[Deutscher Bundestag Drucksache 17/5027
17. Wahlperiode 15. 03. 2011 Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten René Röspel, Dr. Ernst Dieter
Rossmann, Dr. Hans-Peter Bartels, weiterer Abgeordneter
und der Fraktion der SPD
– Drucksache 17/4902 –
Offene Fragen und Forschungsbedarf hinsichtlich der zunehmenden Entstehung
(herbizid-)resistenter „Superunkräuter“
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Das Auftauchen (herbizid-)resistenter Beikräuter in der Landwirtschaft ist
kein neues Phänomen, sondern ein natürlicher evolutionärer Prozess, der
allerdings durch langjährigen monokulturellen Anbau, unabhängig davon, ob es
sich dabei um gentechnisch veränderte oder konventionelle Pflanzen handelt,
beschleunigt und verstärkt wird. Da aber gerade die sich auf dem Vormarsch
befindende Agro-Gentechnik die industrialisierte, monokulturelle
Landwirtschaft befördert, ist ein Anstieg von resistenten Beikräutern zu befürchten.
Erste Berichte über die in der öffentlichen Diskussion – und der Konsistenz
halber auch in diesem Antrag – so genannten Superunkräuter aus Ländern, in
denen bereits großflächig gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden,
deuten darauf hin, dass es sich hierbei um ein wachsendes Problem handelt.
Insofern stellt sich für Gesellschaft und Parlament die Frage nach dem
Wissensstand der Bundesregierung in dieser Frage sowie nach bestehenden
Erkenntnislücken sowie dem bestehenden Forschungsbedarf.
Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen hat in der Bundesrepublik
Deutschland weder eine lange Geschichte noch ist er bislang weit verbreitet.
Da allerdings die Agro-Gentechnik von der Koalition der Fraktionen der
CDU/CSU und FDP als eine Zukunftsbranche für Forschung, Wirtschaft und
Landwirtschaft mit großem Potenzial angesehen wird und im Rahmen der
Forschungsstrategie Bioökonomie auch zukünftig großzügig mit
Fördermitteln unterstützt werden soll, muss mit einem Zuwachs von Feldern, auf denen
gentechnisch veränderte Pflanzen wachsen, gerechnet werden. Aus diesem
Grunde stellt sich absehbar verstärkt die Frage, welche Erkenntnisse der
Bundesregierung in Bezug auf das vermehrte Auftreten von „Superunkräutern“
vorliegen und wo ein erhöhter Forschungsbedarf bereits heute erkennbar ist. Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz vom 10. März 2011 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 17/5027 – 2 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode1. Gibt es wissenschaftliche Ausarbeitungen zur Bewertung der Problematik
von so genannten Superunkräutern, und falls ja, um welche
Stellungnahmen bzw. Studien handelt es sich (bitte um tabellarische Übersicht)?
Der Bundesregierung sind keine wissenschaftlichen Ausarbeitungen bekannt,
die eine generelle Bewertung der Problematik resistenter Unkräuter in
Deutschland vornehmen. Sowohl in wissenschaftlichen Fachzeitschriften als auch in
der landwirtschaftlichen Fachpresse finden sich aber zahlreiche Studien und
Beiträge, die sowohl die Vermeidung der Entstehung von Herbizidresistenz als
auch die mit dem Auftreten von Herbizidresistenz verbundener Problematik
thematisieren. Folgend findet sich eine Übersicht dieser Fachbeiträge:
a) Beiträge in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Dissertationen
Bachthaler, G., Kees, H. & Dinzenhofer, B. (1983) The build-up of resistant
lines of arable weeds after continued use of herbicides, especially triazines.
Present state of knowledge of causes and practical consequences.
Nachrichtenblatt des Deutschen Pflanzenschutzdienstes 35, 161–168
Balgheim, N. (2009) Investigations on herbicide resistant grass weeds.
Unveröffentlichte Dissertation. Universität Hohenheim
Balgheim, N., Wagner, J. & Gerhards, R. (2008) Spatial distribution of
herbicide resistant Alopecurus myosuroides Huds. on field-scale: A case study.
Journal of Plant Diseases and Protection, Special Issue XXI, 63–68
Balgheim, R. (2006) Herbizidresistenzen vermeiden, Wirkstoffe erhalten – eine
Gemeinschaftsaufgabe von Beratung, Forschung und Praxis am Beispiel des
Ackerfuchsschwanz (Alopecurus myosuroides Huds.). Journal of Plant
Diseases and Protection, Special Issue XX, 49–56
Belz, R.G., Wagner, J.E. & Leidinger, N. (2008) Effects of binary mixtures of
fenoxaprop-P and chlortoluron on sensitive and herbicide resistant biotypes of
Alopecurus myosuroides Huds. Journal of Plant Diseases and Protection,
Special Issue XXI, 69–78
Drobny, H. G., Perez, J. M., Feierler, M., Felsenstein, F. G., Gertz, J.-R.,
Schleich-Saidfar, C. et al. (2008) Auftreten und Charakterisierung von
einzelnen Kamille-Populationen (Matricaria recutita L.) mit Resistenz gegen ALS-
Hemmer in Schleswig-Holstein. Journal of Plant Diseases and Protection,
Special Issue XXI, 11–20
Drobny, H. G., Salas, M. & Claude, J.-P. (2006) Management of metabolic
resistant black-grass (Alopecurus myosuroides Huds.) populations in Germany –
challenges and opportunities. Journal of Plant Diseases and Protection, Special
Issue XX, 65–72
Kees, H. (1988) Die Entwicklung triazinresistenter Samenunkrauter in Bayern
und Erfahrungen mit deren Bekämpfung. Gesunde Pflanze 40, 407–412, 414
Kees, H. (1978) Beobachtungen über Resistenzerscheinungen bei der
Vogelmiere (Stellaria media) gegen Atrazin im Mais. Gesunde Pflanze 30, 137
Massa, D., Krenz, B. & Gerhards, R. (2011) Target-site resistance to ALS-
inhibiting herbicides in Apera spica-venti populations is conferred by documented
and previously unknown mutations. Weed Research (in press)
Menne, H. J., Wagner, J., Schleich-Saidfar, C., Hoppe, J. H., Zange, B. &
Bartels, M. (2008) Target-site resistance in black-grass (Alopecurus myosuroides
Huds.) to ACCase inhibiting herbicides in Northern Germany – Are there
correlating factors in the agronomic production systems? Journal of Plant Diseases
and Protection, Special Issue XXI, 31–36
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 3 – Drucksache 17/5027Michel, A. (2000) Untersuchungen zur Resistenz von Amaranthus spp. und
Conyza canadensis (L.) Cronq. gegen verschiedene ALS-Inhibitoren. Dissertation,
Universität Hohenheim
Niemann, P., & Zwerger, P. (2006) Über Herbizidresistenzen bei Apera
spicaventi (L.) P.B. Journal of Plant Diseases and Protection, Special Issue XX,
81–88.
