[Deutscher Bundestag Drucksache 17/5631
17. Wahlperiode 18. 04. 2011 Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten René Röspel, Dr. Ernst Dieter Rossmann,
Ulla Burchardt, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD
– Drucksache 17/5115 –
Offene Fragen zum „Bürgerdialog Zukunftstechnologien“ durch das
Bundesministerium für Bildung und Forschung
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
In einem Interview mit der Zeitschrift „FOCUS“ („Wohlstand macht
bequem“) hat die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette
Schavan, am 27. Dezember 2010 die Durchführung von so genannten
Bürgerdialogen, Bürgerkonferenzen, dem Aufbau einer Internetplattform sowie der
Veröffentlichung von Bürgerreports durch das Bundesministerium für Bildung
und Forschung (BMBF) zu unterschiedlichen Themen der Forschungspolitik
angekündigt.
Als ein erstes Thema hat die Bundesministerin Dr. Annette Schavan für diese
Bürgerdialoge zu Zukunftstechnologien das Themenfeld „Hightechmedizin“
benannt. Im Aktionsplan Nanotechnologie 2015 kündigt die Bundesregierung
ebenfalls die Durchführung von Bürgerdialogen an.
1. Aus welchem Anlass plant die Bundesministerin Dr. Annette Schavan die
Durchführung von Bürgerdialogen zu Themenfeldern der Forschungspolitik?
Im Koalitionsvertrag für die 17. Legislaturperiode vom 26. Oktober 2009 haben
die Regierungsparteien die Einrichtung neuer Dialogplattformen beschlossen,
„auf denen mit den Bürgerinnen und Bürgern Zukunftstechnologien und
Forschungsergebnisse zur Lösung der großen globalen und gesellschaftlichen
Herausforderungen intensiver diskutiert werden.“ Die Dialogplattformen sollen
den sachlichen Diskurs und eine realistische Abschätzung der Chancen und
Risiken von Zukunftstechnologien ermöglichen. Diese Aussage des
Koalitionsvertrages wird durch den Bürgerdialog Zukunftstechnologien des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung umgesetzt. Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom
14. April 2011 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 17/5631 – 2 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode2. Hat der Vorschlag der Bundesministerin Dr. Annette Schavan mit den
Auseinandersetzungen um das Projekt „Stuttgart 21“ zu tun, oder handelt es
sich bei der zeitlichen und inhaltlichen Nähe zwischen den Debatten über
„Stuttgart 21“ und den neuen Bürgerdialogen des BMBF um einen reinen
Zufall?
Die Entscheidung zur Durchführung des Bürgerdialogs Zukunftstechnologien
fiel im Herbst 2009 im Zuge der Koalitionsverhandlungen. Mit der Umsetzung
des Vorhabens wurde unmittelbar nach der Regierungsbildung begonnen.
3. Welche Kosten erwartet das BMBF für die Durchführung der
Bürgerdialoge, und aus welchen Haushaltstiteln sollen diese finanziert werden?
Für den Bürgerdialog Zukunftstechnologien des Bundesministeriums für
Bildung und Forschung sind bis zum Jahr 2013 insgesamt 8 Mio. Euro eingestellt
(Titel Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjahre 3003/54101).
4. Aufgrund welcher Untersuchungen oder Entwicklungen sieht die
Bundesministerin Dr. Annette Schavan eine wachsende Technikfeindlichkeit in
Deutschland (vgl. Interview mit der Zeitschrift FOCUS vom 27. Dezember
2010), und warum erkennt die Bundesministerin Dr. Annette Schavan
dieses Problem – so es vorhanden ist – erst nach über fünfjähriger Tätigkeit als
Bundesministerin für Bildung und Forschung?
5. Welche Maßnahmen hat die Bundesministerin Dr. Annette Schavan seit
ihrem Amtsantritt 2005 in die Wege geleitet, um gegen die – ihrer
Auffassung nach – zunehmende Technikfeindlichkeit in Deutschland vorzugehen?
6. Bei welchen Gelegenheiten und unter Verweis auf welche Themenfelder hat
die Bundesministerin Dr. Annette Schavan seit 2005 auf das Problem der
wachsenden Technikfeindlichkeit in Deutschland hingewiesen?
7. Welche wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigen die These der
Bundesministerin Dr. Annette Schavan von einer zunehmenden
Technikfeindlichkeit in Deutschland?
8. Müssen die Beratungen im Rahmen der geplanten Bürgerdialoge nicht
tendenziös sein, wenn man mit diesen einer – konstatierten – allgemeinen
Technikfeindlichkeit entgegenwirken will, und wie legitimiert das BMBF
ein solches Verfahren zur Beeinflussung der Meinung der Bürgerinnen und
Bürger?
Die Fragen 4 bis 8 werden im Zusammenhang beantwortet.
Bundesministerin Dr. Annette Schavan hat darauf hingewiesen, dass es wichtig
für die Zukunft unseres Landes ist, sich mit den Konsequenzen des technischen
Fortschritts zu befassen und eine Debatte darüber zu führen, „welchen
Fortschritt wir wollen.“ Um genau diese Debatte geht es beim Bürgerdialog
Zukunftstechnologien.
In diesem Zusammenhang hat die Bundesministerin sich auch für mehr
Aufgeschlossenheit für Fragen von Wissenschaft und Technik ausgesprochen. Dieses
Ziel fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit einer
Vielzahl von Maßnahmen. Auch der Bürgerdialog kann hierzu einen Beitrag leisten.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 3 – Drucksache 17/56319. Sind der Bundesregierung Themenfelder bekannt, bei denen die
Bundesregierung eine Forschungsförderung vorangetrieben hat, obgleich
Bürgerinnen und Bürger dieser Forschung mehrheitlich kritisch
gegenüberstehen?
Neue Technologien treffen in der öffentlichen Wahrnehmung sowohl auf
Kritiker als auch auf Befürworter. Die Mehrheitsverhältnisse zwischen beiden
Gruppen unterliegen dabei im zeitlichen Verlauf oftmals großen Veränderungen, die
von unterschiedlichen Faktoren abhängen – insbesondere von der persönlichen
Einschätzung des Verhältnisses zwischen Nutzen, Kosten und Risiken durch die
Bürgerinnen und Bürger.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert neue Technologien
in solchen Bereichen, in denen ein gesellschaftlicher Nutzen zu erwarten ist. Im
Fokus stehen dabei die im Rahmen der Hightech-Strategie 2020 definierten
globalen Herausforderungen, vor allem die Felder Klima/Energie, Gesundheit/
Ernährung, Mobilität, Sicherheit und Kommunikation. Insbesondere in der
Frühphase dient die Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und
Forschung auch dazu, die möglichen Chancen und Risiken einer Technologie im
Hinblick auf eine verantwortungsbewusste Nutzung zu untersuchen.
