Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 16/14125
16. Wahlperiode 06. 10. 2009 Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Winfried Nachtwei, Ute Koczy, Kerstin
Müller (Köln), weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 16/14057 –
Zur aktuellen Lage in Afghanistan
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich in diesem Jahr weiter
verschlechtert. In den ersten vier Monaten 2009 erhöhten sich laut ISAF (International
Security Assistance Force) gegenüber dem Vorjahreszeitraum die
Aufständischenangriffe um 64 Prozent, Attacken auf Regierungsangehörige um 90
Prozent, Selbstmordattacken um 81 Prozent. Feuergefechte und
Selbstmordanschläge sowie die Opfer unter Zivilbevölkerung, Polizistinnen und Polizisten,
Soldatinnen und Soldaten sowie Aufständischen haben ein Ausmaß wie noch
nie seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 erreicht. Über 90 Prozent der
Sicherheitsvorfälle geschehen nach wie vor im Süden und Osten des Landes. Von den
444 Sicherheitsvorfällen, die von Oppositionellen Militanten Kräften (OMF)
in der Woche vom 6. bis zum 13. Juli 2009 verübt wurden, geschahen 64,4
Prozent im Süden, 27,3 Prozent im Osten, 4,9 Prozent im Westen und 3,4 Prozent
im Norden. Laut UNAMA (United Nations Assistance Mission in
Afghanistan) ist mittlerweile fast ein Drittel Afghanistans von
Aufständischenaktivitäten betroffen.
Trotz der verschlechterten Sicherheitslage sind auch Erfolge zu verzeichnen.
So ist laut jüngstem UN-Bericht die Opiumproduktion drastisch
zurückgegangen. Die Mohnanbaufläche sank um dramatische 22 Prozent im Vergleich zu
2008 auf 123 000 Hektar. Knapp zwei Drittel aller Provinzen gelten
mittlerweile als mohnfrei. Dies gilt auch für den deutschen Verantwortungsbereich
im Norden des Landes, der bis auf 550 Hektar in Badakshan, mohnfrei ist.
Im deutschen Verantwortungsbereich von ISAF im Norden Afghanistans ist
seit 2007/2008 neben Ghormach im Nordwesten die Provinz Kunduz zu einem
Brennpunkt geworden, wo es fast täglich zu Überfällen und Schusswechseln
kommt. In einzelnen kritischen Distrikten wie Chahar Dara finden teilweise
auch längere Kampfhandlungen und komplexe Angriffe auf Bundeswehr und
afghanische Sicherheitskräfte statt.
Mittlerweile deutet vieles darauf hin, dass die Bundeswehr, die zuvor
militärisch äußerst besonnen und zurückhaltend agierte, für eine Entscheidung
mitverantwortlich ist, die zu Zivilopfern in bislang nicht bekannter Anzahl
geführt hat. Laut dem Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) wurde am Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Auswärtigen Amts vom 2. Oktober 2009 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 16/14125 – 2 – Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode4. September 2009 vom deutschen Kommandeur des PRT Kunduz von ISAF
Luftnahunterstützung gegen OMF angefordert, die sich mit zwei entführten
Tanklastern sechs km südwestlich des PRT Kunduz befanden. Viele Fragen
zum konkreten Ablauf der Operation sind noch ungeklärt. Auch die Angaben
über die Opfer schwanken. Die Untersuchungen von ISAF, afghanischer
Regierung und UN dauern an. Schätzungen variieren zwischen 56 getöteten
Taliban und 120 getöteten Personen mit einem hohen Anteil an Zivilisten. Der
Luftangriff wird von Verbündeten massiv kritisiert.
Entgegen des früheren Vorgehens der US-Truppen in Afghanistan ist
mittlerweile der Schutz der Bevölkerung zur obersten Priorität erhoben worden. Der
neue ISAF-Kommandeur Stanley McCrystal hat am 6. Juli 2009 in einer
taktischen Direktive angeordnet, dass der „Respekt, Schutz und die
Zustimmung der Bevölkerung“ höchste Priorität haben soll. Zudem soll durch eine
neue Schwerpunktsetzung auf den Aufbau von Governance-Strukturen das
Vertrauen der Bevölkerung in die afghanische Regierung gestärkt bzw. zurück
gewonnen werden.
Für die Umsetzung der unter US-Präsident Barack Obama beschlossenen
neuen Afghanistan-Strategie gelten nach Einschätzung von Kommandeur
Stanley McChrystal die nächsten 12 bis 18 Monate als entscheidend.
