[Deutscher Bundestag Drucksache 18/5797
18. Wahlperiode 20.08.2015Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Annalena Baerbock,
Kordula Schulz-Asche, Harald Ebner, weiterer Abgeordneter
und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 18/5709 –
Gesundheitsauswirkungen der Klimakrise
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Am 23. Juni 2015 veröffentlichte das renommierte Medizin-Journal „The
Lancet“ den Bericht „Health and climate change: policy responses to protect public
health“ der Lancet-Kommission. Der Bericht zeigt den Einfluss der Klimakrise
und ihrer Folgen für die menschliche Gesundheit auf und warnt eindringlich
davor, dass die Klimakrise die jahrzehntelangen Bemühungen in den Bereichen
Gesundheit und Entwicklungszusammenarbeit zerstören könnte. Eine
ambitionierte Politik zur Vermeidung der Klimakrise hingegen böte laut der Experten
die größte Chance dieses Jahrhunderts für das Wohlergehen und die
Gesundheit der Menschheit (
http://press.thelancet.com/Climate2Commission.pdf), da
z. B. durch den Ausstieg aus der Kohleverstromung die Luftqualität verbessert
und Atemwegserkrankungen vermindert werden könnten.
Zudem stellt der Bericht fest, dass es insgesamt billiger sei, jetzt in die
Begrenzung der Klimakrise zu investieren, als später die Mehrkosten in den
Gesundheitssystemen zu finanzieren.
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat bereits im Jahr 2010 einen
Sachstandsbericht „Klimawandel und Gesundheit“ (
www.bmg.bund.de/fileadmin/dateien/
Publikationen/Gesundheit/Sonstiges/Sachstandsbericht_Klimawandel_und_
Gesundheit.pdf) veröffentlicht. Darin heißt es, dass „mit fortschreitendem
Klimawandel auch mit deutlicher werdenden adversen Gesundheitseffekten zu
rechnen“ sei und neben der Untersuchung von Einflüssen der Klimakrise auf
die menschliche Gesundheit auch die Verbesserung der Wissensbasis in diesem
Bereich dringend geboten sei. Aufbauend auf dem Sachstandsbericht
formulierten das RKI im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG)
und das Umweltbundesamt allgemeine Handlungsempfehlungen für
Ministerien, Behörden und weitere Akteure in Deutschland, deren Umsetzungsstand
derzeit unklar ist (Klimawandel und Gesundheit – Allgemeiner Rahmen zu
Handlungsempfehlungen für Behörden und weitere Akteure in Deutschland,
März 2013,
www.rki.de).Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit vom 18. August 2015
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 18/5797 – 2 – Deutscher Bundestag – 18. WahlperiodeVo r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die Folgen des Klimawandels sind so vielfältig, dass kaum ein Bereich des
gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens in den nächsten Jahren
und Jahrzehnten unberührt bleiben wird. Die Bundesregierung nimmt das
Thema Klimawandel sehr ernst und engagiert sich seit vielen Jahren beim
Klimaschutz und bei der Anpassung an den Klimawandel. Dabei erfolgen auch
Anpassungsmaßnahmen an die gesundheitsbezogenen Folgen des Klimawandels.
Die im Dezember 2008 amtierende Bundesregierung hat die Deutsche
Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS) beschlossen, um neben dem
Klimaschutz auch Aktivitäten zur Anpassung an den Klimawandel gezielt zu
unterstützen (siehe auch die Antwort auf die Kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN „Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels in
Deutschland“ – Bundestagsdrucksache 18/1403). Die DAS bietet einen Rahmen
für alle Anpassungsaktivitäten in Deutschland mit dem Ziel, die Gesellschaft,
Wirtschaft und Umwelt widerstandsfähiger gegenüber Klimaänderungen und
deren Folgen zu machen. Dabei werden Risiken des Klimawandels identifiziert,
Handlungsbedarfe benannt und mögliche Anpassungsmaßnahmen entwickelt.
Es werden 15 Handlungsfelder in der DAS angesprochen, von denen ein Feld
die menschliche Gesundheit ist. Als Querschnittsthemen werden die Raum-,
Regional- und Bauleitplanung sowie der Bevölkerungs- und Katastrophenschutz
betrachtet.
Zur Konkretisierung der DAS folgte der vom Bundeskabinett im Jahr 2011
beschlossene Aktionsplan Anpassung (APA). Mit dem Kabinettsbeschluss zum
APA wurde die Erstellung eines Fortschrittsberichts mit konkreten Schritten zur
Weiterentwicklung und Umsetzung der DAS vereinbart. Der Fortschrittsbericht
beinhaltet auch eine sektorübergreifende Vulnerabilitätsanalyse inklusive eines
Indikatorensystems. Ziel ist es, Verwundbarkeiten als Folge des Klimawandels
zu identifizieren und messbar darstellen zu können. Zu diesem Zweck arbeiten
seit dem Jahr 2011 im Auftrag der Bundesregierung 16 Bundesoberbehörden
und -institutionen sowie ein wissenschaftliches Konsortium im Netzwerk
Vulnerabilität zusammen, um mittels einer konsistenten, sektorenübergreifenden
und deutschlandweiten Analyse ein Gesamtbild der Vulnerabilität Deutschlands
für alle 15 Handlungsfelder der DAS zu erstellen. Für den Bereich Gesundheit
wurden in dem Zusammenhang die Klimawirkungen „Hitzebelastung“,
„Atembeschwerden durch bodennahes Ozon“, „Überträger von Krankheitserregern“
sowie „Belastung der Rettungsdienste, Krankenhäuser und Ärzte“ untersucht.
Darüber hinaus informiert der thematisch breit angelegte Monitoringbericht die
interessierte Öffentlichkeit und Entscheidungsträger regelmäßig alle vier Jahre
über bereits beobachtete und gemessene Folgen des Klimawandels und
begonnener Anpassungsmaßnahmen. Dieser wurde erstmals im Frühjahr 2015
vorgelegt. Darin werden alle in der DAS als relevant eingeschätzten Themen
abgebildet. Grundlage für den Monitoringbericht ist ein Indikatorenset, das für alle
Handlungsfelder entwickelt wurde. Für den Sektor menschliche Gesundheit
wurden insgesamt neun Indikatoren entwickelt.
Klimawandel macht nicht an Staatsgrenzen halt. Die gesundheitlichen
Auswirkungen treffen insbesondere Länder mit einer unzureichenden
Gesundheitsversorgung, die meist nur einen geringen Beitrag am anthropogen verursachten
Klimawandel haben. Darum engagiert sich die Bundesregierung auch
international.
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 3 – Drucksache 18/57971. Mit der Ausbreitung welcher Krankheiten rechnet die Bundesregierung
bedingt durch die multiplen Folgen der Klimakrise in der Bundesrepublik
Deutschland?
Der Bericht „Klimawandel und Gesundheit – Ein Sachstandsbericht des Robert
Koch-Instituts“ (RKI) aus dem Jahr 2010 beschreibt unter anderem folgende
Erkrankungen, die klimawandelbedingt gegebenenfalls zunehmen könnten:
Durch das Auftreten von Hitzewellen können akute hitzebedingte Erkrankungen
zunehmen. Hierzu gehören: Hitzekrämpfe, Hitzeohnmacht, Hitzeerschöpfung
und Hitzschlag. Die Hitzeerschöpfung ist die häufigste hitzebedingte
Erkrankung. Diese Erkrankungen können durch geeignete Anpassungsmaßnahmen in
der Häufigkeit ihres Auftretens reduziert werden.
An heißen Tagen können die Konzentrationen von Ozon und Feinstaub (PM)
erhöht sein. Gesundheitlich nachteilige Wirkungen können besonders Personen
mit bestehenden Atemwegserkrankungen und auch Personen, die an Herz-
Kreislauf-Erkrankungen leiden, betreffen. Wegen der Komplexität der Prozesse,
die am Transport, der Verteilung und dem Abbau dieser Schadstoffe beteiligt
sind, ist noch keine Aussage über die klimabedingten Auswirkungen auf diese
Expositionen möglich.
Vermutlich werden weltweit extreme Wetterereignisse (z. B. Stürme),
Hochwasser und Überschwemmungen im Zuge des Klimawandels zunehmen. In Europa
stellen Hochwasser heute die häufigsten Naturkatastrophen dar. Für
Deutschland kann bisher in Abhängigkeit von der geographischen Region sowohl eine
Zunahme als auch eine Abnahme der Hochwasserhäufigkeit festgestellt werden.
