[Deutscher Bundestag Drucksache 17/12565
17. Wahlperiode 28. 02. 2013 Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Alexander Ulrich, Andrej Hunko,
Annette Groth, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE.
– Drucksache 17/12326 –
Anpassungsprogramme, Rezession und soziale Notlage in Griechenland
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Das Jahr 2013 ist das sechste Jahr in Folge, in dem die griechische
Volkswirtschaft schrumpft. Die Bundesregierung erwartet für den Zeitraum 2010 bis
2013 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von 22,2 Prozent.
Zusammengenommen mit der Schrumpfung aus den Jahren 2008 und 2009 ergibt das
einen Gesamtrückgang von ca. 25 Prozent. Dabei gehen die Bundesregierung
und die Europäische Kommission davon aus, dass es im Jahr 2014 wieder zu
Wachstum kommt. In den letzten Jahren wurden die Prognosen zur
wirtschaftlichen und fiskalischen Entwicklung Griechenlands jedoch häufig deutlich
nach unten korrigiert.
Eine Ursache für die tiefe Rezession sind die Kürzungsmaßnahmen, zu denen
sich Griechenland im Rahmen der Kreditprogramme verpflichtet hat. Die
Bundesregierung gibt in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Fraktion
DIE LINKE. (Bundestagsdrucksache 17/11996) an, dass der öffentliche und
private Konsum in Griechenland zuletzt um jährlich rund 7 Prozent
zurückgegangen ist, dass sich die Ausgaben für die Arbeitslosenunterstützung trotz
Kürzungen aufgrund der stark gestiegenen Arbeitslosigkeit von 2007 bis 2011
fast verdreifacht haben und dass das Steueraufkommen des griechischen
Staates im Jahr 2013 im Verhältnis zum Vorjahr um 3,5 Mrd. Euro zurückgeht.
Die tiefe Rezession verursacht einerseits eine deutliche Verschlechterung der
sozialen Lage. Laut Angaben der Bundesregierung ist die Armutsquote
zwischen 2009 und 2011 von rund 20 Prozent auf rund 30 Prozent angestiegen.
Andererseits verursacht die Rezession weiteren Druck auf die öffentlichen
Haushalte. Während die griechische Staatsschuldenquote im Jahr 2008 noch
112,9 Prozent betrug, ist sie bis zum Jahr 2011 auf 170,6 Prozent gestiegen.
Ein weiterer Anstieg auf rund 190 Prozent wird für das laufende Jahr erwartet.
1. a) Beziehen sich die Zahlen, die die Bundesregierung in ihrer Antwort auf
die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE. auf
Bundestagsdrucksache 17/11996 tabellarisch zu den (erwarteten) Steuereinnahmen
Griechenlands im Zeitraum 2010 bis 2016 anführt (Antwort zu Frage 4), Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen vom 26. Februar 2013
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 17/12565 – 2 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodelediglich auf Steuern, die auf Staatsebene erzielt werden, oder sind auch
lokale Steuern mit einberechnet?
Falls Ersteres zutrifft, wie lauten die Zahlen für denselben Zeitraum,
wenn alle von griechischen Gebietskörperschaften erzielten
Steuereinnahmen einbezogen werden?
Bei den in der Antwort der Bundesregierung vom 27. Dezember 2012
übermittelten Angaben zu den erwarteten griechischen Steuereinnahmen handelt es
sich um Daten für den Gesamtstaat. Auf lokaler Ebene erzielte
Steuereinnahmen sind darin einbezogen.
b) Wie lauten die Zahlen für denselben Zeitraum jeweils für direkte und
indirekte Steuern?
Die Höhe der erwarteten direkten und indirekten Steuereinnahmen des
griechischen Staatshaushaltes bis 2016 sind der nachstehenden Tabelle zu entnehmen:
Quelle: Wirtschaftliches Anpassungsprogramm – Überprüfungsbericht vom Dezember 2012.
c) Wie lauten die Zahlen für denselben Zeitraum im Einzelnen für die
Mehrwertsteuer, vermögensbezogene Steuern und Einkommensteuern?
Die gewünschten Daten sind der nachstehenden Tabelle zu entnehmen:
Quelle: Daten 2010 und 2011: IWF 4. Überprüfung vom Juli 2011; Daten ab 2012: IWF 1. und 2.
Überprüfung vom Januar 2013.
