe Anfälligkeit von
Regenwürmern für Neonikotinoide in feldrealistischen Konzentrationen
weitestgehend ausgeschlossen werden. Für andere Bodenorganismen, z. B.
Springschwänze oder Raubmilben zeigen die vorliegenden Versuchsergebnisse höhere
Risiken auf, so dass unvertretbare Risiken nicht immer ausgeschlossen werden
können. Für diese Pflanzenschutzmittel wurden vom jeweiligen Antragsteller
detaillierte Studien nachgefordert, die zurzeit durchgeführt werden.
15. Welche Schlussfolgerungen hinsichtlich einer Reform der
Risikobewertung und der Erfordernis weitreichender Anwendungsbeschränkungen für
Neonicotinoide zieht die Bundesregierung aus den Ergebnissen von zwei
neueren niederländischen Studien (Hallmann et al., Nature, Juli 2014 und
Van Dijk/Van Staalduinen/Van der Sluijs, PLOS One 2013), wonach ein
klarer Zusammenhang zwischen der Gewässerbelastung mit Imidacloprid
und einem deutlichen Bestandsrückgang bei 14 Vogelarten feststellbar ist
und Gewässerbelastungen mit Imidacloprid ebenfalls zu
Populationsrückgängen bei größeren wirbellosen Arten führen?
Hallmann et al. (2014) stellen einen statistischen Zusammenhang zwischen
bereits bekannten Populationsrückgängen bei insektenfressenden Vogelarten und
Gewässerbelastungen mit dem Wirkstoff Imidacloprid fest. Sie kommen zu der
Schlussfolgerung, dass Imidacloprid neben weiteren bekannten
landwirtschaftlich bedingten Einflussfaktoren (z. B. Unterschiede in der Landnutzung), sehr
wahrscheinlich zu den beobachteten Bestandsrückgängen bei Vögeln
beigetragen hat. Als Ursache sehen sie weniger eine Vergiftung von Vögeln durch
Aufnahme des Wirkstoffs als den Entzug der Nahrungsgrundlage der Vögel
durch die Abtötung der Insekten (indirekter Effekt). Dieser Befund deckt sich
weitgehend mit den Ergebnissen eines aktuellen, aus dem
Umweltforschungsplan des BMUB geförderten Vorhabens zu den Auswirkungen der Anwendung
von Pflanzenschutzmitteln auf Vögel und Säuger2. Das Vorhaben zeigt, dass
eine intensive Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft
2 Jahn, T., Hötker, H., Oppermann, R., Bleil, R. & Vele, L. (2014) – Protection of biodiversity of free
living birds and mammals in respect of the effects of pesticides, Umweltbundesamt; veröffentlicht als
Texte 30/2014
Drucksache 18/2531 – 10 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodedurch Entzug der Nahrungsgrundlage eine wesentliche Gefährdungsursache für
Vogelarten in Feldlandschaften darstellt. Die in der Studie beschriebenen
indirekten Effekte gehen nicht allein auf Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff
Imidacloprid zurück, sondern auch auf die Anwendung auch weiterer
Pflanzenschutzmittel in ihrer Gesamtheit. Hinsichtlich von Schlussfolgerungen in Bezug
auf die indirekten Auswirkungen auf Vögel und die biologische Vielfalt als
solches wird auf die Antwort zu Frage 25 verwiesen.
Die in der Studie Van Dijk et al. (2013) gezeigten Korrelationen zwischen
Rückgängen der Wirbellosenfauna in Gewässern und gemessenen
Gewässerkonzentrationen für den Neonikotinoid-Wirkstoff Imidacloprid sind plausibel. Zwar
trifft auch hier zu, dass angesichts der Anwendung verschiedener
hochwirksamer Insektizide in der heutigen landwirtschaftlichen Praxis eine Fokussierung
auf einen Wirkstoff zu kurz greifen würde. Jedoch deuten aktuelle Erkenntnisse
(Roessink et al., 20133) darauf hin, dass Imidacloprid nach Einschätzung der an
der Zulassung beteiligten Bundesoberbehörden ein wesentlich höheres
Gefährdungspotenzial für wasserlebende Wirbellose hat als bislang angenommen. Die
Europäische Kommission hat deshalb die Überprüfung der
Genehmigungsvoraussetzungen für Imidacloprid veranlasst, zu der Deutschland als
Berichterstatter einen Bewertungsbericht verfasst hat. Diese Überprüfung ist noch nicht
abgeschlossen. Vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse zu Imidacloprid
hat Deutschland auch eine Revision der Bewertung anderer Neonikotinoid-
Wirkstoffe hinsichtlich ihrer Risiken für Gewässerorganismen angeregt.
16. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zur Belastung von
Oberflächengewässern, Grundwasservorkommen und Böden mit
Neonicotinoid-Wirkstoffen und deren Metaboliten in Deutschland vor?
Falls dazu bislang keine oder nicht ausreichende Daten existieren, welche
Initiativen und Maßnahmen wird die Bundesregierung ergreifen, damit
solche Daten möglichst bald und flächendeckend wissenschaftlich
erhoben werden?
Die Erhebung von Daten zur Belastung von Grundwasservorkommen liegt in
der Zuständigkeit der Länder. Die Übermittlung der Daten erfolgt im Rahmen
der Verwaltungsvereinbarung zum Datenaustausch zwischen Bund und
Ländern. Aus den vorliegenden Daten zu Neonikotinoid-Wirkstoffen ergeben sich
nur einzelne Hinweise auf relevante Belastungen von Grundwasservorkommen
mit Neonikotinoid-Wirkstoffen. Untersuchungsumfang und Befunde zu
einzelnen Wirkstoffen sind nachfolgend dargestellt:
Im Zeitraum von 2000 bis 2013 wurden in sieben Ländern an insgesamt 6 904
Grundwassermessstellen Grundwasserproben auf den Wirkstoff Imidacloprid
untersucht. Dabei blieben die Nachweise des Wirkstoffs an 99,4 Prozent der
untersuchten Messstellen unterhalb der analytischen Bestimmungsgrenze (BG).
An 40 Messstellen (0,56 Prozent) wurde der Wirkstoff im
Konzentrationsbereich > BG bis 0,1 µg/L nachgewiesen. Da dem Umweltbundesamt die
konkreten Messwerte und die konkreten Bestimmungsgrenzen nicht bekannt sind, lässt
sich nicht einschätzen, ob und in welchem Maße die gemessenen
Konzentrationen bereits oberhalb der Wirkschwelle für Wasserlebewesen liegen. In einem
Fall (0,01 Prozent der Messstellen) wurde Imidacloprid im
Konzentrationsbereich > 0,1 bis 1 µg/L und damit oberhalb der bekannten Wirkschwelle (im
unteren zweistelligen Nanogramm-Bereich) nachgewiesen.
3 Roessnik, I., Merga, L.B., Zweers, H.J. und Van den Brink, P.J. (2013): The neonicotinoid imidacloprid
shows high chronic toxicity to mayfly nymphs. Envrionm. Toxicol. Chem., 32(5): 1096 –1100.
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 11 – Drucksache 18/2531Zu den Wirkstoffen Clothianidin, Thiamethoxam und Acetamiprid liegen seit
2011 Daten aus den Monitoringprogrammen der Länder vor. Clothianidin und
Thiamethoxam wurden im Zeitraum von 2011 bis 2013 in vier Ländern an
insgesamt 361 Grundwassermessstellen untersucht. Für den Wirkstoff Clothianidin
blieben die Nachweise des Wirkstoffs an 98,6 Prozent der untersuchten
Messstellen unterhalb der analytischen Bestimmungsgrenze (BG). An vier
Messstellen (1,1 Prozent) wurde Clothianidin im Konzentrationsbereich > BG bis
0,1 µg/L und einmal (0,3 Prozent) im Konzentrationsbereich > 0,1 bis 1 µg/L
nachgewiesen. Der Wirkstoff Thiamethoxam wurde an keiner der untersuchten
Messstellen oberhalb der analytischen Bestimmungsgrenze (BG) nachgewiesen.
