[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Bettina Hoffmann, Dr. Kirsten
Kappert-Gonther, Lisa Badum, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 19/23355 –
Belastung von Kindern und Jugendlichen mit allergieauslösenden Chemikalien
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Rund 30 Prozent der Bevölkerung leiden unter allergischem Asthma,
Heuschnupfen, Kontaktallergien, Nahrungsmittelallergien. Bei Kindern und
Jugendlichen stellen allergische Erkrankungen die häufigste Erkrankung dar, so
die Ergebnisse der Studie des Robert Koch-Institutes (RKI) zur Gesundheit
von Kindern und Jugendlichen (
https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsm
onitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/Focus/JoHM_03_20
18_Allergische_Erkrankungen_KiGGS-Welle2.pdf?__blob=publicationFile).
Rund 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind von einer
„Sensibilisierung“ betroffen, d. h. der Organismus hat bereits spezifische Antikörper auf
bestimmte Umweltallergene entwickelt, ohne dass Symptome einer Allergie
bereits aufgetreten sein müssen (RKI Survey KiGGS, Erhebungszeitraum Mai
2003 bis Mai 2006). Für die sensibilisierten Personen besteht ein hohes
Risiko, dass sie bei einem intensiven Kontakt mit allergenen Stoffen eine akute
allergische Reaktion entwickeln. Viele Umweltschadstoffe wie Duftstoffe,
Konservierungsstoffe, Metalle kommen in Alltagsprodukten, Trinkwasser
oder Innenraumluft vor und sind für einen großen Teil der Allergien
verantwortlich (Weißbuch Allergie in Deutschland, Kapitel 2: Umwelteinflüsse und
Allergene, Springer Medizin Verlag, 2018).
Das Umweltbundesamt führt Studien zur Ermittlung der Belastungssituation
der Bevölkerung mit Umweltschadstoffen durch. Die Deutsche Umweltstudie
zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (GerES V), die von 2014 bis
2017 durchgeführt wurde, sollte ein Bild der Belastung der Kinder und
Jugendlichen in Deutschland mit einer Auswahl an Umweltschadstoffen liefern
https://www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit/belastung-des-mensche
n-ermitteln/umwelt-survey/5-umwelt-survey-von-2013-bis-2016#ziele-der-st
udie. Im Rahmen dieser Studie wurden u. a. Urin- und Blutproben von
Kindern und Jugendlichen sowie Trinkwasser-, Hausstaub- und
Innenraumluftproben untersucht.
Die ersten Ergebnisse aus GerES V zeigen, dass Kinder und Jugendliche in
Deutschland mit einer Vielzahl von Umweltchemikalien belastet sind (UM-
NID 2/2019,
https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/403
1/publikationen/umid-02-19-deutsche-umweltstudie-zur_gesundheit-von_kind
Deutscher Bundestag Drucksache 19/23802
19. Wahlperiode 29.10.2020
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und
nukleare Sicherheit vom 28. Oktober 2020 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
ern_0.pdf). Zu den Chemikalien, die in Urinproben von Kindern und
Jugendlichen nachgewiesen wurden, gehören u. a. Metabolite des Duftstoffs Lilial
(
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S143846392030540X) und
der Konservierungsmittel Methylisothiazolinon (MI) und
Methylchlorisothiazolinon (MCI) (
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S143846392
0300870). Diese Substanzen zeigen allergieauslösende Wirkung bzw. stehen
im Verdacht, möglicherweise die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen.
Auf europäischer Ebene gibt es das Forschungsprojekt zum Human-
Biomonitoring (HBM4EU), das von der EU-Kommission im Rahmen des
Förderprogramms „Horizon 2020“ gefördert wird und in dem sowohl die vorhandenen
Daten zu Belastung der Bevölkerung mit Umweltschadstoffen
zusammengeführt als auch gemeinsame Europäische Studien zu Belastung der
Bevölkerung mit Umweltschadstoffen initiiert werden.
Trotz der steigenden Zahlen allergischer Reaktionen bei Erwachsenen und
Kindern gibt es weder eine systematische Erfassung der Belastung der
Bevölkerung Deutschlands mit potenten Allergenen noch eine Ursachendiskussion
dieser Entwicklung. Obwohl der Kinder- und Jugendsurvey GerES V bereits
2017 abgeschlossen wurde, fehlen nach wie vor ein Abschlussbericht sowie
eine Auswertung der erhobenen Daten.
