[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Andrew Ullmann, Michael Theurer,
Grigorios Aggelidis, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/30065 –
Die Rolle der Gesundheitskompetenz in gesundheitlichen Krisen
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Gesundheitskompetenz, englisch „Health Literacy“, ist die Fähigkeit,
relevante Gesundheitsinformationen beschaffen, einschätzen und anwenden zu
können – eine unerlässliche Kompetenz, um als Patient in einem zunehmend an
Komplexität gewinnenden Gesundheitssystem informierte Entscheidungen
treffen zu können (
https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/nationaler-aktion
splan-gesundheitskompetenz). Hierbei geht es nicht nur um Lese- und
Schreibfähigkeit, sondern auch um Wissen, Motivation und Kompetenzen, um
sich im Alltag über das Gesundheitswesen, die Krankheitsprävention und die
Gesundheitsförderung eine Meinung zu bilden und Entscheidungen zu treffen,
die die Lebensqualität im Lebensverlauf erhalten oder verbessern. Das
Ausmaß von Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung ist jedoch nicht nur von
individuellen Voraussetzungen und erworbenen Kompetenzen abhängig,
sondern wesentlich auch von der fachlichen Qualität und Verfügbarkeit der
bereitgestellten Informationen (
https://www.rki.de/DE/Content/GesundAZ/G/Gesun
dheitskompetenz/Gesundheitskompetenz_node.html). Aus der im Januar 2021
erschienenen zweiten Health Literacy Survey Germany (HLS-GER 2), einer
aktuellen Studie des interdisziplinären Zentrums für
Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld, geht hervor, dass sich die
Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung im Vergleich zu 2014
insgesamt während der vergangenen sechs Jahre in allen Altersgruppen
verschlechtert hat (
https://www.uni-bielefeld.de/(de)/erziehungswissenschaft/izgk/HLS-
Ger2_.html).
Die Folgen einer geringen Gesundheitskompetenz erweisen sich als
schwerwiegend. So haben Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz einen
schlechteren selbst eingeschätzten Gesundheitszustand, bewegen sich weniger
und ernähren sich ungesünder als Befragte mit einer hohen
Gesundheitskompetenz. Bevölkerungsgruppen mit einer geringen Gesundheitskompetenz
fallen außerdem durch eine überdurchschnittlich häufige Nutzung des
Gesundheitssystems auf. Eine geringe Gesundheitskompetenz führt zu vermeidbaren
Gesundheitsausgaben und Beanspruchungen der Ressourcen und Kapazitäten
des Gesundheitssystems (
https://www.nap-gesundheitskompetenz.de/2021/01/
07/hls-ger-1-folgeerhebung-2020/). Unzureichende oder problematische
Gesundheitskompetenz steht in einem Zusammenhang mit riskanterem
Verhalten, schlechterer Gesundheit, weniger Selbstmanagement sowie mehr Kran-
Deutscher Bundestag Drucksache 19/30814
19. Wahlperiode 18.06.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit vom 16. Juni 2021
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
kenhauseinweisungen und höheren Kosten. Erwiesenermaßen stärkt
Gesundheitskompetenz die Widerstandsfähigkeit der einzelnen Person und der
Gemeinschaft, trägt zu gesundheitlicher Chancengleichheit bei und verbessert die
Gesundheit sowie das Wohlbefinden (
https://www.aok-bv.de/imperia/md/aokb
v/gesundheitskompetenz/who_health_literacy_fakten_deutsch.pdf). Mit
steigender Lebenserwartung der Bevölkerung, der Zunahme chronischer
Erkrankungen, einem sich wandelnden Verhältnis zwischen Behandler und Patient,
zunehmender Komplexität des Gesundheitssystems, wachsender sozialer und
ökonomischer Ungleichheit, kultureller Diversifizierung der Gesellschaft und
einer zunehmenden Flut an gesundheitsbezogenen Informationen wird es
immer wichtiger, dass Gesundheitsinformationen zielgenau und verständlich
zugänglich zu machen, um die Gesundheitskompetenz der Gesellschaft
insgesamt zu stärken (
https://www.nap-gesundheitskompetenz.de/gesundheitskomp
etenz/herausforderungen/).
Doch Gesundheitskompetenz ist nicht nur für die Gesundheit des Einzelnen,
sondern auch für das Gesundheitssystem insgesamt von Bedeutung. Eine
geringe Gesundheitskompetenz bleibt für die Betroffenen wie auch für die
Gesellschaft nicht ohne Folgen. Laut der WHO führt eine geringe
Gesundheitskompetenz zu „reduzierte(r) Teilnahme an gesundheitsförderlichen Aktivitäten
und solchen zur Feststellung von Erkrankungen, risikoreicheren
gesundheitsbezogenen Entscheidungen (wie höheren Raucherquoten), mehr
Arbeitsunfällen, suboptimalem Management chronischer Erkrankungen (wie Diabetes,
HIV-Infektion und Asthma), geringer Therapiemotivation, mehr
Klinikeinweisungen mit „Drehtür-Effekten“, höherer Morbidität und mehr vorzeitigen
Sterbefällen“ (
https://www.aok-bv.de/imperia/md/aokbv/gesundheitskompetenz/w
ho_health_literacy_fakten_deutsch.pdf/;
https://www.nap-gesundheitskompete
nz.de/gesundheitskompetenz/warum-ist-gesundheitskompetenz-wichtig/).
In der Prävention von Infektionen mit dem Coronavirus und der Vorbeugung
einer weiteren Ausbreitung des Virus ist die individuelle und gesellschaftliche
Gesundheitskompetenz von zentraler und akuter Bedeutung. Aus einer
Trendstudie zur coronaspezifischen Gesundheitskompetenz aus dem Jahr 2020 geht
hervor, dass etwas mehr als ein Drittel der Bevölkerung über eine geringe
coronaspezifische Gesundheitskompetenz verfügt. Personen mit einer geringeren
Gesundheitskompetenz verhalten sich weniger präventiv, zweifeln an der
Wirksamkeit der AHA-Regeln für den Infektionsschutz und haben deutlich
häufiger eine negative Einstellung zum Impfen bzw. eine geringere
Bereitschaft, sich impfen zu lassen. Der Anteil der sehr schlecht über die Pandemie
Informierten hat im Vergleich zu den beiden ersten Erhebungen im Jahr 2020
signifikant zugenommen. Häufig sind es Personen mit niedrigen
Bildungsabschlüssen und auch ältere Menschen die eine negative Einstellung gegenüber
der SARS-CoV-2-Schutzimpfung haben (
https://pub.uni-bielefeld.de/downloa
d/2950307/2951265/HLS-COVID-19_Bericht2Welle.final.pdf). Das Finden,
Verstehen und die kritische Bewertung von Gesundheitsinformationen sowie
die Überführung dieser Informationen in alltägliche Praktiken und
Verhaltensweisen nehmen eine zentrale Rolle ein. Daher ist die Gesundheitskompetenz
in der Corona-Krise von besonderer Relevanz für den Infektionsschutz
(
https://pub.uni-bielefeld.de/download/2950307/2951265/HLS-COVID-19_B
ericht_2_Welle.final.pdf). Diese Befunde sind mit Blick auf die
gegenwärtigen Herausforderungen bei der Eindämmung der Corona-Pandemie äußerst
relevant.
Forschungsbefunde zeigen auch, dass öffentliche
Gesundheitsinformationsplattformen im Vergleich zu kommerziellen Medienangeboten bislang leider
weniger Aufmerksamkeit und Attraktivität erzeugt haben. Sie stehen letztlich
in Konkurrenz zu Social Media & Co. Das Bewerten von Medien und
Onlineinformationen bereitet fast 50 Prozent der Bevölkerung sehr große Probleme.
Bedenkt man, dass Gesundheitskompetenz ja zu einem Großteil das Bewerten
und kritische Denken umfasst und gleichzeitig das Aufkommen von
Fehlinformationen in allen Medienkanälen stark ansteigt, dann ist das nach Ansicht der
Fragesteller ein hochproblematisches Ergebnis (
https://www.bvpgblog.de/blo
g/die-corona-pandemie-hat-die-gesundheitskompetenz-deutlich-gesteigert/).
Bürgerinnen und Bürger sind auf effektive Kommunikation,
Wissensvermittlung und Aufklärung sowie vertrauenswürdige Gesundheitsinformation zu
Themen wie Infektionsschutzmaßnahmen, Übertragungswege,
Ansteckungsgefahren, Symptome, Impfstoffe, Behandlungen und Risikobewertungen
durch Behörden und das Gesundheitssystem angewiesen. Daher ist die
(barrierefreie) Bereitstellung von Informationen zum Coronavirus SARS-CoV-2 und
der Lungenkrankheit COVID-19 von hoher Bedeutung (
https://www.uni-biele
feld.de/erziehungswissenschaft/izgk/downloads/IZGK_Brief-03_20.pdf).
Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag vereinbart, „die
Gesundheitskompetenz der Bevölkerung und die Prävention in allen Lebensbereichen
deutlich [zu] stärken“ (Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage
auf Bundestagsdrucksache 19/13196). Eine Expertengruppe hat nach einer
Problemanalyse der Situation in Deutschland wichtige Handlungsziele
identifiziert und entsprechende Aufgaben und Strategien formuliert, mit denen die
Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung verbessert werden kann.
Der Nationale Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) wurde am
19. Februar 2018 in Berlin vorgestellt (
https://www.bosch-stiftung.de/de/proje
kt/nationaler-aktionsplan-gesundheitskompetenz). Er benennt vier
Handlungsfelder und formuliert dazu 15 konkrete Empfehlungen, um die
Gesundheitskompetenz in Deutschland gezielt zu fördern und zu stärken (
https://www.na
p-gesundheitskompetenz.de/). Gegenwärtig befindet sich der Aktionsplan in
der zweiten Phase – die Phase der Implementation der Empfehlungen. (https://
www.bvpgblog.de/blog/die-corona-pandemie-hat-die-
gesundheitskompetenzdeutlich-gesteigert/). Im September 2020 wurde zudem das Nationale
Gesundheitsportal des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) (
https://gesund.bu
nd.de/) freigeschaltet. Über dieses Portal sollen Nutzern „[v]erständliche,
zuverlässige und werbefreie Gesundheitsinformationen“ zur Verfügung gestellt
werden. Zu diesem Zweck hält gesund.bund.de wichtige Informationen zu
Gesundheitsthemen, Krankheitsbildern und Behandlungsmöglichkeiten bereit,
die auf ausgewählten wissenschaftlichen und evidenzbasierten Quellen
beruhen. Beispielsweise werden zu Themen wie Krankheitsbilder, medizinische
Angebote zur Vorbeugung, Diagnostik und Behandlung oder auch Leistungen
der Kranken- und Pflegeversicherungen oder Patientenrechte bereitgestellt
(
https://gesund.bund.de/ueber-uns/ueber-gesund-bund-de).
Deutschland ist Mitglied des WHO (Weltgesundheitsorganisation)-“Action
Network on Measuring Population and Organizational Health Literacy“
(M-POHL). Im Rahmen dieses Netzwerks möchte Deutschland u. a. zur
Weiterentwicklung der Forschung über Gesundheitskompetenz in Europa
beitragen. Dazu soll eine empirische Datenbasis für eine evidenzbasierte
Gesundheitskompetenzpolitik in den teilnehmenden Ländern geschaffen und eine
Grundlage für die Interventionsentwicklung bereitgestellt werden (
https://ww
w.uni-bielefeld.de/erziehungswissenschaft/izgk/HLS19.html). Das M-POHL-
Netzwerk wurde im Februar 2018 unter dem Dach der Health Information
Initiative (EHII) der WHO Europa mit der Verabschiedung der Wiener Erklärung
zur Messung der Gesundheitskompetenz in Europa gegründet. Als Mitglied in
diesem Netzwerk beteiligt sich Deutschland mit einer wissenschaftlichen und
einer politischen Vertretung (
https://www.uni-bielefeld.de/erziehungswissensc
haft/izgk/health_literacy_deutschland_2.html).
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Gesundheitskompetenz ist ein wichtiger Schlüssel für die Gesundheit und das
menschliche Wohlbefinden. Die Fähigkeit, gesundheitsrelevante Informationen
zu suchen, zu finden, zu beurteilen und für die eigene Situation nutzen zu
können, ist eine grundlegende Voraussetzung für einen gesunden Lebensstil und
ein hohes Maß an Lebensqualität. Gesundheitskompetenz ist zudem von
zentraler Bedeutung, damit sich Bürgerinnen und Bürger im Gesundheitswesen
zurechtfinden können und wissen, wo und wie sie sowohl Angebote der
Prävention und Gesundheitsförderung als auch schnelle und professionelle Hilfe im
Krankheitsfall finden können. Gesundheitskompetenz hat darüber hinaus vor
allem auch eine soziale und institutionelle Dimension. Gerade Menschen mit
geringer Gesundheitskompetenz brauchen ein gesundheitskompetentes
Gesundheitssystem und gesundheitskompetente Organisationen und Einrichtungen, die
ihnen die notwendige Unterstützung bieten, um sich gesund zu erhalten,
informierte Entscheidungen zu treffen und Unterstützung bei den richtigen
Institutionen erhalten zu können. Gesundheitskompetenz ist damit zugleich wichtig für
die gesellschaftliche Teilhabe und für den sozialen Zusammenhalt in der
Gesellschaft.
Die Bundesregierung sieht die Stärkung der Gesundheitskompetenz deshalb als
eine fortdauernde wichtige politische und gesamtgesellschaftliche Aufgabe an.
Zusammen mit den Spitzen der Selbstverwaltung des deutschen
Gesundheitswesens hat das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) bereits im Jahr 2017
die „Allianz für Gesundheitskompetenz“ ins Leben gerufen. Seit der Gründung
der Allianz sind heute neben dem BMG, der Gesundheitsministerkonferenz der
Länder (GMK) und der Patientenbeauftragten sowie dem
Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung 14 Spitzenorganisationen der Selbstverwaltung des
deutschen Gesundheitswesens Partner der Allianz. Die Partner haben ihre
Projekte und Initiativen im Februar 2020 in einer Fachtagung zum Thema
„Gesundheitskompetenz im digitalen Zeitalter“ in Berlin der Öffentlichkeit
vorgestellt. Vier Handlungsfelder sind für die Arbeit der Allianz von besonderer
Bedeutung: Digitale Gesundheitskompetenz, Gesundheitskompetenz vulnerabler
Bevölkerungsgruppen, Gesundheitskompetente Kommunikation zwischen den
Professionen des Gesundheitswesens und den Patientinnen und Patienten sowie
Gesundheitskompetenz in den Organisationen des Gesundheitswesens.
Um die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu stärken, hat das BMG
im September 2020 das Nationale Gesundheitsportal (
www.gesund.bund.de)
gestartet, auf dem alle Bürgerinnen und Bürger wissenschaftlich fundierte,
neutrale sowie allgemein verständliche Informationen zu ausgewählten
Gesundheits- und Pflegethemen abrufen können. Darüber hinaus unterstützt das
Portal „Migration und Gesundheit“ des BMG Migrantinnen und Migranten
dabei, sich mit dem Gesundheitswesen vertraut zu machen. Hier werden
zahlreiche bereits in mehreren Sprachfassungen vorhandene Broschüren und
Informationsmaterialien, die über das Gesundheitswesen in Deutschland, die
Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung sowie das Thema Sucht und Drogen
informieren, gebündelt zur Verfügung gestellt. Das Portal wird ständig
aktualisiert und erweitert. Um insbesondere die digitale Gesundheitskompetenz zu
stärken, hat die Bundesregierung zudem die gesetzlichen Krankenkassen dazu
verpflichtet, ihren Mitgliedern Angebote zur Förderung der digitalen
Gesundheitskompetenz zu machen. Das BMG hat außerdem praxisorientierte
Forschungsprojekte zur Stärkung der Gesundheitskompetenz auf den Weg
gebracht. Zu den Schwerpunkten gehören die Gesundheitskompetenz im
Krankenhaus, in der Schule sowie bei Menschen mit besonderem
Unterstützungsbedarf und die Gesundheitskompetenz der Einrichtungen und Institutionen, die
sowohl die Nutzung und Navigation im Gesundheitssystem erleichtert als auch
die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verbessert.
Schließlich unterstützt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
(BZgA) die Bevölkerung durch vielfältige Maßnahmen darin, Informationen
zur Gesundheiterhaltung und Krankheitsbewältigung zu finden, zu verstehen
und anzuwenden. In den zahlreichen Angeboten enthalten sind Informationen
über Gesundheitsrisiken und gesundheitsfördernde Einflüsse sowie
Anregungen und konkrete Hilfen zur Umsetzung eines gesundheitsförderlichen
Verhaltens. Wesentliche Kriterien zur Überprüfung der Qualität und Wirksamkeit
dieser Angebote sind, dass sie leicht auffindbar, verständlich, gut einzuordnen und
als Entscheidungsgrundlage geeignet sind.
1. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die
Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland seit 2014 entwickelt (bitte nach
Jahren und Altersgruppen aufschlüsseln)?
Welche Konsequenzen zieht sie daraus?