2. Wie hoch liegen im Zeitraum 2010 bis 2016 nach Kenntnis der
Bundesregierung die realisierten bzw. erwarteten Einsparungen bei der
Arbeitslosenunterstützung in Griechenland, die durch die Anpassungsmaßnahmen
erreicht werden?
In der Antwort der Bundesregierung vom 27. Dezember 2012
(Bundestagsdrucksache 17/11996) zu Frage 5 werden Daten zur Einkommensunterstützung
von Arbeitslosen in Griechenland bis zum Jahr 2012 genannt. Entsprechende,
über diesen Zeitraum hinausgehende Daten liegen der Bundesregierung nicht
vor.
3. Wie schätzt die Bundesregierung die Möglichkeiten ein, effektive
Maßnahmen einzuleiten, mit denen die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit von
mehr als 55 Prozent in Griechenland verringert werden kann, angesichts
dessen, dass die Aufwendungen für aktive arbeitsmarktpolitische
Maßnahin Mrd. Euro 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016
Indirekte Steuern 27,3 26,6 25,1 24,0 23,9 24,4 26,0
Direkte Steuern 17,5 18,0 19,7 17,3 18,1 18,4 19,0
in Mrd. Euro 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016
Mehrwertsteuer 17,4 17,5 15,1 14,0 13,8 14,1 14,9
vermögensbezogene
Steuern 0,5 0,7 2,8 3,2 2,9 2,9 2,9
Einkommensteuer 14,3 14,0 13,0 11,7 11,9 12,3 13,3
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 3 – Drucksache 17/12565men je arbeitsloser Person laut Jahreswachstumsbericht der Europäischen
Kommission rückläufig sind?
Die Aussage im Jahreswachstumsbericht zur Rückläufigkeit aktiver
arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen je arbeitslose Person bezieht sich auf den
Zeitraum 2007 bis 2010 und auf die Gesamtheit der Europäischen Mitgliedstaaten.
Nach Angaben der Europäischen Statistikbehörde Eurostat sind die
Aufwendungen für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen in Griechenland im Zeitraum
2005 bis 2009 angestiegen, bis 2010 erfolgte ein leichter Rückgang. Aktuelle
Daten liegen nicht vor.
Aufwendungen für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen in Griechenland im
Zeitraum 2005 bis 2010:
Quelle: Eurostat.
Die im Anpassungsprogramm für Griechenland vorgesehenen Änderungen der
Arbeitsmarktpolitik sollen auch die Berufsaussichten für junge Menschen und
geringer qualifizierte Arbeitskräfte verbessern. Die griechische Regierung
unternimmt weitreichende Anstrengungen, um die wirtschaftliche Situation des
Landes zu verbessern. Der Erfolg dieser Maßnahmen ist eine wichtige
Voraussetzung, um die Jugendarbeitslosigkeit nachhaltig zu senken. Aktive
arbeitsmarktpolitische Maßnahmen unterstützen diesen Prozess und leisten einen
Beitrag, um junge Menschen trotz der schwierigen Arbeitsmarktlage im
Arbeitsmarkt zu halten. Dieser Ansatz ist im Entwurf der Europäischen
Kommission für eine Empfehlung des Rates zur Einführung einer Jugendgarantie
dargelegt (Einzelheiten hierzu Antwort zu Frage 4).
4. Wie könnte nach Ansicht der Bundesregierung die Durchführung der
sogenannten Jugendgarantie, die von der Europäischen Kommission im
Dezember 2012 vorgeschlagen wurde, in Griechenland finanziert werden?
a) Hat die Bundesregierung Kenntnis von der zu erwartenden Höhe der
zur Umsetzung der Jugendgarantie in Griechenland erforderlichen
Mittel?
b) Mit welchen konkreten Maßnahmen und welchem voraussichtlichen
Finanzbedarf soll die Umsetzung der Jugendgarantie in Griechenland
durch europäische Finanzierungsinstrumente, wie den Kohäsionsfonds,
gefördert werden, auf die die Bundesregierung in ihrer Antwort auf
die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE. (Bundestagsdrucksache
17/11996) sehr allgemein verweist?
Hat die Bundesregierung Kenntnis über den Stand der Umsetzung
durch die griechische Regierung?
Die Fragen 4a und 4b werden zusammenfassend wie folgt beantwortet.