Acetamiprid wurde im Zeitraum von 2011 bis 2013 in drei Ländern an insgesamt
300 Grundwassermessstellen untersucht und an keiner der Messstellen oberhalb
der analytischen Bestimmungsgrenze (BG) nachgewiesen.
Grundwasserproben wurden im Zeitraum von 2009 bis 2013 in sieben Ländern
an insgesamt 1 307 bzw. 682 Grundwassermessstellen hinsichtlich des
Wirkstoff Thiacloprid und seines Metaboliten M30/YRC 2894 untersucht.
Thiacloprid wurde an keiner der untersuchten Messstellen oberhalb der analytischen
Bestimmungsgrenze (BG) nachgewiesen, sein Metabolit wurde je einmal
(0,1 Prozent) im Konzentrationsbereich > BG bis 0,1 µg/L und im
Konzentrationsbereich > 0,1 bis 1 µg/L nachgewiesen.
Die Erhebung von Daten zur Belastung von Oberflächengewässern liegt
ebenfalls in der Zuständigkeit der Länder. Belastungen mit Neonikotinoiden werden
von den Ländern bislang nicht routinemäßig erfasst. Dem Umweltbundesamt
liegen zu diesen Stoffen nur stichprobenhafte Messungen aus einigen Ländern
vor.
Diesen Daten zufolge wurden an mehreren Messstellen die
Umweltqualitätsnorm-Vorschläge für den Jahresmittelwert (0,002 µg/l) und/oder für die
zulässige Höchstkonzentration (0,1 µg/l) von Imidacloprid überschritten. Dies deutet
darauf hin, dass Imidacloprid ein für die Erfüllung der Anforderungen der EU-
Wasserrahmenrichtlinie relevanter Schadstoff in Oberflächengewässern ist. Für
die Stoffe Clothianidin, Thiametoxam und Thiacloprid liegen nur wenige
Messungen über der Bestimmungsgrenze von in der Regel 0,01 µg/l vor. Für
Acetamiprid liegen alle Messungen unter der jeweiligen Bestimmungsgrenze.
Zur Belastung von Böden mit Neonikotinoid-Wirkstoffen liegen keine
Monitoringdaten vor.
17. Welche Schlussfolgerungen für die Weiterentwicklung der ökologischen
Risikoforschung und Risikobewertung bei Neonicotinoiden zieht die
Bundesregierung aus einer unter Federführung des schweizerischen
Wasserforschungsinstitutes Eawag erstellten Studie (Nyman et al., PLOS One
2013), wonach eine Exposition von niedrigen Dosen Imidacloprid über
zwei Wochen zum Verhungern von (in Bächen lebenden) gewöhnlichen
Flohkrebsen führt, weil diese durch das Toxin gelähmt werden?
Die für die Bewertung zuständige Bundesoberbehörde hält die Ergebnisse der
zitierten Studie für plausibel. Allerdings sind den verfügbaren
ökotoxikologischen Daten zu Folge wasserlebende Insekten wesentlich (ca. 1 000-fach)
empfindlicher gegenüber Imidacloprid als Krebstiere wie der Flohkrebs. Für die
behördliche Bewertung von Risiken für Gewässerlebensgemeinschaften ist
deshalb v. a. das Gefährdungspotenzial von Imidacloprid für wasserlebende
Insekten maßgeblich. Siehe hierzu auch die Antwort zu Frage 15.
Drucksache 18/2531 – 12 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode18. Welche Schlussfolgerungen für die Weiterentwicklung von
Risikoforschung und Risikobewertung von Neonicotinoiden zieht die
Bundesregierung aus der Tatsache, dass nur sehr wenige Toxizitätsstudien für eine
kleine Zahl an Bestäuberarten wie Wildbienen, Schwebfliegen,
Schmetterlinge sowie für Wirbeltiere existieren, obwohl nach bisherigen
wissenschaftlichen Erkenntnissen feststeht, dass verschiedene Arten sehr
unterschiedlich empfindlich auf Neonicotinoide und ihre Metaboliten reagieren
(vgl. Textabschnitt „Lücken“ in der Medieninformation zur WIA, siehe
Quellenangabe in Frage 13)?
Für Bewertungsbereiche mit hohen Unsicherheiten in der
Empfindlichkeitsverteilung bei Wildtieren sieht die Bundesregierung einen zusätzlichen
Forschungsbedarf, um die Grundlage für eine wissenschaftlich fundierte Bewertung von
Risiken für Wildtierarten zu schaffen und damit eine Unterschätzung der
tatsächlichen Risiken der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln mit den o. g.
Wirkstoffen zu vermeiden. Da die Risikobewertung für den Naturhaushalt auf
den Ergebnissen aus Toxizitätstests mit Standardorganismen beruht, ergeben
sich in der Regel immer Unsicherheiten in der Risikoprognose durch bestehende
Unterschiede in der Empfindlichkeit zwischen den Testarten und den im
Freiland potenziell betroffenen Arten. Im Fall der Wildbestäuber haben Arena und
Sgolastra (2014) in ihrer Veröffentlichung beispielsweise festgestellt, dass über
50 Prozent der „anderen Bienenarten“ empfindlicher auf Neonikotinoide
reagieren als die Honigbiene. Die bestehenden Unsicherheiten können nur dadurch
reduziert werden, dass ein möglichst sensitiver Testorganismus berücksichtigt
wird und entsprechende Sicherheitsfaktoren in der Risikobewertung eingestellt
werden. Im Bereich der Bewertung von Bestäubern als Nutztiere und als
Wildbestäuber wird daher derzeit die Weiterentwicklung der Risikobewertung
vorangetrieben. So wird derzeit unter Beteiligung des JKI international an der
Entwicklung von validierten Prüfmethoden, z. B. zur Prüfung der Toxizität für
Solitärbienen und Hummeln gearbeitet. Die Risikoforschung und
Risikobewertung von Neonikotinoiden wird in Deutschland seit einigen Jahren
kontinuierlich ausgebaut (siehe Antwort zu Frage 28).
19. Welche Konsequenzen für den Bienenschutz zieht die Bundesregierung
aus dem Ergebnis des aktuellen Berichts von Greenpeace über die
Belastung von Zierpflanzen (im Einzelhandel) mit bienengefährlichen
Pflanzenschutzmitteln („A Toxic Eden: Poisons In Your Garden“, April 2014),
wonach 89 Prozent aller Proben aus Deutschland mit bienengefährlichen
Pestiziden belastet waren und Proben aus Deutschland bei drei
bienengefährlichen Wirkstoffen die europaweit höchste Belastung aufwiesen?
Dass die im Handel angebotenen Pflanzen Rückstände von
Pflanzenschutzmitteln aufweisen, ist nicht überraschend. Bestimmte Pflanzenschutzmittel sind
zur Anwendung an Zierpflanzen zugelassen und werden angewendet. Die Studie
wurde eingehend vom JKI geprüft. Es kommt zu der Erkenntnis, dass zu der
Frage, ob die Höhe der gemessenen Rückstände ein Risiko für Bienenvölker
darstellt, die Studie keine Daten enthält. Rückschlüsse sind der Einschätzung
nach auch nicht möglich, da offensichtlich die ganzen Pflanzen mit den grünen
Teilen analysiert wurden und nicht die für das Risiko von Bestäubern relevanten
Matrices wie Pollen oder Nektar. Die Schlussfolgerung der Autoren, die
Pflanzen stellen ein signifikantes Risiko dar, sieht das JKI deshalb als nicht
gerechtfertigt an. Die Autoren betonen, dass die Daten einen Ländervergleich in der EU
nicht ermöglichen.
