[Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit vom 18. Mai 2016 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Deutscher Bundestag Drucksache 18/8507
18. Wahlperiode 19.05.2016
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Steffi Lemke, Peter Meiwald,
Dr. Valerie Wilms, weiterer Abgeordneter und
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 18/8289 –
Nährstoffbelastung der Ostsee
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
„Die Ostsee ist eines der am stärksten verschmutzten Meere der Welt“, schreibt
der Europäische Rechnungshof in seinem Bericht zur Nährstoffbelastung der
Ostsee (
www.eca.europa.eu/de/Pages/DocItem.aspx?did=35757). Die
bisherigen Maßnahmen zur Reduzierung der Verschmutzung der Ostsee hätten nur
eine begrenzte Wirkung gezeigt, den Plänen der Mitgliedstaaten fehle der
Ehrgeiz und weitere wirksamere Maßnahmen seien dringend notwendig.
Auch den Hauptverursacher der Verschmutzung nennen die Prüfer des
Rechnungshofes – die Landwirtschaft. Der übermäßige Eintrag von Nährstoffen, vor
allem Stickstoff und Phosphor, die von den Äckern über die Flüsse ins Meer
geschwemmt werden, ist danach Schuld an der zunehmenden Eutrophierung der
Ostsee. Die Eutrophierung oder die Anreicherung von Nährstoffen führt zu
intensiven, oft auch toxischen Algenblüten. Wenn die Algen sterben, sinken sie
auf den Meeresboden und werden dort von Bakterien zersetzt. Dieser Prozess
entzieht dem Wasser und dem Meeresboden, auf dem sich die Algen ablagern,
Sauerstoff und gleichzeitig entsteht giftiger Schwefelwasserstoff. Pflanzen und
Tieren, die am Meeresboden leben, geht buchstäblich die Luft aus, das
ökologische Gleichgewicht gerät aus dem Ruder. Sogenannte Todeszonen sind die
Folge. Einer Studie der Universität Aarhus (
www.pnas.org/content/111/15/
5628.abstract) zufolge haben sich diese sauerstoffarmen, lebensfeindlichen
Bereiche in der Ostsee stark ausgeweitet. Von 5 000 Quadratkilometern vor
110 Jahren sind sie auf mittlerweile 60 000 Quadratkilometer angewachsen.
Diese Fläche ist dreimal so groß wie Sachsen-Anhalt und damit die weltweit
größte Todeszone menschlichen Ursprungs. Weder Fische noch andere
Meeresbewohner können sich in diesen Todeszonen aufhalten, ihr Lebensraum ist
dadurch drastisch geschrumpft. Die Eutrophierung gefährdet die biologische
Vielfalt, beeinträchtigt das Aussehen der Küste und verringert die
Fischbestände.
1. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Größe der Todeszonen
in der Ostsee im Verlauf der Jahre 2000 bis 2016?
Es ist nicht möglich, klare Aussagen über Langzeittrends in Bezug auf die Größe
sauerstofffreier Regionen in der Ostsee über den Zeitraum von 2000 bis 2016 zu
machen.
Die in der Presse oft als „Todeszonen“ bezeichneten sauerstofffreien Regionen am
Boden der zentralen Ostsee sind ein komplexes Phänomen, da sie nicht nur durch
anthropogene Nährstoffeinträge, sondern auch durch natürliche Gegebenheiten
verursacht werden. Die Ostsee ist ein geschichtetes Meer mit nur geringem Salzgehalt.
Am Boden der Ostseebecken findet permanent Sauerstoffzehrung durch die
Zersetzung abgesunkener organischer Partikel statt. Ferner schwankt der
Wasseraustausch zwischen Nordsee und Ostsee stark. Nur unter bestimmten
meteorologischen Bedingungen strömt sauerstoffreiches Wasser aus der Nordsee in die Ostsee,
zuletzt im Dezember 2014 mit einem extrem starken Einstrom, welcher zur
Belüftung der tiefen Ostseebecken führte (vgl. Jahresbericht „Hydrographisch-
chemische Zustandseinschätzung der Ostsee 2014“, Website
www.io-warnemuende.de/
zustand-der-ostsee-2014.html).
