[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Fraktion der CDU/CSU
– Drucksache 20/3642 –
Vorstellungen der Bundesregierung zur weiteren Ausgestaltung
des Humboldt Forums
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Nachdem der Deutsche Bundestag sich seit Ende der 90er-Jahre mehrfach mit
der Frage der Neugestaltung der Mitte der Spreeinsel befasst hatte, traf er am
4. Juli 2002 (Bundestagsdrucksache 14/9660) in namentlicher Abstimmung
die Entscheidung, das Berliner Schloss historisch detailgetreu mit seinen drei
barocken Fassaden wiederaufzubauen. Mit dieser Entscheidung und der
Forderung vom 13. November 2003 (Bundestagsdrucksache 15/2002), den
Beschluss so bald als möglich umzusetzen, folgte der Deutsche Bundestag nicht
nur hinsichtlich der Gestaltung des Schlossareals den Empfehlungen der
internationalen Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“, die auf Beschluss
der Bundesregierung im Januar 2001 eingesetzt worden war, sondern
übernahm auch das von der Expertenkommission empfohlene Nutzungskonzept
eines „Schaufensters der Weltkulturen“.
Seitdem hat der Deutsche Bundestag seine Entscheidung mehrfach bekräftigt.
Mit Beschluss der Bundesregierung vom 4. Juli 2007 wurde die Umsetzung
der Bundestagsbeschlüsse vom 4. Juli 2002 und vom 13. November 2003 zur
Wiedererrichtung des Stadtschlosses bestätigt. Mit dem Antrag der Koalition
der Fraktionen der CDU/CSU und SPD wurde zusätzlich am 12. Dezember
2007 (Bundestagsdrucksache 16/7488) die Errichtung einer Kuppel im
Bereich des ehemaligen Hauptportals beschlossen, deren Umsetzung im Rahmen
des internationalen Realisierungswettbewerbs „Wiedererrichtung des Berliner
Schlosses – Bau des Humboldt Forums im Schlossareal Berlin“ ermittelt
werden sollte mit dem Ziel, die historische Mitte Berlins als Schaufenster von
Geschichte und Kultur zu betonen und ein Zentrum der Begegnung und des
Dialogs zwischen den Kulturen der Welt zu schaffen. Die Entscheidung der Jury
des Architektenwettbewerbs von 2007/2008 entschied sich einstimmig für den
Entwurf von Franco Stella, der den Wiederaufbau der Kuppel inklusive
zahlreicher monarchischer und christlich ikonographischer Elemente vorsah.
Die damalige Bundesregierung bekräftigte im Koalitionsvertrag zwischen
CDU, CSU und FDP vom Oktober 2009 den Beschluss des Deutschen
Bundestages zum Bau des Humboldt Forums am historischen Ort und in der
äußeren Gestalt des Berliner Stadtschlosses. Der Haushaltsausschuss des
Deutschen Bundestages stimmte am 29. Juni 2011 der Bereitstellung des Budgets
zu, um die Planungen umzusetzen. Die Grundsteinlegung für das neu errichte-
Deutscher Bundestag Drucksache 20/3924
20. Wahlperiode 11.10.2022
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und
Medien vom 10. Oktober 2022 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
te Stadtschloss fand am 12. Juni 2013 im Beisein des Schirmherrn
Bundespräsident Joachim Gauck statt. 2017 bekräftigten die Gremien der Stiftung die
detailgetreue Rekonstruktion der Kuppel und der dazugehörigen Symbole.
Schließlich wurde das Humboldt Forum nach zunächst bau-, dann
coronabedingten Verzögerungen am 20. Juli 2021 eröffnet.
Nach kontroversen Debatten, intensiven Verhandlungen und jahrelangen
Vorbereitungen entstand mit dem Humboldt Forum auf der Spreeinsel, im
Zentrum der neuen Mitte der Hauptstadt Berlin, ein Bauwerk, das auf einer
Nutzfläche von rund 44 300 Quadratmetern mehrere bedeutende
Kulturinstitutionen (Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit dem Ethnologischen Museum und
dem Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin,
Kulturprojekte Berlin und Stadtmuseum Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin
sowie Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss als Bauherrin,
Eigentümerin und Betreiberin) unter einem Dach vereint.
