Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
13. Wahlperiode
Drucksache 13/869
21.03. 95
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage des Abgeordneten Rezzo Schlauch
und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
— Drucksache 13/645 —
Das neue Frachtzentrum in Köngen und der fehlende Gleisanschluß
Presseberichten zufolge wird die Post ihr neues Frachtzentrum in
Köngen am 6. März in Betrieb nehmen. Weil das neue Frachtzentrum keinen
Gleisanschluß hat, muß die Firma Siegloch in Blaufelden, die vor allem
den Versand von Zeitschriften betreibt, ihren gesamten Warenausstoß
von rund 2 500 Waggons von der Schiene auf die Straße verlagern.
1. Welches Unternehmenskonzept der Bundespost lag dem
Frachtzentrum Köngen zugrunde?
Die strategische Neuausrichtung der Deutschen Post AG
formuliert sich in den Unternehmenszielen
— eine hohe Qualität im internationalen Spitzenmaßstab zu
erreichen,
— ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen unter
Berücksichtigung der Infrastrukturaufgaben zu führen und
die unternehmerische Struktur auf Kunden und Mitarbeiter
auszurichten.
Um diese Ziele zu erreichen, hat sich die Deutsche Post AG für
völlig neue Betriebskonzepte in den Sparten Frachtpost, Briefpost
und Postfilialen entschieden.
2. Nach welchem Fracht- und Frachtverteilungskonzept wurde das
Frachtzentrum Köngen geplant?
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Post und
Telekommunikation vom 16. März 1995 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
Im Frachtpostbereich befindet sich die Deutsche Post AG seit
jeher in einem Wettbewerbsmarkt und muß ihre Strategie an den
Kundenwünschen und dem Wettbewerbsverhalten ausrichten.
Um eine hohe Zuverlässigkeit bei der Laufzeit, eine übersichtliche
Preisgestaltung und ein effektives Nachforschungsverfahren
anbieten zu können, hat die Deutsche Post AG ein völlig neues
Produkt- und Produktionssystem entwickelt.
Das Frachtpostkonzept impliziert eine bundesweite
Umstrukturierung des bisherigen Systems. Die optimierte Anzahl der Regionen
und die Standorte der Frachtpostzentren wurden mit einem
rechnergesteuerten Simulationsmodell ermittelt. An den so
gefundenen Idealstandorten der 33 Regionen wurden verkehrsgünstig
gelegene und ausreichend große Flächen erworben. Die
logistischen, baulichen und technologischen Planungen sind vom
Grundsatz her für die 33 Frachtpostzentren identisch.
3. Wann ist die Konzeption dem Land und den Gebietskörperschaften
im Detail bekannt gemacht worden?
4. Wie wurden Land und Gebietskörperschaften in Informations- und
Entscheidungsprozesse einbezogen?
Die Planungen für das Frachtpostkonzept begannen 1990; im
Jahre 1991 wurden die ersten Grundstücke erworben. Im Rahmen
der Verhandlungen mit den Ländern und Gebietskörperschaften
wurde das Konzept detailliert erläutert und Wünsche sowie
Anforderungen entgegengenommen.
5. Seit wann stand fest, daß das Frachtzentrum Köngen ohne
Gleisanschluß gebaut wird?
Das logistische Konzept wurde für alle 33 Frachtpostzentren
entwickelt. Bei der Standortplanung war ein wesentliches Kriterium
die Nähe zu den KLV-Terminals (Kombinierter Verkehr) der
Deutschen Bahn AG, da der grundsätzliche Transport auf der
Schiene nie in Frage stand.
Der Kombinierte Verkehr sieht vor, daß die Sendungen vom
Abgangs-Frachtpostzentrum in Wechselcontainern auf der Straße
zum nächstgelegenen KLV-Terminal, weiter per Bahn zum KLV-
Terminal in Nähe des Eingangs-Frachtpostzentrums und das
letzte Stück dorthin auf der Straße transportiert werden.
