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Kleine AnfrageWahlperiode 18Beantwortet

Das Verhältnis von Nord- und Südkorea und die Position der Bundesregierung

Position zu internationalen Reaktionen bzgl. dem Nuklear- und Raketenprogramm Nordkoreas, Maßnahmen zur Unterstützung eines innerkoreanischen Annäherungsprozesses sowie zur Aufarbeitung japanischer Kriegsverbrechen, Stationierung von US-Truppen und einem US-Raketenabwehrsystem in Südkorea, deutsche Rüstungsexporte seit 2015, Situation von Wehrdienstverweigerern in Südkorea, Menschenrechtslage in Nord- und Südkorea, Tätigkeiten deutscher Nichtregierungsorganisationen und politischer Stiftungen<br /> (insgesamt 37 Einzelfragen)

Fraktion

DIE LINKE

Ressort

Auswärtiges Amt

Datum

23.06.2017

Antwortdauer

49 Tage

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 18/1228905.05.2017

Das Verhältnis von Nord- und Südkorea und die Position der Bundesregierung

der Abgeordneten Inge Höger, Wolfgang Gehrcke, Christine Buchholz, Annette Groth, Andrej Hunko, Niema Movassat, Kathrin Vogler und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

Aktuell droht der US-amerikanische Präsident Donald Trump notfalls militärisch gegen Nordkorea vorzugehen, wenn das Land sein Atom- und Raketenprogramm nicht einstellt. Diese derzeitige Zuspitzung in und um die Halbinsel Korea rückt die Frage nach dem Verhältnis der Staaten Nord- und Südkorea erneut in den Blick.

Korea ist ein in Nord und Süd geteiltes Land. Nach dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft (1910 bis 1945) über die Halbinsel und dem Zweiten Weltkrieg – mit dem eklatante japanische Kriegsverbrechen wie der Umgang mit den sogenannten Trostfrauen einhergingen – wurde das Land von der UNO in die treuhänderische Verwaltung der USA (Süden) und der Sowjetunion (Norden) übergeben. Statt einer gemeinsamen Staatsgründung wurden im Jahr 1948 zwei Staaten ausgerufen – erst die Republik Korea mit der Hauptstadt Seoul im Süden und dann die Demokratische Volksrepublik Korea mit der Hauptstadt Pjöngjang im Norden. Der Koreakrieg von 1950 bis 1953, der über vier Millionen Menschenleben forderte, manifestierte die Teilung des Landes entlang des 38. Breitengrades. Bis heute ist die Region einer der brennendsten Krisenherde der Welt, in dem die konkurrierenden Interessen der benachbarten Großmächte China, Japan und Russland sowie der USA aufeinander treffen.

Nach der Zeit der sogenannten Sonnenscheinpolitik, die insbesondere durch die deutsche Wiedervereinigung inspiriert war, spitzt sich seit dem Jahr 2008 die Konfrontation in und um Korea wieder zu. In wenigen Kilometern Abstand stehen sich zwei hochgerüstete Armeen gegenüber. Nordkorea testet immer wieder ballistische Mittelstreckenraketen und verfügt über Kernwaffen. Südkorea veranstaltet groß angelegte Militärmanöver mit den USA. Etwa 30 000 US-Soldaten sind auf mehreren Militärbasen in Südkorea stationiert und die atomar bewaffnete 7. US-Flotte befindet sich in unmittelbarer Nähe. Hinzu kommt aktuell der Aufbau des US-Raketenabwehrsystems THAAD mit weitreichenden Radarstationen rund 300 km südlich von Seoul, das auch China und Russland als Bedrohung verstehen.

Die historische Erfahrung der deutschen Teilung befördert das Interesse Deutschlands an Aussöhnung und Frieden in Korea. Die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den wenigen Staaten, die sowohl in Nord- als auch in Südkorea eine Botschaft unterhalten. Die deutsch-koreanische Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages hat im Oktober 2015 Südkorea sowie Nordkorea besucht und deutsch-südkoreanische Expertenrunden tauschen sich über Möglichkeiten und Bedingungen einer Wiedervereinigung aus.

Zugleich ist Südkorea einer der wichtigsten Empfänger-Staaten für deutsche Rüstungsexporte. Von 2001 bis 2014 hat die Bundesrepublik Deutschland Kriegsgerät im Wert von rund 4,9 Mrd. Euro dorthin ausgeführt. Darunter befinden sich vor allem Kriegsschiffe, Fahrzeuge und Panzer, Fluggeräte und Sprengkörper, die für den Einsatz in einem innerkoreanischen Krieg bereitstehen (www.caat.org.uk/resources/export-licences-eu/licence.de.html?source=Germany&destination=South%20Korea). Beide Staaten befinden sich offiziell im Kriegszustand, auf das Waffenstillstandsabkommen von 1953 ist bis heute kein Friedensvertrag gefolgt.