1. Auf welche Stoffe werden nach Kenntnis der Bundesregierung die
Kinder und Jugendliche im Rahmen von GerES V untersucht, und nach
welchen Kriterien wurden diese Chemikalien ausgewählt?
Die Kinder und Jugendlichen wurden in GerES V auf über 100
unterschiedliche Stoffe untersucht. Die Analysen erfolgten im Blut, Blutplasma und Urin.
Die Auswahl des Mediums sowie des Analytenspektrums zwischen
Ausgangssubstanz und deren Metaboliten hängt von den toxikokinetischen Eigenschaften
der untersuchten Substanz ab und wird im Rahmen der Voruntersuchungen
festgelegt. Die detaillierte Auflistung der untersuchten Ausgangsstoffe ist in
Anlage 1 beigefügt.*
Für die Auswahl der Stoffe wurden verschiedene Kriterien angewendet, etwa
die Nachverfolgung besonders hoher, in GerES IV (2003 bis 2006)
beobachteter Belastungen von Kindern, die Überprüfung des Erfolgs regulatorischer
Maßnahmen, zum internationalen Vergleich und ein behördlicher
Beratungsbedarf. Alle Stoffe wurden aufgrund ihrer besonderen Gesundheitsrelevanz und
einer vermuteten hohen Exposition der allgemeinen Bevölkerung ausgewählt
bzw. zur Überprüfung der Annahme, dass in Deutschland keine Belastung
vorliegt. Produktionsmengen, Aufkommen, Verwendung und Verbreitung wurden
dabei zur Expositionsabschätzung herangezogen. Voraussetzung für die
Untersuchung ist jeweils die Verfügbarkeit einer geeigneten qualitätsgesicherten
Analysemethode.
2. Welche der in der Kosmetikverordnung (EU-Kosmetikverordnung
Nummer 1223/2009) und in der Verordnung über die Sicherheit von
Spielzeug (Richtlinie 2009/48/EG) regulierten allergenen Stoffe bzw. deren
Abbaustoffe werden nach Kenntnis der Bundesregierung im Rahmen von
GerES V untersucht?
In Rahmen von GerES V werden folgende allergene Stoffe, die in der
Spielzeugrichtlinie oder Kosmetikverordnung reguliert sind, untersucht: Acrylamid,
Methylisothiazolinon, 2-Mercaptobenzothiazol, Dicyclohexylphthalat (DCHP)
und Bisphenol A. Eine detaillierte Auflistung ist in der Anlage 2 beigefügt.*
* Von einer Drucklegung der Anlage wird abgesehen. Diese ist auf Bundestagsdrucksache 19/23802 auf der Internetseite
des Deutschen Bundestages abrufbar.
3. Für welche weiteren Stoffe, die im Rahmen von GerES V untersucht
wurden, besteht nach Kenntnis der Bundesregierung der Verdacht, dass
diese Allergien auslösen können bzw. im Verdacht stehen,
möglicherweise später die Fruchtbarkeit von Kindern und Jugendlichen zu
beeinträchtigen?
Ein Verdacht auf allergene Wirkungen besteht für die folgenden, in GerES V
untersuchten Stoffe: Lysmeral, Methylchlorisothiazolinon, Chrom, DnOP,
Parabene und Benzophenone. Über die Hälfte der untersuchten Stoffe ist als
reprotoxisch eingestuft oder steht unter Verdacht, reprotoxische oder hormonelle
Wirkungen zu besitzen. Eine detaillierte Auflistung ist in der Anlage 1
beigefügt.*
4. Welche Belastung mit den in den Fragen 2 und 3 erfragten Stoffen wurde
im Rahmen von GerES V gemessen (bitte detailliert nach Geschlecht
und Alter der Kinder und Jugendlichen und nach Duftstoffsubstanz
aufschlüsseln und angeben, ob es sozioökonomische Unterschiede bei der
Belastung mit allergenen Duftstoffen gibt, dabei bitte entsprechende
Ergebnisse nach Stoffen und Gruppe differenzieren)?
In GerES V wurde nur ein allergener Duftstoff untersucht. Der Duftstoff
Butylphenyl Methylpropional (Handelsnamen unter anderen Lysmeral, Lilial) wurde
in GerES V im Urin der Kinder und Jugendlichen analysiert. Die gemessenen
Belastungen (geometrische Mittelwerte) sind, nach Alter und Geschlecht
aufgeschlüsselt, für die einzelnen Metabolite in folgender Tabelle 1 aufgeführt.