Bei Pflanzenschutzmitteln mit den Wirkstoffen Clothianidin, Imidacloprid und
Thiamethoxam gelten seit dem 1. Oktober 2013 die Einschränkungen der
Verordnung (EU) Nr. 485/2013. Für Pflanzenschutzmittel mit diesen Wirkstoffen,
die nach wie vor für den Zierpflanzenbau vorgesehen sind, hat das BVL
entsprechende Anwendungsbestimmungen festgesetzt:
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 13 – Drucksache 18/2531– Beim Zierpflanzenanbau im Freiland: „Die Behandlung darf nur an Pflanzen
erfolgen, die im Jahr der Behandlung nicht mehr zur Blüte kommen.“
– Zierpflanzenanbau unter Glas: „Eine Behandlung vor der Blüte ist nur
zulässig, wenn danach im Jahr der Behandlung keine Verwendung der Pflanzen im
Freiland vorgesehen ist.“
Diese über den eigentlichen Wortlaut der Verordnung (EU) Nr. 485/2013
hinausgehenden Auflagen sollen die Zielsetzung der Verordnung zum Bienenschutz
unterstützen. Nach dem aktuellen Kenntnisstand der zuständigen
Bundesoberbehörden ist damit sichergestellt, dass die erzeugten Zierpflanzen keine Gefahr
für Bienen darstellen. Anlass für weitergehende Maßnahmen gibt diese Studie
nach Einschätzung der Bundesoberbehörden nicht.
20. Welche Informationen liegen der Bundesregierung über die Art
(Wirkstoffe) und Menge der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln im Bereich
der Kultivierung von Zierpflanzen vor?
Falls keine Daten hierzu vorlegen, welche Maßnahmen wird die
Bundesregierung ergreifen, damit zukünftig aussagekräftige Daten zu diesem
Branchensektor gewonnen werden?
Im Bereich Zierpflanzen liegen Daten zur Kultivierung von Weihnachtssternen
aus dem Jahre 2005 vor, die im Rahmen des „Netzwerks zur Ermittlung der
Pflanzenschutzmittelanwendung in unterschiedlichen, landwirtschaftlich
relevanten Naturräumen Deutschlands (NEPTUN)“ erhoben wurden. Die
Ergebnisse sind veröffentlicht und können auf der Homepage des JKI4 eingesehen
werden. Weitere Daten wurden aufgrund des geringen Flächenumfangs des
Zierpflanzenanbaus in Deutschland sowie der zahlreichen angebauten
unterschiedlichen Kulturen (> 1 000) und des damit verbundenen immensen
Arbeitsaufwandes nicht erhoben.
21. Welche Schlussfolgerungen hinsichtlich der Reichweite, Ausgestaltung
und Durchsetzung des Anwendungsverbots von Imidacloprid in
bienenattraktiven Kulturen zieht die Bundesregierung aus dem oben genannten
Bericht von Greenpeace über die Belastungssituation mit
bienengefährlichen Pflanzenschutzmitteln bei Zierpflanzen, wonach Imidacloprid in
43 Prozent aller Stichproben gefunden wurde sowie in einigen Fällen die
ebenfalls anwendungsbeschränkten Wirkstoffe Thiamethoxam und
Clothianidin gefunden wurden?
Auf die Antwort zu Frage 19 wird verwiesen.
22. Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus dem Befund der
genannten Greenpeace-Untersuchung, wonach ein Drittel der in den
Pflanzenproben gefundenen Pestizide nicht für die Kultivierung von
Zierpflanzen zugelassen sind?
Welche Maßnahmen sind aus Sicht der Bundesregierung geeignet, um
entsprechende Belastungen bei Importen (v. a. aus Drittstaaten) zu senken,
und inwieweit wird die Bundesregierung bei der Gartenbaubranche
initiativ werden, um eine Selbstverpflichtung hinsichtlich besserer
Eigenkontrollen bei Zierpflanzenimporten auf Belastungen mit in der EU nicht
zugelassenen Pestiziden zu erreichen?
Bei der Darstellung des Zulassungsstatus haben die Autoren nur die regulären
Zulassungen berücksichtigt. Von den 13 genannten Wirkstoffen, die in Deutsch-
4
http://papa.jki.bund.de/dokumente/upload/e3935_neptun_2005_zierpflanzenbau.pdf
Drucksache 18/2531 – 14 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodeland nicht regulär zur Anwendung an Zierpflanzen zugelassen sind, haben neun
Wirkstoffe Einzelfallgenehmigungen eines Landes oder mehrerer Länder gemäß
§ 22 Absatz 2 des Pflanzenschutzgesetzes (PflSchG). Die Zahl der unzulässig
angewendeten Wirkstoffe dürfte somit geringer ausfallen. Es ist nicht
feststellbar, bei welchen Proben aus der Greenpeace-Studie der entsprechende Erzeuger
tatsächlich über eine gültige Einzelfallgenehmigung verfügte. Dass aber im
Zierpflanzenanbau unzulässige Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln
vorkommen, ist nicht auszuschließen. Deshalb haben die Länder in den Jahren 2010
bis 2012 bei den Anwendungskontrollen einen bundesweiten
Kontrollschwerpunkt auf Zierpflanzen gelegt. Bei den Kontrollen der Länder wird auch
überprüft, ob importiertes Pflanzgut unzulässig behandelt ist. Gemäß § 32 PflSchG
darf dieses nur mit Pflanzenschutzmitteln behandelt sein, die in Deutschland
oder einem anderen EU-Mitgliedstaat oder einem EWR-Vertragsstaat für dieses
Anwendungsgebiet zugelassen sind.
23. Inwieweit sieht die Bundesregierung Handlungsbedarf bei der
Neubewertung der Toxizität der Neonicotinoide vor dem Hintergrund der
Einschätzung des französischen Chemikers Jean-Marc Bonmatin vom CNRS
Orléans, wonach Neonicotinoide in den 90er-Jahren „ohne ausreichende
Beurteilungsinstrumente auf den Markt“ gelangt sind, insbesondere
hinsichtlich der extrem hohen Toxizität der Neonicotiniode, ihrer
systemischen Wirkungsweise sowie diesen Tatsachen nicht angemessener hoher
Nachweisgrenzen (vgl. Interview mit Jean-Marc Bonmatin in der
Zeitschrift Oekoskop 1/14, S. 10)?
Die Einschätzung, Neonikotinoide seien in den 1990er-Jahren ohne
ausreichende Beurteilungsinstrumente auf den Markt gekommen, wird nicht geteilt.
Vielmehr entsprachen diese Instrumente dem damaligen Stand von
Wissenschaft und Technik und waren grundsätzlich auch auf systemische Wirkstoffe
mit hoher Toxizität anwendbar. Die Datenanforderungen umfassten
Halbfreiland- und Freilandversuche zu den Auswirkungen auf Bienen, und das akute
und chronische Risiko für Bienen wurde intensiv geprüft. Die Bewertung
erfasste auch die subletalen Auswirkungen von neonikotinoiden Wirkstoffen auf
Bienen bei direktem Kontakt sowie Aufnahme über Nektar und Pollen. Lücken
gab es seinerzeit nach dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technik in
Hinsicht auf bestimmte Expositionspfade für Bestäuber: Exposition über Stäube
von Saatgutbehandlungsmitteln oder Guttationswasser waren nicht bekannt. Der
Handlungsbedarf wurde erkannt und aufgegriffen.