10. Welche negativen Auswirkungen auf die bundesdeutsche Wissenschafts-
und Forschungspolitik sind der Bundesregierung bekannt, die durch die
bisherige Nichtdurchführung von Bürgerdialogen entstanden sind?
Es entspricht dem Demokratieverständnis der Bundesregierung, Bürgerinnen
und Bürger bei der Suche nach Antworten auf Zukunftsfragen zu beteiligen. Von
der Durchführung von Bürgerdialogen verspricht sich die Bundesregierung für
die Zukunft ein höheres Maß an Partizipation, eine Versachlichung kontroverser
Debatten und einen besseren Austausch zwischen der Bevölkerung und
Entscheidungsträgern in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.
11. Welche strukturellen Vorgaben sollen sicherstellen, dass die Bürgerdialoge
ergebnisoffen und ohne inhaltliche Vorfestlegungen durchgeführt werden?
Die Bürgerdialoge sind ein inhaltlich ergebnisoffener und prozessual
ergebnisorientierter Prozess. Um dies zu gewährleisten, haben das Bundesministerium
für Bildung und Forschung eine Reihe von Regeln und Leitlinien definiert, in
denen sie sich insbesondere zu Neutralität, Sachlichkeit, Offenheit und
Transparenz verpflichten.
12. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesministerin für Bildung und
Forschung, Dr. Annette Schavan, aus den Debatten über „Stuttgart 21“ für
die zukünftige Ausgestaltung von Bürgerdialogen?
Auch Erkenntnisse aus den Debatten um „Stuttgart 21“ werden bei der
Ausgestaltung von Bürgerdialogen berücksichtigt. Im Übrigen wird auf die Antwort
zu den Fragen 1 und 2 verwiesen.
13. Sind aus Sicht der Bundesregierung Erfahrungen hinsichtlich der Nutzung
von Bürgerbeteiligungsverfahren etwa im Bereich der
Infrastrukturplanung auf die Nutzung von Bürgerdialogverfahren zu Forschungsthemen
übertragbar, und falls nein, warum nicht?
Drucksache 17/5631 – 4 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeMit dem Bürgerdialog Zukunftstechnologien nutzt das Bundesministerium für
Bildung und Forschung ein weiteres Instrument. Es geht bei diesem Dialog nicht
um die Bewertung vorhandener Planungen, sondern um die Suche nach
gesellschaftlich konsensfähigen Pfaden der Zukunftsgestaltung.
14. Auf welchen wissenschaftlichen Ausarbeitungen und Analysen basiert das
Konzept des BMBF für die Bürgerdialoge (bitte auflisten)?
In das Konzept für den Bürgerdialog Zukunftstechnologien sind zahlreiche
wissenschaftliche Ansätze aus dem In- und Ausland eingeflossen. Zu nennen sind
insbesondere:
– Beierle, T. C. and Cayford, J. (2002) Democracy in Practice: Public
Participation in Environmental Decisions, Resources for the Future, Washington,
DC
– Beywl, W., Borgmann, M., Schobert, B. (2005) Gesamtbericht zur
Evaluation des „Jahrs der Technik 2004“, Köln
– Bora, A. and Hausendorf, H. (2006) „Participatory Science Governance
Revisited: Normative Expectations versus Empirical Evidence“, Science and
Public Policy, 33, S. 478–488
– Goldschmid, R.; Renn, O. and Köppel, S (2008): European Citizens’
Consultation Project. Final Evaluation Report. Stuttgart Contributions to Risk and
Sustainability Research. Vol. 8. Stuttgart University Press:Stuttgart
– Goldschmid, R. and Renn, O. (2006) Meeting of Minds – European Citizens’
Deliberation on Brain Sciences. Final Report of the External Evaluation,
Stuttgarter Beiträge zur Risiko- und Nachhaltigkeitsforschung, Vol. 5,
Stuttgart University Press: Stuttgart
– Rowe, G., Marsh, R. and Frewer, L. J. (2004) „Evaluation of a Deliberative
Conference“, Science, Technology, and Human Values l 29 (1), 88–121
– Sellke, P.; Renn, O.; Cornelisse, C. in cooperation with A. Windhaus (2007):
European Citizens’ Panels. Final Report of the Evaluation. Stuttgart
Contributions to Risk and Sustainability Research. Vol. 7. Stuttgart University
Press: Stuttgart
– Tuler, S. and Webler, T. (1995) „Process Evaluation for Discoursive Decision
Making in Environmental and Risk Policy“, Human Ecological Review, 2,
62–74
– US-National Research Council of the National Academies (2008): Public
Participation in Environmental Assessment and Decision Making. The
National Academies Press: Washington, D. C.
15. Wie sollen die teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger für die Dialoge
ausgewählt werden?
Bei der Auswahl der Bürgerinnen und Bürger, die an den regionalen
Bürgerkonferenzen teilnehmen, wird besonderer Wert auf eine ausgewogene und
repräsentative Verteilung hinsichtlich der Kriterien Alter, Geschlecht und Bildungsstand
gelegt. Dazu nimmt das Zentrum für Evaluation und Methoden (ZEM) der
Universität Bonn, das für das Auswahlverfahren zuständig ist, telefonischen
Kontakt mit zufällig ausgewählten Personen in der jeweiligen Region auf. Darüber
hinaus sind auch Selbstbewerbungen über die Website des Bürgerdialogs
möglich, die vom ZEM ebenfalls auf Ausgewogenheit und Repräsentativität
hinsichtlich der o. a. Kriterien überprüft werden.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 5 – Drucksache 17/5631Zusätzlich zu den regionalen Bürgerkonferenzen haben alle interessierten
Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, sich auf einer eigens entwickelten
Internetplattform online am Dialogprozess zu beteiligen.
16. Ist dem BMBF bewusst, dass sich ein Bürgerdialog auf lokaler und
regionaler Ebene entfaltet, und sind daher Bildungseinrichtungen wie
beispielsweise Volkshochschulen und Universitäten als Träger des Bürgerdialogs
eingeplant?