Tabelle 1: Konzentration der vier gemessenen Lysmeral-Abbauprodukte
(Metaboliten) im Urin der Kinder und Jugendlichen in GerES V in µg/L.
tert-
Butylbenzoesäure
Lysmerol Lysmerylsäure
Hydroxylysmerylsäure
Geschlecht
Jungen 9,3 1,4 < BG < BG
Mädchen 11,3 1,6 < BG < BG
Lebensalter
3 bis 5 Jahre 11,3 1,3 < BG < BG
6 bis 10 Jahre 9,4 1,4 < BG < BG
11 bis 13 Jahre 9,6 1,5 < BG < BG
14 bis 17 Jahre 11,0 1,9 0,2 < BG
Anteil Proben ≥ BG 100 % 99 % 40 % 23 %
Die Gehalte für zwei dieser Abbauprodukte – Lysmerylsäure und
Hydroxylysmerylsäure – lagen in fast allen Altersgruppen unterhalb der
Bestimmungsgrenze (BG). Für tert-Butylbenzoesäure, Lysmerol und Lysmerylsäure wurden
signifikant höhere Konzentrationen in Teilnehmenden mit niedrigem
sozioökonomischem Status nachgewiesen.
Die Angaben für weitere, nachweislich oder unter Verdacht stehende, allergene
und reprotoxische Stoffe, thematisiert in den Fragen 2 und 3, aber ohne
Anwendung als Duftstoffe sind in der Anlage 2 beigefügt.*
* Von einer Drucklegung der Anlage wird abgesehen. Diese ist auf Bundestagsdrucksache 19/23802 auf der Internetseite
des Deutschen Bundestages abrufbar.
5. Welche Quellen sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Ursachen
für die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit den in den Fragen 2
und 3 erfragten allergenen Stoffen (bitte nach Stoffgruppen und
Produkten aufschlüsseln)?
In Rahmen der deskriptiven Auswertung der GerES V-Daten werden
Zusammenhänge zwischen den gemessenen Konzentrationen der Stoffe im Blut oder
Urin der Teilnehmenden und potenztiellen Expositionsquellen ermittelt. Zu den
Expositionsquellen von Lysmeral wird auf die Antwort zu Frage 9 verwiesen.
Für Acrylamid ist Tabakrauch die wichtigste Expositionsquelle; darüber hinaus
kann der Verzehr von gebackenen/gebratenen bzw. frittierten, stärkehaltigen
Lebensmitteln (zum Beispiel Pommes Frites, Kartoffelchips) mit einer erhöhten
Acrylamid-Belastung einhergehen, wenn die Vorschriften zur Herstellung nicht
eingehalten werden. Für die Stoffe Methylchlorisothiazolinon,
Methylisothiazolinon, 2-Mercaptobenzothiazol, DCHP und DnOP konnten keine
Expositionsquellen identifiziert werden. Die Auswertungen der Daten zu Bisphenol A,
Benzophenonen, Parabenen und Chrom sind noch nicht abgeschlossen.
Im Übrigen wird auf die Anlage 3 verwiesen.*
6. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Belastung der im
Rahmen von GerES V untersuchten Kinder und Jugendlichen mit
allergenen Konservierungsstoffen wie Methylchlorisothiazolinon und
Methylisothiazolinon bzw. deren Metabolite (bitte nach Alter und Geschlecht
der Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer aufschlüsseln)?
Die Belastung mit Methylchlorisothiazolinon und Methylisothiazolinon wurde
anhand des Metaboliten N-Methylmalonsäure (NMMA) ermittelt. Die
gemessenen Belastungen (geometrische Mittelwerte) sind nach Alter und Geschlecht
aufgeschlüsselt in folgender Tabelle dargelegt und detailliert veröffentlicht:
https://doi.org/10.1016/j.ijheh.2020.113511.
Tabelle 2: Konzentration von N-Methylmalonsäure (NMMA) im Urin von
Kindern und Jugendlichen in GerES V in µg/L.