Gesundheitliche Wirkungen können sowohl während als auch nach dem
Ereignis auftreten.
Mit einer Zunahme der Sonnen-UV-Strahlung könnte sich das Hautkrebsrisiko
der Bevölkerung erhöhen. Daneben ist der „Graue Star“ (Katarakt) einer der
wichtigsten adversen Effekte von UV-Strahlung. Die Entwicklung der
Prävalenzen UV-bedingter Hautschäden wird nicht in erster Linie durch Änderungen der
UV-Einstrahlung bestimmt, sondern vor allem durch Verhaltensweisen
(Freizeitgestaltung, Vorsorge). In Deutschland hat die UV-Strahlung im letzten
Jahrzehnt nur gering zugenommen; in Zukunft ist mit einem weiteren leichten
Anstieg zu rechnen, wobei es große regionale Unterschiede geben wird.
Die zunehmende Erwärmung könnte zu einer Verlängerung der
Vegetationsperiode, zur Vergrößerung der Biomasse und somit zu einer Verstärkung und
Verlängerung der Allergenexposition führen. Durch Verlängerung der
Pollensaison (mit früherem Start und späterem Ende) und stärkere Exposition könnte
die Gefahr einer Sensibilisierung sowie die Belastung von Menschen, die bereits
an einer entsprechenden Inhalationsallergie leiden, steigen.
Das Auftreten von Infektionskrankheiten ist multifaktoriell bedingt, und die
vorliegenden Daten lassen keine sicheren Aussagen zur zukünftigen räumlich-
zeitlichen Verbreitung durch den Klimawandel zu. Grundsätzlich ist denkbar, dass
bei fortschreitender Erwärmung z. B. bestimmte zoonotische bzw. durch
Vektoren übertragene Erreger in Deutschland neu oder verstärkt auftreten und
lebensmittelbedingte oder wasserbürtige Infektionen zunehmen.
2. Welche Studien, Analysen und Sachstandsberichte hat die Bundesregierung
in den vergangenen fünf Jahren in Auftrag gegeben, um die Auswirkungen
der Klimakrise auf die öffentliche Gesundheit in Deutschland und weltweit
besser einschätzen zu können?
a) Wie viele Bundeshaushaltsmittel wurden für derartige Untersuchungen
aufgewendet, und aus welchen Haushaltstiteln wurden diese finanziert?
Drucksache 18/5797 – 4 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodeb) Zu welchen Ergebnissen kamen diese?
c) Welche Schlussfolgerung zieht die Bundesregierung aus dem
Forschungsstand?
d) Welchen konkreten Maßnahmen unternimmt die Bundesregierung, um
etwaige Forschungslücken über den Einfluss der Klimakrise und ihrer
Folgen auf die öffentliche Gesundheit zu schließen?
Die Bundesregierung hat in den letzten fünf Jahren eine Vielzahl von Studien,
Analysen und Sachstandsberichten finanziert, um die Auswirkung des
Klimawandels auf die öffentliche Gesundheit untersuchen zu lassen. Zum Teil
fokussieren die Studien ausschließlich auf den Klimawandel, zum Teil auch auf
weitere, damit zusammenhängende Themen. Während einige Arbeiten das Thema
umfassend bearbeiteten, widmeten sich andere lediglich bestimmten
Teilaspekten. Nachfolgend werden wesentliche Arbeiten aufgeführt, die durch
verschiedene Bundesressorts gefördert wurden.
Durch das BMG wurden folgende Studien gefördert:
– Klimawandel und Gesundheit – Ein Sachstandsbericht, erstellt im Jahr 2010
durch das RKI, Förderhöhe: 23 000 Euro. Der Bericht stellt fest, dass im Falle
eines weiter fortschreitenden Klimawandels mit deutlicher werdenden
adversen Gesundheitseffekten zu rechnen ist.
– Klimawandel und Gesundheit – Allgemeiner Rahmen zu
Handlungsempfehlungen für Behörden und weitere Akteure in Deutschland, erstellt im Jahr 2012
durch das RKI und das Umweltbundesamt (UBA), Förderhöhe: 14 000 Euro.
Es werden Ziele und Maßnahmen für sechs Handlungsfelder benannt.
– Erhebung zum RKI/UBA-Dokument „Klimawandel und Gesundheit –
Allgemeiner Rahmen zu Handlungsempfehlungen für Behörden und weitere
Akteure in Deutschland“, durchgeführt in den Jahren 2013 bis 2014 durch das
UBA, Förderhöhe: 35 000 Euro sowie 70 000 Euro Personaleigenmittel des
UBA. Diese Erhebung beantwortet die Frage, welche
Anpassungsmaßnahmen an die gesundheitlichen Risiken des Klimawandels in Deutschland
bisher abgeschlossen sind, laufen und geplant sind. Dabei wurden auch 32
Anpassungskonzepte der Bundesländer ausgewertet. Es werden
Handlungsoptionen für Vorsorgemaßnahmen und erfolgreiche Beispiele aus der Praxis
aufgezeigt und eine Datenbank geschaffen, die derzeit mehr als 330
Aktivitäten und Maßnahmen enthält.
Für folgende Forschungs- und Entwicklungsvorhaben des Bundesministeriums
für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) wurden
insgesamt ca. 3,1 Mio. Euro aufgewendet, wobei eine exakte Angabe nicht möglich
ist, weil sich die Kosten aus Forschungsaufträgen und Eigenpersonalmitteln des
UBA zusammensetzen:
– Mögliche Auswirkungen des Klimawandels auf die Verbreitung von
hantavirenübertragender Nagetiere (Abschlussbericht in 2013 veröffentlicht).
– Auswirkungen des Klimawandels auf die Verbreitung
krankheitsübertragender Tiere (Schildzecken) (Projektende im September 2015).
– Auswirkungen des Klimawandels auf die Verbreitung
krankheitsübertragender Tiere: Importwege und Etablierung invasiver Mücken in Deutschland
(Abschlussbericht in 2014 veröffentlicht).
– Regionalspezifisches Vorhersagesystem für das Vorkommen
gesundheitsgefährdender Nagetiere als Anpassung an den Klimawandel (Projektende 2016).
– Auswirkungen des Klimawandels auf die Verbreitung
krankheitsübertragender Tiere (invasive Stechmücken): Ermittlung der Risiken an den bereits
identifizierten Importwegen nach Deutschland (Projektende 2017).
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 5 – Drucksache 18/5797– Sensibilisierung gegen Allergene mit potenzieller Ausbreitung durch den
Klimawandel: Eine Patientenstudie in zwei Bundesländern mit
unterschiedlichem Regionalklima (abgeschlossen; Abschlussbericht folgt).
– Einfluss des Klimawandels auf die Biotropie des Wetters und die Gesundheit
bzw. die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung in Deutschland
(Abschlussbericht im Mai 2015 veröffentlicht).
– Anpassung an den Klimawandel: Evaluation bestehender nationaler
Informationssysteme (UV-Index, Hitzewarnsystem, Pollenflug- und
Ozonvorhersage) aus gesundheitlicher Sicht – Wie erreichen wir die empfindlichen
Bevölkerungsgruppen? (Abschlussbericht in 2015 veröffentlicht).
– Aufklärung des gesundheitlichen Gefährdungspotentials des
Eichenprozessionsspinners: Expositions- und Wirkungsabschätzung (Projektende 2016).
Weiterhin wurden durch das BMUB folgende nationale Vorhaben gefördert:
– Haushaltsjahr 2012; Förderhöhe: 121 900 Euro. „Entwicklung von
Bildungsmodulen für die Aus- und Weiterbildung von Pflegekräften und Ärzten zu
gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels, Anpassung- und
Behandlungsmöglichkeit“ (Klimaanpassungsschule). Hilfestellung des BMUB
durch zielgruppenspezifische Aufklärung von Multiplikatoren, wie mit
gesundheitlichen Problemen des Klimawandels umgegangen werden kann. Das
Fortbildungsangebot der Charité war durch die Ärztekammer Berlin am
20. April 2014 und das E-Learning am 20. Mai 2014 zertifiziert worden.
– Haushaltsjahr 2012; Förderhöhe: 264 164 Euro. „KommAKlima:
Kommunale Strukturen, Prozesse und Instrumente zur Anpassung an den
Klimawandel in den Bereichen Planung, Umwelt und Gesundheit – Hinweise für
Kommunen, Klimawandel und Klimaanpassung in 16 Modellkommunen“.
