[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Karlheinz Busen, Frank Sitta,
Dr. Gero Clemens Hocker, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/14942 –
Kosten von Alternativen zu klassischen Breitbandherbiziden
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Glyphosat ist ein Totalherbizid. Es wird seit Jahrzehnten eingesetzt, ist gut
erforscht und nur schwer zu ersetzen. Ein Verzicht auf Glyphosat kann aus Sicht
der Fragesteller auch zu Sicherheitsrisiken führen, wenn kein gleichwertiger
Ersatz vorhanden ist (www1.wdr.de/wissen/technik/bahn-sucht-glyphosat-
alternativen-100.html).
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die Bundesregierung befasst sich bereits seit Längerem mit den möglichen
Folgen eines teilweisen oder vollständigen Verzichts auf glyphosathaltige
Herbizide. Erkenntnisse hierzu sind 2015 zur Information der Fachöffentlichkeit
veröffentlicht worden in „Folgenabschätzung für die Landwirtschaft zum teilweisen
oder vollständigen Verzicht auf die Anwendung von glyphosathaltigen
Herbiziden in Deutschland“ (Julius-Kühn-Archiv 451, 1-156, 2015,
www.ojs.open
agrar.de/index.php/JKA/issue/view/1137). Darüber hinaus gibt es
Empfehlungen einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe, um die Anwendung von
glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln zunehmend auf das notwendige Maß zu mindern:
„Handlungsempfehlung der Bund-Länder-Expertengruppe zur Anwendung von
Glyphosat im Ackerbau und in der Grünlandbewirtschaftung (Berichte aus dem
Julius Kühn-Institut, Nr. 187, 2017,
www.ojs.openagrar.de/index.php/Berichte
JKI/issue/view/1298).
1. Welche Forschungsversuche werden derzeit von der Bundesregierung
durchgeführt, um geeignete alternative Verfahren zum Glyphosateinsatz zu
identifizieren?
Derzeit fördert die Bundesregierung mehrere Forschungsvorhaben zur
Entwicklung alternativer Methoden für die Unkrautbekämpfung. Die
Forschungsvorhaben sind in den Anlagen 1, 2 und 3 aufgelistet. Darüber hinaus gibt es
aktuell eine Ausschreibung für die Entwicklung neuer innovativer Lösungen zur
Deutscher Bundestag Drucksache 19/15447
19. Wahlperiode 26.11.2019
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft
vom 22. November 2019 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Unkrautregulierung („Bekanntmachung über die Förderung von Innovationen
nichtchemischer Pflanzenschutzverfahren im Gartenbau“ vom 18. Juli 2019).
Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) bereitet ein Forschungsprojekt vor, durch
das ein einsatzfähiges Verfahren für eine umweltfreundliche, chemiefreie,
gleisgestützte Vegetationskontrolle entwickelt werden soll mit dem Titel
„Entwicklung eines Alternativverfahrens zur chemischen Vegetationskontrolle auf
Gleisanlagen“.
2. Welche Kosten entstehen nach Kenntnis der Bundesregierung pro Jahr bei
der Beseitigung von Unkraut im Gleisbett auf einer Strecke von einem
Kilometer
a) unter Verwendung von Glyphosat;
b) unter Verwendung von Heißwasser bzw. Wasserdampf;
c) unter Verwendung von Elektroschocks;
d) unter Verwendung von UV-Licht;
e) unter Verwendung von Pelargonsäure?
Nach Auskunft der Deutsche Bahn AG (DB AG) entstehen zur Beseitigung von
Vegetation im Gleisbett für den Einsatz von Herbiziden Gesamtkosten von ca.
250 Euro pro Kilometer und Jahr. Darüber hinaus liegen keine Kenntnisse zu
den Kosten der in den Fragen 2b bis 2e genannten Verfahren vor, da diese nicht
zur Vegetationskontrolle auf Gleisanlagen zugelassen sind.
3. Stellt aus Sicht der Bundesregierung das Verfahren der mechanischen
Unkrautbekämpfung eine sinnvolle Alternative zum Einsatz von Glyphosat
dar?