N-Methylmalonsäure
Geschlecht
Jungen 6,4
Mädchen 6,0
Lebensalter
3 bis 5 Jahre 6,3
6 bis 10 Jahre 6,3
11 bis 13 Jahre 6,4
14 bis 17 Jahre 6,0
Anteil Proben ≥ BG 100 %
* Von einer Drucklegung der Anlage wird abgesehen. Diese ist auf Bundestagsdrucksache 19/23802 auf der Internetseite
des Deutschen Bundestages abrufbar.
7. Welche Quellen sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Ursachen
für die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit
Methylchlorisothiazolinon und Methylisothiazolinon bzw. deren Metabolite (bitte nach
Stoffgruppen und Produkten aufschlüsseln und eventuell, ob bei den
Studienteilnehmern sozioökonomische Unterschiede beobachtet wurden)?
In den bisherigen Auswertungen der GerES V-Daten konnten keine Quellen für
die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit Methylchlorisothiazolinon und
Methylisothiazolinon identifiziert werden. Die Belastung ist ubiquitär, das
heißt, dass der Metabolit N-Methylmalonsäure dieses allergieauslösenden
Stoffes in fast allen Teilnehmenden gefunden wurde. In Teilnehmenden mit hohem
sozioökonomischem Status wurde im Mittel eine leicht höhere Belastung
gefunden als bei Teilnehmenden mit niedrigem sozioökonomischem Status.
Im Übrigen wird auf die Anlage 3 verwiesen.*
8. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Belastung der im
Rahmen von GerES V untersuchten Kinder und Jugendlichen mit Lilial
bzw. dessen Metabolite (bitte nach Alter und Geschlecht der
Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer aufschlüsseln)?
Zu den Konzentrationen von Lilial und dessen Metaboliten wird auf die
Antwort zu Frage 4, Tabelle 1 verwiesen. Die deskriptiven Analysen sind
veröffentlicht:
https://doi.org/10.1016/j.ijheh.2020.113594.
9. Welche Quellen sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Ursachen
für die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit Lilial bzw. dessen
Metabolite (bitt nach Stoffgruppen und Produktene aufschlüsseln und
eventuell, ob bei den Studienteilnehmern sozioökonomische
Unterschiede beobachtet wurden)?
In Rahmen der deskriptiven Analyse der GerES V-Daten wurden
Zusammenhänge zwischen der körperlichen Belastung mit Lilial und potenziellen
Expositionsquellen festgestellt. Es lässt sich insbesondere die Nutzung von Parfüm als
Quelle einer Belastung mit Lilial ableiten. Darüber hinaus wurde ein
Zusammenhang zwischen der Nutzung von Weichspüler, Duft- und Aromastoffen,
Raumspray oder Körperpflegeprodukten und der Belastung mit Lilial gefunden.
Vertiefende, multivariate Untersuchungen werden derzeit im Rahmen des
Projekts „Integration von Geschlecht in die Forschung zu umweltbezogener
Gesundheit“ durchgeführt. Die Analysen werden voraussichtlich im Jahr 2021
abgeschlossen.
10. Wie wird nach Einschätzung der Bundesregierung das allergene Potential
von Lilial, Methylchlorisothiazolinon und Methylisothiazolinon im
Hinblick auf mögliche Cocktaileffekte bewertet (bitte detailliert begründen)?
Bei Bioziden und Pflanzenschutzmitteln wird ein harmonisiertes EU-weites
Vorgehen bei der Bewertung des allergenen Potenzials von Isothiazolinonen
gefordert. Die derzeitige Herangehensweise bei der Einstufung basiert auf der
Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 über die Einstufung, Kennzeichnung und
Verpackung von Stoffen und Gemischen.
Aufgrund der Spezifität der Immunreaktion ist für sensibilisierende Stoffe mit
unterschiedlicher chemischer Struktur nicht automatisch ein „Cocktaileffekt“
* Von einer Drucklegung der Anlage wird abgesehen. Diese ist auf Bundestagsdrucksache 19/23802 auf der Internetseite
des Deutschen Bundestages abrufbar.
zu unterstellen. Daher werden beim allergenen Potential i. d. R. die
Einzelsubstanzen für die Einstufung herangezogen. Für Mischungen strukturell ähnlicher
Stoffe können aber vom Ausschuss für Risikobewertung (RAC) der
Europäischen Chemikalienagentur spezifische Konzentrationsgrenzwerte abgeleitet
werden. So hat beispielsweise die Mischung von Chlormethylisothiazolinon
mit Methylisothiazolinon (3:1-Gemisch) einen spezifischen
Konzentrationsgrenzwert, der bei der Bewertung bereits heute berücksichtigt wird. Bei einer
gleichzeitigen Exposition gegenüber verschiedenen Allergenen aus einer
Substanzklasse ist zu berücksichtigen, dass diese ggf. unterschiedlich starke
Wirkpotenzen aufweisen.
11. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zu gesundheitlichen
Risiken durch Mehrfachbelastung der Kinder und Jugendlichen mit
allergenen und weiteren toxischen Substanzen vor (bitte detailliert nach
Stoffgruppe und gesundheitlichen Risiken aufschlüsseln)?
Grundsätzlich ist ein schädliches Zusammenwirken mehrerer Stoffe dann
möglich, wenn diese über gleiche oder miteinander verknüpfte Wirkmechanismen
schädliche Wirkungen auf ein bestimmtes Zielorgan/-gewebe entfalten können.
Im Spezialfall der allergenen Wirkung kann es zu Kreuzreaktionen kommen,
bei denen Personen mit einer Allergie auf einen bestimmten Stoff auch auf
weitere Stoffe allergisch reagieren können.
Bei einem Teil der sensibilisierten Personen wurde eine Kreuzreaktivität auf
unterschiedliche Isothiazolinone festgestellt. Bei Personen, die gegenüber
Methylchlorisothiazolinon sensibilisiert sind, kann eine allergische Reaktion durch
Methylisothiazolinon hervorgerufen werden und umgekehrt. Weitere Daten zu
Mehrfachbelastungen liegen nicht vor.
Der Bundesregierung liegt derzeit keine allgemeine Auswertung zu möglichen
gesundheitlichen Risiken für Kinder aufgrund von Mehrfachbelastungen mit
gefährlichen Stoffen vor. Eine solche Auswertung würde eine umfassende
Datensammlung zur Exposition von Kindern über ein breites Spektrum von
Stoffen/Stoffgruppen und Expositionsquellen voraussetzen, die so nicht verfügbar
ist.
Die EU-Kommission hat in ihrer am 14. Oktober 2020 veröffentlichen
Chemikalienstrategie angekündigt, sich mit der Frage zu befassen, wie
Kombinationswirkungen systematischer berücksichtigt werden können. Eine Option besteht
nach ihrer Auffassung darin, einen sogenannten ‚mixture assessment factor‘
einzuführen.
12. Welche Maßnahmen sind nach Einschätzung der Bundesregierung
notwendig, um die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit
allergieauslösenden Stoffen langfristig zu reduzieren?
Zur Reduzierung der Belastungen müssen die Höhe der körperlichen Belastung
und möglichst auch ihre Quellen bekannt sein. Dazu tragen unter anderem die
GerES-Studien bei. Über das Vorkommen allergener Stoffe im menschlichen
Körper ist bisher noch wenig bekannt. Die Voraussetzung für Human-
Biomonitoring ist allerdings die Verfügbarkeit geeigneter Analysemethoden. Hierbei hat
das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
(BMU) ein weltweit einmaliges Programm im Rahmen einer Kooperation mit
dem Verband der Chemischen Industrie e. V. (VCI) ins Leben gerufen, in der
Analysemethoden für insgesamt 50 Substanzen entwickelt werden. Zu diesen
Stoffen gehören auch verschiedene Duftstoffe und andere Stoffe mit allergenem
Potenzial. Die ersten fertig gestellten und in internationalen Zeitschriften mit
Begutachtung veröffentlichten Methoden wurden bereits in GerES V und in der
Umweltprobenbank erfolgreich angewendet (zum Beispiel Lysmeral,
Isothiazolinone). Weitere Allergene (zum Beispiel Geraniol) werden in den nächsten
Erhebungen von GerES und retrospektiv in der Umweltprobenbank untersucht.
13. Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung bei den im Rahmen von
GerES V untersuchten Kindern und Jugendlichen auch die allergischen
Erkrankungen erfasst, und wenn ja, inwieweit gibt es eine Korrelation
zwischen der Belastung der Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer
mit den in den Fragen 2 und 3 efragten allergenen Stoffen und dem
Sensibilisierungsstatus bzw. akuten allergischen Erkrankungen (bitte nach
Stoffen und dem Typ der allergischen Erkrankung aufschlüsseln)?