Zur Umsetzung der Jugendgarantie können die Mitgliedstaaten Mittel aus den
europäischen Strukturfonds einsetzen. Die Europäische Kommission hat am
5. Dezember 2012 mitgeteilt, dass Griechenland insgesamt 786 Mio. Euro aus
Mitteln des Europäischen Sozialfonds für Maßnahmen einsetzt, die die
Schaffung von Arbeitsplätzen, den Erwerb von Qualifikationen und Arbeitserfahrung
sowie die Selbständigkeit fördern und den Zugang zu Beschäftigung
unterstützen. Die Europäische Kommission weist jedoch darauf hin, dass diese Mittel
nicht ausschließlich zur Förderung der Jugendbeschäftigung eingesetzt werden.
Weitergehende Informationen zur Reprogrammierung von Mitteln aus den
in Mio. Euro 2005 2006 2007 2008 2009 2010
Transfers an
Einzelpersonen
855,88 921,76 906,70 1 227,30 1 955,26 1 953,33
Drucksache 17/12565 – 4 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeEuropäischen Sozialfonds zur Förderung der Jugendbeschäftigung lagen der
Kommission zum damaligen Zeitpunkt nicht vor. Der Bundesregierung sind
keine weitergehenden Informationen bekannt.
Die Höhe der zur Umsetzung einer Jugendgarantie in Griechenland
erforderlichen Mittel kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht beziffert werden, da die Höhe
der erforderlichen Mittel von der konkreten Umsetzung des Ansatzes der
Jugendgarantie in Griechenland und der weiteren Entwicklung der Arbeitslosigkeit
abhängt.
Da bei der Jugendgarantie die Vermittlung in reguläre Arbeit und Ausbildung
im Vordergrund steht, hängen die Kosten für ihre Umsetzung auch davon ab,
wie zügig strukturelle Reformen greifen und die Beschäftigung wächst.
Für Mitgliedstaaten, die sich einerseits im Prozess tiefgreifender
Haushaltskonsolidierung befinden und andererseits eine hohe Jugendarbeitslosigkeit
aufweisen, wird der Rat voraussichtlich eine graduelle Implementierung des Ansatzes
der Jugendgarantie als Möglichkeit vorsehen.
Eine Bekräftigung der Notwendigkeit besonderer Anstrengungen im Kampf
gegen die Jugendarbeitslosigkeit ist der im Rahmen der Einigung über den
zukünftigen Mittelfristigen Finanzrahmen (MFR) erfolgte Beschluss des
Europäischen Rates vom 7./8. Februar 2013. Danach sind für den Zeitraum 2014
bis 2020 speziell zur Förderung der Jugendbeschäftigung, insbesondere zur
Umsetzung der Jugendgarantie für Mitgliedstaaten mit einer
Jugendarbeitslosigkeit von über 25 Prozent insgesamt 6 Mrd. Euro vorzusehen (3 Mrd. Euro
aus dem Europäischer Sozialfonds [ESF] für die förderfähigen Regionen der
NUTS*-2-Ebene; 3 Mrd. Euro aus einer eigenständigen Haushaltslinie
„Jugendbeschäftigung“ in Teilrubrik 1b. Hierfür erhält Griechenland aus dem
zukünftigen MFR ca. 159 Mio. Euro (Betrag in Preisen 2011).
Da eine Zustimmung des Europäischen Parlaments zum beschlossenen MFR
derzeit noch aussteht, handelt es sich hier um Mittel unter Vorbehalt. Welche
konkreten Maßnahmen die griechische Regierung bezogen auf die Umsetzung
der Beschäftigungsinitiative für Jugendliche geplant hat, ist der
Bundesregierung derzeit nicht bekannt.
5. Wie hat sich der Anteil der atypischen Beschäftigungsverhältnisse
(Teilzeitbeschäftigungen, geringfügige Beschäftigungen, befristete
Beschäftigungen, Zeitarbeitsverhältnisse) der jungen Menschen bis 25 Jahre seit
2010 in Griechenland entwickelt?
Die von Eurostat zur Verfügung gestellten Quartalsdaten zeigen, dass der
Anteil von Teilzeitbeschäftigungen an der gesamten Beschäftigung in
Griechenland seit 2010 deutlichen Schwankungen unterliegt, tendenziell scheint sich
eine Zunahme dieser Beschäftigungsverhältnisse abzuzeichnen. Der Anteil der
Arbeitnehmer mit befristeten Arbeitsverträgen ist in dem Zeitraum seit Anfang
2010 deutlich zurückgegangen. Die Eurostat Arbeitskräfteerhebung enthält
keine Daten zu geringfügiger Beschäftigung und Zeitarbeitsverhältnissen.
