Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
13. Wahlperiode
Drucksache 13/10165
23.03.98
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Halo Saibold und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
— Drucksache 13/9981 —
Sicherheit von Touristinnen und Touristen in Ägypten
Am 18. September 1997 sowie am 17. November 1997 wurden in
Ägypten Anschläge auf Touristen verübt, bei denen zuletzt 58 ausländische
Touristen getötet worden sind. Im „SPIEGEL" 3/1998 erschien ein
Interview mit einem ägyptischen Extremistenführer, in dem dieser wieder
erklärte, daß Touristen nicht willkommen sind und in dem er einen
politischen Dialog mit der Regierung ablehnt. Er will „die Schaffung eines
Gottesstaates, in dem allein der Koran regiert. Unsere Kämpfer werden
zuschlagen, bis die Gottesfrevler verschwunden sind." Diese Aussagen
lassen vermuten, daß auch in Zukunft mit terroristischen Anschlägen,
gerade auch auf Touristen, gerechnet werden muß.
1. In welcher konkreten Form sorgt die ägyptische Regierung nach den
Erkenntnissen der Bundesregierung für die Sicherheit der Touristen?
Welche Bemühungen zur Erhöhung der Sicherheit auch von
deutschen Touristen hat die Bundesregierung unternommen, und welche
Möglichkeiten sieht sie für die Zukunft?
Unmittelbar nach dem Anschlag in Luxor wurden sowohl die
Leitung des Innenministeriums (neuer Innenminister el Adli) als auch
die Leitung der Sicherheitsorgane der Region Luxor (neuer
Stadtgouverneur) neubesetzt. In einer Erklärung vor dem Parlament am
22. November 1997 hatte der neue Innenminister angekündigt,
daß Ägypten die Sicherheitsvorkehrungen vor allem in den
Touristenzentren verbessern werde. Diese Maßnahmen wurden
inzwischen umgesetzt. Der Schutz potentieller Ziele von
terroristischen Anschlägen wurde anstelle der regulären und zum Teil aus
(wenig motivierten) Wehrpflichtigen bestehenden
Touristenpolizeieinheiten jetzt an Spezialeinheiten der Armee übertragen.
Diese verfügen über eine deutlich bessere Ausrüstung und Aus-
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Auswärtigen Amts vom 16. März 1998 über
-
mittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich - in kleinerer Schrifttype - den Fragetext.
bildung. Auch die regulären Polizeikräfte wurden materiell besser
ausgestattet und personell verstärkt.
Bei einem Treffen von Premierminister Ganzouri mit Botschaftern
am 4. Dezember 1997 versicherte der ebenfalls anwesende
Innenminister, daß auch die Transportmittel, einschließlich der Nil-
und Kreuzfahrtschiffe, besser geschützt würden.
Sicherheitskordone seien errichtet worden. In die Schutzvorkehrungen seien
nicht nur Wohngebiete, sondern auch Wüstenregionen
einbezogen worden. In einem weiteren Gespräch mit dem deutschen
Botschafter in Kairo am 2. Februar 1998 wies der Innenminister
erneut auf die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen hin und sagte
umfassende Unterrichtung über die zur Sicherheit deutscher
Touristen in Ägypten getroffenen Maßnahmen zu.
Die Bundesregierung selbst hat sehr geringe Möglichkeiten, die
Bemühungen der ägyptischen Regierung um Erhöhung der
Sicherheit von Touristen zu unterstützen. Terroristische Anschläge
lassen sich trotz aller Bemühungen der ägyptischen Regierung
voraussichtlich auch in Zukunft nicht ausschließen.
2. Trifft nach Kenntnis der Bundesregierung die Information des ZDF
-
Magazins „Kennzeichen D" zu, daß in Luxor vor dem Tempel nach
wie vor keine Einlaß- und/oder Waffenkontrollen der Besucher
durchgeführt werden?
Für die Fragen 2 bis 5 gilt, daß die ägyptische Regierung die von
ihr ergriffenen Sicherheitsmaßnahmen an die jeweils geltenden
lokalen Gegebenheiten anpaßt (Einlaß- und/oder
Waffenkontrollen oder weitere Maßnahmen; absolute Zugangskontrollen
sind angesichts außerordentlich großer und schwer
überschaubarer Flächen einiger Touristenziele nicht in allen Fällen möglich).
Die Verantwortung für Anordnung und Umsetzung liegt bei der
ägyptischen Regierung.
Erst kürzlich hatte die Deutsche Botschaft in Kairo Gelegenheit,
die in Luxor getroffenen Sicherheitsmaßnahmen anhand eigener
Beobachtungen zu verifizieren. Offensichtliche
Sicherheitsmängel beim Schutz einzelner Tempelanlagen konnten dabei nicht
festgestellt werden. Diese Einschätzung wird auch von den mit
Sicherheitsfragen betrauten Experten anderer Botschaften geteilt.
