Die Hochbegabtenförderung sowie die Hochbegabtenforschung in der Bundesrepublik Deutschland befinden sich seit 1982 in einer Phase der konzeptionellen Entwicklung.
1. Zum gegenwärtigen Stand der Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher ist folgendes festzustellen:
a) Grundsätzlich gehen alle Länder davon aus, daß nach ihren Verfassungen bzw. Schulgesetzen jeder Schüler entsprechend seinen Begabungen zu fördern ist. Im gegliederten Schulwesen nutzen sie dazu die Möglichkeit zum Überspringen einzelner Klassen, die Wahl bestimmter Kurse, die Teilnahme an Arbeitsgemeinschaften und sonstigen fakultativen Angeboten und die Beteiligung an Leistungswettbewerben sowie die gegebene Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schulformen.
Ein Teil der Länder lehnt aus bildungspolitischen bzw. pädagogischen Gründen eine gesonderte Förderung hochbegabter Schüler ab und bezeichnet die oben dargestellten Möglichkeiten als ausreichend.
Ein anderer Teil der Länder hält zusätzliche besondere Angebote für Hochbegabte für erforderlich und hat Maßnahmen eingeleitet, die nicht nur konkrete Förderungsangebote in ausgewählten Bereichen für bestimmte Schülergruppen darstellen, sondern auch zu Erkenntnissen für die Weiterentwicklung geeigneter Programme beitragen sollen.
b) Im Bereich der berufsbildenden Schulen werden Maßnahmen zur Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher derzeit nicht durchgeführt, ausgenommen die nach Maßgabe der Ausbildungsordnungen des Bundes mögliche Verkürzung der Regelausbildungsdauer und die vorzeitige Zulassung zur beruflichen Abschlußprüfung sowie die Möglichkeit zum Erwerb weiterführender Schulabschlüsse für entsprechend leistungsfähige Schüler. Lediglich das Land Baden-Württemberg bietet seit diesem Schuljahr an neun beruflichen Schulen Arbeitsgemeinschaften für besonders begabte Jugendliche an.
c) Die individuelle Ausbildungsförderung haben die Länder Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz seit 1982 an den zusätzlichen Nachweis besonderer schulischer Leistungen geknüpft und sie damit als Begabtenförderung ausgestaltet.
d) Im Sport ist die Talentsuche und -förderung seit Mitte der 60er Jahre ein zentrales Thema der Sportförderung. Schon 1968 hat die Kultusministerkonferenz dazu eine Empfehlung beschlossen und die Förderung sportlich talentierter und leistungswilliger Jungen und Mädchen zu einer gemeinsamen Aufgabe der Schule und der Sportverbände erklärt. Seitdem ist in allen Bundesländern ein System der Talentsuche und Talentförderung in Partnerschaft zwischen Schule und Sportverbänden entwickelt worden. Die Aufgabe der Talentsuche ist dabei schwerpunktmäßig der Schule, die der Talentförderung den freien Sportorganisationen zugewiesen. — Die Erfahrungen einer über 15jährigen Arbeit im Bereich der Förderung sportlicher Talente haben 1982 zu einer zwischen Kultusministerkonferenz und Sportministerkonferenz abgestimmten Empfehlung zur Talentsuche und Talentförderung in der Bundesrepublik Deutschland geführt, die Grundlage der Weiterentwicklung dieses Förderungssystems ist.
e) Leistungswettbewerbe sind ein wichtiges Instrument zur Findung besonders begabter junger Menschen. Sie folgen dem pädagogischen Grundprinzip einer individuellen, begabungsgerechten Förderung. Bei der Einführung und Förderung von Wettbewerben arbeitet der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft mit den Kultusministern der Länder eng zusammen. Bund und die Länder haben am 14. September 1984 eine gemeinsame Erklärung zur Förderung bundesweiter Wettbewerbe im Bildungswesen abgegeben. Als bundesweite Wettbewerbe im Bildungswesen sind vor allem zu nennen: Der Vorlesewettbewerb, Jugend musiziert, Jugend trainiert für Olympia, der Europäische Wettbewerb, der Schülerwettbewerb deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten, der Schülerwettbewerb zur politischen Bildung, der Bundeswettbewerb Fremdsprachen, der Bundeswettbewerb Mathematik, der Bundeswettbewerb Informatik, der Auswahlwettbewerb zu den internationalen Schülerolympiaden für Chemie, Physik und Mathematik, Jugend forscht, Reporter der Wissenschaft, Bundeswettbewerb „Schüler machen Lieder" — Treffen junger Liedermacher —, der Bundeswettbewerb „Schülertheater-Treffen" — Theatertreffen der Jugend — und der Bundeswettbewerb „Kunststudenten stellen aus" — Förderpreis für die freie bildende Kunst —.