Im „Zeit“-Interview vom 8. Dezember 2021 mit dem Titel „Lasst uns endlich
mal anfangen zu streiten!“ äußert die Beauftragte der Bundesregierung für
Kultur und Medien Claudia Roth: „Es ist für mich ein Herzensanliegen, auf
allen Ebenen zu überlegen, wie ein Projekt der Dekolonisierung unseres
Denkens beginnen kann. Notwendigerweise muss man sich dann auch mit einer
Reform im Humboldt Forum auseinandersetzen“. Es gebe zudem viel
Nachholbedarf, wenn man ein offenes Forum schaffen wolle, das nicht
Paternalismus, Dominanz und Ausgrenzung ausstrahle, so die Staatsministerin in
demselben Interview (
https://www.zeit.de/2021/51/claudia-roth-kulturstaatsminist
erin-ampel-kunstfreiheit-diversitaet?utm_referrer=https%3A%2F%2F
www.go
ogle.com%2F).
Im „FAZ“-Interview vom 7. Februar 2022 mit dem Titel „Das Humboldt
Forum ist nicht der Vatikan“ sagt die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur
und Medien: „Das Humboldt Forum ist meiner Meinung nach noch ein
Rohbau.“ Im „Zeit“-Interview vom 13. Oktober 2022 bekräftigte sie dies mit der
Aussage: „Das Humboldt Forum ist eine Baustelle und bleibt es auch.“
(
https://www.zeit.de/news/2022-09/13/roth-humboldt-forum-bleibt-eine-baust
elle?utm_referrer=https%3A%2F%2F
www.google.com%2F).
Im „FAZ“-Interview vom 7. Februar 2022 teilt die Beauftragte der
Bundesregierung für Kultur und Medien mit: „Im Koalitionsvertrag steht: Wir wollen
das Humboldt Forum zu einem weltoffenen Ort machen. Das heißt: So wie
bisher geht das nicht.“ Zur Rückgabe von kolonialen Objekten äußert die
Staatsministerin für Kultur und Medien, dass, wenn man über Gerechtigkeit
rede, man über Rückgabe rede (
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/claudia-
roth-humboldt-forum-ist-nicht-der-vatikan-17783563.html).
Im „Tagesspiegel“-Interview vom 21. Februar 2022 mit dem Titel „Ich will
kämpfen wie eine Löwin“ bekräftigt die Beauftragte der Bundesregierung für
Kultur und Medien: „Gerade das Humboldt Forum sollte ja immer zeigen, wie
offen dieses Land ist (…) Da sind Dinge passiert, die diesem Eindruck eher
zuwiderlaufen. Mir ist auch schleierhaft, wie man so eine Kuppelinschrift
machen kann.“ Weiterhin äußert die Kulturstaatsministerin: „Und dann setzt man
auch noch ein Kreuz obendrauf als Beleg der großen Weltoffenheit. Also da
will ich ran.“ Wir müssen uns dringend darüber verständigen, wie das
Humboldt Forum zu einem Ort der Weltoffenheit werden kann. Da gibt es viel
Gesprächsbedarf.“ Weiterhin äußert die Kulturstaatsministerin, sie habe sich im
Januar 2022 mit den Leitungen der deutschen Museen, in denen es Kulturgüter
aus dem ehemaligen Königreich Benin gebe, bei einer Konferenz
ausgetauscht. Laut der Staatsministerin habe sich eine neue Dynamik in der
Zusammenarbeit deutscher und afrikanischer Museen ergeben. Es sei ein Neubeginn,
den sie weiter begleiten möchte (
https://plus.tagesspiegel.de/kultur/interview-
mit-kulturstaatsministerin-claudia-roth-ich-werde-kampfen-wie-eine-lowin-39
7870.html).
Der Generalintendant des Humboldt Forums, Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh, hat
im Interview mit der „Berliner Morgenpost“ vom 11. September 2022 die
Aussage gemacht: „Wir gehen jetzt erstmals in den vollständigen Betrieb, und
wir müssen ganz klar sagen, dass wir noch keine gesicherte
Grundfinanzierung für die nächsten Jahre haben. Wir müssen mit dem Bund darüber reden,
wie die hohen Erwartungen an das Humboldt Forum umgesetzt und finanziell
abgesichert werden können.“ (
https://www.morgenpost.de/kultur/article23639
0149/Dorgerloh-Keine-gesicherte-Grundfinanzierung.html).
1. Welche kulturpolitischen Ziele sollte das Humboldt Forum nach Ansicht
der Bundesregierung bei den verschiedenen Dauer- und
Wechselausstellungen verfolgen?
Das Humboldt Forum ist laut Koalitionsvertrag zwischen SPD, BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN und FDP eine Kulturinstitution mit dezidiert internationaler
Ausrichtung.