Weiterhin wurden durch BMUB folgende internationale Vorhaben gefördert:
– Haushaltsjahr 2010; Förderhöhe: ca. 95 000 Euro. Internationales BMUB/
UBA-Fachgespräch mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO):
„Klimawandel und Gesundheit – Auswirkungen wärmeliebender Schadorganismen
auf die Gesundheit des Menschen“ im Jahr 2009 zur ersten
Bestandsaufnahme und Einschätzung des Gefährdungspotenzials und Internationale
Konferenz von BMUB/UBA/WHO/DWD (Deutscher Wetterdienst):
„Klimawandel, Extremwetterereignisse und Gesundheit“ vom 29. bis 30. November
2010 im BMUB in Bonn zur Umsetzung der Beschlüsse (Handlungsrahmen)
der 5. WHO-Ministerkonferenz Umwelt und Gesundheit 2010 in Parma.
Verbesserung der Vernetzung und Zusammenarbeit und gegenseitigem
Verständnis der unterschiedlichen Herangehensweisen von internationalen,
europäischen, nationalen, regionalen und lokalen Arbeitsebenen zur Stärkung der
gesundheitlichen Prävention.
– Haushaltsjahr 2011; Förderhöhe: ca. 90 000 Euro. Internationale Konferenz
„Vektorbezogenes Risiko der Einführung von Chikungunya und
Denguefieber und die Ausbreitung von Aedes albopictus und Aedes japonicus in
Europa“ und internationale Konferenz „Biologie und Ausbreitung von Zecken
und durch Zecken übertragene Krankheiten in Zeiten des Klimawandels“. In
Europa werden mehr als 50 Virenarten von Zecken übertragen. Im Zuge des
Klimawandels könnten sich nicht nur die Zecken, sondern auch die Viren
weiter ausbreiten. Längerfristige Untersuchungen sind zur Be- oder
Widerlegung einer eindeutigen Korrelation zwischen Klimawandel, der Ausbreitung
von Zecken und durch sie übertragenen Krankheiten erforderlich.
– Haushaltsjahr 2012; Förderhöhe: 86 458 Euro. „Klimawandel und
Gesundheit Toolkit“ – Erarbeitung eines dreiwöchigen Trainingskurses über Klima
und Gesundheit – welches sowohl die Auswirkungen und Anpassung behan-
Drucksache 18/5797 – 6 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodedelt, wie auch die Gesundheitsergebnisse der CO2-Politiken in verschiedenen
Sektoren. Pilottest mit 24 europäischen WHO-Ländern.
– Haushaltsjahr 2013; Förderhöhe: 23 300 Euro. „Drohende Gefahren unter
Änderungen des Klimas“ Vektoren übertragene Krankheiten als Thema einer
Tagung der seit 2012 konstituierten WHO-Arbeitsgruppe „Health in Climate
Change“ (HIC), die von BMUB/UK Gesundheitsministerium geleitet wird.
An dem Treffen nahmen Vertreter aus 22 europäischen Ländern teil und acht
internationale Organisationen.
– Haushaltsjahr 2013: Förderhöhe: 45 000 Euro. WHO-HIC-
Arbeitsgruppensitzung zum Thema „CO2-Reduktion in Gesundheitsdiensten ‚green health
services‘“ Erarbeitung eines Konzepts mit Wissenschaftlern und
europäischen Gesundheitsdiensten.
– Haushaltsjahr 2013: Förderhöhe: 45 000 Euro. WHO-HIC-
Arbeitsgruppensitzung zum Thema „Tool zur Errechnung von Gesundheitskosten durch die
Klimaveränderung“.
– Haushaltsjahr 2014: Förderhöhe: 40 000 Euro. WHO-Arbeitsgruppensitzung
zum Thema „Heutiger Wissenschaftlicher Stand“; Wissenschaftler des IPCC
und der europäischen Mitgliedsländer haben daran teilgenommen. Die
Resultate sind in den Bericht der Lancet-Kommission eingeflossen. Die WHO-
Experten waren am letzten IPCC-Sachstandsbericht beteiligt.
– Haushaltsjahr 2015; Förderhöhe: 55 000 Euro. WHO-HIC-
Arbeitsgruppensitzung zum Thema „Stärkung der Risikokommunikation von Gesundheit im
Klimawandel“. Neben dem Austausch der Kommunikation mit den
Wetterdiensten und deren Zusammenarbeit wurden Kernaussagen für die
anstehenden Klimaverhandlungen für Paris Ende 2015 formuliert. An dem Treffen
nahmen Vertreter aus 25 europäischen Ländern teil und acht internationale
Organisationen.
– Haushaltsjahr 2015; Förderhöhe: 60 000 Euro. WHO-HIC-
Arbeitsgruppensitzung zum Thema „Stärkung der Maßnahmen in Vorbereitung auf
Überschwemmungen“. In Vorbereitung.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat im Jahr 2010
das Sondierungsgutachten „Klimawandel und Versorgungssicherheit“ mit dem
Ziel einer Bestandsaufnahme der klimabezogenen Versorgungssicherheit in
Deutschland in Auftrag gegeben. Speziell im Gesundheitssektor wurde die
gesundheitliche Vor- und Nachsorge (z. B. UV-Strahlung, Infektionskrankheiten,
Extremwetter und Medikamentenversorgung) analysiert.
Die genannten Studien zeigen die Vielfalt der Auswirkungen des Klimawandels
auf die öffentliche Gesundheit. Sie verdeutlichen die Bedeutung von
Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel im Gesundheitssektor. Viele Fragen
konnten mit Hilfe dieser Studien beantwortet werden, es besteht aber noch
weitergehender Forschungsbedarf. Die Studienergebnisse werden herangezogen,
um die Bevölkerung besser vor den zukünftig zu erwartenden
gesundheitsbezogenen Klimaveränderungen schützen zu können. Dabei bündelt die DAS die
Aktivitäten der Bundesregierung über alle Sektoren hinweg (sh. auch
Vorbemerkung der Bundesregierung). Auch in Zukunft ist es von Bedeutung, den
Anpassungsplan an den Klimawandel an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse
anzupassen und entsprechend zu aktualisieren.
3. Welche konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung bisher
unternommen, um ein integratives Gesundheits- und Umweltmonitoringssystem
aufzubauen, welches gesundheitsrelevante Umweltfaktoren beobachtet und
diese den gesundheitlichen Beeinträchtigungen zuordnet, mögliche
Gesundheitsgefahren frühzeitig erkennt sowie die Entwicklung konkreter
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 7 – Drucksache 18/5797Maßnahmen zur Prävention entwickelt und kontrolliert (vgl. RKI 2013,
S. 7)?
Der Aufbau eines integrierten Gesundheits- und Umweltmonitoringsystems ist
komplex. Datenschutzrechtliche Fragen spielen dabei – neben anderen Fragen –
eine wichtige Rolle. Im Rahmen des vom BMG geförderten RKI-Projekts „GIS-
gestützte Verknüpfung von bundesweiten Umwelt- und Gesundheitsdaten in
Deutschland – eine Methodenstudie am Beispiel verkehrsbezogener
Feinstaubexposition“ aus dem Jahr 2014 wurde die prinzipielle Arbeitsweise der
Opensource-GIS-Software QGIS mit dem Ziel der Verknüpfung dieser Feinstaub-
Expositionsdaten mit Gesundheitsdaten für das RKI aufgezeigt. Es wurde an
ausgewählten Fallbeispielen demonstriert, wie weitere Geoinformationen aus dem
unmittelbaren Umfeld der Wohnadresse, die einen potenziellen Einfluss auf
Gesundheit und Gesundheitsverhalten der Bevölkerung haben, gewonnen und mit
epidemiologischen Daten verknüpft werden können. Damit wurden einige
wichtige Teilfragen für die Verknüpfung von Umwelt- und Gesundheitsdaten
bearbeitet.