Niemann, P., Bünte, R. & Hoppe, J. H. (2002) First proofs of
flupyrsulfuronresistance within Alopecurus myosuroides in Northern Germany. Gesunde
Pflanzen 54, 183
Niemann, P. (2000) Resistance of silky bentgrass (Apera spica-venti) against
Isoproturon. Mitt. Biol. Bundesanst. Land.- Forstwirtsch. 376, 147–148
Niemann, P. & Pestemer, W. (1984) Resistance of blackgrass (Alopecurus
myosuroides) from different sites to herbicides. Nachrichtenblatt des Deutschen
Pflanzenschutzdienstes 36, 113–118.
Wagner, J. E. (2004) Wirkortspezifische ALS-Inhibitor-Resistenz bei
Amaranthus spp. Dissertation, Universität Hohenheim (ISBN 3-86186-466-5)
Zwerger, P., Richter, O. & Böttcher, U. (2002) Strategien gegen die
Entwicklung von Einfach- und Mehrfach-Herbizidresistenzen bei Unkräutern. Journal
of Plant Diseases and Protection, Special Issue XVIII, 383–390.
b) Beiträge in der landwirtschaftlichen Fachpresse
Ahlers, D. (2011) Knapp die Kurve gekriegt. DLG-Mitteilungen 02/2011,
44–47
Balgheim, R. (2009) Ungräser – Immer mehr Resistenzen. DLG-Mitteilungen
09/2009, 44–47
Bartels, M. (2008) Wenn die Ungräser resistent werden… Top Agrar 09/2008
Kreye, H. & Ludewig, H.-M. (2011) Herbizide: Überlisten sie die Resistenzen!
Top Agrar 01/2011, 94–101
Meinlschmidt, E., Schröder, G. (2011) Damit es nicht soweit kommt. dlz
agrarmagazin Februar 2011
Ommen, T. (2010) Marschbauern müssen umdenken. LAND &Forst 39, 16–18
Petersen, J. (2011) Hausgemachte Probleme. DLG-Mitteilungen 02/2011,
48–49
Petersen, J. (2011) Aktuelle Situation der Herbizidresistenz bei Ungräsern.
Getreidemagazin 01/2011, 8–12
Petersen, J., Krato, C. & Schläfer, S. (2010) Herbizidresistenz bei Ungräsern –
Droht das Ende des intensiven Getreideanbaus? Getreide Magazin 01/2010, 4–7
Petersen, J. & Wagner, J. (2009) Schleichende Verschärfung. DLG-
Mitteilungen 01/2009, 40–42
Werner, B & Seemann, E. (2010) Keine Kompromisse gegen resistente
Schadgräser. Top Agrar 09/2010, 48–53
Wolber, D. (2010) Wie auf Herbizidresistenzen reagieren? Getreide Magazin
03/2010, 2–8
Wolber, D. (2010) Resistenzvermeidung im Blickpunkt. LAND &Forst 5, 16–24
Drucksache 17/5027 – 4 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode2. Welche in Deutschland aufgetretenen Fälle von unerwünschten
Resistenzen gegen Herbizide bei Unkräutern sind bisher aufgetreten (bitte um
tabellarische Übersicht)?
In Deutschland sind bisher bei 16 Unkrautarten Resistenzen aufgetreten.
Während, wie auch in der Antwort zu Frage 10 beschrieben, zunächst in den 80er-
Jahren Resistenzen gegen Triazine bei zweikeimblättrigen Arten auftraten, hat
in den letzten Jahren ein deutlicher Anstieg der Resistenzfälle bei Ungräsern
(vor allem Ackerfuchsschwanz (Alopecurus myosuroides) und Windhalm
(Apera spica-venti)) stattgefunden. Von Resistenz betroffen sind bei diesen
beiden Arten vor allem die Wirkstoffgruppen der ACCase-Inhibitoren und der
ALS-Inhibitoren. In Tabelle 1 findet sich eine Übersicht über die bisher in
Deutschland aufgetretenen Fälle von Herbizidresistenz bei Unkräutern.
Tab. 1: Bisher aufgetretene Fälle von Herbizidresistenz bei Unkräutern in
Deutschland (Quelle:
www.weedscience.org; ergänzt)
Zeitpunkt des
Auftretens
Unkrautart Wirkstoff Wirkstoffgruppe
(HRAC-Klasse*)
Bemerkung
1983 Alopecurus
myosuroides
Chlorotoluron, Isoproturon
Fenoxaprop-P-Ethyl
Harnstoffe und Amide (C2),
ACCase-Inhibitoren (A)
Multiple
Resistenz
2001 Alopecurus
myosuroides
Flupyrsulfuron-Methyl ALS-Inhibitoren (B)
2003 Alopecurus
myosuroides
Clethodim, Cycloxydim,
Fenoxaprop-P-Ethyl,
Fluazifop-P-Butyl
ACCase-Inhibitoren (A)
2007 Alopecurus
myosuroides
Chlorotoluron, Isoproturon,
Fenoxaprop-P-Ethyl,
Pinoxaden,
Mesosulfuron-Methyl,
Flufenacet
Harnstoffe und Amide (C2),
ACCase-Inhibitoren (A),
ALS-Inhibitoren (B),
Chloroacetamide und Andere (K3)
Multiple
Resistenz
1980 Amaranthus retroflexus Atrazin
Fenuron
Photosystem-II-Inhibitoren (C1),
Ureas and amides (C2)
Multiple
Resistenz
1997 Apera spica-venti Isoproturon Harnstoffe und Amide (C2)
2005 Apera spica-venti Sulfosulfuron ALS-Inhibitoren (B)
2009 Apera spica-venti Fenoxaprop-P-Ethyl,
Pinoxaden,
Iodosulfuron-Methyl,
Sulfosulfuron
Isoproturon
ACCase-Inhibitoren (A),
ALS-Inhibitoren (B),
Harnstoffe und Amide (C2)
Multiple
Resistenz
2008 Apera spica-venti Chlorsulfuron, Florasulam,
Flupyrsulfuron-Methyl,
Iodosulfuron-Methyl,
Mesosulfuron-Methyl,
Pyroxsulam, Sulfometuron-
Methyl, Sulfosulfuron
ALS-Inhibitoren (B)
1980 Atriplex patula Atrazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
1980 Chenopodium album Simazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
2010 Chenopodium album Metamitron Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
1980 Chenopodium ficifolium Atrazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
1988 Chenopodium
polyspermum
Atrazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
1988 Epilobium tetragonum Atrazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
1980 Galinsoga ciliata Atrazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
2008 Lolium perenne Pinoxaden,
Iodosulfuron-Methyl,
Pyroxsulam,
ACCase-Inhibitoren (A)
ALS-Inhibitoren (B)
Multiple
Resistenz
2008 Matriacaria recutita Tribenuron-Methyl ALS-Inhibitoren (B)
1980 Poa annua Atrazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 5 – Drucksache 17/5027* Anhand der HRAC-Klassifizierung (HRAC = Herbicide Resistance Action Comitee) werden die vorhandenen herbiziden Wirkstoffe bezüglich
ihrer Wirkungsmechanismen bzw. Wirkstoffklassen eingeteilt (Schmidt, R. R. (1997) HRAC classification of herbicides according to mode of
action. Proceedings of the British Crop Protection Conference – Weeds, 1133).