Afghanistan soll mehr Ressourcen sowohl für den Aufbau als auch für eine
Truppenverstärkung erhalten, der regionale Ansatz soll ausgebaut und die
Nachbarländer Iran und Pakistan einbezogen werden.
Deutschland hat im Zuge der Ausweitung von ISAF Mitte 2006 vor allem das
militärische Engagement schrittweise ausgebaut. Im zivilen und
rechtsstaatlichen Bereich fehlt eine entsprechende gleichwertige Aufbauoffensive. In 2009
stellt Deutschland für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan rund 575 Mio.
Euro und für den zivilen Aufbau bilateral ca. 195 Mio. Euro zur Verfügung.
1. Wie bewertet die Bundesregierung die aktuelle Sicherheitslage
(Indikatoren: Sicherheitsvorfälle, Zugänge zu Distrikten) im deutschen
Verantwortungsbereich im Norden?
Die Bedrohungslage in Afghanistan wird von einer Vielzahl verschiedener
Faktoren bestimmt und in unterschiedlicher Ausprägung beeinflusst. Insgesamt ist
die Bedrohung* in Afghanistan unverändert „erheblich“, in Nordafghanistan
liegt sie zurzeit je nach Provinz zwischen „niedrig“ und „erheblich“.
Besonderes Kennzeichen im Verantwortungsbereich des Regionalkommandos Nord
bleibt die enge Verstrickung von „oppositionellen militanten Kräften“ (OMK)
mit der organisierten Kriminalität und lokalen/regionalen Machthabern, jeweils
mit unterschiedlichen Motiven, aber auch gemeinsamen Interessen.
* Um national wie international mit gleichen Begriffen und Definitionen zu arbeiten, werden
nachfolgende Einstufungen genutzt:
NIEDRIG: Ein Staat, eine Organisation oder Gruppe verfügt über die Fähigkeit und/oder die Absicht,
DEU-Streitkräfte und/oder verbündete Streitkräfte anzugreifen. Obwohl die grundsätzliche
Möglichkeit besteht, liegen keine konkreten Anzeichen für bevorstehende Angriffe vor.
MITTEL: Ein Staat, eine Organisation oder Gruppe verfügt über die Fähigkeit und die Absicht, DEU-
Streitkräfte und/oder verbündete Streitkräfte anzugreifen. Allgemeine, nicht spezifizierte Anzeichen
deuten auf möglicherweise bevorstehende Angriffe hin.
ERHEBLICH: Ein Staat, eine Organisation oder Gruppe verfügt über die Fähigkeit und die Absicht,
DEU-Streitkräfte und/oder verbündete Streitkräfte anzugreifen. Mit Angriffen wird in naher Zukunft
gerechnet. Erkenntnisse zu konkreten Angriffszielen und -zeiträumen liegen nicht vor.
HOCH: Ein Staat, eine Organisation oder Gruppe verfügt über die Fähigkeit und die Absicht, DEU-
Streitkräfte und/oder verbündete Streitkräfte anzugreifen. Angriffe gegen konkrete und spezifizierte
Angriffsziele in definierten Angriffsräumen sind in einem bestimmten Zeitraum zu erwarten.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 3 – Drucksache 16/141252. Wann und in welcher Form beabsichtigt die Bundesregierung die deutsche
Öffentlichkeit umfassend und kontinuierlich über die Entwicklung der
Sicherheitslage in Afghanistan insbesondere im deutschen
Verantwortungsbereich zu informieren, und was stand dieser bisher entgegen?
Die Bundesregierung informiert regelmäßig und umfassend über die
Entwicklung in Afghanistan. Hierzu gehört insbesondere die wöchentliche
Unterrichtung des Deutschen Bundestages zur Lage in den Einsatzgebieten, in der aktuell
über alle sicherheitsrelevanten Entwicklungen im Detail berichtet wird. Darüber
hinaus erfolgen regelmäßige Unterrichtungen des Parlaments, der Obleute des
Verteidigungsausschusses und des Auswärtigen Ausschusses. Parlamentarische
Gruppen und einzelne Parlamentarier werden bei der Durchführung von
Besuchen im Einsatzland unterstützt.
Die Medien spielen bei der Information der Öffentlichkeit eine zentrale Rolle.
Vertreter aller Medien erhalten regelmäßig die Möglichkeit zur Begleitung
hochrangiger Besucher.
Darüber hinaus nimmt die Bundesregierung im Rahmen der dreimal
wöchentlich stattfindenden Regierungspressekonferenz auch zur jeweils aktuellen
Situation in Afghanistan Stellung.