Voraussetzung für die Zusammenführung von Umwelt- und Gesundheitsdaten
ist das Vorhandensein entsprechender Daten. Seit dem Jahr 1985 führt die
Bundesregierung die Deutschen Umweltstudien zur Gesundheit, die sogenannten
Umweltsurveys, durch. Die aktuell durchgeführte Deutsche Umweltstudie zur
Gesund von Kindern und Jugendlichen (GerES), ehemals 5. Umweltsurvey,
wurde im Jahr 2014 begonnen und wird im Jahr 2017 abgeschlossen sein. Diese
Studie ist Teil des bundesweiten Gesundheitsmonitorings des RKI. Ebenso
nimmt Deutschland im Bereich des Human-Biomonitorings (HBM) europa- und
weltweit eine Vorreiterrolle ein. HBM ist ein Werkzeug der
gesundheitsbezogenen Umweltbeobachtung. Es werden menschliche Körperflüssigkeiten und -
gewebe untersucht, um ihre Belastung mit Schadstoffen zu bestimmen. Ebenfalls
seit dem Jahr 1985 untersucht das Umweltbundesamt regelmäßig die Belastung
der Menschen und seiner Umwelt durch Chemikalien im Rahmen der
Umweltprobenbank (siehe hierzu
www.umweltprobenbank.de).
4. Welche Kenntnis hat die Bundesregierung über die Zunahme der Häufigkeit
und Andauer von Hitzewellen in Deutschland, und wie wirken sich diese
nach Kenntnis der Bundesregierung auf die allgemeine Gesundheit und
durchschnittliche Mortalitätsraten aus?
Wissenschaftliche Untersuchungen für Deutschland besagen, dass Häufigkeit,
Dauer und Maximaltemperaturen von Hitzeepisoden zugenommen haben und
weiter zunehmen dürften. In der Vergangenheit traten Hitzeepisoden in
Deutschland überwiegend zwischen Mai und September auf, mit den meisten Fällen im
Juli, gefolgt von August und Juni. Der September war deutlich weniger am
Hitzegeschehen beteiligt als der Monat Mai. Seit der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts ist in allen genannten Monaten eine Zunahme der Häufigkeit der
Hitzeepisoden festzustellen. Aktuelle Klimamodellrechnungen für das gesamte
21. Jahrhundert zeigen, dass auch im Spätsommer und Herbst häufiger
Hitzewellen vorkommen und bis in den Oktober hineinreichen könnten. Es wird
erwartet, dass sich die Anzahl der Hitzewellen in Deutschland bis zum Ende des
21. Jahrhunderts mindestens verdoppeln könnte. Bezüglich der Dauer von
Hitzeepisoden zeigen die aktuellen Modellrechnungen eine Abnahme der
kürzeren Ereignisse. Dafür nehmen mittellange und lange Episoden zu, wobei eine
deutliche Tendenz zum Auftreten sehr langer Hitzeperioden zu erkennen ist.
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen des Deutschen Wetterdienstes
(DWD) im Auftrag des BMUB bestätigen die ungünstige Wirkung von starker
thermischer Belastung auf die Gesundheit, wobei länger andauernde Phasen von
Hitzebelastung zu signifikanten Erhöhungen der Mortalitätsrate führen können.
Drucksache 18/5797 – 8 – Deutscher Bundestag – 18. WahlperiodeAußerdem konnten Wettereinflüsse auf bestehende Herz- und
Gefäßerkrankungen, Atemwegskrankheiten, rheumatische Beschwerden sowie auf
Kopfschmerzen und Migräne statistisch signifikant nachgewiesen werden. Auch eine
Verbindung zu allgemeinen Befindlichkeitsstörungen bis hin zu psychischen
Krankheiten wurde belegt. Die im Kontext fortschreitenden Klimawandels bis
zum Ende des 21. Jahrhunderts zu erwartende Zunahme der Häufigkeit und
Dauer von Hitzewellen könnte wahrscheinlich zu einem häufigeren Auftreten
von gesundheitlichen Beschwerden während Hitzewellen führen. Mit einer
gravierenden Zunahme der thermischen Belastung durch Hitzewellen wäre auch
eine Zunahme der Mortalität zu befürchten. Schon in der ersten Dekade des
Jahrhunderts stieg die Zahl der Todesfälle während Hitzewellen infolge
koronarer Herzkrankheiten an. Bis zum Ende des Jahrhunderts rechnet eine im Jahr
2015 vorgelegte Studie des DWD mit einer um den Faktor 3 bis 5 erhöhten
Todesrate.
5. Welche Bevölkerungsgruppen werden nach Kenntnis der Bundesregierung
am stärksten in ihrer physischen und psychischen Gesundheit durch
Hitzewellen betroffen, und welche Maßnahmen gibt es bzw. schlägt die
Bundesregierung vor, um diese Personengruppen besser zu schützen?
Besonders betroffen sind Menschen, die aus verschiedensten Gründen in ihren
Möglichkeiten zur Thermoregulation eingeschränkt sind. So kann z. B. für alte
Personen, Säuglinge und Kleinkinder, Personen mit schweren gesundheitlichen
Beeinträchtigungen (z. B. kardiovaskuläre oder respiratorische Erkrankungen,
Bettlägerigkeit, neurologische oder psychiatrische Erkrankungen) oder
Personen, die Medikationen erhalten, welche sich auch auf den Elektrolythaushalt
auswirken (z. B. Einnahme von Diuretika, Anticholinergika oder Neuroleptika),
die steigende Umgebungstemperatur weitere körperliche oder psychische
Beschwerden auslösen. In Folge der individuellen Reaktionen ist allerdings ein
eindeutiger Beleg schwierig.
Als Reaktion auf die hitzebedingten Todesfälle im Sommer 2003 haben Bund
und Länder im Jahr 2005 das bundesweite Hitzewarnsystem des DWD
eingeführt. Dieses Hitzeinformationssystem wird seitdem kontinuierlich betrieben
und weiterentwickelt. Durch Warnung vor Wärmebelastung wird vor allem den
Einrichtungen des öffentlichen Gesundheits- und Sozialwesens ermöglicht,
rechtzeitig entsprechende Präventionsmaßnahmen zu ergreifen. Weiterhin
existieren vielfältige Informationsmaterialien, die sich teilweise speziell an die
vulnerablen Gruppen richten (siehe auch die Antworten zu den Fragen 6 und 20).
6. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der Schätzung
(RKI-Sachstandsbericht 2010), wonach man im Zeitraum der Jahre 2071
bis 2100 mit jährlich ca. 5 000 bis 8 000 zusätzlichen hitzebedingten
Todesfällen rechnet?
Bereits heute gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich auf Hitzewellen besser
einzustellen: Über das Hitzewarnsystem des DWD (Internet und Wetter-App)
kann sich die Bevölkerung frühzeitig auf längere Perioden mit heißen Tagen
einstellen. Wichtig ist dabei auch, sich nicht nur an extrem heiße Tage anzupassen,
sondern auch an die zunehmende Variabilität des Wetters (siehe auch die
Antwort zu Frage 5). Hier ist jede und jeder Einzelne gefordert, sich auf die
Auswirkungen des Klimawandels einzustellen, insbesondere durch die Anpassung der
persönlichen Verhaltensweise. Eine gesunde und ausgewogene Ernährung, wenig
Alkohol und der Verzicht auf das Rauchen können helfen, das eigene
gesundheitliche Risiko zu senken und das zunehmend belastende Wettergeschehen
besser zu verkraften. In diesem Zusammenhang bedarf die Betreuung gebrech-
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 9 – Drucksache 18/5797licher, pflegebedürftiger Menschen durch dritte Personen besonderer
Aufmerksamkeit. Daneben sind weitere, vorsorgliche Maßnahmen sinnvoll,
beispielsweise die Reduzierung von Wärmeinseln in den Städten und klimaangepasstes
Bauen.
7. Über welche Statistiken zur Wechselwirkung von Hitze, Ozon und
Feinstaub, die die Morbidität und Mortalität für respiratorische sowie Herz-
Kreislauf-Erkrankungen erhöhen, verfügt die Bundesregierung, und welche
Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung daraus?
Statistiken über diesen Sachverhalt liegen der Bundesregierung nicht vor.
8. Ist die Bundesregierung der Auffassung, dass es hinsichtlich regionaler
Unterschiede bei den Auswirkungen der Klimakrise auf die öffentliche
Gesundheit stärkeres Engagement in der Gesundheitsforschung bedarf, und
wenn ja, welche Schlussfolgerungen zieht sie daraus?
Innerhalb des Rahmenprogramms Gesundheitsforschung unterstützt die
Bundesregierung bereits Forschung zu Krankheiten, die durch regionale
Klimaveränderungen beeinflusst sein könnten. So wird z. B. am Deutschen Zentrum für
Infektionsforschung die Ausbreitung von Stechmücken und die durch diese
übertragenen Erreger erforscht. Am Helmholtz-Zentrum München für
Gesundheit und Umwelt wird gemeinsam mit der Technischen Universität München der
Einfluss von Umweltfaktoren und Klimawandel auf die Allergenität
luftgetragener Pollen untersucht.