Das BMG hat zwei repräsentative Studien zur Gesundheitskompetenz und
Corona-bezogenen Gesundheitskompetenz in Deutschland („Health-Literacy
Survey GER 2“ und „Health Literacy Survey-Corona“) gefördert, um sowohl
die langfristige Entwicklung der Gesundheitskompetenz in Deutschland als
auch die kurzfristige Entwicklung im Rahmen der COVID-19-Pandemie im
Hinblick auf die künftige Förderung der Gesundheitskompetenz genauer
analysieren zu können. Es zeigt sich, dass vergleichende Aussagen zur Entwicklung
der Gesundheitskompetenz über den Zeitraum der letzten sieben Jahre auf
Grundlage der vorliegenden wissenschaftlichen Erhebungen nur schwer zu
treffen sind: Dies liegt an den unterschiedlichen Befragungs- bzw.
Erhebungsmethoden der vorhandenen Studien HLS-GER 1 und 2. Diese methodisch
unterschiedlichen Vorgehensweisen können die Ergebnisse einer Befragung zur
Gesundheitskompetenz beeinflussen und führen dazu, dass die Vergleichbarkeit
der Daten nicht unmittelbar gegeben ist.
Trotz dieser methodischen Veränderungen zeigen die Ergebnisse der zentralen
Studien zur Gesundheitskompetenz aus den letzten Jahren, dass seit 2014 für
etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine niedrige oder eher niedrige
selbsteingeschätzte allgemeine Gesundheitskompetenz festzustellen ist: Wie die
Studie HLS-GER 2 dokumentiert, verfügten 2019 58,8 Prozent der Menschen
hierzulande über eine eingeschränkte oder geringe Gesundheitskompetenz.
Diese Ergebnisse weisen auf einen Bedarf zur Förderung der
Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung hin.
2. Wie ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Gesundheitskompetenz
der Bevölkerung in Deutschland im europäischen Vergleich?
Wie hat sich die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland
im europäischen Vergleich seit 2012 entwickelt (bitte nach jeweiligen
europäischen Mitgliedstaaten aufschlüsseln)?
Aktuelle vergleichende Daten zur Gesundheitskompetenz im europäischen
Kontext soll der internationale Health Literacy-Survey (HLS19) liefern, der ein
Projekt des „WHO Action Network on Measuring Population and
Organizational Health Literacy (M-POHL)“ ist. An ihm nehmen 17 Länder teil. Die
Datenerhebung ist abgeschlossen, die Ergebnisse sind im Spätherbst/Winter 2021 zu
erwarten. Ältere vergleichende Daten liegen bislang nicht für Deutschland
insgesamt vor, sondern nur für das Bundesland Nordrhein-Westfalen (siehe The
European Health Literacy Project 2009-2012 (HLS-EU) 2011).
3. Wie beurteilt die Bundesregierung, dass sich die Gesundheitskompetenz
der Bevölkerung in Deutschland der aktuellen Health Literacy Survey
Germany zufolge verschlechtert hat, und welche Konsequenzen zieht sie
daraus?
Die Gesundheitskompetenz hat sich in Deutschland gemäß der HLS-GER-2-
Studie graduell verschlechtert. Dabei zeigt sich, dass insbesondere vulnerable
Gruppen – z. B. Menschen mit einem niedrigen Bildungsstand, geringem
sozialen Status, ältere Menschen, Menschen mit Einwanderungsgeschichte sowie
Menschen mit mehreren chronischen Krankheiten – vor Problemen stehen,
wenn es darum geht, die richtigen gesundheitsrelevanten Informationen zu
finden, zu verstehen und für die Gesunderhaltung bzw. Krankheitsbewältigung zu
nutzen. Bei diesen Gruppen muss die Förderung insbesondere ansetzen, denn
Ziel muss es sein, soziale Ungleichheiten durch diese Förderung zu reduzieren.
Das BMG fördert deshalb u. a. auch gezielt praxisorientierte
Forschungsprojekte, die sich insbesondere an vulnerable Gruppen richten (siehe dazu auch die
Antwort zu Frage 10).
Die Ergebnisse der Forschung zeigen generell, dass Gesundheitskompetenz so
gefördert werden sollte, dass Menschen in ihren Lebenswelten und über den
gesamten Lebensverlauf erreicht werden. Die Förderung von
Gesundheitskompetenz muss also vor allem an den Voraussetzungen ansetzen, die im Alltag, in
den Medien und im Gesundheits-, aber auch im Bildungssystem ermöglichen,
Gesundheitskompetenz zu entwickeln, wie es auch im „Nationalen Aktionsplan
für Gesundheitskompetenz“ (NAP) ausgeführt wird (Schaeffer et al. 2018).
Gesundheitskompetenz darf deshalb auch nicht nur als individuelle
Gesundheitskompetenz verstanden werden, sondern muss institutionell und organisational
in den Strukturen des Gesundheitswesens durch den Aufbau von
entsprechenden Kapazitäten verankert werden. Nur mit gesundheitskompetenten
Organisationen kann es auch gelingen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger besser im
Gesundheitswesen orientieren, seine Funktionsweise besser verstehen und
entsprechend handeln können. Schließlich gilt es, Innovationen – insbesondere im
Bereich der Digitalisierung – für die Förderung von Gesundheitskompetenz zu
nutzen und hier auch von internationalen Vorbildern im Sinne von „best
practices“ zu lernen. Diese Aufgaben anzugehen, betrifft alle relevanten Akteure im
Gesundheitswesen.
4. Welche Rolle spielt nach Auffassung der Bundesregierung die
Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zur Bewältigung gesundheitlicher
Krisen?
Stellt nach Auffassung der Bundesregierung die Verschlechterung der
Gesundheitskompetenz der Bevölkerung ein Problem für die
Bekämpfung der COVID-19-Pandemie dar?
5. Wie beurteilt die Bundesregierung die coronaspezifische
Gesundheitskompetenz der Bevölkerung, und welche Konsequenzen für die
Pandemiebekämpfung zieht sie daraus?
Die Fragen 4 und 5 werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung spielt eine wichtige Rolle bei der
Bewältigung gesundheitlicher Krisen. Das zeigen nicht zuletzt die Erfahrungen
mit der COVID-19-Pandemie. Ihre Eindämmung verlangt von der
Bevölkerung, gewohnte Verhaltensweisen zu verändern. Eine Vielzahl an Informationen
zum eigenen Schutz und Schutz der Gemeinschaft und zum Verlauf der
Pandemie strömen auf die Bevölkerung ein, darunter auch irreführende und fachlich
falsche Informationen; die Weltgesundheitsorganisation spricht sogar von einer
„Infodemie“.
Die Erfahrungen im Umgang mit der COVID-19-Pandemie verweisen darauf,
dass Gesundheitsinformationen wirksam sind, wenn sie auf vielen Kanälen und
dauerhaft verbreitet werden. Zugleich kommt es darauf an, Informationen so
aufzubereiten, dass sie die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen je nach
ihren Bedürfnissen erreichen. Dieser Herausforderung hat sich die
Bundesregierung gestellt mit dem Anspruch, die Bürgerinnen und Bürger jederzeit
verständlich und zuverlässig zu informieren, das Regierungshandeln transparent zu
machen und ihr Vertrauen in die handelnden Institutionen zu stärken. Die
Bundesregierung setzt seit Beginn der Pandemie auf eine transparente,
verständliche und differenzierte Informationen zu allen Aspekten der COVID-19-
Bekämpfung, insbesondere durch die Darstellung der Folgen und Risiken einer
SARS-CoV-2-Infektion sowie der ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung
der Pandemie in Deutschland. Dabei baut die Kommunikation auf dem
aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand auf und passt sich stetig der
herrschenden Pandemielage an.
Eine erfolgreiche Informations- und Aufklärungsarbeit in einer Krisensituation
ist zudem nur möglich, wenn sie einem einheitlichen Leitbild folgt und die
maßgeblichen Institutionen sehr eng zusammenarbeiten. Die Bundesregierung
hat sich daher bereits unmittelbar zu Beginn der COVID-19-Pandemie dazu
entschlossen, die Informations- und Aufklärungsmaßnahmen zum Coronavirus
unter dem von BMG, der BZgA und dem Robert Koch-Institut (RKI)
gemeinsam geschaffenen und getragenen übergeordneten Kampagnendach
„Zusammen gegen Corona“ (
www.zusammengegencorona.de) zu konzentrieren, anstatt
auf behördenspezifische Aufklärungsmaßnahmen zu setzten.
Vor allem während der ersten verstärkten bundesweiten Schutzmaßnahmen im
Frühjahr 2020 sind die Menschen in Deutschland den mit den Informations-
und Aufklärungsmaßnahmen stetig kommunizierten Empfehlungen und
Verhaltensregeln gefolgt und haben damit entscheidend dazu beigetragen, die
Auswirkungen dieser pandemischen Situation beherrschbar zu halten. Auch danach
galt es, bei der Bevölkerung weiterhin für die Einhaltung der
Vermeidungsstrategien zu werben. Die Begriffe Abstand, Hygiene und Alltagsmaske (später:
Alltag mit Maske) prägten die AHA-Formel, deren Bedeutung heute den
Menschen in Deutschland geläufig ist. Sie folgt dem Grundsatz
„Eigenverantwortung ist kein Gegensatz zur Solidarität, sondern ihre Voraussetzung“. Die
dynamische und lernende Kampagne ist konzipiert, um sich sehr schnell
verändernden Herausforderungen anzupassen. Alle Informations- und
Aufklärungsmaßnahmen der AHA-Kampagne sind darauf ausgerichtet, mit
massenkommunikativen Medien (Print, TV und Hörfunk) und digitaler Kommunikation im
Internet und in den sozialen Medien die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für die
Einhaltung der Vermeidungsstrategien beständig hoch zu halten.