3. Seit wann ist der Bundesregierung bekannt, dass die USA beabsichtigen,
300 Spezialkräfte der Operation Enduring Freedom (OEF) im deutschen
Verantwortungsbereich im Norden des Landes zu schicken und im
deutschen Lager in Mazar-e Sharif unterzubringen?
Die Anfrage der USA ist am 7. August 2009 im Bundesministerium der
Verteidigung eingegangen.
a) Warum hat die Bundesregierung das Parlament darüber nicht
informiert?
Die Anfrage der USA wird zurzeit im Bundesministerium der Verteidigung
bearbeitet. Der Deutsche Bundestag wird zu gegebener Zeit über eine
Entscheidung unterrichtet.
b) Welchen Auftrag haben die OEF-Soldaten im Raum Kunduz?
Bei der Task Force 373 handelt es sich um nationale US-Kräfte im
Aufgabenbereich Terrorismusbekämpfung. Der Kernauftrag besteht in der Aufklärung
und Festsetzung von Personen, die Al Qaida oder ggf. auch der Führungsriege
der Taliban angehören.
c) Wie soll die Zusammenarbeit zwischen ISAF und OEF geregelt
werden, und hat die Bundesregierung Einfluss auf die
Einsatzentscheidungen der OEF-Kräfte?
Der Deutsche Bundestag hat am 13. November 2008 das OEF-Mandat
verlängert. Im Rahmen dieses Mandates ist ein Einsatz der Bundeswehr in
Afghanistan nicht mehr vorgesehen.
Die Kommandostrukturen von ISAF und OEF stellen sicher, dass beide
Operationen zwar Synergien nutzen, aber in ihrer Zielsetzung und der Durchführung
ihrer Aufgaben getrennt bleiben.
Drucksache 16/14125 – 4 – Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode4. Was sind aus Sicht der Bundesregierung die Ursachen für die Verschärfung
der Sicherheitslage und für den starken Anstieg der OMF im Raum
Kunduz seit 2007/2008?
Im Raum Kunduz kumulieren die Interessen der organisierten Kriminalität,
lokaler Machthaber und verschiedener OMF-Gruppierungen. Mit dem größten
paschtunischen Siedlungsgebiet, einem hohen Flüchtlingsanteil und
gleichzeitig der historischen Hochburg der Taliban im Norden gibt es hier deutlich
höhere Spannungspotentiale als in anderen Gebieten der Nordregion.
Festzustellen ist, dass die zumeist lokal verwurzelten OMF im Vergleich zu den
Vorjahren ihr Vorgehen oft besser planen und die ihnen zur Verfügung stehenden
Potentiale wirksamer nutzen.
5. Was muss aus Sicht der Bundesregierung konkret getan werden, um die
Gewaltspirale im Raum Kunduz zu durchbrechen und das Vertrauen der
Bevölkerung zurückzugewinnen?
Das Vertrauen der Bevölkerung in die eingesetzten deutschen Soldaten ist gut.
Die Bezeichnung „Gewaltspirale“ ist aus Sicht der Bundesregierung
irreführend: im Raum Kunduz (siehe Antwort zu Frage 4) kommt es zu einer
Konzentration von OMF, auf die die Bundesregierung seit Anfang 2008 durch
kontinuierliche Verstärkung der Kräfte und Fähigkeiten des deutschen
Einsatzkontingentes reagiert hat. Zusätzlich konnte die Sicherheitslage durch
Aufstellung einer Brigade der afghanischen Nationalarmee in diesem Raum verbessert
werden.
6. Wie hat sich in den letzten zwei Jahren das Verhältnis der afghanischen
Bevölkerung und Behörden zu ISAF, Bundeswehr und internationalen
Akteuren im Norden geändert?
Angesichts der schwierigen Wirtschafts- und Sicherheitslage in Teilen
Afghanistans ist die Haltung der Bevölkerung sowohl gegenüber der eigenen
Regierung wie auch zum militärischen und zivilen Engagement der internationalen
Gemeinschaft kritischer geworden. Dennoch befürwortet die große Mehrheit
den eingeschlagenen Weg und die Präsenz der internationalen Gemeinschaft.
Dies gilt im besonderen Maße für den Norden. Die Bundesrepublik
Deutschland, und damit auch die Bundeswehr, genießt landesweit eine hohe
Zustimmung. Die Bundesregierung sieht sich insofern in ihrem Bemühen bestätigt, in
enger Zusammenarbeit mit den afghanischen Sicherheitskräften, den ISAF-
Partnern und im engen Dialog mit der Bevölkerung ihren Beitrag zur
Stabilisierung im Norden Afghanistans fortzusetzen.