Bei der Durchführung der Bürgerkonferenzen kooperiert das
Bundesministerium für Bildung und Forschung mit zahlreichen Partnern in der jeweiligen
Region, wobei bei der Auswahl der Partner besonderer Wert auf inhaltliche
Ausgewogenheit gelegt wird.
17. Wie stellt das BMBF sicher, dass auch sogenannte bildungsferne
Bürgerinnen und Bürger befähigt werden, kompetent an einem Bürgerdialog
partizipieren zu können?
Welche Weiterbildungsangebote werden hierzu im Vorlauf eines
Bürgerdialogs angeboten?
Der Dialogprozess ist breit angelegt (s. Antwort zu Frage 15). Es werden
entsprechend aufbereitete Informationsmaterialien für die Teilnehmerinnen und
Teilnehmer bereitgehalten. Zudem sind bei den Bürgerkonferenzen Experten
anwesend, die den teilnehmenden Bürgerinnen und Bürgern als Ansprechpersonen
zur Verfügung stehen.
18. Wie werden die gegebenenfalls teilnehmenden Sachverständigen an den
Bürgerdialogen ausgewählt?
Jeder Bürgerdialog wird von einem Expertengremium begleitet. Die Mitglieder
dieses sog. Runden Tischs werden vom Bundesministerium für Bildung und
Forschung und dem Büro Bürgerdialog auf Vorschlag von
Wissenschaftsorganisationen, NGO’s, Verbraucherschutzorganisationen und anderen thematisch
berührten Gruppen ausgewählt, wobei besonderer Wert auf ein plurales
Meinungsbild und eine realistische Abbildung des fachlichen Diskurses gelegt wird.
Bei der Auswahl der Sachverständigen werden zudem je nach Thema die
Kompetenzen anderer thematisch berührter Ressorts eingebunden.
19. Werden in den vorbereitenden Papieren bzw. Beratungsunterlagen für die
Bürgerdialoge sowohl kritische wie auch positive Meinungen zu einem
Forschungsfeld einander gleichberechtigt gegenübergestellt, und falls
nein, warum nicht?
Es wird auf die Beantwortung der Fragen 11 und 18 verwiesen.
20. Welche internationalen Erfahrungen sind nach Auffassung des BMBF für
die Ausgestaltung des Instruments Bürgerdialog nutzbar?
Auf internationaler Ebene kann für die Ausgestaltung des Instruments
Bürgerdialog auf eine Vielzahl von Erfahrungen aus Dialogprozessen im Bereich von
Wissenschaftskommunikation, e-Partizipation und New Governance verwiesen
werden. Beispiele sind u. a. der „EMBO Science & Society dialogue for policy
makers & public“ (Großbitannien), die „Word Wide Views on Global Warming“
Drucksache 17/5631 – 6 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode(international) sowie die Projekte „MySociety.org“ und „data.gov.uk“ (beide
Großbritannien), „change.gov“ und „Open Government Dialogue“ (beide
USA), „ePeople“ (Südkorea) oder OSALE (Estland). Zudem wird bei der
Ausgestaltung des Bürgerdialogs auf die internationalen Erfahrungen von Prof. Dr.
Ortwin Renn (ZIRN/Universität Stuttgart) zurückgegriffen.
21. Wer bestimmt, ob ein Thema Gegenstand eines Bürgerdialoges werden
soll?
22. Wird es künftig Bürgern möglich sein, die Behandlung von Themen eines
Bürgerdialoges vorzuschlagen, an wen müssen sie sich wenden, und wer
entscheidet darüber?
Die Fragen 21 und 22 werden im Zusammenhang beantwortet.
Die Festlegung der Dialogthemen erfolgt durch das Bundesministerium für
Bildung und Forschung unter Beteiligung der fachlich berührten Ressorts sowie
von Expertinnen und Experten aus dem jeweiligen Fachgebiet.
Themenvorschläge von Bürgerinnen und Bürgern werden über die Online-Plattform des
Bürgerdialogs sowie vom Büro Bürgerdialog entgegengenommen.
23. Welche internationalen Beispiele sind der Bundesregierung bekannt, die
darauf hindeuten, dass Bürgerdialogverfahren einen den Aufwand
rechtfertigenden Mehrwert für eine transparente und demokratische Gestaltung
von Wissenschafts- und Forschungspolitik erbringen können (bitte
auflisten)?
Insbesondere im Bereich der Biomedizin hat eine Reihe von
Bürgerdialogverfahren gezeigt, dass auf diese Weise eine transparente und demokratische
Gestaltung von Wissenschafts- und Forschungspolitik gelingen kann und eine
Versachlichung kontrovers diskutierter Themen möglich ist. Zum Beispiel:
• Bioethik-Diskurs.
www.bioethik-diskurs.de
• ERANet-for Society
• EMBO Science & Society – dialogue for policy makers & public
• Meeting of Minds – European Citizens’ Deliberation on Brain Science
24. Welche Themen sollen neben dem Thema Hightechmedizin in den
nächsten Jahren in den Bürgerdialogen behandelt werden?
Der Bürgerdialog Zukunftstechnologien ist auf insgesamt vier Jahre angelegt.
Die ersten beiden Bürgerdialoge werden sich den Themen „Energieversorgung“
und „Hightech-Medizin“ widmen, wobei das Thema „Energieversorgung“ aus
aktuellem Anlass vorgezogen wurde. Die weiteren Themenstellungen werden
zeitnah festgelegt.
25. Warum wird das Thema Atomenergie nicht vorrangig als Thema für einen
Bürgerdialog durch das BMBF aufgegriffen, obwohl die
Bundesministerin Dr. Annette Schavan dieses Thema im Gespräch mit der Zeitschrift
„FOCUS“ als Beispiel für die Notwendigkeit neuer Dialogangebote
angeführt hat?
Mit dem Bürgerdialog Zukunftstechnologien verfolgt das Bundesministerium
für Bildung und Forschung das Ziel, eine breite öffentliche Debatte über Chan-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 7 – Drucksache 17/5631cen und Risiken von Zukunftstechnologien zu führen. Es geht darum, dass
Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sich den Fragen von Bürgerinnen und Bürgern
stellen, ihre Anregungen und Bedenken aufgreifen und gemeinsam mit ihnen
nach neuen Wegen für zentrale Zukunftsfragen unseres Landes suchen. Die
Atomkatastrophe in Japan macht auch bei uns eine breite Debatte darüber
erforderlich, welche Energien wir in Zukunft nutzen wollen. Deshalb wird sich der
erste Bürgerdialog des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit der
Zukunft der Energieversorgung befassen.