Nachdem die Bundesregierung bereits strengere Vorgaben zur Zulassung und
Anwendung von Neonikotinoiden erlassen hatte, wurden die Wirkstoffe
Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam in Hinsicht auf das Risiko für Bienen
und andere Bestäuber in der EU neu bewertet. Darauf fußend hat die EU-
Kommission unmittelbar geltende Beschränkungen für Anwendungen, für die ein
Risiko mit den vorliegenden Daten nicht ausgeschlossen werden konnte,
erlassen. Zudem befinden sich die Test- und Bewertungsschemata für Bienen und
andere Bestäuber in Überarbeitung.
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 15 – Drucksache 18/253124. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung vor hinsichtlich
aktueller Forschungsprojekte bzw. -ergebnisse zur Überprüfung
wissenschaftlicher Hinweise (u. a. des Toxikologen Henk Tennekes) auf die
Irreversibilität der toxischen Wirkung von Neonicotinoiden und den damit
verbundenen Verstärkereffekten (ähnlich wie bei krebserregenden Substanzen),
was wesentliche Bedeutung für die Frage der Gefährdung von
Nichtzielorganismen bei anhaltender Exposition gegenüber sehr niedrigen Dosen
hat?
Die Bundesregierung verweist auf die Kenntnislage der zuständigen
Bundesoberbehörde JKI:
Dort liegen keine Erkenntnisse übereindeutige Nachweise der Irreversibilität der
toxischen Wirkung von Neonikotinoiden auf mechanistischer Ebene vor. Aus
Versuchen mit Neonikotinoiden, die dem JKI vorliegen, ist bekannt, dass bei
Käfern nach einer Exposition eine Lähmungsphase mit anschließender Erholung
auftreten kann, was gegen eine irreversible Bindung an die Rezeptoren spricht.
Hinweise auf eine Reversibilität der toxischen Wirkung finden sich auch in
aktuelleren Studien mit Honigbienen. Z. B. berichten Girolami et al., (2009),
dass nach Fütterung von Bienen mit subletalen Dosierungen von verschiedenen
Neonikotinoiden zunächst beobachtete Effekte teilweise reversibel waren. Dem
JKI vorliegende 10-Tage-Fütterungsversuche mit Honigbienen deuten auf keine
Verstärkung der Toxizität bei Bienen über diesen Zeitraum hin.
Eine Notwendigkeit der toxikologischen Neubewertung hinsichtlich der
Gefährdung von Honigbienen ist vor dem Hintergrund der Ergebnisse von Tennekes
nach Einschätzung der zuständigen Bundesoberbehörden nicht gegeben.
Obwohl o. g. Untersuchungen auf eine Reversibilität des toxischen
Mechanismus hinweisen, gibt es jedoch Untersuchungen für verschiedene Gruppen von
Gliederfüßern, die darauf hinweisen, dass sich die Giftigkeit der Neonikotinoide
über die Zeit akkumuliert, siehe z. B. Rondeau et al. (2014, Nature). Auch wenn
der Mechanismus dieses mit der Dauer der Exposition verstärkten Effekts nicht
bekannt ist, muss diese Substanzeigenschaft im Rahmen der Risikobewertung
als kritisch angesehen werden. So können auch sehr geringe Konzentrationen
über längere Zeit große Effekte zeigen, und das volle Ausmaß der Effekte in
experimentellen Studien kann aufgrund der Versuchsdauer oft nicht festgestellt
werden. So waren toxische Effekte in einigen Experimenten mit Honigbienen
sowie stachellosen Bienen erst nach mehr als 10 Tagen (z. T. erst nach 30 Tagen)
sichtbar und konnten durch die Dauer der Standardstudien nicht ausreichend
erfasst werden (Rondeau et al., 2014). Die europäische Behörde für
Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat zur Identifikation dieser sogenannten
„akkumulierenden Toxizität“ in ihren kürzlich veröffentlichten Bewertungsleitlinien eine
spezielle Testmethodik für Bienen vorgeschlagen (Guidance on the risk
assessment of plant protection products on bees (Apis mellifera, Bombus spp. and
solitary bees) EFSA Journal. DOI 10.2903/j.efsa.2013.3295).
25. Welche Schlussfolgerungen hinsichtlich einer Evaluierung der bisherigen
Risikobewertung für Neonicotinoide und auf ihnen basierende (in
Deutschland) zugelassene Pflanzenschutzmittel zieht die
Bundesregierung aus der Tatsache, dass bislang nur sehr wenige Studien zu den
indirekten Auswirkungen dieser Wirkstoffe auf Populationen von
Wirbeltieren existieren?
Auf die Antwort zu Frage 15 wird verwiesen.
Die Bundesregierung sieht den Bedarf, dass indirekte Auswirkungen bei der
Durchführung der Risikobewertung im Rahmen des Zulassungsverfahrens
künftig stärker berücksichtigt werden. Die vorhandenen Rahmenbedingungen sind
entsprechend zu nutzen oder sofern erforderlich zu ergänzen.
Drucksache 18/2531 – 16 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode26. Bei welchen bienenbezogenen Forschungsprogrammen und
Forschungsprojekten mit Beteiligung von Bundeseinrichtungen existiert eine
finanzielle Beteiligung (insbesondere Ko-Finanzierung) durch
Pflanzenschutzmittelhersteller bzw. ist eine solche Beteiligung von der Ausschreibung
her vorgesehen?
Die Forschungsprojekte des JKI werden ausschließlich mit bundeseigenen
Finanzmitteln finanziert (Mittel des JKI, finanzielle Unterstützung durch das
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Bundesanstalt
für Landwirtschaft und Ernährung und BVL). Es gibt keine finanzielle
Beteiligung oder Kofinanzierung durch Pflanzenschutzmittelhersteller im Bereich der
Bienenforschung.
Beim Umweltbundesamt und dem Bundesministerium für Bildung und
Forschung (BMBF) sind keine kofinanzierten bienenbezogenen
Forschungsprojekte bekannt.
27. Inwieweit erwägt die Bundesregierung eine Ressourcenaufstockung für
diesen Forschungsbereich und ggf. eine institutionelle Neuaufstellung
bzw. Kompetenzbündelung der Risikoforschung im Bereich
Pflanzenschutz, um die Unabhängigkeit und wissenschaftliche Leistungsfähigkeit
der öffentlichen Forschung (unter Beteiligung von Bundeseinrichtungen)
zu stärken?
Wenn nein, warum nicht?
Die Risikoforschung für Honigbienen und andere kommerziell genutzte oder
nutzbare Bestäuberinsekten auf Bundesebene im Bereich Pflanzenschutz ist im
JKI angesiedelt. Mit der Gründung des JKI im Jahre 2008 auf der Grundlage des
Konzeptes der zukunftsfähigen Ressortforschung wurden die Kompetenzen in
diesem Forschungsbereich gebündelt und aufgestockt (2 Wissenschaftlerinnen/
Wissenschaftler und 3,75 technische Kräfte). Diese Kapazitäten wurden bereits
unmittelbar danach mehrmals verstärkt. Zum einen wurde durch interne
Umschichtung aus anderen Forschungsbereichen eine weitere Dauerstelle mit einer
Wissenschaftlerin im JKI besetzt. Zum anderen wurde mehrfach befristetes
Personal eingestellt. Darüber hinaus stellte das BMEL wiederholt zusätzliche
Mittel für Forschungsprojekte zur Verfügung. Auch für 2014 und 2015 fördert
das BMEL zusätzliche Forschungsprojekte. Aus diesen Mitteln wird
zusätzliches Personal finanziert. Ab dem Haushaltsjahr 2014 sind mit der
Zweckbestimmung „Wildbienenmonitoring“ für das JKI jährlich 450 000 Euro
zusätzlich veranschlagt worden. Diese Mittel stehen neben den sonstigen ohnehin im
JKI durchgeführten Arbeiten zur Bienenproblematik additiv zur Verfügung.