Die Bundesregierung möchte das Humboldt Forum als Ort der demokratischen,
weltoffenen Debatte entwickeln. Die Ausstellungen sollen einer vorrangig
künstlerischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen, globalen
Themen sowie der Vielfalt und Diversität von Kulturen dienen und dabei
internationale Kooperationen fördern und unterstützen. Die multiperspektivische
Auseinandersetzung mit Themen in verschiedenen künstlerischen Formaten
befähigt dabei das Humboldt Forum zu einer neuen Ausgestaltung von
„Museum“: Über die klassischen Aufgaben des Museums (Sammeln, Bewahren
Beforschen) hinaus, soll es zunehmend darum gehen, einen „Dritten Ort“ zu
schaffen, der neue soziale und transkulturelle Verbindungen knüpft und
Resonanzen über nationale Grenzen hinaus bewirkt.
So besteht das vom Generalintendanten verantwortete Programm des Humboldt
Forums nicht nur aus Dauer- und Wechselausstellungen, sondern umfasst
ebenso die Ausstellungen der Humboldt Universität, der Stiftung Stadtmuseum,
die von der Stiftung Humboldt Forum (SHF) verantwortete „Geschichte des
Ortes“, Sonderausstellungen und Diskurs- und Veranstaltungsprogramm sowie
das akteursübergreifende Bildungs- und Vermittlungsprogramm.
Richtungsweisend sind dabei die von den Hausleitungen aller vier Akteure in
der Grundlagenstrategie festgelegten Ziele der internationalen Vielstimmigkeit,
der Einbeziehung der diversen Stadtgesellschaft und der transdisziplinären und
Zusammenarbeit, die Erfahrungswissen einbezieht.
2. Sollen nach Auffassung der Bundesregierung die Aufgaben und
Schwerpunkte des Humboldt Forums mit anderen Berliner Kulturinstitutionen
abgestimmt werden, und wenn ja, nach welchen Kriterien soll das
Programm des Humboldt Forums von diesen anderen Institutionen inhaltlich
abgegrenzt werden?
Das Humboldt Forum gestalten vier Institutionen gemeinsam: die Humboldt
Universität, die Stiftung Stadtmuseum, die Staatlichen Museen zu Berlin mit
dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst sowie die
SHF. Ausgehend von der Geschichte des Ortes und der in ihm beheimateten
Sammlungen dienen dabei die Hauptthemen Kolonialismus und Kolonialität als
Orientierung. Dabei unterscheidet sich naturgemäß die programmatische
Ausrichtung der einzelnen Institutionen je nach Schwerpunkt (Sammlung,
Wissenschaft, Berliner Stadtgesellschaft, Museum als „Dritter Ort“). Austausch und
Zusammenarbeit finden zu diesen Themen mit diversen Berliner Institutionen
und Kooperationspartnern statt, beispielsweise dem Deutschen Historischen
Museum, dem Haus der Kulturen der Welt, dem Hebbel am Ufer, der
Neuköllner Oper.
Im Hinblick auf Programmgestaltung für unterschiedliche Zielgruppen richtet
sich das Humboldt Forum, gemäß seiner strategischen Zielsetzung, an die
diverse Stadtgesellschaft. Das bedeutet ein Bemühen um Ansprache möglichst
großer Teile der Bevölkerung im Unterschied etwa zu Programmangeboten
lediglich für spezifische Bildungspublika.
3. Da laut Koalitionsvertrag zwischen SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und FDP die Bundesregierung das Humboldt Forum zu einem
„weltoffenen Ort“ machen möchte, wo sieht die Bundesregierung unmittelbar
Handlungsbedarf?
4. Gibt es konkrete Anhaltspunkte dafür, dass das bestehende
Ausstellungskonzept Defizite im Hinblick auf „Weltoffenheit“ oder „kulturelle
Vielfalt“ hat, und wenn ja, worin bestehen diese?
Die Fragen 3 und 4 werden gemeinsam beantwortet.
Das Humboldt Forum soll sich im Sinne des Koalitionsvertrags zwischen SPD,
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP zu einem Ort des transkulturellen und
interdisziplinären Austauschs der Künste, Kulturen und Wissenschaften über
global relevante Fragen entwickeln. Schwerpunkt liegt dabei auf der kritischen
Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und seinen Folgen, insbesondere
unter Nutzung der Bestände des Ethnologischen Museums und des Museums
für Asiatische Kunst der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Das Humboldt Forum hat sich dabei schon jetzt zu einem offenen Ort der
internationalen Begegnung entwickelt, an dem Altes hinterfragt wird und Neues
entsteht.