Mit Zulassung des ersten Impfstoffes gegen das Coronavirus SARS-CoV-2
startete die bundesweite Kommunikationskampagne nach dem Motto:
„Deutschland krempelt die #ÄrmelHoch für die Corona-Schutzimpfung“. Ziel
dieser ganzheitlichen Kommunikationsstrategie ist es, Vertrauen in die neuen
Impfstoffe zu schaffen. Eine hohe Gesundheitskompetenz der Bürgerinnen und
Bürger wird dabei durch die zeitgleiche Etablierung einer umfassenden und
transparenten Informationskultur zur Impfsicherheit, Impfverteilung und
Impfschutz erreicht.
Es zeigt sich, dass durch diese vielfältigen Informationen die
Gesundheitskompetenz während der Pandemie verbessert worden ist. So kommt die aktuelle
Studie zur Gesundheitskompetenz in Deutschland (HLS GER 2) zu dem
Ergebnis, dass die allgemeine Gesundheitskompetenz während der COVID-19-
Pandemie gestiegen ist. Die durch das BMG geförderte Studie „Health Literacy
Survey-Corona“ hat dies bestätigt: Der Anteil der Menschen mit ausreichende
Gesundheitskompetenz ist im Verlaufe des Jahres 2020 von 49,6 Prozent auf
über 60 Prozent gestiegen und hat sich demnach verbessert.
Dieser Befund spiegelt sich auch in den Daten der repräsentativen COSMO-
Studie, nach der der Großteil der Bevölkerung in Deutschland mit Beginn der
Corona-Pandemie die notwendigen Verhaltensweisen zur Senkung des
Infektionsrisikos (Abstand, Hygiene, Alltag mit Maske, App, Lüften – AHA+AL-
Regeln) schnell erlernt und beibehalten hat (Website unter
https://projekte.uni-e
rfurt.de/cosmo2020/web/; Studienprotokoll: Betsch, C., Wieler, L., Bosnjak,
M., Ramharter, M., Stollorz, V., Omer, S., Korn, L., Sprengholz, P.,
Felgendreff, L., Eitze, S., Schmid, P. (2020). Germany COVID-19 Snapshot
Monitoring (COSMO Germany): Monitoring knowledge, risk perceptions, preventive
behaviours, and public trust in the current coronavirus outbreak in Germany,
http://dx.doi.org/10.23668/psycharchives.2776 und Betsch, C., Wieler, L.H.,
Habersaat, K. and the COSMO group (2020). Rapid, flexible, cost-effective
monitoring tool for behavioural insights related to COVID-19 across countries.
The Lancet,
https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)30729-7).
Ebenso wurden die Verhaltensweisen zum Vermeiden von Aufenthalten in
geschlossenen Räumen, Gruppen und Gedränge sowie Gesprächen mit engem
Kontakt laut Ergebnissen der COSMO-Studie ebenfalls von einem Großteil der
Bevölkerung angenommen. Dies galt auch für das Verhalten „Öffentliche Orte
– Feiern – Reisen vermeiden“. Zudem zeigen die Daten zum angemessenen
Verhalten nach einer Impfung, dem Umgang mit Testergebnissen und zum
Verständnis zur Priorisierung der Impfung, dass ein Großteil der Bevölkerung die
coronaspezifischen Verhaltensweisen kennt. Die verfügbaren empirischen
Daten legen damit nahe, dass die Bevölkerung einen überwiegend
gesundheitskompetenten Umgang mit der COVID-19-Pandemie zeigt.
6. Ist nach Auffassung der Bundesregierung das Verhalten der Bevölkerung
bei gesundheitlichen Krisen ausreichend in der Vorbereitung auf Krisen
berücksichtigt worden?
Das Verhalten der Bevölkerung bei gesundheitlichen Krisen hat stets einen
großen krisenspezifischen Anteil. Krisenspezifisches Verhalten kann deshalb nicht
allgemein „in der Vorbereitung auf Krisen“ antizipiert werden, sondern das
Verhalten ist krisenbezogen zu betrachten und agil in die Krisenbewältigung zu
integrieren. Die BZgA ermittelt deshalb im Rahmen ihrer Beteiligung an der
Studie „COSMO — COVID-19 Snapshot Monitoring“ (Projektleitung Universität
Erfurt) Wissen, Risikowahrnehmung, Schutzverhalten und Vertrauen der
Bevölkerung während der COVID-19-Pandemie (siehe auch Antwort zu den
Fragen 4 und 5). Die Erkenntnisse aus der regelmäßigen
Onlinequerschnittsbefragung von jeweils ca. 1 000 Personen, die hinsichtlich soziodemografischer
Merkmale der Gesamtbevölkerung ausgewählt wurden, fließen in die laufende
Maßnahmenentwicklung ein. Weiterhin evaluiert sie die Informationsbedarfe in
der Bevölkerung zu COVID-19 mittels der Analyse der Bürgerinnen- und
Bürgeranfragen via Telefon und E-Mail an die BZgA (detailliert zum methodischen
Vorgehen von Rüden, U., Spura, A., Horstmann, S. et al. Bedarfsbezogene
Kommunikationsstrategie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
(BZgA) während der COVID-19-Pandemie. Bundesgesundheitsblatt 64, 285–
293 2021, bzw.
https://doi.org/10.1007/s00103-021-03290-4).
7. In welchem Umfang und mit welchen finanziellen Mitteln fördert die
Bundesregierung Forschung zum Bevölkerungsverhalten bei
gesundheitlichen Krisen (bitte Höhe der finanziellen Mittel nach Programm
aufschlüsseln)?
Die BZgA ist am Konsortium des COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO)
beteiligt, einem Gemeinschaftsprojekt der Universität Erfurt zur Ermittlung von
Wissen, Einstellungen und Verhalten der Bevölkerung. Die
Auswertungsergebnisse werden von den zuständigen Fachreferaten für die
Maßnahmenentwicklung der BZgA verwendet. In den Jahren 2020 und 2021 betrugen die
finanziellen Mittel hierfür 100 000 Euro. Über eine Zuweisung von Bundesmitteln im
Bereich des BMG an die BZgA in Höhe von 1 211 320 Euro finanziert die
BZgA eine wiederholte Repräsentativbefragung der Allgemeinbevölkerung und
spezifischer Teilgruppen (CoSiD) als Begleitforschung der Corona-
Impfkommunikation. Das BMG hat darüber hinaus eine Studie zur Messung
der Corona-bezogenen Gesundheitskompetenz an der Universität Bielefeld mit
knapp 100 000 Euro im Zeitraum vom 31. Juli bis 31. Dezember 2020
gefördert.
8. Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung im Durchschnitt die
täglichen Besucherzahlen des Nationalen Gesundheitsportals?
Wie bewertet die Bundesregierung diese?
a) Wie haben sich Besucherzahlen seit Ausbruch der COVID-19-
Pandemie in Deutschland entwickelt?
b) Plant die Bundesregierung eine wissenschaftliche Evaluation der
Wirkung des Nationalen Gesundheitsportals?
c) Durch welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, mehr
Aufmerksamkeit für das Nationale Gesundheitsportal zu generieren?
d) Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um die digitale
Gesundheitskompetenz zu stärken (bitte Höhe der finanziellen Mittel
nach Programm aufschlüsseln)?
Die Fragen 8 bis 8d werden gemeinsam beantwortet.
Das Nationale Gesundheitsportal steht der Bevölkerung seit September 2020
zur Verfügung und steht somit bereits während der COVID-19-Pandemie zur
Verfügung. Die monatlichen Durchschnittswerte liegen relativ konstant bei ca.
65 000 Besuchern und ca. 115 000 Seitenansichten. Derzeit wird ein
Marketingkonzept für die zweite Jahreshälfte entwickelt. Hierbei handelt es sich um
gängige Marketingmaßnahmen wie Onlinewerbung, Social-Media-Werbung
und ergänzend Werbung bzw. Kommunikation in Printmedien. Für die
Weiterentwicklung des Nationalen Gesundheitsportals wird die Bundesregierung
zielgruppenspezifische Nutzerbefragungen durchführen und auswerten. Eine
wissenschaftliche Evaluation der Wirkung des Nationalen Gesundheitsportals ist
nicht geplant.
Darüber hinaus hat das BMG zusammen mit der „Allianz für
Gesundheitskompetenz“ und dem „Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ am 4.
