Der Bundesregierung ist die Entwicklung der Marktanteile der verschiedenen Vertriebsformen im Lebensmitteleinzelhandel in den letzten zehn Jahren bekannt. Sie hat diese Entwicklung laufend beobachtet und im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen analysieren lassen. So weist das Ifo-Institut im Rahmen der für das Bundesministerium für Wirtschaft durchgeführten Studie über die „Stellung und Entwicklung der Zusammenschlußformen im Einzelhandel" die nachstehende Entwicklung der Marktanteile der Betriebsformen des Einzelhandels mit Nahrungs- und Genußmittel für die Jahre 1970 bis 1980 aus:
- Umsatzanteile in v. H.: Betriebsform Facheinzelhandel (bzw. Sortimentshandel) 1970 44,0, 1976 39,3, 1978 36,7, 1980 35,1
- Kooperierter Fachhandel: 1970 39,0, 1976 35,8, 1978 34,2, 1980 33,1
- Nichtorganisierter Fachhandel: 1970 5,0, 1976 3,5, 1978 2,5, 1980 2,0
- Großfilialunternehmen (und Coop): 1970 18,6, 1976 20,1, 1978 21,5, 1980 21,9
- Warenhäuser: 1970 3,3, 1976 4,3, 1978 4,3, 1980 4,1
- Versandhandel: 1970 0,3, 1976 0,2, 1978 0,2, 1980 0,1
- Verbrauchermärkte/ SB-Warenhäuser: 1970 7,5, 1976 10,2, 1978 11,5, 1980 12,8
- Nicht-institutioneller Einzelhandel (z. B. Bäckerei- und Fleischereihandwerk, Großhandel): 1970 26,3, 1976 25,9, 1978 25,8, 1980 26,0
- Insgesamt: 100 100 100 100
- Quelle: Berechnungen und Schätzungen des Ifo-Instituts nach Unterlagen des Statistischen Bundesamtes sowie von Verbundgruppen, Fachverbänden und Firmen
Der Zeitvergleich zeigt vor allem eine starke Expansion der Verbrauchermärkte und SB-Warenhäuser, aber auch eine Ausweitung der Marktanteile der Großfilialunternehmen (und Coop). Eine deutliche Schrumpfung seines Marktanteils mußte der nichtorganisierte Fachhandel hinnehmen. Auch der kooperierte Fachhandel konnte seine Marktstellung nicht voll halten.
Hinter der in der Tabelle aufgezeigten Entwicklung verbirgt sich eine zunehmende Umsatzkonzentration bei den größeren Handelsunternehmen.
Trotz dieses Konzentrationsprozesses weist der Einzelhandel nach wie vor ein hohes Leistungsniveau auf. Deshalb sind auch — wie sich aus Untersuchungen der Forschungsstelle für den Handel ergibt — bislang weder in ländlichen Gebieten noch in städtischen Randlagen Versorgungsengpässe aufgetreten.
Die Verschiebung der Marktanteile hin zu den stärker zentralisierten Handelsbetriebsformen wie Filialunternehmen und SB-Warenhäuser/Verbrauchermärkten und die Abnahme der Zahl nicht-organisierter Einzelhandelsgeschäfte hat die Marktstellung des Handels gegenüber der Industrie verbessert. Diese strukturelle Verschiebung wird gegenwärtig durch konjunkturelle Faktoren verstärkt, so daß es in bestimmten Marktbereichen tendenziell zu einer Käufermarktsituation mit einer damit verbundenen starken Stellung des Handels gekommen ist. Gleichwohl hat die Konzentration im Handel noch kein Ausmaß erreicht, das die Wettbewerbsbedingungen substantiell gefährdet.
Unter dem Gesichtspunkt einer optimalen Versorgung des Verbrauchers sind bisher keine Probleme aufgetreten. Vielmehr hat sich die Position des Verbrauchers als Nachfrager von Leistungen ständig verbessert. Dies ist nicht zuletzt auf die zunehmende Wettbewerbsintensität im Handel und insbesondere den Wettbewerb zwischen den einzelnen Handelsformen mit ihren sehr unterschiedlichen Leistungsbündeln zurückzuführen. Von den sich hierbei ergebenden Preissenkungstendenzen konnte der Verbraucher ebenso profitieren wie von der immer größer werdenden Vielfalt des Angebots.
An die kleineren Marktteilnehmer stellt der verstärkte Wettbewerb erhöhte Anforderungen. Dabei haben die letzten Jahre gezeigt, daß mittelständische Betriebe gegenüber ihren großbetrieblichen Wettbewerbern aufgrund ihrer oft größeren Flexibilität und Initiative durchaus bestehen können. Größenbedingte Unternehmensvorteile marktstarker Handelsbetriebe, insbesondere Vorteile beim Einkauf bedeuten keinen uneinholbaren Wettbewerbsvorsprung gegenüber den kleineren Mitbewerbern, sondern können durch die mittelständischen Familienbetriebe im Rahmen von Einkaufsgemeinschaften ohne Einbuße der unternehmerischen Selbständigkeit ausgeglichen werden. Nach Einschätzung des Ifo-Instituts wird der Marktanteil des in solchen freiwilligen Ketten-organisierten Einzelhandels mittelfristig in etwa konstant bleiben.
Die Bundesregierung verkennt nicht, daß der von einem hohen Konkurrenzgrad und unverminderter Leistungsfähigkeit gekennzeichnete Wettbewerb im Handel gefährdet werden könnte, wenn sich die gegenwärtige Konzentrationstendenz verstärkt fortsetzen sollte. Diesen Gefahren kann jedoch nicht mit globalen strukturplanenden staatlichen Vorgaben oder dirigistischen Eingriffen vorgebeugt werden; vielmehr kommt es entscheidend darauf an, das kartellrechtliche Instrumentarium im Einzelfall auf Verhaltensweisen, durch die der Wettbewerb als Institution und damit auch das Funktionieren des Marktmechanismus gefährdet wird, voll anzuwenden.