Eine Überprüfung aller an den in Betracht kommenden Orten
getroffenen Sicherheitsmaßnahmen ist nicht möglich.
3. Ist der Bundesregierung bekannt, daß am Karnak-Tempel in Luxor
zwar eine Detektorenzelle aufgestellt wurde, die jedoch ohne
Stromanschluß funktionsunfähig ist?
Der Bundesregierung ist nicht bekannt, daß am Ka rnak-Tempel in
Luxor eine Detektorenzelle ohne Stromanschluß aufgestellt
wurde. Der Karnak-Tempel in Luxor ist eine weitläufige Anlage,
die sich über mehrere Hektar erstreckt, so daß eine lückenlose
Zugangskontrolle nicht durchführbar ist (vgl. Antwort zu Frage 2).
4. In welcher Weise werden z. B. das ägyptische Museum in Kairo und
andere touristische Ziele gesichert?
Wie viele und welche Kontrollen werden do rt durchgeführt?
Das ägyptische Museum in Kairo wird, wie andere Touristenziele,
durch besonders umfangreiche Maßnahmen gesichert (erhöhter
Polizeischutz, zusätzliche Ausstattung mit Videokameras und
Überwachungsmonitoren). Darüber hinaus gelten auch hier die
allgemeinen Ausführungen in der Antwort zu Frage 2.
5. Trifft es zu, daß die Straße von Luxor nach Assuan auch mit dem Taxi
durchfahren werden kann, obwohl normalerweise ein Konvoi
vorgeschrieben ist?
In welcher Weise gewährleistet die ägyptische Regierung die sichere
Durchfahrt?
Die ägyptische Regierung trifft je nach Lagebewertung die für
erforderlich gehaltenen Maßnahmen (vgl. Antwort zu Frage 2).
Hierzu gehört auch die Zusammenführung von Fahrzeugen zu
Konvois, die nicht in allen Fällen obligatorisch ist.
6. Ist der Bundesregierung bekannt, daß Österreich, Italien und die
Schweiz nach dem Massaker am 17. November 1997 offiziell vor
einem Besuch in Ägypten gewarnt und z. T. bis heute diese st rikte
Haltung beibehalten haben?
Allein die Schweiz, die bei dem Anschlag in Luxor die höchste
Zahl von Todesopfern zu beklagen hatte, rät weiterhin allgemein
von Reisen nach Ägypten ab. Eine Warnung vor Reisen nach
Oberägypten wurde unmittelbar nach dem Anschlag kurzzeitig
von den USA und Großbritannien ausgesprochen, mittlerweile
aber wieder abgemildert (jetzt nur noch Hinweise auf erhöhtes
Sicherheitsrisiko in Mittel- und Oberägypten). Italien und
Österreich weisen auf eine erhöhte Gefährdungslage hin, ohne
allerdings explizit von Reisen in das Land abzuraten. Diese
Einschätzung entspricht weitgehend auch dem Reisehinweis der
Bundesregierung, der von Reisen nach Mittelägypten abrät und
auf das landesweit erhöhte Sicherheitsrisiko ausdrücklich
hinweist.
7. Aufgrund welcher Tatsachen oder aufgrund welcher Kenntnisse von
Sicherheitsmaßnahmen etc. hat die Bundesregierung bis heute keine
offizielle und klare Warnung vor einem Besuch in Ägypten
herausgegeben?
Generelle Reisewarnungen werden durch das Auswärtige Amt
nur in wenigen extremen Fä llen ausgesprochen. Sie gelten nur für
Länder, in denen die Staatsgewalt zusammengebrochen ist -
Beispiele: Somalia, Afghanistan.
Auch nach dem Terroranschlag von Luxor am 17. November 1997
zählt die Bundesregierung Ägypten nicht zu diesen Lände rn .
8. Ist der Bundesregierung bekannt, welche ernsthaften Schritte die
ägyptische Regierung zur politischen Lösung der vorhandenen
Probleme unternommen hat oder anstrebt?
Die gewaltbereiten islamischen Fundamentalisten verfolgen das
Ziel der Errichtung eines islamischen Staates in Ägypten. Sie
haben seit den siebziger Jahren zahlreiche Attentate auf
Spitzenpolitiker, liberale Denker und Künstler, Touristen und Kopten
verübt. Sie verfügen aber über keine Massenbasis in Ägypten.
Ihre Aktionen stoßen auf keine nennenswerten Sympathien in der
Bevölkerung. Arbeitslosigkeit, Armut und Analphabetentum
begünstigen jedoch das Rekrutierungspotential für diese Gruppen.
Für die ägyptische Regierung geht es daher vorrangig um eine
Verringerung der Rekrutierungsmöglichkeiten. Diesem Ziel dient.
die von der Regierung prioritär und erfolgreich in Angriff
genommene langfristige Verbesserung der wi rtschaftlichen Lage vor
allem der einkommensschwachen Bevölkerungskreise sowie das
seit 1991 laufende ägyptische Wirtschaftsreformprogramm.]