GerES wird in enger Zusammenarbeit mit den Gesundheitsuntersuchungen des
Robert Koch-Instituts durchgeführt. Die Datensätze zum Gesundheitszustand
und zur körperlichen Belastung der Probandinnen und Probanden können daher
zusammengeführt und gemeinsam ausgewertet werden. Bisher sind diese
Zusammenhänge jedoch noch nicht in GerES V untersucht worden. Die
Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Allergien und der Verwendung
bestimmter Haushaltsprodukte und Eigenschaften der Wohnung und des
Lebensumfelds ist aber geplant. Die Auswertungen sollen im Jahr 2021 abgeschlossen
werden.
14. Inwieweit sind nach Einschätzung der Bundesregierung aus den
Ergebnissen der GerES IV und GerES V Trends in der Belastung der Kinder
und Jugendlichen mit den in den Fragen 2, 3, 6 und 8 erfragten
allergenen Stoffen erkennbar?
Im GerES V wurden erstmalig zahlreiche neue Methoden aus der BMU-VCI-
Kooperation angewendet. Diese Stoffe waren ausgewählt worden, weil die
Bundesoberbehörden Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR),
Umweltbundesamt (UBA) und Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
(BAuA) die Entwicklung von Analysemethoden für erforderlich hielten. Aus
diesem Grund liegen von den in den Fragen 2, 3, 6 und 8 erfragten Stoffen nur
für Bisphenol A Daten sowohl aus GerES IV und GerES V vor. In GerES V
konnte eine Reduktion der Belastung mit Bisphenol A um 26 Prozent
gegenüber GerES IV festgestellt werden. Die Belastung der 3- bis 5-jährigen Kinder
ist stärker zurückgegangen (Reduktion um 37 Prozent) als die der 14- bis 17-
jährigen Jugendlichen (Reduktion um 8 Prozent). Da es sich bei den GerES-
Studien um punktuelle Querschnittserfassungen handelt, können auf dieser
Grundlage keine belastbaren zeitlichen Trends erfasst werden. Für diesen
Zweck werden in der Umweltprobenbank retrospektiv Zeitreihen untersucht.
15. Wie bewertet die Bundesregierung die Wirksamkeit der 2017
eingeführten Regulierung von Methylchlorisothiazolinon und
Methylisothiazolinon in Kosmetika (bitte detailliert begründen)?
Bei der vorgenannten Regulierung von Methylchlorisothiazolinon und
Methylisothiazolinon handelt es sich um harmonisierte Vorschriften. Diese Stoffe
wurden im Rahmen der Verordnung (EU) 2017/1224 vom 6. Juli 2017 zur
Änderung des Anhangs V der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 vom 30. November
2009 des Europäischen Parlaments und des Rates über kosmetische Mittel (EU-
Kosmetikverordnung) geregelt. Gegenstand der Verordnung (EU) 2017/1224
ist die Änderung des Eintrags 57 zu Methylisothiazolinon in Anhang V der EU-
Kosmetikverordnung. Durch diese Änderung wird die zulässige
Höchstkonzentration reduziert. Die Verwendung von Methylisothiazolinon in einem
Gemisch mit Methylchlorisothiazolinon ist auch in Eintrag 39 des Anhangs V
geregelt. Die beiden Einträge schließen sich gegenseitig aus: Die Verwendung des
Gemisches von Methylchlorisothiazolinon und Methylisothiazolinon ist
inkompatibel mit der Verwendung von reinem Methylisothiazolinon in ein und
demselben Produkt. Seit dem 27. April 2018 dürfen nur kosmetische Mittel, die den
Bestimmungen der EU-Kosmetikverordnung in der wie beschrieben geänderten
Fassung entsprechen, auf dem Unionsmarkt bereitgestellt werden. Die
Bewertung der Wirksamkeit von EU-Recht und gegebenenfalls des Handlungsbedarfs
ist primär Angelegenheit der zuständigen Gremien auf EU-Ebene. Die
Bundesregierung sieht aktuell keinen Anlass, diesen Beratungs- und
Entscheidungsmechanismen auf EU-Ebene vorzugreifen. Für die Beurteilung der
Verkehrsfähigkeit sowie für die Kontrolle der Einhaltung der kosmetikrechtlichen
Vorschriften sind in Deutschland die Überwachungsbehörden der Länder
zuständig.