Im Ergebnis schwankt die Ausdehnung sauerstofffreier Regionen stark, und es ist
wissenschaftlich schwierig, deren Ausweitung bzw. Rückgang mit den
anthropogenen Nährstoffeinträgen in Zusammenhang zu bringen. Beispielhaft hat das
Leibniz Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW) zuletzt für die Jahre
2002 und 2004 die Ausdehnung der Sauerstoffmangelgebiete bzw. der
sauerstofffreien Regionen in der Ostsee aufgezeigt (siehe dazu
www.io-warnemuende.de/
sauerstoff.html).
Ein anderes Hilfsmittel hat die zwischenstaatliche Kommission des
Übereinkommens für den Schutz der Meeresumwelt (Helsinki Konvention, HELCOM) mit
einem Indikator für die Sauerstoffschuld in den tiefen Becken entwickelt, der
wissenschaftlich so konstruiert ist, dass die nicht anthropogen verursachten Anteile
an der Sauerstoffschuld herausgerechnet werden können (siehe:
www.helcom.fi/
baltic-sea-trends/indicators/oxygen/).
2. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über das Auftreten von
Algenblüten seit dem Jahr 2000 (bitte nach Jahren auflisten)?
Immer wieder treten in der Ostsee großflächig Blaualgenblüten auf. Die
Algenblüten werden durch Beprobungen und Satellitenaufnahmen überwacht.
Langzeitdatenreihen zeigen witterungsbedingt starke Schwankungen der Biomassen
der Blüten und keine zu- bzw. abnehmenden Trends (
www.helcom.fi/baltic-
seatrends/environment-fact-sheets/eutrophication/cyanobacteria-biomass/).
3. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über gesperrte Strände an der
Ostsee aufgrund von Algenblüten im Zeitraum von 2000 bis 2015?
Badeverbote (der offizielle Begriff für Strandsperrungen) aufgrund von
Algenblüten werden erst seit der Überwachung der Badegewässer nach der EG-
Badegewässerrichtlinie (76/160/EWG) und der Badesaison 2008 systematisch erfasst.
Von 2008 bis 2015 gab es keine Badeverbote aufgrund von Algenblüten an
Badegewässern der deutschen Ostsee. Die Badeverbote sind allerdings nur die letzte
Stufe bei massiven Algenproblemen nach teilweise vorausgehenden Warnungen,
bei denen über das Problem informiert wird. Solche Warnungen werden in der
Datenbank zur Qualität der Badegewässer nicht systematisch erfasst.
4. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Auswirkungen auf den
Tourismus an der Ostseeküste durch die Algenblüte?
Eine schlechte Wasserqualität kann neben negativen Auswirkungen auf das
marine Ökosystem das Erscheinungsbild (Trübung, Verfärbung, Schaumbildung)
beeinträchtigen und infolge toxischer Algenarten auch gesundheitliche Gefahren
für Touristen und die lokale Bevölkerung mit sich bringen (siehe auch das
Algenfrüherkennungssystem an Nord- und Ostsee des Landes Schleswig-Holstein).
Untersuchungen zeigen, dass die Wasserqualität an Küsten ein wichtiger Faktor
der Umweltqualität für Touristen ist (Preißler, S. (2008): „Wasserqualität an
europäischen Küsten und ihre Bewertung durch Touristen“. IKZM-Oder_
Berichte_54). Der Bundesregierung sind allerdings nur wenige Studien bekannt, die
sich mit der Auswirkung der Wasserqualität auf den Tourismus beschäftigen
(Dolch & Schernewski (2003): „Die Auswirkungen der Wasserqualität auf den
Tourismus – Eine Studie am Beispiel des Oderästuars“, Baltic Sea Research
Institute Warnemünde).
5. Welche Nitratkonzentrationen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung
an den Messstationen an der Ostseeküste seit dem Jahr 2000 gemessen?
Wo werden dabei vorhandene Grenzwerte überschritten (bitte nach
Messstellen auflisten)?
Im Mittel 2000 bis 2014 wurde in der Kieler Bucht eine Nitratkonzentration von
5,6 µmol/l gemessen. Diese lag somit nur geringfügig über dem HELCOM-
Zielwert von 5,5 µmol/l. In der Mecklenburger Bucht wurde im Mittel 2000 bis 2014
eine Nitratkonzentration von 5,1 µmol/l gemessen, die über dem HELCOM-
Zielwert von 4,3 µmol/l (Mikromol/Liter) lag. In der Arkonasee wurde im gleichen
Zeitraum eine mittlere Nitratkonzentration von 3,4 µmol/l gemessen, die über
dem HELCOM-Zielwert von 2,9 µmol/l lag. Messdaten aus den einzelnen Jahren
sind für diese Gebiete in Abb. 1 aufgeführt.