* NUTS: Nomenclature des unités territoriales statistiques: Systematik der Gebietseinheiten für die Statistik.
Teilzeitbeschäftigung und befristete Beschäftigung, Altersklasse: 15 bis 24 Jahre:
Teilzeitbeschäftigung als Prozentsatz
der gesamten Beschäftigung
Arbeitnehmer mit befristetem Arbeitsvertrag in
Prozent der Gesamtzahl der Arbeitnehmer
2010Q1 16,0 29,0
2010Q2 15,4 30,3
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 5 – Drucksache 17/12565Quelle: Eurostat Erhebung über Arbeitskräfte.
6. Welche Rolle spielte beim unerwartet schlechten Ergebnis der
Privatisierungsmaßnahmen in Griechenland nach Einschätzung der
Bundesregierung der Druck auf die Preise, der dadurch entsteht, dass potenzielle
Investoren wissen, dass Griechenland verkaufen muss?
Privatisierungen erfolgen in Griechenland durch den im August 2011
eingerichteten Privatisierungsfonds (HRADF). Nach Feststellungen der
Europäischen Kommission in ihrem Überprüfungsbericht vom Dezember 2012 sind zu
einem großen Teil die politischen Unsicherheiten zwischen April und Juni 2012
im Kontext der beiden Parlamentswahlen zusammen mit einem sich
verschlechternden makroökonomischem Umfeld Ursachen dafür, dass Investoren
vom Erwerb griechischer Vermögenswerte abgeschreckt wurden. Dies führte
über die Sommermonate 2012 zu insgesamt ungünstigen Marktbedingungen.
Von verbesserten Rahmenbedingungen ist ein spürbar gesteigertes
Privatisierungsaufkommen zu erwarten.
7. a) Welche Auswirkungen hätte nach Einschätzung der Bundesregierung
eine Einschränkung des Kapitalverkehrs, der den Abzug aus
Griechenland minimiert hätte, in den letzten Jahren auf die Entwicklung der
griechischen Volkswirtschaft gehabt vor dem Hintergrund, dass die
Bundesregierung in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE
LINKE. auf Bundestagsdrucksache 17/11996 anhand einer Grafik
deutlich gemacht hat, dass die Einlagen privater Unternehmen und
Haushalte bei griechischen Banken von Anfang 2010 bis Mitte 2012 um ca.
ein Drittel zurückgegangen sind und auf die Kapitalverkehrsfreiheit
(Antwort zu Frage 11) verwiesen hat?
b) Wie beurteilt die Bundesregierung die Erfahrungen mit zeitweiligen
Kapitalverkehrskontrollen in Island, die nach der Finanzkrise eingeführt
und vom Internationalen Währungsfonds (IWF) als wesentliches
Instrument zur Krisenbewältigung eingeschätzt wurden (vgl. Press Release
No. 09/375, 28. Oktober 2009)?
c) Unter welchen künftigen Umständen wäre nach Auffassung der
Bundesregierung eine vorübergehende Einschränkung und Kontrolle des
Kapitalverkehrs angemessen?
d) Welche Initiativen ergreift die Bundesregierung, um die Möglichkeit
einer vorübergehenden Ausnahme vom Verbot von Kapitalverkehrskon-
2010Q3 16,2 31,5
2010Q4 17,3 31,1
2011Q1 18,5 30,4
2011Q2 17,5 29,9
2011Q3 16,2 30,8
2011Q4 18,5 29,0
2012Q1 18,0 25,1
2012Q2 18,6 26,3
2012Q3 19,1 25,5
Teilzeitbeschäftigung und befristete Beschäftigung, Altersklasse: 15 bis 24 Jahre:
Teilzeitbeschäftigung als Prozentsatz
der gesamten Beschäftigung
Arbeitnehmer mit befristetem Arbeitsvertrag in
Prozent der Gesamtzahl der Arbeitnehmer
Drucksache 17/12565 – 6 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodetrollen in die EU-Verträge einzuführen (falls sie keine Initiativen
ergreift, bitte begründen, warum nicht)?