In Untersuchungen der Umweltprobenbank des Bundes zur körperlichen
Belastung der Studierenden zeigte sich, dass die mittlere Konzentration des
Metaboliten NMMA im Urin seit dem Jahr 2000 konstant ist, jedoch zeigte der
Zeittrend für das 95. Perzentil nach einem Anstieg zwischen den Jahren 2006 und
2011 einen relevanten Abfall in den folgenden Jahren.
Unabhängig davon hat der Informationsverbund Dermatologischer Kliniken
kürzlich die Auswertung der Patientendaten aus dem Zeitraum von den Jahren
2009 bis 2018 in Hinsicht auf Sensibilisierung der Arbeitnehmer mit
Methylisothiazolinonen veröffentlicht. Zwischen den Jahren 2013/2014 und 2018
konnte eine Abnahme der Sensibilisierung in Friseur- und Kosmetikberufen
beobachtet werden.
16. Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im Rahmen der
Trinkwassermessungen, der Hausstaubmessungen und der Messungen der
Innenraumluft auch die Belastungen dieser Umweltproben mit allergenen
Substanzen erfasst, wenn ja, wie stellt sich die Belastungssituation durch die
allergenen Stoffe dar, und wenn nein, warum wurden diese Messungen
nicht vorgenommen?
Die Hausstaub- und Raumluftuntersuchungen im Rahmen von GerES V
wurden mit dem Ziel durchgeführt, eine aktuelle und repräsentative Datenbasis zu
erhalten, um die Belastungssituation der deutschen Bevölkerung mit
Weichmachern, Flammschutzmitteln und synthetischen Duftstoffen beurteilen zu
können. Der Fokus der untersuchten Parameter lag hierbei nicht auf allergen
wirkenden Substanzen, sondern auf Substanzen, die überwiegend in Produkten
eingesetzt werden oder wurden. Von den analysierten Substanzen im Hausstaub
weisen nur der Weichmacher Phthalsäuredicyclohexylester (DCHP) sowie der
synthetische Moschusduft Iso E Super ein allergenes Potenzial auf. Die
Ergebnisse zeigen keine auffällige Belastung des Hausstaubes mit diesen
schwerflüchtigen Substanzen. DCHP konnte nur in 23 Prozent der untersuchten
Haushalte nachgewiesen werden und Iso E Super nur in 34 Prozent der Haushalte.
Für beide Substanzen lagen die 90. Perzentile nur wenig über der
Bestimmungsgrenze.
Die Untersuchung von Trinkwasserproben wird erst im Jahr 2021
abgeschlossen.
17. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Belastung der
Erwachsenen in Deutschland mit allergenen Stoffen im Sinne der Fragen 2,
3, 6 und 8 im Rahmen früherer GerES-Studien (bitte nach Stoff,
Geschlecht, Alter, sozioökonomischem Status aufschlüsseln)?
Es liegen keine aktuellen Daten vor. Die letzte Datenerhebung zu Erwachsenen
fand in GerES III (1997 bis 1999) statt. In GerES III wurden keine der in den
Fragen 2, 3, 6 oder 8 thematisierten Substanzen gemessen, da zum Zeitpunkt
der Untersuchung entsprechende analytische Methoden nicht zur Verfügung
standen. Die geeignete Methodik wird im Rahmen einer Kooperation mit dem
VCI stufenweise entwickelt. Die nächste Untersuchung der erwachsenen
Bevölkerung in Deutschland wird im Rahmen von GerES VI stattfinden. Die
Pilotphase der Studie wurde im Jahr 2020 erfolgreich abgeschlossen. Der Start
der Hauptphase musste, bedingt durch die Corona-Pandemie, auf das Jahr 2021
verschoben werden.
18. Wie sind nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil und die Höhe
der Belastung der Bevölkerung in Deutschland mit allergenen
Duftstoffen und Konservierungsstoffen im Vergleich zu anderen europäischen
Ländern (bitte ausführlich darlegen)?
Der Bundesregierung liegen hierzu keine Daten vor.
19. In welchen Mengen pro Jahr werden nach Information der
Bundesregierung die in den Fragen 2, 3, 6 und 8 erfragten Stoffe in den Verkehr
gebracht, und in welchen Alltagsprodukten kommen sie zum Einsatz (bitte
nach Stoffen differenziert aufschlüsseln)?