Weitaus größere Überschreitungen der Nitratzielwerte treten in den
Küstengewässern auf. Die Messdaten liegen bei den zuständigen Landesämtern vor. Eine
Übersicht der zahlreichen Wasserrahmenrichtlinien-Messstellen in den
Küstengewässern, der Konzentrationen von Gesamtstickstoff (Mittel 2007 bis 2012) und
der Zielwertüberschreitungen findet sich u. a. im BLANO-Bericht
„Harmonisierte Hintergrund- und Orientierungswerte für Nährstoffe und Chlorophyll-a in
den deutschen Küstengewässern der Ostsee sowie Zielfrachten und Ziel -
konzentrationen für die Einträge über die Gewässer“ im Anhang Tabelle 2A (siehe
www.meeresschutz.info/sonstige-berichte.html).
Abb. 1 Gemittelte Nitratkonzentrationen in der winterlichen Oberflächenschicht
(0-5 m) der westlichen Ostsee und im Arkonabecken im Februar. Rote Werte
liegen über dem HELCOM-Zielwert, grüne Werte liegen unter dem HELCOM
Zielwert. Daten, erhoben vom IOW im Auftrag des BSH (Quelle: „Hydrographisch-
Chemische Bedingungen in der ausschließlichen deutschen Wirtschaftszone der
Ostsee (AWZ) in den Jahren 2010 bis 2014“, IOW Warnemünde).
6. Welche Phosphatkonzentrationen wurden nach Kenntnis der
Bundesregierung an den Messstationen an der Ostseeküste seit dem Jahr 2000 gemessen?
Wo werden dabei vorhandene Grenzwerte überschritten (bitte nach
Messstellen auflisten)?
Im Mittel 2000 bis 2014 wurde in der Kieler Bucht eine Phosphatkonzentration
von 0,65 µmol/l gemessen. Diese lag über dem HELCOM-Zielwert von
0,57 µmol/l. In der Mecklenburger Bucht wurde im Mittel 2000 bis 2014 eine
Phosphatkonzentration von 0,67 µmol/l gemessen, die über dem HELCOM-
Zielwert von 0,49 µmol/l lag. In der Arkonasee wurde im gleichen Zeitraum eine
Phosphatkonzentration von 0,60 µmol/l gemessen, die über dem HELCOM-
Zielwert von 0,36 µmol/l lag. Messdaten aus den einzelnen Jahren sind für diese
Gebiete in Abb. 2 aufgeführt. Weitaus größere Überschreitungen der
Phosphatzielwerte treten in den Küstengewässern auf. Die Messdaten liegen bei den
zuständigen Landesämtern vor. Eine Übersicht der zahlreichen Wasserrahmenrichtlinien-
Messstellen in den Küstengewässern, der Konzentrationen von Gesamtphosphor
(Mittel 2007 bis 2012) und der Zielwertüberschreitungen findet sich u. a. im
Bericht des Bund-Länder-Ausschusses Nord- und Ostsee (BLANO) Bericht
„Harmonisierte Hintergrund- und Orientierungswerte für Nährstoffe und Chlorophyll-a
in den deutschen Küstengewässern der Ostsee sowie Zielfrachten und
Zielkonzentrationen für die Einträge über die Gewässer“ im Anhang Tabelle 2A (siehe
www.meeresschutz.info/sonstige-berichte.html).
Abb. 2 Gemittelte Phosphatkonzentrationen in der winterlichen Oberflächenschicht
(0-5 m) der westlichen Ostsee und im Arkonabecken im Februar. Rote Werte liegen
über dem HELCOM-Zielwert, grüne Werte liegen unter dem HELCOM-Zielwert.
Daten erhoben vom IOW im Auftrag des BSH (aus: „Hydrographisch-Chemische
Bedingungen in der ausschließlichen deutschen Wirtschaftszone der Ostsee
(AWZ) in den Jahren 2010 bis 2014“, IOW Warnemünde).
7. In welchem Eutrophierungszustand befindet sich die Ostsee nach Kenntnis
der Bundesregierung?
Wie hat sich die Bewertung des Zustands im zeitlichen Verlauf ab dem Jahr
1990 verändert?
Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung daraus?