Innerhalb der BMBF-Fördermaßnahme „Nachwuchsgruppen Globaler Wandel
4+1“ wird das Vorhaben „MOPM. Untersuchungen zu Auswirkungen und
Risiken von Massenvermehrungen des Eichenprozessionsspinners für ein
angepasstes Forstmanagement sowie Gesundheitsvorkehrungen in urbanen und nicht
urbanen europäischen Eichenbeständen“ gefördert. Darin werden die
Zusammenhänge und die Auswirkungen der Insektenmassenmehrungen im
Zusammenhang mit dem Klimawandel untersucht. Ziel ist der Aufbau eines
internetbasierten Frühwarnsystems sowie einer Metadatenbank für mögliche
regionalspezifische Szenarien.
Daneben ist die Erforschung von regionalen Unterschieden bei den
Auswirkungen des Klimawandels auf die öffentliche Gesundheit sowie die Umsetzung von
Maßnahmen zum Gesundheitsschutz der Bevölkerung auch Aufgabe der
Bundesländer und Kommunen in ihren jeweiligen Zuständigkeiten.
9. Wie viele Bundeshaushaltsmittel sind für das kommende Jahr für derartige
Untersuchungen vorgesehen, und aus welchen Haushaltstiteln soll dies
finanziert werden?
Es ist geplant, aus Haushaltsmitteln des BMUB für die Jahre 2016 bis 2019 das
Vorhaben „Langfristige Populationsentwicklung
krankheitserregerübertragender Nagetiere: Interaktion von Klimawandel, Landnutzung und Biodiversität“
mit insgesamt 258 000 Euro zu finanzieren.
Darüber hinaus werden (regionale) Gesundheitsauswirkungen des
Klimawandels in verschiedenen Projekten sowie institutionell durch weitere
Bundesressorts gefördert (siehe auch die Antwort zu Frage 8).
Drucksache 18/5797 – 10 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode10. Ist die Bundesregierung der Auffassung, dass es hinsichtlich der
gesundheitlichen Auswirkung von UV-Strahlungen eines stärkeren Engagements
der klimakrisebezogenen Gesundheitsforschung bedarf?
Wenn ja, welches, und wenn nein, warum nicht (vgl. RKI 2013, S. 11)?
Wie viele Bundeshaushaltsmittel sind für das kommende Jahr 2016 für
derartige Untersuchungen vorgesehen, und aus welchen Haushaltstiteln
sollen diese finanziert werden?
Die gesundheitlichen Folgen einer übermäßigen UV-Exposition, wobei die
schwerwiegendste die Entstehung von Hautkrebs ist, sind bekannt. Darum
konzentriert sich die Bundesregierung auf Maßnahmen der Aufklärung und
Prävention (siehe auch die Antwort zu Frage 11).
11. Welche primären und sekundären Präventionsmaßnahmen hat die
Bundesregierung bisher unternommen, um die Bevölkerung von möglichen
gesundheitlichen Auswirkungen durch klimakrisenbedingte UV-
Expositionen aufzuklären (vgl. RKI 2013, S. 11)?
Seit mehr als 20 Jahren werden in Deutschland Aufklärungskampagnen in der
Bevölkerung durchgeführt mit dem Ziel, über gesundheitliche Risiken der UV-
Strahlung zu informieren und die Menschen für einen bewussten Umgang mit
der UV-Strahlung zu sensibilisieren. Insgesamt besteht ein umfangreiches
Aufklärungs- und Informationsangebot hinsichtlich der Risiken von UV-Strahlung.
Neben seinen vielfältigen Aktionen wie dem UV-Mobil, der Erstellung von
Unterrichtsmaterial oder Informationstagen startet das Bundesamt für
Strahlenschutz jedes Jahr zu Beginn des Sommers eine breite Öffentlichkeitsinformation
über die Risiken der UV-Strahlung. Informationsmaterialien werden auch durch
die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und das UBA
bereitgestellt. Der DWD hat eine allgemein zugängliche, tägliche UV-
Gefahrenindex-Vorhersage entwickelt.
12. Welche Infektionserreger, die bereits endemisch sind (zum Beispiel
Hantaviren, Zecken-übertragene Erreger, wie Borrelien und FSME-Viren,
durch Lebensmittel und Wasser übertragene Erreger), werden nach
Kenntnis der Bundesregierung künftig bedingt durch den Klimawandel eine
stärkere Verbreitung in Deutschland erfahren, und welche Maßnahmen
sind aus Sicht der Bundesregierung geeignet, um die Verbreitung solcher
Infektionskrankheiten zu begrenzen?
Die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Vektor- bzw.
Erregerausbreitung werden zurzeit intensiv erforscht (siehe auch die Antwort zu Frage 2). Das
Zusammenspiel der Aufnahme von Krankheitserregern über deren Entwicklung
und Vermehrung in Vektoren sowie deren Übertragung auf Mensch und Tier ist
hoch komplex und teilweise nicht vollständig geklärt. Derzeit ist die
verursachende Komponente des Klimawandels bei der Ursachenanalyse dieser
Infektionen unklar.
Wie der Klimawandel die Verbreitung und die Dichte der Zecken beeinflusst,
lässt sich derzeit nicht vorhersagen, da diese von zahlreichen ökologischen und
klimatischen Faktoren wie Habitatstruktur (Vegetation etc.), Populationsdichte
der Reservoirtiere (z. B. Nager, Wildtiere) und Feuchtigkeit abhängen. Warme
Winter erleichtern das Überleben und die Vermehrung der Vektoren und
begünstigen eine höhere Zeckendichte und -aktivität bereits im Frühjahr. Andererseits
führen heiße trockene Sommer zu einer Reduktion der Zeckenpopulationen.
Entsprechend gibt es auch keinen einfachen linearen Zusammenhang zwischen
Temperatur und Inzidenz von zekkenübertragenen Erkrankungen beim Men-
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 11 – Drucksache 18/5797schen. Die Inzidenz von durch Zecken übertragenen Infektionskrankheiten
hängt neben der Verbreitung der Zecken auch vom Verhalten der Menschen ab.
Vermehrte Aufenthalte in Gebieten, in denen infizierte Zecken vorkommen
(z. B. in der Freizeit) führen erwartungsgemäß zu einer Zunahme von
Infektionen (Borreliose, Frühsommer-Meningoenzephalitis – FSME) beim Menschen.
Bezüglich des hierzulande für den Menschen wichtigsten Hantavirustyp, das
Puumalavirus, wird die Infektionshäufigkeit beim Menschen stark beeinflusst
durch die Abundanz und Durchseuchung des Reservoirtieres (der Rötelmaus),
die mehrjährigen zyklischen Schwankungen unterliegt. Veränderte klimatische
Bedingungen können die Vermehrung der Reservoirtiere begünstigen (z. B.
besseres Nahrungsangebot und Überlebensbedingungen für Mäuse durch
häufigeres Auftreten von Mastjahren bei Buchen und milden Wintern). Inwieweit die
seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) beobachtete Zunahme von
Jahren mit hohen Zahlen an gemeldeten Hantavirusinfektionen beim Menschen
weiter zunimmt, ist nicht vorhersagbar.
Steigende Temperaturen wirken sich auch auf die Sicherheit beziehungsweise
Haltbarkeit von Lebensmitteln aus. Infektionen durch Salmonellen,
Campylobacter und andere, über Lebensmittel übertragene Erreger zählen bereits jetzt zu
den häufigsten Infektionskrankheiten. Bei fortschreitender Erwärmung und
unsachgemäßem Umgang könnte es zu einem Anstieg der durch sie ausgelösten
Magen-Darm-Erkrankungen kommen.
Die zwar seltenen, aber häufig letal verlaufenden Wundinfektionen mit Nicht-
Cholera-Vibrionen, die auch an Nord- und Ostsee vorkommen, traten in der
Vergangenheit vor allem in Jahren mit sehr hohen sommerlichen
Wassertemperaturen in Strandnähe auf. Vor allem bei älteren Personen mit einem geschwächten
Immunsystem können die Erreger, die durch Wunden in den Körper eindringen,
schwer verlaufende Infektionen verursachen.