3. Gibt es von der Bundesregierung geförderte Forschungsprojekte zur
Bekämpfung von Resistenzen gegen Herbizide bei Unkräutern?
Im Rahmen des Programms zur Innovationsförderung (Bekanntmachung 1.
Februar 2011) beabsichtigt das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft
und Verbraucherschutz (BMELV) Projekte zur Verbesserung des
Resistenzmanagements für Schadorganismen und Verfahren zur zielgerichteten Ermittlung
von Wirt-Parasit-Beziehungen und pflanzlichen Resistenzmechanismen zu
fördern.
Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft als Selbstverwaltungsorganisation
der Wissenschaft, die ihre finanziellen Mittel zum größten Teil von Bund und
Ländern erhält, fördert Forschung zur Herbizidresistenz.
4. Aus welchen Haushaltstiteln werden Forschungsprojekte zum Thema
„herbizidresistene Unkräuter“ gefördert, und werden die Hersteller von
Herbiziden an den Kosten dieser Forschungsprojekte beteiligt?
Hersteller von Herbiziden sind an Biotest-Ringversuchen zur Überprüfung der
Aussagekraft verschiedener Biotestmethoden beteiligt. Zusätzlich erfolgen
durch die Zulassungsinhaber von Herbiziden im Rahmen der jeweiligen
„Produkt-Stewardships“ regelmäßig Anlassuntersuchungen in der Praxis.
Bei Forschungsprojekten, die im Rahmen des Programms zur
Innovationsförderung gefördert werden, ist eine substanzielle wirtschaftliche Beteiligung
Zuwendungsvoraussetzung.
Im Bereich der vom BMELV finanzieren Ressortforschung befasst sich das
Julius Kühn-Institut, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI), im
Rahmen seiner Aufgaben u.a. mit herbizidresistenten Unkräutern.
5. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass die Hersteller von
Herbiziden an den Kosten für die Forschung zur Bekämpfung von
Herbizidresistenzen beteiligt werden sollten, und wenn nein, warum nicht?
Die Zulassungsinhaber von Herbiziden forschen seit vielen Jahren auf dem
Gebiet der Herbizidresistenz. Neben der Entwicklung von Herbiziden mit neuen
Wirkmechanismen und neuen Formulierungen liegt ein weiterer Schwerpunkt
auf Monitoringprogrammen zur Erfassung der Resistenzdynamik,
molekularbiologischen Untersuchungen zur Resistenzanalyse, Gewächshaus- und
Feldversuchungen zur Beschreibung der Resistenzdynamik unter dem Einfluss
verschiedener Bekämpfungsstrategien sowie der Erarbeitung von
Resistenzmanagementstrategien für die landwirtschaftliche Praxis (z. B.
Herbizidempfehlungen für resistenzgefährdete Standorte). Die Kosten dieser
Forschungsarbeiten werden von der chemischen Industrie getragen.
1988 Polygonum
lapathifolium
Atrazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
1980 Senecio vulgaris Atrazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
1980 Solanum nigrum Atrazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
1978 Stellaria media Atrazin Photosystem-II-Inhibitoren (C1)
Zeitpunkt des
Auftretens
Unkrautart Wirkstoff Wirkstoffgruppe
(HRAC-Klasse*)
Bemerkung
Drucksache 17/5027 – 6 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode6. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung bereits ergriffen oder plant
sie zu ergreifen, um ein wirksames Resistenzmanagement zu etablieren,
und welche Forschungsprojekte werden diesbezüglich unterstützt?
Im Rahmen des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von
Pflanzenschutzmitteln ist es das Ziel, die Risiken, die durch die Anwendung
von Pflanzenschutzmitteln entstehen können, u. a. durch Förderung von
Verfahren des integrierten Pflanzenschutzes zu reduzieren bzw. durch Förderung
von Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz gänzlich zu vermeiden. Zur
Förderung von Verfahren des integrierten Pflanzenschutzes gehören u. a.,
Strategien zur Vermeidung der Resistenzbildung von Schadorganismen gegenüber
Pflanzenschutzmitteln zu erarbeiten und praktisch umzusetzen. Im Rahmen des
Programms zur Innovationsförderung des BMELV werden entsprechende
Projekte initiiert und gefördert.
7. Sind Einrichtungen der Ressortforschung mit dem Thema
„Superunkräuter“ befasst, und wenn ja, welche Einrichtungen, und wenn nein, warum
nicht?
Das Julius Kühn-Institut (JKI) beschäftigt sich seit vielen Jahren eingehend
experimentell mit Fragen der Herbizidresistenz bei Unkräutern. Darüber hinaus
wurde am Julius Kühn-Institut ein Fachausschuss „Herbizidresistenz“ aus
Vertretern der Bundesbehörden (JKI und BVL), der Pflanzenschutzdienste der
Länder, der Universitäten und der Industrie ins Leben gerufen, der über aktuelle
Fragen zur Herbizidresistenz berät und Lösungsstrategien erarbeitet. Aktuell
stehen zwei Resistenzinformationsflyer zur Verfügung, die auf der Internetseite
des JKI verfügbar sind (
www.jki.bund.de). Es werden Informationen zur
Entstehung und Vermeidung von Herbizidresistenzen im Ackerbau gegeben.