Um dem im Koalitionsvertrag zwischen SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und FDP formulierten Anspruch gerecht zu werden, muss sich das Humboldt
Forum gleichwohl kontinuierlich verändern und weiterentwickeln. Der Wille zu
Offenheit und Transparenz, die Anerkennung kolonialen Unrechts und
vielfältige neue Formen der Kooperation und der Koproduktion mit
Herkunftsgesellschaften sollen die Arbeit der Akteure im Humboldt Forum auch in Zukunft
bestimmen.
5. Was meint die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
mit der öffentlichen Äußerung im Kontext des Kreuzes „Also da will ich
dran“?
6. Teilt die Bundesregierung die Auffassung der Fragesteller, dass das
Kreuz auf der Kuppel zur historischen Rekonstruktion des Gebäudes
gehört, und hält die Bundesregierung an dieser historischen Rekonstruktion
einschließlich Kreuz fest?
7. Wie ist der aktuelle Stand der Beratungen zu einer inhaltlichen
Kontextualisierung oder Änderung der Kuppelinschrift?
Die Fragen 5 bis 7 werden gemeinsam beantwortet.
Die Bundesregierung ist sich der Problematik bewusst, die von einer
städtebaulich und baukulturell begründeten, gleichwohl politisch und religiös
interpretierbaren Wiederherstellung der monarchischen und christlichen Symbolik am
Gebäude einer Institution wie des Humboldt Forums ausgeht. Die
Bundesregierung begrüßt, dass die Stiftung die Elemente der Rekonstruktion des Berliner
Schlosses durch geeignete Formate und Maßnahmen kontextualisieren wird,
und wird hierüber im Stiftungsrat weiter beraten. Der Text einer
Informationstafel zur Kuppel, welche über den historischen Hintergrund der Entstehung der
Kuppel informieren und die Haltung der Akteure des Humboldt Forums zum
Ausdruck bringen soll, befindet sich derzeit in Abstimmung.
Als Teil der programmatischen Bemühungen zur Auseinandersetzung mit der
Symbolik von Kuppel, Kreuz und Inschrift arbeitet die SHF außerdem an der
Umsetzung eines Kunstprojektes zur temporären Überblendung der
rekonstruierten Inschrift mit alternativen, kommentierenden und reflektierenden Texten.
Dafür wird derzeit die technische Realisierbarkeit geprüft.
8. Was meint die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
mit der Aussage, dass das Humboldt- orum eine Baustelle ist, und
welche Folgen und konkreten politischen Maßnahmen ergeben sich daraus?
Sieht sie Änderungsbedarf am Bau oder an der Ausstellungskonzeption?
Teilt die gesamte Bundesregierung diese Einschätzung der
Bundesbeauftragten für Kultur und Medien?
9. Gibt es aus Sicht der Bundesregierung die Notwendigkeit oder konkrete
Bestrebungen bezüglich einer inhaltlichen Neugestaltung des Humboldt
Forums?
Wenn ja, welche Rolle soll nach Ansicht der Bundesregierung dabei der
Stiftungsrat einnehmen?
Die Fragen 8 und 9 werden gemeinsam beantwortet.
Auf die Antwort zu den Fragen 3 und 4 wird verwiesen.
10. Welches Konzept verfolgt die Bundesregierung, um mehr Menschen
sowie neue und kulturell vielfältige gesellschaftliche Gruppen für das
Humboldt Forum zu interessieren?
Wie möchte die Bundesregierung sicherstellen, dass das Humboldt
Forum eine breite internationale Öffentlichkeit anspricht?
Welche inhaltliche Profilbildung und thematischen
Schwerpunktsetzungen sind aus ihrer Sicht dafür erforderlich?
Bildung und Vermittlung gehören daher zu den Kernaufgaben, die die SHF
gemeinsam mit ihren institutionellen Partnern, den Akteuren, erfüllt.
Sie verfolgt dabei das Ziel, die inhaltliche Profilbildung und thematische
Schwerpunktsetzung gemeinsam mit Besuchern aus der diversen
Stadtgesellschaft und der Weltgemeinschaft zu gestalten und internationale Partner als
Stakeholder einzubeziehen. Um Zugänge zu unterschiedlichen Wissensformen zu
ermöglichen und daraus im Dialog neue Ideen zu entwickeln, ist das Humboldt
Forum bemüht, selbst seine Strukturen zu öffnen und Möglichkeiten zur
Teilhabe zu schaffen. Das umfasst sowohl interne strukturelle
Diversifizierungsmaßnahmen als auch die Schaffung einer externen Infrastruktur für globale
Teilhabe.