Die Ostsee befindet sich gegenwärtig hinsichtlich Eutrophierung überwiegend
nicht in einem guten Zustand. Hinsichtlich der deutschen Ostseegewässer sind
sowohl die Küstengewässer als auch die offene Ostsee eutrophiert. Die aktuelle
Bestandsaufnahme gemäß Artikel 5 Wasserrahmenrichtlinie (WRRL, RL 2000/60/
EG), basierend auf Daten von 2009 bis 2014, zeigt, dass von den 21 bewerteten
Wasserkörpern in Mecklenburg-Vorpommern 3 einen mäßigen, 11 einen
unbefriedigenden und 7 einen schlechten Zustand aufweisen. In Schleswig-Holstein weisen
von den 24 bewerteten Wasserkörpern 12 einen mäßigen, 4 einen unbefriedigenden
und 8 einen schlechten Zustand auf. Die Verfehlung des guten ökologischen
Zustands beruht im Wesentlichen auf Eutrophierungseffekten. Die offene Ostsee wird
von HELCOM regelmäßig mit dem HELCOM Eutrophierungsbewertungstool
HEAT (HELCOM Eutrophication Assessment Tool) bewertet. Die aktuelle
Bewertung zeigt, dass alle Becken der offenen Ostsee eutrophiert sind. Nur im
Bottnischen Meerbusen gibt es küstennah Gebiete in gutem Zustand.
Im zeitlichen Verlauf ab 1990 zeichnet sich eine langsame Verbesserung des
Eutrophierungszustands ab (sinkende Nährstoff- und Chlorophyllkonzentrationen,
Zunahme der Sichttiefe) insbesondere im Kattegat, der Danish Straits und dem
Arkonabecken. Die offenen Bereiche des Kattegats erreichten 2010 und 2011
bereits einen guten Zustand. In den anderen Ostseebecken führt die Verbesserung
in den einzelnen Eutrophierungsparametern noch nicht zu einer Verbesserung des
Gesamtzustands, es ist aber zu erwarten, dass dies mittelfristig der Fall sein wird.
Grundvoraussetzung für die Erreichung eines guten Eutrophierungszustands ist
die termingerechte Verringerung der Nährstoffe aus allen Quellen und damit die
Umsetzung der Nährstoffreduktionszahlen des Ostseeaktionsplans.
8. Sieht die Bundesregierung einen Zusammenhang zwischen der
Überschreitung der in der NEC-Richtlinie (Überarbeitete Richtlinie über nationale
Emissionshöchstmengen) festgelegten nationalen Höchstmenge für
Ammoniak von 550 kt/Jahr und der damit verbundenen weiträumigen Verteilung
durch Ammoniakdepositionen und den Umweltbelastungen in der Ostsee?
Wenn nicht, wie begründet die Bundesregierung ihre Feststellung?
Zum Anteil der Überschreitung der geltenden NEC für Deutschland an der
gegenwärtigen Eutrophierung der Ostsee liegen keine Erkenntnisse vor. Der Eintrag
von Stickstoffverbindungen in die Ostsee erfolgt überwiegend über den
Wasserpfad.
Bezogen auf das Jahr 2012 erfolgten 36 Prozent der Einträge über den Luftpfad,
ungefähr die Hälfte davon als Ammoniumstickstoff (vgl.
www.helcom.fi/
balticsea-trends/indicators/inputs-of-nitrogen-and-phosphorus-to-the-basins/results/).
Deutschland trägt zu 28 Prozent der Ammoniumstickstoffdeposition der Ostsee
bei, wobei sich die Ammoniakemissionen im Jahr 2013 um 16 Prozent gegenüber
2012 erhöht haben (siehe EMEP Report 2015: „Atmospheric nitrogen supply to
the Baltic Sea in 2013“, siehe
http://emep.int/mscw/index_mscw.html).
Die Politik der Bundesregierung zielt jedoch unabhängig davon darauf ab, die
Wirkungen von Ammoniakemissionen auf die Umwelt und damit auch auf die
Ostsee zu reduzieren. Wegen des atmosphärischen Ferntransportes ist dies
sinnvollerweise nur im Rahmen von EU- oder internationalen Vereinbarungen
möglich.
9. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung im Rahmen des
Maßnahmenkatalogs der Meeresstrategierahmenrichtlinie (MSRL), um den
Nährstoffeintrag zu verringern?
Die Bundesregierung hat der EU Kommission Ende März 2016 das deutsche
Meeresstrategierahmenrichtlinie (MSRL) Maßnahmenprogramm zum
Meeresschutz der deutschen Nord- und Ostsee gemäß Artikel 13 Absatz 9 MSRL
(Bericht gemäß § 45h Absatz 1 Wasserhaushaltsgesetz) übermittelt.