7. Welche Maßnahmen will die Bundesregierung ergreifen, um die Erfolge
bei der Opiumproduktion zu stabilisieren und auszubauen?
Die Bundesregierung wird die gemeinsam von der afghanischen Regierung und
der internationalen Gebergemeinschaft entwickelten notwendigen
Handlungsansätze und die zur Umsetzung unternommenen Anstrengungen weiterhin
entschlossen unterstützen. Nach einem im letzten Jahr bereits begonnenen
Strategiewechsel der Geber bei der Drogenbekämpfung liegt nunmehr der Fokus auf
der Stärkung der Landwirtschaft und der ländlichen Entwicklung sowie der
Ablösung von Amts- und Funktionsträgern, die in die Drogenwirtschaft verstrickt
sind. Zudem sollen Drogenabsatzwege verstärkt kontrolliert werden, um den
grenzüberschreitenden Drogenhandel einzudämmen.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 5 – Drucksache 16/14125Drogenbekämpfung ist ein wichtiges Querschnittsthema innerhalb der
Schwerpunkte der Bundesregierung. Sie setzt dabei vor allem auf Maßnahmen zur
Schaffung legaler Einkommensquellen und die Förderung von Beschäftigung
in ländlichen Regionen.
Die Bundesregierung finanziert in für den Schlafmohnanbau besonders
anfälligen Distrikten in Badakhshan, Takhar und Kandahar gezielt Vorhaben zur
Schaffung legaler Einkommensalternativen sowie ein landesweites Projekt
des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung
(UNODC) zur Behandlung und Reintegration afghanischer Drogenabhängiger.
Weiterhin hat die Bundesregierung vor allem im Norden und Südosten seit
2008 mit 30 Mio. Euro Einkommen für rund 1,3 Millionen Menschen
geschaffen und damit indirekt für Alternativen zum Schlafmohnanbau gesorgt. Mit
Vorhaben zur nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung (insgesamt rund 100 Mio.
Euro) werden legale Wirtschaftskreisläufe durch die Verbesserung von
Investitionsbedingungen, Förderung von Exporten, Vergabe von Mikrokrediten,
Aufbau wirtschaftlicher Infrastruktur sowie Stärkung von Wertschöpfungsketten
landwirtschaftlicher und handwerklicher Produkte unterstützt. Damit wird auch
ein Beitrag zur Eindämmung der Drogenwirtschaft geleistet.
8. Wo und aus welchen Gründen gibt es aus Sicht der Bundesregierung
Umsetzungsdefizite und -probleme beim Aufbauprozess?
23 Jahre Krieg und Bürgerkrieg in Afghanistan haben zu äußerst schwierigen
Rahmenbedingungen geführt, die bis heute erhebliche Auswirkungen auf das
Tempo des zivilen Wiederaufbaus haben. Nach dem Sturz der Taliban 2001
waren Afghanistans Infrastruktur und Wirtschaftskreisläufe vollständig zerstört.
Das Bildungs- und Gesundheitswesen war nur noch in Ansätzen vorhanden.
Frauen und Mädchen waren von der Teilhabe am politischen, wirtschaftlichen
wie auch gesellschaftlichen Leben so gut wie ausgeschlossen. Es gab wenig
Anknüpfungspunkte für eine funktionierende Staatlichkeit. Auch vor den
Zeiten des Konflikts gab es in Afghanistan nur wenige Jahre mit Ansätzen einer
Demokratie. In vielen Bereichen handelt es sich deshalb weniger um
Wiederaufbau als vielmehr um (erstmaligen) Aufbau. Weiter verschärft wurde die
Situation durch eine Serie von Naturkatastrophen (Überflutungen, extreme
Dürren, strenge Winter), die Fortschritte beim Wiederaufbau bedrohten und zu
Versorgungsengpässen bei Nahrungsmitteln führten.
Die Bundesregierung hat ferner bei der Umsetzung ihrer Programme,
insbesondere auf Provinz- und Distriktebene, mit schwach ausgeprägten politischen
Strukturen, Mangel an qualifiziertem Verwaltungspersonal,
Koordinierungsproblemen zwischen der Zentral- und der Provinzregierung und schlechter
Regierungsführung zu kämpfen. Dies hat wiederholt zu Verzögerungen bei der
Projektimplementierung geführt. Ferner hat sich die verschlechterte
Sicherheitslage negativ auf die Umsetzung der Programme zum zivilen Wiederaufbau
und zur Entwicklung ausgewirkt. Bisher ist zwar kein Programm aufgrund der
schlechten Sicherheitslage dauerhaft unterbrochen worden, Planungs- und
Implementierungsprozesse sowie das Monitoring von Projekten wird jedoch
durch sicherheitsbedingte Einschränkungen erschwert.