Gegenstand des Wildbienenmonitorings sind u. a. auch die Auswirkungen von
Neonikotinoiden auf Honigbienen, Wildbienen und Hummeln. Eine
Ressourcenaufstockung wurde somit vollzogen.
Mit den deutlich erweiterten Kapazitäten im JKI erfolgt eine intensive
Vorlaufforschung zur Bewertung möglicher Auswirkungen der Landwirtschaft auf
Honigbienen, Hummeln und andere Wildbienen. Ein wichtiges Ziel dieser
Forschung, die noch weiter ausgebaut werden soll, ist die Erarbeitung von
Maßnahmen zur Risikominderung. So muss nach Möglichkeiten gesucht werden, ein
ausreichendes Futterangebot in räumlicher wie auch zeitlicher Sicht als festen
Eckpfeiler eines umfassenden Bestäuber- und Bestäubungsschutzes
sicherzustellen. Hierzu gehört auch die Bewertung von Konzepten des Anbaus
unterschiedlicher Kulturpflanzen und/oder Begrünungsvarianten (z. B. im
Zusammenhang mit dem Greening) hinsichtlich ihrer Eignung als Trachtpflanze für die
verschiedenen Pollinatoren.
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 17 – Drucksache 18/253128. Welche Anträge (auf Förderung durch Programme des
Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV)/
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung, des Bundesministeriums für
Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit bzw. des
Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit) zu
Forschungsvorhaben im Zusammenhang mit (subletalen) Wirkungen von
systemischen Pestizidwirkstoffen auf Bienen und andere
Nichtzielorganismen wurden seit Januar 2012 gestellt (bitte nach Fragestellung,
Haushaltstitel bzw. Forschungsprogramm, Laufzeit, Projektvolumen, Projektpartner
und Jahr der Antragsstellung auflisten)?
Falls Anträge für Projekte mit solchen Fragestellungen (noch) nicht
bewilligt wurden, welche Gründe sind dafür verantwortlich?
Auf die Anlage 1 wird verwiesen. Zusätzlich wurden von JKI und UBA
folgende Projekte beantragt:
Julius Kühn-Institut:
● Experimente zur Staubdriftexposition und Effekten bei Honigbienen bei der
Aussaat.
BMEL, ca. 500 000 Euro, 2009 bis 2013, Antragstellung 2008
● Gefährdung von Bienen, Hummeln und Wildbienen durch Anbau von
Winterraps mit neonikotinoider Beizung (ABO Projekt)
BMEL, ca. 600 000 Euro, Nov. 2013 bis März 2016, Antragstellung 2013
● Vergleichende Untersuchungen von Honigbienen, Hummeln und Wildbienen
bei Exposition zu Neonikotinoiden in Pollen und Nektar
BVL, 25 000 Euro, April bis November 2013, Antragstellung 2012 BVL,
20 000 Euro, April bis Dezember 2014, Antragstellung 2014
● Entwicklung innovativer Beiztechniken für Getreidebeizanlagen zur
Vermeidung von Staubemissionen bei Saatgut
BLE Bundesprogramm Energieeffizienz, 257 000 Euro, Okt. 2011 bis März
2015, Antragstellung 2010
● „Schutz von wildlebenden Bestäubern in der Risikobewertung von
Pflanzenschutzmitteln“
UFOPLAN FKZ 3715644090; 200 000 Euro; für 2015 vorgesehen.
Beim BMBF wurden im genannten Zeitraum keine Anträge für
Forschungsvorhaben im Zusammenhang mit (subletalen) Wirkungen von systemischen
Pflanzenschutzmittelwirkstoffen auf Bienen und andere Nichtzielorganismen
eingereicht.
29. Wie bewertet die Bundesregierung die Tatsache, dass im Rahmen der
europäischen EPILOBEE-Studie zur Bienengesundheit die Auswirkungen
von Pflanzenschutzmitteln auf Bienen nicht in die Untersuchung
einbezogen werden, weil mehrere Mitgliedstaaten der Europäischen Union
offenbar eine Untersuchung dieses Faktors ablehnten (vgl. Aussagen in den
Artikeln „Bienensterben: Europaweite Studie schlägt Alarm“ vom 17. April
2014 auf dem Portal „green.wiwo“ sowie die Meldung der BBC vom
7. April 2014 unter
www.bbc.com/news/world-europe-26923214)?
Haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung auch die deutschen
Vertreter, welche an der Ausgestaltung von EPILOBEE beteiligt waren, für
die Ausklammerung des Faktors Pestizide ausgesprochen, und inwieweit
basierte die Positionierung der Vertreter Deutschlands auf Weisungen des
BMEL oder auf inhaltlichen Absprachen mit ihm?
Die EPILOBEE-Studie diente der Erhebung der Bienensterblichkeit in der
Europäischen Union, basierend auf genau vorgegebenen Untersuchungsfre-
Drucksache 18/2531 – 18 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodequenzen, einzubindender Völkerzahl sowie Untersuchung auf vorgegebene
Krankheitserreger. Nach hiesiger Kenntnis wurde zu Beginn der EPILOBEE-
Studie die Frage der Untersuchung auf Pflanzenschutzmittel vom Europäischen
Referenzlabor für Bienenkrankheiten auf eventuell folgende Projekte
verschoben, da die Finanzierung der gemeinschaftsweiten Studie bereits ausgereizt war.
Selbst wenn auf Pflanzenschutzmittel hätte untersucht werden sollen, hätte
BMEL keinen Einfluss genommen, zumal auch im DEBIMO auf
Pflanzenschutzmittelrückstände untersucht wird.
30. Welche neuen Forschungsaktivitäten hat die Bundesregierung bzw. haben
vom Bund finanzierte Forschungseinrichtungen seit Herbst 2013 initiiert
bzw. gefördert, um gezielt die von der EFSA festgestellten ungeklärten
Risiken von Neonicotinoden für Nichtzielorganismen zu untersuchen bzw.
einen Beitrag zur Schließung der von der EFSA (in ihrer Stellungnahme
vom September 2013) festgestellten Daten- und Wissenslücken in diesem
Zusammenhang zu leisten?
Das „ABO-Projekt“ (Vergleichende Untersuchungen zu den potenziellen
Auswirkungen von Neonikotinoidrückständen in Nektar und Pollen auf Mortalität
und Entwicklung von Bienenvölkern (Apis mellifera L.), Hummelvölkern
(Bombus terrestris L.) und Bruterfolg der roten Mauerbiene (Osmia bicornis L.)
wurde 2013 mit Eigenmitteln des JKI und finanzieller Unterstützung des BVL
begonnen, 2014 fortgeführt und ist für 2015 in der Vorbereitung. 2014 wurden
die aus diesem Projekt erhaltenen Erkenntnisse in einem Versuch an fünf
Standorten (unter Beteiligung von 4 Bieneninstituten) umgesetzt und Versuche zu den
Auswirkungen von Neonikotinoiden im Raps auf Honigbienen, Hummeln und
Solitärbienen unter verschiedenen Umweltbedingungen durchgeführt.
Weiterhin wurden Forschungsaktivitäten im Bereich von subletalen Effekten sowie
Arbeiten zur Implementierung, Validierung und Verbesserung von
Prüfmethoden für Honigbienen, Hummeln und Wildbienen aufgenommen.