26. Werden auch im Jahr 2013 ein oder mehrere Bürgerdialoge stattfinden,
und falls ja, zu welchem Thema/zu welchen Themen?
Hierzu wird auf die Antwort zu Frage 24 verwiesen.
27. Aus welchen Gründen vertritt die Bundesministerin Dr. Annette Schavan
die Auffassung, dass das Thema Hightechmedizin das derzeit drängendste
forschungspolitische Streitthema sei und sich mithin als erstes Thema für
einen Bürgerdialog anbietet?
Bundesministerin Dr. Annette Schavan hat diese Einordnung nicht
vorgenommen. Die medizinische Forschung und ihre Anwendung werfen eine Reihe von
Fragen auf, die die Lebenswirklichkeit aller Bürgerinnen und Bürger unseres
Landes in existenzieller Weise betreffen. Deshalb soll dieses Thema im Rahmen
des Bürgerdialogs Zukunftstechnologien behandelt werden.
28. Ist der Vorschlag, das Thema Hightechmedizin an herausgehobener Stelle
in Form von Bürgerdialogen zu bearbeiten, vor dem Interview von
Bundesministerin Dr. Annette Schavan vom 27. Dezember 2010 mit dem
Bundesministerium für Gesundheit abgestimmt worden, und falls nein,
warum nicht?
Das Bundesministerium für Gesundheit ist im Vorfeld darüber informiert
worden, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung beabsichtigt,
Bürgerdialoge durchzuführen.
29. Warum plant das BMBF bisher noch keinen Bürgerdialog zum Thema
Agrogentechnik, obgleich es sich hierbei um ein besonders umstrittenes
Forschungsfeld handelt und auf Seiten der Bürgerinnen und Bürger
erhebliche Bedenken bestehen?
Hierzu wird auf die Antwort zu Frage 24 verwiesen.
30. Welches Ziel würde ein durch das BMBF durchgeführter Bürgerdialog
zum Thema Agrogentechnik verfolgen, und welchen Einfluss hätte ein für
die Agrogentechnik negativ ausfallender Bürgerreport für die weitere
politische Tätigkeit der Bundesregierung?
Hierzu wird auf die Antwort zu Frage 24 verwiesen.
Drucksache 17/5631 – 8 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode31. Ist es zutreffend (wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 12. Januar
2011 unter dem Titel „Regierung will Bürger für Nanotechnik gewinnen“
schreibt), dass die Bürgerdialoge nicht zuletzt dazu dienen sollen, „die
Ablehnung der Verbraucher zu mildern“, und falls nein, warum nicht?
Hierzu wird auf die Antwort zu Frage 10 verwiesen.
32. Sind nach Auffassung des BMBF auch Bürgerdialoge zu ethisch
umstrittenen Fragestellungen bzw. Themenfelder denkbar, und falls ja, welche
Themen wären hier aus Sicht des BMBF aktuell besonders drängend?
Ein Bürgerdialog, der seinem Anliegen gerecht werden will, muss
selbstverständlich auch offen für ethisch umstrittene Fragestellungen sein. Im Übrigen
wird auf die Antworten zu den Fragen 24 und 25 verwiesen.
33. Ist es zutreffend (vgl. DIE WELT vom 7. Januar 2011 „Regierung will
Bürgerbeteiligung klar einschränken“), dass die Bundesregierung an einem
Entwurf für ein Gesetz zur Vereinheitlichung und Beschleunigung von
Planfeststellungsverfahren arbeitet, und ist es zutreffend, dass nach diesem
Entwurf die Bürgerbeteiligung bei der Planung von Großprojekten
eingeschränkt werden soll?
Der Gesetzentwurf wird derzeit überarbeitet. Der Gesetzentwurf hat weder in
seiner ursprünglichen Fassung eine Einschränkung von Bürgerbeteiligung
vorgesehen, noch sehen das die derzeitigen Überlegungen vor.
34. Warum tritt das BMBF einerseits für einen Ausbau von
Bürgerdialogverfahren ein, während andererseits laut Presseberichten das
Bundesministerium des Innern öffentliche Erörterungstermine bei der Planung von
Großprojekten und mithin die Bürgerbeteiligung einschränken will?
Die Darstellung, das Bundesministerium des Innern plane die Einschränkung
von Bürgerbeteiligung, ist unzutreffend.
35. Wird die Bundesregierung ihre Forschungsförderung von den Ergebnissen
der Bürgerdialoge – zumindest in Teilen – abhängig machen, und falls
nein, warum nicht?
Ergebnis eines jeden Bürgerdialogs ist ein so genannter Bürgerreport, in dem die
beteiligten Bürgerinnen und Bürger Empfehlungen an die Entscheidungsträger
in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft formulieren. Diese werden
die Empfehlungen in ihre Meinungsbildung einbeziehen.
36. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus den
Erfahrungen mit dem Fallbeispiel Bürgerkonferenz „Streitfall Gendiagnostik“ für
die Ausgestaltung der geplanten Bürgerdialoge etwa zur
Hightechmedizin?
37. Wie werden sich die Bürgerdialoge voraussichtlich von dem Konzept der
Bürgerkonferenz „Streitfall Gendiagnostik“ unterscheiden?
Die Fragen 36 und 37 werden zusammen beantwortet.
Die Veranstaltung „Bürgerkonferenz: Streitfall Gendiagnostik“ war ein von der
Stiftung Deutsches Hygienemuseum Dresden durchgeführtes Modellprojekt,
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 9 – Drucksache 17/5631durch das der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit über Fragen der
Gentechnologie unterstützt werden sollte. Ziel war es, einen ergebnisoffenen
Prozess der Wissensvermittlung, Meinungsbildung und öffentlichen Diskussion
im Dialog zwischen Wissenschaftlern und interessierten Bürgern zu betreiben.
Die Methodik der damaligen Bürgerkonferenz orientierte sich am Modell der in
Dänemark bereits mehrfach durchgeführten „Konsensus-Konferenzen“, die sich
mit dem Einsatz und den Auswirkungen neuer und umstrittener Technologien
auseinandersetzten. Die beteiligten Bürger verfassten am Ende des Prozesses ein
Gutachten, das während der Abschlussveranstaltung der Bürgerkonferenz vom
damaligen Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung,
Catenhusen, entgegengenommen wurde. Das Projekt wurde vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom Stifterverband für die Deutsche
Wissenschaft gefördert. Die Konferenz wurde vom Fraunhofer-Institut für
Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe wissenschaftlich evaluiert.