9. In ihrer Regierungserklärung vom 8. September 2009 hat Bundeskanzlerin
Dr. Angela Merkel angeregt, noch in diesem Jahr eine
Afghanistankonferenz zum Afghan Compact durchzuführen. Hat die Bundesregierung die
Absicht mit der afghanischen Seite vereinbarte überprüfbare
Zwischenziele für die Gesamtentwicklung der Region vorzulegen, und wenn ja, wel-
Drucksache 16/14125 – 6 – Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiodeche, und in welchem Zeithorizont plant die Bundesregierung für den
regionalen Aufbauprozess?
Die gemeinsam von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, dem französischen
Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy und dem britischen Premierminister Gordon
Brown vorgeschlagene Afghanistan-Konferenz hat zum Ziel, die Grundlagen
für eine international abgestimmte Übergabestrategie zu schaffen. Hierzu sollen
die 2010 auslaufenden Zielvorgaben des „Afghanistan Compact“ erneuert
werden. Diese sollen zwischen der internationalen Gemeinschaft und Afghanistan
abgestimmte konkrete, möglichst messbare Ziele und Fristen in den drei
zentralen Bereichen Sicherheit, Regierungsführung/Rechtsstaat/Menschenrechte
sowie wirtschaftliche/soziale Entwicklung enthalten. Aus Sicht der
Bundesregierung sollten die Zielvorgaben auf vier bis fünf Jahre angelegt sein. Ziele,
Fristen und Laufzeit sollen in einem internationalen Vorbereitungsprozess unter
Leitung und Koordinierung der Vereinten Nationen erarbeitet werden.
10. a) Wie bewertet die Bundesregierung den massiven Akzeptanzverlust des
Afghanistaneinsatzes in der Bevölkerung hierzulande und in
Afghanistan, und wie geht sie damit um?
Seit fast acht Jahren werden in Afghanistan Meinungsumfragen durchgeführt,
die trotz unbestreitbarer Schwierigkeiten und methodischer Einschränkungen
eine Reihe belastbarer Trends über das Meinungsbild der afghanischen
Bevölkerung zum internationalen Afghanistan-Einsatz ergeben. Zwar hat im
Vergleich zur Zeit unmittelbar nach dem Sturz der Taliban die Zustimmung
abgenommen, dennoch spricht sich weiterhin die Mehrheit für eine Weiterführung
oder gar eine Ausweitung des internationalen Engagements bei Sicherheit und
Wiederaufbau aus (siehe Antwort zu Frage 6). Die überwältigende Mehrheit
der Afghanen lehnt die Taliban weiter entschieden ab.
Die Bundesregierung verfolgt Umfragen zur Akzeptanz des Afghanistan-
Einsatzes in der deutschen Bevölkerung sehr aufmerksam. Die Bundesregierung
begründet im Rahmen ihrer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit die
Notwendigkeit des Einsatzes ausführlich und geht hierbei auch auf die – u. a. in den
Umfragen deutlich werdenden – Besorgnisse und Fragen der Bundesbürger ein.
b) Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass eine offene und
ungeschönte Informationspolitik eine unabdingbare Voraussetzung für die
Akzeptanz des Afghanistaneinsatzes ist, und was tut sie dafür?
Die Bundesregierung betreibt eine offene und transparente Informationspolitik
gegenüber dem Deutschen Bundestag und der Öffentlichkeit. Sie berichtet dem
Bundestag regelmäßig und ausführlich über die Entwicklungen in Afghanistan
(siehe Antwort zu Frage 10a).
c) Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Akzeptanz
des Afghanistaneinsatzes unter Bundeswehrangehörigen und
insbesondere Afghanistanrückkehrern vor, und teilt die Bundesregierung
den Eindruck, dass der Afghanistaneinsatz auch unter
Bundeswehrangehörigen insbesondere solchen mit Afghanistanerfahrung an
Zustimmung verloren hat?
Und wenn ja, worin sieht die Bundesregierung mögliche Ursachen?