Darüber hinaus wird auf die Antwort zu Frage 28 verwiesen.
31. Mit welchen konkreten Aktivitäten hat sich Deutschland bislang an der
Schaffung eines Netzwerkes u. a. zur Koordinierung der
Forschungsansätze hinsichtlich multipler Stressfaktoren bei Bienen beteiligt, wie es die
EFSA in einem Bericht vom März 2014 empfiehlt (vgl. EFSA-
Pressemitteilung vom 13. März 2014 unter
www.efsa.europa.eu/de/press/news/
140313.htm)?
Falls eine solche Beteiligung noch nicht existiert, inwieweit plant die
Bundesregierung eine Mitarbeit Deutschlands bei diesem Vorhaben?
Es wurden seitens der EFSA außer der in der Frage genannten bisher keine
konkreten Vorstellungen zur Schaffung eines Netzwerks geäußert. Es ist zu
erwarten, dass beabsichtigt ist, dass diese Aktivitäten künftig direkt von der EFSA
oder dem Europäischen Referenzlabor für Bienengesundheit koordiniert werden
sollen. Die zuständigen Bundesbehörden haben in der Vergangenheit sehr eng in
allen Fragen zum Bienenschutz mit der EFSA kooperiert und es ist beabsichtigt,
dies auch weiterhin zu tun.
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 19 – Drucksache 18/253132. Welche aktuellen Erkenntnisse liegen der Bundesregierung vor
hinsichtlich der Problematik einer wesentlich erhöhten Toxizität von
Neonicotinoiden durch Kombinationseffekte mit deren Metaboliten sowie im
Zusammenwirken mit weiteren Pflanzenschutzmitteln auf Bienen und andere
Bestäuber?
Eine wesentlich erhöhte Toxizität von Neonikotinoiden durch
Kombinationseffekte mit deren Metaboliten ist für die in Saatgutbeizungen eingesetzten
Neonikotinoide Thiamethoxam, Imidacloprid und Clothianidin nach Einschätzung
durch die zuständigen Bewertungsbehörden nicht bekannt. Das Auftreten und
mögliche Effekte von Metaboliten werden im Rahmen der Halbfreiland- und
Freilandversuche mit erfasst.
Kombinationseffekte steigern nach Einschätzung der Experten der zuständigen
Bundesoberbehörden die Toxizität der hochtoxischen Wirkstoffe in Mischungen
nur unwesentlich. Thiamethoxam, Imidacloprid und Clothianidin sind
ausschließlich in Pflanzenschutzmitteln enthalten, die als bienengefährlich
eingestuft (B1) (NB 661) sind. Diese dürfen nicht auf blühende oder von Bienen
beflogene Pflanzen ausgebracht werden; dies gilt auch für Unkräuter.
Kombinationseffekte von Pflanzenschutzmitteln mit den bienenungefährlichen, schwach
bis mäßig toxischen Neonikotinoid-Wirkstoffen Acetamiprid und Thiacloprid
wurden im Rahmen des Zulassungsverfahrens geprüft. Hierzu liegen Labor- und
Halbfreilandversuche mit verschiedenen Fungiziden vor. Für den Wirkstoff
Acetamiprid sind negative Effekte bei der Anwendung in Tankmischung mit
Fungiziden aus einer bestimmten Gruppe während des Bienenfluges in
blühenden Kulturen nicht auszuschließen. Somit darf das Pflanzenschutzmittel in
dieser Form nicht angewendet werden. Aufgrund von Hinweisen aus
wissenschaftlichen Publikationen auf synergistische Wirkungen von Thiacloprid und anderen
Neonikotinoiden mit Fungiziden aus der Gruppe der Azole, wie sie auch von
Mischungen mit Pyrethroiden bekannt sind, wurden vom Antragsteller
Ergebnisse aus Labor- und Halbfreilandversuchen zu den Auswirkungen vorgelegt. Es
ergaben sich bei den beantragten Aufwandmengen keine Hinweise auf
bienenschädigende Auswirkungen durch synergistische Effekte. Die Einstufung als
nicht bienengefährlich gilt daher auch für entsprechende Tankmischungen.
Für andere Bestäuber als die Honigbiene liegen den zuständigen
Bundesoberbehörden keine weiteren Erkenntnisse vor.
33. Über welche Erkenntnisse verfügt die Bundesregierung über den Stand
bevorstehender oder laufender EU-Zulassungsverfahren für eine neue
Generation an Wirkstoffen aus der Gruppe der Neonicotinoide oder
systemischer Pestizide, und inwieweit wird sich die Bundesregierung auf EU-
Ebene für eine Anpassung bzw. Ausweitung der Risikobewertung im
Rahmen des Zulassungsverfahrens entsprechend der aktuellen
wissenschaftlichen Erkenntnisse einsetzen?
Aktuell befinden sich 12 neue insektizide Wirkstoffe in der Bewertung im EU-
Gemeinschaftsverfahren. Darunter sind mit Sulfoxaflor und Flupyradifuron
zwei Wirkstoffe, die wie die Neonikotinoide die Reizweiterleitung an den
Nervenbahnen blockieren und dabei systemisch wirken. Ein weiterer Wirkstoff,
Cyantraniliprol, wirkt teilsystemisch wie Chloranthraniliprol. In Hinsicht auf die
Verfahren der Risikobewertung unterstützt die Bundesregierung die Anpassung
an den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik, wie es auch der EU-
Rechtsrahmen für die Pflanzenschutzmittelzulassung fordert.
Drucksache 18/2531 – 20 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode34. Wie haben sich die Erträge in Deutschland bei Mais und Wintergetreide
seit dem Verbot der Saatgutbeizung für diese Anwendungsbereiche mit
Formulierungen auf Basis von drei Neonicotinoiden (seit dem Jahr 2009)
entwickelt?
Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung empirisch belegbare
Zusammenhänge zwischen den genannten Anwendungsbeschränkungen bei
Neonicotinoiden und der Ertragsentwicklung?
Die Erträge von Mais und Wintergetreide sind der folgenden Tabelle zu
entnehmen.
Ein Ertragseffekt durch den Wegfall der Saatgutbeizung mit Neonikotinoiden ist
aufgrund vieler weiterer ertragsbeeinflussender Parameter, wie Witterung,
Befallsdruck und Sortenwahl nicht abschätzbar.
Erhebungen, die den zuständigen Bundesbehörden vorliegen, haben ergeben,
dass es seit 2009 Schäden durch Drahtwurmbefall in Mais (Schäden von mehr
als 5 Prozent bis zum Totalschaden) auf etwa 5 Prozent der Anbaufläche
gegeben hat. Das entspricht einer Maisanbaufläche von mehr als rund 100 000 ha
je Jahr (bei einer Maisanbaufläche von rund 2,1 Mio. ha (2009) bis 2,5 Mio. ha
(2013)). Hinzu kommt eine nicht im Umfang bezifferbare Anbaufläche, auf der
Landwirte wegen bekannter Drahtwurmproblematik trotz finanzieller
Mindererlöse auf Maisanbau verzichtet haben. Im Getreidebau gab es seit 2007 kein
größeres Auftreten von Getreidevirosen, die von Blattläusen übertragen werden,
so dass es nur vereinzelt zu Schäden gekommen ist. Zudem konnte bei
relevantem Blattlausbefall auf die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln mit
Wirkstoffen aus der Gruppe der Pyrethroide ausgewichen werden. Vereinzelt ist es im
Getreide aber auch zu Drahtwurmschäden gekommen.
35. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung vor hinsichtlich
wissenschaftlicher Untersuchungen in anderen EU-Ländern über Auswirkungen
von früheren bzw. bereits länger bestehenden
Anwendungsbeschränkungen für Neonicotinoide und andere systemische Pestizide auf die
Ertragssituation der betroffenen Anbaukulturen?