In Deutschland existiert auf der Basis des Infektionsschutzgesetzes ein gutes
System zur Überwachung (Surveillance) von importierten und heimischen
Infektionskrankheiten. Die Überwachung von Infektionskrankheiten schließt
gemäß IfSG auch eine Reihe von Erregern ein, deren Auftreten durch
Klimaänderungen beeinflusst werden kann.
Eine Verhinderung oder Verlangsamung der Verbreitung von in der Umwelt
vorkommenden Erregern (Vibrionen bzw. durch Nagetiere oder Zecken übertragene
Erreger) ist in der Regel nicht möglich. Die Aufklärung der Bevölkerung über
individuelle Maßnahmen zur Expositionsprophylaxe (z. B. Schutz vor
Zeckenstichen) hat daher eine große Bedeutung. Für die FSME-Erkrankung steht ein
effektiver Impfstoff zur Verfügung. Die Maßnahmen zum Schutz vor durch
Lebensmittel übertragene Erreger werden als ausreichend angesehen.
13. Mit der Verbreitung welcher Infektionserreger und welcher
Krankheitsüberträger (Vektoren), wie der Tigermücke, die z. B. Chikungunya
übertragen kann, die bisher vorwiegend in tropischen und subtropischen
Regionen vorkommen, rechnet die Bundesregierung künftig in Deutschland,
und welche Maßnahmen sind aus ihrer Sicht geeignet, um die Verbreitung
solcher Infektionskrankheiten zu begrenzen?
Das Auftreten von Infektionskrankheiten ist multifaktoriell bedingt, und die
bislang vorliegenden Daten lassen keine sicheren Aussagen zur zukünftigen
Verbreitung zu. Grundsätzlich wäre es denkbar, dass bei fortschreitender
Erwärmung z. B. bestimmte, durch Vektoren übertragene Erreger auch in Deutschland
zu autochthonen (d. h. ortsständig in Deutschland) Infektionen führen könnten.
Hierfür müssen allerdings einige Voraussetzungen erfüllt sein:
Zusammentreffen von kompetenten Vektoren (z. B. sich neu in Deutschland etablierende
Drucksache 18/5797 – 12 – Deutscher Bundestag – 18. WahlperiodeStechmückenarten) und virämischen Patientinnen und Patienten (z. B.
Reiserückkehrer, die an Dengue- oder Chikungunya-Fieber erkrankt sind). Nur wenn
die geeigneten klimatischen Bedingungen gegeben sind, könnten sich die
entsprechenden Erreger auch in Deutschland verbreiten. Derzeit liegen diese
Bedingungen räumlich und zeitlich nur sehr begrenzt vor, so dass zurzeit
wahrscheinlich nicht mit dem Auftreten in Deutschland erworbener Infektionen mit
bekannten, aber bisher nicht in Deutschland verbreiteten Erregern, zu rechnen
ist. Ein Anstieg würde durch das auf der Basis des IfSG etablierte
Überwachungssystem in Deutschland beobachtet werden, das auch eine Reihe von
Erregern, deren Auftreten durch Klimaänderungen beeinflusst werden können,
einschließt.
14. Ist die Bundesregierung der Auffassung, dass es hinsichtlich des
Zusammenhangs zwischen klimatischen Faktoren und der Häufigkeit bzw. der
Verteilung von Infektionskrankheiten eines stärkeren Engagements der
klimawandelbezogenen Gesundheitsforschung bedarf?
Wenn ja, welches, und wenn nein, warum nicht?
a) Wie viele Bundeshaushaltsmittel sind für das kommende Jahr 2016 für
derartige Untersuchungen vorgesehen, und aus welchen
Haushaltstiteln sollen diese finanziert werden?
b) Wie viele Bundeshaushaltsmittel sind für das kommende Jahr 2016
speziell für die Erforschung dieses Zusammenhangs in Entwicklungs-
und Schwellenländern vorgesehen, und aus welchen Haushaltstiteln
sollen diese finanziert werden?
c) Welche Kenntnisse und Prognosen hat die Bundesregierung über
mögliche Kostensteigerungen im Gesundheitssektor durch diese
Entwicklungen?
Bei zahlreichen Forschungsvorhaben zu Infektionskrankheiten spielt der
Klimawandel eine mehr oder weniger große Rolle, z. B. bei vektorvermittelten
Infektionskrankheiten. Es erfolgt jedoch keine gesonderte Erfassung von
Fördermitteln allein in Bezug auf den Einfluss des Klimawandels auf die jeweiligen
Infektionskrankheiten. Es wird auch auf die Antworten zu den Fragen 2, 8 und 9
verwiesen.
15. Welche Kenntnisse und eigene Untersuchungen hat die Bundesregierung
über mögliche Zunahmen allergischer Erkrankungen, z. B. durch
klimabedingte Verlängerung der Vegetationsphasen?
a) Welche Schlussfolgerungen zieht sie daraus?
b) Welche Kenntnisse und Prognosen hat die Bundesregierung über
mögliche Kostensteigerungen im Gesundheitssektor durch diese
Entwicklungen?
Repräsentative Prävalenzschätzungen von Allergien bei Erwachsenen ergeben
sich aus der RKI-Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS).
Für Kinder ergeben sich diese Prävalenzen aus dem RKI-Kinder- und Jugend-
Gesundheitssurvey (KiGGS).
Während der 90er-Jahre war ein deutlicher Anstieg der Prävalenz des
Heuschnupfens und der allergischen Sensibilisierung bei Erwachsenen und dabei
insbesondere bei den Jüngeren zu beobachten. Der Anstieg für Asthma war
weniger stark ausgeprägt. Im Vergleich zwischen dem Bundes-Gesundheitssurvey
1998 (BGS98) und der ersten DEGS-Erhebungswelle (2008 bis 2011) hat die
Prävalenz für Asthma um knapp drei Prozentpunkte zugenommen und die
allergische Sensibilisierung gegen Inhalationsallergene ist von 29,8 auf 33,6 Prozent
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 13 – Drucksache 18/5797angestiegen. Die Häufigkeiten von ärztlich diagnostiziertem Heuschnupfen,
Neurodermitis und Nahrungsmittelallergien blieben dagegen in den letzten 15
Jahren nahezu unverändert.
Die durch das BMUB geförderte Studie des UBA „Sensibilisierung gegen
Allergene mit potenzieller Ausbreitung durch den Klimawandel: Eine
Patientenstudie in zwei Bundesländern mit unterschiedlichem Regionalklima“ kommt zu
folgenden wesentlichen Ergebnissen: Auf der einen Seite brauchen neue
Allergene Zeit, um zu Sensibilisierungen oder sogar klinisch symptomatischen
Allergien zu führen. 15 bis 20 Jahre können durchaus vergehen, im individuellen Fall
kann beides jedoch auch innerhalb sehr kurzer Zeit (innerhalb von Wochen oder
Monaten) erfolgen. Gleichwohl können Kreuzreaktionen für allergische
Beschwerden verantwortlich sein, auch wenn noch keine spezifische
Sensibilisierung vorliegt. Dies ist z. B. bei Ambrosia der Fall. Außerdem können
Sensibilisierungen ohne bisher bekannte Sensibilisierungsursache vorliegen, denn auch
in Urlauben oder durch exotische Pflanzen in Wohnräumen können solche
Sensibilisierungen erworben werden, wie es z. B. bei Olivenpollen der Fall ist.
Klimaveränderungen, die zu einer Änderung des Artenspektrums führen, treffen
demnach auf eine vermutlich bereits empfindliche „vorsensibilisierte“
Bevölkerung, d. h. Gesundheitseffekte wie Allergien wären auch ohne Verzögerung
(Latenzzeit, wie oben beschrieben) zu erwarten.
Allergien werden durch Umwelteinflüsse entscheidend beeinflusst. Hier kann
auch der Klimawandel eine Rolle spielen. Wie stark jedoch Allergien zunehmen
könnten, die auf klimawandelausgelösten Einflüssen basieren, lässt sich nicht
quantifizieren. Dementsprechend lassen sich auch mögliche zusätzliche
Behandlungskosten nicht abschätzen.
Die Bundesregierung verfolgt die Allergiezahlen in der Bevölkerung im
Rahmen des Gesundheitsmonitorings auch zukünftig.