Der Bundesregierung liegen keine aktuellen Zahlen zur Akzeptanz unter
Bundeswehrangehörigen vor. Die terroristischen Gewaltanwendungen in
Afghanistan führten örtlich und zeitlich begrenzt zu intensiven militärischen
Kampfhandlungen. Unsere Soldaten zeigen angesichts vielfältiger Bedrohungen Mut
und Entschlossenheit; dafür verdienen sie unser aller Respekt. Wichtige Signale
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 7 – Drucksache 16/14125dafür sind u. a. die politische Zustimmung nahezu aller Parteien im Bundestag,
eine sachgerechte Diskussion in der Bevölkerung, aber auch Anerkennung
durch Auszeichnungen. Allerdings ist es nachvollziehbar, dass diese
außergewöhnlichen Belastungen im Einsatz durch jeden Soldaten anders empfunden
werden.
11. Wie beurteilt die Bundesregierung die Einbindung von Warlords, denen
teilweise schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, in
die Koalition von Präsident Hamid Karsai, und wie will sie künftig damit
umgehen?
Berichte über Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen durch Unterstützer
der Wahlkampagne von Präsident Hamid Karzai sind der Bundesregierung
bekannt. Für Kandidaten, die sich für öffentliche Ämter zur Wahl stellen, gilt laut
afghanischem Wahlgesetz, dass sie sich einer Überprüfung unterziehen müssen.
Die Bundesregierung akzeptiert die Ergebnisse dieses Prozesses. Gleichzeitig
setzt sich die Bundesregierung für eine weitere Stärkung des
Überprüfungsverfahrens bei künftigen Wahlen, aber auch anderweitigen
Personalentscheidungen der afghanischen Administration ein.
12. a) Wie bewertet die Bundesregierung den derzeitigen Stand des
Institutionenaufbaus in Nord-Afghanistan?
Jahrzehnte des Bürgerkriegs haben die außerhalb Kabuls historisch bedingt
schwachen staatlichen Strukturen auf zentraler wie auch auf Provinz-, Distrikt-
und Gemeindeebene zerstört. Der Aufbau personeller, fachlicher sowie
organisatorischer Kapazitäten und damit die Schaffung eines leistungsfähigen Staates,
der für die Absicherung der Grundbedürfnisse der afghanischen Bevölkerung
sorgt, stellt somit nach wie vor eine der wichtigsten Aufgaben für die
afghanische Regierung, die internationale Gebergemeinschaft und damit auch für die
Bundesregierung beim zivilen Wiederaufbau und der Entwicklung
Afghanistans dar.
b) Wo liegen die Defizite, wie und bis wann sollen diese durch welche
konkreten Maßnahmen abgebaut werden?
Generell ist der nachhaltige Aufbau von leistungsfähigen Institutionen eine
langfristige Aufgabe. Die größten Herausforderungen beim Institutionenaufbau
in Afghanistan sind der Mangel an fachlich qualifiziertem Personal und eine
noch ungenügende finanzielle sowie materielle Ausstattung der lokalen
Verwaltung, u. a. bedingt durch geringe Eigeneinnahmen des afghanischen Staates.
Defiziten bei der Regierungsführung begegnet die Bundesregierung durch
gezielte Schulungsmaßnahmen für Verwaltungspersonal auf Provinz-, Distrikt-
und Gemeindeebene. Die Bundesregierung orientiert sich dabei mit ihren
Beiträgen an den Zielvorgaben der zentralen Referenzdokumente des zivilen
Wiederaufbaus, des Afghanistan Compacts (Laufzeit der Zielvorgaben bis 2010)
und der Afghanischen nationalen Entwicklungsstrategie (Laufzeit bis 2013).
Konkret wird die Leistungsfähigkeit der afghanischen Verwaltung in
Nordafghanistan vor allem durch Trainingskurse in den Bereichen Verwaltungs- und
Organisationsmanagement, Budgetplanung und EDV gestärkt. Teils
gemeinsam mit der Europäischen Union finanziert die Bundesregierung auch die
Ausbildung von Justizpersonal (Richter, Staatsanwälte, Justizangestellte) in den
Provinzen Balkh, Badakhshan, Takhar und Kundus. Neben gezielten
Ausbildungsprogrammen wird die Steuerungs- und Handlungsfähigkeit der
Verwaltung auf Distrikt- und Gemeindeebene zugunsten der Menschen in ländlichen
Drucksache 16/14125 – 8 – Deutscher Bundestag – 16. WahlperiodeRegionen mittels Etablierung von Gemeindeentwicklungsräten im Rahmen des
Nationalen Solidaritätsprogramms (NSP) verbessert. Das NSP fördert die
Bundesregierung durch ihren Beitrag an den Afghanischen Treuhandfonds für
Wiederaufbau (ARTF) mit bislang 42 Mio. Euro. Gestärkt wird das subnationale
Planungs- und Verwaltungshandeln auch durch die Provinzentwicklungsfonds
(PDF), aus denen Projekte auf Vorschlag und in enger Kooperation der
Gemeinde- und Distrikträte umgesetzt werden. Über den Beitrag an den ARTF
(insgesamt rund 110 Mio. Euro) unterstützt die Bundesregierung die
afghanische Regierung auch dabei, Gehaltszahlungen von Staatsangestellten,
insbesondere in der Justiz, aber auch im Bildungs- und Gesundheitswesen
sicherzustellen und dadurch die notwendigen Anreize für eine Beschäftigung beim
Staat zu schaffen.