Der Bundesregierung sind keine wissenschaftlichen Untersuchungen in anderen
EU-Ländern bekannt, die die Auswirkungen von früheren bzw. bereits länger
Getreide1) 2009 2010 2011 2012 2013 20142)
72,5 70,6 74,0 80,3 86,9
57,0 46,3 41,1 54,7 59,8 60,8
Wintergerste 69,5 66,6 56,7 64,9 69,3 77,1
Triticale 62,7 54,3 52,4 61,8 65,7 71,6
98,6 90,9 107,2 105,5 89,1 95,8
1) Ab 2010: Nur Getreide zur Körnergewinnung, ohne Getreide zur Ganzpflanzenernte
2) vorläufig
Quelle: Stat. Bundesamt
Winterweizen (einschl.
Dinkel und Einkorn)
Roggen einschl.
Wintermenggetreide
Körnermais/Mais
zum Ausreifen
(einschl. Corn-Cob-Mix)
Erträge in dt/ha
78,4
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 21 – Drucksache 18/2531bestehenden Anwendungsbeschränkungen für Neonikotinoide und andere
systemische Pflanzenschutzmittel auf die Ertragssituation der betroffenen
Anbaukulturen zum Thema hatten. Ausdrückliche Anwendungsbeschränkungen bei
Neonikotinoiden oder anderen systemischen Wirkstoffen, die bereits länger
wirksam sind, sind aus anderen EU-Mitgliedstaaten ebenfalls nicht bekannt. In
einigen Fällen waren Neonikotinoide nicht zugelassen, weil andere Wirkstoffe
in den entsprechenden Anwendungsgebieten wirksam und zugelassen waren,
die in Deutschland entweder nicht beantragt oder nicht zulassungsfähig waren.
Ertragseinbußen sind unter solchen Bedingungen nicht zu erwarten, wenn
alternative Insektizide angewendet werden können bzw. wenn Schädlinge in anderen
Regionen weniger oder keine Schäden verursachen.
36. Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus den Ergebnissen
eines Berichtes der US-Nichtregierungsorganisation „Center for Food
Safety“ (Stevens/Jenkins: „Heavy Costs. Weighing the value of
neonicotinoid insecticides in agriculture“, März 2014), wonach die Auswertung von
19 unabhängigen und (im „peer review“) geprüften Studien ergeben hat,
dass eine Ertragssicherung oder -steigerung durch den Einsatz von
Neonicotinoiden entweder nicht feststellbar war oder die Ergebnisse in Bezug
auf diese Frage nicht eindeutig waren?
In dem genannten Bericht zitierte Studien dokumentieren für Raps, Mais und
Weizen (sowie Soja und Trockenbohnen), dass eine Saatgutbeize mit
Neonikotinoiden in Jahren ohne Schaderregerbefall keinen positiven Ertragseffekt hatte
und dann unwirtschaftlich war. Die Wirtschaftlichkeit wurde dabei anhand der
Ertragsunterschiede zwischen „mit und ohne Beize“ sowie der zusätzlichen
Pflanzenschutzmittelkosten der Beizung bewertet. Da bei einer vorbeugenden
Maßnahme wie der Saatgutbeizung ein zukünftiger Befall nicht mit Sicherheit
vorhergesehen werden und der Befall von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich sein
kann, lassen sich die Notwendigkeit der Maßnahme und die Wirkung
hinsichtlich Ertragssicherung erst im Nachhinein bewerten. Untersuchungen zur
Ertragswirkung der Saatgutbeizung mit Neonikotinoiden in Mais ergaben, dass
eine Saatgutbehandlung mit Neonikotinoiden in Regionen mit kontinuierlichem
Befallsdruck im Frühjahr sinnvoll sein kann (trotz fehlender Ertragswirkung
ohne Befall).
Ein Großteil der ausgewerteten Studien zu Mais oder Getreide beruhte auf
Ergebnissen aus Feldversuchen in den USA, mit einer für das
landwirtschaftliche Versuchswesen kurzen Laufzeit von zwei bis drei Jahren. Eine Abschätzung
des betriebswirtschaftlichen Nutzens prophylaktischer Saatgutbeizungen ist
anhand dieser Versuchsgrundlage lediglich für individuelle Jahre, nicht aber über
einen längeren Zeitraum sowie für ein mittelfristiges Schädlingsauftreten
möglich. Eine Übertragbarkeit der Studien auf Deutschland ist durch die
eingeschränkte Vergleichbarkeit der Untersuchungsregionen in Bezug auf
Witterungsbedingungen und Befall nur begrenzt gegeben.
Regionale Besonderheiten hinsichtlich des Auftretens von Schadorganismen
sollten, sofern die Voraussetzungen für eine verlässliche und frühzeitige
Prognose des Befalls geschaffen werden können, stärker auch bei der Anwendung
von insektiziden Saatgutbeizungen im Rahmen des integrierten
Pflanzenschutzes berücksichtigt werden. Ein intensives Monitoring von Schadorganismen zur
Entscheidung über die Notwendigkeit von Maßnahmen kann hier einen
wesentlichen Beitrag leisten (siehe Antwort zu Frage 39). Der Erhalt oder Ausbau der
Offizialberatung der Länder im Bereich Pflanzenschutz ist hierzu unabdingbar
und deswegen Kernbestandteil des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen
Anwendung von Pflanzenschutzmitteln.
Drucksache 18/2531 – 22 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode37. Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus dem weiteren
Ergebnis des vorgenannten Berichtes, wonach Anwendungen nach den
Prinzipien des integrierten Pflanzenschutzes in Bezug auf Ernteerträge
ebenbürtig und bei der Kosteneffizienz und Umweltverträglichkeit eindeutig
überlegen sind im Vergleich zur prophylaktischen Saatgutbeizung mit
Neonicotinoiden?
Eine Anwendung von Neonikotinoiden erfolgt in der Regel nur dann, wenn sie
wirtschaftlich sinnvoller ist als die Anwendung alternativer Mittel. Zudem ist
die Umweltverträglichkeit der Saatgutbeizung mit Neonikotinoiden nicht
grundsätzlich schlechter als andere Pflanzenschutzverfahren nach dem
Auflaufen der Pflanze, da durch behandeltes Saatgut weniger als etwa 5 Prozent der
gesamtem Ackerfläche „behandelt“ wird, bei einer Flächenspritzung jedoch
100 Prozent.
Mit einer insektiziden Beizung sind insbesondere im Raps die Kleine Kohlfliege
und der Rapserdfloh sehr gut bekämpfbar. Gegen die Kleine Kohlfliege sind
dann keine weiteren Maßnahmen erforderlich, gegen den Rapserdfloh wird auf
ca. 40 Prozent der Flächen eine weitere Insektizidmaßnahme durchgeführt
(Behandlungsindex von 0,5, Netz der Vergleichsbetriebe Pflanzenschutz, Freier
et al. 2013). Ist keine Möglichkeit der Saatgutbeizung verfügbar, sind in der
Regel mehrere Spritzungen erforderlich, um die Rapserträge zu sichern (Erhöhung
des Behandlungsindexes für Insektizide um 1,0 zu erwarten). Bei der
Bekämpfung der Kohlfliege gibt es nach Einschätzung des JKI keine effektive
Alternativbehandlung. Ackerbauliche Maßnahmen können flankierend angewendet
werden. Dazu gehören eine spätere Aussaat, Bodenbearbeitungsmaßnahmen
und eine Überwachung/ein Monitoring der Schaderreger mit Gelbschalen.