Februar 2020 in Berlin die Fachtagung „Gesundheitskompetenz im digitalen
Zeitalter“ veranstaltet, um die besonderen Anforderungen des digitalen Zeitalters
zu identifizieren. Sie bot die Gelegenheit für über 350 Teilnehmerinnen und
Teilnehmer, gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus dem In- und
Ausland über die Herausforderungen für die Gesundheitskompetenz im digitalen
Zeitalter zu diskutieren. Besonderes Augenmerk lag im Rahmen von
verschiedenen Workshops auf den allgemeinen Herausforderungen der Digitalisierung,
aber auch auf der Rolle der Medien, den besonderen Bedürfnissen von
Menschen mit einem hohen Unterstützungsbedarf und auf den Möglichkeiten einer
besseren Kommunikation zwischen den in den Gesundheitsberufen Tätigen und
den Patientinnen und Patienten.
Ferner baut das vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
(BMJV) geförderte Projekt „Orientierungshilfe für den Umgang mit digitalen
Gesundheitsinformationen OriGes II“ auf den im Rahmen des Projekts „OriGes
I“ gewonnenen Erkenntnissen und Produkten auf. Ziel ist es, Verbraucherinnen
und Verbraucher anhand eines auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Angebots
bei der Orientierung und Navigation im digitalen Gesundheitswesen zu
unterstützen. Neben der Evaluation und Weiterentwicklung der im Rahmen von
OriGes I entwickelten Webseiten für Jugendliche und Erwachsene soll das
bestehende Orientierungs- und Unterstützungsangebot dabei auch weiteren
relevanten Nutzergruppen zur Verfügung gestellt werden. Die Weiterentwicklung
der bestehenden Angebote soll insbesondere der Orientierung für Gruppen mit
besonderen Bedarfen dienen und diese in ihrer Informationssuche unterstützen
sowie im Sinne der Verbraucherfreundlichkeit die Transparenz hinsichtlich der
Strukturen, Einrichtungen und Leistungen des deutschen Gesundheitssystems
vergrößern.
Ergänzend dazu informiert das Portal „Migration und Gesundheit“ des BMG
Migrantinnen und Migranten über alle relevanten Aspekte des
Gesundheitswesens und stärkt damit auch Aspekte der digitalen Gesundheitskompetenz in
dieser spezifischen Zielgruppe.
Die laufenden Maßnahmen der Bundesregierung zur Stärkung der digitalen
Gesundheitskompetenz sind der folgenden Tabelle zu entnehmen:
Projekt/Maßnahme finanzielle Mittel
Nationales Gesundheitsportal
4,5 Mio. Euro im Haushaltsjahr 2020
4,5 Mio. Euro im Haushaltsjahr 2021
5 Mio. Euro im Haushaltsjahr 2022
BMJV: Orientierungshilfe für den Umgang mit digitalen
Gesundheitsinformationen. Im Rahmen des Projekts wird auf
wissenschaftlicher Basis ein online-Angebot zur Unterstützung der
digitalen Gesundheitskompetenz entwickelt. Das Online-
Angebot ist unter „Gesund-im-Netz“ (
www.gesund-im-net
z.net) und Klick2Health (
www.klick2health.net) abrufbar.
38.008,70 Euro im Haushaltsjahr 2020
130.484,04 Euro im Haushaltsjahr 2021
98.283,28 Euro im Haushaltsjahr 2022
Die zuwendungsfähigen Gesamtausgaben
des Vorhabens belaufen sich auf insgesamt
266.776 Euro.
Mehrsprachiges Webportal
www.migration-gesundheit.bund.de
mit Broschüren/Informationsmaterialien zu verschiedenen
Gesundheitsthemen in zahlreichen Sprachfassungen.
2018 = 5.695 Euro
2019 = 16.458 Euro
2020 = 7.656 Euro
9. Welche jährlichen Kosten verursacht mangelnde Gesundheitskompetenz
für das deutsche Gesundheitssystem?
Verschiedene internationale Studien zeigen, dass eine geringe
Gesundheitskompetenz mit Kosten für das Gesundheitssystem einhergeht. So zeigt
beispielsweise ein systematischer internationaler Review aus dem Jahr 2009, dass die
zusätzlichen Kosten von geringer Gesundheitskompetenz auf der Ebene der
Gesundheitssysteme 3 bis 5 Prozent der gesamten Gesundheitskosten pro Jahr
betragen (Eichler, K., Wieser, S. & Brügger, U. (2009): The costs of limited
health literacy: a systematic review. Int J Public Health 54, 313;
https://doi.org/
10.1007/s00038-009-0058-2). Genauere Daten insbesondere für einzelne
Länder liegen der Bundesregierung nicht vor.
10. Welche Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz
unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen hat die Bundesregierung in den
vergangenen drei Jahren ergriffen (bitte nach Jahr, Maßnahme, Höhe der
Mittel und Zielgruppe aufschlüsseln)?
a) Welche Erfolge konnte sie dabei verzeichnen?
b) Welche Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz
erachtet die Bundesregierung weshalb für sinnvoll?
Die Fragen 10 bis 10b werden gemeinsam beantwortet.
Auf die Ausführungen zu den grundlegenden Maßnahmen in der
Vorbemerkung der Bundesregierung wird verwiesen. Die Angebote der BZgA sind dabei
oft Teil von Mehrebenenkampagnen, die als Ganzes darauf ausgerichtet sind,
die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu erhöhen. Die Ansprache der
Allgemeinbevölkerung oder spezifischer Zielgruppen erfolgt über die jeweils
angemessenen Zugangswege. Eine klare Abgrenzung von Maßnahmen, die
dem grundsätzlichen Zugang zu Gesundheitsthemen – wie z. B. dem Thema
Organ- und Gewebespende – ermöglichen sollen, und Maßnahmen, die die
Gesundheitskompetenz erhöhen, ist dabei nur schwer vorzunehmen. Die einzelnen
Maßnahmen können der folgenden Tabelle entnommen werden.
Maßnahme Zielgruppe(n) Mittelansatz2018 in Euro
Mittelansatz
2019 in Euro
Mittelansatz
2020 in Euro
Frauen- und
Männergesundheit Internetportale
www.maennergesundheits
portal.de und
www.frauen
gesundheitsportal.de
Frauen, Männer 485.000 485.000 460.000
Kooperationsverbund
Gesundheitliche
Chancengleichheit
Kinder und
Jugendliche, junge
Erwachsene, Erwachsene,
Ältere,
gesundheitsgefährdete Personen,
Institutionen, Fachkräfte
795.000 795.000 795.000
Gesund und aktiv älter
werden –
www.gesund-ak
tiv-aelter-werden.de
Erwachsene, Ältere,
gesundheitsgefährdete
Personen, Personen
nach der
Erwerbsphase, Institutionen,
Fachkräfte, Peer Groups
1.400.000 1.400.000 1.400.000
Frühe Kindergesundheit Kinder und
Jugendliche, Erwachsene,
Eltern, Fachkräfte
900.000 900.000 1.250.000
Bewegung, Ernährung,
Stressregulation
Kinder und
Jugendliche, Erwachsene,
gesundheitsgefährdete
Personen, Fachkräfte,
Institutionen
1.213.000 1.213.000 1.213.000
Gesundheitsförderung in
der Kita und Schule
Kinder und
Jugendliche, Fachkräfte
267.000 267.000 267.000
Laienreanimation
Allgemeinbevölkerung, Kinder und
Jugendliche,
Institutionen, Peer Groups
700.000 700.000 700.000
Impfen Kinder und
Jugendliche, junge
Erwachsene, Erwachsene,
Eltern, Ältere, Fachkräfte
2.700.000 2.700.000 4.700.000
Hygiene Kinder und
Jugendliche, junge
Erwachsene, Erwachsene,
Ältere, Fachkräfte
750.000 750.000 750.000
Krisenkommunikation
Allgemeinbevölkerung, Institutionen,
Fachkräfte
750.000 750.000 750.000
Organ- und
Gewebespende – Internetseite
www.or
ganspende-info.de
Allgemeinbevölkerung, Institutionen,
Fachkräfte
5.700.000 5.700.000 5.700.000
Blutspende –
www.einfac
hlebenretten.de
Allgemeinbevölkerung, junge
Erwachsene, Institutionen
300.000 300.000 300.000
Maßnahme Zielgruppe(n) Mittelansatz2018 in Euro
Mittelansatz
2019 in Euro
Mittelansatz
2020 in Euro
Betriebliche
Gesundheitsförderung
Erwachsene,
Institutionen
450.000 450.000 400.000
Reichweitenerhöhung und
AV-Medien
Übergreifend 800.000 800.000 1.250.000
Forschung und
Qualitätssicherung
Übergreifend 90.000 90.000 290.000
Wissenstransfer Institutionen,
Fachkräfte
230.000 230.000 215.000
HIV und STI Jugendliche, junge
Erwachsene,
Erwachsene, Eltern, Personen
mit Risikoverhalten,
Paare,
gesundheitsgefährdete Personen,
kranke Personen,
Institutionen, Fachkräfte,
Peer Groups
11.800.000 12.800.000 13.200.000
Suchtprävention im
Kindesalter – u. a. die
Mitmach-Initiative
„Kinder stark machen“
Kinder und
Jugendliche, Eltern, Fachkräfte,
Institutionen
1.350.000 1.350.000 1.500.000
Rauchfrei für Kinder und
Jugendliche
Kinder und
Jugendliche, junge
Erwachsene, Personen mit
Risikoverhalten,
Institutionen, Fachkräfte
1.000.000 800.000 800.000
Rauchfrei für Erwachsene Erwachsene, Eltern,
Personen mit
Risikoverhalten, Frauen,
kranke Personen,
Ältere, Eltern,
gesundheitsgefährdete Personen,
Institutionen,
Fachkräfte
1.900.000 1.800.000 1.650.000
Alkoholprävention für
Jugendliche inkl.
