Unter der Bezeichnung „Über den Einfluß der oralen Gabe von Testosteronundecanoat auf die Regenerationsfähigkeit nach intensiven Trainings-, Test- oder Wettkampfbelastungen" ist 1985 vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft unter Beteiligung des Bundesministers des Innern, des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees ein Forschungsprojekt bewilligt worden, in dem bis 1987 an Sportlern herausgefunden werden sollte, ob Testosteron ein Substitutions- und Regenerationsmittel sei.
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministers des Innern vom 9. Dezember 1991 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
Vorbemerkung
Die Bundesregierung hat seit jeher mit Nachdruck die Auffassung vertreten, daß der Leistungssport von Doping und anderen Manipulationen frei bleiben muß. Weil der Sport im Verfassungsgefüge der Bundesrepublik Deutschland von staatlicher Reglementierung frei zu bleiben und seine Aufgaben in Selbstverwaltung zu erfüllen hat, kam und kommt für die Bundesregierung ein staatliches Anti-Doping-Recht nicht in Betracht; die Bundesregierung setzt vielmehr auf die Selbstregelungskraft des Deutschen Sports.
Die Bundesregierung hat aber den Sport in seinem Kampf gegen Doping nachhaltig unterstützt (vgl. die Beantwortung der Kleinen Anfrage „Humanität im Leistungssport" — Drucksache 11/506 —).
Sie hat z. B. durch erhebliche finanzielle Unterstützung dafür gesorgt, daß bereits seit 1977 der beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft bestellte Beauftragte für Dopinganalytik regelmäßig bei nationalen, wie auch internationalen Sportveranstaltungen sowie in den letzten Jahren in der Trainingsphase genommenen Doping-Proben untersucht. Die Bundesregierung hat auch mit der Gewährung beachtlicher finanzieller Mittel darauf hingewirkt, daß die kontinuierliche sportärztliche Betreuung der Spitzenathleten an und außerhalb der Olympiastützpunkte verbessert wurde, weil sie der Auffassung ist, daß eine gute ärztliche Betreuung, bei der eine intensive Aufklärung über Gefahren von Doping zu erfolgen hat, eine wirksame Waffe gegen Doping ist.
Nach der deutschen Einheit hat die Dopingfrage in Deutschland neue Dimensionen erhalten. Der Bundesminister des Innern hat den Deutschen Sportbund und das Nationale Olympische Komitee dahin gehend beraten, eine Unabhängige Doping-Kommission zu installieren. Diese Kommission hat nach knapp sechsmonatiger Arbeit Handlungskonzepte vorgelegt, die die Grundlage für Maßnahmen des Deutschen Sports im Kampf gegen Doping bilden. Der Bundesminister des Innern hat die Förderung der Spitzenfachverbände davon abhängig gemacht, daß diese schlüssige Handlungskonzepte vorlegen. Die ergriffenen Maßnahmen der Verbände werden vom Bundesminister des Innern beobachtet.
Bei der Beantwortung der vorliegenden Kleinen Anfrage ist die Situation maßgebend, wie sie sich Anfang der 80er Jahre darstellte.
Ein intensiv wissenschaftlich diskutiertes Problem der 80er Jahre war die Frage, inwieweit der Ausgleich belastungsbedingt entstandener Defizite vom Körper benötigter Substanzen zur Verbesserung der Regeneration beiträgt. Bei der gesteigerten Trainings- und Wettkampfaktivität werden im Hochleistungssport in gehäuftem Maß Verletzungen und Schäden am Bewegungsapparat beobachtet, die die Notwendigkeit einer ausreichenden Regeneration zu einem zentralen Problem des Hochleistungssports machen. Maßnahmen zur Effektuierung der Regeneration werden damit zu einem wesentlichen, Verletzungen vorbeugenden und somit die Gesundheit stabilisierenden Faktor. Damit ist die Qualität der Regeneration ein unverzichtbarer Bestandteil eines humanen Leistungssports.
Besonders intensiv und kontrovers wurde ärztlicherseits der Ausgleich von Hormondefiziten — vor allem im Bereich des aufbauend wirkenden männlichen Keimdrüsenhormons Testosteron — diskutiert. Zu dieser Thematik bestand — auch international — ein erhebliches Forschungsdefizit. Durch den hier in Rede stehenden Forschungsauftrag sollte festgestellt werden, ob die defizitausgleichende Gabe kleiner Dosen von Testosteron die Qualität der Regeneration verbessert und damit einen wesentlichen Beitrag zur gesundheitlichen Stabilisierung der Spitzensportler leistet.
Der allgemeine Konsens hinsichtlich der Notwendigkeit und Bedeutsamkeit einer wissenschaftlichen Untersuchung dieser Fragestellung kommt auch in der Entschließung des Deutschen Sportbundes zur Grundsatzerklärung für den Spitzensport vom 3. Dezember 1983 zum Ausdruck:
- „Im Interesse und zum Schutz der Spitzensportler und der weiteren Entwicklung des Leistungssportes werden der DSB, seine Mitgliedsorganisationen sowie das NOK im einzelnen besonders dafür sorgen, daß das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, wie in der Stellungnahme seines Direktoriums gefordert wird, die Forschungstätigkeit auf dem Gebiet tatsächlich oder vermeintlich leistungsfördernder Medikamente verstärken wird."