Ferner prüft und bewertet das JKI die Resistenzproblematik bei der
Pflanzenschutzmittelzulassung.
8. Hat sich die Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit bereits
mit dem Thema „Superunkräuter“ befasst, und wenn nein, warum nicht?
Die Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit (ZKBS) hat sich mit
dem Thema in einer Stellungnahme vom 8. Juni 2010 zu einem Antrag der
Firmen KWS Saat AG und Monsanto Europe S.A. auf Genehmigung des
Inverkehrbringens der gentechnisch veränderten Zuckerrübe H7-1 befasst, die
gegenüber dem Herbizidwirkstoff Glyphosat resistent ist. Zu dem Aspekt
„Glyphosat-resistente Unkräuter“ hat die ZKBS in dieser Stellungnahme
empfohlen, dass im Fall des Anbaus der Zuckerrübe H7-1 in Europa einer
Resistenzentwicklung gegen Glyphosat durch den Einsatz anderer
Herbizidwirkstoffe in der Fruchtfolge entgegengewirkt wird. Entsprechende
Anwendungsempfehlungen sollten den Landwirten, die die Zuckerrübe H7-1 anbauen, zur
Verfügung gestellt werden, und die Beachtung dieser Empfehlungen sollte im
Rahmen des Monitorings erfasst werden. Gleichzeitig sollte das Auftreten
Glyphosat-toleranter Wildkräuter und -gräser kontinuierlich beobachtet
werden, um gegebenenfalls rechtzeitig mit geeigneten Maßnahmen, zum Beispiel
Umstellungen des Unkrautmanagements, reagieren zu können.
9. Waren die so genannten Superunkräuter bereits Thema in den Beratungen
des Bioökonomierates, und wenn nein, warum nicht?
Der BioÖkonomieRat hat sich bislang noch nicht explizit mit der Thematik der
„Superunkräuter“ befasst. Sowohl in seinem Gutachten „Innovation
Bioökonomie“, als auch in dem von der AG Pflanze des BioÖkonomieRats verfassten
Bericht „Pflanzenforschung für eine nachhaltige Bioökonomie“ wird jedoch
auf die Notwendigkeit verwiesen, Landwirtschaft nachhaltig zu gestalten. Der
Bericht zur Pflanzenforschung zielt auf die Entwicklung eines integrierten An-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 7 – Drucksache 17/5027satzes in der Landwirtschaft ab, der die Funktion des ganzen Ökosystems
beachtet, und geht dabei auch auf die Notwendigkeit zur Erforschung und
Entwicklung neuer Pflanzenschutzmittel und Applikationstechniken ein.
10. Welche internationalen Fälle von Unkrautresistenzen sind der
Bundesregierung bekannt?
Weltweit ist bisher bei 197 Unkrautarten eine Herbizidresistenz aufgetreten.
Dabei handelt es sich um 155 dikotyle und 82 monokotyle Unkrautarten. Die
Anzahl der resistenten Biotypen ist seit den 80er-Jahren deutlich angestiegen
(Abb. 1).
Abb. 1: Anzahl der bisher weltweit aufgetretenen resistenten Biotypen (Quelle:
Heap, I. (2010),
www.weedscience.org)
Während zunächst vor allem die Wirkstoffgruppe der Triazine von
Resistenzerscheinungen betroffen war, traten in den letzten Jahren vermehrt Resistenzfälle
gegenüber der Wirkstoffgruppe der ALS-Inhibitoren auf (Abb. 2).
Abb. 2: Anzahl der bisher weltweit aufgetretenen resistenten Biotypen in den
unterschiedlichen Wirkstoffklassen (Quelle: Heap, I. (2010),
www.weedscience.org)
Drucksache 17/5027 – 8 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode11. Gibt es Forschungsprojekte auf EU-Ebene, die sich mit der Bekämpfung
von resistenten Unkräutern befassen?
Der Bundesregierung ist bekannt, dass in verschiedenen EU-Ländern (z. B.
Vereinigtes Königreich, Belgien) Forschungsprojekte zur Herbizidresistenz
durchgeführt werden. Eine EU-weite Ausschreibung zu dem Thema ist bisher
nicht erfolgt.
12. Wie bewertet die Bundesregierung die aktuellen Berichte über
Resistenzen im Bereich des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen im
Vergleich zur Entstehung von Resistenzen für Herbizide in der
konventionellen Landwirtschaft, und welche wissenschaftlichen Studien sind der
Bundesregierung diesbezüglich bekannt?
2011 werden in Deutschland, mit Ausnahme eines zwei Hektar Schlages in
Sachsen-Anhalt, auf dem die gentechnisch veränderte Stärkekartoffel Amflora
vermehrt wird, keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut. Somit
liegen in Deutschland deutlich andere Anbausysteme vor als in Ländern mit
Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen. Grundsätzlich ist es jedoch so,
dass die einseitige Anwendung des gleichen Herbizids oder Herbizide der
gleichen Wirkungsklasse in allen Anbausystemen die Selektion von
unempfindlichen Unkrautpopulationen fördern kann.
Die im Bereich des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen
aufgetretenen Resistenzen betreffen in der Mehrzahl der Fälle den Wirkstoff Glyphosat.
Weltweit sind derzeit 21 Unkrautarten mit Resistenz gegen Glyphosat bekannt,
die vor allem in den USA, Canada und Australien auftraten (Heap, 2011). In
Europa wurden bisher nur fünf resistente Unkrautarten beobachtet (Tab. 2).