Im Ergebnis wurde die Konferenz als im Sinne der Zielsetzung erfolgreich
bewertet. Von der Bürgerkonferenz „Streitfall Gentechnik“ unterscheidet sich der
Bürgerdialog Zukunftstechnologien insbesondere durch den in zeitlicher und
thematischer Hinsicht wesentlich breiteren Ansatz.
38. Welchen Einfluss hatte der Bericht der Bürgerkonferenz „Streitfall
Gendiagnostik“ auf die politische Arbeit der Bundesregierung und konkret auf
die Ausgestaltung des Gendiagnostikgesetzes?
Die Bundesregierung hat die aus der Konferenz hervorgegangenen
Bürgergutachten und Evaluationsergebnisse zur Kenntnis genommen. Das
Gendiagnostikgesetz wurde nach einer umfassenden Diskussion auf der Grundlage der
vorhandenen Informationen und Stellungnahmen durch eine souveräne Entscheidung
des Parlaments verabschiedet.
39. Welchen Mehrwert erwartet das BMBF von den Bürgerdialogen, der etwa
im konkreten Fall der Nanotechnologie über die bereits vorliegenden
Arbeiten der NanoKommission hinausgeht?
40. In welchem Verhältnis werden beim Beispiel Nanotechnologie der
Bürgerreport und der Bericht der NanoKommission stehen?
Die Fragen 39 und 40 werden im Zusammenhang beantwortet.
Im Fokus der Aktivitäten der 2006 initiierten Nanokommission stand der
Austausch zwischen Akteuren der Technikentwicklung aus Wissenschaft,
Wirtschaft und Politik mit zivilgesellschaftlichen Interessensvertretern, um mit
Unterstützung verschiedener Arbeitsgruppen einen Beitrag zum verantwortlichen
Umgang mit Nanomaterialien zu generieren. Ein Dialog mit Bürgerinnen und
Bürgern war hingegen in der Nanokommission nicht vorgesehen.
41. Wie soll sichergestellt werden, dass die Ergebnisse der Bürgerdialoge
direkt in die Arbeit des BMBF einfließen?
Hierzu wird insbesondere auf die Antwort zu Frage 35 verwiesen.
Drucksache 17/5631 – 10 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode42. Sollen zukünftig Vorschläge der Arbeitsebene des BMBF etwa zur
Förderung eines bestimmten Forschungsfeldes auch ausgehend von den
Ergebnissen der Bürgerdialoge bewertet werden, und falls nein, warum nicht?
Die Ergebnisse der Bürgerdialoge sind ein wichtiges Kriterium für
Entscheidungsprozesse im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Im Übrigen
wird auf die Antwort zu Frage 35 verwiesen.
43. Welches Ziel soll mit der Entwicklung der im „FOCUS“-Interview
erwähnten Internetplattform verfolgt werden, und ist dieses Internetangebot
themenoffen angelegt?
Die Internetplattform des Bürgerdialogs
www.buergerdialog-bmbf.de vermittelt
Informationen über das jeweilige Dialogthema und den Dialogprozess und
ermöglicht allen Internetnutzern eine Beteiligung daran. Hierzu wurde eine
Online-Mitmachplattform entwickelt, auf der u. a. moderierte Dialoge stattfinden
werden.
44. Unter welcher Internetadresse wird die Internetplattform abrufbar sein,
und welche Kosten werden durch diese Plattform jährlich entstehen?
Der erste Anlaufpunkt für Nutzerinnen und Nutzer ist die Übersichtsseite: www.
buergerdialog-bmbf.de. Darunter wird für jedes Dialogthema eine eigene
Themenseite aufgebaut und betrieben.
Davon ausgehend, dass zwei Bürgerdialoge pro Jahr stattfinden werden, werden
sich die jährlichen Kosten für Konzeption, Entwicklung, Redaktion und
Moderation für die Übersichtsseite und die Themenseiten inklusive des Onlinedialogs
zum jeweiligen Thema voraussichtlich auf ca. 230 000 Euro belaufen.
45. Wird der Auftrag zur Entwicklung der Internetplattform ausgeschrieben,
und falls ja, wann wird dies geschehen, und welche Kosten sind hier
jährlich zu erwarten?
Der Auftrag zur Entwicklung der Internetplattform war Bestandteil der
Ausschreibung im Jahr 2010. Die technischen Entwicklungskosten für die
Internetplattform (einschließlich Online-Mitmachplattform) belaufen sich auf jährlich
ca. 90 000 Euro ausgehend von zwei Bürgerdialogen pro Jahr; sie sind
Teilbetrag der oben genannten 230 000 Euro.
46. Welches Ziel wird mit der Publikation der Ergebnisse der Bürgerdialoge in
Form von Bürgerreports verfolgt?
Die Ergebnisse der Bürgerdialoge werden zum einen mit dem Ziel der Schaffung
größtmöglicher Transparenz über den Prozessverlauf und die
Ergebnisentwicklung publiziert. Zum anderen werden sie veröffentlicht, um ihre weitere
Verbreitung in Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik sicherzustellen.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 35 verwiesen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 11 – Drucksache 17/563147. Werden die Bürgerreports als Publikationen des BMBF veröffentlicht, und
werden auch Reports veröffentlicht, wenn sich diese kritisch etwa mit der
Förderung eines bestimmten Forschungsfeldes auseinandersetzen?
Entsprechend den oben genannten Zielen der Transparenz und
Anschlussfähigkeit werden die Bürgerreports grundsätzlich veröffentlicht. Dies ist auch dann
der Fall, wenn sie sich kritisch zur Förderung einer bestimmten
Forschungsrichtung äußern. Die Bürgerreports werden als Publikation des Bürgerdialogs
Zukunftstechnologien des Bundesministeriums für Bildung und Forschung
veröffentlicht.
48. Werden die Bürgerreports für das BMBF in der weiteren politischen
Planungs- und Umsetzungsarbeit im jeweiligen Forschungsfeld
handlungsleitend sein, und falls nein, warum nicht?
Hierzu wird auf die Antwort zu den Fragen 35 und 42 verwiesen.
49. In welchem Verhältnis stehen die Bürgerdialoge bzw. die Bürgerreports zu
den Berichten der ebenfalls durch das BMBF (mit-)finanzierten
Expertengremien wie etwa zum Deutschen Ethikrat im Falle des Themas
Hightechmedizin?
