Entwicklung in den zurückliegenden Jahren
Auf die zunehmende Bedeutung der Region Naher und Mittlerer Osten auch für die Forschung ist frühzeitig hingewiesen worden, so schon durch die Denkschrift „Orientalistik" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und in den ersten Empfehlungen des Wissenschaftsrates im Jahr 1960.
Schwerpunkte gegenwartsbezogener Orientforschung haben sich seitdem im Hochschulbereich vor allem an den Universitäten Berlin, Bochum, Bonn, Frankfurt, Freiburg, Göttingen, Hamburg und Tübingen entwickelt bzw. weiterentwickelt. Die Sprachwissenschaften, besonders in den arabischen Sprachen, haben einen bemerkenswerten Stand. Mehrere deutsche Arabisten und Turkologen sind auf ausländische Lehrstühle berufen worden.
Außerhalb der Hochschulen ist die gegenwartsbezogene Orientforschung in einer Reihe von Instituten in den letzten Jahren besonders intensiviert worden; sie sind unter 2. und 3. aufgeführt.
Forschungsförderung
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat zur gezielten Förderung das Instrument der Sonderforschungsbereiche eingesetzt. Mit den Sonderforschungsbereichen „Tübinger Atlas des Vorderen Orients" und „Weltwirtschaft und internationale Wirtschaftsbeziehungen" in Kiel hat sie die Kenntnis dieser Region verstärkt. Ein geologisch-mineralogisches Schwerpunktprogramm der DFG in Persien konnte im wesentlichen vor den Ereignissen des Jahres 1979 abgeschlossen werden.
Von 1976 Ibis Mitte 1979 hat die DFG mit über 30 Mio DM nahezu 400 Projekte in den Geistes- und Sozialwissenschaften, in der Medizin und den Naturwissenschaften und in den Agrar- und Ingenieurwissenschaften gefördert, die im Zusammenhang mit diesen Regionen stehen.
Die Stiftung Volkswagenwerk hat mit ihrem 1971 begonnenen Schwerpunkt „Gegenwartsbezogene Forschung zur Region Vorderer und Mittlerer Orient", mit Stipendien für Sprachkurse in modernen orientalischen Sprachen und mit der Förderung von Ergänzungsstudien im Orient nachhaltige Impulse gegeben und hierfür insgesamt rd. 13 Mio DM aufgewandt. Sie setzt dies im Rahmen ihrer Möglichkeiten fort.. Die Fritz Thyssen Stiftung fördert in begrenztem Umfang geisteswissenschaftliche Projekte im Nahen Osten, vor allem in Israel. Die Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung fördert einige Arbeiten über den Nahostkonflikt.
Wissenschaftlicher Austausch
Die Alexander von Humboldt-Stiftung fördert jährlich 60 bis 80 qualifizierte Wissenschaftler aus dem Nahen und Mittleren Osten und hält nach dem Forschungsaufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland Kontakt mit ihnen.
Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat den Austausch mit den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens in den letzten Jahren erheblich verstärkt. Zur Zeit werden rund 400 Studenten und jüngere Wissenschaftler aus dieser Region an deutschen Hochschulen gefördert; hinzu kommen 110 Wissenschaftler im Professoren-Austauschprogramm. 30 deutsche Wissenschaftler arbeiten mit Hilfe des DAAD in diesen Ländern; ein besonderes Progranim dient der Zusammenarbeit deutscher und ausländischer Doktoranden.
Die Vermittlungsstelle des DAAD für deutsche Wissenschaftler hat von 1976 bis 1978 jährlich etwa 50 deutsche Hochschuldozenten in den Nahen und Mittleren Osten vermittelt (nicht eingerechnet das abgebrochene Gilan-Projekt im Iran), konnte aber die Anforderungen aus dieser Region damit nur teilweise befriedigen. Zu dem Mangel an geeigneten Kräften kommt das Problem der Wiedereingliederung nach Rückkehr erschwerend hinzu.
An den orientwissenschaftlichen Instituten studieren und forschen regelmäßig qualifizierte Studenten und Wissenschaftler aus den Ländern des Nahen und Mittleren Orients, wobei auch das Goethe-Institut eine wichtige Brückenfunktion ausübt. Als Folge gibt es in den wissenschaftlichen Instituten dieser Länder eine größere Zahl von Forschern, die in Deutschland studiert haben.
Besondere Maßnahmen der Bundesressorts
Verschiedene Bundesministerien, vor allem der Bundesminister des Auswärtigen, der Bundesminister für Wirtschaft, der Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, der Bundesminister für Forschung und Technologie und der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit fördern in ihren Ressortbereichen — sei es durch die regelmäßige Beteiligung an der Finanzierung von Instituten, sei es durch Projekte und Forschungsaufträge — die gegenwartsbezogene Orientforschung.
Die seit Jahren engen Beziehungen zu den Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Israel sind weiter gefördert worden, zuletzt durch die Stiftung des Bertram Blank-Lehrstuhls für Krebsforschung am Weizmann-Institut und eines Lehrstuhls für Mathematik im Einstein-Institut der Hebräischen Universität.
In den letzten Jahren sind mit Hilfe des Bundes und der Länder und dort vor allem des Landes Baden-Württemberg große personelle und finanzielle Anstrengungen zum Aufbau einer deutsch-persischen technischen Universität in Gilan im Norden des Iran unternommen worden; das Projekt wird auf Wunsch der iranischen Regierung nicht weitergeführt.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Bund, Länder und Wissenschaftsorganisationen versucht haben, der gewachsenen Bedeutung der Region Naher und Mittlerer Osten im Rahmen des allgemeinen Ausbaus der Hochschulen und Forschungseinrichtungen und mit den bestehenden Instrumenten der Wissenschaftsförderung Rechnung zu tragen.
Insgesamt beginnt die gegenwartsbezogene Orientforschung seit einigen Jahren - auch international gesehen - aufzuholen.