16. Welche Kenntnisse und eigene Untersuchungen hat die Bundesregierung
über Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch die Emissionen
von Kohlekraftwerken, und stimmt sie der Aussage der Lancet-
Kommission zu, wonach der Ausstieg aus der Kohleverstromung multiple positive
Effekte auf die menschliche Gesundheit hat?
a) Wenn ja, welche Schlussfolgerungen zieht sie daraus?
Die Bundesregierung hat Kenntnis von Aussagen der Lancet-Kommission, dass
Luftschadstoffe Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und der Atemwege
verursachen können. Quelle dieser Luftschadstoffe sind häufig
Verbrennungsprozesse, wie sie bei der Energieerzeugung, im Straßenverkehr oder beim
Hausbrand stattfinden. Den Emissionen aus Braunkohle- und Steinkohlekraftwerken
hinsichtlich der Feinstaubbelastung kommt dabei lediglich eine nachrangige
Bedeutung zu.
b) Gibt das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) Empfehlungen für
einen schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung?
Wenn ja, welche, und wenn nein, warum nicht?
Das Thema Kohleverstromung wird federführend vom Bundesministerium für
Wirtschaft und Energie (BMWi) bearbeitet. Im Rahmen der
Ressortabstimmungen bringt BMG seine Kompetenzen hier ein.
Drucksache 18/5797 – 14 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode17. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der Schätzung
der Weltgesundheitsorganisation (WHO;
www.who.int/phe/health_topics/
outdoorair/databases/AAP_BoD_results_March2014.pdf?ua=1), wonach
in den Industriestaaten Europas jährlich ca. 279 000 Todesfälle auf die
Luftverschmutzung in der Umwelt zurückzuführen sind?
Mit Blick auf die Luftverschmutzung wurden aus Gründen des
Gesundheitsschutzes auf EU-Ebene unter maßgeblicher Mitwirkung Deutschlands zur
Verbesserung der Luftqualität anspruchsvolle Immissionsgrenzwerte, unter
anderem für Feinstaub, festgesetzt und z. B. im Rahmen der Umsetzung der
Richtlinie über Industrieemissionen die Grenzwerte für Feinstaub zur Verbesserung
der Luftqualitätssituation weiter abgesenkt. Die Regulierung kleiner und
mittlerer Feuerungsanlagen durch die Erste Verordnung zum Bundes-
Immissionsschutzgesetzes (1. BImSchV) aus dem Jahre 2010 trägt auch zur Reduktion
dieser bedeutenden Feinstaubquelle bei. Die Zeitreihe für Feinstaub zeigt aufgrund
der getroffenen Emissionsminderungs- und Luftreinhaltemaßnahmen einen
langsamen stetigen Rückgang der Feinstaubbelastung im ländlichen
Hintergrundniveau. Vorzeitige Todesfälle und Krankheitslasten gehen in Deutschland
zurück, was auch auf die o. g. Maßnahmen zurückzuführen sein könnte.
18. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über den
volkswirtschaftlichen Schaden durch Erkrankungen und Todesfälle, die durch die
Luftverschmutzung entstehen?
Der Bundesregierung liegen u. a. ein Bericht der Europäischen Umweltagentur
zum volkswirtschaftlichen Schaden für die Emissionen energieerzeugender
Anlagen der EU vor, die HEAL Studie 2013 „The Unpaid Health Bill – How coal
power plants make us sick“ sowie eine neuere Studie der WHO und OECD, die
den volkswirtschaftlichen Schaden für feinstaubbedingte Gesundheitseffekte für
die WHO-Euroregion ausweist. Abhängig u. a. vom methodischen Ansatz,
kommen die Studien hinsichtlich der Schadenshöhe zu uneinheitlichen
Ergebnissen.
19. Hat die Bundesregierung Kenntnisse und Untersuchungen über die
mögliche Zunahme von Krankheiten und/oder Verletzungen durch invasive
Arten in Flora und Fauna, zum Beispiel Ambrosia oder den
Eichenprozessionsspinner vorliegen?
a) Wenn ja, was sind die zentralen Ergebnisse?
b) Ist der mögliche Anstieg von Krankheitssymptomen, Verletzungen
oder Todesfällen quantifizierbar, und wenn ja, wie?
c) Können mögliche Mehrkosten für Kranken- und Rentenkassen
dargestellt werden?
Wenn ja, wie hoch sind diese?
Die Ausbreitung der Pflanzen Ambrosia und Riesen-Bärenklau sowie des
Eichenprozessionsspinners hat in den letzten Jahren zugenommen. Ob
allerdings der Erwärmung des Klimas hier eine wesentliche Bedeutung oder nur ein
unterstützender positiver Effekt zukommt, ist nicht eindeutig klar und
keinesfalls bewiesen. Populationsschwankungen sind z. B. beim
Eichenprozessionsspinner als heimische Art seit langem bekannt. Untersuchungen zu diesem
Thema werden derzeit von der Bundesregierung unterstützt (siehe auch die
Antwort zu Frage 8).
Zu Krankheits-, Verletzungs- oder Todesfällen liegen der Bundesregierung
keine Informationen vor. Ein diesbezügliches Monitoring existiert nicht. Dem-
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 15 – Drucksache 18/5797entsprechend lassen sich auch die Mehrkosten für Kranken- und Rentenkassen
nicht darstellen.
20. Welche präventiven Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um die
Bevölkerung und insbesondere vulnerable Gruppen, wie Personen im hohen
Alter ohne soziale Unterstützung, Personen mit Vorerkrankungen oder
Behinderungen sowie Kleinkinder bzw. deren Angehörige, über die
resultierenden Risiken der Klimakrise aufzuklären?
Inwieweit werden die präventiven Maßnahmen hinsichtlich ihrer
Praxistauglichkeit und des Informationsverständnisses und -zuganges der
einzelnen Bevölkerungsgruppen evaluiert und weiterentwickelt (vgl. RKI 2013,
S. 18)?
Der DWD stellt aktuelle Informationen über eine mögliche Beeinträchtigung
bzw. Gefährdung der Gesundheit durch das Wetter bereit. Diese Informationen
richten sich insbesondere an Bevölkerungsgruppen mit erhöhter Sensibilität für
bestimmte Wettereinflüsse (z. B. Allergiker, Wetterfühlige). Die kostenlose
WarnWetter-App des DWD versorgt die breite Öffentlichkeit sowie die
Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes mit Hinweisen zur aktuellen Warn- und
Wettersituation, wie Hitzewarnungen und dem Pollenflug-Gefahrenindex.
Es existieren zahlreiche Informationsangebote für die Bevölkerung. Die BZgA
klärt über ihr Online-Angebot über Sonneneinstrahlung, UV-Belastung und
Sonnenschutz auf. Auch beim UBA finden sich zahlreiche Angebote wie die
Publikation „Ratgeber für Eltern: Umwelt und Kindergesundheit – Gesünder groß
werden“, die auch auf den Klimawandel eingeht. Weitere Angebote finden sich
im Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit (APUG), z. B. im „Umwelt und
Mensch Informationsdienst“. So wurde das Themenheft „Klimawandel und
Gesundheit“ bereits 2009 veröffentlicht. Weitere Schwerpunkte sind UV-Strahlung
in 2012 (siehe auch die Antwort zu Frage 11). Angebote zur Hitzethematik sind
in den Antworten zu den Fragen 5 und 6 beschrieben.
Die „Aktion Schattenspender“ des UBA, die im Juni 2015 in Berlin gestartet ist,
führt modellhaft eine zielgruppengerechte Kampagne für ältere Menschen mit
Unterstützung von Multiplikatoren im Wohnquartier durch. Neben Angeboten
von Wasser und kühlen Plätzen zum Ausruhen wurden verschiedene, einfach
verständliche Materialien erstellt, die wichtige Verhaltenstipps für
Hitzeperioden transportieren. Nach erfolgreichem Start ist vorgesehen, die Aktion im
nächsten Sommer auch in anderen Städten durchzuführen.
Die existierenden Informationssysteme werden bei Bedarf weiterentwickelt
oder neue Informationsangebote geschaffen. In diesem Zusammenhang wurde
auch das durch BMUB finanzierte UBA-Projekt „Anpassung an den
Klimawandel: Evaluation bestehender nationaler Informationssysteme (UV-Index,
Hitzewarnsystem, Pollenflug- und Ozonvorhersage) aus gesundheitlicher Sicht – Wie
erreichen wir die empfindlichen Bevölkerungsgruppen?“ durchgeführt (siehe
auch die Antwort zu Frage 2).