Alkoholfrei Sport
Kinder und
Jugendliche, junge
Erwachsene, Erwachsene, Paare,
Schwangere, Eltern,
Personen mit
Risikoverhalten,
Institutionen, Fachkräfte,
Ehrenamt Sport, Peer
Groups
1.280.000 1.680.000 2.160.000
Alkoholprävention für
Erwachsene
Junge Erwachsene,
Erwachsene, Ältere,
Personen mit
Risikoverhalten, Fachkräfte
950.000 900.000 900.000
Prävention illegale
Drogen für Jugendliche u.
junge Erwachsene
Kinder und
Jugendliche, junge
Erwachsene, Eltern,
Institutionen, Fachkräfte
1.000.000 1.300.000 1.600.000
Prävention exzessiver
Mediennutzung
Kinder und
Jugendliche, Eltern, Fachkräfte,
Peer Groups
500.000 400.000 450.000
Maßnahme Zielgruppe(n) Mittelansatz2018 in Euro
Mittelansatz
2019 in Euro
Mittelansatz
2020 in Euro
Prävention
Glücksspielsucht
Junge Erwachsene,
Erwachsene, Ältere,
Personen mit
Risikoverhalten, Fachkräfte
400.000 500.000 450.000
Substanzübergreifende
Maßnahmen der
Suchtprävention
Kinder und
Jugendliche, Junge
Erwachsene, Erwachsene,
Personen mit
Risikoverhalten, Fachkräfte
360.000 260.000 264.000
Steigerung von
Effektivität u. Effizienz in der
Suchtprävention
Erwachsene,
Institutionen, Fachkräfte
310.000 1.060.000 400.000
Reichweitenerhöhung der
Suchtprävention
Allgemeinbevölkerung, Kinder und
Jugendliche,
Institutionen, Fachkräfte
664.000 664.000 840.000
Lehrgänge, Fort- und
Weiterbildung
Institutionen,
Fachkräfte
151.000 151.000 151.000
Internationale Arbeit
Allgemeinbevölkerung, Fachkräfte
170.000 115.000 115.000
Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung fördert zudem im Rahmen der
Ressortforschung zwei Projekte zur organisationalen Gesundheitskompetenz
bis zum Jahr 2022 in einem Gesamtumfang von rund 314 000 Euro. Das
Aachener Interdisziplinäre Trainingszentrums für medizinische Ausbildung
(AIXTRA) ist mit der Erstellung eines onlinebasierten Methodenkoffers für
organisationale Gesundheitskompetenz beauftragt, dem „Gesundheitskompetenz-
Kompass“. Grundlage dafür bildet eine Bestandsaufnahme existenter Konzepte,
Arbeitshilfen, Leitlinien und Beispiele organisationaler Gesundheitskompetenz,
die das Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität
Bielefeld erstellt. Mit den Projekten sollen praktische Grundlagen für die
Umsetzung der organisationalen Gesundheitskompetenz in
Gesundheitseinrichtungen entwickelt werden, die sowohl für Patientinnen und Patienten als auch
Organisationen nutzbar sind. Wenn individuelle kognitive oder sprachliche
Fähigkeiten bei Menschen eingeschränkt sind, obliegt es in besonderem Maße den
betreuenden Gesundheitsorganisationen und deren Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter, den Betroffenen individuell angemessene Entscheidungen zu
ermöglichen. Gesundheitskompetenz ist immer relational zu verstehen, denn sie beruht
auf den persönlichen Kompetenzen und Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen,
ist aber ebenso von den Anforderungen und der Komplexität der Systeme,
Organisationen und Lebensumwelten abhängig, in denen Menschen sich aufhalten
und Entscheidungen treffen. Die Projekte zur Gesundheitskompetenz sollen
dazu beitragen, das Navigieren im Gesundheitssystem zu verbessern und dies
sowohl innerhalb einer Organisation als auch aus ihr heraus.
Darüber hinaus fördert das BMG im Rahmen seiner Ressortforschung bis zum
Jahr 2023 die Forschung zur Gesundheitskompetenz mit einem
Gesamtvolumen von rund 2,8 Mio. Euro. Die wissenschaftlichen Projekte lassen praktische
Impulse für die Stärkung der Gesundheitskompetenz im Krankenhaus, in
Schule und Ausbildung der Gesundheitsfachberufe, der Arbeitswelt und
insbesondere bei Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf erwarten.
Die Projekte der Ressortforschung sind der folgenden Tabelle zu entnehmen:
Förderzeitraum Maßnahme Förderbetragin Euro Zielgruppe
1.10.2019 bis
30.9.2022
Gesundheitskompetenz im Setting Schule
(GeKoOrg-Schule)
- Organisationsentwicklung in der Schule
337.420,00 Kinder und Jugendliche
1.10.2019 bis
31.01.2023
Gesundheitskompetenz im Krankenhaus
(PiKoG)
- Entwicklung eines
Kommunikationskonzeptes
383.377,00 Gesundheitsfachberufe
1.7.2019 bis
30.6.2022
Gesundheitskompetenz in
Gesundheitsberufen – in der Ausbildung (APRIKO)
- Training zur Aufklärung über
medizinische Maßnahmen
302.629,00 Gesundheitsfachberufe
1.7.2019 bis
30.06.2022
Gesundheitskompetenz am Arbeitsplatz
(GeKo-A):
- Gesundheitskompetenzstärkung am
Arbeitsplatz durch Lernstationen in
Betrieben
356.048,00 Gesamtbevölkerung
1.10.2020 bis
30.9.2023
Gesundheitskompetenz in der Hygiene
- Sensibilisierung für Hygiene im
Krankenhaus bei vulnerablen Gruppen (GeKo-
Hyg)
418.500,00 Menschen mit
Migrationshintergrund
1.3.2020 bis
28.2.2023
Gesundheitskompetenz bei Menschen mit
geistiger Behinderung (Geko-MmGB)
- Vermittlung gesundheitsrelevanter
Informationen durch Erklärvideos
469.027,00 Menschen mit geistigerBehinderung
1.10.2020 bis
29.9.2023
Gesundheitskompetenz bei
Langzeitarbeitslosen (FORESIGHT)
- Vermittlung von Gesundheitskompetenz
in Einrichtungen der Wiedereingliederung
337.897,00 langzeitarbeitslose
Menschen
1.7.2020 bis
30.6.2023
Gesundheitskompetenzstärkung bei
health professionals (MyPath)
- Informationsmodule und
Fortbildungskonzepte zur Information über
Vorsorgedokumente
237.058 Gesundheitsfachberufe
Die Bundesregierung fördert weiterhin die Gesundheitskompetenz von
Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Zahlreiche Maßnahmen zur Verbesserung
der Gesundheitskompetenz und damit zur Verbesserung des Zugangs zu
präventiven, medizinischen und pflegerischen Versorgungsangeboten werden
modellhaft entwickelt und erfolgreich umgesetzt. So können Fehl-, Unter- und
Überversorgung reduziert werden. Die einzelnen Maßnahmen können der
beigefügten Tabelle entnommen werden.