Die Fragen 7a, 7b, 7c und 7d werden zusammenfassend wie folgt beantwortet.
Wie sich Griechenland unter Einsatz von Kapitalverkehrskontrollen entwickelt
hätte, lässt sich nicht belastbar darstellen. An Spekulationen über hypothetische
Wirkungen nicht ergriffener Maßnahmen beteiligt sich die Bundesregierung
nicht. Die bereits im September und Oktober 2012 wieder sichtbare Tendenz
eines Anstiegs der Einlagen privater Unternehmen und Haushalte bei
griechischen Banken hat sich in den beiden Folgemonaten verstärkt und deutet auf
eine Stabilisierung hin.
Entwicklung der Einlagen privater Unternehmen und Haushalte bei
griechischen Banken in Mio. Euro:
Quelle: Bank of Greece
Die Bundesregierung steht Kapitalverkehrskontrollen grundsätzlich kritisch
gegenüber.
In der Europäischen Union (EU) gelten hier ohnehin sehr enge rechtliche
Grenzen. Kapitalverkehrskontrollen innerhalb der EU sowie im Verhältnis zu
Drittstaaten sind nach den europäischen Verträgen im Interesse des Gemeinsamen
Binnenmarktes grundsätzlich verboten. Innerhalb der EU sind Ausnahmen
hiervon, d. h. Beschränkungen der Kapitalverkehrsfreiheit, nur bei einer
Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung denkbar. An dieses
Erfordernis sind zu Recht sehr hohe Anforderungen zu stellen. Die Bundesregierung
plant keine Initiativen, dies zu ändern.
Auch im Verhältnis zu Drittstaaten können unionsrechtlich nur unter
außergewöhnlichen Umständen, bei einer drohenden schwerwiegenden Störung des
Funktionierens der Wirtschafts- und Währungsunion, Maßnahmen eingeführt
werden, die Kapitalbewegungen beschränken. In einem solchen Fall ist
vorgesehen, dass die Kontrollen für maximal sechs Monate eingeführt werden
können. Zudem sollten die Maßnahmen im Einklang mit den G20 „Coherent
Conclusions on Capital Flow Management“ und dem jüngst verabschiedeten
„Liberalisation and Management of Capital Flows – An Institutional View“ des
Internationalen Währungsfonds (IWF) erfolgen. Darin wird gefordert, dass
Kapitalverkehrsbeschränkungen transparent, zielgerichtet, zeitlich befristet und
soweit wie möglich nichtdiskriminierend ausgestaltet sein müssen. Sie sollten
zudem erst dann zum Einsatz kommen, wenn die Situation nicht mit Hilfe
geeigneter geld- und fiskalpolitischer Maßnahmen oder mit länderspezifischen
Strukturreformen unter Kontrolle gebracht werden kann.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 7 – Drucksache 17/12565Island ist kein Mitglied der Europäischen Union. Die Einführung von
Kapitalverkehrskontrollen in Island stellte eine vorübergehende Notmaßnahme dar, um
eine schlagartige Kapitalflucht zu verhindern.
8. Wie viel Prozent der durch die bisher beschlossenen
Anpassungsprogramme angestrebten fiskalischen Anpassung des griechischen Haushalts
ergeben sich durch zusätzliche Einnahmen, und wie viel durch
Ausgabenkürzungen?
Welcher Anteil an der gesamten Anpassung wird nach Erwartung der
Bundesregierung auf die Steuerreform zurückgehen, auf die sie in ihrer
Antwort auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE.
(Bundestagsdrucksache 17/11996, Antwort zu Frage 4) verweist?
Um die korrigierten mittelfristigen Haushaltsziele erreichen zu können, sieht
die mittelfristige Fiskalstrategie 2013 bis 2016 eine sehr umfangreiche,
überwiegend ausgabenbasierte und auf die Anfangsphase konzentrierte
Konsolidierung vor. Wie dem unten dargestellten Ablaufprofil zu entnehmen ist, besteht
der Großteil der Korrekturen (knapp 84 Prozent) aus Maßnahmen auf der
Ausgabenseite, die zu Beginn des von der mittelfristigen Fiskalstrategie
abgedeckten Vierjahreszeitraums erfolgen werden. Die Maßnahmen auf der
Einnahmenseite betreffen rund 16 Prozent der Anpassungen. Diese greifen vor allen
Dingen im Zusammenhang mit dem Steuerreformpaket, das im Januar 2013
verabschiedet wurde und im Mai 2013 durch weitere Reformen im
Steuerbereich ergänzt werden soll. Die Steuerreform soll innerhalb von zwei Jahren
Nettoeinnahmen in Höhe von nahezu 1 Mrd. Euro einbringen.