Das Programm berücksichtigt neben bestehenden nationalen Maßnahmen im
Rahmen der europäischen Umweltrichtlinien sowie regionalen und
internationalen Vereinbarungen zur MSRL-Zielerreichung auch 31 neue Maßnahmen als
Handlungsschwerpunkte für den Zeitraum 2016 bis 2021, die auf
Belastungsquellen im Meer fokussieren.
Die Einträge von Nährstoffen über landwirtschaftliche Nutzungen und andere
Aktivitäten an Land werden bereits u. a. über die Umsetzung der WRRL geregelt.
Für die flussbürtigen Einträge von Nährstoffen wird erwartet, dass die
Fortschreibung der Maßnahmenprogramme für den zweiten Bewirtschaftungszyklus 2016
bis 2021 der WRRL sowie die Novelle der Düngeverordnung zur Umsetzung der
EG Nitrat-Richtlinie zu einer Zustandsverbesserung der Ostsee beitragen werden.
In Anlage 1 des Bezugsberichts finden sich auch vier Maßnahmenkennblätter
unter dem Umweltziel 1 (Meere ohne Beeinträchtigung durch anthropogene
Eutrophierung) zur Verringerung von wasserbürtigen und atmosphärischen
Nährstoffeinträgen. Der Bericht mit Anlagen ist unter
www.meeresschutz.info/berichte-
art13.html abrufbar.
10. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der im
Aktionsplan Ostseeraum unter der HELCOM (Helsinki Commission) vereinbarten
Reduzierung der Nährstoffeinträge?
Ist die Bundesregierung der im Aktionsplan Ostseeraum unter der HELCOM
vereinbarten Reduzierung der Nährstoffeinträge nachgekommen (bitte die
Reduzierung nach Jahr, Tonnen Nitrat und Phosphor auflisten)?
Die im Rahmen des Ostseeaktionsplans vereinbarten Nährstoffreduktionsziele
bilden eine fortschrittliche Grundlage zur Reduktion der Nährstoffeinträge in die
Ostsee. Die 2007 beschlossenen Nährstoffreduktionszahlen wurden 2010 bis
2012 einer gründlichen wissenschaftlichen Überarbeitung unterzogen. Neben den
wasserbürtigen Nährstoffeinträgen wurden auch luftbürtige Stickstoffeinträge
und die NOx-Emissionen der Schifffahrt in die Berechnung der
Reduktionsanforderungen einbezogen und somit alle anthropogenen Nährstoffquellen und ihre
Verursacher erfasst. Für Deutschland wurden auf dem HELCOM Ministertreffen
2013 Nährstoffreduktionsanforderungen in Höhe von 7670 Tonnen für Stickstoff
und 170 Tonnen für Phosphor vereinbart (HELCOM Kopenhagener
Ministererklärung:
http://helcom.fi/Ministerial2013/ministerial-declaration).
Aktuelle Daten dieser Nährstoffreduktionsanforderungen (basierend auf
Nährstoffeintragsdaten bis 2012) zeigen, dass insbesondere im Hinblick auf Stickstoff
bedeutende Reduktionserfolge erzielt wurden, so dass eine
Reduktionsanforderung von 2664 Tonnen Stickstoff verbleibt (siehe:
http://helcom.fi/baltic-sea-
action-plan/progress-towards-reduction-targets/). Diese Reduktionserfolge
berücksichtigen auch die Senkung luftbürtiger Stickstoffeinträge im Rahmen der
Umsetzung des Göteborg-Protokolls und lassen hoffen, dass Deutschland seine
Reduktionsverpflichtung im Hinblick auf Stickstoff bis 2021 erfüllen wird.
Die Reduktion der Phosphoreinträge stellt eine größere Herausforderung dar, weil
es nur wenige Maßnahmen gibt, die selektiv auf diffuse Phosphoreinträge wirken
(Einträge aus Punktquellen, insbesondere Kläranlagen, wurden bereits
erfolgreich reduziert). Hier bedarf es weiterer Anstrengungen zur Erreichung der
vereinbarten Reduktionsziele.
11. Welche Gründe führt die Bundesregierung an, dass die nach der HELCOM
erforderliche Reduzierung in den Teilgebieten, die besonders stark von
Eutrophierung betroffen sind, nicht erfüllt ist?