11. Warum wurden im Bundeshaushalt 2022 die Mittel für das Humboldt
Forum um 5 Mio. Euro gekürzt?
Welche organisatorischen, personellen, inhaltlich-konzeptionellen und
technischen Veränderungen sind damit verbunden?
Gibt es Planungen, die Mittelkürzungen durch Stellenreduzierung,
Einschränkung der Öffnungszeiten, Verringerung der Anzahl der
Ausstellungen oder Erhöhung der Eintritts- und Nutzungsentgelte zu
kompensieren?
12. Wie wird die Bundesregierung eine gesicherte Grundfinanzierung des
Humboldt Forums in den nächsten Jahren sicherstellen?
Wie viele Mittel sind und werden in den nächsten Jahren in den
Bundeshaushalt eingestellt?
Wann wurden bzw. werden darüber Gespräche mit dem Humboldt
Forum, insbesondere mit dem Generalintendanten geführt?
Die Fragen 11 und 12 werden gemeinsam beantwortet.
Die Hintergründe der im Rahmen des parlamentarischen Verfahrens zum
Bundeshaushalt 2022 erfolgten Mittelkürzung im Vergleich zum
Regierungsentwurf sind der Bundesregierung nicht bekannt.
Grundlage für die Haushaltsführung der SHF ist der Wirtschaftsplan des
jeweiligen Haushaltsjahres. Dabei obliegt es der SHF, durch
Einnahmenreduzierungen durch geeignete Maßnahmen zu kompensieren; für das Haushaltsjahr 2022
konnte die Kompensation insbesondere durch Restmitteln aus Vorjahren
erfolgen. Der Wirtschaftsplan für das Haushaltsjahr 2022 ist in Einnahmen und
Ausgaben ausgeglichen und wurde vom Stiftungsrat in seiner 39. Sitzung
beschlossen.
Über die Höhe der institutionellen Förderung in künftigen Jahren wird in den
jeweiligen Haushaltsaufstellungsverfahren entschieden, deren Ergebnisse
abzuwarten bleiben. In diesem Rahmen führt die BKM regelmäßige Gesprächen mit
dem Vorstand der SHF sowohl zum Mittelbedarf als auch zur Erstellung der
Wirtschaftspläne auf Grundlage der verabschiedeten Bundeshaushalte.
13. Welche Rolle sollte nach Auffassung der Bundesregierung bei der
kulturellen Nutzung des Humboldt Forums die Aufarbeitung der deutschen
Kolonialgeschichte spielen?
Mit welchen konzeptionellen Ansätzen und (museums)pädagogischen
Methoden soll nach Ansicht der Bundesregierung die deutsche
Kolonialgeschichte in den Räumen des Humboldt Forums dargestellt und
vermittelt werden?
Konzeptionelle Ansätze und museumsfachliche Methoden gehören zum
Kernbereich der kuratorischen Autonomie von Kultureinrichtungen, zu denen die
Bundesregierung daher keine Vorgaben machen kann. Die Akteure, die im
Humboldt Forum zusammenarbeiten, sehen in der kritischen Befassung mit
dem Kolonialismus und seinen bis heute fortdauernden Kontinuitäten eine ihrer
zentralen Aufgaben. Dabei geht es nicht nur um die Geschichte des Ortes und
die hier präsentierten Sammlungen, sondern auch um deren Relevanz in der
Gegenwart.
Grundlage für die Auseinandersetzung ist die kritische Aufarbeitung der
eigenen Geschichte und der Rolle der Museen im Kolonialismus. Dabei kommt der
Aufarbeitung der Erwerbungskontexte der Sammlungsbestände sowie der
Einbindung unterschiedlicher Perspektiven, insbesondere derer aus
Urhebergesellschaften, eine besondere Bedeutung zu. In Ausstellungen sowie im
spartenübergreifenden Veranstaltungsprogramm werden diese Themen für eine breite
Öffentlichkeit vermittelt. Neben der inhaltlichen Befassung mit den Themen
Kolonialismus und Kolonialität geben sie dabei auch methodische
Orientierung. Das bedeutet die Einbeziehung verschiedener Wissensformen und
transdisziplinärer Arbeitsweisen zur konkreten Aufarbeitung der Fragen rund um
diese Themen sowie zur multidirektionalen Aushandlung
globalgesellschaftlicher Fragen unserer Zeit.