Ausgehend von diesen Forderungen wurde nach nahezu zweijähriger Vorarbeit am 7. Februar 1985 von der Arbeitsgruppe „Hochleistungssport" (BISp, BA-L, BMI) festgelegt, daß das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) einen Forschungsauftrag „Regeneration im Hochleistungssport" vergeben solle (der in der Einleitung der Kleinen Anfrage genannte Titel „Über den Einfluß der oralen Gabe von Testosteronundecanoat auf die Regenerationsfähigkeit nach intensiven Trainings-, Test- und Wettkampfbelastungen" bezieht sich nur auf die Teilstudie II des obigen Forschungsprojektes — Projektteil Paderborn).
Die AG „Hochleistungssport" übertrug Prof. Keul die Aufgabe, dazu ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener sportmedizinischer Zentren vorzubereiten. Der Fachausschuß „Medizin" des BISp begutachtete auf seiner Sitzung am 24. Oktober 1985 das Untersuchungsdesign des Projektes und empfahl die finanzielle Förderung durch das BISp ab 1986. Das Direktorium des BISp hat den Forschungsauftrag am 7. November 1985 zustimmend zur Kenntnis genommen.
Die Untersuchung wurde dann als multizentrische Studie, unter der Gesamtleitung von Prof. Keul an den sportmedizinischen Hochschuleinrichtungen Freiburg, Saarbrücken sowie Köln bzw. Paderborn durchgeführt. Die Studie bestand aus drei zeitlich aufeinander folgende Teilstudien in den Jahren 1986 (Teilstudie I), 1987/1988 (Teilstudie II) und 1989/1990 (Teilstudie III). Die Teilstudie I wurde von Prof. Keul (Freiburg) und von Prof. Kindermann (Saarbrücken) durchgeführt; die Teilstudie II von Prof. Kindermann und Prof. Liesen (Paderborn) sowie die Teilstudie III von allen drei beteiligten Forschungsnehmern. Prof. Donike (Köln) hat im Rahmen des Projektes lediglich alle anfallenden Urinproben analysiert.
Als Probanden wurden hochausdauertrainierte, männliche Athleten aus dem Mittel- und Langstreckenlauf, Triathlon, Rudern, Radsport und Skisport — darunter kein A-Kader-Angehöriger und lediglich 19 B- und C-Kader-Athleten — mit einem mittleren Alter von 22 Jahren untersucht.
Die Versuchspersonen erhielten Testosteron intramuskulär oder oral in medizinisch-klinisch gebräuchlicher Dosierung.
Testosteron wurde deshalb verwendet, weil es als physiologische Substanz beim gesunden erwachsenen Mann in der eingesetzten Dosierung nebenwirkungsfrei ist. Da Testosteron bei Jugendlichen und Frauen Nebenwirkungen auslöst, wurden die Untersuchungen ausschließlich an männlichen Erwachsenen durchgeführt.
Die Studie war nach anerkannten Wissenschaftskriterien (doppelblind, randomisiert, placebokontrolliert, cross-over-design) angelegt. Lediglich im Teil III des Projektes wurde auf das cross-overdesign verzichtet.
Die letzte Testosteronapplikation erfolgte mehrere Monate, spätestens aber drei bis sechs Wochen, vor dem ersten Aufbauwettkampf.
Zu den Details des Forschungsdesigns vgl. die folgenden Tabellen:
Drucksache 12/1781 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode
Wie bei empirischen Untersuchungen üblich und notwendig, wurde anhand der Zwischenergebnisse jeweils das Vorgehen in den folgenden Teilstudien im einzelnen diskutiert und festgelegt. Dies erfolgte in der AG „Dopingfragen" des BISp und im Beirat des Projektes, dem die vier Forschungsnehmer, die Professoren Donike, Keul, Kindermann und Liesen angehörten.
Zwischenberichte der einzelnen Projektnehmer liegen vor.
Die gefundenen Zwischenergebnisse wurden auf nationaler Ebene publiziert und in vielfältigen Gremien breit vorgestellt. Zu nennen sind: Medizinische Fachzeitschriften, Zweijahresbericht des BISp 1987 bis 1988 (Köln 1989, S. 87f.), AG „Dopingfragen", die am 14. Oktober 1987 vom Sportausschuß des Deutschen Bundestages durchgeführte öffentliche Anhörung „Humanität im Spitzensport" und das Hearing des Fachausschusses Sport der CDU am 10. April 1988.
Wie bei Projekten dieser Charakteristik üblich, wurde vom Gesamtleiter der Studie, Prof. Keul, ein Antrag auf Genehmigung der Untersuchung bei der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Albert-Ludwig-Universität Freiburg eingereicht. Mit Schreiben vom 2. September 1986 teilte die Ethikkommission mit, daß gegen die Studie keine ethischen Bedenken zu erheben seien.
Zusammenfassend ist zur vorstehend beschriebenen Regenerationsstudie festzustellen, daß lediglich 19 Kaderathleten über maximal sechs Wochen mit einer physiologischen Testosterondosis hinsichtlich der regenerativen Fragestellung untersucht wurden. Angesichts dieses Sachverhaltes ist es abwegig, die Studie in die Nähe der systematischen und flächendeckenden Erforschung und Anwendung von Doping-Substanzen in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik zu stellen.