Die Frachtpostzentren korrespondieren im 24-Stunden-Takt
miteinander; 80 % der Sendungen werden am nächsten Tag beim
Empfänger sein. Für jede Verkehrsrelation wird nach den
Kriterien Schnelligkeit, Zuverlässigkeit und Kosten der optimale
Verkehrsweg ermittelt. Dabei gilt die Maxime „So viel Schiene wie
möglich, so wenig Straße wie nötig".
Wo immer die marktübliche Qualität erreicht werden kann, wird
die Schiene genutzt. Dies ist mit der Deutschen Bahn AG
vertraglich vereinbart. Aufgrund des permanenten Ausbaus des hierfür
erforderlichen Bahn-Netzes werden innerhalb von drei Jahren
70 % der Sendungen auf der Schiene transportiert werden.
Dadurch wird der notwendigen wirtschaftlichen
Unternehmensführung der Deutschen Post AG Rechnung getragen, die Zukunft des
Unternehmens langfristig gesichert und nicht zuletzt die Ökologie
als wesentlicher Faktor im Produktionssystem berücksichtigt.
6. Wie und wann wurden Land und Gebietskörperschaften darüber
informiert?
Das Konzept der Frachtpostbearbeitung sieht Gleisanschlüsse für
die Frachtzentren nicht vor.
Auch dies wurde bei den Verhandlungen mit den Ländern und
Gebietskörperschaften verdeutlicht (siehe auch Antwort zu
Fragen 3 und 4).
7. Wann wurde mit dem Bau des Frachtzentrums in Köngen
begonnen?
Mit dem Bau des Frachtpostzentrums Köngen wurde im
November 1993 begonnen.
8. Welche Mengen an Gütern werden im Frachtzentrum Köngen
umgeschlagen?
Im Frachtpostzentrum Köngen werden arbeitstäglich
durchschnittlich 126 000 Sendungen im Abgangs- und 67 000
Sendungen im Eingangsverkehr umgeschlagen.
9. Über welche Entfernungen werden diese Güter durchschnittlich
transportiert?
Die 33 Frachtpostzentren korrespondieren miteinander, wobei
z. B. große Entfernungen wie München/Neumünster oder Krefeld/
Dresden zurückgelegt werden müssen. Eine durchschnittliche
Entfernung für Sendungen eines Frachtpostzentrums läßt sich zur
Zeit nicht ermitteln.
10. In welcher Höhe würden sich Mehrkosten für die Post ergeben,
wenn weiterhin die Schiene anstelle der Straße genutzt würde?
Wenn die Deutsche Post AG ihre Sendungen im herkömmlichen
Güterverkehrssystem der Deutschen Bahn AG transportierte,
fielen Mehrkosten in dreistelliger Millionenhöhe an. Entscheidend
wäre hierbei aber der Qualitätsverlust, denn die von den Kunden
geforderten Laufzeiten könnten nicht erreicht werden. Dies würde
eine weitere Kundenabwanderung zu den Wettbewerbern
bewirken, die ihre Laufzeiten im Gegensatz zur Deutschen Post AG
ausschließlich über den Straßentransport realisieren.
11. Wieviel CO2 wird durch den Transport dieser Güter auf der Straße
mehr produziert gegenüber einem Transport auf der Schiene?
Die Anzahl der Frachtpostbearbeitungsstätten verringert sich von
rund 180 auf 33, dadurch ist eine Bündelung der Verkehrsströme
möglich. Die lose Beladung der Wechselcontainer führt zu einer
besseren Volumenausnutzung und somit zu einem geringeren
Transportbedarf. Dies und der Kombinierte Verkehr führen zu
einer insgesamt geringeren Umweltbelastung.
12. Welche Auswirkungen wird die Verlagerung auf die Straße für den
Durchgangsverkehr in der Gemeinde Rot am See haben?
Durchschnittlich elf Lkw-Züge der Deutschen Post AG werden die
Firma Sigloch arbeitstäglich anfahren.
13. Welche Folgen für Zulieferer hat die Inbetriebnahme des
Frachtzentrums ohne Gleisanschluß?
Es gibt keine Folgen für die Zulieferer.