In der Regel werden glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel als nicht-selektiv
wirkende Herbizide auf Flächen, auf denen zum Zeitpunkt der Behandlung
keine Kultur steht, angewendet. Zur Unkrautbekämpfung auf den Stoppelfeldern
nach der Ernte sowie vor der Aussaat einer Kultur bieten sich mechanische
Verfahren mit geeigneten Bodenbearbeitungsgeräten als Alternative an. Sinnvoll
und effektiv sind solche Verfahren, wenn die Standortbedingungen es zulassen.
Dies gilt insbesondere dann, wenn keine Erosionsanfälligkeit gegeben ist, eine
ausreichende Anzahl von Feldarbeitstagen durch die Witterung ermöglicht wird
oder optimale Bodenfeuchte gegeben ist. Zudem sind im Gegensatz zur
Applikation von glyphosathaltigen Herbiziden häufig mehrere, zeitlich differenzierte
Arbeitsgänge mit den jeweiligen mechanischen Verfahren notwendig. Eine
Wirkungsäquivalenz kann nicht in allen Fällen erreicht werden.
Reihengebundene oder auch flächig arbeitende mechanische
Unkrautbekämpfungsverfahren sind den selektiven Verfahren zuzuordnen und stellen im
Allgemeinen eine sinnvolle Ergänzung zum Herbizideinsatz dar.
4. Welche Anwendungspotenziale sieht die Bundesregierung im Einsatz von
Feldrobotern, die für die Beseitigung von Unkräutern entlang von
Bahnstrecken und auf Ackerflächen versuchsweise zum Einsatz kommen?
Es gibt Prototypen und Konzepte zum Einsatz von Feldrobotern als autonom
agierende Geräte, die bisher noch nicht in größerem Maßstab unter
Produktionsbedingungen getestet wurden. Die Einsatzkonzepte erstrecken sich bislang
auf hochwertige (Reihen-)Kulturen wie Gemüsekulturen oder spezielle
Anbauformen wie ökologisch erzeugte Zuckerrüben. Feldroboter haben grundsätzlich
das Potenzial, den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln stark zu
reduzieren (durch gezielte Applikation) oder überflüssig zu machen (bei
mechanischer Unkrautvernichtung).
In Deutschland kommen im direkten Gleisbereich (Schotter) inklusive
Randweg überwiegend chemische Verfahren zur Vegetationspflege zum Einsatz. Es
liegen keine Informationen über den Einsatz von Feldrobotern (Mäh- oder
Mulchroboter) im direkten Gleisbereich vor. In der an den direkten Gleisbereich
angrenzenden Rückschnittzone kommen mechanische Maßnahmen zum Einsatz.
Dabei werden zum Teil Geräte zum Mulchen und Mähen eingesetzt, welche
ferngesteuert betrieben werden können.
a) Welche Forschungsprojekte sind der Bundesregierung in diesem
Zusammenhang bekannt und werden von ihr unterstützt (bitte die
Projektmittel je Projektträger und Projekttitel aufschlüsseln)?
Im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und
Landwirtschaft werden bislang zwei Projekte gefördert. Die erbetenen Angaben können
Anlage 2 entnommen werden.
Dem EBA sind keine Forschungsprojekte in Deutschland zum Einsatz von
Feldrobotern zur Beseitigung von Unkraut im Gleisbereich bekannt.
b) Welche Arten von Robotersystemen werden nach Kenntnis der
Bundesregierung derzeit im Bereich der Unkrautvernichtung
erforscht?
In der Forschung werden derzeit unter Laborbedingungen Systeme entwickelt,
die mit einer geeigneten Sensorik Unkräuter erkennen und direkt chemisch oder
physikalisch (mechanisch, thermisch, mit Lasern) bekämpfen. Bei diesen
Systemen handelt es sich in der Regel um Kleinroboter, die in Reihenkulturen
eingesetzt werden könnten.
c) Wie bewertet die Bundesregierung die Substitution von Glyphosat
durch Feldroboter, die in der Lage sind, Unkraut spezifisch zu
entfernen?
Wie in der Antwort zu Frage 3 ausgeführt, werden glyphosathaltige Herbizide
in der Regel nichtselektiv auf Flächen, auf denen zum Zeitpunkt der
Behandlung keine Kulturpflanzen stehen, eingesetzt. Feldroboter sollen hingegen
gerade zur selektiven Bekämpfung in Kulturpflanzenbeständen Verwendung finden.