Tab. 2: Auftreten Glyphosat-resistenter Biotypen in Europa
Auffällig ist, dass resistente Biotypen in Europa bisher nur in ausdauernden
Kulturen (Weinbergen, Obst-, Citrus-, Oliven-Plantagen) unter 2- bis 4-maliger
Glyphosat-Anwendung aufgetreten sind. So scheinen Glyphosat-resistente
Biotypen vor allem bei einem hohen und einseitigen Einsatz Glyphosat-haltiger
Herbizide selektiert zu werden, insbesondere wenn keine alternativen
Unkrautbekämpfungsmöglichkeiten angewendet werden (Powles, 2008). In den USA
haben sich resistente Biotypen vor allem in solchen Fruchtfolgen ausgebildet, in
denen ein hoher Anteil oder ausschließlich gentechnisch veränderte
herbizidtolerante Kulturpflanzen mit Glyphosat-Toleranz angebaut werden und sich die
Unkrautbekämpfung daher vornehmlich auf den alleinigen Einsatz von
Glyphosat beschränkt (Waltz, 2010). Durch den Verzicht auf einen Wirkstoffwechsel
und den damit vorhandenen hohen Selektionsdruck wurde so eine hohe Anzahl
an resistenten Biotypen selektiert, die durch Glyphosat nicht mehr bekämpft
werden können. In Deutschland wurden bisher keine Glyphosat-resistenten
Biotypen gemeldet. Dies lässt sich vor allem auf die deutlichen Unterschiede in
den ackerbaulichen Anbausystemen zurückführen. So wird Glyphosat in
Land Art Jahr
Spanien Conyza bonariensis 2004
Conyza canadensis 2006
Conyza sumatrensis 2009
Lolium rigidum 2006
Lolium multiflorum 2006
Tschechische Republik Conyza canadensis 2007
Frankreich Lolium rigidum 2005
Italien Lolium spp. 2007
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 9 – Drucksache 17/5027Deutschland durch den nicht-vorhandenen Anbau von Glyphosat-toleranten
Kulturen bisher in deutlich geringem Ausmaß als in den USA oder Australien
eingesetzt. Die in Deutschland beobachteten Resistenzen (vor allem bei
Ungräsern) sind meist in solchen Anbausystemen aufgetreten, in denen aufgrund
einseitiger Fruchtfolgen vermehrt gleiche Wirkstoffe eingesetzt wurden und sich
daher der Selektionsdruck stark erhöhte. Allerdings wird in Deutschland auf
dem Großteil der landwirtschaftlichen Ackerfläche ein Fruchtwechsel
praktiziert. Damit assoziiert ist in der Regel auch ein Wechsel der Wirkstoffe, der die
Wahrscheinlichkeit einer Resistenzentstehung deutlich reduziert.
In Deutschland sind Resistenzen bisher vor allem in den Ungrasarten
Alopecurus myosuroides und Apera spica-venti aufgetreten. Diese Resistenzen richten
sich in erster Linie gegen die Wirkstoffgruppen der ACCase- und ALS-
Inhibitoren. Da zur Bekämpfung resistenter Biotypen neben anbautechnischen
Maßnahmen weitere Wirkstoffgruppen zur Verfügung stehen, können diese
resistenten Ungrasarten weiterhin weitgehend kontrolliert werden. Durch die
beschriebenen Unterschiede in den Anbausystemen zwischen USA und Deutschland
und dem damit verbundenem Resistenzmanagement erscheint es daher
unwahrscheinlich, dass die in den USA beschriebenen Resistenzfälle gegenüber
Glyphosat in naher Zukunft auch in Deutschland auftreten könnten. Allerdings
wird Glyphosat in Deutschland u. a. durch den steigenden Verzicht auf
wendende Bodenbearbeitung in den letzten Jahren vermehrt vor oder nach der Saat
und vor der Ernte zur Sikkation eingesetzt.
Studien zu einem direkten Vergleich der Entstehung von Resistenzen im
Bereich des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen gegenüber der
Entstehung in der konventionellen Landwirtschaft sind dem JKI nicht bekannt.
13. Sieht die Bundesregierung einen Zusammenhang zwischen der Agro-
Gentechnik und der Entstehung von „Superunkräutern“, und falls ja,
welche Rolle spielt dieser Aspekt für die Bewertung der Agro-Gentechnik
durch die Bundesregierung?
Es besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem seit einigen Jahren
stark angestiegenen Anbau gentechnisch veränderter herbizidtoleranter
Kulturpflanzen in den USA in Verbindung mit dem entsprechenden Einsatz von
Herbiziden und den dort durch das Auftreten herbizidtoleranter Unkräuter
verursachten Problemen für Landwirte.
Der Zusammenhang betrifft den Anbau gentechnisch veränderter
herbizidtoleranter Kulturpflanzen, er gilt nicht zwangsläufig allgemein für die Grüne
Gentechnik. Die eventuellen Folgen des Anbaus gentechnisch veränderter
herbizidtoleranter Kulturpflanzen, zu denen auch das mögliche Auftreten
herbizidresistenter Unkräuter zählt, sind jeweils im Einzelfall für konkrete Kombinationen
aus GVO bzw. Kulturpflanzenart und Herbizidwirkstoff zu bewerten.
Die im Bereich des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen
aufgetretenen Resistenzfälle beziehen sich fast ausschließlich auf den Wirkstoff Glyphosat.
Wie schon in der Antwort zu Frage 12 beschrieben, sind diese resistenten
Biotypen unter dem häufigen Einsatz von Glyphosat-haltigen Herbiziden und dem
damit verbundenen hohen Selektionsdruck entstanden. Werden, wie
beispielsweise in den USA, nur gentechnisch veränderte Kulturarten in der Fruchtfolge
angebaut und folglich primär Glyphosat zur Unkrautbekämpfung eingesetzt, ist
das Risiko einer Resistenzentstehung deutlich erhöht.
14. Ist der Bundesregierung bekannt, wie sich das vermehrte Auftreten von
„Superunkräutern“ auf den Herbizideinsatz auswirkt, und teilt die
Bundesregierung die Auffassung, dass sich durch das vermehrte Auftreten
Drucksache 17/5027 – 10 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodevon „Superunkräutern“ der Vorteil, der allgemein in Bezug auf den
Herbizideinsatz bei der Nutzung von gentechnisch veränderten Pflanzen
konstatiert wird, mittelfristig mehr als kompensiert wird?
In Europa werden, sieht man von örtlich und zeitlich begrenzten Freisetzungen
ab, bisher keine gentechnisch veränderten herbizidtoleranten Pflanzen
angebaut. Diesbezügliche Erfahrungen liegen bisher hauptsächlich aus den USA
vor. Diese sind, wie bereits in der Antwort zu Frage 12 festgestellt, nur sehr
eingeschränkt auf die Landwirtschaft in Deutschland übertragbar.
Im Übrigen lässt sich die Frage nicht pauschal, sondern nur für konkrete
Einzelfälle (Kombinationen aus GVO bzw. Kulturpflanzenart und
Herbizidwirkstoff) beantworten.