Die Ostseeanrainer einschließlich Deutschland haben seit Mitte der 90ziger Jahre
ihre Nährstoffeinträge in die Ostsee kontinuierlich reduziert (Stickstoff um
18 Prozent und Phosphor um 23 Prozent, siehe:
http://helcom.fi/baltic-sea-trends/
indicators/inputs-of-nitrogen-and-phosphorus-to-the-basins/). Dennoch zeichnet
sich ab, dass der gute Zustand hinsichtlich Eutrophierung bis 2021 nicht in allen
Ostseebecken erreicht werden kann. Dies liegt auch an der langsamen Reaktion
des Ökosystems Ostsee auf sinkende Nährstoffeinträge und der hohen
Nährstoffakkumulation im Sediment (und Freisetzung bei Sauerstoffmangel).
12. Welche Maßnahmen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung zur
Eindämmung und Kontrolle der diffusen Nährstoffquellen in die Ostsee gemäß
der Wasserrahmenrichtlinie ergriffen?
Die Umsetzung der WRRL, und insbesondere die Erarbeitung der
Maßnahmenprogramme, ist Aufgabe der Länder. Zu den wichtigsten grundlegenden
Maßnahmen (Artikel 11 Absatz 3 WRRL) zur Reduzierung der Nährstoffemissionen aus
der Landwirtschaft gehören die Düngeverordnung, die zurzeit überarbeitet wird,
sowie die Einhaltung des Stands der Technik bei der Abwasserreinigung.
Ergänzende Maßnahmen (Artikel 11 Absatz 4 WRRL) sind erforderlich, sofern
der gute Zustand der Gewässer allein mit den grundlegenden Maßnahmen nicht
eingehalten oder erreicht werden kann. Beispiele hierfür sind die Ausweitung der
Inanspruchnahme von Agrarumweltmaßnahmen und des ökologischen Landbaus,
die Landwirtschaftsberatung, die Wiedervernässung von Feuchtgebieten und der
Flussauen, die Anlage von Gewässerrandstreifen zur Vermeidung von
Nährstoffeinträgen in Oberflächengewässer sowie die weitere Verbesserung der
siedlungswasserwirtschaftlichen Situation (Erhöhung des Anschlussgrades an
öffentliche Abwasserbehandlungsanlagen, Optimierung oder Neubau von Kläranlagen).
Konkrete Angaben zu den ausgewählten grundlegenden und ergänzenden
Maßnahmen sind in dem gemeinsamen Bewirtschaftungsplan und dem
Maßnahmenprogramm der drei Bundesländer im deutschen Teil der internationalen
Flussgebietseinheit Oder zu finden, die auf den einschlägigen Websites zugänglich sind.
13. Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung Nitratreduktionsprogramme für
die Ostsee aufgelegt?
Wenn ja, welche, und wenn nein, warum nicht?
Wesentliche Elemente der Maßnahmenprogramme des zweiten
Bewirtschaftungszyklus nach der WRRL sind auch Maßnahmen zur Reduzierung der
Gewässerbelastungen durch Nitrat. Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 12
verwiesen.
14. Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, welche Projekte gefördert
werden, die die Reduzierung des Nährstoffeintrags in die Ostsee zum Ziel
haben?
Die Bundesregierung hat Kenntnis über nachfolgende Projektbeispiele, die die
Reduzierung der Nährstoffeinträge zum Ziel haben:
Projektbeispiele
HELCOM Second holistic assessment of Ecosystem Health of the Baltic Sea (HELCOM
HOLAS II), 2014-2018,
http://helcom.fi/helcom-at-work/projects/holas-ii/
Making HELCOM eutrophication assessments operational (HELCOM EUTRO-
OPER), 2014-2015, verlängert bis 2016, siehe
www.helcom.fi/helcom-at-work/
projects/eutro-oper/
Operationalization of the nutrient reduction scheme follow-up system (MAI-CART
OPER), 2015-2017
Sixth Baltic Sea Pollution Load Compilation (HELCOM PLC-6), 2012-2017, siehe
www.helcom.fi/ helcom-at-work/projects/plc-6/
(Geplant):„Advanced manure standards for sustainable nutrient management and
reduced emissions – 2017-2019“.