Seit 2009 investiert die Bundesregierung auch zunehmend in die Verbesserung
der Regierungsprozesse. Zu diesem Zweck hat die Bundesregierung
gemeinsam mit der afghanischen Regierung einen Politikberatungsfonds eingerichtet,
aus dem Experteneinsätze finanziert werden. Damit soll ein Beitrag zur
Beschleunigung und Effizienzsteigerung von politischen Reformprozessen
insbesondere in den Bereichen der staatlichen Eigeneinnahmen,
Rechenschaftslegung und Bekämpfung von Korruption geleistet werden. Das Programm
beginnt zunächst auf zentraler Ebene, wird aber zügig zu Ergebnissen und
Erfahrungen führen, die auch auf Provinz-, Distrikt- und Gemeindeebene
umgesetzt werden können.
13. a) Wie bewertet die Bundesregierung die Korruption in den afghanischen
Institutionen?
Korruption ist bei afghanischen Institutionen noch alarmierend weit verbreitet.
Auf dem Transparency International Ranking von 2008 rangiert Afghanistan
auf dem fünftletzten Platz.
b) Was ist aus Sicht der Bundesregierung notwendig, um Korruption in
den afghanischen Institutionen zurückzudrängen?
Grundlegend für eine wirkungsvolle Bekämpfung von Korruption sind die
unbedingte Entschlossenheit und Eigenverantwortung der afghanischen
Regierung, gegen Korruption vorzugehen.
Die federführend für die Korruptionsbekämpfung zuständige afghanische
Behörde „High Office of Oversight & Anti-Corruption“ muss insbesondere
politisch, aber auch personell und finanziell bei ihrer Arbeit gestärkt werden.
Neben politischem Willen müssen die konsequente Aufdeckung und
Strafverfolgung von Korruptionsfällen in allen Bereichen oberste Priorität haben;
wichtiger Bestandteil ist dabei die Entfernung von Kriminellen aus dem
Staatsdienst – auch auf höchster staatlicher Ebene. Hierzu ist ein langfristiger
Kapazitätenaufbau im Justizbereich bei der Aus- und Fortbildung von Personal bei der
Strafverfolgung und der Richterschaft notwendig. Flankierend muss die
afghanische Regierung im Rahmen der laufenden Reformprozesse die regelmäßige,
rechtzeitige und angemessene Zahlung der Gehälter für das
Verwaltungspersonal sicherstellen, um Korruptionsvorgängen den Nährboden zu entziehen.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 9 – Drucksache 16/14125c) Welche konkreten Maßnahmen sind bzw. sollen eingeleitet werden,
und welchen Beitrag will bzw. leistet die Bundesregierung zur
Korruptionsbekämpfung?
Grundlage für alle Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung bilden die
Verpflichtungen der von der afghanischen Regierung 2009 unterzeichneten VN-
Antikorruptionskonvention und das verabschiedete Antikorruptionsgesetz.
Vor allem sollen Verfahrensabläufe im Zusammenhang mit der
Inanspruchnahme von staatlichen Leistungen transparenter werden und Mechanismen zur
besseren Überprüfung geschaffen werden, die wirkungsvoll
Korruptionsvorfälle aufdecken und ahnden können. Ein erster wichtiger Schritt in diese
Richtung wurde Anfang 2009 mit der Einrichtung einer internen Prüfungsabteilung,
einer Abteilung für Betrugserkennung und eines Beschwerdebüros getan.
Bislang werden 47 Beschwerden über Korruptionsfälle auf Regierungsebene
untersucht. Zudem sind Gesetzesvorhaben zur strafrechtlichen Sanktionierung
von Korruptionsvorgängen und zur Beseitigung von Strafbarkeitslücken in
Vorbereitung.