In Bezug auf die Ausstellungen wurden grundsätzlich zu allen im Humboldt
Forum ausgestellten Werken und Objekten die Basisinformation zur jeweiligen
Provenienz erarbeitet und zur Verfügung gestellt.
Um die Erwerbskontexte ausgewählter Fokalobjekte in besonderer Weise
sichtbar zu machen, wurden Provenienzaufsteller in die Ausstellung integriert. Eine
Gratispublikation mit den Provenienzgeschichten ist in Deutsch und in
Englisch im Humboldt Forum für jeden Besucher und jede Besucherinverfügbar.
Die Inhalte sind auch per QR-Code aus dem Internet herunterzuladen. Neue
Ergebnisse der Provenienzforschung werden dort ebenfalls hochgeladen.
Große Ausstellungsbereiche widmen sich zudem explizit der deutschen
Kolonialgeschichte oder generell der Kolonialzeit und dem in dieser Zeit begangenen
Unrecht.
Derzeit laufen bereits Residency-Programme zur gemeinsamen Vermittlung
von Inhalten mit kolonialer Thematik zusammen mit Vermittlungsexperten aus
Herkunftsregionen.
14. Wie viele Ausstellungsstücke werden in den Sammlungen im Humboldt
Forum insgesamt ausgestellt?
Wie viele Ausstellungsobjekte davon stammen nach Kenntnis der
Bundesregierung aus ehemals deutschen Kolonialgebieten?
Wie viele stammen aus Kolonialgebieten anderer europäischer Länder,
und wie viele davon wurden nicht rechtmäßig erworben bzw. sind
sogenannter Raubkunst zuzuordnen (bitte detailliert auflisten)?
Ausgestellt sind derzeit ca. 10 000 Objekte, von denen etwa die Hälfte aus
Kontexten der deutschen Kolonialherrschaft stammen (siehe hierzu die
Definition des Deutschen Museumsbundes zu kolonialen Kontexten).
Eine detaillierte Auflistung liegt der Bundesregierung nicht vor. Sie kann
aufgrund der umfangreichen Anzahl der Objekte auch nicht innerhalb der
Antwortfrist erstellt werden.
15. Inwieweit sieht die Bundesregierung Bedarf, die gegenwärtigen
Maßnahmen im Bereich der Erinnerung an die Verbrechen der deutschen
Kolonialzeit zu intensivieren?
Welche Rolle kommt aus Sicht der Bundesregierung dem Deutschen
Historischen Museum in diesem Prozess zu?
Die Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialvergangenheit bleibt ein
wichtiger kulturpolitischer Schwerpunkt. Das Deutsche Historische Museum
hat sich der deutschen Kolonialzeit bereits vor längerem intensiv angenommen.
Verwiesen wird etwa auf die DHM-Ausstellung „Deutscher Kolonialismus –
Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“, die vom 14. Oktober 2016 bis
zum 14. Mai 2017 gezeigt wurde. Auch in der neuen Dauerausstellung, die sich
zur Zeit in Vorbereitung befindet, wird das Thema einen seiner Bedeutung
entsprechenden Rang einnehmen.
16. Wie sollen nach Ansicht der Bundesregierung zivilgesellschaftliche
Impulse in die Gesamtkonzeption des Humboldt Forums einfließen, die sich
kritisch mit den kolonialen Kontexten ethnologischer Sammlungen
auseinandersetzen?
Das Humboldt Forum hat als strategisches Ziel formuliert, ein Ort der diversen
Stadtgesellschaft sowie der internationalen Vielstimmigkeit zu werden.
Entsprechend erarbeitet es intensiv gemeinsam mit bestehenden Partnern, darunter
kritische Stimmen von Herkunftsgesellschaften, nachhaltige
Zukunftsperspektiven der Zusammenarbeit – so zuletzt im Rahmen eines umfangreichen
Symposiums anlässlich der Eröffnung des Ostflügels.
Außerdem lädt das Humboldt Forum zivilgesellschaftliche Akteure aus Berlin,
Deutschland und der ganzen Welt dazu ein, mittels Residency-Formaten,
kollaborativen Projekten sowie Beiratsfunktionen die Gesamtausrichtung des
Humboldt Forums mitzugestalten.
17. Sollen mit der Rückgabe von Ausstellungsobjekten an die
Herkunftsländer nach Kenntnis oder Vorstellung der Bundesregierung
Ausstellungsflächen für alternative Nutzungen vorgesehen werden, und wenn ja, wie
sehen entsprechende Überlegungen dazu aus?