Wehrdienstverweigerung wird in Südkorea mit 18 Monaten Haft bestraft. Jährlich sitzen über 600 Kriegsdienstverweigerer in südkoreanischen Gefängnissen (www.connection-ev.org/article-1106). Die Nationalen Sicherheitsgesetze wurden in Südkorea zuletzt zunehmend zur Einschränkung der Pressefreiheit und politischen Repression eingesetzt, kollektive Arbeitnehmerrechte befinden sich auf niedrigem Niveau. Im Zwölften Bericht der Bundesregierung über ihre Menschenrechtspolitik wird die Missachtung politisch-bürgerlicher Menschenrechte in Nordkorea abgebildet, während Südkorea trotz vermehrter internationaler Kritik darin nicht thematisiert wird.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen37

1

Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus der Drohung des US-Präsidenten Donald Trump, notfalls militärisch gegen das nordkoreanische Atom- und Raketenprogramm vorzugehen, und hält sie deren Realisierung für wahrscheinlich?

2

Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus der Forderung Nordkoreas vom 16. Januar 2016, in Verhandlungen über einen Friedensvertrag mit den USA einzusteigen, mit dem Ziel, sowohl die US-Militärübungen mit Südkorea als auch die Nukleartests Nordkoreas zu beenden (www.reuters.com/article/us-northkorea-nuclear-idUSKCN0VU0XE)?

3

Wie positioniert sich die Bundesregierung zum erfolglosen chinesischen Vorschlag von Anfang März 2017, das Nuklear- und Raketenprogramm Nordkoreas einzufrieren und im Gegenzug die Hauptmilitärübungen der USA mit Südkorea einzustellen (www.nytimes.com/2017/03/08/world/asia/china-north-korea-thaad-nuclear.html?_r=2)?

4

Wirkt die Bundesregierung auf die Überwindung des formalen Kriegszustands und die Erarbeitung sowie den Abschluss eines innerkoreanischen Friedensvertrages hin, und wenn ja, wie?

5

Welche diplomatischen Kanäle erachtet die Bundesregierung für geeignet für einen innerkoreanischen Annäherungsprozess?

6

Inwiefern begreift die Bundesregierung die Eingliederung der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik in die Bundesrepublik Deutschland als Modell für eine mögliche Vereinigung der beiden koreanischen Staaten?

7

Unterstützt die Bundesregierung eine Eingliederung der Demokratischen Volksrepublik Korea in die Republik Korea?

8

Gibt es in der Bundesregierung Pläne, den wirtschaftlichen Einigungsprozess der zwei Staaten mit entgegengesetzten Wirtschaftssystemen zu fördern, und wenn ja, wie genau?

9

Welchen Umgang schlägt die Bundesregierung im Falle einer Einheit mit nordkoreanischen Funktionären und hohen Militärs vor?

10

Besteht derzeit auf staatlicher sowie diplomatischer Ebene ein Dialog zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Korea über die politischen Erfahrungen der deutschen Wiedervereinigung hinsichtlich Annäherungspolitik und Einigungsprozess?

11

Besteht derzeit auf diplomatischer Ebene ein Dialog zwischen Deutschland und der Demokratischen Volksrepublik Korea über die politischen Erfahrungen der deutschen Wiedervereinigung hinsichtlich Annäherungspolitik und Einigungsprozess?

12

Welche Aktivitäten der deutschen Botschaften in Seoul und in Pjöngjang gibt es zur Unterstützung für einen koreanischen Annäherungsprozess?

13

Wie und mit welchen Projekten fördert die Bundesregierung die Forschung zu Vereinigung in der Republik Korea?

14

Worum handelt es sich bei dem seit dem Jahr 2011 jährlich tagenden Expertengremium des koreanischen Vereinigungsministeriums und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zur Vertiefung des Austauschs zu den inneren Aspekten der Vereinigung (www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Suedkorea/Bilateral_node.html)?

Wie und mit wem ist dieses Expertengremium besetzt?

Zu welchen Erkenntnissen ist das Expertengremium hinsichtlich der inneren Aspekte der Vereinigung der beiden koreanischen Staaten gekommen?

Wie werden diese Ergebnisse politisch genutzt?

15

Worum handelt es sich bei dem im Jahr 2014 im Rahmen des Südkorea-Besuchs des damaligen Bundesaußenministers Dr. Frank-Walter Steinmeier geschaffenen Beratergremium, welches sich insbesondere mit den außenpolitischen Aspekten der Wiedervereinigung befasst (www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Suedkorea/Bilateral_node.html)?

Wie und mit wem ist dieses Beratergremium besetzt?

Zu welchen Erkenntnissen ist das Beratergremium hinsichtlich der außenpolitischen Aspekte der Vereinigung der beiden koreanischen Staaten gekommen?

16

Hat die Bundesregierung – insbesondere nach dem Besuch der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages – vor, Besuche von Regierungsdelegationen auf Ministerebene zur Stärkung der Diplomatie in Nordkorea stattfinden zu lassen, und wenn nein, warum nicht?