Wichtiges weiteres Instrument sind zudem Maßnahmen zur erhöhten
Sensibilisierung von Verwaltungspersonal gegenüber Korruptionsvorgängen und
zugunsten einer wirkungsvolleren Prävention. Hier sollten auch religiöse Aspekte
mit einbezogen werden, da Korruption zu den Delikten gehört, die
grundsätzlich zu einem besonders starken Ansehensverlust in der Gemeinde führen.
Neben dem Politikberatungsfonds (siehe Antwort zu Frage 12b) leistet die
Bundesregierung seit 2008 einen handlungsorientierten Beitrag durch
Finanzierung von Experten, die im Schwerpunktsektor Trinkwasserversorgung
besonders korruptionsgefährdete Verwaltungsvorgänge identifizieren und bei
der Umsetzung von Strategien zur Vermeidung von Korruption Unterstützung
leisten.
Wichtige Beiträge der Bundesregierung zur Korruptionsbekämpfung in
Afghanistan stellen auch die Einzahlungen in den Afghanischen Treuhandfonds für
Wiederaufbau und in den Rechtsstaatslichkeitsfonds (LOFTA), mit denen die
Gehaltszahlungen der Staatsangestellten sichergestellt werden, sowie die
Unterstützungsmaßnahmen im Justizbereich dar (siehe Antwort zu Frage 12b).
14. Was wurde im Rahmen der so genannten Unterstützergruppe
Afghanistan/Pakistan zur Umsetzung des von allen Seiten geforderten
Strategiewechsels an konkreten Maßnahmen eingeleitet (bitte auflisten)?
Die von US-Präsident Barack Obama eingeleitete neue Strategie legt einen
besonderen Schwerpunkt auf einen umfassenden Regionalansatz. Die damit
einhergehende Ernennung Richard Holbrookes zum US-Sonderbeauftragten führte
zur Gründung der Unterstützungsgruppe für Afghanistan und Pakistan. In der
Gruppe sind 27 Staaten und internationale Organisationen, neben den großen
europäischen und nordamerikanischen Truppenstellern auch beispielsweise die
Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten, die Türkei, Russland und Indien,
vertreten.
Die Unterstützungsgruppe versteht sich als informelles, inklusives Forum. Sie
dient dem Ziel, Positionen und Strategieansätze in der Afghanistan- und
Pakistanpolitik auf hoher Beamtenebene international abzustimmen, um so zu einem
breit getragenen, internationalen Politikansatz gegenüber der Gesamtregion zu
kommen. Zu den im Rahmen der Gruppe eingeleiteten Maßnahmen gehören
Abstimmungen und Erklärungen zu den afghanischen Präsidentschafts- und
Provinzratswahlen, Unterstützung zur besseren Koordinierung des zivilen
Wiederaufbaus in Afghanistan durch die Unterstützungsmission der Vereinten
Drucksache 16/14125 – 10 – Deutscher Bundestag – 16. WahlperiodeNationen in Afghanistan (UNAMA) und zur Koordinierung der Krise der
Binnenflüchtlinge in Pakistan sowie zum Wiederaufbau der Malakand-Region.
15. Mit welcher Zielrichtung und mit welchem Ergebnis hat die
Bundesregierung sich bislang in der Unterstützergruppe Afghanistan/Pakistan
engagiert (bitte Aktivitäten auflisten)?
Die Bundesregierung verfolgt mit der Unterstützungsgruppe das Ziel eines
geschlossenen, gut abgestimmten internationalen Ansatzes in der Politik der
internationalen Gemeinschaft gegenüber Afghanistan und Pakistan sowie einer
einheitlichen Kommunikation der in Afghanistan und Pakistan engagierten Länder
und Organisationen. Weiteres Ziel der Bundesregierung ist, das Engagement in
beiden Ländern auf ein breites, internationales, nicht ausschließlich NATO-
getragenes Fundament zu stellen, sondern auch Länder der weiteren Region
(beispielsweise Vereinigte Arabische Emirate, Indien) in die internationalen
Abstimmungsprozesse einzubeziehen.
Die Bundesregierung sitzt in Person des Sonderbeauftragten für Afghanistan
und Pakistan, Botschafter Bernd Mützelburg, der Unterstützungsgruppe für
Afghanistan und Pakistan vor. Sie koordiniert und organisiert die Treffen und
die Kommunikation der Gruppe und führt den Vorsitz bei ihren Treffen.
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