Nach Kenntnis der Bundesregierung sind die Ausstellungsflächen auch im
Falle von Rückgaben für die gemeinsame Ausstellungsplanung im Rahmen u. a.
von Kooperationsprojekten mit internationalen Partnern reserviert. Ein Beispiel
sind die Flächen in der aktuellen Dauerausstellung, die den sogenannten Benin-
Bronzen gewidmet sind. Im Rahmen der Restitutionsvereinbarungen wurde
vereinbart, dass ca. 150 Objekte für zunächst 10 Jahre als Leihgaben in Berlin
verbleiben. Diese werden in wechselnden Präsentationen der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht, wobei diese Präsentationen in enger Abstimmung und
Kooperation mit den Partnern in Nigeria erarbeitet werden. Dabei ist der Prozess
der Restitution als eines der zentralen Narrative in die Erstpräsentation
aufgenommen worden, die historischen Objekte werden durch zeitgenössische
Werke aus Nigeria ergänzt.
18. Wie soll nach Ansicht der Bundesregierung der Austausch mit
außereuropäischen Herkunftsländern sowie lokalen und internationalen
Kooperationen bzw. Projekten bei der inhaltlichen Ausgestaltung von
Ausstellungen und anderen Programmprojekten gestärkt werden?
Hierfür gibt es aus Sicht der Bundesregierung vielfältige Bemühungen. Ein
Beispiel ist das Projekt „The Collaborative Museum“ des Ethnologischen
Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Ziel des Projektes ist es in den
kommenden drei Jahren die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern auf
verschiedenen Ebenen der Museumsarbeit und in der Befassung mit materiellen
und immateriellen Erbe gegenseitig zu stärken. Dieses umfasst kollaboratives
Arbeiten in folgenden Bereichen: Forschung, Vermittlung, Presse, Sprache,
Restaurierung, Capacity Building, Digitalisierung, Restitution und
Ausstellungskonzeptionen. Das Projekt basiert auf einem intensiven Residency-
Programm, in dem Partner direkt in die Arbeitsbereiche des Museums
eingebunden werden und diese mitgestalten können.
19. Wie viel Mitspracherecht soll den Herkunftsländern bei der Präsentation
ihrer Leihgaben bei der Gestaltung und dem Konzept der im Humboldt
Forum präsentierten Sammlungen eingeräumt werden, und in welchem
Rahmen?
Kooperation findet nach Kenntnis der Bundesregierung bereits in vielfältiger
Weise statt – ob in Ko-Kuration oder kollaborativer Forschung, durch
wissenschaftliche Beratung oder in künstlerischen Kommentaren. Die Art der
Zusammenarbeit und damit auch der Umfang des Mitspracherechtes hängt von
gemeinsam getroffenen Vereinbarungen ab und wird auch von den Gegebenheiten
in den jeweiligen Herkunftsländern bestimmt. Eine Einbindung ist aber, wo
immer möglich, beabsichtigt.
Im Übrigen wird auf die Ausführungen zur kuratorischen Autonomie in der
Antwort zu Frage 13 verwiesen.
20. Verhandelt die Bundesregierung mit weiteren Ländern neben Nigeria
derzeit über die Rückgabe von Kunst- und Ausstellungsobjekten bzw. hat
sie deren Rückgabe bereits vereinbart?
In welchen Fällen davon wird es nach Kenntnis der Bundesregierung zu
Dauerleihgaben an deutsche Museen kommen (bitte detailliert nach
Ländern auflisten)?
Die Bundesregierung führt aktuell keine weiteren Rückgabeverhandlungen.
21. Welches finanzielle Gesamtvolumen steht der Stiftung Preußischer
Kulturbesitz und wie viel davon dem Humboldt Forum für die
Provenienzforschung zur Verfügung (bitte detailliert auflisten)?
Da die im Humboldt Forum ausgestellten Objekte, deren Provenienzen
erforscht worden sind oder noch erforscht werden, zu Sammlungen der SPK
gehören, obliegt diese Aufgabe der SPK. Deswegen wurden bei der SPK vier
wissenschaftliche Mitarbeiterstellen für die Provenienzforschung eingerichtet, die
sich mit den außereuropäischen Sammlungen, darunter den im Humboldt
Forum ausgestellten Sammlungskonvoluten und Objekten befassen. Vier weitere
Stellen wurden für die Provenienzforschung zu anderen Erwerbungskontexten
eingerichtet.