Die laut Homepage der Europäischen Chemikalienagentur ECHA verfügbaren
Herstellerangaben, bezogen auf den Wirtschaftsraum der Europäischen Union,
sind in Anlage 3 aufgelistet.*
20. Zu wann plant die Bundesregierung eine umfassende Veröffentlichung
der Ergebnisse von GerES V?
Aus Kapazitätsgründen können die in GerES erhobenen Daten nur sukzessive
ausgewertet werden. Der Schwerpunkt der Auswertungen lag bisher auf
Belastungen durch chemische Stoffe. Es sind bereits zehn Veröffentlichungen in
begutachteten Fachzeitschriften erschienen, die 13 Stoffe bzw. Stoffgruppen mit
bis zu 12 Einzelsubstanzen behandeln. Die deskriptive Auswertung der Daten
wird voraussichtlich bis ins Jahr 2021 andauern. Die vertiefte Auswertung der
Daten mit den Methoden der multivariaten Analyse mit dem Ziel der
Identifikation der Belastungsquellen und Einflussfaktoren wurde im Jahr 2020
begonnen (Lysmeral, PFAS) und wird sich in Abhängigkeit der vorhandenen
Personalkapazitäten über das Jahr 2021 hinaus ziehen. Bisher erschienene bzw. zur
Veröffentlichung angenommene Publikationen sind:
• Schwedler, G., Conrad, A., Rucic, E., Koch, H.M., Leng, G., Schulz, C.,
Schmied-Tobies, M.I.H., Kolossa-Gehring, M., 2019. Hexamoll® DINCH
and DPHP metabolites in urine of children and adolescents in Germany.
Human biomonitoring results of the German Environmental Survey GerES
V, 2014-2017. Int J Hyg Environ Health, 113397,
https://doi.org/10.1016/j.ij
heh.2019.09.004;
* Von einer Drucklegung der Anlage wird abgesehen. Diese ist auf Bundestagsdrucksache 19/23802 auf der Internetseite
des Deutschen Bundestages abrufbar.
• Bandow, N., Conrad, A., Kolossa-Gehring, M., Murawski, A., Sawal, G.,
2020. Polychlorinated biphenyls (PCB) and organochlorine pesticides
(OCP) in blood plasma – Results of the German environmental survey for
children and adolescents 2014–2017 (GerES V). International Journal of
Hygiene and Environmental Health 224,
https://doi.org/10.1016/j.ijheh.201
9.113426;
• Duffek, A., Conrad, A., Kolossa-Gehring, M., Lange, R., Rucic, E., Schulte,
C., Wellmitz, J., 2020. Per- and polyfluoroalkyl substances in blood plasma
– Results of the German Environmental Survey for children and adolescents
2014-2017 (GerES V). Int J Hyg Environ Health 228, 113549,
https://doi.or
g/10.1016/j.ijheh.2020.113549;
• Murawski, A., Fiedler, N., Schmied-Tobies, M.I.H., Rucic, E., Schwedler,
G., Stoeckelhuber, M., Scherer, G., Pluym, N., Scherer, M., Kolossa-
Gehring, M., 2020. Metabolites of the fragrance 2-(4-
tertbutylbenzyl)propionaldehyde (lysmeral) in urine of children and
adolescents in Germany – Human biomonitoring results of the German
Environmental Survey 2014-2017 (GerES V). Int J Hyg Environ Health 229,
113594,
https://doi.org/10.1016/j.ijheh.2020.113594;
• Murawski, A., Roth, A., Schwedler, G., Schmied-Tobies, M.I.H., Rucic, E.,
Pluym, N., Scherer, M., Scherer, G., Conrad, A., Kolossa-Gehring, M.,
2020. Polycyclic aromatic hydrocarbons (PAH) in urine of children and
adolescents in Germany – human biomonitoring results of the German
Environmental Survey 2014–2017 (GerES V). International Journal of
Hygiene and Environmental Health 226,
https://doi.org/10.1016/j.ijheh.2020.11
3491;
• Murawski, A., Schmied-Tobies, M.I.H., Rucic, E., Schettgen, T., Bertram,
J., Conrad, A., Kolossa-Gehring, M., 2020. The methylisothiazolinone and
methylchloroisothiazolinone metabolite N-methylmalonamic acid (NMMA)
in urine of children and adolescents in Germany – Human biomonitoring
results of the German Environmental Survey 2014–2017 (GerES V).
International Journal of Hygiene and Environmental Health 227, 113511,
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(accepted).
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ISSN 0722-8333]