Die Aufklärung der Bevölkerung wird von Bundes- und Landesbehörden sowie
auf kommunaler Ebene wahrgenommen. Es handelt sich nicht um eine alleinige
Aufgabe des Bundes.
Drucksache 18/5797 – 16 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode21. Welche konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung bisher ergriffen,
um einen Hitzeaktionsplan in Deutschland zu etablieren, der, um
gesundheitliche Folgen von länger anhaltenden erhöhten Tages- und
Nachttemperaturen entgegenzuwirken, Standards für die Behandlung und
Versorgung von chronisch kranken Patienten und von Pflegebedürftigen in
Einrichtungen des Gesundheitssystems und in der ambulanten Pflege festlegt
(vgl. RKI 2013, S. 19)?
Die Erarbeitung von Hitzeaktionsplänen liegt in der Zuständigkeit der Länder.
Die Bundesregierung befürwortet die Erarbeitung von Hitzeaktionsplänen und
übernimmt bei Bedarf unterstützende Funktion.
22. Inwieweit gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung, Anpassungen in
der Ausbildung der medizinischen und gesundheitsbezogenen Berufe in
den einzelnen Bundesländern hinsichtlich möglicher Beeinträchtigungen
der Gesundheit durch klimatische Einflüsse sowie geeignete
Anpassungsmaßnahmen (vgl. RKI 2013, S. 23)?
Der Bundesregierung liegen hierzu keine Erkenntnisse vor. Der Bund regelt die
Zulassung zu ärztlichen und anderen Heilberufen durch Bundesgesetz, das
jeweils durch eine Approbationsordnung bzw. eine Ausbildungs- und
Prüfungsverordnung ergänzt wird. Die Verordnungen enthalten unter anderem nähere
Bestimmungen über die Inhalte der Ausbildung. Der Bundesgesetzgeber gibt dabei
nur die Rahmenbedingungen für die Ausbildungen in den Heilberufen vor. Sie
müssen von den Ländern in Studienordnungen und Ausbildungscurricula
umgesetzt werden. Auf diese hat der Bund keinen Einfluss.
23. Inwieweit gibt es ein gemeinsames Vorgehen zwischen der
Bundesregierung und den Bundesländern, die Aus- und Weiterbildungsangebote für
medizinische und gesundheitsbezogene Berufe zu erweitern, damit diese
Berufsgruppen Krankheiten, die aufgrund der Klimakrise verstärkt
auftreten können, besser erkennen und ggf. behandeln können (vgl. RKI 2013,
S. 23)?
Es wird auf die Antwort zu Frage 22 verwiesen. Für die Weiterbildung sind die
Länder zuständig.
24. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung bisher unternommen, um
die „Parma Declaration in Environment and Health“, die Deutschland im
Jahr 2010 ebenfalls unterzeichnet hat, umzusetzen?
Die Erklärung von Parma über Umwelt und Gesundheit der 5.
Ministerkonferenz Umwelt und Gesundheit der Europäischen Region der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2010 beinhaltet in Teil A „Schutz der
Gesundheit der Kinder“ fünf vorrangige Ziele der Regionen, Teil B zu „Schutz von
Gesundheit und Umwelt vor den Folgen des Klimawandels“, Teil C zu
„Einbeziehung von Kindern, Jugendlichen und anderen Interessengruppen“ sowie Teil D
„Wissen und Instrumente für Politikgestaltung und -umsetzung“.
Die DAS (siehe auch die Vorbemerkung der Bundesregierung) greift auch
wesentliche Inhalte der Parma Deklaration auf und entwickelt geeignete
Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel. Zudem wurden Frühwarn- und
Notfallsysteme für extreme Wetterereignisse und Krankheitsausbrüche sowie
Aufklärungsprogramme weiterentwickelt.
Darüber hinaus hat das BMUB im Rahmen der Internationalen
Klimaschutzinitiative (IKI) gemeinsam mit dem europäischen Regionalbüro der WHO be-
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 17 – Drucksache 18/5797reits 2008 sieben Länderprojekte zur Erarbeitung von Anpassungsplänen,
Aufbau von Stationen zur Messung der Luftqualität, Schulung von medizinischem
Personal und zur Aufklärung der Öffentlichkeit initiiert. Die Ergebnisse sind in
den sog. Parma-Prozess eingeflossen. Der hierzu gehörige Ergebnisbericht
„Protecting Health from Climate Change – A seven-country initiative“ wurde im
Jahr 2013 von der WHO veröfffentlicht.
In dem von der WHO veröffentlichten Zwischenbericht zum Stand der
Beschlüsse der Parma Deklaration nimmt Deutschland in der Liste der insgesamt
53 Länder der WHO-Region Europa einen vorderen Platz bei der Umsetzung
ein. Grundsätzlich haben laut diesem Zwischenbericht Maßnahmen des
Klimaschutzes unmittelbare und mittelbare positive Auswirkungen auf die
menschliche Gesundheit.
Ebenso leisten die in Antwort zu Frage 2 aufgeführten nationalen und
internationalen Vorhaben einen Beitrag zur Umsetzung der Parma Beschlüsse und
werden in die Arbeitsgruppe „Gesundheit im Klimawandel“ (HIC) eingespeist.
25. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung im Rahmen ihrer
Mitgliedschaft in der „Climate and Clean Air Coalition to Reduce Short Lives
Climate Pollutants“, die im Jahr 2012 von den USA gegründet wurde, bislang
durchgeführt und unterstützt, und welche sind darüber hinaus geplant?
Welche Ergebnisse in Bezug auf die Gesundheitsverbesserung haben die
Maßnahmen bewirkt?
Deutschland engagiert sich als „Initiative Partner“ in der Initiative zu
teilhalogenierten Fluorkohlenwasserstoffen (HFKW) (engl. HFC Initiative) und der
Abfall-Initiative (engl. Municipal Solid Waste Initiative) der Climate and Clean
Air Coalition und wird hier auch zukünftig aktiv mitarbeiten.
– HFC Initiative: Deutschland bringt seine Expertise im Bereich technischer
Lösungen zum Ersatz von HFKW und zum Aufbau von Inventaren aktiv in
die Initiative ein.
– Municipal Solid Waste Initiative: Deutschland speist seine
wissenschaftlichen Erkenntnisse und Erfahrungen zur Minderung von Treibhausgasen (vor
allem von Methan und Black Carbon) im Abfallsektor in die Initiative ein.
Unter anderem war die Bundesregierung an der Erarbeitung eines Tools zur
Bilanzierung der Treibhausgasemissionen des Abfallsektors beteiligt und hat
Workshops mit organisiert, bei denen das Bilanzierungs-Tool getestet wurde.
Daten zu positiven Gesundheitseffekten dieser Initiativen liegen nicht vor.
26. Inwieweit wird sich die Bundesregierung im Rahmen der UN-
Klimakonferenz in Paris dafür einsetzen, dass – wie die Lancet-Kommission
fordert –
a) ein globaler Aktionsplan zu einer CO2-ärmeren Welt verabschiedet
wird sowie
b) eine internationale unabhängige Institution aufgebaut wird, um die
Auswirkungen der Erderwärmung auf die menschliche Gesundheit zu
überwachen und zu dokumentieren?
Die Bundesregierung tritt gemeinsam mit der Europäischen Union bei der UN-
Klimakonferenz in Paris dafür ein, dass im Jahr 2015 ein neues globales
Klimaschutzabkommen verabschiedet wird. Es soll im Jahr 2020 in Kraft treten und
erstmalig nicht nur die Industrie-, sondern auch die Entwicklungs- und
Schwellenländer dazu verpflichten, einen angemessenen Beitrag zum internationalen
Klimaschutz zu leisten. Die Bundesregierung tritt überdies dafür ein, dass im
Drucksache 18/5797 – 18 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodeneuen Klimaschutzabkommen ein langfristiges Ziel zur Treibhausgasminderung
verankert wird und damit den Rahmen für zukünftiges kohlenstoffarmes
Wirtschaften setzt. Dies sind aus Perspektive der Bundesregierung der effektivste
Plan und das stärkste Signal für eine CO2-ärmere Welt, das die Länder der Welt
auf der Pariser Weltklimakonferenz beschließen können.
Der Aufbau einer zusätzlichen Institution zur Überwachung der Auswirkungen
der Erderwärmung auf die menschliche Gesundheit unter dem Dach der
Klimarahmenkonvention der UN ist nicht vorgesehen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
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ISSN 0722-8333]