Die Bundesregierung unterstützt den überwiegenden Teil dieser bundesweiten Wettbewerbe mit erheblichen Mitteln.
f) Aus Gewerbeförderungsmitteln des Bundesministers für Wirtschaft wird die „Stiftung für Begabtenförderung im Handwerk" seit Jahren unterstützt. Damit werden vor allem folgende Maßnahmen finanziert: Praktischer Leistungswettbewerb der Handwerksjugend auf Bundesebene; Internationaler Berufswettbewerb der Handwerksjugend; Beihilfen und Lehrmaterial für den Besuch von Fach-, Fachhoch- und Hochschulen, sofern herausragende Ergebnisse bei der Gesellenprüfung erzielt wurden; Studienreisen und Arbeitsaufenthalte bei besonderen Leistungen; Prämien anläßlich der Gründung einer selbständigen Existenz als Anerkennung für besonders gute Leistungen bei der Meisterprüfung. In der Landwirtschaft werden Jugendliche durch die Stiftung für Begabtenförderung der deutschen Landwirtschaft e. V. mit Mitteln des Bundesministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten besonders gefördert. Ziel der Stiftung ist es, begabten Jugendlichen in landwirtschaftlichen Berufen den Zugang zu berufsbezogenen Weiterbildungsmaßnahmen durch Gewährung von Beihilfen zu ermöglichen. Gefördert wird u. a. die Teilnahme an anerkannten Lehrgängen über agrarpolitische oder sozio-ökonomische Themen. Voraussetzung für eine Förderung durch die Stiftung ist, daß die Jugendlichen die berufliche Abschlußprüfung oder die Meisterprüfung mindestens mit der Gesamtnote „gut" abgelegt oder die landwirtschaftliche Fachschule mindestens mit der Gesamtnote „gut" abgeschlossen haben.
2. Zum gegenwärtigen Stand der Hochbegabtenforschung ist folgendes festzustellen:
Versteht man darunter die systematische Erforschung von — bei Anlegung anspruchsvoller Kriterien — herausragenden Leistungen bestimmter Menschen, die diese im intellektuellen, künstlerischen, praktischen oder sportlichen Bereich erbracht haben oder von denen aufgrund zuverlässiger Indikatoren solche Leistungen in Zukunft erwartet werden können, so gibt es in der Bundesrepublik Deutschland zur Zeit kein eigenständiges Forschungsprogramm, dem national wie international wissenschaftliches bzw. praktisches Gewicht zukommt. Das gilt vor allem im Unterschied zu den Vereinigten Staaten, wo frühzeitig Zwillingsuntersuchungen und Langzeitstudien an hochintelligenten Kindern ein reichhaltiges und empirisches Datenmaterial lieferten.
Es fehlt in der Bundesrepublik Deutschland an Grundlagenforschung, in der es vor allem darum geht, die psychologischen Voraussetzungen, Prozesse und Effekte zu analysieren, die die Entwicklung besonderer Begabungen ausmachen und die für die Erbringung herausragender Leistungen konstitutiv sind; es fehlt aber auch an angewandter Forschung, die sich vor allem mit Fragen der Diagnose, Förderung und Beratung von Hochbegabten beschäftigt.
Natürlich gab und gibt es auch in der Bundesrepublik Deutschland eine erhebliche Zahl einzelner wissenschaftlicher Arbeiten (vor allem Dissertationen, Diplomarbeiten, Forschungsprojekte), deren Ergebnisse von erheblichem Interesse sind. Insgesamt gesehen sind sie jedoch zu singulär, zu unsystematisch und zu uneinheitlich, um wünschbare theoretische Erkenntnisse und entsprechende praktische Schlußfolgerungen zu ermöglichen.
Die Bundesregierung hat diese unbefriedigende Situation der deutschen Forschung in diesem Bereich bereits im Bericht zur Sicherung der Zukunftschancen der Jugend in Ausbildung und Beruf deutlich angesprochen und seither eine Reihe von Initiativen ergriffen, um fundierte Forschung auf diesem Gebiet anzuregen und zu fördern (vgl. dazu zu 2.).
Die Bundesregierung geht davon aus, daß mit den von ihr geförderten, vorwiegend anwendungsorientierten Forschungsprojekten nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Schließung gravierender Erkenntnislücken geleistet wird, sondern sie erwartet auch, daß durch diese Projekte Wissenschaftsinstitutionen und einzelne Wissenschaftler angeregt werden, sich in verstärktem Maße und systematisch mit Hochbegabtenforschung zu beschäftigen.