Erfahrungen zum möglichen Erfolg liegen bislang noch nicht vor.
38. Ist die Saatgutbeizung mit Neonicotinoiden aus Sicht der
Bundesregierung mit den Grundprinzipien des Integrierten Pflanzenschutzes vereinbar
auch vor dem Hintergrund, dass laut Untersuchungen (vgl. Van Dijk/Van
Staalduinen/Van der Sluijs, PLOS One 2013) nur ein kleiner Teil der
Wirkstoffmenge von der Pflanze aufgenommen wird, und damit der weitaus
größte Teil die Umwelt ohne erkennbaren Nutzen für die Landwirtschaft
belastet?
Nach Erkenntnissen der Bundesoberbehörden werden bei der Saatgutbeizung
vergleichbare Wirkstoffmengen ausgebracht wie bei einer Spritzung. Dabei
kommt es (durch den nur am Saatgut befindlichen Wirkstoff) jedoch zu einem
geringeren direkten Kontakt des Wirkstoffes mit Nichtzielorganismen
verglichen mit einer Anwendung von Pflanzenschutzmitteln mit diesem Wirkstoff
bei einer Spritzung (siehe Antwort zu Frage 37).
Die Saatgutbeizung mit Neonikotinoiden kontrolliert je nach Kulturart
verschiedene Schadorganismen. Darunter sind neben Schädlingen des Blattapparates
auch solche, die sowohl am Wurzelhals oder Blattapparat (z. B.
Moosknopfkäfer an Rübe), nur im unterirdischen Bereich (z. B. Drahtwurm, Larven des
Westlichen Maiswurzelbohrers, Larven der Kohlfliege) oder nur oberirdisch
auftreten. Nur oberirdisch auftretende können zumeist auch durch
Spritzanwendungen kontrolliert werden, wobei dort aber Probleme auftreten, die näher in der
Antwort zu Frage 41 erläutert werden. Zudem muss auf die Befahrbarkeit der
Anbauflächen geachtet werden, die besonders im Herbst häufig nicht gegeben
ist. Insgesamt ist es bei fast allen Kulturen mit neonikotinoider Beizung Ziel,
auch unterirdische Schadorganismen zu kontrollieren. Hierfür muss ein guter
Teil des Wirkstoffs im Boden verbleiben, um dort im unmittelbaren Umfeld des
auskeimenden Saatguts die gewünschte Wirkung über den notwendigen
Zeitraum zu entfalten.
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 23 – Drucksache 18/2531Eine Saatgutbeizung ist als vorbeugende Maßnahme mit den Prinzipien des
integrierten Pflanzenschutzes vereinbar, da einige Schädlinge entweder anders
nicht bekämpfbar oder das Auftreten nicht (z. B. Kohlfliege) oder nur schlecht
(z. B. Drahtwurm) vorhersehbar sind. Zudem ist die verfügbare Palette an
Wirkstoffen so gering, dass alle verfügbaren Wirkstoffe genutzt werden müssen, um
Resistenzbildungen vorzubeugen. Die Saatgutbeizung bietet auch den Vorteil
einer sehr gezielten räumlichen Anwendung der Pflanzenschutzmittel, so dass
andere Organismen des Ökosystems weniger getroffen werden als bei
Spritzungen. Es gibt Anhaltspunkte, dass durch Spritzungen die natürliche Parasitierung
und der Druck durch Eiräuber bei Kohlfliegen und Rapserdfloh reduziert
werden und so schon wenige dieser Schädlinge zu höheren Schäden führen können.
Des Weiteren findet die Saatgutbehandlung selbst in geschlossenen Räumen
unter für den Anwender und den Naturhaushalt besonders schonenden
Bedingungen statt und erfüllt somit wichtige Forderungen der Richtlinie 2009/128/EG
(sog. Pflanzenschutz-Rahmenrichtlinie).
39. Welche konkreten Konsequenzen wird die Bundesregierung aus den
aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich einer Anpassung des
Nationalen Aktionsplanes Pflanzenschutz ziehen, insbesondere in Bezug
auf konkrete Maßnahmen und Schritte hin zu einer deutlichen
Reduzierung der Anwendung von Neonicotinoiden?
Der Nationale Aktionsplan zur nachhaltigen Anwendung von
Pflanzenschutzmitteln unterstützt Maßnahmen, die helfen, den integrierten Pflanzenschutz
sicherzustellen und mögliche Risiken der Anwendung von
Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Weitere wichtige Aktivitäten betreffen
● die Forschung zu alternativen Maßnahmen, wie biologischen
Pflanzenschutzmaßnahmen, die Züchtung und Testung widerstandsfähiger Sorten,
Bodenbearbeitungsmaßnahmen vor der Aussaat und andere ackerbauliche
Maßnahmen, die im Einzelfall Pflanzenschutzmitteleinsparungen
ermöglichen, sowie die Entwicklung und Untersuchung komplexer und
nachhaltiger Anbausysteme unter Berücksichtigung geeigneter Fruchtfolgen,
Kulturmaßnahmen und Sorten,
● die Kommunikation und Beratung (z. B. Winterschulungen), um die neuen
Erkenntnisse schnell und gezielt in die Praxis zu bringen sowie
● ein verstärktes Monitoring von Schadorganismen zur gezielten Anwendung
von Pflanzenschutzmaßnahmen unter Beachtung des regionalen und
aktuellen Befallsdrucks.
Eine Anpassung des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von
Pflanzenschutzmitteln ist aus der Sicht der Bundesregierung insofern nicht
erforderlich. Der Nationale Aktionsplan nennt als Ziel ausdrücklich auch die
Reduktion der Belastung von blütenbestäubenden Insekten mit
Pflanzenschutzmitteln.
40. Mit welchen Maßnahmen aus welchen Haushaltstiteln hat die
Bundesregierung seit dem Jahr 2005 die Erforschung und Entwicklung alternativer
Pflanzenschutzwirkstoffe und -technologien, die u. a. als Ersatz für
Neonicotinoide dienen können, gefördert (bitte nach Projekttitel und -laufzeit,
Projektinhalt, Projektbeteiligte, Förderhöhe und Haushaltstitel
aufschlüsseln)?
Auf die Anlage 2 wird verwiesen.
Drucksache 18/2531 – 24 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode41. Welche alternativen Pflanzenschutzmittelwirkstoffe oder -konzepte wären
aus Sicht der Bundesregierung besonders geeignet, um den Einsatz der
Neonicotinoide zu reduzieren oder sie zu ersetzen (z. B. durch Präparate
auf Basis von Nematoden, die bei Anbautests der Agentur für Gesundheit
und Ernährungssicherheit (AGES) in Österreich erfolgreich gegen den
Maiswurzelbohrer eingesetzt wurden)?
Nach Einschätzung der zuständigen Bundesoberbehörden ist im Mais zur
Kontrolle des Westlichen Maiswurzelbohrers und ggf. anderer Bodenschädlinge die
Nutzung von Fruchtfolgen ein einfaches und schonendes
Pflanzenschutzverfahren. Dies gilt auch für andere Kulturen, wenngleich nicht erwartet werden kann,
dass alle Pflanzenschutzprobleme ausschließlich mit geeigneten Fruchtfolgen
zu lösen sind. Die Fruchtfolge kann nach Angaben der Bundesoberbehörden
effektiver sein als die Anwendung von entomopathogenen Nematoden. Im Raps,
der im Getreideanbau eine wirtschaftlich interessante Kultur in der Fruchtfolge
zur Erholung des Bodens nach Getreideanbau ist, ist bislang kein effektives
Pflanzenschutzverfahren gegen Kohlfliegenschäden bekannt.
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ISSN 0722-8333]