Projekt/Maßnahme Zielgruppe Höhe der Mittelin Euro
Laufzeit
Broschüre: „Gesundheit für alle – Ein
Wegweiser durch das deutsche
Gesundheitswesen“ in 14 Sprachen erhältlich
Menschen mit
Einwanderungsgeschichte sowie
Wohlfahrtsverbände und
Kommunen
2018 = 76.133
2019 = 98.327
01.08.2017 –
31.12.2018 /
21.11. –
32.12.2019
MiMi – Gesundheitsinitiative
Deutschland – Gesundheitsförderung und
Capacity Building mit Migranten für
Migranten
Menschen mit
Einwanderungsgeschichte 2018 = 659.647
2019 = 723.938
01.09.2017 –
11.02.2020
Projekt/Maßnahme Zielgruppe Höhe der Mittelin Euro
Laufzeit
Mehrsprachiges Webportal
www.migrat
ion-gesundheit.bund.de mit Broschüren/
Informationsmaterialien zu
verschiedenen Gesundheitsthemen in zahlreichen
Sprachfassungen
Menschen mit
Einwanderungsgeschichte sowie
haupt- und ehrenamtliche
Helferinnen und Helfer
2018 = 5.695
2019 = 16.458
2020 =7.656
seit 11/2017
eLearning-Plattform
www.vielfalt-pfleg
en.info zur Förderung der
transkulturellen Kompetenzen von Mitarbeitenden in
der Pflege
Mitarbeitende in der Pflege 2018 = 646.241
2019 = 698.405
2020 = 360.369
01.12.2017-31.1
2.2021
Zweisprachige (Deutsch-Arabisch/Dari)
Aufklärungsbroschüre „Youth 4 Youth“
zu Fragen der sexuellen und
reproduktiven Gesundheit, besonders zu HIV/
AIDS sowie zum deutschen
Gesundheitssystem
Jugendliche mit Flucht- und
Einwanderungsgeschichte
107.106 15.01.2019 – 31.03.2020
Zwei türkisch-deutsche Ratgeber für
pflegende Angehörige zum Thema
Körper- und Mundpflege sowie
türkischsprachiger Erklärfilm über
Zugangswege zu Leistungsangeboten im
Rahmen der Pflege
pflegende Angehörige von
Menschen mit
Einwanderungsgeschichte 2019 = 48.889
2020 = 59.786
01.05.2019 –
31.08.2020
Entwicklung einer kostenfreien App zur
Impfaufklärung von
nichtdeutschsprachigen und sehgeschädigten
Personen sowie Gehörlosen für die
aktuelle COVID-19-Impfung zur
Unterstützung des medizinischen Personals in
den Impfzentren
ärztliches und
medizinisches Personal in den
Impfzentren bzw.
niedergelassene Ärztinnen/Ärzte, um bei
sprachlichen Barrieren
während der Impfaufklärung zu
unterstützen
2021 = 857.401 01.02. – 31.07.2021
Brückenbauerinnen und Brückenbauer
in der Hospiz- und Palliativpflege:
Konzeption von Maßnahmen zur Stärkung
der kultursensiblen Beratung,
Begleitung und Versorgung in der Hospiz- und
Palliativpflege
schwerstkranke und
sterbende Menschen mit
Einwanderungsgeschichte und
deren Angehörige 2020 = 82.247
01.09.2020 –
31.08.2021
GeniAL: Gemeinsam bewegen –
Gesund leben im Alter:
Kooperationsprojekt mit dem BMI zur
Gesundheitsförderung und Steigerung der
Gesundheitskompetenz älterer Menschen mit
Einwanderungsgeschichte durch Sport und
Bewegung
ältere Menschen mit
Einwanderungsgeschichte
2021 = 99.885 01.03.2021 – 31.12.2023
Zur Stärkung von Gesundheitskompetenz fördert das BMBF außerdem seit
2015 den Forschungsverbund „HLCA – Gesundheitliche Grundbildung (Health
Literacy -HL-) im Kindes- und Jugendalter als Ziel für Gesundheitsförderung
und Primärprävention“ im Förderschwerpunkt „Präventionsforschung“.
Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche aus der Allgemeinbevölkerung. Der
Verbund HLCA betrachtet unterschiedliche Dimensionen der
Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter. Im Mittelpunkt der Forschung steht die
Anwendungs- und Praxisorientierung. So werden Forschungsaktivitäten in
Bereichen durchgeführt, die für die Entwicklung der kindlichen und jugendlichen
Gesundheit von hoher Bedeutung sind, wie z. B. Gesundheitskompetenz im
Bereich der psychischen Gesundheit oder im Bereich E-Health (Digitalisierung).
Dies erfolgt in Kooperation mit Partnern aus der Wissenschaft,
Interessengruppen im Gesundheits- und Bildungsbereich sowie professionellen Akteuren, die
in kinder- und jugendrelevanten Umgebungen tätig sind. Die folgende Tabelle
zeigt die Mittelansätze für den HLCA-Verbund in den letzten drei Jahren:
2018 2019 2020
624.303,89 Euro 836.636,71 Euro 785.843,71 Euro
In der bisherigen Forschungsarbeit ist es dem Verbund im Wesentlichen
gelungen, validierte Messinstrumente zur Erhebung von Gesundheitskompetenz in
unterschiedlichen Altersstufen bei Kindern und Jugendlichen zu entwickeln.
Hierdurch ist ein wichtiger Beitrag zur Vergleichbarkeit von
Forschungsergebnissen in diesem Feld geleistet worden. Darüber hinaus sind in Kindergärten
und Grundschulen Interventionen zum problematischen Umgang mit
Bildschirmmedien entwickelt worden, die derzeit bundesweit implementiert
werden.
11. Wie wird nach Kenntnis der Bundesregierung Gesundheitskompetenz in
der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften, bei Schulleitungen, in
Schulnetzwerken, im Curriculum, im Unterricht und in Unterrichtsmaterialien
integriert?
Gemäß der föderalen Ordnung sind für schulische Bildung einschließlich der
Aus- und Fortbildung von Lehrkräften und Schulleitungen sowie der
Gestaltung der Curricula und des Unterrichts ausschließlich die Länder zuständig.
Es ist gleichwohl unbestritten, dass in den Schulen wesentlich zur Förderung
der Gesundheitskompetenz beigetragen werden kann. Die BZgA unterstützt
durch Maßnahmen wie Unterrichtsmaterialien, Mitmachparcours zu
verschiedensten Themen, Schulwettbewerben und ausgearbeiteten Peer- und
Multiplikatoren-Projekten den Erwerb von Gesundheitskompetenz in der Lebenswelt
Schule. So bietet die BZgA z. B. ihre Initiative LIEBESLEBEN zur Förderung
sexueller Gesundheit und Prävention von HIV und AIDS in den Schulen an. Im
Rahmen des Projektes werden nicht nur Schülerinnen und Schüler zu Themen
der sexuellen Gesundheit angesprochen, sondern auch Lehrkräfte fortgebildet
und Netzwerke gefördert. Im Bereich Organspende wurde 2019 außerdem das
Unterrichtsheft „Wissen Kompakt“ erstellt. Das Unterrichtsheft soll es
Lehrkräften erleichtern, das Thema der postmortalen Organspende in den Unterricht
zu integrieren.
12. Wann plant die Bundesregierung eine Evaluation der Implementierung
des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz?
Wie beurteilt sie den Fortschritt der Umsetzung der Maßnahmen?
13. Wie beurteilt die Bundesregierung den Fortschritt der Implementierung
der Strategien, die auf den Ergebnissen von Workshops basieren, die im
Rahmen der Umsetzung des Nationalen Aktionsplans stattfanden
(Antwort auf Bundestagsdrucksache 19/13196)?
Die Fragen 12 und 13 werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Die Bundesregierung begrüßt alle Initiativen, die Strategien zur Stärkung der
Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung umsetzen. Dies zeigt sich auch in
der Kooperation des „Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz“ (NAP)
mit der „Allianz für Gesundheitskompetenz“. Die Fachtagung
„Gesundheitskompetenz im digitalen Zeitalter“ im Februar 2020 wurde dementsprechend
von der Allianz zusammen mit dem NAP durchgeführt. Eine Evaluation der
Implementierung des von einem wissenschaftlichen Gremium erarbeiteten
NAP ist nicht Aufgabe der Bundesregierung.
14. Wie integriert die Bundesregierung die Umsetzung des Nationalen
Aktionsplans Gesundheitskompetenz im Sinne des „Health in All Policies“-
Ansatzes in andere Politikbereiche, um Gesundheit und gesundheitliche
Chancengleichheit durch eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik zu
verbessern?
Die Empfehlungen des Nationalen Aktionsplans richten sich an zahlreiche
Multiplikatoren aus vielen Fachbereichen und Disziplinen. Ein wichtiger
Akteur dabei ist der „Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit“.
Er bietet eine Plattform, um Strategien für die gesamtgesellschaftliche
Verantwortung für öffentliche Gesundheit weiterzuentwickeln. Dem maßgeblich von
der BZgA unterstützten Verbund gehören gegenwärtig 74 Verbände und
Institutionen in Bund und Ländern an, die in dem Handlungsfeld
soziallagenbezogener Gesundheitsförderung aktiv sind. Die Koordinierungsstellen
Gesundheitliche Chancengleichheit unterstützen die Akteure und Entscheidungsträgerinnen
und -träger in allen Bundesländern in der Planung und qualitätsgesicherten
Umsetzung von Maßnahmen. Weitere ressortübergreifende Initiativen wie IN
FORM und das Bund-Länder-Programm Sozialer Zusammenhalt greifen den
Health in All Policies-Ansatz auf.