(Abgeschlossen):
www.helcom.fi/helcom-at-work/projects/completed-projects
EU-Ostseestrategie
(EUS BSR)
Projektbeispiele (Priorität “Nutrition/Nutri”), siehe
http://groupspaces.com/eusbsr-nutrient-inputs/pages/ongoing-flagships
„Baltic Blue Growth (BBG)“, 2016-2018,
http://www.kalmarsundskommissio-
nen.se/bbg
„Better Efficiency for Sewage Treatment (BEST)“, planned 2016-2019,
www.johnnurmisensaatio.fi/en/clean-baltic-sea-projects/best
Baltic Rural Wastewater (BaRuWa) – in Vorbereitung
Sustainable Communal Wastewater Management in the Baltic Sea Region (SUW-
MAB) geplant für 2016-2018
Nutrient Offsetting for the Baltic Sea (NutriTrade), 2015-2018,
http://nutritradebaltic.eu
Enhancing Efficiency of Small Wastewater Treatment Plants (SmallWWTPs),
planned 2016-2018
Interactive Water Management (IWAMA), 2016-2019,
http://iwama.ubc-environment.net/
Phasing Out of the Use of Phosphates in Detergents (2011)
Putting Best Agricultural Practices into Work (Baltic Deal), 2010-2013,
www.balticdeal.eu/
Assessment of Regional Nutrient Pollution Load and Identification of Priority
Projects to Reduce Nutrient Inputs from Belarus to the Baltic Sea, 2012-2013
Project on Reduction of the Eutrophication of the Baltic Sea Today (PRESTO),
2011- 2014, siehe
www.prestobalticsea.eu/
BONUS Cluster Projekt Combating nutrient loads from the drainage, siehe
www.bonusprojects.org//)
Mediating integrated actions for sustainable ecosystems services in a changing
climate (BONUS-MIRACLE), 2014-2017,
www.bonusprojects.org/bonusprojects/the_projects/sustainable_ecosystem_projects/
miracle
(Abgeschlossen) „Baltic forum for innovative technologies for sustainable manure
management (Baltic MANURE)“, 2011-2013,
www.balticmanure.eu/
Optimisation of small wastewater treatment facilities (BONUS-OPTITREAT), 2014-
2017,
www.bonusprojects.org/bonusprojects/the_projects/innovation_projects/optitreat
Phosphorus recycling of mixed substances (BONUS-PROMISE), 2014-2017,
www.bonusprojects.org/bonusprojects/the_projects/innovation_projects/promise
Reducing Nutrient loadings from agricultural soils to the Baltic Sea via groundwater
and streams (BONUS-SOILS2SEA), 2014-2017,
www.bonusprojects.org/bonusprojects/the_projects/viable_ecosystem_projects/
soils2sea
BMBF Baltic Coastal System Analysis and Status Evaluation (BACOSA), 2013-2016,
www.deutsche-kuestenforschung.de/bacosa.html
The Service of Sediments in German Coastal Seas – evaluating the function of
marine benthic systems in the context of human use (SECOS), 2013-2016,
www.deutsche-kuestenforschung.de/secos.html
Northern
Dimension Environmental
Partnership
(NDEP)
Kooperationsrahmenförderung zwischen Partnerländern der nördlichen Dimension,
die auch baltische Staaten umfasst, und EU Kommission, Geberländer sowie
internationale Finanzinstitutionen, u.a. zu Abwasserthemen, siehe auch
http://ndep.org/
projects/;
Beispielhaft seien genannt:
Pskov Water and Wastewater Infrastructure Rehabilitation (Grant Agreement signed
2011);
Murmansk Water and Wastewater Rehabilitation (signing pending);
Ten Suburban Wastewater Treatment Plants Rehabilitation (Grant agreement signed
2010);
PIU for Agricultural Waste Management in Leningrad Oblast (Grant Agreement
signed 2019);
Petrozavodsk Water and Wastewater Rehabilitation (Grant Agreement signed 2009);
Sosnovy Bor Water and Wastewater Rehabilitation (Grant Agreement signed 2010);
Novgorod Water and Wastewater Services Rehabilitation (Grant Agreement signed
2007);
Kaliningrad Water and Environmental Services Rehabilitation (Grant Agreement
signed 2005);
Archangelsk Municipal Water Services (Grant Agreement signed 2013);
Kaliningrad Distrit Heating Rehabilitation (Grant Agreement signed);
St Petersburg South West Wastewater Treatment Plant (completed)
Leningrad Olast Municipal Environment Investment Programme (nearly completed).
15. Wann wird die Bundesregierung die in der Naturschutzoffensive 2020
angekündigte Stickstoffstrategie vorlegen?