14. Wann ist der jetzt von Stillegung bedrohte Gleisanschluß der Firma
Sigloch gelegt worden?
Der Gleisanschluß der Firma Sigloch, der soweit bekannt, 1992
gebaut worden ist, bleibt bis auf weiteres bestehen.
15. In welcher Höhe sind für die Einrichtung des Gleisanschlusses
öffentliche Mittel verwendet worden?
Die damalige Deutsche Bundesbahn und die Bundesregierung
haben für die Einrichtung des Gleisanschlusses keine Mittel zur
Verfügung gestellt.
16. Ist der Bundesregierung bekannt, daß das
Schienenverkehrsvorhaben der Deutschen Eisenbahngesellschaft und der Firma
Transfracht, die im Bereich Lauda — Crailsheim — Donauwörth den
Einsatz eines Shuttle-Zuges planen, sich nur rechnet, wenn
Großkunden wie die Post nicht abspringen?
Die Deutsche Bahn AG und ihre Töchter sowie die
nichtbundeseigenen Eisenbahnen entscheiden in Fragen der Betriebsführung,
der Angebots- und Tarifgestaltung im Güterverkehr als im
Wettbewerb stehende Verkehrsträger in eigener unternehmerischer
Zuständigkeit und Verantwortung. Die Bundesregierung nimmt
darauf keinen Einfluß.
17. Entspricht die Inbetriebnahme neuer Frachtzentren der Bundespost
ohne Gleisanschluß den verkehrspolitischen Zielen der
Bundesregierung?
18. Hält die Bundesregierung es für hinnehmbar, wenn durch
Entscheidungen von Unternehmen, auf die der Bund noch einen Einfluß hat,
der Schienenverkehr in einer ganzen Region bedroht und so die
Luftreinhaltepolitik der Bundesregierung konterkariert wird?
Ja, weil der Transport zwischen den 33 Frachtpostzentren — wo
immer betrieblich möglich — mit speziellen Ganzzügen des
Kombinierten Verkehrs erfolgen wird. Der größere Teil der
Standorte der Frachtpostzentren befindet sich in der Nähe von Bahn-
KLV-Terminals bzw. Bahnfrachtzentren. Die Deutsche Post AG
strebt eine Erhöhung des Nutzungsgrades der Schienentransporte
entsprechend dem Ausbau des hierfür erforderlichen Bahn-
Netzes und der dadurch mittelfristig erfolgenden Zunahme der
Anzahl der Direktverkehre sowie der Fahrgeschwindigkeiten der
Züge der Deutschen Bahn AG an.
19. Welche Änderungen sind zu erwarten, wenn wie geplant auch das
neue Briefverteilzentrum in Köngen in Betrieb genommen wird?
Das Brief- und das Frachtpostkonzept wurden jedes für sich
entwickelt, weil die Sendungsarten und -mengen ganz
unterschiedliche Anforderungen an die Produktion und Logistik stellen. Die
Systeme sind unabhängig voneinander; daher werden mit der
Inbetriebnahme des Briefpostzentrums keine Änderungen
eintreten.
20. Ist es möglich, das Frachtzentrum in Köngen nachträglich mit einem
Schienenanschluß auszurüsten?
21. Gibt es bei der Post Planungen, das Frachtzentrum Köngen
nachträglich mit einem Schienenanschluß zu versehen?
22. Unter welchen Voraussetzungen würde die Post mit einem
nachträglich zu errichtenden Gleisanschluß Teile des
Frachtaufkommens von der Straße auf die Schiene zurückverlagern?
Aufgrund der Entscheidung zur Nutzung des Kombinierten
Verkehrs (vgl. die Antwort zu Frage 5) erübrigen sich Überlegungen
für die Einrichtung von Gleisanschlüssen in den
Frachtpostzentren. Die Zu- und Abführung von Sendungen über einen
Gleisanschluß am Frachtpostzentrum würde dem System des
Kombinierten Verkehrs zuwiderlaufen und die bereits in der Antwort zu
Frage 10 erläuterten Konsequenzen nach sich ziehen.]