Anpassungsmaßnahmen im Rahmen der mittelfristigen Haushaltsplanung
(MTFS) und ihre Zusammensetzung:
Quelle: Wirtschaftliches Anpassungsprogramm – Überprüfungsbericht vom Dezember 2012.
9. Wie wurde die Besteuerung von Motor- und Heizöl in Griechenland durch
die Anpassungsprogramme verändert, bzw. welche Veränderungen sind
vorgesehen?
Welche Auswirkungen haben die steuerrechtlichen Veränderungen
bezüglich des Heizöls nach Kenntnis der Bundesregierung auf die
wärmetechnische Versorgung der Bevölkerung, insbesondere im Norden
Griechenlands?
Gemäß den von der Europäischen Kommission halbjährlich nach den Angaben
der Mitgliedstaaten veröffentlichten Steuersätzen haben sich die
entsprechenden Energiesteuersätze in Griechenland wie in der Anlage dargestellt
entwickelt:
in Mio. Euro 2013 2014 2013 bis 2014
Neue MTFS 2013 bis 2014
(November 2012)
9 356 4 041 13 397
Ausgaben 8 899 2 349 11 248
Einnahmen 457 1 693 2 149
Steuersatz in Griechenland in Euro/1 000 Liter
Energieerzeugnis 1. 1. 2010 1. 7. 2010 1. 1. 2011 1. 7. 2011 1. 1. 2012 1. 7. 2012 1. 1. 2013
Benzin <=96,5oct 670,00 670,00 670,00 670,00 670,00 670,00 670,00
Benzin >96,5oct. 670,00 670,00 670,00 670,00 670,00 670,00 670,00
Drucksache 17/12565 – 8 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode10. Welche Steuersätze sind im neuen Steuersystem für Selbständige in
Griechenland vorgesehen?
Wie verändert sich die Steuerlast dadurch für
a) Selbständige, deren Einkommen knapp über der
Armutsgefährdungsgrenze liegt und
b) Selbständige mit einem jährlichen Einkommen von über 100 000 Euro?
Wie werden Eingangs- und Spitzensteuersatz für Selbständige verändert?
Nach der am 11. Januar 2013 im griechischen Parlament gebilligten
Steuerreform wurde ab dem Veranlagungszeitraum 2013 ein Zweistufentarif für
Selbstständige eingeführt (Eingangs und Spitzensteuersatz). Der Steuersatz für
Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit bis 50 000 Euro wurde auf 26
Prozent, für Einkommen ab 50 000 Euro auf 33 Prozent festgesetzt.
11. Wie hat sich der private und öffentliche Konsum in Griechenland in den
Jahren 2010 und 2011 entwickelt?
Der Konjunkturrückgang in beiden Jahren spiegelt sich auch in einem
ausgeprägten Rückgang der privaten und staatlichen Konsumausgaben wider. Der
private Konsum sank vor allem durch das verringerte verfügbare Einkommen
infolge steigender Arbeitslosigkeit, eines Rückgangs der Löhne und Abbaus
von Sozialleistungen. Einen nicht unerheblichen Einfluss dürfte das gesunkene
Vertrauen in die griechischen Institutionen und in die griechische Wirtschaft
gespielt haben. Auch der griechische Staat kam nicht umhin, seine
Konsumausgaben stark zurückführen.
Quelle: Wirtschaftliches Anpassungsprogramm – Überprüfungsbericht vom Dezember 2012.
12. Wie hat sich seit 2010 das Durchschnittseinkommen der griechischen
Bevölkerung entwickelt?
Wie hat sich im selben Zeitraum das Preisniveau entwickelt?
Dem Überprüfungsbericht der Europäischen Kommission vom Dezember 2012
sind die folgenden Daten zur Einkommensentwicklung und Veränderung der
Diesel 412,00 412,00 412,00 412,00 412,00 412,00 330,00
Heizöl 412,00 412,00 412,00 412,00 412,00 412,00 330,00
Heizöl
gewerblich
412,00 412,00 412,00 412,00 412,00 412,00 330,00
Heizöl
Wintersatz
(15.10. – 30.04.)