Die im Bürgerdialog zu erarbeitenden Bürgerreports werden der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht, so dass sie auch sonstigen Expertengremien zur Verfügung
stehen.
50. Welche Schlussfolgerungen wird die Bundesregierung aus Bürgerreports
ziehen, die den Empfehlungen von mit Sachverständigen besetzten
Expertenkommissionen widersprechen?
Diese Frage lässt sich nur im konkreten Einzelfall beantworten. Grundsätzlich
wird die Bundesregierung den Argumenten folgen, die ihr in einer
Gesamtwürdigung des Themas am überzeugendsten erscheinen.
51. Hält es das BMBF für denkbar, dass zugunsten von Bürgerdialogen und
Bürgerkonferenzen auf Sachverständigenkommissionen verzichtet
werden kann, und falls nein, warum nicht, und falls ja, auf welche
Expertengremien könnte verzichtet werden?
Die Sachverständigenkommissionen dienen der Vermittlung fachlicher
Expertise, die Bürgerreports geben die Meinungen und Empfehlungen der
Bürgerinnen und Bürger wieder. Aufgrund dieser unterschiedlichen Zielsetzungen und
Arbeitsweisen sind beide Instrumente nicht austauschbar.
52. Wird die Bundesregierung den durch sie eingerichteten
Expertenkommissionen empfehlen oder sie gar beauftragen, zukünftig auch verstärkt
Bürgerdialoge als Bestandteil ihrer Arbeit durchzuführen, um die Ergebnisse
dieser Bürgerdialoge in ihre Arbeit einfließen zu lassen?
Der Bürgerdialog Zukunftstechnologien wird nicht von einer
Expertenkommission, sondern vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
durchgeführt. Ob die Bundesregierung zukünftig auch den von ihr eingesetzten
Expertenkommissionen die Durchführung von Bürgerdialogen empfehlen wird, muss
im Lichte der weiteren Entwicklung entschieden werden.
Drucksache 17/5631 – 12 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode53. Planen neben dem BMBF auch andere Ressorts die Durchführung von
Bürgerdialogen, und falls ja, bitte auflisten, und falls nein, warum nicht?
Auswärtiges Amt
Das Auswärtige Amt plant keine strukturierte Bürgerdialogreihe zu
außenpolitischen Einzelfragen. Der Bürgerservice des Auswärtigen Amts steht als
Kontakt- und Dialoginstrument für einen ständigen Austausch zu außenpolitischen
Fragen bereit.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales prüft derzeit, in welchen
Bereichen zukünftig Bürgerdialoge sinnvoll eingesetzt werden könnten.
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
hat Vertreter breiter gesellschaftlicher Kreise zum Diskurs im Rahmen eines
Prozesses zur Entwicklung einer Charta für Landwirtschaft und Verbraucher
eingeladen. Zeitgleich sind über das Internet alle Bürgerinnen und Bürger
aufgerufen, ihre Haltung zu den Fragen Umwelt, Tierhaltung, Welternährung und
- handel sowie Lebensmittel mitzuteilen. Nähere Informationen dazu sind der
Homepage des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz (
www.bmelv.de/Charta) zu entnehmen.
Bundesministerium der Finanzen
Das Bundesministerium der Finanzen (BMF) unterhält auf seiner Homepage
verschiedene Elemente zum Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern.
Im angebotenen Dialog „Bürgerfragen“ besteht die Möglichkeit, direkt Fragen
zu aktuellen Themen der Finanzpolitik zu stellen. Diese werden im Rahmen des
Dialogforums in bürgerfreundlicher Form beantwortet.
Das Bundesministerium der Finanzen unterhält einen Youtube-Kanal mit
Kommentarmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger.
Darüber hinaus bietet das BMF anlassbezogen Themenvotings zu aktuellen
Fragen an; derzeit läuft z. B. ein Voting zu den neuen Regelungen für die Eurozone.
Über weitere Votings wird anlassbezogen entschieden.
Schließlich hält das Bundesministerium der Finanzen Software für moderierte
Bürgerchats vor. Über deren Einsatz wird in einem thematisch geeigneten Fall
zeitnah zu entscheiden sein.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend initiierte im
November 2010 einen Experten- und Bürgerdialog mit dem Namen DIALOG
INTERNET. Der DIALOG INTERNET bietet Eltern, pädagogischen
Fachkräften sowie Internetexpertinnen und -experten die Möglichkeit, Politik im Netz
aktiv mitzugestalten. Darüber hinaus führt das Bundesministerium im Rahmen
des Strukturierten Dialogs zwischen Jugend und Politik als Teil der Umsetzung
der EU-Jugendstrategie 2010 bis 2018 kontinuierliche Beteiligungsverfahren
mit Jugendlichen durch.
Bundesministerium für Gesundheit
Das Bundesministerium für Gesundheit plant im Mai 2011 eine
Dialogveranstaltung mit Bürgerinnen und Bürgern zum Thema Pflege. Es handelt sich
hierbei um eine eintägige Diskussionsveranstaltung.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 13 – Drucksache 17/5631Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit plant
zurzeit einen Bürgerdialog zur weiteren Erkundung und Bewertung des
Salzstocks Gorleben. Seit 2008 fördert das Bundesministerium für Umwelt,
Naturschutz und Reaktorsicherheit zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung
und Forschung einen Bürgerdialog zur sicheren Stilllegung der Schachtanlage
Asse II.
Bundesministerium der Verteidigung
Das Bundesministerium der Verteidigung plant keine strukturierte
Bürgerdialogreihe zu Einzelfragen der Verteidigungsforschung.
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie beabsichtigt nicht,
Bürgerdialoge durchzuführen, es werden die Bürger aber bei wichtigen Fragen der
Politikgestaltung mit einbezogen; zudem gibt es Informations- und
Beteiligungsplattformen für die Öffentlichkeit.
Beispielsweise wird die interessierte Öffentlichkeit regelmäßig über neue
Entwicklungen im Nationalen Weltraumprogramm und in der ESA informiert. Es
steht ein umfangreiches tagesaktuelles Onlineangebot zur Verfügung, nicht nur
über die klassische Homepage, sondern auch mit den Möglichkeiten des
„Web 2.0“ (wie Newsletter, Twitter, Facebook, RSS-Web-Feed). Gleichzeitig
bietet das Onlineangebot aber auch zahlreiche Möglichkeiten der aktiven
Beteiligung bzw. Kontaktaufnahme (wie Kontaktformulare und Blogs) von Seiten der
Bürgerinnen und Bürger.