Insofern können Feldroboter glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel
ausschließlich in den wenigen Fällen eines selektiven Einsatzes im Sinne einer
Einzelpflanzenbekämpfung oder einer Unkrautnestbehandlung (z. B. „spot
application“) ersetzen.
d) Welche Entwicklungs- und Anwendungskosten sind damit verbunden?
Der Bundesregierung liegen zu dieser Kostenfrage keine Erkenntnisse vor.
5. Inwieweit rechnet die Bundesregierung mit dem erhöhten Einsatz anderer
in Anwendung befindlicher Herbizide, wenn auf das Herbizid Glyphosat
verzichtet werden soll?
Eine belastbare Aussage hierzu lässt sich zurzeit nicht treffen.
6. Sind alternative Anwendungskombinationen aus HPPD-Hemmern
(HPPD = Hydroxyphenylpyruvat-Dioxygenase), Lipidsynthesehemmern
und synthetischen Auxinen aus Sicht der Bundesregierung nachhaltiger
und kosteneffektiver als der Einsatz von ESPS-Hemmern (ESPS = ein
Genom)?
Eine belastbare Einschätzung zur Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz kann erst
nach Zulassung und einem Praxiseinsatz entsprechender Produkte abgegeben
werden.
7. Welche Forschungsprojekte zur Weiterentwicklung folgender
Wirkungsmechanismen bei Herbiziden sind der Bundesregierung bekannt:
a) ACCase-Hemmer ACCase = Acetyl-CoA-Carboxylase);
b) ALS-Hemmer (ALS = Acetolactat-Synthase);
c) Photosynthesehemmer;
d) PPO-Hemmer (PPO = Protoporphyrinogen-Oxidase);
e) HPPD-Hemmer;
f) ESPS-Hemmer;
g) Zellwachstumshemmer;
h) Lipidsynthesehemmer;
i) synthetische Auxine?
Zur Weiterentwicklung der genannten Wirkstoffgruppen liegen der
Bundesregierung keine Erkenntnisse vor.
8. Welche Erkenntnisse zur Erforschung des Zuckermoleküls „7dSh“ sind
der Bundesregierung bekannt?
Die Wissenschaftler der Universität Tübingen, die diese Art eines natürlichen
glyphosatähnlichen Herbizids entdeckt haben, konnten unter
Laborbedingungen zwar zeigen, dass der Zucker der Cyanobakterien zu einem deutlich
verminderten Wachstum der keimenden Pflanzen führt. Sie können jedoch nicht
ausschließen, dass die Substanz nach der Applikation auf dem Acker so schnell
abgebaut wird, dass sich Unkraut damit nicht ausreichend bekämpfen lässt.
Naturstoffe haben in der Regel eine geringe Haltbarkeit, da sie unter Umständen
schon während ihrer Lagerung abgebaut werden. Ein marktfähiges
Pflanzenschutzmittel auf der Basis des Bakterium-Zuckers müsste somit
Konservierungsmittel und andere Hilfsstoffe (z. B. Netzmittel) enthalten, um den
Wirkstoff in die Pflanze einzuschleusen. Zudem wurde die Wirkung von 7dSh bisher
ausschließlich an einer Pflanzenart (Arabidopsis thaliana) getestet, für weitere
Pflanzen- oder Unkrautarten sind bisher keine Ergebnisse bekannt.
a) Welche Projekte werden derzeit von der Bundesregierung zur Erforschung
des Zuckermoleküls „7dSh“ unterstützt (bitte die Projektmittel je
Projektträger und Projekttitel aufschlüsseln)?
Die Bundesregierung fördert derzeit keine Forschungsvorhaben zum
Zuckermolekül „7dSh“.
b) Welches Anwendungspotenzial sieht die Bundesregierung in diesem
Zusammenhang?
Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse vor, die eine belastbare
Abschätzung des Anwendungspotentials des Zuckermoleküls 7dSh zur
Verwendung als herbiziden Wirkstoff zuließen.
Drucksache 19/15447 – 6 – Deutscher Bundestag – 19. Wahlperiode
Drucksache 19/15447 – 8 – Deutscher Bundestag – 19. Wahlperiode
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ISSN 0722-8333]