21,00 21,00 21,00
21,00*
60,00*
60,00 60,00 –
* Beide Sätze sind in den Veröffentlichungen der Europäischen Kommission ohne weitere Erklärung angegeben.
Veränderung p. a. in Prozent 2010 2011
Private Konsumausgaben –6,2 –7,7
Staatliche Konsumausgaben –8,7 –5,2
Steuersatz in Griechenland in Euro/1 000 Liter
Energieerzeugnis 1. 1. 2010 1. 7. 2010 1. 1. 2011 1. 7. 2011 1. 1. 2012 1. 7. 2012 1. 1. 2013
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 9 – Drucksache 17/12565Inflationsrate (harmonisierter Verbraucherpreisindex) zu entnehmen. Bei den
Daten ab 2012 handelt es sich um Prognosedaten:
Quellen: Daten 2010: Wirtschaftliches Anpassungsprogramm – Überprüfungsbericht vom März 2012;
Daten ab 2011: Wirtschaftliches Anpassungsprogramm – Überprüfungsbericht vom Dezember 2012.
* Pro-Kopf-Einkommen aus unselbständiger Arbeit Privatsektor.
13. Wie haben sich absolute und relative Armut in Griechenland im Jahr
2012 entwickelt?
Welche Entwicklungen erwartet die Bundesregierung für die Jahre 2013
und 2014?
Die Bundesregierung hat in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage am
27. Dezember 2012 (Bundestagsdrucksache 17/11996) zu Frage 8 die
Entwicklung der relativen und absoluten Armutsquote in Griechenland für die Jahre bis
2011 dargestellt. Für den nun erfragten Zeitraum liegen der Bundesregierung
keine Daten vor.
14. Wie hoch war der Anteil der öffentlichen Ausgaben für den
Gesundheitssektor in Relation zur Wirtschaftsleistung in Griechenland, bzw. wie hoch
wird er bei vollständiger Umsetzung der Ausgabendeckelung jährlich im
Zeitraum 2010 bis 2016 sein?
a) Wie lauten die entsprechenden Vergleichsdaten für Deutschland, die
Eurozone und die EU?
Die öffentlichen Gesundheitsausgaben in Griechenland in Relation zum
Bruttoinlandsprodukt (BIP) beliefen sich nach neuesten Berechnungen der OECD im
Jahr 2010 auf 6,1 Prozent (Quelle: OECD Health Data). In Deutschland belief
sich der entsprechende Wert auf 8,9 Prozent, in der Eurozone auf 6,9 Prozent
und in der Europäischen Union (EU-27) auf 6,5 Prozent. Projektionen der
OECD zur künftigen Entwicklung der öffentlichen Gesundheitsausgaben in den
Mitgliedstaaten der Eurozone oder der Europäischen Union liegen der
Bundesregierung nicht vor.
Vergleichende Projektionen der Gesundheitsausgaben werden jedoch im
kürzlich veröffentlichten Ageing Report 2012 der Europäischen Kommission
durchgeführt (vgl.
http://ec.europa.eu/economy_finance/publications/european_
economy/2012/2012-ageing-report_en.htm); berichtet werden dort
Projektionswerte im Fünfjahresabstand bis zum Jahr 2060 in unterschiedlichen
Entwicklungsszenarien. Aufgrund unterschiedlicher Definitionen weichen die im
Ageing Report 2012 für das Basisjahr 2010 veröffentlichten Daten von den oben
genannten, in der Regel zu internationalen Vergleichen herangezogenen Werten
der OECD, ab.
Im Ageing Report 2012 der Europäischen Kommission wird im so genannten
Basisszenario der Anteil der öffentlichen Gesundheitsausgaben am BIP für die
Jahre 2010, 2015 und 2020 für Griechenland, Deutschland, die Eurozone und
die EU- 27 wie folgt projiziert:
2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016
Einkommen pro Kopf * –0,3 0,4 –4,0 –9,7 –10,6 1,9 2,2
HVPI Inflation 4,7 3,1 1,1 –0,8 –0,4 0,6 1,1
Drucksache 17/12565 – 10 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeDie Vergleichbarkeit dieser Angaben ist aufgrund von unterschiedlichen
demographischen Entwicklungen nicht gegeben.
b) Welche Auswirkungen der Ausgabendeckelung sind nach Kenntnis
der Bundesregierung, für Qualität und Leistungsumfang der
öffentlichen Gesundheitsversorgung für die griechische Bevölkerung zu
erwarten?