In Deutschland kann, unabhängig davon, das Auftreten von resistenten
Unkräutern insbesondere in getreidereichen Fruchtfolgen zu der Notwendigkeit eines
erhöhten Herbizideinsatzes führen. So müssen zusätzlich zu den regulären
Herbizidbehandlungen in der stehenden Kultur eventuell noch Glyphosat-
Applikationen vor der Saat durchgeführt werden, um vorhandene resistente Biotypen
bekämpfen zu können. Allerdings trifft dies nur auf Unkräuter mit einer
Resistenz gegen mehrere Wirkstoffklassen zu. Sind nur einzelne Wirkstoffklassen
betroffen, können alternierende Wirkstoffe in der Kultur eingesetzt werden, so
dass der Herbizideinsatz nicht zwangsläufig steigen muss. Zusätzliche
Herbstbehandlungen mit bodenwirksamen Herbiziden können als Bestandteil eines
Herbizidmanagements von Bedeutung sein und insgesamt die Intensität des
Herbizideinsatzes erhöhen.
Grundsätzlich ist unabhängig vom Anbausystem festzustellen, dass die
Selektion von resistenten Unkräutern durch die einseitige Anwendung von
Herbiziden gefördert wird. Dies ist bei gentechnisch veränderten Pflanzen, die gegen
ein Herbizid tolerant sind, häufig der Fall. Eine einseitige Herbizidanwendung
fördert die Selektion resistenter Unkrautbiotypen – bei gentechnisch
veränderten aber auch bei konventionellem Nutzpflanzenanbau.
In Ländern wie USA und Australien, in denen durch den einseitigen Einsatz von
Pflanzenschutzmitteln Glyphosat-resistente Unkräuter aufgetreten sind, sind die
Landwirte z. T. gezwungen zusätzlich zu Glyphosat weitere Wirkstoffe
einzusetzen. So war der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (gemessen in
Wirkstoffmenge pro Fläche) in den USA im Jahr 2008 in gentechnisch veränderten
Kulturen deutlich höher als in konventionell angebauten Kulturen (vgl. Cherry, B.
(2010) GM crops increase herbicide use in the United States. Science in Society
45, 44–46).
15. Für wie wahrscheinlich hält die Bundesregierung das Auftauchen von so
genannten Superunkräutern in Deutschland durch den vermehrten Einsatz
von gentechnisch veränderten Pflanzen, und wie wird die Einschätzung –
insbesondere aufgrund welcher wissenschaftlicher Studien – begründet?
Im Fall eines zukünftigen Anbaus von gentechnisch veränderten
herbizidtoleranten Kulturpflanzen in Deutschland könnte dem Auftreten und der
Ausbreitung herbizidresistenter Unkräuter dadurch entgegengewirkt werden, dass bei
der Unkrautbekämpfung die Prinzipien des integrierten Pflanzenschutzes
beachtet werden. Unter der Voraussetzung, dass dies sichergestellt wird, wird es
als unwahrscheinlich angesehen, dass möglicherweise entstehende
herbizidresistente Unkräuter in Deutschland vergleichbare Probleme wie in den USA
verursachen.
Im Übrigen ist bei der Anwendung von Herbiziden immer mit dem Auftreten
herbizidresistenter Unkräuter zu rechnen, unabhängig davon, ob die Anwen-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 11 – Drucksache 17/5027dung in Kombination mit gentechnisch Herbizid resistent gemachten
Kulturpflanzen erfolgt oder mit konventionell gezüchteten Kulturpflanzen. In
Deutschland beobachtet u. a. die amtlichen Pflanzenschutzdienste solche
Entwicklungen und berät Landwirte über geeignete Gegenmaßnahmen.
Im Fall von Glyphosat-resistenten Kulturpflanzen zeigen die Erfahrungen aus
dem Anbau in den USA, Argentinien und Brasilien, dass die wiederholte
Anwendung von Glyphosat zur Entstehung von herbizidresistenten Unkräutern
führt. Allerdings entstanden Resistenzen gegen Glyphosat auch unabhängig
vom Anbau von gentechnisch veränderten Kulturpflanzen, in der Regel in
Dauerkulturen und in geringerem Ausmaß. Durch agronomische Maßnahmen beim
Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen (z. B. Einsatz von alternativen
Herbiziden mit unterschiedlichem Wirkmechanismus, weite Fruchtfolge) kann
der Selektionsdruck aber niedrig gehalten und so das Risiko der Entstehung
von resistenten Unkräutern minimiert werden. Berichte über Resistenzen gegen
den ebenfalls im Zusammenhang mit gentechnisch veränderten Kulturpflanzen
eingesetzten Herbizidwirkstoff Glufosinat-Ammonium liegen bisher nicht vor
(vgl. Powles, S.B., 2008. Evolved glyphosate-resistant weeds around the world:
lessons to be learnt. Pest Managemnent Science 64, 360–365; Green, J.M.,
2007. Review of glyphosate and ALS-inhibiting herbicide crop resistance and
resistant weed management. Weed Tech. 21, 547–558).
16. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung für ihre
Landwirtschafts- sowie Forschungspolitik aus den Berichten über eine „superweed
explosion“ in den USA (siehe etwa Wall Street Journal „Superweed
Outbreak Triggers Arms Race“ vom 4. Juni 2010 sowie France 24
,„Superweed“ explosion threatens Monsanto heartlands‘ vom 19. April
2009)?
Die Bundesregierung beobachtet die Entwicklungen weltweit und wird im
Rahmen des gemeinschaftlichen Zulassungsverfahrens von Kulturpflanzen, auf die
mit Hilfe der Gentechnik eine Herbizidresistenz übertragen wurde, im Sinne
des Vorsorgegedankens im Einzelfall angemessene Schutzmaßnahmen
vorsehen.
Wie in den Ausführungen zu den Fragen 12 und 13 beschrieben, beziehen sich
die beiden genannten Berichte sowie weitere Berichterstattungen über
„superweeds“ in USA, Canada und Australien auf Unkräuter mit einer Resistenz
gegen Glyphosat, die in Fruchtfolgen mit Glyphosat-resistenten gentechnisch
veränderten Kulturarten aufgetreten sind. In Deutschland sind Resistenzen bisher
vor allem bei den Ungrasarten Alopecurus myosuroides und Apera spica-venti
gegen ACCase- und ALS-Inhibitoren in getreidereichen Fruchtfolgen
aufgetreten. Im Rahmen des „Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung
von Pflanzenschutzmitteln“ werden Resistenzvermeidungsstrategien sowie die
Entwicklung und Erprobung von Resistenzmanagementkonzepten für
notwendig erachtet. Daher enthält die am 1. Februar 2011 veröffentlichte „Richtlinie
über die Förderung innovativer Vorhaben zur nachhaltigen Anwendung von
Pflanzenschutzmitteln im Rahmen des Programms zur Innovationsförderung
des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz“ auch entsprechende Förderschwerpunkte. Forschungsarbeiten zur
Problematik der Herbizidresistenz werden am Julius Kühn-Institut durchgeführt.