Abgerundet wird das Dialogangebot durch seit langen Jahren durchgeführte
Schul- und Jugendprojekte (Schülerlabore von BAM und PTB, DLR-School
Labs).
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Ja, in Form des Einstiegs in soziale Medien.
Für folgende Bundesministerien wird Fehlanzeige gemeldet:
Bundesministerium der Justiz, Bundesministerium für Verkehr, Bau und
Stadtentwicklung.
54. Ist der Vorstoß der Bundesministerin Dr. Annette Schavan mit anderen
Bundesministerien abgestimmt worden, und falls nein, warum nicht?
Hierzu wird auf die Antwort zu Frage 1 verwiesen.
55. Welche Erfahrungen haben andere Ressorts hinsichtlich der Nutzung von
Bürgerbeteiligungsverfahren (bitte um Auflistung)?
Auswärtiges Amt
Das Auswärtige Amt hat in den Jahren 2008 und 2009 gemeinsam mit der
Europäischen Akademie Berlin unter dem Dach der „aktion europa“ Bürgerforen
zu den Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger an die Europapolitik
durchgeführt. Nach Zufallsprinzip eingeladene Bürgerinnen und Bürger konnten in neun
deutschen Städten an zwei Tagen Bürgererklärungen erarbeiten, die zum
Abschluss dem jeweiligen Europaabgeordneten übergeben wurden. Die
Erfahrungen waren gemischt. Dem durchaus positiven Mobilisierungseffekt der Teilneh-
Drucksache 17/5631 – 14 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodemerinnen und Teilnehmer standen auch kritische Stimmen hinsichtlich der
Umsetzung der unverbindlichen Bürgerklärungen in konkrete Politik gegenüber.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Parallel zu den Kongressen des Bundesministerium für Arbeit und Soziales am
23. Juni 2010 „Teilhabe braucht Visionen“ und am 4. November 2010 „Teilhabe
braucht Maßnahmen“ zur Erarbeitung des Nationalen Aktionsplans zur
Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention konnten sich Bürgerinnen und
Bürger über mehrere Wochen online über das Internetportal
www.einfach-
teilhaben.de beteiligen. Insgesamt haben über 260 Personen davon Gebrauch
gemacht.
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Der Bürgerdialog des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz im Rahmen des Prozesses zur Entwicklung einer Charta für
Landwirtschaft und Verbraucher erfährt hohe Aufmerksamkeit. Die Beteiligung
in den Startwochen war hoch. Die Beiträge der Bürgerinnen und Bürger werden
in die Diskussionen der Workshops miteinbezogen.
Im Rahmen der ersten Dialogveranstaltung „Verbraucher im Netz“ des
Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz am 11.
Januar 2011 hatten Interessierte die Möglichkeit, sich durch das Stellen von Fragen
im Vorfeld der Veranstaltung zu beteiligen. Die Fragen sind in der Diskussion
aufgenommen worden.
Bundesministerium der Finanzen
Das Bundesministerium der Finanzen nutzt das Instrument direkter
Bürgerbeteiligungsverfahren nicht.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Der DIALOG INTERNET sowie der Strukturierte Dialog haben in 2010 ihre
Arbeit erst aufgenommen, daher stehen noch keine Ergebnisse zur Verfügung.
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit hat
bereits einen Bürgerdialog zu umweltpolitischen Aspekten der nationalen
Nachhaltigkeitsstrategie (
www.mitreden- u.de) durchgeführt. Die Erfahrungen waren
positiv. An der Onlinephase des Dialogs, die vom 12. Februar bis 26. März 2010
stattfand, beteiligten sich 1 467 Bürgerinnen und Bürger. Es gab 1 022 Beiträge
und 4 456 Kommentare. Ergänzt wurde die Onlinephase durch drei
themenspezifische Fachworkshops im Sommer 2010.
Durch die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger in der Region Wolfenbüttel
an der Stilllegung der Schachtanlage Asse II konnte verloren gegangenes
Vertrauen zurückgewonnen werden. Bürgerproteste, die die Arbeiten zur
Stilllegung der Schachtanlage Asse II hätten verhindern können, wurden vermieden.
Bundesministerium der Verteidigung
Das Bundesministerium der Verteidigung hat keine Erfahrungen hinsichtlich
Bürgerbeteiligungsverfahren.
Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ)
Das BMZ hat keine Erfahrungen hinsichtlich Bürgerbeteiligungsverfahren.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 15 – Drucksache 17/5631Für folgende Bundesministerien wird Fehlbedarf gemeldet:
Bundesministerium für Gesundheit, Bundesministerium der Justiz,
Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Bundesministerium für
Wirtschaft und Technologie.
56. Wie fließen diese Erfahrungen der anderen Ressorts in die Nutzung der
Bürgerdialoge durch das BMBF ein?
Der Bürgerdialog Zukunftstechnologien verfolgt eine eigenständige
Konzeption, auf die sich die Erfahrungen anderer Ressorts nur sehr bedingt übertragen
lassen.
57. Ist geplant, das vom BMBF angekündigte Konzept für Bürgerdialoge auch
anderen Bundesministerien zur Nachahmung zu empfehlen, und falls nein,
warum nicht?
Die Auswertung des Bürgerdialogprozesses des Bundesministeriums für
Bildung und Forschung wird nach Bedarf allen Bundesministerien zur Verfügung
gestellt.
58. Soll das Verfahren der Bürgerdialoge wissenschaftlich evaluiert werden,
und wann soll ein erstes Ergebnis dieser Evaluation vorliegen, und falls
nein, warum sollen die Verfahren nicht evaluiert werden?
Der Bürgerdialog wird wissenschaftlich durch das ZIRN (Interdisziplinärer
Forschungsschwerpunkt Risiko und Nachhaltige Technikentwicklung, Universität
Stuttgart) evaluiert. Es handelt sich um eine prozessbegleitende Evaluation, die
in erster Linie der Prozessoptimierung dient. Erste Ergebnisse dieser Evaluation
sind nach Beendigung des ersten Bürgerdialogs im Dezember 2011/Januar 2012
zu erwarten. Diese Ergebnisse werden in die Ausgestaltung der nachfolgenden
Bürgerdialoge einfließen.
59. Sind Bürgerdialoge aus Sicht des BMBF auch für bereits gestartete
Großprojekte und/oder Forschungsvorhaben wie etwa für das
Fusionsforschungsprojekt ITER oder für das Thema Fusionsforschung allgemein
denkbar und wünschenswert, und falls nein, aus welchen Gründen nicht?