Welche Effekte der von der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau
und Reaktorsicherheit, Dr. Barbara Hendricks, angekündigten
Stickstoffstrategie erwartet die Bundesregierung für den Zustand der Ostsee?
Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit
(BMUB) arbeitet aktuell an der Entwicklung einer Nationalen
Stickstoffminderungsstrategie und strebt an, diese im Laufe der Legislaturperiode vorzulegen.
Hierzu bereitet das BMUB derzeit eine Dialogphase mit verschiedensten
Stakeholdern und Fachexperten vor, deren Ergebnisse in einen ersten Entwurf einer
integrierten Stickstoffminderungsstrategie einfließen werden. Aussagen zu
erwartbaren Effekten auf den Zustand der Ostsee wären derzeit daher verfrüht.
16. Teilt die Bundesregierung die Auffassung des EU-Rechnungshofs, dass in
Bezug auf die Nährstoffanforderungen für Düngemittel die abschreckende
Wirkung des Cross-Compliance-Mechanismus nicht ausreichend ist, da das
Ausmaß der Nichteinhaltung weiterhin groß ist?
Und welche Schlussfolgerungen zieht sie diesbezüglich aus dem Bericht?
Der Sonderbericht Nr. 3/2016 des Europäischen Rechnungshofes bezieht sich bei
der Untersuchung der EU-Maßnahmen zur Reduzierung der Nährstoffbelastung
aus der Landwirtschaft auf die EU-Mitgliedstaaten Finnland, Lettland und Polen.
Die Bundesregierung kann nicht beurteilen, ob die abschreckende Wirkung des
Cross-Compliance-Mechanismus in diesen Ländern nicht ausreichend ist.
17. Warum hat die Bundesregierung von der in EU-Rechtsvorschriften
vorgesehenen Option nicht Gebrauch gemacht, einige der Cross-Compliance-
Maßnahmen für die in diesen Gebieten befindlichen landwirtschaftlichen
Betriebe verpflichtend zu machen?
Die Bundesregierung weist darauf hin, dass sämtliche Vorschriften aus Anhang II
der Verordnung (EU) Nr. 1306/2013 bei Cross-Compliance umgesetzt sind.
18. Welche Empfehlungen des EU-Rechnungshofs zur Verbesserung der
Wirksamkeit der Maßnahmen zur Bekämpfung der Eutrophierung der Ostsee wird
die Bundesregierung verfolgen und wann umsetzen?
Die Auswertung des Sonderberichtes des EU Rechnungshofs vom 12. April 2016
ist noch nicht abgeschlossen. Generell gilt, dass Berichte und
Handlungsempfehlungen des EU Rechnungshofs von Rat und Parlament geprüft und angenommene
Empfehlungen von der Europäischen Kommission umgesetzt werden.
19. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der im Jahr 2009
verabschiedeten Makroregionalen Strategien (Strategien der Europäischen
Union für den Ostseeraum) für die Reduzierung der Nährstoffbelastung?
Welche Aktivitäten und Maßnahmen basieren auf der Strategie?
In der EU-Ostseestrategie sieht Deutschland eine Möglichkeit zur stärkeren
regionalen Koordinierung zu den Ostseeraum betreffenden Fragen. Die EU-Strategie
für den Ostseeraum verfolgt drei übergeordnete Ziele: Den Schutz des Meeres,
die verstärkte Zusammenarbeit in der Region und nachhaltiges
Wirtschaftswachstum. In Deutschland werden die Prioritätsbereiche (PA) Tourismus, Kultur und
Bildung koordiniert. Die Reduzierung des Nährstoffeintrags bildet einen eigenen
Prioritätsbereich. Die Arbeitsgruppe PA Nutri beschäftigt sich seit Jahren mit der
Identifizierung effizienter und nachhaltiger Projekte, die die Reduktion von
Nährstoffeinträgen in die Ostsee zum Ziel haben. Unter der Strategie werden
ausgewählte Projekte, auch in Drittländern, gefördert. Leuchtturmprojekte mit
deutscher Beteiligung beschäftigen sich u. a. mit der Verbesserung von
Abwassermanagement und der Entwicklung von politischen Plattformen zur Koordinierung
von Maßnahmen zur Verringerung von Nährstoffeinträgen. Im Übrigen wird auf
die Antwort zu Frage 14 verwiesen.
Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken,
www.satzweiss.com
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ISSN 0722-8333]