Um konkrete Aussagen zu den Auswirkungen der Ausgabendeckelung treffen
zu können, bedarf es zuverlässiger, verwertbarer und eindeutiger
Auswertungen basierend auf empirischen Untersuchungen seitens der griechischen
Regierung. Diese liegen der Bundesregierung nicht vor. Eine mögliche
Effizienzsteigerung kann bei sinkenden Gesamtkosten einem Rückgang der Qualität der
Gesundheitsversorgung entgegenwirken.
c) Wie positioniert sich die Bundesregierung gegenüber den
wiederholten Medienberichten, die im Gegensatz zur Troika das griechische
Gesundheitssystem infolge der Kürzungsprogramme „nahe dem
Kollaps“ (u. a. ARD-Mittagsmagazin vom 1. Februar 2013) sehen?
Die Bundesregierung ist der Auffassung, dass weitere Anstrengungen
erforderlich sind, um die in Griechenland erkennbaren Initiativen moderner,
effizienzorientierter Maßnahmen fortzuführen. Die problematische finanzielle Situation
ist der Bundesregierung bekannt. Daher konzentriert sie sich darauf, im
Rahmen der Task Force technische Hilfe (TFGR) und Vorschläge für die
Entwicklung und Einführung effizienter und transparenter Strukturen in besonders
betroffenen Bereichen des griechischen Gesundheitswesens gemeinsam mit
Griechenland und anderen EU-Mitgliedstaaten auszuarbeiten.
15. Wie hat sich das durchschnittliche Einkommensniveau für Ärztinnen und
Ärzte in Griechenland seit 2010 verändert (bitte nach ambulantem und
stationärem Sektor aufgliedern)?
Der Bundesregierung liegen hierzu keine Daten vor.
a) Wie hat sich das Einkommensniveau für Krankenpflegekräfte in
Griechenland seit 2010 verändert?
Der Bundesregierung liegen hierzu keine Daten vor.
b) Wie hoch sind die Verbindlichkeiten der staatlichen
Krankenversicherung EOPYY gegenüber Ärzten, Kliniken, Apotheken und
Versicherten, die gegenüber den Leistungserbringern in Vorleistung getreten
sind?
Wie hoch waren demgegenüber die jährlichen Einnahmen in den
Jahren 2010, 2011 und 2012?
Öffentliche Gesundheitsausgaben
in Prozent des BIP
2010 2015 2020
Griechenland 6,5 6,2 6,4
Deutschland 8,0 8,4 8,6
Eurozone 7,3 7,4 7,6
EU-27 7,1 7,3 7,4
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 11 – Drucksache 17/12565Da EOPYY erst seit Januar 2012 operativ tätig ist, liegen nur Daten aus dem
Jahr 2012 vor:
Quelle: Griechisches Ministerium für Gesundheit und Solidarität.
Die Einnahmen von EOPYY werden für das Jahr 2012 auf 6 723 307 700 Euro
geschätzt.
16. In welchem Umfang hat der griechische Schuldenschnitt zu
Abschreibungen im zyprischen Finanzsektor geführt?
Welche zyprischen Institute waren davon wie umfassend betroffen?
Nach Angaben der zyprischen Zentralbank beliefen sich die Verluste zyprischer
Banken aufgrund von Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen auf
ungefähr 4,5 Mrd. Euro.
Abschreibungen der drei größten zyprischen Privatbanken auf griechische
Staatsanleihen:
Quelle: Jeweils Annual Report 2011 sowie Bericht über die ersten drei Quartale 2012 der drei Banken.
Verbindlichkeiten EOPYY gegenüber
Leistungserbringer in EURO
2012
Ärzte 570 918 027
Kliniken 1 793 910 410
Apotheken 26 771 339
Versicherte 42 918 093
Abschreibung 2011
in Mio. Euro
Abschreibung 2012
(Q1 bis Q3)
in Mio. Euro
Gesamt
in Mio. Euro
Bank 1 2 331 85 2 416
Bank 2 1 729 144 1 872
Bank 3 77 7 84
Summe 4 137 236 4 373
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ISSN 0722-8333]