Grundsätzlich kommt auch das Thema Fusionsforschung als Gegenstand des
Bürgerdialogs in Betracht. Dies könnte bei Bedarf auf konkrete Vorhaben
bezogen und auch im regionalen Kontext betrachtet werden. In Bezug auf andere
Großforschungsvorhaben gibt es bereits erfolgreiche Beispiele örtlicher
Bürgerdialoge, wie z. B. an den Standorten der Forschungsreaktoren in Garching bei
München und in Berlin sowie am Standort der neuen europäischen
Röntgenlaseranlage XFEL bei DESY in Hamburg.
60. Warum plant das BMBF bisher keine Bürgerdialoge zu Fragen der
Bildungspolitik?
Nach der Ordnung des Grundgesetzes obliegt die Zuständigkeit für die
Bildungspolitik in weiten Teilen den Bundesländern.
Drucksache 17/5631 – 16 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode61. Hat das BMBF bereits bisher Projekte gefördert, die den Grundsätzen der
geplanten Bürgerdialoge ähneln?
Wenn ja (bitte auflisten), wie sind deren Ergebnisse in die
Forschungsförderung eingeflossen?
62. Hatte das durch das BMBF geförderte Projekt „Jugendforen Nanomedizin
– Chancen und Risiken, ethische und soziale Fragen der Nanomedizin aus
Sicht junger Erwachsener“ nach Ansicht der Bundesregierung das Format
eines geplanten Bürgerdialogs?
Wenn nein, warum nicht, und welche Konsequenzen hatten die Ergebnisse
der Jugendforen Nanomedizin für die Forschungsförderung des Bundes im
Bereich der Nanomedizin?
Die Fragen 61 und 62 werden gemeinsam beantwortet.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat bereits im Rahmen des
Projekts NanoCare (2006 bis 2009) Bürgerdialoge zur Nanotechnologie
durchgeführt:
• April 2008: Hamburg, Thema: „Sichere Herstellung von Nanomaterialien“
• September 2008: München, Thema: „Gesundheitliche Wirkungen von
Nanopartikeln“
• November 2008: Dresden, Thema: „Nanotechnologie sicher gemacht“.
Alle Vorträge zu diesen Veranstaltungen finden sich unter:
www.nanopartikel. info/
cms/Projekte/NanoCare/NanoCare-Dialogveranstaltungen.
Derzeit stehen bei den BMBF-Veranstaltungen „Nanotechnologie – Bürger
treffen Experten“ Experten aus Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft für den
direkten Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung, um über
neue Ergebnisse der Risikoforschung zu diskutieren.
Das Projekt „Nano-Jugend-Dialog“, in dessen Rahmen die angesprochenen
Jugendforen stattfanden, wurde 2007 bis 2008 über die Fördermaßnahme
„Diskursprojekte zu ethischen, rechtlichen und sozialen Fragen in der modernen Medizin
und Biotechnologie“ des BMBF-Förderschwerpunktes „Ethische, rechtliche und
soziale Aspekte der modernen Lebenswissenschaften“ gefördert. Die
förderpolitischen Zielsetzungen der Fördermaßnahme sahen eine Unterstützung des
öffentlichen Diskurses zu biowissenschaftlichen Fortschritten unter besonderer
Berücksichtigung junger Menschen vor. Des Weiteren wurden von
Zuwendungsempfängern „innovative Projektformen mit neuen methodischen Akzenten und
ggf. über den nationalen Rahmen hinausweisenden Elementen“ gefordert. Diese
Zielsetzungen wurden durch das Projekt erfüllt. Im Rahmen des Projektes wurde
2008 ein Jugendgutachten an den Ethikbeirat des Deutschen Bundestages
übergeben.
Die Ergebnisse sowie die Anregungen und Fragen der Bürgerinnen und Bürger
sind in die Diskussionen bzw. Expertenkreise des Bundesministeriums für
Bildung und Forschung eingeflossen.
63. Warum hält es die Bundesministerin Dr. Annette Schavan für erforderlich,
zusätzlich zu den in der Vergangenheit bereits durchgeführten
Bürgerkonferenzen, Jugendforen usw. nun auch noch Bürgerdialoge auf den Weg zu
bringen und eine eigene Internetplattform aufzubauen?
Siehe Antwort zu Frage 1.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 17 – Drucksache 17/5631Der Aufbau der Internetplattform ist zweckmäßig, um eine möglichst hohe
Beteiligung, insbesondere auch solcher Gruppen zu erreichen, die sich durch
Präsensformate wie z. B. Bürgerkonferenzen nur schwer erreichen lassen.
64. Sollen die Ergebnisse der Bürgerdialoge auch in die Arbeit der anderen
Ressorts einfließen, und wenn nein, warum nicht, und falls ja, wie wird
dies institutionell sichergestellt?
Die Verwendung der Ergebnisse der Bürgerdialoge bei der Arbeit der Ressorts
ist abhängig von den konkreten Ergebnissen und muss daher im Einzelfall
entschieden werden. Es wird zudem auf die Antworten zu den Fragen 56 und 57
verwiesen.
65. Wie verhält sich die zunehmende Nutzung von Bürgerdialogen durch das
BMBF zum grundlegenden Verständnis unserer parlamentarischen
Demokratie und der Rolle der Mitglieder des Deutschen Bundestages als
demokratisch gewählte Vertreter des Volkes?
Bürgerdialoge, wie sie das Bundesministerium für Bildung und Forschung nun
erstmals in größerem Umfang plant, sind ein Instrument der Partizipation und
der Politikberatung durch Bürgerinnen und Bürger. Sie können und sollen die
politische Entscheidung durch das Parlament nicht ersetzen.
66. Welche strukturellen Veränderungen sind in den Arbeitsabläufen des
BMBF geplant, um den „aufwändig eingeholten Rat der Bürger […]
glaubwürdig in den weiteren politischen Entscheidungsprozess zu
integrieren“ (Sarcinelli, Ulrich/König, Mathias/König, Wolfang (2008)
„Bürgerbeteiligung als Politikberatung“, in: Zeitschrift für Politikberatung,
Heft 3/4, S. 592)?
Diesem Anliegen wird insbesondere dadurch Rechnung getragen, dass die
Bürgerreports an die Bundesministerin für Bildung und Forschung (und
gegebenenfalls weitere Adressaten) übergeben und mit ihr diskutiert werden.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]