22. Bei wie vielen der Objekte, die im Humboldt Forum gezeigt werden,
sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Provenienzen erforscht?
Nach Kenntnis der Bundesregierung wurden die Provenienzen aller
ausgestellter Objekte geprüft und nach aktuellem Kenntnisstand angegeben. Die
Erwerbskontexte wurden identifiziert. In verschiedenen Fällen sind nun
vertiefende Erforschungen gemeinsam mit den internationalen Partnern geplant.
23. Plant die Bundesregierung, den Bereich der Provenienzforschung am
Humboldt Forum auszubauen?
Wenn ja, sollen hierzu weitere Stellen am Humboldt Forum bzw. an der
Stiftung Preußischer Kulturbesitz geschaffen werden?
Provenienzforschung spielt aus Sicht der Bundesregierung eine zentrale Rolle
für eine zukunftweisende Museumsarbeit. Die systematische und
kontinuierliche Provenienzforschung an den Sammlungen des Ethnologischen Museums
und des Museums für Asiatische Kunst sind dabei ein zentrales Ziel. Zu den
hierfür bereits ausgebrachten Stellen wird auf die Antwort zu Frage 21
verwiesen.
24. Wie wird nach Kenntnis der Bundesregierung dabei auf die Provenienz
der Objekte verwiesen?
Auf die Antwort zu Frage 13 wird verwiesen.
25. Wie weit ist nach Kenntnis der Bundesregierung die historische
Rekonstruktion der Außenfassade mittlerweile fortgeschritten?
Welche konstitutiven Elemente fehlen noch?
Nach Kenntnis der Bundesregierung fehlt an der Fassade noch die sogenannte
große Wappenkartusche an Portal 3. Diese wird im Augenblick angefertigt und
soll im ersten Quartal 2023 angebracht werden.
Daneben gibt es noch sogenannte bauliche Optionen, deren mögliche
Realisierung u. a. von der Erbringung entsprechender Spenden abhängig sind, wie etwa
den zunächst zurückgestellten Ausbau von Portal 4 und 5 oder
Balustradenfiguren.
26. Welche noch fehlenden Elemente sind bereits in Auftrag gegeben, aber
noch nicht gefertigt, und warum?
27. Welche noch fehlenden Elemente müssen noch beauftragt werden, und
wann ist beabsichtigt, die Beauftragung vorzunehmen?
Wenn nicht, warum?
Die Fragen 26 und 27 werden gemeinsam beantwortet.
Nach Kenntnis der Bundesregierung wird der Ausbau von Portal 4 bis Ende des
Jahres abgeschlossen sein. Anschließend ist der Ausbau von Portal 5
vorgesehen. Der Ausbau kann nicht gleichzeitig erfolgen, da zum Ausbau zeitweise
Portalschließungen erforderlich sind und eine Zugänglichkeit des Humboldt
Forums von der Lustgartenseite immer gewährleistet sein muss.
Die Arbeiten für Balustradenfiguren neben und an der Kuppel haben begonnen.
Die Planungen dafür sind abgeschlossen und es wurden 1:1 Modelle
angefertigt. Weitere Aufträge sind nicht erteilt worden. Hierzu wurde im Stiftungsrat
noch Erörterungsbedarf gesehen.
28. Welche noch fehlenden Elemente sind bereits gefertigt, aber noch nicht
angebracht, und warum?
Wann ist von ihrer Realisierung am Bau auszugehen?
Nach Kenntnis der Bundesregierung gibt es keine bereits komplett gefertigten
Elemente, die noch nicht angebracht sind.
29. Finden nach Kenntnis der Bundesregierung aktuell Gespräche mit dem
Architekten Franco Stella über urheberrechtliche Fragen in Bezug auf die
plangetreue Realisierung und mögliche Abwandlungen am
Realisierungsentwurf statt?
Wenn ja, um welche Abweichungen handelt es sich dabei, und welche
Abweichungen hält die Bundesregierung dabei für notwendig, sinnvoll
und rechtlich möglich?
Die SHF befindet sich nach Kenntnis der Bundesregierung in regelmäßigem
Austausch mit dem Architekten Franco Stella und führt konstruktive Gespräche
über die weitere Realisierung der Pläne des Architekten. Dabei geht es auch um
mögliche Abweichungen vom Realisierungsentwurf und deren
urheberrechtlichen Anforderungen. Das Ergebnis der Gespräche bleibt abzuwarten.
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