15. Wie beurteilt die Bundesregierung die ressortübergreifende
Zusammenarbeit im Bereich der Gesundheitskompetenz?
Wie häufig fand ein ressortübergreifender Austausch zum Thema
Gesundheitskompetenz in den vergangenen drei Jahren statt?
Die betroffenen Ressorts sind zum Themenfeld Gesundheitskompetenz projekt-
und anlassbezogen im engen und konstruktiven Austausch.
16. Plant die Bundesregierung eine Public-Health-Strategie zu entwickeln,
die auf dem „Health in All Policies“-Ansatz basiert und
Gesundheitskompetenz einbezieht?
Bund und Länder haben im September 2020 den „Pakt für den Öffentlichen
Gesundheitsdienst“ beschlossen, dessen Ziel die Stärkung der personellen,
digitalen und technischen Ausstattung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes
(ÖGD) ist. Der ÖGD wird so in die Lage versetzt, das breite Spektrum an
bevölkerungsmedizinischen Aufgaben künftig noch besser wahrnehmen zu
können. Diese reichen von der Prävention über die Gesundheitsförderung- und
-planung sowie Gesundheitsangebote insbesondere für vulnerable Gruppen bis
zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung im Rahmen der
Infektionsbekämpfung. Die Umsetzung des Paktes wird von einem externen und
unabhängigen Beirat begleitet. Ziel des Paktes ist neben der strukturellen Stärkung des
ÖGD vor allem auch seine zukunftsorientierte Ausrichtung, bei der die
Umsetzung von Public-Health-Zielen eine besondere Rolle spielt. Der Bund stellt für
die Umsetzung des Paktes insgesamt 4 Mrd. Euro in dem Zeitraum von 2021
bis 2026 zur Verfügung.
17. Durch welche Maßnahmen unterstützt die Bundesregierung
Einrichtungen der Gesundheitsversorgung wie Krankenhäuser oder Behörden
dabei, Patientinnen und Patienten effektive, nutzerzentrierte und einfache
Gesundheitskommunikation bieten zu können, um Effekte niedriger
Gesundheitskompetenz zu reduzieren?
Neben den vielfältigen Angeboten der Partner der Allianz für
Gesundheitskompetenz – z. B. für die gemeinsame Entscheidungsfindung von Ärztinnen und
Ärzten mit Patientinnen und Patienten, die Nutzung von Social Media in der
Selbsthilfe oder im Hinblick auf Gesundheitsbildung in der Schule – hat vor
allem die BZgA eine Fülle von unterstützenden Maßnahmen entwickelt. Die
BZgA verfolgt dabei mehrere Ansätze, die von der Zielgruppenorientierung
inklusive der Berücksichtigung vulnerabler Bevölkerungsgruppen über den
Settingansatz bis hin zu einer Fachkräftestrategie reichen. Die BZgA-
Medienangebote sind auf mehreren Ebenen für verschiedene Zwecke,
Bedürfnisse und Fähigkeiten ausgerichtet. So wird beispielsweise die Förderung der
gesundheitsbezogenen Elternkompetenz für die ersten prägenden Lebensjahre
von Kindern seit vielen Jahren von der BZgA erfolgreich in Zusammenarbeit
mit Akteuren des Gesundheits- und Bildungswesens umgesetzt (siehe dazu
auch
https://www.kindergesundheit-info.de/infomaterial-service/infomaterial-b
roschueren/u-untersuchungen bzw.
https://www.kindergesundheit-info.de/them
en/entwicklung/psychische-gesundheit/wegweiser-entwicklungsprobleme/).
Ein weiteres Beispiel liegt im Bereich Prävention von Übergewicht von
Kindern und Jugendlichen: Mit der Initiative „Zeit für …. “ hat die BZgA 2019
damit begonnen, themenspezifische Medienpakete (u. a. Plakate, Infoblätter,
Broschüren, Give-Aways) für Einrichtungen und Akteure in kommunalen
Praxisfeldern (z. B. Arztpraxen, Öffentlicher Gesundheitsdienst, Kitas, Schulen und
außerschulische Anbieter in der Familien- und Jugendhilfe) zu entwickeln.
2019 wurde gemeinsam mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte
eine Versandaktion an ca. 12 000 Kinderarztpraxen zum Thema „Zeit für
Bewegung“ durchgeführt. Weitere Versandaktionen zu Schwerpunktthemen wie
Mediennutzung oder Ernährung sind geplant. Zum Themenfeld „Essstörungen“
bietet die BZgA zudem auf der Webseite
www.bzga-essstoerungen.de u. a. eine
Beratungsstellendatenbank an. In dieser sind Adressen von Beratungsstellen für
Essstörungen in Deutschland aufgeführt. Die Datenbank wurde in
Zusammenarbeit mit dem Bundesfachverband Essstörungen e. V. erarbeitet und wird
ständig aktualisiert. Aufgenommen sind professionelle und spezialisierte
Beratungsstellen, die sich an anerkannten Leitlinien orientieren. In den Jahren 2022
und 2023 ist geplant, diese Datenbank um Kliniken zu erweitern, die ein
spezifisches Behandlungsangebot für Menschen mit Essstörungen bereithalten.
18. Plant die Bundesregierung, die Ausarbeitung von Leitlinien für eine
wirksame Bevölkerungsansprache in Auftrag zu geben, um die
gesundheitsrelevante Kommunikation sowie einen zielgruppenspezifischen und
niederschwelligen Zugang zu qualitätsgesicherten
Gesundheitsinformationen zu gewährleisten?
a) Wenn ja, wann ist dies geplant?
b) Wenn nein, warum nicht?
Die Fragen 18 bis 18b werden gemeinsam beantwortet.
Wesentlicher Bestandteil der Pandemiebewältigung war und ist eine effektive
und zielgerichtete Risiko- und Krisenkommunikation von Bund, Ländern und
Kommunen, die sich eng am aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand
orientiert. Sie ist im Krisenfall mitentscheidend dafür, die Auswirkungen einer
gesundheitlichen Krise beherrschbar zu halten, und letztlich auch, um die Krise
zu bewältigen. Ziel jeder Krisenkommunikation der Bundesregierung ist es,
einen kontinuierlichen und konsistenten Informationsfluss aller beteiligten
Akteurinnen und Akteure zu gewährleisten und damit der Bevölkerung
schnellstmöglich das erforderliche Wissen zum Schutz vor einer möglichen Erkrankung
zu vermitteln und sie gleichzeitig zum Selbst- und Fremdschutz zu motivieren.
Zur Unterstützung der Arbeit des gemeinsamen Krisenstabs des BMG und des
Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) im Bereich der
Krisenkommunikation wurde während der Corona-Pandemie auch externe
Fachexpertise einbezogen. Schwerpunkte bildeten hier die Entwicklung einer
Kommunikationsstrategie zur Aufklärung der Bevölkerung über individuelle
Risiken und die Risiken für die Mitmenschen und die Gemeinschaft (Eigen-
und Fremdschutz) sowie die Analyse der erfolgten
Kommunikationsmaßnahmen zur dynamischen Anpassung der Strategie.
19. Welche der Aktivitäten und Ziele des M-POHL-Netzwerks setzt die
Bundesregierung in Deutschland und mit ihren europäischen
Partnerländern um?
Ziel des M-POHL-Netzwerks ist es, die Gesundheitskompetenz in Europa zu
verbessern, indem qualitativ hochwertige und international vergleichbare Daten
zur Verfügung gestellt werden, um politische Entscheidungen und gezielte
Praxisinterventionen zu unterstützen. Dazu wird aktuell der Health Literacy
Survey (HLS 19) durchgeführt, an dem sich 17 Länder beteiligen. Die Länder
nehmen an der Studie in der Regel jeweils mit einer Vertretung aus Politik oder
Verwaltung sowie aus der Forschung teil. Für Deutschland ist das BMG auf der
Seite der Verwaltung Partner des Netzwerks und hat die entsprechende Studie
für Deutschland finanziell und organisatorisch gefördert. Das BMG unterstützt
damit die Zielsetzung des Netzwerks, eine gemeinsame Wissens- und
Datengrundlage als Basis evidenzbasierter Politikgestaltung zu schaffen und den
internationalen Austausch über Gesundheitskompetenz und Netzwerkbildung zu
fördern. Außerdem unterstützt es das Anliegen, Erhebungen zur Ermittlung der
organisationalen Gesundheitskompetenz voranzutreiben und empirisch basierte
politische Empfehlungen zur Förderung der Gesundheitskompetenz zu
erarbeiten. In diesem Sinne ist ein intensiver Austausch auf Fachebene insbesondere
zwischen den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und der
Schweiz geplant, um im Hinblick auf künftige Maßnahmen und Strategien zur
Verbesserung der Gesundheitskompetenz noch besser voneinander zu lernen.
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ISSN 0722-8333]