17

Sieht die Bundesregierung in dem möglicherweise anstehenden Regierungswechsel in Südkorea nach den Neuwahlen am 9. Mai 2017 Chancen für eine innerkoreanische Wiederannäherung, und wenn ja, wird die Bundesregierung diese unterstützen?

18

Ist der Bundesregierung bekannt, inwiefern in Korea eine gemeinsame Aufarbeitung der japanischen Kriegsverbrechen während der Besatzungszeit stattfindet?

19

Was hat die Bundesregierung dazu beigetragen, Prozesse der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkrieges in Korea zu unterstützen?

20

Spricht sich die Bundesregierung öffentlich für die Anerkennung und Wiedergutmachung der Zwangsprostitution vieler Tausender Koreanerinnen durch Japan im Zweiten Weltkrieg aus?

21

Betrachtet die Bundesregierung die dauerhafte Stationierung von rund 30 000 US-Soldaten in der Republik Korea als Konfrontation gegenüber der Demokratischen Volksrepublik Korea?

22

Unterstützt die Bundesregierung die Stationierung des US-Raketenabwehrsystems THAAD in Südkorea, dessen Radar stark genug ist, um chinesisches sowie russisches Staatsgebiet zu erreichen?

23

Hat die Bundesregierung Kenntnis, ob deutsche Unternehmen an Bau, Installation oder Logistik des Raketenabwehrsystems in der Republik Korea mitgewirkt haben?

24

In welchem Wert und in welchem Umfang (bitte nach Art, Anzahl und Wert der gehandelten Güter auflisten) hat die Bundesregierung im Kalenderjahr 2015 und im Kalenderjahr 2016 Rüstungsgüter in die Republik Korea exportiert?

25

Wie begründet die Bundesregierung den Export insbesondere schwerer Waffen wie Kriegsschiffe und Panzer in die Krisenregion Korea?

26

Kritisiert die Bundesregierung die 18-monatige (Verstoß gegen das in der UN-Menschenrechtscharta sowie im UN-Zivilpakt verankerte Recht auf Gewissensfreiheit) Inhaftierung von Wehrdienstverweigerern in der Republik Korea?

27

Wie positioniert sich die Bundesregierung dazu, dass sich jährlich über 600 Wehrdienstverweigerer in südkoreanischen Gefängnissen befinden (www.connection-ev.org/article-2093; www.amnesty.de/jahresbericht/2015/koreasued#kriegsdienstverweigerer)?

28

Wie nutzt die Bundesregierung die guten deutsch-südkoreanischen Beziehungen, um zur Verbesserung der Situation von Kriegsdienstverweigerern in Südkorea beizutragen (www.amnesty-korea.de/Suedkorea/Wehrdienst)?

29

Zieht die Bundesregierung Konsequenzen daraus, dass es nach Angaben internationaler Organisationen zuletzt verstärkt zur Instrumentalisierung der nationalen Sicherheitsgesetze durch die südkoreanischen Behörden kam, um die Presse- und Meinungsfreiheit einzuschränken und das Internet verstärkt zu kontrollieren (www.amnesty.org/en/documents/asa25/001/2015/en/)? Sieht die Bundesregierung darin einen zunehmenden „shrinking space“ (vergleiche Zwölfter Bericht der Bundesregierung über ihre Menschenrechtspolitik) für die südkoreanische Zivilbevölkerung?

30

Hat die Bundesregierung Kenntnis über die häufig in der Republik Korea stattfindende Missachtung von kollektiven Arbeitnehmerrechten und die gesetzlichen Einschränkungen im Vereinigungsrecht, Tarifverhandlungsrecht und allgemeinen Streikrecht (http://survey.ituc-csi.org/Korea-44-Republic-of.html?lang=de#tabs-2), und wenn ja, welche Schlussfolgerungen zieht sie daraus?

31

Wie ist es angesichts der vermehrten internationalen Kritik hinsichtlich Menschenrechtsverletzungen in der Republik Korea zu erklären, dass diese im Zwölften Menschenrechtsbericht der Bundesregierung keine Erwähnung finden?

32

Wie schätzt die Bundesregierung die allgemeine Lage der bürgerlich-politischen Menschenrechte in der Republik Korea ein?

33

Wie schätzt die Bundesregierung die allgemeine Lage der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte in der Republik Korea ein?

34

Wie schätzt die Bundesregierung die allgemeine Lage der bürgerlich-politischen Menschenrechte in der Demokratischen Volksrepublik Korea ein?

35

Wie schätzt die Bundesregierung die allgemeine Lage der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte in der Demokratischen Volksrepublik Korea ein?

36

Hat die Bundesregierung Kenntnis, welche deutschen Nichtregierungsorganisationen seit 1990 humanitär in Nordkorea tätig sind, und wann und mit welchen aus deutschen Mitteln finanzierten Projekten?

37

Hat die Bundesregierung Kenntnis, welche politischen Stiftungen mit welchen Projekten in Nord- und Südkorea tätig sind? Hat sie Kenntnis über ihren rechtlichen Status und ihre Arbeitsbedingungen vor Ort?

Berlin, den 5. Mai 2017

Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion

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