17. Sind der Bundesregierung die Vorschläge von Monsanto Agar
Deutschland GmbH und anderen Unternehmen an Bauern bekannt, die darauf
abzielen, durch einen Mix von Herbiziden gegen resistente Unkräuter
vorzugehen, welche Folgen für Umwelt und Natur sind bei einem solchen
Drucksache 17/5027 – 12 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeVorgehen zu erwarten, und wie bewertet die Bundesregierung diesen
Sachverhalt?
Die Empfehlung, Herbizide mit unterschiedlichen Wirkmechanismen zur
Bekämpfung von herbizidresistenten Unkrautarten einzusetzen, ist eine allgemein
gültige Empfehlung, die auch von den amtlichen Pflanzenschutzdiensten
gegeben wird. Ergänzt wird diese Empfehlung um die Nutzung vorbeugender oder
indirekter Maßnahmen zur Bekämpfung der kritischen Unkrautarten.
Jedes der eingesetzten Herbizide ist im Rahmen der Zulassungsverfahren durch
das Umweltbundesamt auf seine Auswirkungen auf die Umwelt und Natur
geprüft worden, so dass die Folgen direkter Umweltauswirkungen der einzelnen
Mittel bekannt und als vertretbar bewertet worden sind. Als problematisch
könnten sich allerdings Tankmischungen von Herbiziden erweisen, die nicht
explizit als Mischung im Zulassungsverfahren geprüft worden sind. Durch das
Umweltbundesamt wird aktuell ein Forschungsvorhaben durchgeführt, um die
Relevanz der Auswirkungen von nicht geprüften Tankmischungen von
Pflanzenschutzmitteln auf die Umwelt zu untersuchen und somit auch den Bedarf
einer zusätzlichen Risikoregulierung von Tankmischungen generell
abzuschätzen. Zu ergänzen ist, dass der Einsatz von Herbiziden in saisonalen Spritzserien
– egal ob nur ein bestimmtes Herbizid oder eine Mischung von verschiedenen
Herbiziden verwendet wird – bestimmungsgemäß natürlich immer mit einer
Reduzierung der Ackerbegleitflora verbunden ist, welche auch indirekte Folgen
für die biologische Vielfalt haben können. So wird der Rückgang von Vögeln
der Agrarlandschaft unter anderem auch mit dem intensiven Einsatz von
Herbiziden und einer dadurch reduzierten Nahrungsverfügbarkeit in Verbindung
gebracht. Da im Rahmen der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln nur die
Auswirkungen der Anwendung jedes einzelnen Herbizids berücksichtigt werden
kann, sind zusätzliche Maßnahmen auch außerhalb der Zulassungsverfahren
sinnvoll, um derartige Folgen des Herbizid-Einsatzes für die biologische
Vielfalt zu vermeiden.
18. Wie hoch schätzt die Bundesregierung aktuell die Schäden für die
bundesdeutsche Landwirtschaft aufgrund von Herbizidresistenzen ein?
Exakte, allgemein gültige Angaben liegen der Bundesregierung nicht vor.
Entsprechend den Hauptverbreitungsgebieten der beiden genannten Ungrasarten
mit Herbizidresistenz ergeben sich regional unterschiedliche Betroffenheiten.
Zudem muss bei der Beurteilung auf die unterschiedlichen Resistenzgrade mit
entsprechend angepassten Bekämpfungsstrategien reagiert werden. Monetäre
Schäden werden im Wesentlichen durch höhere Herbizidkosten sowie
zusätzliche Überfahrtkosten hervorgerufen. Bei unzureichenden
Bekämpfungserfolgen ist jedoch auch von Ertragsrückgängen durch Konkurrenzwirkungen der
überlebenden Unkräuter auszugehen.
Bundesweit kann davon ausgegangen werden, dass ca. 250 000 ha von einer
Acker-Fuchsschwanz-Resistenz betroffen sind und ca. 100 000 ha von einer
Windhalm-Resistenz. Bei dikotylen Unkrautarten ist die Fläche noch sehr
gering (z. B. Kamille ca. 100 ha).
Folgende Zusatzkosten für Herbizide können in Abhängigkeit vom
Resistenzgrad auftreten:
● Acker-Fuchsschwanz: zusätzliches Bodenherbizid und Erhöhung der
Aufwandmenge des Herbizids Atlantis (im Rahmen der maximal zugelassenen
Aufwandmenge): 65 bis 75 Euro pro ha
● Gemeiner Windhalm: zusätzliches Bodenherbizid 40 bis 50 Euro pro ha
● Kamille-Arten: 30 Euro pro ha
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 13 – Drucksache 17/5027● Bei allen Bekämpfungsvarianten können evtl. noch Zusatzkosten von
15 Euro pro ha für zusätzliche Überfahrten anfallen.
Aufgrund von detaillierteren Monitoringdaten der Landesanstalt für
Landwirtschaft in Bayern kann die Lage für dieses Bundesland genauer eingeschätzt
werden:
Es wird von einer Acker-Fuchsschwanz-Resistenz in unterschiedlicher
Ausprägung auf mehr als 15 Prozent der Anbaufläche (ca. 900 000 ha Wintergetreide)
ausgegangen. Es wird mit durchschnittlich 5 Prozent Ertragsrückgang und
zusätzlich 20 Euro/ha Bekämpfungskosten gerechnet, so dass ein Schaden von ca.
1,7 Mio. Euro/Jahr auftritt.
Beim Gemeinen Windhalm kann davon ausgegangen werden, dass 5 Prozent
der Fläche betroffen sind. Der Ertragsrückgang liegt bei ca. 5 Prozent und die
Bekämpfungsmehrkosten können mit 10 Euro/ha angegeben werden (ca.
140 000 Euro/Jahr).
Resistenzen bei dikotylen Unkrautarten spielen nach den Angaben der
Landesanstalt bisher in Bayern keine Rolle.
19. Welche Auswirkungen hat der Patentschutz für den Kampf gegen
herbizidresistente Unkräuter, und ist die Bundesregierung der Auffassung,
dass nach aktuellem Stand des Patentrechts der Wissenschaft und
Forschung ein hinreichendes Wissen vorliegt, um gezielt Maßnahmen gegen
bestimmte „Superunkräuter“ zu entwickeln, ohne gegen einen
gegebenenfalls bestehenden Patentschutz zu verstoßen?
Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse vor, dass der Patentschutz
Maßnahmen verhindert, die der Entwicklung von resistenten Unkräutern
vorbeugen.
Nach § 11 Nummer 2 des Patentgesetzes besteht ein Versuchsprivileg, nach
dem sich das Patent nicht auf „Handlungen zu Versuchszwecken, die sich auf
den Gegenstand der patentierten Erfindung beziehen“, erstreckt. Dieses
rechtfertigt auch die Forschung zur Gewinnung von Erkenntnissen, die zur
Entstehung von resistenten Unkräutern führen.
20. Ist der Bundesregierung bekannt, ob und in welcher Zahl sich in den USA
oder in vergleichbaren Staaten Bauern aufgrund der „Superunkräuter“-
Problematik dazu entschieden haben, zu Lasten des Anbaus gentechnisch
veränderter Pflanzen wieder auf konventionelle Pflanzen zu setzen?
Seit der Einführung gentechnisch veränderter herbizidresistenter
Kulturpflanzen in den USA (überwiegend Sojabohnen, Baumwolle, Mais) im Jahr 1996 hat
sich die Annahme dieser Pflanzen durch die Landwirte kontinuierlich erhöht
und liegt aktuell bei ca. 90 Prozent bei Sojabohnen. Allein von 2008 auf 2009
wurde bei gentechnisch veränderten herbizidresistenten Kulturen ein Anstieg
von 79 Mio. Hektar auf 83,6 Mio. Hektar verzeichnet. Vor diesem Hintergrund
ist ein allgemeiner Trend zurück zu konventionellen Pflanzen bisher nicht zu
beobachten. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Landwirte den Anbau von
gentechnisch veränderten herbizidresistenten Kulturen nicht weitergeführt
haben (vgl. James, C., 2009. ISAAA Brief 41, Global Status of Commercialized
Biotech/GM Crops: 2009,
www.isaaa.org/kc).
Drucksache 17/5027 – 14 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode21. Welche Auswirkungen hat die Zunahme des Entstehens so genannter
Superunkräuter auf die Biodiversität, und welche Rolle spielte dieser
Aspekt in den Planungen zum „Jahr der Biodiversität 2010“?
Generell kann es durch die Selektion von resistenten Biotypen zu einer
Verschiebung in der Zusammensetzung der gesamten Ackerbegleitflora zugunsten
einer Dominanz der resistenten Unkrautart kommen. In Deutschland sind
resistente Unkräuter bisher vor allem in getreidereichen Fruchtfolgen mit einem
intensiven Herbizideinsatz entstanden. In diesen Anbausystemen ist die
Diversität der Ackerbegleitflora aufgrund der häufigen Unkrautbekämpfung allerdings
generell eher als gering einzuschätzen, so dass die negativen Auswirkungen auf
die Vielfalt der Ackerbegleitflora weniger im Zusammenhang mit der
Entstehung resistenter Unkräuter als mit den Folgen eines intensiven Einsatzes von
Herbiziden zu sehen ist. Die Zunahme des Entstehens von resistenten Biotypen
hat daher auf diesen Flächen keinen Einfluss mehr auf eine ohnehin kaum
vorhandene Vielfalt der Ackerbegleitflora einschließlich der als Unkräuter
eingestuften Arten. Relevante Auswirkungen der Entstehung von resistenten
Unkrautarten auf die Vielfalt der Ackerbegleitflora sind daher nicht zu erwarten.
Vorstellbar ist allerdings eine Zunahme der unter Frage 17 genannten indirekten
Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, z. B. auf Vögel der
Agrarlandschaft, für den Fall, dass Maßnahmen zur Bekämpfung resistenter Unkräuter
mit einer weiteren Zunahme der Intensität der saisonalen Anwendung von
Herbiziden verknüpft wäre. Die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“
fordert eine Weiterführung des Reduktionsprogramms chemischer Pflanzenschutz
mit dem Ziel, Risiken, die durch die Anwendung chemischer
Pflanzenschutzmittel entstehen können, weiter zu reduzieren, wobei das Reduktionsprogramm
chemischer Pflanzenschutz durch den bei Frage 6 genannten Nationalen
Aktionsplan abgelöst wurde, der aktuell weiterentwickelt wird. Die Reduktion der
Risiken für die Artenvielfalt, die durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln
entstehen können, spielt bei den derzeitigen Aktivitäten zur Erarbeitung eines
Nationalen Aktionsplans eine wichtige Rolle. Um dieses Ziel zu erreichen,
werden im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Maßnahmen erarbeitet, die
einer möglichen Zunahme indirekter negativer Auswirkungen auf die
biologische Vielfalt durch den intensiven Einsatz von Herbiziden (sowie auch
Insektiziden) durch geeignete Maßnahmen entgegentreten.
22. Sieht die Bundesregierung das Aufkommen von „Superunkräutern“ auch
als Chance an, da aufgrund der zunehmenden Problematik auch die
Forschungsausgaben der herbizidherstellenden Firmen voraussichtlich
steigen werden, und wie plant die Bundesregierung, diese Bemühungen zu
unterstützen?
Aufgrund der steigenden Anzahl an resistenten Unkrautarten ist die Forschung
im Bereich Herbizidresistenz innerhalb der Pflanzenschutzmittelfirmen
angestiegen. Durch das Eigeninteresse der Firmen, eine nachhaltige Wirkung ihrer
Produkte zu gewährleisten, haben diejenigen Firmen mit einer eigenen
Forschungsabteilung ihre Forschung im Bereich Resistenz intensiviert. Diese
Forschung umfasst sowohl die Untersuchung von Resistenz-Verdachtsproben als
auch die Entwicklung von Detektionsverfahren und entsprechender Anti-
Resistenzstrategien. Unterstützt werden diese Bemühungen durch die Forderung
nach wirksamen Resistenzmanagementkonzepten im „Nationalen Aktionsplan
zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln“, an deren
Erarbeitung auch betroffene Verbände beteiligt sein werden.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 15 – Drucksache 17/502723. Wie haben sich die Kosten für deutsche Landwirte zur Bekämpfung von
Unkräutern seit 2000 entwickelt, und welche Rolle spielen (Herbizid-)
Resistenzen für diese Kostenentwicklung?
Das Auftreten von Herbizidresistenzen hat zu erhöhten Kosten für die
Bekämpfung geführt (siehe Antwort zu Frage 18).
Konkrete Kostenentwicklungsreihen seit 2000 sind der Bundesregierung nicht
bekannt.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]